Vespasianus

[601] Vespasianus (Titus Flavius), röm. Kaiser von 69–79 n. Chr., war der Sohn eines helvetischen Geschäftsmannes, bahnte sich aber besonders durch seine kriegerischen Verdienste den Weg zu der höchsten Gewalt in dem von bürgerlichen Unruhen zerrütteten röm. Reiche. Nachdem er unter des Caligula Regierung in Deutschland, noch mehr aber unter Claudius als röm. Befehlshaber in Britannien sich ausgezeichnet hatte, wurde er Proconsul der Provinz Afrika, die er zwar mit großem Ruhm verwaltete, allein am Ende wegen der durch seine Strenge und Sparsamkeit entstandenen Unzufriedenheit der Soldaten, mit Verlust seiner Habe verlassen mußte. Dadurch kam er in solche Bedrängniß, daß er sich mit dem Sklaven- und Maulthierhandel die Mittel zu seinem Unterhalt erwarb, bis ihm der Kaiser Nero den Oberbefehl über das gegen die empörten Juden bestimmte Heer verlieh. Bald war von V.'s Umsicht und Tapferkeit Judäa bis auf Jerusalem wieder unterworfen und er wollte die Belagerung der Hauptstadt beginnen, als ihn das Heer, welches nach Nero's Tode drei Kaiser in einem Jahre ernannte, die aber alle bei den darüber ausbrechenden Unruhen umkamen, 69 n. Chr. zum Beherrscher des Reichs ausrief. Nachdem er auch in Rom als solcher anerkannt worden war, übergab er die Führung des jüdischen Kriegs seinem Sohne Titus, begab sich nach Rom und stellte im Reiche Ruhe und Ordnung wieder her. Seine verbessernde Wirksamkeit erstreckte sich auf alle Zweige des öffentlichen Lebens und von ihm wurden zuerst den öffentlichen Lehrern der Beredtsamkeit Besoldungen ausgesetzt, wie er denn überhaupt Künste und Wissenschaften freigebig unterstützte, In Rom betrieb er eifrig den Aufbau der noch vom Neronischen Brande her in Trümmern liegenden Gebäude, stellte das unter seinem Vorgänger abgebrannte Capitol her, führte Tempel und jenes große Amphitheater auf, dessen Überreste als Coliseum (s. Amphitheater) bewundert werden. Die Mittel dazu verschaffte er sich bei dem gänzlich erschöpften Zustande des öffentlichen Schatzes mitunter freilich auf eine Weise, welche ihm in Verbindung mit seiner Sparsamkeit den Vorwurf des Geizes zuzog. Seine übrigens treffliche Regierung (s. Römisches Reich) fand jedoch allgemeine Anerkennung, und V. war nach August der erste röm. Kaiser, welcher eines natürlichen Todes starb. Als er im 70. Jahre die Nähe seines Endes fühlte, ließ er sich von seinem Lager aufhelfen, weil ein Kaiser stehend sterben müsse, und sank seiner Umgebung in die Arme. Senat und Volk von Rom errichteten dem V. und seinem Sohne Titus wegen der Besiegung der Juden einen Triumphbogen (s.d.), von welchem Überreste mit ausgezeichneten Basreliefs vorhanden sind.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 601.
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