Janina

[167] Janina (Joannina, türk. Jania), Hauptstadt eines Wilajets der europäischen Türkei, liegt in einer ausgedehnten, gut bebauten und bevölkerten Ebene, die als einzige größere offene Landschaft und wegen ihrer bequemen Zugänglichkeit der natürliche Mittelpunkt von Epirus ist. J. hat 14 Moscheen, 7 griech. Kirchen, 2 Synagogen, 1 griech. Gymnasium, 8 Schulen, eine starke Besatzung und 20–30,000 zur Hälfte christliche Einwohner, die überwiegend Griechen, wenngleich mit starker slawischer und albanesischer Beimischung, sind und, einschließlich der Mohammedaner und Juden, Griechisch sprechen (s. Tafel »Volkstrachten II«, Fig. 23 u. 24). Innerhalb der durch einen Graben von der Stadt getrennten Festung liegen Kasernen, Magazine und das ärmliche Judenviertel. Im vornehmsten Viertel im W. wohnen die hohen Beamten, die reichen griechischen Kaufleute und die wenigen Europäer. Konsulate haben Österreich-Ungarn, Großbritannien, Italien, Frankreich, Rußland und Griechenland. Die betriebsamen Griechen haben[167] J. zu einer bedeutenden Industriestadt (Fabrikation von Goldstoffen und Schnüren, Seidenzeug und Leder) gemacht, die auch, obwohl der Verkehr durch die Abtretung Thessaliens an Griechenland stark gelitten hat, als lebhafter Handelsplatz und Verkehrsknoten die ganze Einfuhr europäischer Waren nach Epirus vermittelt. J. ist Sitz der Regierungsbehörden und eines griechischen Erzbischofs und war Residenz Ali Paschas (s. Ali 3); doch ist von der damaligen Pracht Janinas und den damals von französischen Ingenieuren angelegten starken Befestigungen nichts mehr zu sehen. – J. liegt am Westufer des im Altertum Pambotis genannten, flachen (größte Tiefe 11 m) Sees von J., der aber im Altertum in seiner heutigen Ausdehnung möglicherweise noch gar nicht vorhanden war. Der fischreiche See erfüllt in 2 Stunden Längen- u. 1 Stunde Breitenausdehnung den tiefsten Teil des langgestreckten Beckens von J. (478 m ü. M.), wird als echter Karstsee von unterirdischen Quellen gespeist und teils durch Sauglöcher unterirdisch, teils durch einen sumpfigen Abfluß zum kleinen, in demselben Becken liegenden Lapsista-See entwässert, der unterirdisch sein Wasser an den Kalamas (s. d.) abgibt. Der See von J. hat im Sommer ein trübes, übelriechendes und wenig schmackhaftes Wasser und erzeugt Fieber. Sonst ist das Klima gesund. Östlich vom See erhebt sich der lange, kahle Kalkrücken des Mitschikeligebirges bis zu 1300 m. – Eine alte Stadt, ward J. von dem Kaiser Johannes Komnenos 1118 neu aufgebaut, bald danach von den Normannen zerstört, später von den Serben unter Stephan Duschan, dann von dem mazedonischen Tyrannen Thomas von Vodina beherrscht. 1422 unterwarf sich die Stadt dem Osmanen Murad und mußte eine türkische Besatzung aufnehmen. Von jetzt an stand sie unter dem gewöhnlichen Pascharegiment bis 1788, wo die despotische Regierung Ali Paschas von J. begann, die 30 Jahre dauerte. Nach Ali Paschas Ermordung (1822) kehrte sie unter die Botmäßigkeit des Sultans zurück.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907, S. 167-168.
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