Beharrung

[134] Beharrung ist das Bleiben in der Zeit, im Raume, im Wirken, die Permanenz (Constanz) einer Substanz (s. d.), Activität, eines Geschehens, einer Beziehung, eines Gesetzes. Das Beharrende im Raume ist die Materie (s. d.) und Energie (s. d.), das Beharrende im Geistigen ist die Ichheit (s. d.), das Subject, das Einheit setzende Princip im Lebewesen. Absolute Permanenz kommt keinem Einzelding, nur dem All als Einheit aller Seinsbeziehungen zu. Ein »Beharrungsvermögen« (»vis inertiae«) wird den Körpern zugeschrieben.

Nach HERAKLIT beharrt nur das Werden (s. d.). Nach den Eleaten das Sein (s. d.). Nach DEMOKRIT nur die Atome (s. d.). Nach PLATO nur die Ideen (s. d.), nach ARISTOTELES die »Formen« (s. d.). Nach anderen beharrt nur die Substanz, oder beharren die Substanzen schlechthin. Nach den Relativisten (s. d.) beharrt nur der Wechsel, das Gesetz im Wechsel; so spricht SIMMEL vom »absoluten Bewegungscharakter« der Welt, in der nur die Gesetze als solche beharren (Phil. d. Geld. S. 552). Nach NIETZSCHE gibt es nur scheinbar Beharrung (WW. XV, 280, VIII, 2, 5).

Das Beharrungsvermögen der Körper leitet DESCARTES metaphysisch aus der Unveränderlichkeit Gottes ab. »Ex hac eadem immutabilitate Dei regulae quaedam sive leges naturae cognosci possunt, quae sunt causae secundariae ac[134] particulares diversorum motuum, quos in singulis corporibus advertimus. Harum prima est, unamquamque rem, quatenus est simplex et indivisa, manere quantum in se est in eodem semper statu, nec unquam mutari nisi a causis externis« (Princ. phil. II, 37). Auch SPINOZA begründet das Beharren der Dinge aus der Natur der göttlichen Substanz. »Unaquaeque res, quantum in se est, in suo esse perseverare conatur.« »Res enim singulares modi sunt, quibus Dei attributa certo et determinato modo exprimuntur, hoc est res, quae Dei potentiam, qua Deus est et agit, certo et determinato modo exprimunt. Neque ulla res aliquid in se habet, a quo possit destrui, sive quod eius existentiam tollat« (Eth. III, prop. VI). Alle Dinge haben ein Streben (conatus), in ihrem Sein zu verharren (l.c. prop. VII, IX). NEWTON lehrt: »Jeder Körper beharrt in seinem Zustande der Ruhe oder der gleichförmigen Bewegung in gerader Richtung, außer sofern er von eingedrückten Kräften gezwungen wird, jenen Zustand zu verändern« (Princ. math. p. 12; vgl. SPINOZA: »Corpus, quod semel movetur, semper moveri pergit, nisi a causis externis retardetur« Ren. Cart. II, prop. XIV, Corol.). Nach KANT ist beharrlich, »was eine Zeit hindurch existiert, d. i. dauert« (Met. Anf. d. Naturw. WW. IV, 374). Der »Grundsatz der Beharrlichkeit« ist: »Alle Erscheinungen enthalten das Beharrliche (Substanz) als den Gegenstand selbst und das Wandelbare, als dessen bloße Bestimmung, d.h. eine Art, wie der Gegenstand existiert« (Kr. d. r. Vern. S. 174). Dieses Princip ist ein Gesetz für alle Erfahrung, die dadurch erst ermöglicht wird. »Wir können nur in dem, was beharrt, das Wechseln bemerken...« Die Beharrlichkeit »drückt überhaupt die Zeit, als das beständige Correlatum alles Daseins der Erscheinungen, alles Wechsels und aller Begleitung aus. Denn der Wechsel trifft die Zeit selbst nicht« (l.c. S. 176). DÜHRING spricht von »beharrlichen Elementen«, »ruhenden Allgemeinheiten« des Seins (Cur(s. d.) Phil. S. 24). LIPPS bemerkt: »Indem wir unsere Beharrlichkeit oder Denkconsequenz anthropomorphisierend in die Inhalte der Wahrnehmung verlegen, schreiben wir diesen Beharrungsvermögen zu« (Gr. d. Seel. S. 434). Nach HERBART beharrt jede Vorstellung (s. d.) nach ihrem Verschwinden unbewußt in der Seele weiter. So auch nach STEINTHAL (Einl. in d. Psych. S. 114). REHMKE formuliert das »Gesetz der Beharrung« so: »Im Gegebenen überhaupt verschwindet nichts, es sei denn ein anderes mit, welches verschwinden soll, zugleich, aber selber in einer anderen concreten Einheit gegeben als die notwendige Bedingung« (Allg. Psychol. S. 107). Die englischen Psychologen verstehen unter geistigem Beharrungsvermögen (»retentiveness«) die Eigenschaft des »primären« Gedächtnisses; es beruht auf der Erzeugung functioneller Dispositionen (SULLY, Handb. d. Psychol. S. 157 f.). Vgl. Erhaltung, Dauer, Sein, Substanz.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. Berlin 1904, S. 134-135.
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