Mahlerey

Mahlerey. (Redende Künste; Musik)

Man kann nicht nur für das Aug allein, sondern auch blos für die Einbildungskraft und sogar für [738] das Ohr mahlen. Jenes thun die Dichter; dieses die Tonsezer. Der Dichter kann sichtbare Gegenstände so schildern, daß wir sie, wie ein Gemählde vor uns zu haben glauben. Aber von dieser Mahlerey ist bereits anderswo besonders gesprochen worden.1 Die Mahlereyen der Musik, in welche sich einige Tonsezer sehr unzeitig verliebt zu haben scheinen, fodern hier noch ein paar Anmerkungen, ob wir gleich die Sache auch schon in einem besondern Artikel berührt haben.2 Der eigentlich für die Musik dienliche Stoff ist leidenschaftliche Empfindung.3 Doch geht es auch wol an, daß sie bloße Charakter schildert, in so fern diese sich in Ton und Bewegung zeigen, daher viele Tanzmelodien im Grunde nichts anders, als solche Schilderungen der Charaktere enthalten. Ganz einzele Charaktere von besondern Menschen haben einige französische Tonsezer, besonders Couperin, geschildert, und nach ihm hat Hr. C. P. E. Bach kleine Clavierstüke herausgegeben, durch die er verschiedene Charaktere seiner Freunde und Bekannten ziemlich glüklich ausgedrukt hat. Es geht auch an Mahlereyen aus der leblosen Natur in Musik zu bringen: nicht nur solche die in der Natur selbst sich dem Gehör einprägen, wie der Donner oder der Sturm, sondern auch die, welche das Gemüthe durch bestimmte Empfindungen rühren, wie die Lieblichkeit einer stillen ländlichen Scene, wenn nur die Musik die Poesie zur Begleiterin hat, die uns das Gemähld, dessen Würkung wir durch das Gehör empfinden, zugleich der Einbildungskraft vorstellt.

Aber Mahlereyen, die der Dichter beyläufig nicht um Empfindung zu erregen, sondern als Vergleichungen, um den Gedanken mehr Licht zu geben, angebracht hat, wie gar ofte in den sogenannten Arien geschieht, auch durch Musik auszudruken; selbst da, wo der Eindruk derselben, dem wahren, durch das ganze Stük herrschenden Ausdruk schadet, ist eine Sache, die sich kein verständiger Tonsezer sollte einfallen lassen. Der Dichter erinnert sich ofte in der angenehmesten Gemüthslage eines Sturms, der ihn ehedem beunruhiget hat, und thut seiner Erwähnung: aber unsinnig ist es, wenn der Tonsezer bey dieser Erwähnung mit seinen Tönen stürmet.

Eben so unbesonnen ist es, wenn auch bey andern Gelegenheiten der Tonsezer uns körperliche Gegenstände mahlt, die mit den Empfindungen gar keine Gemeinschaft haben; so wie man bisweilen sieht, daß mitten in einem empfindungsvollen Stük, blos um die Kunst und des Sängers Fertigkeit zu zeigen, das Gurgeln der Nachtigall, oder das Geheul einer Nachteule geschildert, und dadurch die Empfindung völlig zernichtet wird.

Der Tonsezer muß sich schlechterdings dergleichen Kindereyen enthalten, es sey denn, da wo er wirklich poßirlich seyn muß; er muß bedenken, daß die Musik weder für den Verstand, noch für die Einbildungskraft, sondern blos für das Herz arbeitet.

1S. Gemähld. S. 452.
2S. Gemähld. S. 455.
3S. Musik. Gesang
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 2. Leipzig 1774, S. 738-739.
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