Diät

[369] Diät, griech., die Ordnung der Lebensweise hinsichtlich der Nahrungsmittel und Getränke, wie solche besonders bei Kranken nöthig ist. Im weitern Sinne umfaßt jedoch die D. die gesammte körperliche und geistige Lebensordnung, welche bei den verschiedenen Gesundheitsverhältnissen (nach Alter, Constitutionen, wechselnden äußeren Einflüssen, z.B. Jahreszeiten, Klimaten, gesellschaftlichen Verhältnissen, Stand, Beruf, Gewerbe, Zusammenleben mehrerer oder vieler Leute etc.) und in verschiedenen Krankheiten jeweils zuträglich und nöthig erachtet wird. Dies nennt man öfters auch diätetisches Regimen – umfaßt somit außer den Vorschriften in Bezug auf Art, Menge, Zeit der Aufnahme etc. der Nahrung und Getränke, auch die Lebenseinrichtung in Betreff der Bekleidung, Bewegung, des Schlafes, der Hautcultur, Sorge und Pflege für die übrigen körperlichen Verrichtungen, so wie die Regelung der psychischen Thätigkeit in Art, Maaß und Wechsel von Ruhe und Anstrengung, ja selbst der moralisch-religiösen Geistesrichtung. Ihr Zweck ist die regelmäßige Entwicklung und Erhaltung oder Wiederherstellung der körperlichen und geistigen Gesundheit. Der Werth und Einfluß dieser Anordnungen ist selbstverständlich. Die Lehre von diesen natürlichen u. gesundheitsgemäßen Lebenseinrichtungen, die Gesundheits-Kunde u. -Pflege heißt man Diätetik oder Hygiene. Diese ist die practische Seite der Physiologie, d.h. der Lehre von der Natur und den Erscheinungen des Lebens. Sie schöpft ihre Kenntnisse aus dieser Wissenschaft und der practischen Erfahrung, und bestellt den Arzt zum Gesundheitsrathgeber. Populär sind diese practischen Lebensregeln unter verschiedenen Benennungen: Gesundheitslehre, Hausarzt etc., selten aber in wissenschaftlich richtiger Weise bearbeitet worden. Das berühmteste dieser Belehrungsbücher ist Hufelands Makrobiotik, oder die Kunst alt zu werden, jetzt in 7. Aufl. erschienen; ebenso empfehlenswerth ist die Gesundheitslehre von Dr. L. Griesselich, Karlsr. 1844. – Daß diese Lebensgrundsätze noch lange nicht zureichend beherzigt werden, geht daraus hervor, daß gar vielfache durch naturgemäße Lebensordnung zu verhütende Krankheiten, wie die Scropheln, chronische Unterleibsstörungen etc. eher zu- als abnehmen, während man bei Nutzpflanzen und Hausthieren die zu deren Gedeihen passende natürliche Pflege sorgsam beachtet. – Die nützlichen Erfolge der homöopathischen u. Kaltwasser-Curen, besonders in chronischen Krankheiten, welche bei Belassen irriger Lebensweise den Bestrebungen der erfahrensten allopathischen Aerzte widerstanden, lassen sich zumeist auf die Beseitigung dieser Hemmnisse zurückführen. Es ermöglicht die Vereinfachung und naturentsprechende Ordnung der Lebensweise oft allein schon die Rückkehr des Körpers zu seinem Gesundheitszustande gerade so, wie die richtige Lebensweise auch den meisten Erkrankungen vorbeugt. – Zu weit gehen jedoch die sog. Naturärzte, welche in der D. das alleinige Heilverfahren erblicken und alle Arzneien verwerfen, und in Folge ihres nur oberflächlichen Naturverständnisses ebenso im andern Extreme gar vielen Kranken die Wiedergenesung vorenthalten. Am wichtigsten sind die diätetischen Vorschriften in den Krankheiten, ja deren Geringschätzung und Nichtbefolgung verhindert nicht selten bei der sonst richtigsten ärztlichen Behandlung die Heilung. Gewöhnlich beschränken sich die Fragen des Kranken und Anordnungen der Aerzte nur auf Nahrung und Getränke, während doch öfters auch die andern Seiten der Lebensweise auf die Gesundheit feindlich einwirken, oder deren umsichtige Regelung (auch des geistigen Lebens) die absolute Bedingung zur Genesung enthält. – Die erheblichsten D.fehler, die anstatt der schon nahen Heilung oft noch den tödtlichen Ausgang einer Krankheit verursachten, betreffen allerdings die Ernährungsweise, und es [369] dürfte deßhalb nicht überflüssig sein, auf die hauptsächlichsten Arten dieser D.anordnungen in Krankheiten aufmerksam zu machen. – Man unterscheidet gewöhnlich: 1) die einfache oder Fieber-D., auch strenge D., bestimmt zumal für fieberhafte und Entzündungskrankheiten; dieselbe besteht nur in magern (Rahm-) Suppen u. Wassergetränke, ohne oder mit gekochtem Obst; 2) die magere oder vegetabilische D., in denselben Krankheiten sowie bei der Entziehungscur mancher chronischer Krankheiten im Gebrauch, bestehend aus leichten Fleischsuppen, leichten Gemüsen (Reis, Gerste, Schwarzwurzeln etc.), gekochtem Ob st, etwas weißem Brod u. Wasser zum Getränke; 3) mittlere animalische D., bei den der Reconvalescenz sich nähernden Kranken: gewöhnliche Fleischbrühsuppen, leichtes Gemüse (gelbe Rüben, Meerrettig), etwas Kalbs-, Hammel-, junge Hühner-Fleisch, und Weißbrod, auch etwas Kaffee enthaltend. Eine Variation der mittlern Kost ist die Milch-D. mit leichtern Mehlspeisen, und warmer Milch zum Getränke, angewendet in Fällen, welche nahrhafte und doch reizlose Kost erfordern; 4) die volle oder gewöhnliche D., für Reconvalescenten bestimmt, enthält auch gewöhnliche Gemüse (Kartoffeln, Kohlarten), Ochsenfleisch, halbweißes Brod, und etwas Bier oder Wein zum Getränke. – Die Menge und Art dieser Kostformen erleidet nach der volksthümlichen Lebensweise, den Erträgnissen der verschiedenen Länder und Gegenden, den climatischen Unterschieden, den Jahreszeiten etc. mehrfache Abweichungen. – Es wäre deshalb Jedermann zu empfehlen, sich mit den in den Spitälern eines Wohnbezirks üblichen, solchen besonderen Verhältnissen jeweils angepaßten Beköstigungsvorschriften bekannt zu machen. Den Aerzten würde die Einführung und Angewöhnung an eine solche, mehr gleichmäßige Krankenkost eine größere Garantie für die Befolgung der Diätsanordnung darbieten, und die Belehrung in jedem einzelnen Falle erleichtert und weniger Mißverständnissen unterworfen sein.

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Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1854, Band 2, S. 369-370.
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