Allgemeine Beziehungen. Der Heilige Krieg. Ägypten

[618] Die Beschaffenheit unseres Materials hat uns gezwungen, die Entwicklung der einzelnen griechischen Gemeinwesen isoliert zu betrachten, so wenig es auch zweifelhaft sein kann, daß eine fortwährende Wechselwirkung zwischen der inneren und äußeren Politik stattgefunden und jede Umwälzung in einem Staat auf die Nachbarn zurückgewirkt hat. Charakteristisch dafür sind die vielfachen Versuche, Streitigkeiten durch ein Schiedsgericht zu entscheiden (o. S. 433,2. 596. 616)886. Von größeren Unternehmungen, [618] welche mehrere Staaten umfassen, kennen wir aus dieser Zeit nur eine einzige; es ist sehr bezeichnend, daß sie das delphische Orakel betrifft und den Charakter eines Religionskriegs trägt. Die Orakelstätte Pytho gehörte zum Gebiet der Phokerstadt Krisa (o. S. 387), die, etwa eine Stunde vom Meer entfernt auf einer Anhöhe am Fuß des steil abfallenden Gebirges gelegen, den Aufstieg zum Orakel beherrschte887. Aus dem Zuströmen der Pilger zog sie reichen Gewinn; für ihre Bedeutung legt der Umstand Zeugnis ab, daß der ganze korinthische Golf in der älteren Literatur immer als Meerbusen von Krisa bezeichnet wird (z.B. hymn. Apoll. 431). Im 7. Jahrhundert wird Krisa die leitende Stellung im phokischen Stammverbande (o. S. 301) eingenommen haben. Aber wie das Ansehen und der Reichtum des Orakels wuchs und hier in der Bergschlucht um das Heiligtum ein größeres Gemeinwesen entstand, suchten seine Bewohner, die sich Delpher nannten (vielleicht nach dem Kult des Apollon Delphinios, hymn. Apoll. 495), geführt von der Priesterschaft, sich von Krisa und dem phokischen Bund loszureißen. Um die Unabhängigkeit zu gewinnen, traten sie in Verbindung mit der pyläischen Amphiktionie (o. S. 327), welche alle Völkerschaften Nord- und Mittelgriechenlands umfaßte. Hier dominierte der Einfluß der Thessaler, von denen die Hälfte der[619] stimmberechtigten kleineren Stämme abhängig war; die Thessaler strebten seit langem, ihre Macht nach Süden zu erweitern, und waren mit den Phokern gründlich verfeindet (o. S. 266). So wurde Delphi dem Schutz der Amphiktionie unterstellt und den Krisäern der Krieg erklärt. In unserer Überlieferung werden sie beschuldigt, von den Pilgern Zölle erhoben oder sich an den Tempelschätzen vergriffen zu haben. Die Führung übernahmen die Thessaler unter Eurylochos, außerdem leisteten die Athener (o. S. 615) und wohl auch weitere Staaten Zuzug. Von der anderen Seite griff Kleisthenes von Sikyon energisch ein; seine Stellung hob sich mächtig, wenn er vor ganz Griechenland als der Schirmer des delphischen Heiligtums auftrat – um so mehr, wenn, wie es scheint, die Rivalen in Korinth sich zurückhielten. Krisa wurde eingeschlossen und lange belagert; Kallisthenes hat auch hier einen zehnjährigen Krieg erfunden. Endlich, wahrscheinlich im J. 586, fiel die Stadt. Sie wurde zerstört, ihre Bewohner als Frevler am Heiligen vernichtet, ihr Gebiet dem delphischen Gott geschenkt, seine Bebauung für ewige Zeiten durch die schwersten Flüche untersagt888. Damit war Delphis Unabhängigkeit erstritten, seine Stellung als religiöser Mittelpunkt der ganzen griechischen Nation anerkannt. Die Oberaufsicht über das Heiligtum wurde den Amphiktionen übertragen; an die halbjährigen Versammlungen ihrer Abgesandten bei den Thermopylen schloß sich fortan ein [620] Zug nach Delphi. Doch haben die Phoker den Anspruch, daß Delphi ein Glied ihres Stammbundes sei und politisch zu ihm gehöre, niemals aufgegeben und noch mehrfach zu verwirklichen gesucht. Zur Erinnerung an den »Heiligen Krieg« wurden die pythischen Festspiele begründet, die wie die olympischen alle vier Jahre gefeiert wurden. Ihre feste Organisation erhielten sie im J. 582, vier Jahre nach der Siegesfeier; damals wurde statt der Gewinne aus der Beute ein Kranz als Siegeszeichen eingesetzt889. Bei dieser Feier hat Kleisthenes im Wagenrennen den Sieg gewonnen890. Auch in Sikyon verherrlichte er seine Erfolge durch Begründung pythischer Spiele und Erbauung einer Säulenhalle891, zu der die Beute die Mittel beschaffte.

Im Gegensatz zu diesen innergriechischen Bewegungen erstreckt auch die allgemeine Politik ihre Einflüsse auf Griechenland. Seit die Assyrermacht vernichtet war – der Fall von Ninive 612 v. Chr. zittert auch in der griechischen Welt nach; »besser eine kleine Stadt auf einem Fels in geordneten Verhältnissen als Ninos, wenn es die Besinnung verloren hat«, sagt Phokylides von Milet –, hatte sich in Vorderasien ein Staatensystem gebildet, in dem das Gleichgewicht der Kräfte einen längeren Friedensstand ermöglichte. Als der Mederkönig Kyaxares die Lyder angriff, vermittelten Nebukadnezar von Babylon und Syennesis von Kilikien im J. 585 einen Frieden, der durch Ehebündnisse bekräftigt wurde (o. S. 166); für alle diese Staaten war es von vitaler Bedeutung, daß der erobernde medische Staat zurückgehalten wurde. Wie vielfach die Griechen durch diese Vorgänge berührt wurden, zeigt deutlicher noch als Antimenidas' babylonische[621] Kriegsdienste (o. S. 588) die Tatsache, daß der Medername ihnen für das innerasiatische Reich immer geläufig blieb, auch als Kyros die Meder längst durch die Perser ersetzt hatte. Gewiß haben die Lyder schon damals mit den mächtigsten Griechenstaaten Verbindungen angeknüpft, um an ihnen gegen Medien einen Rückhalt zu haben. Noch mehr war Ägypten auf die Fremden angewiesen. Daß die eigene Kraft des Landes nicht mehr ausreichte, seine Unabhängigkeit zu wahren, hatten die Kämpfe der Äthiopen- und Assyrerzeit erwiesen. Auch jetzt scheiterte jeder Versuch, die syrischen Landschaften zu gewinnen, auf die man doch aus materiellen wie aus politischen Gründen nicht verzichten konnte; sowohl die Angriffe Nechos (604) wie die des Apries (587) wurden von Nebukadnezar zurückgeschlagen, Jerusalem zerstört, Tyros bezwungen und damit die letzten syrischen Kleinstaaten vernichtet, die den Ägyptern eine Stütze bieten konnten. Um so mehr mußten die Pharaonen von Sais darauf bedacht sein, den Handel und die Beziehungen mit den Seestaaten zu pflegen, durch eine geschickte Finanzpolitik sich die Mittel für ein starkes Söldnerheer zu schaffen (vgl. o. S. 147. 428). Necho II. (609-595) begann den Bau eines Kanals vom Nil zum Roten Meer und entsandte phönikische Schiffe zur Umsegelung Afrikas892. Mit dem lydischen Reich und mit Periander von Korinth (o. S. 577) bestand Freundschaft und Bündnis, Necho weihte den Panzer, den er im syrischen Kriege getragen hatte, dem Apollo von Branchidä, bei seinem Sohne Psammetich II. (594-589) finden wir eine Gesandtschaft aus Elis. Immer zahlreicher werden die griechischen, karischen, libyschen und phönikischen Söldnerkorps; außerdem baut Necho eine starke Kriegsflotte auf dem Mittel ländischen und dem Arabischen Meer (Herod. II 159), mit der Apries die Tyrier geschlagen hat.

Nachdem Nebukadnezar seine Herrschaft in Syrien wiederhergestellt hatte, unternahm er 568 einen erfolgreichen Feldzug gegen Ägypten. Hier hatte sich indessen, vielleicht im Zusammenhang [622] mit dem babylonischen Angriff, eine Revolution vollzogen. Eine Expedition, die Apries gegen Kyrene entsandt hatte, war geschlagen worden (u. S. 625); an der Spitze der ägyptischen Truppen, die seit langem auf die fremden Söldner eifersüchtig waren, hatte sich Amasis gegen den Pharao erhoben, seine griechischen Truppen bei Momemphis geschlagen, ihn gefangen und nach kurzem Zögern umgebracht (569 v. Chr.). Der neue König verdankte seine Erhebung dem Haß der ägyptischen Kriegerkaste gegen die Fremden, und es war natürlich, daß diese den Rückschlag empfanden. Aber Amasis war durchaus nicht geneigt, sich dem starren Zwang des Ägyptertums zu fügen, und überdies ein viel zu guter Politiker, als daß er geglaubt hätte, jene entbehren zu können. Sie sollten der Krone gefügig gemacht werden; doch was er ihnen mit der einen Hand nahm, gab er ihnen doppelt mit der anderen. Die »Lager« bei Bubastis wurden eingezogen, aber die Ionier und Karer nach Memphis verlegt, um die Hauptstadt im Zaum zu halten. Die freie Bewegung der fremden Kaufleute wurde beschränkt, ihre Faktoreien aufgehoben; dafür überwies er den Griechen am westlichsten (kanobischen) Nilarm, wenige Meilen von der Residenz Sais entfernt, ein Gebiet, wo sie Grundbesitz erwerben und eine Stadt nach griechischer Art gründen konnten. So entstand Naukratis »die Schiffsmächtige«893. Die Stadt erwuchs rasch zu einem großen Handelszentrum mit üppigem Leben; nirgends gab es so viele Genüsse und so berühmte Hetären [623] wie hier. Nur hier durften die Kauffahrer von jetzt an ihre Waren ausschiffen. »Wenn aber jemand an einer der anderen Mündungen des Nils ankam, mußte er schwören, daß er nicht freiwillig komme, und mit seinem Schiff nach der kanonischen Mündung fahren; war das wegen widriger Winde unmöglich, so mußten die Waren in Nilkähnen um das Delta herumgeschafft werden, bis sie nach Naukratis kamen.« Amasis hat die direkte Berührung zwischen Ägyptern und Griechen möglichst beschränkt, dafür aber diesen in ihrem Kreise eine um so selbständigere Existenz gestattet. Naukratis hat ein durchaus griechisches Ansehen, die Verfassung war nach ionischem Muster geordnet; ägyptische Objekte, ja selbst ägyptischer Einfluß sind unter den Fundgegenständen kaum vorhanden. Um so stärker mischten sich hier die griechischen Stämme. Wie auf dem Markt die Waren, so sind in den Funden Sprache, Schrift und Kunst der gesamten griechischen Handelswelt vertreten. Die führende Stellung nahmen die Milesier ein, die schon seit Psammetich I. in Ägypten festen Fuß gefaßt hatten (o. S. 430); den Spätern gilt daher Naukratis meist als milesische Gründung. Den Mittelpunkt ihrer Niederlassung bildete der heilige Bezirk des Apollo. Ebenso hatten die Ägineten und Samier ihre eigenen Faktoreien und Heiligtümer; die übrigen Griechen dagegen, die Ionier von Chios, Teos, Phokäa und Klazomenä, die Dorier von Rhodos, Knidos, Halikarnaß, Phaselis, die Mytilenäer von Lesbos gründeten gemeinsam einen großen »hellenischen« Bezirk, der von starken Backsteinmauern umschlossen war und die Tempel, ein großes Magazin und einen Marktplatz enthielt. – Nach außen hat Amasis die Politik seiner Vorgänger fortgesetzt; seinen Weihgeschenken begegnen wir in Kyrene, Samos, Lindos, Sparta. Über Cypern hat er die Herrschaft gewonnen, mit Kyrene freundliche Beziehungen angeknüpft. Je bedenklicher durch die Begründung der Persermacht die Lage Ägyptens wurde, um so mehr mußte es streben, wenigstens bei den Griechen eine feste Stütze zu gewinnen894.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 618-625.
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