Astrolabium [2]

[326] Astrolabium, »Sternaufnehmer«, in der früheren praktischen Astronomie dem Namen nach ein Instrument zur Bestimmung von Sternörtern. Man hat aber mit dem Namen zwei verschiedene, allerdings vielfach zu einem Instrument vereinigte Vorrichtungen bezeichnet, nämlich:

1. Ein Instrument zum unmittelbaren Winkelmessen, ursprünglich nichts andres als eine einfache Armillarsphäre (s.d.), zum astronomischen Gebrauch bestimmt (s. auch den vorhergehenden Artikel Astrolabium in der Geodäsie), gewöhnlich als Erfindung des Hipparch bezeichnet, von Ptolemäus im Almagest beschrieben [1]. Die spätere Zeit hat aber Astrolabien überhaupt alle »Scheibeninstrumente« genannt, die zum Winkelmessen dienen (ja oft genug so ziemlich alle Instrumente mit geteilten Kreisen, mit Ausnahme der Bussole, weshalb die Nomenklatur höchst schwankend ist), ohne Rücksicht auf ihren astronomischen oder geodätischen Gebrauch. In einer Scheibe mit geteiltem Rand dreht sich, das eine Diopter (s.d.) tragend, eine innere konzentrische Scheibe, oder meist nur ein Arm (Alhidade, Alidade oder Regel) oder ein Armkreuz; auf der äußeren Scheibe war ebenfalls ein Diopterpaar angebracht zur Festhaltung des einen Schenkels des zu messenden Winkels; die Diopter waren erst Loch-, später Lochspalten-, noch später Lochhaardiopter (vgl. die Figur im vorhergehenden Artikel). Zur Messung von Horizontal- oder Positionswinkeln war ein Stativ für die Scheibe erforderlich, bei Positionswinkeln mit beweglicher Nuß; für Höhenwinkel aber konnte die Scheibe meist einfach aufgehängt werden. Man hatte, besonders im ersten, für die Feldmesser in Betracht kommenden Fall »ganze Astrolabien« (Scheibe als Vollkreis), »halbe Astrolabien« (Halbkreis), »Quadranten« (Viertelskreis) u.s.w. Im zweiten Fall war dann auch das zweite Diopter, das auf dem Teilkreis selbst befindliche, entbehrlich und nur das Absehen auf dem Alidadenarm notwendig. Wenn man an dem Instrument, das in einer am Punkt 90° der Teilung befindlichen Oese aufgehängt war, unmittelbar richtige Höhenwinkel ablesen wollte, so mußten (außer richtiger Teilung) folgende Anforderungen erfüllt sein: 1. Drehungspunkt des Arms zusammenfallend mit dem Mittelpunkt der Teilung; 2. die Linie 90°–90° der Höhen- und Tiefenwinkelteilung zusammenfallend mit der Richtung des Lotfadens; 3. das Absehen einem Durchmesser der Teilung[326] entsprechend (»linea fiduciae«, ligne de foi der Franzosen, im 15.–17. Jahrhundert). Von dieser einfachen Einrichtung war das Astrolabium der Nautik, für die nur Messung der Höhenwinkel der Gestirne in Betracht kam: ein starker hölzerner Ring mit einigen festen Speichen, mit Gradteilung auf der inneren Ringfläche und oben mit Oese zum Aufhängen; im Mittelpunkt drehbar der Alidadenarm mit dem Absehen [2]. Bei den Seeleuten m dieses einfache Werkzeug, zeitweise durch den »astronomischen Ring« (s.d.) und den »Quadranten« (s.d.) ersetzt, nach Erfindung des Spiegelsextanten rasch vollständig verschwunden. In der Geodäsie hat aber das »Astrolabium« mit Stativ zum Horizontalwinkelmessen im Inventar des Feldmessers neben dem geometrischen Quadranten und der Bussole bis ins vorige Jahrhundert fortgelebt (vgl. den vorhergehenden Artikel), zum Teil freilich wesentlich verbessert und unter andern Namen (»Scheibeninstrumente«), z.B. Zollmanns Scheibe u.s.w., in Frankreich Graphomètre, meist »à pinnules« (alidade à pinnules), ein »halbes« Astrolabium; die Instrumente sind übrigens seit der »Teleskopierung« auch der geodätischen Instrumente, vom Ausgang des 17. Jahrhunderts an, vielfach mit Fernrohren statt der Diopter versehen worden.

2. Ptolemäus hat die von Hipparch erfundene konforme Projektion der Sphäre, die viel später (vom 17. Jahrhundert an) »stereographisch« genannt wurde, auf Aufgaben der sphärischen Astronomie anzuwenden gelehrt. Ein dazu dienliches Instrument, dessen Hauptteile also nichts sind als die winkeltreue azimutale Abbildung der Kugeloberfläche auf die Ebene nebst einem Zeiger, haben die Araber von den Griechen überkommen und verfeinert [3], und dieser Apparat, allerdings meist mit der in 1. beschriebenen einfachen Winkelmeßvorrichtung zu einem Instrument vereinigt, hat später ebenfalls den Namen Astrolabium (oder Planisphärium oder Astrolabium planisphaerium) erhalten [4].

Zahlreiche solche kombinierte arabische Astrolabien sind uns überliefert [5]. Aber noch weit in die neue Zeit herein hat der ganze Apparat eine große Rolle besonders für die graphischmechanische Auflösung sphärisch–astronomischer Aufgaben gespielt [6], und ähnlicher Vorrichtungen, wie dieser zweite Teil des ganzen Instruments eine vorstellte, bedienen wir uns heute zum Teil noch. Das Astrolabium planisphaerium bestand aus vier Teilen: 1. der Mater astrolabii, einer vertieften Scheibe mit Randteilung, die 2. das eigentliche Planisphär aufnahm; darüber lag drehbar 3. das Rete und über beiden ein drehbarer Zeiger; endlich zeigte 4. das Dorsum astrolabii (die Rückseite der Mater) ebenfalls eine Kreisteilung und eine Alidade, stellte also wesentlich das oben in 1. beschriebene einfache Höhenwinkelmeßinstrument vor, während die Vorderseite des Apparats zur graphisch-mechanischen Rechnung diente. Ost waren auch beide Vorrichtungen auf derselben Seite der Scheibe angebracht, vgl. z.B. das Astrolabium des Regiomontan, [6], [7], der übrigens dem Apparat nur astrologische Zutaten beigefügt hat.


Literatur: [1] Die Art und Weise der Anwendung des Instruments bei Ptolemäus, s. in einem Beispiel aus dem Almagest bei Wolf, Handbuch der Astron., II, (2), Zürich 1893, S. 622, Zus. 151. – [2] Vgl. Breusing, Die nautischen Instrumente bis zur Erfindung des Spiegelsextanten, Bremen 1890, S. 33–34; dazu die Geschichte des Diopters bei Wolf, 1. c., II (1), Zürich 1892, S. 18–20. – [3] Vgl. Wolf, Geschichte der Astronomie, München 1877, S. 162, und Anmerkung [5]. – [4] Jordanus Nemorarius, De Planisphaerii Figuratione (um 1200 verfaßt), edit. Commandinus, Venedig 1558: »Sphaeram in plano describere secundum similitudinem sphaeralium punctorum planisphaerium sive astrolabium nominatur«; vgl. dazu Wolf, Handbuch der Astron., II (1) (s. o.), S. 71. – [5] Vgl. außer [3] noch: Sédillot (sen.), Traité des Instruments astronomiques des Arabes, Paris 1834–35; einige literarische Notizen über arabische Astrolabien auch bei Günther, Math. Geographie, Stuttgart 1890, S. 261; ferner Wittstein, Ueber die Wasseruhr und das Astrolabium des Arzachel, Das Astrolabium, Zeitschr. Math. Phys. (Schlömilch), XXXIX (1894), Histor.-litter. Abteilg., S. 81 ff. – Hierfür seien die zwei leicht zugänglichen Abbildungen (in populären Werken) angeführt: [6] Ule-Klein, Wunder der Sternenwelt, Leipzig, o. J., 3. Aufl., S. 99. – [7] Weltall und Menschheit, Bd. 3, Berlin 1903 (Abschnitt von Förster), S. 115; das Original des Instruments befindet sich im German. Museum Nürnberg. – Die spätere höchst umfangreiche Literatur über das Astrolabium, unter der als eine der ersten ausführlichen Schriften Stöfflers Elucidatio fabricae ususque astrolabii, Oppenheim 1513 (1512), hervorragt, findet sich zusammengestellt bei Wolf, Gesch. d. Astron. (s. o.), S. 195; vgl. ferner Wolf, Handb. d. Astron., II (1) (s. o.), S. 70–74, und Günther, Die Kosmographie des Heinrich Schreiber (Grammateus) von Erfurt (1522), Zeitschr. f. wissenschaftl. Geographie, Weimar, 2. Jahrgang, S. 49 ff.

Hammer.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 1 Stuttgart, Leipzig 1904., S. 326-327.
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