Faultier

[354] Faultier (Bradypus L.), Säugetiergattung aus der Ordnung. der Zahnlücker (Edentata) und der Familie der Faultiere (Bradypoda), gedrungen gebaute Tiere mit rundem, affenähnlichem Kopf, kleinem Maul, kleinen Augen und Ohren, verhältnismäßig langem Hals, kaum sichtbarem Schwanzstummel und gewaltigen Sichelkrallen an den Extremitäten, von denen die vordern bedeutend länger sind als die hintern. Das Gebiß besteht aus fünf zylindrischen Backenzähnen in jeder Reihe, Schneidezähne fehlen vollständig. Der Körper ist mit langen, dürren Haaren bedeckt, die den Strich von der Bauchseite nach dem Rücken zu haben. Die Faultiere leben als unbehilfliche Baumtiere in den großen Urwäldern der feuchten Niederungen Südamerikas, höchstens zu[354] einer Familie von wenigen Mitgliedern vereinigt. Sie sind äußerst träge, beharren stumpfsinnig in gleicher Stellung, den Leib nach unten gerichtet, in den dichtesten Baumkronen an einem Ast hängend, klettern langsam, aber ziemlich geschickt, während sie sich auf der Erde nur schwerfällig fortbewegen. Sie nähren sich von Blättern und Früchten, lecken den Tau und hungern unter Umständen sehr lange; ihre Sinne sind stumpf, und besonders das Auge ist blöde und ausdruckslos. Ihre geistigen Fähigkeiten sind gering, und die Mutter bekümmert sich kaum um das eine Junge, das sie wirft. Bei der Verteidigung umklammern sie den Feind, pressen ihn mit großer Gewalt an sich und halten ihn tagelang fest. Sie sind gegen Verwundungen sehr unempfindlich und bekunden selbst gegen Pfeilgift große Lebenszähigkeit. Das Fleisch riecht und schmeckt unangenehm, wird aber von den Eingebornen und Negern gegessen. Das sehr zähe, dauerhafte, starke Fell wird gegerbt und dient zu Überzügen und Taschen. Das dreizehige F. (, Bradypus pallidus Wagn., B. tridactylus Pr. W.), 48 cm lang, mit 4 cm langem Schwanz und drei Sichelkrallen an jedem Fuß, ist blaßrötlich, aschgrau, am Bauch silbergrau, mit einem dunkeln und zwei weißen Längsstreifen auf dem Rücken und einer breiten weißlichen Binde von den Augen zu den Schläfen; es bewohnt die Ostküste Brasiliens bis Rio de Janeiro; andre Arten leben im östlichen Brasilien und Peru, eine Art besonders im nordwestlichen Brasilien. Zur Gattung Choloepus Illig., mit zweizehigen Vorderfüßen und ohne Schwanz, gehört der Unau (Ch. didactylus Illig., s. Tafel »Zahnlücker II«, Fig. 1), graubraun, etwa 70 cm lang, im nördlichen Südamerika. Auf dem Haar des Aï lebt eine einzellige grüne Alge, Pleurococcus bradypi Kühn, die dem Tier einen allgemeinen grünen (sichernden) Farbenton verleiht. Auf dem Haar des Unau lebt ähnlich die Alge P. choloepi. Die Faultiere stammen von den Glanzzähnern (Ganodonta) ab, die nur aus dem Eocän Nordamerikas bekannt sind und schon vor Abschluß der Eocänzeit anscheinend vollständig aus ihrem Ursprungsland verschwanden. Reste echter Faultiere finden sich zuerst im Oligocän Südamerikas. Diese Riesenfaultiere (Megatheriidae), gigantische, plumpe Geschöpfe, zu denen die Gattungen Megatherium (s. Tafel »Diluvium I«, Fig. 3), Scelidotherium, Mylodon (s. Tafel »Diluvium I«, Fig. 12), Lestodon u. a. gehören, bevölkerten den Erdteil, wanderten z. T. in der Pliocänzeit nach Mittel- und Nordamerika aus, und große Megalonyx-Arten scheinen die Eiszeit überstanden zu haben und Zeitgenossen des vorgeschichtlichen Menschen in Nordamerika gewesen zu sein. In dem südlichen Teil Patagoniens hat man sehr wohl erhaltene Hautreste, Schädel und Knochen gefunden, die einem Riesenfaultier Grypotherium domesticum Roth. angehören, das anscheinend vom Menschen in Höhlen als Haustier gehalten wurde, vielleicht seit einigen Jahrhunderten ausgestorben ist, vielleicht aber auch jetzt noch lebt.

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Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 6. Leipzig 1906, S. 354-355.
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