Stroh

[452] Stroh. Jener scharfsichtige, Alles ausbeutende, industrielle Geist, welcher die verächtlichsten Thierdärme umwandelte in Saiten, die uns ein neues Reich der Harmonie erschlossen, der den ekelerregenden Unschlitt zum Träger jener Flamme zu erheben wußte, die der friedliche Begleiter unserer Nächte ist, dieser schöpferische Geist der Betriebsamkeit konnte auch die ausgedroschenen Halme der[452] Feldfrüchte, das S. bekanntlich, nicht zurückweisen, ohne ihnen den Stempel seiner Kunst und gestaltenden Würde aufgedrückt zu haben. So ist denn jetzt auch in mehreren europäischen Ländern, besonders in Italien, Frankreich, England, Deutschland und der Schweiz, die Strohflechterei ein sehr bedeutender und einträglicher Industriezweig geworden. Die feinsten Stroharbeiten und Strohhüte werden in Italien, namentlich in der westlichen Gegend von Florenz, im Arnothal und in Siena aus den Halmen einer eigenen Getreideart verfertigt, die nicht um der Körner, sondern um des S's Willen gebaut wird. Dieses S., welches man zu den Hüten nur vom obern Knoten bis zur Aehre benutzt, wird abgesondert, auf kleine Bündel gebunden und in einer großen, hölzernen, luftdicht verschlossenen Kiste, an der kein metallener Nagel sein darf und in deren Mitte man eine Pfanne mit glühenden Kohlen setzt, 3–4 Tage lang gebleicht. Die feinern Sorten des also gebleichten S's heißen Schaum, die gröbern Rohr. Sind die Hüte geflochten, so werden sie etwas angefeuchtet und 1–3 Tage in einer Kiste dem Schwefeldampfe ausgesetzt, sodann mit einem Stücke Holz von Buchsbaum geglättet und mit einem schweren, heißen Bügeleisen gebügelt. Das Flechten wird meist von Mädchen betrieben, die diese Arbeit selbst im Gehen verrichten können. Die geringeren Sorten der Hüte färbt man oft schwarz; und die, welche weiß bleiben sollen, werden noch einmal geschwefelt. – Der Canton Freiburg liefert die feinern, der Canton Aarau die gröbern Sorter der sehr beliebten und durch ihre Wohlfeilheit ausgezeichneten, Schweizer Strohgeflechte und Strohhüte. In Glarus und Genf verfertigt man auch viel Glanzstrohgeflechte aus breiten, gespaltenen und flach übereinander liegenden Halmen in verschiedenen Mustern, sowie auch Strohschnüre, cordonnés, fälschlich Erbsenstroh genannt. Frankreich, namentlich die Stadt Alençon, steht jetzt auf dem Punkte, Italien zu überflügeln; ausgezeichnet sind besonders die französ. Strohbänder und die kleinern, mit buntem Glanzstroh[453] überzogenen Galanteriearbeiten, als Toilettenkästchen, Etuis, Nadelbüchsen, Fächer, Thonbüchsen, Körbchen, Vasen, Decken, Teller etc. Englands Strohflechtereien, die vorzüglich schön auf Livorneser Art in Herfordshire und Bedfordshire gefertigt werden, sind zu theuer, um viel ausgeführt werden zu können. Auch die deutsche Strohfabrikation hat eine bedeutende Höhe erreicht, und die sächsischen Fabriken wetteifern mit den italienischen an Eleganz. Man flicht hier Hüte von Reisstroh (skar) und Strohgaze, einer Art Gaze mit Streifen von eingewebtem, seinem S; aus dem Espartegras die eleganten Sparteriehüte, und auch in Verfertigung der Strohblumen steht die deutsche Kunst keiner fremden nach. Zur Ersetzung der theueren Strohhüte macht man auch Papier -oder Pappenhüte aus feinem, sehr starkem, gefärbtem Papiere, welchen durch Muster das Ansehen geflochtenen Strohes gegeben wird. – Die Strohstühle, deren Sitz aus einem Rahmen und darüber geflochtenem S. besteht, sind neuerdings durch die Rohrstühle verdrängt worden.

4.

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 9. [o.O.] 1837, S. 452-454.
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