Tyrus

[249] Tyrus, einst einer der wichtigsten Handelsplätze des alten Phöniziens, eine majestätische Handelsfregatte von Marmor und Gold, die stolz ankerte auf hohen, ringsum vom mittelländischen Oceane umrauschten Felsen, die weit aussandte ihre Boote über das Meer nach Britanniens Zinn, nach dem Bernstein der Ostsee, nach den Schätzen Hesperiens. Doch nicht blos dem erwerbenden Fleiße, auch der Kunst und Wissenschaft baute sie liebende Stätten. Darum neigte sich auch über sie die Bläue des Himmels, und die Sterne flüsterten ihr ihre Geheimnisse zu, so daß sie, dieser Mahnung folgend, zuerst ihre Schiffe auch während des Wehens der Nacht über die Wellen senden konnte. So wob sie den Silberschleier ihrer Macht auch über ferne Zonen; längs Afrika's und Iberiens Küsten senkte sie still und heimlich manch' schöne Perle aus ihrem reichen Diademe in den Schooß der Fremde; und zwei[249] leuchtende Kinder, Gades, jetzt Cadix, und das stolze Karthago, erblühten vor Allen fröhlich unter ihren mütterlichen Strahlen. Einer ihrer Könige, Hiram, wandelte Hand in Hand mit dem Könige Salomo durch die Cedernwälder des Libanon, und beide durften sich neidlos sonnen an dem Reichthume ihrer Völker. Nach Tyr, dem Gotte der aufsteigenden Frühlingssonne, hatte sich T. genannt: doch auch seine Sonne sollte hinuntersteigen in den Ocean der Vernichtung. Von Alexander erobert nach einer siebenmonatlichen, fürchterlichen Belagerung, fiel es später in die Gewalt der Saracenen, bis es jetzt unter dem Namen Sur sich nur noch zitternd an den alten Felsen anschmiegt, ein kleiner, verlassener Ort, – die letzte goldene Zähre im erstorbenen Auge der phönizischen Geschiche.

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 10. [o.O.] 1838, S. 249-250.
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