Spartas Angriffskrieg gegen Persien. Agesilaos, Konon und Euagoras

[182] Im Frühjahr 400 kehrte Tissaphernes nach Kleinasien zurück. Der König hatte ihm zu seiner karischen Satrapie auch die Satrapien des Kyros verliehen, von denen er Lydien schon einmal besessen hatte, und ihm den Oberbefehl über die kleinasiatische Armee übertragen. Die Statthalter und Diener des Kyros gaben ihm jede Genugtuung, die er forderte; nur Tamos, der Unterstatthalter Ioniens, flüchtete mit der Flotte und den Schätzen nach Ägypten (o. S. 172, 1), dessen Herrscher (o. S. 171f.) jedoch ihn und seine Söhne umbrachte, um sich seiner Schiffe und seiner Schätze zu bemächtigen. Die schwerste Heimsuchung hatten dagegen die äolischen und ionischen Städte zu befürchten, da sie gegen die Reichsorganisation zu Kyros gehalten hatten (o. S. 45f.). Ihnen stand eine Verfassungsänderung und die Verjagung der von Sparta und Kyros beschirmten Oligarchen bevor. Diese waren entschlossen, sich nicht zu fügen, und wandten sich um Hilfe nach Sparta, das denn auch eine Gesandtschaft an Tissaphernes sandte. Aber dieser kümmerte sich nicht um die Intervention und begann zunächst den Angriff auf Kyme, ohne es freilich nehmen zu können. Mit Eintritt des Winters vertagte er die weiteren Operationen auf das nächste Jahr. – Damit war Sparta vor eine folgenschwere Entscheidung gestellt. Die Unterwerfung unter Persien hatte Sparta angenommen, und den von ihm eingesetzten Oligarchen konnte es gleichgültig sein, wie der persische Satrap hieß, dem sie gehorchten; [182] jetzt aber handelte es sich um ihre Existenz. Denn die Unterwerfung unter Tissaphernes bedeutete natürlich ihre Beseitigung und Ersetzung durch die von Sparta und Kyros gestürzten Demokraten309: von Tissaphernes drohte die Umwälzung aller Besitzverhältnisse, welche dann die Schlacht bei Knidos (s.u. S. 234ff.) überall herbeigeführt hat. Eben darum wandten sich »die Städte«, d.h. die herrschenden Oligarchen, an Sparta. Xenophon vertuscht den wahren Zusammenhang, wie so häufig, wenn er sagt, sie hätten frei sein wollen; das waren sie ja auch vorher unter Kyros nicht gewesen310. Daß Tissaphernes vollständig in seinem Rechte war, konnte nicht zweifelhaft sein; Sparta hatte die Herrschaft des Königs über die Griechen des asiatischen Festlands als Preis für die Hilfe gegen Athen wiederholt anerkannt. Aber bisher hatte es einer definitiven Entscheidung noch immer auszuweichen verstanden; wenn es die Städte seinem treuen Alliierten Kyros überlassen hatte, so mochte die herrschende Partei selbst damit einverstanden sein, und immer noch hielt es über diese seine schützende Hand. Auch jetzt hätte es mit Persien Frieden halten können, trotz der dem Kyros gewährten Unterstützung, wenn es die Festlandsgriechen ihrem Schicksal überließ, wie ein Jahrhundert zuvor beim Ionischen Aufstand; daß die Perser versuchen würden, weiter ins Ägäische Meer vorzudringen, war bei der inneren Schwäche des Reichs nicht zu befürchten, zumal solange Ägypten sich unabhängig behauptete. Eine besonnene Politik hätte sich vielleicht zu dieser Konzession bequemt. Aber sollte Sparta bekennen, daß es entweder zu schwach oder zu feige sei, um zu leisten, was doch Athen mit weit geringerer Macht 60 Jahre lang geleistet hatte? Seine Feinde hatte es mit starker Hand niedergeworfen, sein Anspruch, allein die Geschicke von Hellas zu leiten, war, gern oder ungern, von aller Welt anerkannt; aber zugleich hatte es mit der egoistischen Interessenpolitik [183] gebrochen und sich zu dem nationalen Gedanken bekannt. Eben jetzt rief es ihn an bei der Intervention in Thessalien gegen Archelaos (o. S. 53f.), und nur durch ihn konnte es die Unterstützung rechtfertigen, die es der Gewaltherrschaft des Dionys in Syrakus gewährte; wie hätte es sich ihm entziehen können, wo der Hilferuf aus Asien erscholl? Jetzt war die Gelegenheit gegeben, Sparta von dem Makel zu befreien, der durch das Bündnis mit Persien an seiner Politik haftete. Auch schien die Gefahr nicht allzu groß. Die See beherrschte Sparta zur Zeit ebenso vollkommen wie vordem Athen, und daß die Hellenen zu Lande auch der größten feindlichen Übermacht gewachsen waren, hatten soeben die Söldner des Kyros aller Welt erwiesen. Entscheidend aber ist offenbar das andere Moment gewesen: die inneren Verhältnisse Ioniens zwangen zum Kriege. Denn wenn Sparta zuließ, daß Tissaphernes auf dem Festlande die Demokratie herstellte, war damit auch der Bestand seiner Herrschaft auf den Inseln und in Europa gefährdet: die Demokratie hätte neuen Mut gefaßt und sich im Vertrauen auf Persien überall erhoben311. So entschied sich Sparta endlich im Winter 400/399, das Hilfsgesuch anzunehmen. Dann aber mußte es zugleich das nationale Programm aufstellen. Lysanders Organe und seine Dekarchien waren im spartanischen Machtbereich überall gestürzt; so erklärt es sich, daß sie jetzt auch in Asien gerade unter der spartanischen Herrschaft verschwinden und einer gemäßigten Aristokratie Platz machen312. Noch im Winter entsandte es eine Armee313 von 1000 Neodamoden, 4000 Peloponnesiern und 300 von [184] Athen gestellten Reitern unter dem Kommando des Thibron nach Ephesos, um die kleinasiatischen Griechenstädte gegen Tissaphernes' Angriffe zu schirmen. Die unvermeidliche Folge war freilich, daß man die Fortführung des kurz zuvor inaugurierten Unternehmens gegen Thessalien und Makedonien auf gelegenere Zeit vertagen mußte314.

Thibron verstärkte sein Heer durch Aushebungen in den Griechenstädten; aber gegen die persische Reiterei konnte er nicht [185] viel ausrichten. Erst als im Frühjahr 399 die Reste der Söldner des Kyros315, noch 5000 Mann, zu ihm stießen – sie hatten sich mit Seuthes bald überworfen, der, als sie seine Feinde besiegt hatten, ihnen den Sold vorenthielt und sie los zu werden wünschte, und folgten daher gern der Werbung Spartas –, konnte er die Offensive ergreifen. Die meisten Äolerstädte schlossen sich ihm an, ebenso die Dynasten von Pergamon, Teuthrania und Halisarne, die Nachkommen des verbannten Spartanerkönigs Demarat, und die von Gambrion, Myrina und Gryneion, die Nachkommen des Gongylos von Eretria (Bd. IV 1, 57.); andere Orte wurden erobert. Aber das feste Larisa in der Mündungsebene des Hermos konnte er nicht nehmen. So verzettelte er seine Zeit, während die Städte über die Zuchtlosigkeit seiner Soldaten, denen der allen Ausschweifungen ergebene Feldherr mit schlechtem Beispiel voranging, und über die Bedrückungen, die er sich schon während der Winterquartiere erlaubt hatte, Beschwerde führten. Die Ephoren schritten energisch ein; sie wollten Zustände, wie sie unter Lysander bestanden hatten, nicht wieder aufkommen lassen, forderten dagegen eine nachdrückliche Kriegsführung. Das Heer erhielt im Sommer den Befehl, in Karien316 einzufallen, Thibron wurde abberufen und ins Exil geschickt und Derkylidas, der ehemalige Harmost von Abydos (o. S. 41), an seine Stelle gesetzt. Er hatte sich schon früher als einen kriegserfahrenen und listenreichen Mann erwiesen; aber die Aufgabe, die ihm jetzt gestellt war, war auch für ihn nicht lösbar, weil sie nicht greifbar war. Denn Tissaphernes hatte nicht die mindeste Neigung, einen Kampf mit dem griechischen Heer und [186] zumal mit den Kyreern zu wagen; dagegen trug der spartanische Feldherr mit Recht Bedenken, sich weiter von der Küste zu entfernen und ihn dadurch zu einer Schlacht zu zwingen. Er schloß mit Tissaphernes einen Waffenstillstand und wandte sich nach der Satrapie des Pharnabazos, gegen den er einen persönlichen Haß hegte (o. S. 41). In acht Tagen entriß er dem Unterstatthalter Midias von Troas, der seine Schwiegermutter Mania (o. S. 46) umgebracht hatte, neun Städte der Küste und des Binnenlandes, zum Teil mit zweideutiger List. Auch Pharnabazos wagte nicht zu schlagen; er schloß einen Waffenstillstand zunächst für den Winter, dann auch für den Sommer 398. Derkylidas benutzte die Zeit, um, unterstützt von dem Thrakerfürsten Seuthes, zunächst die Bithyner im Hinterland von Chalkedon heimzusuchen – das war auch Pharnabazos ganz willkommen –, dann die Griechen auf der thrakischen Chersones durch einen Wall über den Isthmos gegen die Einfälle der Thraker zu schirmen. Schließlich nahm er die Stadt Atarneus, wo die Flüchtlinge aus Chios sich festgesetzt hatten (o. S, 183, 1), und bezog dann Winterquartiere in Ephesos. Die Griechenstädte konnten zwar mit diesem Zustand, der ihnen keinerlei Belästigungen auferlegte, ganz wohl zufrieden sein, zumal Derkylidas, im. Gegensatz zu seinem Vorgänger, gute Mannszucht hielt; aber begreiflich ist es, daß sie zu einer definitiven Lösung zu kommen suchten. Auf ihr Drängen geboten die Ephoren für das nächste Jahr noch einmal einen energischen Angriff auf Karien; der Nauarch Pharax (Pharakidas) sollte dabei mitwirken. Aber auch diesmal (Hochsommer 397) verliefen die Dinge nicht anders als vorher317. Pharnabazos führte zwar das Aufgebot seiner Provinz dem Oberfeldherrn Tissaphernes zu und forderte eine Schlacht. Aber trotz der Überlegenheit an Zahl und namentlich an Reiterei und trotz der schlechten Qualität der äolischen und ionischen Hilfstruppen des Derkylidas wagte Tissaphernes die Schlacht nicht. Er verhandelte aufs neue318; von beiden Seiten wurden die Forderungen bestimmt formuliert – hier die Freigabe der Griechenstädte, dort die Räumung des Festlandes durch die spartanischen[187] Truppen und Harmosten – und ein Waffenstillstand geschlossen, bis man den Entscheid der Regierungen eingeholt habe319.

Auf persischer Seite war es mit den Friedensverhandlungen und dem Bericht an den König nicht ernst gemeint; man wollte nur Zeit gewinnen, bis die Rüstungen vollendet seien, die dem Krieg eine neue Wendung geben sollten. Tissaphernes allerdings, der Oberfeldherr, scheint in echt orientalischer Art die Dinge haben gehen zu lassen, wie sie wollten, überzeugt, daß das Beharren im passiven Widerstand schließlich die Feinde mürbe machen müsse; mit stiller Schadenfreude mochte er zusehen, wie Persien jetzt dafür büßen mußte, daß man im Krieg mit Athen seinem und Alkibiades' Rat nicht gefolgt war, die beiden griechischen Staaten gegeneinander im Gleichgewicht zu halten. Pharnabazos dagegen erwies sich wie im Kriege gegen Athen so auch jetzt als eine weit tatkräftigere Natur. Er empfand es schmerzlich, daß er militärisch dem Nachbarn unterstellt war, und war entrüstet über dessen schlaffe Kriegsführung und vielleicht noch mehr über die Treulosigkeit Spartas, das sich jetzt mit offener Verletzung der Verträge gegen den Bundesgenossen wandte, der es groß gemacht hatte. Allerdings konnte auch er nicht daran denken, allein zu Lande den Spartanern entgegenzutreten, war er doch im vorigen Kriege, obwohl er damals von Sparta unterstützt war, Athen auf die Dauer nicht gewachsen gewesen. Um so mehr mußte jetzt das Reich selbst mit seiner ganzen Macht eintreten und den Krieg nicht den Satrapen der Küstenprovinzen allein überlassen. Spartas Angriff war nur [188] abzuschlagen, wenn Persien seine völlig vernachlässigte Seemacht reorganisierte und endlich, nach mehr als achtzig Jahren, seine Flagge wieder im Ägäischen Meere zeigte320. Zugleich mußte es mit allen mit Spartas Herrschaft unzufriedenen Elementen in Griechenland Verbindungen anknüpfen, namentlich mit den alten Verbündeten Theben und Argos. Ohne Bedenken konnte Persien jetzt auch Athen die Hand bieten; daß dies noch einmal versuchen sollte, Persien entgegenzutreten, war kaum zu erwarten, und Persien hatte es völlig in der Hand, Athen nicht mächtiger werden zu lassen, als dem Reiche dienlich war. Wenn es gelang, in Griechenland den Krieg zu entfachen und zugleich zur See einen entscheidenden Schlag zu führen, dann mußte Spartas Macht noch rascher zusammenbrechen als im vorigen Krieg die Athens; dann konnte Persien die Oberherrschaft über ganz Hellas gewinnen und ohne allzu große Anstrengung das Ziel erreichen, das ein Jahrhundert zuvor Darius und Xerxes mit ihren gewaltigen Rüstungen nicht hatten erringen können. – Schon während des Waffenstillstands von 398 hatte Pharnabazos sich an den Hof begeben321, um den König für seine Pläne zu gewinnen. Seine Beschwerden über Tissaphernes hatten keinen Erfolg; es war nicht persische Art, verdienten Männern so rasch die Gunst zu entziehen. Wohl aber überzeugte sich der König, daß man auf dem bisherigen Wege nicht zum Ziel gelangen könne; er billigte Pharnabazos' Vorschläge, gab ihm Vollmacht und Geldmittel für die Flottenrüstung und ernannte Konon zum Nauarchen. Zum Stützpunkt für seine Operationen hatte der Satrap die Insel Cypern ersehen, die, im Zentrum des persischen Teils des Mittelmeers gelegen und für Sparta unangreifbar, zugleich die Möglichkeit bot, neben den Phönikern und Kilikern ein starkes griechisches Element zu verwerten, das man nach allen früheren Erfahrungen auch für die Flotte nicht mehr entbehren konnte. Die Ergänzung dieser Maßregeln bildet die Ernennung des Tissaphernes zum Oberfeldherrn; [189] dadurch wird ihm auch Pharnabazos unterstellt. Bisher hatte Persien den Krieg nur lässig oder eigentlich überhaupt gar nicht geführt; nach der Entscheidung des Königs soll er jetzt energisch in Angriff genommen werden322.

Auf Cypern hatten sich die Verhältnisse in eigenartiger Weise für die momentane Situation günstig gestaltet. Zwei Menschenalter hindurch hatten die Griechen mit den Phönikern um die Herrschaft über die Insel gerungen; seit Athen sie im Kalliasfrieden dem Perserkönig überlassen mußte, gewannen die Phöniker das Übergewicht. Die ehemals von den Griechen behauptete Stadt Idalion im Binnenlande wird jetzt dauernd den phönikischen Königen von Kition untertan. In Salamis wurde das alte Königshaus, das seinen Stammbaum auf Teukros, den Bruder des Aias, zurückführte, durch einen phönikischen Minister des Herrschers gestürzt. Der neue König und seine Nachfolger bemühten sich nach Kräften, Salamis in eine semitische Stadt umzuwandeln; die persische Regierung förderte diese Bestrebungen. Salamis war jetzt, wie Isokrates es schildert, »in eine Barbarenstadt verwandelt und nahm infolge der phönikischen Herrschaft keine Griechen auf, vernachlässigte Handel und Gewerbe und hatte nicht einmal einen Hafen; von den Beamten galten die für die besten, welche sich gegen die Griechen am brutalsten benahmen«. Die neue Dynastie hat sich nicht allzulange behauptet; ein gewisser Abdemon aus Tyros brachte den Herrscher um und scheint die Stadt ganz in Abhängigkeit von Kition gebracht zu haben323. Da [190] führte im J. 411 oder 410 ein junger Mann, der sich rühmte, von dem alten griechischen Königshaus abzustammen und der vor dem neuen Herrscher nach Soli in Kilikien geflüchtet war, Euagoras, einen völligen Umschwung herbei. Mit etwa 50 Genossen fuhr er nach Cypern hinüber, drang bei Nacht in die Stadt ein, erstürmte die Königsburg, überwältigte den Machthaber und seinen Anhang und gewann sich das Königtum324.

[191] Euagoras von Salamis ist das Gegenbild zu Dionysios von Syrakus; wie dieser hat er es als seine Lebensaufgabe betrachtet, sich als Vorkämpfer und Befreier der hellenischen Nationalität die Herrschaft über die ganze Insel zu erringen, die im Osten, wie Sizilien im Westen, den Kampfplatz der Hellenen und der Phöniker bildete. Diese Tendenz wies ihn auf die Seite Athens. Er hat mit diesem sogleich Beziehungen angeknüpft und es während des verzweifelten Ringens mit Sparta und Persien nach Kräften unterstützt, vor allem durch Getreidesendungen; zum Dank dafür haben ihm die Athener neben anderen Ehren das Bürgerrecht verliehen (Bd. IV 2, 322). Auch geistig stand er, wie Dionys, auf dem Boden der attischen Kultur; die Beziehungen zu den angesehensten Literaten der Zeit hat er sein Leben lang gepflegt. Im übrigen hat er seine verwahrloste Heimat nach Kräften gehoben, Befestigungen angelegt, den Hafen wiederhergestellt, eine Kriegsflotte geschaffen und dem Hellenentum aufs neue das Übergewicht verschafft. Er zog griechische Kaufleute in die Stadt und sah es gern, wenn seine Untertanen sich mit Griechen aus dem Mutterlande verschwägerten325. Als Athens Macht bei Ägospotamoi zusammenbrach, flüchtete Konon mit den geretteten Schiffen zu ihm, und es bildete sich in der Stadt eine starke und betriebsame athenische Kolonie. Alsbald begann Euagoras erobernd um sich zu greifen und scheint mehrere seiner griechischen Nachbarn unterworfen und den Angriff gegen [192] die Phöniker begonnen zu haben326; in einer athenischen Broschüre aus dem J. 399 (der Schrift gegen Andokides [Lys.] 6, 28) heißt er bereits »König von Cypern«. Natürlich wurde dadurch das Verhältnis zur persischen Regierung gespannt, ja diese wäre wohl schon jetzt eingeschritten, wenn sie die Hände frei gehabt hätte. So aber bot umgekehrt die eigenartig verwickelte Weltlage dem aufstrebenden Herrscher die Möglichkeit, zunächst als getreuer Diener des Perserkönigs seine Pläne weiterzuführen. Konon hatte das ganze Vertrauen des Fürsten gewonnen; er bestärkte ihn in seinen Sympathien für Athen und mahnte ihn, die Gelegenheit zu ergreifen, um Athens Macht wiederherzustellen und sich dadurch einen unsterblichen Namen in Hellas zu schaffen. Auf seinen Antrieb wandte sich Euagoras durch Vermittlung griechischer Hofbeamten, darunter des Leibarztes Ktesias von Knidos, an den König, versprach Genugtuung für seine Übergriffe und sandte Tribut und Geschenke; er forderte Artaxerxes auf, in Cypern eine Flotte zu rüsten, und empfahl dafür Konon als den geeigneten Mann. Pharnabazos ging mit Eifer auf den Vorschlag ein, der zu seinen Gedanken stimmte – offenbar war er schon vorher mit Euagoras und Konon in Verbindung getreten –; der König stimmte bei und ernannte Konon zum Flottenführer, während Pharnabazos die Oberleitung des Unternehmens übertragen wurde327. Gegen Anfang des J. 397 kam Pharnabazos selbst nach Cypern, um mit [193] Konon die Flottenrüstung zu betreiben. Er brachte 500 Talente mit; 100 Trieren gedachte man aufzustellen. Die Ausführung wurde Konon überlassen, während Pharnabazos in seine Satrapie zurückkehrte, um mit Tissaphernes zusammen den Krieg gegen Derkylidas fortzusetzen328, zunächst allerdings, wie wir gesehen haben, ohne jeden Erfolg.

Den Spartanern wurde die persische Flottenrüstung so lange wie möglich verheimlicht; eine Gesandtschaft, die im J. 398 offenbar infolge des Waffenstillstandes an den Hof gegangen war, um einen dauernden Frieden zu schließen329, wurde hier eine Zeitlang festgehalten330, und auch im Sommer 397 ließen sich Tissaphernes und Pharnabazos noch einmal zum Schein auf Friedensverhandlungen ein (o. S. 187). Um dieselbe Zeit aber erhielt die spartanische Regierung durch einen syrakusanischen Kaufmann, der in Phönikien Handel trieb, Kunde von den umfassenden Rüstungen, die hier im Gange waren331. Über ihr Ziel konnte kein Zweifel sein; um der drohenden Gefahr beizeiten entgegenzutreten, mußte man die Kriegsrüstung vermehren. Auf Betreiben Lysanders trat König Agesilaos, dem jener zwei Jahre zuvor den Thron verschafft hatte (o. S. 44), als Bewerber um die Heerführung auf. Lysander hoffte, in ihm ein willfähriges Werkzeug für seine Pläne zu besitzen; jetzt, wo der Krieg gegen Persien in großem Stil betrieben werden mußte, glaubte er den Moment gekommen, wo er sich aufs neue als den [194] unentbehrlichen Mann erweisen, seine Machtstellung zurückgewinnen und die Dekarchien wiederherstellen könne332. Gesandtschaften aus Kleinasien, vor allem von den gestürzten Parteigängern Lysanders, unterstützten die Bewerbung; Agesilaos wurde das Kommando zunächst auf ein Jahr übertragen. Er appellierte nochmals an den nationalen Gedanken: als würdiger Erbe Agamemnons wollte der Heraklide, der die Königsgewalt in dem ersten Staate Griechenlands innehatte, an der Spitze des Aufgebots von ganz Hellas in den neuen Nationalkrieg ziehen. Indessen sofort zeigte sich, daß Spartas Macht, so stark sie sich erwiesen hatte, nicht ausreichte, um den freiwilligen Anschluß seiner Verbündeten zu erreichen; wie beim Kriege gegen Elis weigerten Theben und Korinth die Beteiligung, und auch Athen wagte diesmal sich der Heeresfolge zu entziehen333. Die spartanische Regierung mußte die Zurückweisung einstweilen hinnehmen, wenn sie nicht statt des asiatischen Kriegs zunächst einen Krieg in Hellas beginnen wollte. Eine positive Gefahr schien nicht zu befürchten; schwerlich würden die widerspenstigen Staaten freiwillig einen Waffengang mit Sparta provozieren, und so konnte man die Abrechnung mit ihnen auf einen gelegeneren Zeitpunkt verschieben. Einstweilen war Sparta auch ohne ihre Hilfe stark genug, um dem König ein fast noch einmal so großes Heer mitzugeben wie 399 dem Derkylidas. Von den peloponnesischen Bündnern wurden 6000 Mann aufgeboten, Sparta selbst stellte 2000 Neodamoden. Wie man sieht, ging der Staat, trotz der Verschwörung des Kinadon (o. S. 47), weiter auf dem von Brasidas inaugurierten Wege, die auswärtige Kriegsführung auf die Untertanen und Leibeigenen abzuwälzen. Bei der Festigkeit der spartanischen Disziplin war von ihnen im Felde keine Gefahr zu befürchten; die Kräfte der Vollbürger aber mußten nach Möglichkeit geschont und für eventuelle Verwicklungen in Griechenland aufgespart werden. Nur 30 Spartiaten, mit Lysander an der Spitze, wurden dem König beigegeben, zugleich als kontrollierender [195] Kriegsrat und als Adjutanten und höhere Offiziere. Die Einnahmen aus den Tributen ermöglichten, das Heer mit den nötigen Mitteln für Verpflegung und Löhnung zunächst auf sechs Monate auszustatten. Außerdem trat man in Verbindung mit dem ägyptischen König Nepherites I.334, der inzwischen seine Rivalen verdrängt zu haben scheint (o. S. 172); er versprach, Sparta, das auf die Kunde von der persischen Flottenrüstung außer der Entsendung des Agesilaos gleichfalls335 die Aufstellung einer starken Flotte beschlossen hatte, gegen den gemeinsamen Feind durch die Ausrüstung für 100 Trieren (s.u. S. 202, 3) und durch Getreide zu unterstützen336.

Im Frühjahr 396 sammelte Agesilaos337 seine Mannschaft an der Südspitze Euböas beim Vorgebirge Geraistos; er selbst begab sich nach Aulis338, um hier nach Agamemnons Vorbild der Artemis ein Opfer zu bringen. Aber in Theben war die Erbitterung gegen Sparta so groß, daß man auch das nicht dulden wollte; unter dem Vorwande, er habe das Ritual verletzt, störten die Böotarchen das Opfer und wiesen den König vom Altar fort. Agesilaos mußte die Insulte hinnehmen; er führte sein Heer nach Ephesos339 hinüber. – Kaum war er gelandet, so begann Tissaphernes sein altes Spiel [196] von neuem; er bat um Waffenstillstand, um während desselben die Entscheidung des Königs einzuholen. Agesilaos zweifelte nicht, daß das Trug war; aber er sah sich trotz seiner weit stärkeren Macht derselben Schwierigkeit gegenüber, wie seine Vorgänger, er konnte den Feind, der nicht kämpfen wollte, nicht zum Kampf zwingen. So bewilligte er einen Waffenstillstand auf drei Monate340 und benutzte die Zeit, sein Heer durch Zuzüge aus den Griechenstädten zu verstärken und ihre Verhältnisse zu ordnen. Von allen Seiten drängten sich die alten Genossen, die Männer der Zehnherrschaften und der oligarchischen Klubs, an Lysander, überzeugt, daß dieser beim König alles durchsetzen könne. Aber Agesilaos war nicht gewillt, sich wie ehemals Arakos und Libys zum Strohmann eines anderen zu machen; er wollte selbst und allein herrschen. In Sparta war er als echter Eurypontide im Gegensatz zu seinem Kollegen als der ergebene Diener der Bürgergemeinde aufgetreten; geflissentlich hatte er bei jeder Gelegenheit die Unterordnung unter ihren Willen und die Befehle der Ephoren als der eigentlichen Organe der Volkssouveränität zur Schau getragen. Eben dadurch hat er sich den Weg zu einer dauernden Machtstellung gebahnt, wie sie seit einem Jahrhundert in Sparta kein König eingenommen hatte. Jetzt stand er als Träger der militärischen Gewalt an der Spitze eines großen Heeres; ohne seinen Befehl konnte nichts geschehen, und er brauchte keinen allmächtigen Minister, sondern nur Diener seines Willens. So hatte Lysander, statt seine Hoffnungen erfüllt zu sehen, jetzt erst recht die Bitterkeit der gestürzten Größe voll auszukosten: bei jedem Anlaß wurde er von Agesilaos gedemütigt und jede seiner Empfehlungen prinzipiell abgewiesen. Er mußte schließlich selbst eingestehen, daß er nichts mehr vermochte, und den verhaßten Gegner demütig bitten, ihn mit irgendeiner untergeordneten Mission zu betrauen, um ihn nur aus seiner unerträglichen Lage zu erlösen. Der persönliche Charakter des Konfliktes trat nur um so peinlicher hervor, da Agesilaos prinzipiell auf ganz demselben Standpunkt stand wie Lysander. Auch Agesilaos kannte kein anderes Ziel als [197] die rücksichtslose Aufrichtung der spartanischen und damit zugleich seiner eigenen Herrschaft, und für seine Anhänger sorgte er nicht weniger skrupellos als jener. Aber vortrefflich verstand er die Kunst, wie seinen Ehrgeiz so die problematischen Maßregeln, die er ergriff, unter dem Schein der Korrektheit und salbungsvoller moralischer Aussprüche zu verbergen. Er erkannte, daß er Gewaltmaßregeln nach Art Lysanders entbehren könne, nicht nur weil er der König war, sondern vor allem weil die lysandrische Schreckensherrschaft ihm gründlich vorgearbeitet hatte. Ohne Blutvergießen und Verbannungen konnte er überall seine Parteigänger und Günstlinge ans Regiment341 bringen; solange er mit seiner Armee in Asien stand, machte keine Stadt auch nur den Versuch, seinen Befehlen sich zu widersetzen.

Nach Ablauf des Waffenstillstands, etwa Anfang August 396342, erklärte Tissaphernes, der inzwischen weitere Verstärkungen erhalten hatte, den Krieg. Er erwartete jetzt einen Angriff auf Karien, wo inzwischen Konons Operationen (s.u. S. 200f.) begonnen hatten; aber Agesilaos, der einen Kampf mit der weit überlegenen persischen Reiterei vermeiden wollte, überließ notgedrungen den Süden sich selbst und zog nach Teuthranien und weiter in die Satrapie des Pharnabazos, wo kurz zuvor Lysander einen mächtigen und reichbegüterten Perser Spithridates zum Abfall gebracht hatte343. Eine Anzahl kleinerer Orte wurde genommen und reiche Beute gemacht; in der Nähe von Daskylion freilich erlitten die [198] griechischen Reiter durch Pharnabazos' Reiterei etwa Anfang Oktober eine empfindliche Schlappe. Agesilaos erkannte, daß er ohne Kavallerie nichts ausrichten könne; er benutzte die Winterquartiere, die er wieder in Ionien nahm, um sich von den reichsten Bürgern gegen Befreiung vom Kriegsdienst tüchtige Pferde und Reiter stellen zu lassen und im übrigen sein bunt zusammengesetztes Heer nach Kräften zu schulen. In seiner Armee, die einschließlich der Besatzungstruppen etwa 20000 Mann stark gewesen sein muß, von denen ihm etwa 10000 als Feldarmee zur Verfügung gestanden haben mögen344, waren jetzt alle Truppengattungen vereinigt, Hopliten, Reiter, Schützen und ein starkes Korps von Peltasten. So konnte Agesilaos jetzt einen Vorstoß tiefer ins Binnenland wagen. Die Armee des Tissaphernes erwartete ihn auch diesmal (Anfang 395) in Karien; aber Agesilaos rückte statt dessen von Ephesos durch die Kaysterebene verheerend gegen Sardes vor. Durch die ihm nachsetzenden feindlichen Truppen wurde er bedrängt und am Plündern verhindert; er war gezwungen, fortan auf möglichst gedecktem Terrain im Karree zu marschieren345. Am Ufer des Paktolos, westlich von Sardes, trat ihm die persische Armee entgegen. Sie geriet in einen Hinterhalt346, wurde vollkommen geworfen und das persische Lager mit reicher Beute genommen. Agesilaos verweilte drei Tage vor Sardes; die Festung selbst anzugreifen, durfte er nicht wagen. Als Tissaphernes sich zu einem neuen Kampf nicht bringen ließ, kehrte Agesilaos mit der Beute nach Ionien zurück. Gegen den Satrapen liefen Beschwerden am persischen Hofe ein; sie fanden bei der Königinmutter Parysatis freudige Aufnahme, die keinen anderen Wunsch kannte, als alle, die bei dem Untergang des Kyros mitgewirkt hatten, zu vernichten. Der König überzeugte sich, daß Tissaphernes doppeltes Spiel getrieben und das Reich an die Spartaner verraten habe. Er sprach das Todesurteil über ihn und beauftragte den Chiliarchen (Bd. IV 1, 38) Tithraustes mit der Vollstreckung und der einstweiligen [199] Führung des Landkriegs; zugleich sollte er die geeigneten Mittel ergreifen, um in Europa den Krieg gegen Sparta zu erregen.

Inzwischen hatten die Perser den Seekrieg347 eröffnet. Freilich, bis die große Flottenrüstung zustande kam, hatte es wie gewöhnlich noch gute Wege; 40 Trieren waren alles, was Konon einstweilen in Cypern und Kilikien aufbringen konnte. Mit ihnen lag er Anfang 396 in Kaunos, dem ehemals auch von Tissaphernes im Kriege gegen Athen benutzten Hafen an der Südgrenze Kariens. Die spartanische Flotte lag ihm gegenüber bei Rhodos, noch immer unter dem Kommando des Pharakidas (o. S. 187); jedenfalls war sie Konon an Zahl bedeutend überlegen. So ging Pharakidas zum Angriff über und schloß Konon in Kaunos ein. Indessen Pharnabazos brachte zu Lande Entsatz, und Pharakidas mußte sich zurückziehen. Die Folge war, daß Konon nach der rhodischen Chersones vorging und Rhodos zu ihm übertrat348. Agesilaos blieb nichts übrig, als den Seekrieg sich selbst zu überlassen und zu versuchen, wieviel Erfolg er auf Nebenschauplätzen erreichen könne. Trotzdem erschien die Lage so wenig bedenklich, daß die spartanische Regierung im Hochsommer 396 den Nauarchen mit 30 Schiffen auf das dringende Hilfsgesuch des Dionys nach Sizilien schicken konnte (o. S. 106). An Eifer fehlte es Konon nicht, und Zuzug für die Schiffsmannschaft fand er genug, sowohl aus Athen wie aus den mit der spartanischen Herrschaft unzufriedenen Elementen in den Griechenstädten; aber die Perser betrieben das [200] Unternehmen mit gewohnter Lässigkeit, und das Geld, das der König sandte, verschwand meist in den Händen der Magnaten. Trotzdem gelang es Konon schließlich, seine Flotte zu verdoppeln und sich auf der zerklüfteten Landzunge gegenüber von Rhodos – der rhodischen Chersones mit dem Hafenort Loryma – festzusetzen. Das hatte den Erfolg, daß in Rhodos die Oligarchen die Spartaner und ihre Flotte verjagten und statt dessen Konon in ihren Hafen einließen (Herbst oder Winter 396). Bald darauf fiel ihnen der große Getreidetransport in die Hände, den Nepherites den Spartanern zugesandt hatte, und jetzt (Frühjahr 395) erhielt Konon endlich noch eine weitere Verstärkung von 90 Schiffen aus Phönikien und Kilikien349. Im Hochsommer 395 kam es in Rhodos zum Sturz der Oligarchie; ihre Führer, die »Diagoreer« – die berühmte Athletenfamilie des Diagoras350 – und elf ihrer Anhänger wurden abgeschlachtet und die Demokratie eingeführt. Konon, der das revolutionäre Komplott wenn nicht veranlaßt, so doch begünstigt hat, hielt sich als anständiger Mann von der Ausführung fern und überließ sie seinen Adjutanten, den Athenern Hieronymos und Nikophemos. – Trotzdem kam der Krieg nicht weiter; denn Monat für Monat blieb die Löhnung aus351, so daß die Flottenmannschaften schwierig wurden, revoltierten352 und nur durch Konons Energie und Autorität und durch die Furcht vor dem spartanischen Strafgericht bei der Fahne gehalten wurden. Denn gegen die Abtrünnigen ging Sparta mit Energie vor; selbst der Rhodier Dorieus353, im Kriege gegen Athen einer der eifrigsten und erfolgreichsten [201] Parteigänger Spartas (Bd. IV 2, 259. 356), wurde trotz seiner ehemaligen Verdienste zum Tode verurteilt und hingerichtet, als er im Peloponnes in ihre Hände fiel. Er war natürlich kein harmloser Reisender, sondern hat für den Anschluß an Persien und dessen Verbündete agitiert. Alle Beschwerden Konons bei den Satrapen, zu denen er von dem persisch besetzten Kaunos aus im Sommer 395 nach Sardes ging, ohne doch von Tithraustes ausreichende Summen erhalten zu können, und beim König selbst halfen nichts; auch Pharnabazos, so eifrig und ehrlich er bei der Sache war, konnte nichts ausrichten. So entschloß sich Konon, die Flotte Hieronymos und Nikophemos zu übergeben und selbst zum König zu gehen354. Im Winter 395/4, nach der Schlacht bei Haliartos (s.u. S. 227) fuhr er nach Kilikien, ging von hier nach Thapsakos und dann zu Schiff den Euphrat hinab nach Babylon, der Winterresidenz355. Tithraustes, der Vezir des Königs, trat für ihn ein. Durch seine Vermittlung – eine Audienz unterließ Konon, um sich nicht in den Augen seiner Landsleute durch den vom Hofzeremoniell geforderten Fußfall herabzusetzen- erreichte er alles, was er wollte356. [202] Für den Seekrieg erhielt Konon reiche Mittel; auf seinen Wunsch wurde der Oberbefehl zur See dem Pharnabazos übertragen357, ihm selbst das Kommando der griechischen Schiffe. In eben die Zeit, wo am Hof die Entscheidung fiel (zu Anfang 394), fallen die Verhandlungen zwischen Agesilaos und Pharnabazos. Die Folge jener Entscheidung ist die Übertragung des Oberbefehls über die spartanische Flotte an Agesilaos und die neue Flottenrüstung in Ionien gewesen358.

Tithraustes war kurz nach der Schlacht am Paktolos, im Hochsommer 395, in Kleinasien eingetroffen und hatte Tissaphernes durch Ariäos, den ehemaligen Genossen des Kyros (o. S. 178f.), gefangennehmen und hinrichten lassen; aber für die Kriegsführung wußte er sich auch nicht anders zu helfen als dieser. Er verhandelte mit Agesilaos359 und erklärte sich bereit, die politische Freiheit (Autonomie) der Griechenstädte360 anzuerkennen, wenn sie dem Könige den seit alters festgesetzten Tribut zahlten. Als Agesilaos sich darauf nicht einließ, bat er wenigstens um einen Waffenstillstand: er möge seine Provinz räumen zum Dank dafür, daß er den Urheber des Kriegs, den alten Hellenenfeind Tissaphernes, beseitigt habe, und sich einstweilen gegen Pharnabazos wenden. Schließlich zahlte er den Spartanern für den Abzug noch 30 Talente Verpflegungsgeld. Agesilaos ist auf dies Anerbieten eingegangen, da er eben einen Angriff auf Karien, bei dem die Verbindung mit Ionien und den Zentralgebieten des westlichen Kleinasiens aufgegeben werden mußte, für militärisch unmöglich hielt; er mußte [203] versuchen, ob er vielleicht durch große Erfolge im Norden ans Ziel gelangen könne361. – In Sparta war man mit Agesilaos' Erfolgen sehr zufrieden. Man hatte ihm bereits Anfang 395 das Kommando verlängert und statt der von Lysander geführten Kommission eine andere beigegeben; jetzt wurde ihm angesichts der größeren Dimensionen, die der Seekrieg angenommen hatte, gegen alles Herkommen auch der Oberbefehl über die Flotte362 übertragen, damit die Leitung der Operationen in einer Hand liege. Agesilaos hat später (im Frühjahr 394) seinen Schwager Peisandros zum Nauarchen bestellt und eine starke Flottenrüstung auf den Inseln und in den Küstenstädten angeordnet, um Konon entgegentreten und womöglich Rhodos wiedergewinnen zu können. Er selbst wandte sich im Herbst 395, Tithraustes' Vorschlag folgend, nach Mysien und zum Hochland am Sangarios, rückte von hier aus weiter gegen Gordion vor363 und verheerte die Satrapie des Pharnabazos aufs neue364. Der mächtige Fürst der Paphlagoner, Thuys (Otys), der Nachfolger des Korylas (o. S. 180), der bereits von Persien abgefallen war, schloß sich ihm an. Agesilaos hat durch das Vordringen nach Paphlagonien und das Bündnis mit Thuys zum erstenmal einen wirklichen Erfolg erreicht. Die Plünderungszüge, bei denen nicht einmal irgendein Platz von Bedeutung genommen werden konnte, geschweige denn, daß man (abgesehen von den Küstenstädten) daran hätte denken können, von dem Binnenlande mehr zu behaupten als die Gegend, in der das Heer gerade stand, hatten für den weiteren Verlauf und die Entscheidung des Kriegs gar keine Bedeutung. Aber Xenophon sagt ausdrücklich, daß »seit langem sein Bestreben war, irgendein Volk zum Abfall vom König zu bringen« (IV 1, 2); und das war jetzt durch den Anschluß der Paphlagoner gelungen. Wenn andere Stämme diesem Beispiel folgten, wenn überdies weitere persische Magnaten Spithridates nachahmten und gleichfalls zu Agesilaos übertraten, [204] als unabhängige Dynasten, dann allerdings war es möglich, mit der Landarmee einen großen selbständigen Erfolg zu erzwingen, die Perser aus dem westlichen Kleinasien zu verjagen und damit sowohl die Griechenstädte zu sichern wie den weiteren Fortgang des Seekriegs unmöglich zu machen; dann nahm Agesilaos mit seiner Landarmee ungefähr dieselbe Stellung ein, welche Alexander am Ende seines ersten Feldzugs gewonnen hat365. Freilich kam es alsbald um die bei Daskylion gemachte Beute zu einem Zerwürfnis, das zur Folge hatte, daß mit den Paphlagonern auch Spithridates (o. S. 198) die Spartaner verließ. Trotzdem konnte Pharnabazos mit seiner schwachen Landmacht nichts ausrichten; Agesilaos nahm seine Winterquartiere bei Daskylion, in dem Park und den Landgütern des Satrapen. Xenophon sagt, daß kein Ereignis des Feldzugs von Agesilaos so schwer empfunden worden sei als dieser Abfall (IV 1, 28). So knüpfte er durch Apollophanes von Kyzikos Verhandlungen mit Pharnabazos an366. Auch Pharnabazos bequemte sich zu Verhandlungen; er mochte von Konons Erfolgen am Hof noch keine sichere Kunde haben und war über das schmähliche Verhalten des Tithraustes aufs äußerste entrüstet. Zugleich aber beschwerte er sich bitter und nicht mit Unrecht über das Verfahren der Spartaner: er sei im Kriege gegen Athen der treueste und ehrlichste ihrer Verbündeten gewesen; zum Lohne dafür verheerten sie jetzt nicht nur seine Provinz, sondern zerstörten die Pflanzungen und Wohnungen, die er von seinem Vater ererbt habe. Trotzdem sei er bereit, sich mit Sparta zu verbinden, falls der König ihn einem anderen unterordne; andernfalls aber werde er seinem Herrscher wie bisher die Treue wahren. Man sieht, er wollte sich auf alle Fälle den Rücken decken und sich vor einem Geschick bewahren, wie es Tissaphernes ereilt hatte. So unbestimmt das Versprechen war, Agesilaos konnte der Zukunft mit großen Hoffnungen entgegensehen. In den zwei Jahren hatte er 1000 Talente (5440000 Mk.) Beute367 gewonnen, die zur Bestreitung der Kriegskosten vollauf ausreichten; seine Stellung zu Lande und die [205] Herrschaft über die Griechenstädte war unerschüttert, die Feinde wagten keinen Kampf mehr; wenn es mit Hilfe der verstärkten Seemacht gelang, die feindliche Flotte im Schach zu halten oder wo möglich zu schlagen, konnte er seine Züge immer tiefer ins Binnenland ausdehnen und hoffen, das westliche Kleinasien dauernd den Persern zu entreißen. Zu Anfang des J. 394 führte er sein Heer in die thebische Ebene südlich vom Ida zurück368, um die Vorbereitungen für den nächsten Feldzug zu treffen. Für die allgemeine militärisch-politische Lage haben seine Plünderungszüge, so lästig sie den Persern sein mochten, nicht mehr Bedeutung gehabt als die des Thibron und des Derkylidas. Zum Schutz der Griechenstädte gegen persische Angriffe bedurfte es eines großen Landheeres nicht, wie eben diese Feldzüge gezeigt haben; aber wesentlich darüber hinaus konnte auch ein stärkeres Heer nicht gelangen. Ein so großes Heer, wie Alexander später nach Kleinasien führte, hätten die Griechen unter Spartas Leitung nach den damaligen politischen Verhältnissen kaum aufbringen können; aber auch alsdann würde eine einzige Landschlacht noch nicht, wie bei Alexander, die Entscheidung über den Besitz der ganzen Halbinsel gebracht haben. Dazu gehörte eine viel größere Durchbildung, als das griechische Heerwesen zu Anfang des vierten Jahrhunderts erreicht hatte, einerseits die volle Ausbildung der Belagerungskunst, andrerseits die vollentwickelte Taktik der verbundenen Waffen, beides Dinge, die damals noch in den Anfängen standen. Vor allem unentbehrlich war der Besitz einer starken Reiterei, die den Persern wenn nicht an Zahl, so doch an militärischer Bedeutung ebenso überlegen gewesen wäre wie das griechische Fußvolk. – Auf der anderen Seite waren die Perser ebensowenig fähig, die Feinde zum Lande hinauszuschlagen, auch wenn sie noch so große Heere aufbrachten; dazu war die Überlegenheit der griechischen Infanterie zu dezidiert. Darauf beruht die Eigenart und der schleppende, im Grunde völlig resultatlose Gang dieses fünfjährigen Krieges. Die Folge dieser Ohnmacht der Landarmee ist, wie im [206] Peloponnesischen Kriege, daß die Entscheidung nur auf der See gesucht werden kann369. – Währenddessen war aber in Europa eine Wendung eingetreten, welche den König zwang, auf alle weiteren Pläne zu verzichten.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 51965, Bd. 5, S. 182-207.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Hannibal

Hannibal

Grabbe zeigt Hannibal nicht als großen Helden, der im sinnhaften Verlauf der Geschichte eine höhere Bestimmung erfüllt, sondern als einfachen Menschen, der Gegenstand der Geschehnisse ist und ihnen schließlich zum Opfer fällt. »Der Dichter ist vorzugsweise verpflichtet, den wahren Geist der Geschichte zu enträtseln. Solange er diesen nicht verletzt, kommt es bei ihm auf eine wörtliche historische Treue nicht an.« C.D.G.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon