Zahnen

[502] Zahnen, 1) (Dentitio, gr. Odontiasis, Odontophyia), Zähne bekommen, s.u. Zähne I. D), bes. krankhaftes Z. (Dentitio difficilis) die Unregelmäßigkeiten, welche im Durchbrechen der Zähne beobachtet werden u. die krankhaften Zufälle, welche während des Z-s u. durch dasselbe bedingt entstehen können. Der Zahndurchbruch kann theils übereilt, vorschnell, zu rasch aufeinander, theils verspätet erfolgen, indem Kinder geboren werden, welche bereits Zähne, u. zwar die meisten mittleren unteren Schneidezähne haben; wogegen es bei anderen ein u. mehre Jahre währt, bevor die ersten Zähne durchbrechen. Namentlich veranlaßt der letztere Fall manche Krankheitserscheinungen. Der Zahnausbruch erfolgt unregelmäßig, wenn die mittleren oberen Schneidezähne früher als die unteren, die Seitenschneidezähne früher als die mittleren, od. gar die erst en Backzähne früher als die Schneidezähne ausbrechen. Meist ist zugleich der Zahnausbruch verspätet. Bei solchem ordnungslosen Zahnausbruch beobachtet man oft größere Beschwerden, als bei dem regelmäßig geordneten. Obgleich das Z. ein physiologischer Vorgang ist, so brechen doch selten die Zähne ohne alle Beschwerde aus, wenn gleich früher eine Menge krankhafter Erschwerungen dem Z. zugeschrieben wurden, welche eigentlich das Z. nur zufällig complicirten. Beim Z. schwillt das Zahnfleisch an, wird roth, warm u. juckt (s. Zähne I. D). Diese Röthe, Anschwellung u. Schmerzhaftigkeit verbreitet sich zuweilen auch auf die Lippen, die Zunge u. den Hals, u. es wird gewöhnlich wegen der jetzt beginnenden stärkeren Functionirung der Speicheldrüsen eine größere Menge von Speichel u. Mundschleim abgesondert, welcher aus dem Munde fließt; manchmal werden die Speichel- u. Halsdrüsen empfindlich u. vergrößert, u. im Gesicht erscheinen oft Schälknötchen (Zahnfriesel). Der Kopf, bes. die Stirn, wird heiß, die Wangen roth, brennend, die Kinder schlafen unruhig, fahren im Schlafe oft auf[502] u. sind im Wachen eigensinnig u. grämlich. Es entsteht mehr od. weniger lebhaftes Fieber (Zahnfieber). Bisweilen wird die Schleimhaut der Respirationsorgane vom Katarrh ergriffen u. es tritt krampfartiger Husten ein. Viel häufiger wird die Schleimhaut des Darmkanales von entzündlichem Zustande befallen, u. es entsteht Diarrhöe, wodurch wässerige, grüne, scharfe, zähe, leimartige od. weißgraue, bisweilen blutig-schleimige Massen entleert werden. Manchmal ist aber auch der Stuhl verstopft, bisweilen entstehen Erbrechen u. Kolikschmerzen. Der Blutandrang nach dem Kopfe kann in Gehirnentzündung u. Gehirnwassersucht übergehen, außerdem aber auch durch den unmittelbaren Einfluß auf die Nerventhätigkeit werden die Convulsionen, epileptische Zufälle bedingt, welche während des Z-s so häufig vorkommen u. nicht selten tödtlich verlaufen. Dauern die genannten Beschwerden, bes. die der Verdauung, eine Zeit lang hindurch an, so leidet die Ernährung, es entsteht Abmagerung, nicht selten Atrophie mit u. ohne Drüsenleiden im Unterleibe. Am häufigsten u. stärksten beobachtet man diese Zufälle beim Ausbruch der Milchzähne, bei weitem seltener u. in geringerem Grade erscheinen sie während des Zahnwechsels. Bisweilen werden örtliche Beschwerden erzeugt, wie meistentheils bei dem Ausbruch des Weisheitszahnes, so wie bisweilen auch Nervenschmerzen, Kinnbackenkrampf, Ohrenschmerzen vorkommen. Endlich werden bisweilen im höheren Greisenalter, namentlich in den siebenziger Jahren u. später, verlorene Zähne erzeugt, dies ereignet sich bisweilen sehr rasch hintereinander mit mehren, u. die örtlichen Beschwerden treten alsdann gewöhnlich am Zahnfleisch ziemlich heftig auf. Gleichzeitig hat man die grauen Haare wieder schwarz werden, die Weitsichtigkeit u. Schwerhörigkeit verschwinden sehen. Das Dasein der bei Kindern genannten Zufälle ist meist sehr leicht zu erkennen, schwierig u. ungewiß ist aber oft die Entscheidung, ob sie vom Z. od. von anderen Ursachen abhängen. Die Zufälle im Munde sind gefahrlos, ebenso eine mäßige Diarrhöe. Als schlimmere Zufälle aber hat man heftiges Fieber, Entzündung edler Theile, bes. des Gehirnes, nervöse Erscheinungen anzusehen. Elende, scrophulöse, rhachitische pflegen mehr zu leiden. In Hinsicht auf das Z. selbst ist nichts zu thun, denn es kann dasselbe weder befördert noch zurückgehalten werden, doch muß man das Kind während dieser Periode vor anderen Krankheitsursachen zu schützen suchen, weshalb man die Einimpfung der Kuhpocken zu dieser Zeit vermeidet. 2) Durch die Glieder zahnen, s.u. Englische Krankheit; 3) etwas mit Zähnen versehen; 4) (Hüttenw), das Krauseisen verfertigen; 5) s.u. Zahneisen.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 19. Altenburg 1865, S. 502-503.
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