Albrecht von Haller

[160] Albrecht von Haller gehört zu den berühmtesten Männern unsers Jahrhunderts, und kann wegen der Menge der Wissenschaften, die er umfaßte, und wegen des ausgebreiteten Einflusses, den er in verschiedenen Lagen seines Lebens als akademischer Lehrer, als practischer Arzt und als Staatsmann hatte, dem großen Leibnitz ohne Bedenken an die Seite gesetzt werden, wenn ihn gleich dieser an Scharfsinn und wahrem philosophischen Geiste übertroffen haben sollte. Er wurde 1708 zu Bern geboren, und bestimmte sich frühzeitig für die medicinischen Wissenschaften, die er zuerst in Tübingen und dann in Leyden unter dem berühmten Boerhave erlernte. Einige Reisen nach England, Frankreich und der Schweiz beschäftigten ihn bis zu dem Jahre 1728, wo er sich in Bern niederließ und Lazaretharzt ward. Die Stifter der Universität Göttingen, welche diese neue Pflanzschule der Wissenschaften mit den gelehrtesten Männern in jedem Fache zu besetzen wünschten, ersuchten ihn (1736), als Lehrer der Anatomie, Chirurgie und Botanik dahin zu kommen; und Haller, der eine so treffliche Gelegenheit, sich einen ausgezeichneten Wirkungskreis zu verschaffen und Vielen nützlich zu werden, nicht vorbeigehen lassen wollte, gab ihren Bitten Gehör, und vermehrte den Ruhm der neu gegründeten Universität bis in das Jahr 1753, wo ihn die Stärke der Vaterlandsliebe, eine mit seinem ersten Eintritt in Göttingen beginnende Abneigung gegen diesen Ort, und der Wunsch, seinen Mitbürgern nützlich zu werden, vermochte, nach Bern zurückzukehren. Er ward Mitglied des großen Raths daselbst, verbesserte in dieser Stelle die Medicinal-Anstalten des [160] Landes, beendigte einige politische Zwiste des Cantons Bern mit den übrigen Schweizer Cantons, und arbeitete noch überdieß eine Menge gelehrter Schriften aus. Wen auch diese letztern nicht gerade interessiren sollten, der würde doch Hallern aus seinen frühern Gedichten und politischen Romanen lieb gewonnen haben, wovon die erstern als vortreffliche Werke der feurigen Einbildungskraft der Jugend, und die letztern als Denkmahle des reifen Verstandes und des geübten Denkens mit Recht bewundert werden. Die nehmliche Aufmerksamkeit verdient das Tagebuch, das nach Hallers Tode, der 1777 erfolgte, erschien, und worin er mit der unparteilichsten Offenherzigkeit über seine Leidenschaften und Schwächen geurtheilt und sogar seinen Hauptfehler, den Stolz und das Wohlgefallen an Gunstbezeugungen von Königen und Fürsten, unverhohlen dargestellt hat. Es war aber leicht verzeihlich, daß er auf die Freundschaft der Großen stolz war, denn nur wenig Gelehrte können sich von ihnen solcher ausgezeichneten Belohnungen und Ehrenbezeugungen rühmen als Haller.

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Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 2. Amsterdam 1809, S. 160-161.
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