Steindruck

[284] Steindruck (der) oder die Lithographie besteht in der Kunst, Zeichnungen dadurch zu vervielfältigen, daß man dieselben auf mannichfach verschiedene Arten auf Steinplatten bringt und von diesen auf Papier abdruckt. Man bedient sich dabei namentlich aus Kalk-, Thon- und Kieselerde bestehender Steinplatten, welche man im Pappenheimischen und Eichstädtischen in Baiern, am besten aber daselbst beim Dorfe Solnhausen findet. Die besten zeichnen sich durch perlgraue, ganz gleichmäßige Farbe aus, während die geringern Sorten ein gelbliches Ansehen haben. Dieser Stein hat einen tafelförmigen Bruch und um ihn zum Gebrauch vorzubereiten, wird er an der Oberfläche ganz glatt geschliffen. Zu diesem Ende legt man zwei Platten übereinander, nachdem man eine dünne Loge ganz seinen Sandes zwischen sie gebracht hat, und reibt die obere auf der untern. Die Politur wird hernach mit einem Stück weichen Bimssteins und Wasser vollendet. Man unterscheidet nun in Bezug auf die Austragung der Zeichnung besonders zwei Manieren: die erhabene und die vertiefte. Bei der erhabenen Manier wird die Zeichnung mit einer Tusche, welche fette und alkalische Bestandtheile hat, auf den Stein gebracht, sodann wird der Stein mit einer verdünnten Säure und mit in Wasser aufgelöstem arabischen Gummi behandelt und angefeuchtet. Hierdurch erlangt er die Eigenschaft, daß die feuchten Stellen die Druckerschwärze nicht annehmen, während dieselbe auf den vorher mit fetter Tinte überzogenen Stellen hängen bleibt. Druckt man daher die mit seiner Druckerschwärze überzogene Platte auf Papier ab, so geht auf dieses die Zeichnung über. Verschieden von dem eben angegebenen Verfahren, aber auch zur erhabenen Manier gehörig, ist die Hochdrucklithographie oder Typolithographie. Bei dieser wird wie gewöhnlich mit der chemischen Tusche auf den Stein gezeichnet, dann aber wie beim Radiren Scheidewasser etwa 1/2 Zoll hoch auf den Stein gegossen, dessen Ablaufen durch einen Rand von Klebwachs verhindert wird. Das Scheidewasser nimmt mit Ausnahme der bezeichneten Stellen eine 1/101/5 Linie dicke Lage von dem Stein weg. Wenn man das Scheidewasser abgießt, so ist die Zeichnung erhaben und man kann nun durch Stereotypiren einen Abklatsch in Schriftmetall nehmen, mit welchem man wie mit einem Buchdruckerstocke druckt. – Bei der vertieften Manier wird die Zeichnung ganz auf dieselbe Weise in den Stein gebracht, wie bei der Kupferstechkunst (s.d.). Bei dem Drucke wird dann die ganze Platte mit seiner Buchdruckerschwärze überzogen, welche, nachdem die Platte sorgfältig abgewischt worden, in den vertieften Linien und Punkten zurückbleibt und Abdrücke gibt. Ein Vorzug des Steindrucks ist der, daß jeder Stein nach dem Gebrauch immer aufs Neue wieder abgeschliffen und zu neuen Zeichnungen benutzt werden kann.

Die chemische Tinte oder Tusche, deren sich die Steinzeichner bedienen, wird aus zwei Theilen weißen Wachses, zwei Theilen Schellack, einem Theil Seife, einem halben Theil Unschlitt und einem Theil Lampenruß bereitet. Mit Ausnahme des Rußes läßt man diese Substanzen in einem eisernen Kessel schmelzen und vermehrt die Hitze so lange, bis sie sich von selbst entzünden. Unter beständigem Umrühren läßt man die Masse etwa fünf Minuten lang brennen, dann legt man auf den Kessel einen gut schließenden Deckel, löscht dadurch die Flamme und mengt darauf den Ruß darunter, wobei fleißig umgerührt wird. Die erkaltete Masse wird auf eine eingefettete Marmorplatte gegossen und auf dieser vor dem völligen Erstarren in kleinere Stücke geschnitten. Will man nun diese Tusche gebrauchen, so reibt man sie in Regenwasser oder destillirtem Wasser ein. Statt der Tusche bedient man sich auch einer chemischen Kreide, welche aus drei Theilen weißen Wachses, einem Theil Schellack, zwei Theilen Seife, einem halben Theil Mastix, einem Theil Unschlitt und anderthalb Theilen Lampenruß besteht. Die Bereitungsart ist im Ganzen ebenso wie die der Tusche. Man formirt aus der Masse Stifte, mit denen man auf den Stein zeichnet. Der Stein muß aber hierzu noch einmal vor dem Gebrauch mit höchst seinem Sande abgerieben werden. Wenn man mit der Feder zeichnen will, so bedient man sich der Stahlfedern, welche aus Uhrfedern gemacht sind, die eine Minute lang in Scheidewasser gelegen haben. Die verdünnte Säure, welche man nach dem Zeichnen auf den Stein bringt, wird am besten aus zwei Pf. destillirtem Brunnenwasser, einem halben Pf. bestem arabischen Gummi und zwei Lth. reinem Scheidewasser von 36° zusammengesetzt. Diese Säure wird mit einem Pinsel auf die Zeichnung gestrichen. Hat man sich der chem. Tusche bedient, so nimmt man ungefähr das Doppelte des Scheidewassers in die Mischung. Nach 24 Stunden nimmt man die eingetrocknete Mischung mit Wasser wieder herunter und beginnt den Druck. Mit einer ähnlichen Walze, wie sich derselben die Buchdrucker bedienen, bringt man die Schwärze auf die Zeichnung, aber diese muß nach jedem Abdruck mit einem feuchten Schwamme überfahren werden, damit nicht der Stein durch die Schwärze beschmuzt, sondern diese stets nur von der Zeichnung angenommen werde. Das Papier, welches die Zeichnung aufnehmen soll, ist schwach befeuchtet und nachdem es auf den Stein gelegt, wird es mit einem in einen Rahmen gespannten Leder bedeckt und darauf durch die Presse gezogen. Nach jedem Abzug wiederholt sich die eben angegebene Operation. Man kann 2–3000 gute Abzüge machen. Will man den Stein bei Seite legen, um ihn nach Jahren vielleicht wieder zu Abzügen zu benutzen, so kann man die Zeichnung dadurch conserviren, daß man sie mit einer fetten Farbe schwärzt, welche aus zwei Theilen Druckfarbe, zwei Theilen Wachs, einem Theil Seife und einem Theil Unschlitt zusammengeschmolzen ist, und sie mit im Wasser aufgelöstem arabischen [284] Gummi überzieht. Noch viel haltbarer sind die gravirten Platten, welche 20–30,000 Abdrücke geben. Hier wird die Farbe mit einem Leinwandballen aufgetragen und dann die Platte mit einer Walze gereinigt.

Erfinder des Steindrucks war Aloys Sennefelder, welcher, der Sohn eines Schauspielers, 1771 zu Prag geboren wurde, anfangs die Rechtswissenschaften studirte, dann aber einen Versuch als Schauspieler machte. Nachdem derselbe misglückt, sann er auf ein Mittel, durch welches auf eine billigere Art als bei der gewöhnlichen Buchdruckerei Schriftwerke vervielfacht werden könnten. So wurde er allmälig auf Erfindung des Steindrucks geleitet. Er hielt sich während dieser ganzen Zeit in München auf. Nach und nach kam er auf die verschiedenen Arten des Steindrucks; da er jedoch stets mit Geldmangel zu kämpfen hatte und noch lange es nicht dahin brachte, um Diejenigen, welche ihm im Vertrauen auf seine Entdeckungen Geldvorschüsse machten, einen pecuniairen Gewinn aus seinen Arbeiten sehen zu lassen, so war er mehrmals nahe daran, seine ganze bisherige Thätigkeit aufzugeben. Neigung, Zufall und neue Gönner führten ihn jedoch immer wieder auf sein weit aussehendes Unternehmen zurück. Endlich konnte er in Gemeinschaft mit dem Hofmusicus Gleißner seinem Geschäft eine größere Ausdehnung geben und zugleich zog er seine Brüder Theobald und Georgin dasselbe, auch erhielt er 1799 ein Privilegium auf 15 Jahre. Nachher trat Sennefelder mit dem Musikalienhändler André in Offenbach, und als er sich mit diesem veruneinigt, mit dem Hofagenten von Hartl in Wien in Verbindung. Doch auch aus der letztern Verbindung trat er wieder aus, um mit den Brüdern Faber, welche eine Kattundruckerei in St.-Pölten besaßen, einen Vertrag einzugehen. Unterdeß hatten sich seine Brüder in München als Steindrucker etablirt und befanden sich wohl dabei, und so gab Sennefelder dem wohlwollenden Wunsche des Freiherrn von Aretin nach, begab sich auch nach München und machte hier, unterstützt von dem Freiherrn, bedeutende Fortschritte. Er erhielt 1809 die Aufsicht über die für Landkarten bei der königl. Commission des Steuercatasters eingerichtete Steindruckerei, den Titel eines königl. Inspectors der Lithographie und einen Jahrgehalt auf Lebenszeit. Daneben setzte er noch seine eigne Druckerei in Verbindung mit dem Freiherrn von Aretin fort. Er war bis an seinen 1834 erfolgten Tod eifrig für Vervollkommnung seiner Erfindung bemüht, machte noch 1826 die Erfindung, farbige Blätter zu drucken (in sogenanntem Mosaikdruck), die den Ölgemälden gleichen, und 1833 die Erfindung, derartige auf Stein aufgetragene Ölgemälde auf Leinwand zu bringen. Ausgezeichnet ist sein »Lehrbuch der Lithographie« (Münch. 1819).

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 284-285.
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