Abfall Ägyptens. Kyros' Erhebung und Untergang

[171] Zu Anfang des J. 404 ging die Regierung Darius' II. zu Ende. Sie ist so tatenarm und inhaltsleer verlaufen wie die seines Vaters; daß er zu Ende seiner Regierung eine ausschlaggebende Stellung in der griechischen Welt und einen großen Teil der Küstenstädte Kleinasiens zurückgewann, ist nicht sein Verdienst, sondern das Ergebnis der veränderten Weltlage. Um dieselbe Zeit erlitt das Reich einen weit empfindlicheren Verlust durch den erneuten Abfall Ägyptens. Die Erhebung ging aus von Amyrtäos von Sais, vermutlich einem Enkel des libyschen Dynasten, der mit Inaros zusammen den vorigen Aufstand geführt und sich dann in den Sümpfen des westlichen Deltas behauptet hatte (Bd. IV 1, 570. 711). Weder über den Hergang noch über die Zeit der Erhebung haben wir irgendwelche Kunde294; nur das wissen wir, daß um das J. 404 das ganze Niltal einschließlich der Festungen den Persern entrissen war. Vermutlich haben die Krankheit des Königs und dann der Thronwechsel mit den anschließenden Wirrenden Widerstand der Perser lahm gelegt. Zugeordneten Verhältnissen ist indessen Ägypten nicht gelangt. Offenbar waren die Zustände ähnlich denen der Assyrerzeit; eine ganze Anzahl lokaler Dynasten erhob sich im Delta, und in ihren Fehden vermochte der momentane Träger der Doppelkrone des Niltals immer nur eine schwächliche Rolle zu spielen. Manetho rechnet den Amyrtäos als einzigen König der [171] 28. Dynastie und gibt ihm nur 6 Regierungsjahre 404-399 (die Daten sind unsicher); dann folgt mit Nepherites I. eine neue Dynastie aus Mendes im mittleren Delta295.

Darius II. hatte trotz der Intrigen der Königin Parysatis (Bd. IV 2, 330) seinen ältesten Sohn Arsakes zum Nachfolger bestimmt und deshalb vor seinem Ende den Kyros an den Hof berufen (Bd. IV 2, 355). Arsakes nahm bei der Thronbesteigung [172] den Namen seines Großvaters Artaxerxes296 an, dessen glückliche Zeit er fortsetzen wollte. Auch in seinem Wesen war er ihm ähnlich geartet, weit mehr als sein Vater, gutmütig und leutselig, dabei persönlich tapfer und in seinem Auftreten nicht ohne Würde, aber innerlich noch haltloser und bestimmbarer als der gepriesene Vorgänger; ihm fehlte jede Ader echt königlichen Machtbewußtseins und rücksichtslos durchgreifender Energie, ohne die ein großes, auf Eroberung begründetes Reich nicht bestehen kann, und so degenerierte, wie bei so vielen der späteren osmanischen Sultane, sein Wohlwollen zu unheilvoller Schwäche. Von Anfang an schwankte er hin und her zwischen den Einflüssen seiner Mutter und seiner Gemahlin Stateira, die sich gegenseitig grimmig haßten; so brachte er seine treuesten Diener abwechselnd der einen oder der anderen zum Opfer und ließ sich willenlos treiben und die Zügel des Reichs am Boden schleifen. Einem solchen Herrscher gegenüber war Kyros nicht gewillt, seine vermeintlichen Ansprüche aufzugeben. Er stand jetzt in der Vollkraft der Jugend. Bereits hatte er sich als einen tüchtigen Verwalter und einen erfolgreichen Politiker erwiesen; aber er fühlte sich als den echten König, würdig des großen Namens, den er trug, tatkräftig und mutig, unermüdlich tätig, allen Strapazen des Kriegs und der Jagd und nicht minder der Zechgelage gewachsen: »er trage ein schwereres Herz im Leibe als sein Bruder«, erklärte er den Spartanern297. Gleich bei der Thronbesteigung versuchte er Artaxerxes II. zu beseitigen; aber sein Plan wurde durch Tissaphernes, der mit ihm an den Hof gegangen war, und durch Mitverschworene verraten. Der König wollte ihn hinrichten lassen; indessen auf die Bitten der Mutter gab er ihn nicht nur frei, sondern gewährte ihm die Rückkehr in seine Provinz und sein militärisches Kommando. Im Sommer 403 kehrte Kyros nach Kleinasien zurück (o. S. 45f.), entschlossen, [173] seinen Anspruch mit Waffengewalt durchzusetzen; er empfand nur die Schmach, die man ihm angetan hatte, und verachtete den erbärmlichen König nur um so mehr, weil er den Todfeind, wo er ihn in der Gewalt hatte, gnädig hatte laufen lassen.

Die militärische Überlegenheit der Griechen über die asiatischen Truppen hatte Kyros298 mit eigenen Augen kennengelernt; mit Recht war er überzeugt, daß ein hinlänglich starkes griechisches Söldnerkorps auch die stärkste Armee besiegen werde, die sein Bruder aufbringen könne. Der Krieg mit Tissaphernes um Milet (o. S. 46) gab ihm den erwünschten Anlaß, seine Truppen zu vermehren; andere Korps hielten Klearchos auf der Chersones (o. S. 42) und Menon von Larisa, der Söldnerführer des Aristippos (o. S. 54), in Thessalien bereit, und überdies erhielten mehrere griechische Condottieri, der Böoter Proxenos, der Achäer Sokrates, der Arkader Sophainetos u.a., den Auftrag, für ihn zu werben. Brotlose Leute, die aus dem Krieg ein Handwerk machten, gab es jetzt, wo Friede geworden war, aller Orten in Griechenland, vor allem in Arkadien und Achaia; nicht wenige lockte auch der Name und die Freigebigkeit des persischen Prinzen, Haus und Hof im Stich zu lassen, um nach mühelosen Kämpfen mit reicher Beute heimzukehren299. Offiziell gab Kyros an, er plane einen Kriegszug gegen die rebellischen Pisider; der spartanischen Regierung dagegen hat er seine wahren Absichten mitgeteilt. Sie suchte den offenen Bruch mit dem König möglichst zu vermeiden; aber sie stellte ihm Hilfe zu Lande und zur See in Aussicht und förderte überall die Werbungen, vor allem die des Klearchos, der von Kyros zum Oberfeldherrn der griechischen Truppen ersehen war und von Sparta insgeheim wieder in Gnaden aufgenommen wurde. Im [174] Frühjahr 401 waren Kyros' Rüstungen vollendet; er zog seine Truppen zusammen, gegen 9600 griechische Hopliten, 2100 Peltasten (darunter 800 Thraker), 200 kretische Schützen, dazu ein starkes Heer von Asiaten, und brach von Sardes auf300. Der König war vollständig überrascht; Parysatis hatte sich für ihren Liebling verbürgt und zugleich ihm möglichst viel Anhänger geworben, und öffentlich hatte Kyros von seinen Plänen nichts verlauten lassen. Erst Tissaphernes, der beim Aufbruch des Kyros an den Hof eilte, hat dem König die Augen geöffnet. Jetzt begann er schleunigst zu rüsten; alle Reichsarmeen (Bd. IV 1, 69) wurden aufgeboten. Einstweilen sollte Abrokomas, der General der syrischen Armee, dem Usurpator den Weg durch die syrischen Pässe sperren; außerdem hoffte man, daß der Herrscher von Kilikien ihm am Tauros entgegentreten werde. Der Syennesis war in einer schwierigen Lage; [175] einen festen militärischen Rückhalt hatte er nicht, und in dem Kampf der beiden Brüder Partei zu ergreifen war immer gefährlich. So versicherte er Artaxerxes seiner Treue und verhandelte zugleich durch seine Gemahlin Epyaxa mit Kyros und zahlte ihm Subsidien301. Um den Durchmarsch durch die Pässe und das Küstenland zu erzwingen, entsandte Kyros seine Flotte unter Tamos in den Golf von Issos. Mit ihr zusammen erschien eine spartanische Flotte von 35 Trieren unter dem Nauarchen Samios302 mit 700 Mann Hilfstruppen unter dem Kommando des Spartiaten Cheirisophos an Bord. So konnte Syennesis behaupten, er sei gezwungen; er gestattete dem Kyros, die Taurospässe ohne Kampf zu besetzen, und nahm ihn in Tarsos auf. Auch Abrokomas wagte keinen Kampf; er räumte den Küstenpaß am Amanos ohne Schwertstreich und zog mit seinem starken Heer zum König; 400 seiner griechischen Söldner traten zu Kyros über. Dagegen regte sich bei Kyros' eigenen Söldnern der Widerstand, als ihnen klar wurde, zu welchem Zwecke sie geworben seien; indessen sie waren schon zu weit gelockt, um umkehren zu können, und alsbald gewann sie Klearchos durch geschickte Politik und Kyros durch Erhöhung des Soldes vollends zum Ausharren303.

Artaxerxes hatte seine Armee in der babylonischen Tiefebene zusammengezogen; ungehindert konnte Kyros den Euphrat überschreiten und längs desselben die mesopotamische Wüste durchziehen. Auch den ersten der großen Kanäle304 Babyloniens ließ der[176] König ihn passieren; jenseits desselben, etwa 15 Meilen oberhalb Babylons, bei dem Dorfe Kunaxa, erwartete er ihn zur Schlacht. Obwohl Abrokomas noch nicht zu ihm gestoßen war, mag sein Heer etwa noch einmal so groß als das des Feindes gewesen sein. Es war bereits Nachmittag, als (im Oktober 401) beide Heere einander ansichtig wurden; sofort stellte Kyros, der schon halbwegs gehofft hatte, sein Bruder werde überhaupt keinen Kampf mehr wagen, seine Truppen in Schlachtordnung. Er forderte von Klearchos, dieser solle die Griechen gegen das Zentrum der Feinde führen, wo der König stand. Indessen Klearchos erwies sich hier wie sonst als echter Spartaner, indem er erklärte, er wolle mit seiner Flanke nicht vom Flusse weichen, um nicht von den Feinden umzingelt zu werden; so tüchtig er als Taktiker war, strategisch war er seiner Aufgabe in keiner Weise gewachsen. Kyros konnte nichts mehr ändern; die Griechen blieben auf dem rechten Flügel. Die Sichelwagen vor der persischen Schlachtreihe erwiesen sich als unwirksam. Dagegen durchbrach Tissaphernes, der den Griechen gegenüberstand, mit seiner Reiterei hart am Fluß die hier stehenden Peltasten und die paphlagonischen Reiter, ohne indessen viel Schaden anzurichten – einen Nahkampf gegen das Fußvolk wagte er nicht. Der Hauptteil seines Korps aber wurde fast ohne Kampf in die Flucht gejagt und von Klearch und den Griechen weithin verfolgt. Dieser rasche Erfolg war für die Sache des Kyros nur von Nachteil, denn da durch wurde seine Armee vollends zerrissen und geriet in Gefahr, von der feindlichen Übermacht umzingelt zu werden. Da warf sich Kyros mit seiner berittenen Leibgarde in raschem Ansturm auf das Zentrum der Feinde und drang bis zum König vor. Artaxerxes wurde von seiner Hand verwundet und mußte das Schlachtfeld verlassen; aber beim ungestümen Vordringen fand Kyros, der sich schon als Sieger fühlte, durch einen feindlichen Speer den Tod. Damit war der Kampf um die Herrschaft entschieden; das persönliche Gefolge des Prinzen suchte an seiner Leiche den Tod, die übrigen flohen; das Heer des Königs eroberte und plünderte das Lager. Dann [177] suchte es gegen die Griechen vorzugehen, die inzwischen auf ihrer Verfolgung haltgemacht hatten; aber vor ihrem Angriff wichen die Perser auch diesmal zurück. So hatten die Griechen das Schlachtfeld behauptet; sie und ihre Führer übersahen die Situation so wenig, daß sie auf Grund ihres taktischen Erfolges sich als Sieger fühlten und in aller Naivität dem Ariäos, dem Führer der asiatischen Armee des Kyros, die Krone anboten, ohne eine Ahnung davon, daß sie durch die Halsstarrigkeit des Klearch und sein kopfloses Vorgehen die Hauptschuld an dem Scheitern ihrer Sache trugen305.

König Artaxerxes hat den Sieg, dem er die Behauptung seiner Krone verdankte, mit Milde ausgenutzt; Strafgerichte gegen die Anhänger seines Bruders und die vielen Magnaten, die sich unzuverlässig gezeigt hatten, erfolgten nur ganz vereinzelt. Syennesis von Kilikien allerdings mußte für seine Unzuverlässigkeit büßen; sein Reich wurde eingezogen und in eine gewöhnliche Satrapie verwandelt. Im übrigen verstand es Parysatis, die Männer, die den Tod ihres Lieblings herbeigeführt und seine Leiche geschändet hatten, in ihre Gewalt zu bringen und an ihnen furchtbare Rache zu üben. Der ganze Groll des Königs dagegen richtete sich gegen die Griechen, die es gewagt hatten, ins Zentrum seines Reichs vorzudringen und sein Heer schimpflich in die Flucht zu jagen. Tissaphernes, der jetzt beim Herrscher wieder in höchster Gunst stand, übernahm es, den Willen des Königs zu vollziehen. Da die Griechen, im Vollbewußtsein ihrer taktischen Überlegenheit, die Unterwerfung und die Auslieferung der Waffen ablehnten und ihnen mit Gewalt ohne übergroße Opfer nicht beizukommen war, nahm er zu treuloser List seine Zuflucht. Dem Ariäos und den [178] Resten des Heers des Kyros wurde Pardon gewährt; den Griechen aber gelobte Tissaphernes im Namen des Königs, sie unangetastet in die Heimat zurückzugeleiten. Er führte sie über den Tigris ins alte Assyrerland; an der Mündung des großen Zab lockte er mit Hilfe des Ariäos fünf ihrer Feldherrn (Klearchos, Menon, Proxenos, Agias, Sokrates)306 in sein Zelt und ließ sie festnehmen. Sie sind später auf Befehl des Königs hingerichtet worden; nur Menon, der aus Rivalität auf Klearchos am Verrat beteiligt gewesen sein soll, wurde verschont – später soll auch er ein elendes Ende gefunden haben. Der führerlosen Truppen glaubte Tissaphernes mit Leichtigkeit Herr werden zu können. Aber er hatte sich getäuscht. Cheirisophos, ein mäßig begabter, aber ehrlicher Offizier, dem als Spartaner das Oberkommando zufiel, und vor allem der junge Athener Xenophon, der aus Freundschaft für Proxenos und in der vom Schicksal erfüllten Hoffnung, sich einen ruhmreichen Namen zu gewinnen, als Volontär in die Armee eingetreten war, belebten den schon verzagenden Mut und organisierten die Heerleitung aufs neue. Es gelang ihnen, die Armee ohne schwere Verluste durch das persische Gebiet hindurchzuführen. Tissaphernes war zu schwach und zu mutlos, um einen entscheidenden Kampf zu wagen; seine Plänkler aber wurden durch improvisierte Reiter und Schleuderer erfolgreich zurückgeschlagen. Schließlich, als auch der Versuch gescheitert war, den Griechen den Eintritt in das Bergland der seit lange unabhängigen Karduchen (Bd. IV 1, 139) zu verlegen, mußte er die Verfolgung aufgeben und die Griechen ihrem Schicksal überlassen (Ende Dez. 401). Der unermüdlichen und trotz aller Widersetzlichkeit des zuchtlosen Söldnerhaufens niemals verzagenden Umsicht Xenophons ist es zu danken, daß sie sich glücklich durch das rauhe Gebirgsland hindurchschlugen, trotz der unablässigen Angriffe der wilden, keine Autorität anerkennenden Bergvölker und der Nachstellungen des westarmenischen Satrapen Tiribazos. 8600 Mann erreichten im März des Jahres 400 bei der Griechenstadt Trapezus die Küste des Schwarzen Meeres; etwa ein Drittel war in den Kämpfen aufgerieben [179] oder den Strapazen des Winters auf dem Marsch durch das schneebedeckte armenische Hochland erlegen.

Wenn die Geretteten geglaubt hatten, nun aller Sorgen ledig zu sein und als ruhmgekrönte Sieger »behaglich ausgestreckt wie Odysseus« zu Schiff heimkehren zu können, so erwies sich das alsbald als eine arge Täuschung. Sie setzten ihre Hoffnung auf Sparta, unter dessen Beihilfe sie ausgezogen waren; Cheirisophos ging nach Byzanz, um von dem Nauarchen Anaxibios Schiffe zu erbitten. Aber die Schlacht bei Kunaxa und der Tod des Kyros war zugleich eine schwere Niederlage der spartanischen Politik gewesen; mochte man die dem Kyros gewährte Unterstützung noch so sehr verschleiert haben, man empfand, wie sehr man sich dem Großkönig gegenüber kompromittiert hatte, dessen Hilfe Sparta doch den Sieg über Athen verdankte. So ist es begreiflich, daß den Spartanern die Rückkehr der Söldner sehr ungelegen kam; überdies fürchtete Anaxibios nicht mit Unrecht, eine so große und siegesstolze Truppe könne ihm aufsässig und gefährlich werden. Ein lakonischer Periöke Dexippos, der das Heer verlassen hatte, bestärkte ihn darin; er stellte Xenophon als einen ehrgeizigen Spartanerfeind dar, von dem man sich alles Schlimmen versehen könne. So hielt Anaxibios den Cheirisophos monatelang zurück und entließ ihn schließlich ohne Schiffe mit dem leeren Versprechen, wenn das Heer nach Europa gekommen sei, werde er es in seinen Sold nehmen. Währenddessen lag das Heer den Griechenstädten am Pontos zur Last, Trapezus Kerasus, Kotyora, Kolonien von Sinope, die der Mutterstadt botmäßig und vom Perserreich längst unabhängig waren. Sie benutzten die Kyreer ganz gern zu Raubzügen gegen feindlich gesinnte Nachbarstämme, aber sie zu verpflegen war äußerst kostspielig, und dabei hatten sie immer Besorgnis vor einem Handstreich. Auch dem mächtigen und selbständigen Herrscher von Paphlagonien, Korylas, dessen Gebiet sich vom Parthenios bis über den Thermodon ausdehnte (Bd. IV 1, 144), waren sie unbequem. Xenophon hätte mit der stattlichen Armee gern irgendwo am Pontos, am liebsten in Kolchis, eine Kolonie gegründet; aber davon wollten weder die Städte etwas wissen noch die Truppen selbst, die sich mit der Beute in die [180] Heimat zurücksehnten. Schließlich fuhren sie auf zum Dienste gepreßten Kauffahrern und einer Anzahl von Sinope und Heraklea gestellter Schiffe nach Heraklea und zogen von hier unter argen Zerwürfnissen und mit schweren Verlusten durch die kriegerischen Bithyner zu Lande weiter. In der Mitte der bithynischen Küste, bei dem Vorgebirge Kalpe, mußten sie liegen bleiben; und hier, auf dem leicht zu befestigenden Felsvorsprung mit fruchtbarem Hinterland, reichlichem Wasser und einer brauchbaren Reede, wäre es Xenophon – Cheirisophos war inzwischen gestorben – durch geschickte Benutzung der Opferzeichen fast gelungen, seine Kolonie zur Ausführung zu bringen307. Auch den Griechenstädten war hier, inmitten einer wilden, griechenfeindlichen Bevölkerung, die Gründung eines neuen Gemeinwesens nicht unerwünscht. Aber als das Lager sich bereits in eine Stadt zu verwandeln begann, erschien im Herbst 400 der Harmost von Byzanz, Kleandros (o. S. 42, 1). Er wie Anaxibios wollten die Koloniegründung unter keinen Umständen dulden. Denn Pharnabazos forderte die Entfernung und womöglich die Vernichtung der Kyreer und hatte zu dem Zwecke bereits den Bithynern Hilfe geschickt; und mit dem Satrapen, mit dem es trotz aller latenten Spannung offiziell noch auf gutem Fuße stand, wollte Sparta es nicht verderben. Die Autorität Spartas war so groß, daß Xenophon und die Kyreer sich dem Befehl ohne weiteres fügten und auch ferner sich jede Unbill gefallen ließen, ja als sie nach Byzanz übergeführt waren, die Stadt, in der sie sich mit Leichtigkeit hätten zu Herren machen können, trotz allen Murrens ohne Kampf räumten. Anaxibios drohte, jeden Kyreer, der sich in der Stadt antreffen ließe, zu verkaufen, und hat das alsbald an 400 Kranken und Invaliden ausgeführt. Er wollte das Heer entweder nach der Chersones abschieben oder lieber noch sich auflösen und in den Kämpfen mit den Thrakern sich aufreiben lassen; und als zu Anfang des Winters er und Kleandros durch Polos und Aristarchos abgelöst [181] wurden, verfuhren diese nicht anders. Schließlich blieb dem Reste des Heeres, noch etwa 6000 Mann, nichts übrig, als für den Winter bei dem thrakischen Dynasten Seuthes, einem Unterkönig des Odrysenkönigs Amadokos, des Nachfolgers des Seuthes (Bd. IV 2, 122), des Neffen des Sitalkes, Dienste zu nehmen und ihm zu helfen, sich sein väterliches Gebiet an den Küsten des Pontos und der Propontis wieder zu erobern308.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 51965, Bd. 5, S. 171-182.
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