V. Der Mensch des IV. Jahrhunderts bis auf Alexander

Seit dem Peloponnesischen Kriege wird die griechische Kulturgeschichte wesentlich zur griechischen Geschichte schlechthin. Früher war der Hellene nur zu begreifen als lebendiger Bestandteil seiner Polis, auf welche sich all sein Dichten und Trachten und seine Sittlichkeit bezog. Allein die Entwicklung der Demokratie nach ihren düstern Seiten und die Verwilderung, welche der Peloponnesische Krieg über die hellenische Menschheit brachte, lösen – im Grunde sogar in Sparta – die Fähigsten innerlich und zum Teil auch äußerlich von ihrer Polis ab; die einen wollen nur noch den Staat und die Lage Griechenlands beherrschen und ausbeuten, ohne sich in ihrem Innern an irgendetwas gebunden zu fühlen. Die andern leben für geistige Interessen, die mit dem Staat nichts mehr zu tun haben; die meisten endlich wollen nur noch genießen; viele gehören als Söldner jedem zahlungsfähigen Mächtigen.

Dies ist der Typus des IV. Jahrhunderts. – Allein die Nation in dieser ihrer Umgestaltung hatte noch enorme individuelle Kräfte und eine große Zukunft; sie sollte in den beiden folgenden Jahrhunderten der Sauerteig für den ganzen vordern Orient und die intellektuelle Schule für die Römer werden. Der Hellenismus ist das auf die ganze Welt angewandte und von der ganzen Welt in Anspruch genommene Griechentum, das große Mittel der Kontinuität des Geistes zwischen der ältern und der römischen und mittelalterlichen Welt.

Wir sollen uns alle Anwendungen des Wünschens auf vergangene Zeiten abgewöhnen, schon weil wir in unserer Gegenwart und in unserm täglichen Leben töricht zu wünschen pflegen. Allein wenigstens in betreff des Hellenismus können wir die Dinge unmöglich anders wünschen als sie geschehen sind. Wir können – und hierbei handelt es sich nicht bloß um das Kuriositätsinteresse des Historikers – nicht wünschen, daß statt der makedonischen Obmacht in Griechenland und der Eroberung Persiens etwa eine Überwältigung des entzweiten und zerrütteten Griechenlands durch irgendeine neue barbarische Naturmacht Asiens oder des[269] skythischen Nordens stattgefunden hätte. Wir können nicht wünschen, daß Rom, wie in diesem Falle wohl geschehen wäre, ohne die hellenistische Bildung blieb; denn nur dem Philhellenismus der Römer für ein noch am Leben befindliches Griechenland verdanken wir es, daß die Kultur der ganzen alten Welt weitergelebt hat. Das hellenistische Römertum aber war der unentbehrliche Boden für die Verbreitung des Christentums. Und das Christentum, abgesehen von seiner Eigenschaft als Religion, sollte dann die einzige Brücke werden, welche die alte Welt mit ihren germanischen Eroberern zu verbinden bestimmt war. In dieser ganzen Kette von Ursachen und Wirkungen aber ist der Hellenismus der wichtigste Ring.


Indem wir mit der Veränderung des geographischen Akzents beginnen, müssen wir vor allem des Sinkens von Großgriechenland gedenken. Schon während des peloponnesischen Krieges (420) war Cumä, das sich früher tapfer für seine Freiheit gewehrt hatte, von den Campanern genommen worden, welche die Einwohner ausmordeten oder verkauften, und nicht lange ging es, so war Neapel die letzte griechische Stadt dieser Gegend. Am Anfang des IV. Jahrhunderts sodann wiederholten sich die Angriffe der Lukaner auf die Städte am tarentinischen Golf, die sich (393) zu einem Schutzbündnis gegen die Barbaren und den diesen verbündeten ältern Dionys zusammengetan hatten, aber nach der vernichtenden Niederlage der Thuriner bei Laos (390) größtenteils den beiden Gegnern unterlagen. Dann kam das Vordringen der Samniten und der Brettier, die zur Zeit, da der Reisebericht des Skylax verfaßt wurde (um 356), viele Griechenstädte unterworfen hatten und das Land vom tyrrhenischen zum ionischen Meere besaßen. Nur Tarent, das in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts seinen als Staatsmann und Feldherrn wie als pythagoreischen Philosophen, Mathematiker, Mechaniker und Musiktheoretiker bedeutenden Archytas hatte, war in langen Kämpfen mit den Messapiern schlagfertig geblieben. Abgesehen von den Söldnern soll es aus seiner Bürgerschaft 20000 Mann zu Fuß und 2000 zu Pferde haben aufbieten können; die Bevölkerung war aber gewiß stark italisiert und ihre Beziehungen zur Halbinsel stärker als die zu Altgriechenland. Als dann die Lukaner ihre ganze Macht gegen Tarent, Metapont und Heraklea wandten, warb man hier doch periodisch fremde fürstliche Kondottieren, und zwar zuerst Archidamos III. von Sparta, der 338, wie es heißt, an demselben Tage unterging, da die Griechen bei Chäronea unterlagen, sodann Alexander von Epirus, den Bruder der Olympias, welcher sagen konnte, das Schicksal gönne seinem Neffen Siege über Weiber, ihm harten Kampf mit Männern; nach bunten Erfolgen entzweite er sich mit den Tarentinern selbst und kam (332) nach dem unglücklichen Gefechte bei[270] Pandosia durch Mord um. Zuletzt (303) sollte der ruchlose Spartaner Kleonymos gegen Lukaner und Römer helfen, der nämliche, der später aus Wut und Rache Pyrrhos gegen Argos geführt hat. Nach anfänglichen Erfolgen zeigte auch der sich durchaus unzuverlässig und plünderte u.a. mit den Lukanern das griechische Metapont. Trotz dieser Schläge, die das Griechentum in Unteritalien empfing, blieben zwar die größern Griechenstädte: Thurii, Metapont, Heraklea, Rhegion und, wie gesagt, Neapel, einstweilen, wenngleich geschwächt und öfter abhängig, bestehen, ja selbst auf dem platten Lande und in den kleinern Städten wurden die Hellenen geduldet, und z.B. Kyme, Poseidonia, Laos, Hipponion blieben, wie Skylax und die Münzen lehren, auch unter samnitischer Herrschaft noch Griechenstädte1. Indes manche wurden doch zerstört oder ganz von Fremden bewohnt, und auch, wo sich noch ein Stock von griechischen Bürgern hielt, waren diese ihrer Feldmark beraubt und krochen innerhalb ihrer Mauern auf einen engern Umfang zusammen; auch muß z.B. den Bewohnern von Poseidonia (Pästum) nach der schönen, früher2 von uns angeführten Stelle des Musikhistorikers Aristoxenos ihr Schicksal doch so vorgekommen sein, als wären sie dem Barbarentum verfallen. Vielfach sprach man nun eben wohl sabellisch und griechisch nebeneinander. Daneben brachte es freilich eine merkwürdige Eigenschaft des hellenischen Geistes wiederum mit sich, daß das Griechische als Sprache und Kultur bei den unteritalischen Barbaren selbst ziemlich stark weiterwucherte3; aber immerhin hat hier ein großer Kapitalverlust griechischen Geblütes stattgefunden.

In Sizilien, wo früher schon die löblichen Tyrannen die Stadtbevölkerungen aufs gewaltsamste gemischt hatten4, hatte das Scheitern des attischen Angriffs die Nachwirkung, daß das halbgriechische Egesta, das nun die Rache aller Sikelioten fürchtete, Karthago zu Hilfe rief. Hannibal, von Natur ein Hellenenfeind, der außerdem seinen am Himeraflusse unterlegenen Großvater Hamilkar zu rächen hatte, erschien (408) und nahm nacheinander Selinunt, Himera, Agrigent, Gela und Kamarina, deren Einwohner teils vernichtet, teils ausgetrieben wurden. Nach diesem riesigen Aderlaß an dem sizilischen Griechentum ist es der beste Rechtstitel des ältern Dionys (405 bis 367), daß ohne ihn ganz Sizilien bleibend unter Karthago gefallen und der griechisch-abendländischen Kultur entzogen worden wäre5; derselbe benützte aber, wie man bald[271] einsah, das Entsetzen vor den Karthagern nur, um über Griechenstädte zu herrschen, und hatte gar kein Interesse daran, jene vollständig zurückzudrängen6, ja er ließ sie, wenn er sie hätte vernichten können, absichtlich schlüpfen. Und seine Mittel waren haarsträubend; denn gegen Griechenstädte scheint er keine andere Alternative gekannt zu haben, als entweder Zernichtung des griechischen Volkes oder Übersiedelung desselben nach Syrakus. In dieser Millionenstadt wimmelte es durch eine unglaubliche Neumischung von alten und neuen Bürgern aller Art, darunter auch freigesprochenen Sklaven und besonders vielen Söldnern; an diese bunte Masse wurden ganze Quartiere neu verteilt, in Ortygia aber, um die Burg, ließ der Herrscher nur seine speziellen Anhänger und seine Söldner wohnen, und an solche hatte er als Lohn auch die Städte gegeben, deren alte Einwohner er in Syrakus konzentrierte. – Wie man sieht, ist dieser terroristische Besitzwechsel von Stadt und Land die völlige Negation der Polis, d.h. des eigentlich Hellenischen; aber Dionys tat damit, was man tun mußte, wenn man die Einwohner mehrerer Poleis zusammen beherrschen wollte, mochte daneben auch das Tyrannenstreben nach einem Großstaat von Sizilien, wozu die karthagische Gefahr immer neuen Vorwand lieh, in den leidenden Poleis eine Kraft und eine Wut erregen und steigern, wie sie sonst nur etwa in den furchtbarsten Religionskämpfen vorkommt. Die Karthager und den Tyrannen loszuwerden, war eben ein Ideal, das nicht mehr erreicht werden konnte, und so hielt sich wenigstens Syrakus während der letzten zwei Drittel dieser Regierungszeit ruhig.

Es folgt die Herrschaft des jüngern Dionys, der nicht viel anderes als ein Schwelger und ein entsetzlicher Tyrann war, und dann die unnütze sogenannte »Befreiung« durch Dion, wodurch nur die Hilflosigkeit der Griechen zutage gebracht wurde7, Die Folge aller dieser Wirren war, daß zur Zeit der Wiederkehr des Tyrannen (346) Syrakus fast verödet, das übrige Sizilien durch Vertreibung der alten Bewohner im jämmerlichsten Zustande, die meisten Poleis im Besitze bunt zusammengewürfelter Barbarenmassen, zumal unbesoldeter Söldner waren, deren Anführer Tyrannen wurden8. Dabei mischte sich Karthago immer aufs neue in die sizilischen Dinge, und die Insel war verloren, wenn das Mutterland nicht zu ihrer Erhaltung die letzten Anstrengungen machte. Dies hat Timoleon[272] von Korinth nach Sizilien geführt, dessen ganze Unternehmung zweierlei Wert hat, indem sie erstlich ein freier Willensakt des Griechentums und dann ein unentbehrliches Glied der Kette von Ursachen war, welche Sizilien beim Stamme Japhet festhielten; eine Heilung des sizilischen Jammers aber war sie nicht, sondern nur eine Pause zwischen zweierlei Jammer. Als er kam, trauten ihm die unglücklichen Städte anfangs gar nicht, weil sie allen Anführern von Truppen gegenüber verbittert waren und nur den Herrn zu wechseln fürchteten. In dem bevorzugten Syrakus hatte die Agora hohes Gras getrieben, wo Pferde weideten und Roßhüter lagerten; auch die meisten andern Städte waren voll von Hirschen und wilden Schweinen; in den Vorstädten jagte man; aus den Burgen und Zitadellen, wohin demnach die Bevölkerung zusammengekrochen war, ging niemand in die Stadt hinab; sie schaudertenA1 vor allem, was Agora, politisches Treiben und Rednerbühne hieß, weil von diesen Dingen her die meisten Tyrannen über sie gekommen waren9. Durch Timoleons Verdienst wurde dies nun anders. Syrakus füllte sich wieder durch die Ankunft zahlloser früherer Verbannter und anderer Ansiedler; denn die Korinther ließen bei Agonen und Festen, und wo immer noch sikeliotische Flüchtlinge waren, bis nach Asien jeden, der zurückkehren wollte, hierzu einladen, daher denn der Gesamtzuzug aus Korinth, Griechenland und Italien 60000 Mann betrug, denen Korinth freie Überfahrt gewährte. Auch in den andern Städten, in Leontini, Apollonia, Entella wurde die Demokratie hergestellt, das Hellenentum als solches erhob sich, und die punische Herrschaft wankte. Und als dann Timoleon (339) die Karthager am Krimisos geschlagen, folgte auch der Untergang der einzelnen Söldner-Tyrannen in den Städten; der Friede mit Karthago aber ließ diesem bloß das Gebiet westlich vom Halykos; und ferner mußte es den Griechen dieses Gebiets freien Abzug gestatten und versprechen, keine Tyrannen mehr zu unterstützen.

Timoleon erlebte vor seinem Tode (336) noch den allgemeinen Zustrom aus dem von Philipp bedrohten Griechenland und aus den von den Lukanern bedrohten großgriechischen Städten, und Sizilien hatte jetzt wirklich eine neue Blüte; außer Syrakus erholten sich auch Agrigent, Gela, Kamarina usw. wieder etwas, letztere hauptsächlich mit Hilfe von Eleaten und Keiern, welche die altenA2 Bürger mit sich führten. Von Neuansiedlern in Syrakus aber stammte ab der rheginische Flüchtlingssohn Agathokles, der dann nach neuen Parteiwirren die Tyrannis wiederhergestellt und achtundzwanzig Jahre (317-289) innegehabt hat. Sein Tun[273] gegenüber der hellenischen Bevölkerung ist wesentlich das des ältern Dionys, nur noch greller. Aber auch seine Herrschaft muß als das einzige Mittel der Rettung vor Karthago betrachtet werden; die Städte, die sich ihr entziehen wollten, hatten, wie früher die Tyrannen, keine andere Wahl als ad hoc diesem zu huldigen. Nach seinem afrikanischen Zuge aber und nach entsetzlichen Kämpfen aller Art blieb es wieder bei einer Teilung der Insel zwischen den beiden Mächten, nur so gab es auch unter ihm (wie unter Dionys) in seinen letzten Zeiten wieder einige Erholung für das unglückliche Land.

Während so die Poleis Siziliens eine im Sterben wütende letzte Kraft darstellen, kommt es auch in andern griechischen Gegenden zu verschiedenen Bevölkerungsveränderungen. Mausolos von Karien (377-353) verpflanzte die Einwohner von sechs Lelegerstädten nach Halikarnaß und ließ nur zwei bestehen10. Um die nämliche Zeit (366) gründeten die Bewohner der Insel Kos ihre glänzende Hauptstadt und brachten sie zu großer Blüte11; im Peloponnes aber entstanden nach Leuktra die großen Gründungen des Epaminondas: Megalopolis und das neue Messene. Daß dagegen nach dem heiligen Kriege Phokis nicht völlig vernichtet wurde, war einzig das Verdienst Philipps, dem die völlige Wehrlosigkeit genügte, während die Nachbarn die Zernichtung wünschten. So wurden zweiundzwanzig phokische Städte ihrer Mauern beraubt, alle Pferde verkauft, alle Waffen zernichtet. Was die Ränder der griechischen Welt betrifft, so werden Pontusgriechen damals sehr im Abnehmen gewesen sein; in der Cyrenaika muß sich das Griechentum vollständig behauptet haben; denn man konnte von dort bei der Rekonstruktion Messeniens Leute abgeben. An der Küste von Ionien behauptete sich, auch als dem abziehenden Agesilaosheere der persische Steuereinnehmer auf dem Fuße gefolgt war12, das griechische Leben, wie es scheint, vollständig, und als persische Häfen und vielleicht Industrieorte mochten die dortigen Städte die »Befreiung« vielleicht kaum mehr sehr wünschen13. Das südliche Thrakien, das im V. Jahrhundert als Verbündeter wie als Feind unter stürmischen Häuptlingen in den griechischen Dingen eine Rolle hatte spielen können, zerfiel, nachdem König Seuthes, der Brotherr des Restes von Xenophons Zehntausenden, gestorben war, in Einzelfürstentümer und wurde ungefährlich; die große Einbuße, welche Hellas an der[274] dortigen Küste durch die Zerstörung der chalkidischen Städte erlitt, war nicht das Werk der Thraker, sondern Philipps von Makedonien. Epirus14 war wegen seiner adriatischen Lage nicht zum Eingreifen in die griechischen Dinge geeignet15 und zählte überhaupt nur als barbarisch gewordene Naturkraft mit, die gefährlich werden konnte, wenn sie einheitliche Herrscher bekam. Aber freilich konnte es noch ein Glück sein, wenn diese Halbbarbaren stark genug waren, um völlig barbarische Völkerwellen von den Griechen abzuhalten; hat doch 378 eine bloße Hungersnot genügt, damit die nordthrakischen Triballer mit einer Zahl von 30000 Mann Abdera überfielen und dem Untergang nahebrachten16.

Und nun Makedonien und seine hellenische Zukunft. An dieses Land knüpften sich wenigstens althellenische Erinnerungen; denn laut Herodot waren die Dorer einst Makedonier gewesen; der Stammvater des Volkes hieß Pelasgos; die Sprache schien nur den Hellenen barbarisch, so gut wie die der Anwohner des Acheloos; sie gehörte im übrigen derselben Sprachenfamilie an wie das Griechische und mochte mit diesem etwa so verwandt sein wie das Schwedische und Dänische mit dem Deutschen17, wobei einige Barbarisierung durch Einwirkung der Illyrier nicht ausgeschlossen ist. Die Fürstenhäuser aber galten für hellenisch, indem irgendwann korinthische Bakchiaden nach der Lynkestis und argivische Temeniden (also Herakliden) nach der Orestis18 gelangt waren. Und diese Temeniden hatten dann die Strandebene Emathia erobert, welche durch ihre Einwohner, die (angeblich samt ihrem Apollsdienst aus Kreta hergelangten) Bottiäer und die durch ihren Dionysos- und Musenkult bekannten Pierier, sowie durch die griechischen Strandkolonien dem Griechentum schon sehr offen stand. Die Bedeutung Makedoniens bestand nun zunächst vor allem darin, daß es Hellas im Norden gegen die völligen Barbaren, die Illyrier und wohl auch schon die Kelten, deckte19; hochwichtig ist aber, daß die Könige seit demjenigen Alexander, der die Hellenen bei Platää von dem bevorstehenden Angriff unterrichtete, alle in irgendeinem Sinne Philhellenen waren, nur daß der eine mehr hellenische Kultur, resp. Zelebrität, der andere mehr hellenische KüstenStädte[275] begehrte. Zumal Archelaos (413-399) nahm während des Peloponnesischen Krieges eine soziale Stellung ein etwa wie Philipp von Burgund während der Zerrüttung Frankreichs; auch ließe sich die Art, wie man zu ihm nach seiner Hauptstadt Pella20 ging, mit dem Zug neuerer Westeuropäer nach Rußland vergleichen21; seine Absicht war, sich hellenischer Bildung zu bemächtigen zum Zweck künftiger Herrschaft über die Hellenen. Die auf den Tod des Königs Amyntas (390-369) folgenden schrecklichen Wirren führten dann u.a. die Thebaner als Schiedsrichter in das Land, und der von Pelopidas unterstützte Ptolemäos mußte mit dreißig andern vornehmen Knaben seinen Schwager Philipp nach Theben geben. Dies ist der geniale Mensch, in dessen Händen der wenig beachtete Staat zum Herrn von Hellas werden sollte.


Während nun die hellenische Nation im ganzen materiell zurückging, führte die Zerrüttung des Staates mit Notwendigkeit die weitere Erschütterung der Sittlichkeit mit sich. Bei den Griechen hatte sich, wie gesagt, das ganze sittliche und geistige Leben auf den Staat bezogen, selbst die Familie war wesentlich eine politische Anstalt, und auch die Religion hatte keine stärkere Seite als das Lokale. Dieser Staat aber hatte sich, so lange er ganz, d.h. in den Händen einer bestimmten Richtung gewesen war, als das Göttliche betrachtet und sich und seiner Allmacht alles erlaubt. Sowie er nun in die unrechten Hände kam, und sowie man anfing, sich die Heimat zu verbittern, indem man sich politisch auf das äußerste verfolgte, mußte alles aus den Fugen gehen, die Religion nicht ausgeschlossen22. Und nun zerrissen in Wahrheit die Titanen der schrecklichsten Zwietracht diesen Zagreus. Als dies aber geschehen und der Gott in Stücke gegangen war, mochten sich die Griechen selber ganz abscheulich vorkommen23. Einem Teile war es gegeben, vermittelst einer kühnen[276] Resolution als Philosophen zur Apolitie überzugehen; für die Mehrzahl war mit der Polis ihr Stolz und Kultus dahin, der höchste Zweck aller ihrer Anstrengungen, die höchste Darstellung ihres Wesens. Daher wurde denn auch trotz allem die Polis nach Kräften hergestellt, aber freilich in ärmlicher Gestalt. Und immer von neuem erwachten durch die Anarchie in den griechischen Gemütern die Kämpfe bis zu der definitiven tödlichen Schwächung, welche im II. Jahrhundert v. Chr. sichtbar wird.

Da aber die Göttlichkeit der Polis seit dem Ende des Peloponnesischen Krieges verschwunden war, erhoben sich neue Götter und zwar in Gestalt zunächst jener ruchlosen Outlaws, an deren Spitze Lysander steht24, dann der Tyrannen des spätern Typus und endlich Philipps von Makedonien. Unter Betörung von Gaffern und Mutlosigkeit und Abwendung der Bessern sucht sich aus den Trümmern der alten Ordnung bald hier, bald dort, zum Teil mit direktem Anspruch auf göttliche Verehrung, die persönliche Herrschaft zu befestigen. Die »Bessern« aber glauben nur noch »besser« sein zu können, wenn sie sich, wie gesagt, vom Staatswesen nach Kräften abwenden, demselben nur noch passiv oder gar nicht angehören. Was endlich beim Bankrott der Poleis an Glaube und Hoffnung nach neuerm Geschmack der einzig mögliche Ersatz gewesen wäre: daß sich aus Greueln vieler Kleinstaaten durch Usurpation eines genialen Frevlers, an welchen kein Mangel war, wenigstens eine Großmacht –[277] etwa von der Art des jetzigen regno d'Ilalia – gebildet hätte, wurde den Griechen nicht zuteil. Eine solche hätte, wenn sie entstanden wäre, in sich das Privilegium des bisher auf Hunderttausende verteilten Wollens und Verbrechens konzentrieren müssen. Aber damit mußte man warten, bis die Römer kamen; denn die griechische Polis, wie sie war, konnte nicht sterben, und ebensowenig war ihr die Delegation der Macht an ein größeres Ganzes möglich. Stattdessen folgten aufeinander ein temporäres Vorwiegen Spartas, dann Thebens, dann Niemandes, bis auf Philipp. Und selbst Makedonien hat sich bezeichnenderweise auch nach Chäronea die einzelnen Poleis nicht einverleibt, sondern sie, Theben ausgenommen, weislich »selbständig« gelassen und sich damit begnügt, sie nur sehr partiell und momentan zu beherrschen25.

Das IV. Jahrhundert ist also vor allem die Zeit des politischen Niederganges, von der an auch bei manchen modernen Gelehrten diejenige Erbaulichkeit aufhört, womit sie von den früheren griechischen Dingen zu reden pflegen, und welche sie, auf christliche Zeiten angewendet, gar nicht vertragen können. Überall ist durch die Demokratie eine enorme Petulanz großgezogen worden. Innere Verachtung gegen die wirklichen Innehaber von Regierung und Gericht und allgemeiner Hohn (auch der Komödie) kreuzt sich mit öffentlichen Speisungen und lärmenden Festen; ein eigentlicher Pöbel entsteht, und Leute dieses sehr nervös gewordenen Pöbels können dann durch Taten aller Art26 die ganze Stadt kompromittieren. Das Häuptübel war und blieb, daß die sogenannte Demokratie die Ausgezeichnetern durch Versagung jeder Sicherheit zum Frevel oder zur Apolitie trieb und keiner Kritik der Einsichtigen mehr[278] zugänglich war27. Aus dieser Zeit und der furchtbaren Stimmung, welcher Griechenland damals überlassen blieb, stammt aus Gerühm der Tugend der Vorfahren und ihrer Pietät gegen Eltern, Götter und Tempel, und überhaupt bei allen Rednern die laudatio femporis acti28, aus dieser Zeit das Feierlichmachen des Eides über jedes Maß hinaus29; in dieser Zeit findet ein Plato30 notwendig, sein Oberkontrollkollegium mit heiligpriesterlichen Ehren zu umgeben, um eine ganz selbstverständliche Ehrlichkeit desselben zu sichern, wie dies heutzutage durch Kautionen geschieht. Und wenn dann im Verlaufe des Jahrhunderts jemand unbestechlich bleibt, wie Phokion, so ist des Rühmens kein Ende31. Freilich hatte schon Konon dem Pharnabazos32 den Rat geben können, die Demagogen der griechischen Städte einfach zu kaufen; die Korruption war eben überall, und gewiß waren auch die attische und die spartanische einander wert. Leider besitzen wir die Partie aus dem X. Buche Theopomps über die attischen Demagogen33 nicht mehr; aber das ganze Leben des Demosthenes, sein Kampf mit den Vormündern, mit Meidias und mit seinen spätern politischen Feinden, alles macht den Eindruck eines vorhersehend[279] düstern Zustandes; man sieht, mit welch enormer Frechheit das Böse öffentlich auftritt.

Wie es in Griechenland eigentlich aussah, sieht man besonders deutlich an einem Umstand: das sind die mißratenen Söhne. Herunterkommen können Familien freilich in allen Zeiten und Ländern; in Athen und Griechenland aber tritt dies besonders deutlich zutage, weil erstlich vorher entsetzlich renommiert worden war, und dann, weil hier ein fester Rasseglaube, d.h. ein Glaube an die Vererblichkeit der Trefflichkeit bestanden, hatte, der nun das allerdeutlichste und schlimmste Dementi bekam. Das Phänomen wird freilich nicht erst im IV. Jahrhundert, welches sich überhaupt wie ein mißratenes Kind des V. vorkommen mochte, sondern viel früher, schon an den Söhnen des Aristides und des ältern Thukydides bemerkt34; es drängte sich mit der Zeit aber so deutlich auf, daß Aristoteles35 daraus geradezu eine allgemeine Beobachtung ziehen kann; er findet, daß die glänzend begabten Familien nach der Seite der Tollheit, diejenigen, bei denen ein gesetzter und ernster Charakter zu Hause sei, nach der der Einfalt und Trägheit hin ausarten, und nennt für jene als Beispiel die Nachkommen des Alkibiades und des ältern Dionys, für diese die des Kimon, des Perikles und des Sokrates.

Wir möchten die Erschlaffung der hellenischen Bürgergemeinde nicht davon ableiten, daß die meisten Ehen unter Söhnen und Töchtern verwandter Familienkreise geschlossen wurden36, glauben vielmehr, daß Athen seine Leute von selbst durch die hier gepflegte Freiheit demokratischer Sorte und deren Folgen verderbte, und möchte jedenfalls hier für die Entartung der Söhne den Grund suchen; denn die Frechheit, welche sich in Athen auch in den alten Familien eingenistet hatte und den »neuen« von Hause aus eigen war, gründet oder perpetuiert überhaupt keinen Geist, keine Sitte und keine Überzeugung; die Söhne der Begabt-Frechen sind schon nur noch frech, und die Enkel futil; nur der Respekt perpetuiert die Familien und gibt ihnen Traditionen. So scheint es uns sich von selbst zu verstehen, daß die Söhne der politischen Streber nichts taugten. Sokrates, der freilich selbst dumme Söhne gehabt haben soll37, wird das Wort in den Mund gelegt, die Söhne der politischen Männer seien um nichts besser als die der Schuster38. So charakteristisch als[280] möglich aber für ein vornehmes und geistreiches Haus, wo viele interessante Leute aus- und eingehen, wo man aber versäumt hat, Respekt zu pflanzen, ist, was Plutarch über die Familie des Perikles meldet39. Darnach war der älteste der beiden rechtmäßigen Söhne des Staatsmannes40, Xanthippos, von Natur ein Verschwender. Mit einer jungen und vielbrauchenden Gattin, der Tochter des Tisandros, vermählt, ertrug er ungeduldig die sparsame Genauigkeit des Vaters, der ihm nur eine schmale Ausstattung zu gewähren pflegte. Er sandte daher zu einem der Freunde des Hauses und ließ sich Geld geben, als geschähe es im Auftrage des Perikles. Als der Darleiher es später zurückverlangte, verklagte ihn Perikles; der junge Xanthippos aber, darüber erzürnt, schmähte über den Vater, indem er zuerst in Absicht des Hohns Konversationen, welche dieser mit den Sophisten zu führen pflegte, kundbar machte. Außerdem aber wurde durch ihn die üble Nachrede »wegen der Frau« (Aspasia) unter die Leute gebracht, und so blieb die Feindschaft zwischen Vater und Sohn bis zum Tode des letztern unheilbar. Die innere Wahrscheinlichkeit dieser Dinge hat einen zu hohen Grad, als daß wir sie als Lästerungen des Stesimbrotos verschmähen könnten, der zwar ein Sammler von Skandälern war, den aber bei jedem einzelnen Punkte zu überführen unser kritisches Vermögen nicht hinreicht. Wir sehen hier in Zustände hinein, deren Anblick den Philosophen das Zölibat erleichtern konnte41.

Zu den mißratenen Söhnen ist auch Alkibiades der Jüngere zu rechnen, gegen welchen die XIV. und XV. Rede des Lysias gerichtet sind. Er verspielte u.a. das Seinige, wie damals manche junge Athener taten, bezeichnend für eine Generation, welche von den Vätern wohl das Emotionsbedürfnis, aber neben den Nerven nicht auch die Kraft geerbt hatte; hernach wurde er auch eine Zeitlang Pirat42. Später verkaufte dann Ktesippos, der Sohn des Chabrias, selbst die Steine des Denkmals, welches[281] der Staat um 1000 Drachmen seinem Vater errichtet hatte; umsonst hatte sich Phokion, der ihn leichtsinnig und unbändig fand, seiner angenommen43. Aber auch Phokions eigener Sohn, Phokos44, siegte zwar einmal an den Panathenäen, war aber ein Trinker und führte ein unordentliches Leben; der Vater brachte ihn nach Lakedämon und mischte ihn zur Besserung unter die Jünglinge, welche die dortige Erziehung durchmachten. Trotz dieser Institutsbildung in dem damals schon grundfaulen Sparta scheint er sich nicht sehr gebessert zu haben; er rächte sich zwar später an den Anklägern seines Vaters, wurde aber kein serioser Mann (ἀνὴρ σπουδαῖος) und heiratete ein Mädchen, das er aus einem schlechten Hause loskaufte.

Im übrigen darf man nicht vergessen, daß damals in ganz Griechenland die Demokratie zahlreichen »Oligarchen« das Leben oder die Heimat und die Familie raubte, d.h. daß der höhere Stand in wiederholten Krisen überall unterging, so daß überhaupt keine Deszendenz, weder gute noch schlechte, vorhanden war. Freilich wollte noch spät dieser und jener von Keryken und Eumolpiden stammen, im ganzen verschwinden aber die altberühmten Familien im IV. Jahrhundert und leben zur Zeit des Isokrates nur noch in ihren Gräbern fort; von den Individuen der demosthenischen Zeit hat kaum mehr jemand eine bekannte oder berühmte Herkunft45.


Betrachten wir nun die einzelnen Staaten, so finden wir vor allem zu Sparta an der Pforte dieser Zeit in Lysander die wahrhaft symbolische Figur speziell spartanischer und allgemein griechischer Verworfenheit bei hoher Begabung46. Das spartanische Programm war an sich fürchterlich, obwohl früher Brasidas und auch neben Lysander Kallikratidas sich auch anders zu geben wußten; Lysander aber tritt nach seinem Siege überall mit den Verruchtesten, die in den oligarchischen Hetärien ihr[282] Wesen trieben, in die engste Komplizität, gönnt ihnen jeden Frevel und scheut vor den furchtbarsten Schlächtereien nicht zurück, wie er denn in Milet achthundert Leute der Volkspartei, nachdem er sie durch Schwüre aus ihrem Versteck herausgelockt hat, den Oligarchen zur Ermordung übergibt47; der Lohn aber für seine Freunde besteht in unverantwortlicher Herrschaft über die Städte und absoluter Gewalt48. Daneben spielt er einerseits, obwohl er heimlich für seine kostbaren Zwecke viel Geld erworben haben muß49, den armen und für Bestechung unempfänglichen alten Spartaner, während er anderseits höchst bezeichnenderweise als der erste unter den Griechen wie ein Gott Altäre, Opfer und Päane von den Städten erhält und offenbar darauf eingeht, auch den Dichter Chörilos beständig als Lobdichter um sich hat50. Als schließlich nicht die Klagen der hellenischen Städte, wohl aber die des Pharnabazos zu seiner Abberufung geführt haben und er darauf eine Reise zum Ammonium unternimmt, wollen die spartanischen Angesehenen seine jetzt noch immer durch die vorgeschobenen Hetärien ausgeübte Herrschaft nicht mehr und lassen daher in den betreffenden Städten den Demos emporkommen; allein da schwillt die Bewegung nach dieser Seite zu stark an, und der zurückgekehrte Lysander kann die Spartiaten doch wieder bewegen, den Oligarchen zu helfen. Noch gelingt ihm, an Stelle des Leotychides den Agesilaos, welchen er als seinen Mann herangezogen hat, zum Könige zu befördern; allein jetzt muß er erleben, daß er gerade an diesem einen unabhängigen Herrn findet. Höchst verstimmt kehrt er aus Asien, wohin er ihn begleitet hat, heim, haßt nunmehr das ganze spartanische Staatswesen noch mehr als früher und nimmt die früher schon gehegten Pläne wieder auf, das Königtum allen Herakliden, ja allen Spartanern zugänglich zu machen, so daß es nicht mehr den von Herakles Stammenden, sondern »den ihm Ähnlichen« gehören und also unfehlbar auf ihn fallen soll. Zu diesem Behufe läßt er sich von Kleon aus Heraklea eine Rede an die Mitbürger verfassen, meint dann aber doch, er müsse diesen noch durch Furcht und Deisidämonie zusetzen und versucht Bestechung des delphischen und dodonäischen Orakels und des Ammoniums und Vorschiebung[283] eines ad hoc dressierten Wunderkindes51, kurz eine Reihe der gröbsten Täuschungen, wobei billig jedes Kind auf ihn als Urheber hätte raten müssen. Dies alles war mißraten, als dieser allseitig verruchte und von wachsender Melancholie und Wut halb wahnsinnig gewordene Mensch (395) bei Haliartos fiel.

Für Sparta wurdeA3 eben die große mit Ägospotamoi errungene Macht und die daherige Hybris die direkte Ursache des Verfalls. Was an andern Orten die Niederlage und Parteizerrüttung, das bewirkte hier der Sieg: das Herrschenmüssen über ein schon völlig individualisiertes Griechenland mußte auch dieses Volk individualisieren und so den ohnehin schon angefressenen spartanischen Geist völlig zersetzen, und die Regierung des Agesilaos, dessen Feldzüge in Kleinasien am Ende doch nur Scheinglanz sind, konnte die aus den Fugen gegangene Denkweise nicht herstellen. »Durch die Herrschaft«, sagt Isokrates52, »kam das siebenhundert Jahre lang unbewegte Gemeinwesen in Sturm und der Auflösung nahe; sie erfüllte die einzelnen mit Ungerechtigkeit, Liederlichkeit, Unbotmäßigkeit gegen die Gesetze und Geldsucht und den Staat mit Hochmut gegen die Bundesgenossen, Begehrlichkeit nach fremdem Besitz, Verachtung der Eide und Verträge«. Der Redner weiß, daß es ein Irrtum ist, wenn manche meinen, Leuktra sei die Ursache des Unheils; »denn der Haß der Bundesgenossen begann nicht erst da; Sparta unterlag wegen seiner früher geübten Hybris, und diese fing an, als es die Seeherrschaft ergriff«. Mit Leuktra aber und dem großen Abfall der Bundesgenossen, als alles herausgegeben werden mußte, worauf man den alten Stolz gebaut hatte, drängten sich dann allerdings jene früher53 von uns namhaft gemachten Zeichen des Verfalls in den Vordergrund: die offizielle Preisgebung des spartanischen Pathos in der Behandlung der Feldflüchtigen und die spartanische Gestalt der Apolitie, nämlich der Absentismus der Könige aus dem abgeschmackt gewordenen Sparta, eines Archidamos III., des ältern Akrotatos und des schändlichen Kleonymos54. Auch hier[284] mußte nun die Polis ihren ganzen früheren Hochmut wieder herunterwürgen: Alexander half seine Ironie nichts, als er die Beutestücke vom Granikos mit der Aufschrift »Alexander und die Hellenen außer den Lakedämoniern« weihte55; ihr Dünkel war damit nicht zu brechen, und eben spannen sie eine Erhebung gegen ihn.

Wenn nun nur nicht alle diese Sachen die ganze übrige hellenische Welt in Unruhe versetzt hätten. Aber überall wurden schon vor und zumal nach Leuktra diejenigen Regierungen, die mit Hilfe Spartas oben gewesen waren, mit den entsetzlichsten Gewalttaten aus der Welt geschafft; es erfolgt der Skytalismos von Argos und jene Reihe von Greueltaten zu Korinth, Phlius, Phigalia, von denen in diesem Werke früher56 die Rede war. Von Argos sagt Isokrates57 um die Mitte des Jahrhunderts, daß es in beständigem Kriege mit stärkeren Nachbarn sei, jährlich Verwüstungen seines Gebietes erlebe und dann ebenso regelmäßig die Hinrichtung der angesehensten und reichsten Bürger, mit solcher Freude, wie man sonst kaum Feinde töte; mit dem Kriege, meint der Redner, würde auch dies aufhören. Lehrreich geht bei Diodor mit diesen Geschichten durcheinander, was zu gleicher Zeit Dionysios in Sizilien gegen die Griechen verübte. Wir werden nicht etwa sagen, daß die vernichteten Oligarchen um ein Jota besser gewesen seien als ihre Gegner; aber was soll aus einem Volke werden, in dem die besitzende und gebildete Klasse auf diese Weise ausgerottet wird? Mit dem Reichtum hörte eben auch die gebildete Sitte auf und starb jedenfalls u.a. wieder ein gutes Stück der agonalen Pracht weg; auch im griechischen Geistesleben müßte sich das Wegfallen und Unmöglichwerden eines höheren Standes noch deutlicher verfolgen lassen. Schließlich zeigte sich auch die äußere Natur damals feindselig gegen Hellas; ein Erdbeben mit folgender Flut vernichtete 373 die Städte Helike und Bura in Achaia, und ihr Untergang galt als Äußerung des Zornes der Götter.


Und nun die durch die spartanische Mißhandlung erst möglich gemachte Erhebung Thebens unter Pelopidas und Epaminondas. Gegen Sparta in seiner Machtfülle aufzustehen, wie hier geschah, war etwas sehr Großes, da man wissen konnte, daß der weitere Kampf bestenfalls[285] Theben allein noch lange Zeit am Halse bleiben werde und Böotiens nur geringstenteils sicher war. Bei Leuktra taten es die 6000 Thebaner doch allein; erst nach diesem glänzendsten Siege, den Hellenen über Hellenen davongetragen haben58, konnte man mir Hilfe sicherer Verbündeter die spartanische Macht stürzen; aber die Basis für alle diese durch das tiefe Sinken Spartas bedingten Großtaten war zu schmal, wenn Theben wirklich nur 8000 Bürger hatte59. Und nun war das große Unglück für Griechenland, daß es Athen und Theben nicht gegeben war, sich auf vernünftiger Grundlage, wenn auch ohne Allianz, dauernd zu verständigen. Hiermit wäre geholfen gewesen; allein Athen liebte in der auswärtigen Politik das Finassieren und wurde bei jeder Lebensregung Thebens nervös, und zwar nicht bloß die Regierung, sondern das ganze Volk und seine Ekklesie, welche in ihrem Neid und ihrer Besorgnis schon 369 dem von Epaminondas bedrängten Sparta ein Heer unter Iphikrates zu Hilfe sandten und diese Hilfe im Kriege von Mantinea (365/2) wiederholten. Ferner war man mit den übrigen böotischen Städten zum Teil unversöhnlich verfeindet und benahm sich mörderisch gegen sie. Schon vor Leuktra (374) war von den Thebanern Platää (seit dem Xerxeskrieg zum dritten Male) zerstört worden60; später geschah das Nämliche mit Thespiä, dessen Mannschaft freilich an der Spitze der unzuverlässigen böotischen Bundesgenossen das thebanische Heer vor der Entscheidungsschlacht verlassen hatte; aber seine Mauern waren dem Orte schon vorher geschleift worden. Auch Orchomenos, der Zufluchtsort der böotischen Oligarchen, wurde grausam zerstört, und zwar zu einer Zeit, da Epaminondas (wahrscheinlich durch einen Seezug im ägäischen Meere) von Böotien ferngehalten war; er sagte nachher, wenn er zugegen gewesen wäre, wäre diese Schandtat nie geschehen, wie er denn auch in Wahrheit gegen feindliche Böotier Schonung geübt hat61.[286]

Zu diesem allen kam der Neid der thebanischen Demagogen gegen den großen Führer. Nachdem er und Pelopidas, um durch den Zug an den Eurotas Spartas Macht auf die Dauer brechen zu können, ihre Böotarchie (370/69) trotz der hierauf gesetzten Todesstrafe um einige Monate zu verlängern gewagt hatten, wurden sie zwar in dem gegen sie erhobenen Prozesse freigesprochen; aber der Rhetor Menekleidas, einst einer der in Charons Hause zur Befreiung Thebens Verschworenen, später in Theben hintangesetzt und darum nun ein böser und desperater Sykophant, setzte doch nicht lange nachher die Enthebung des Epaminondas von der Böotarchie durch und intrigierte gegen Pelopidas, indem er Charon hoch über diesen erhob. Epaminondas wurde dann allerdings, nachdem er anfänglich den Feldzug zur Befreiung des in Pherä gefangenen Pelopidas (368)62 als Gemeiner mitgemacht hatte, in den Oberbefehl wieder eingesetzt; aber man sieht hier doch, daß in Theben, sobald es die Spartaner aus der Kadmeia los war, eine ziemlich nichtswürdige Streberwirtschaft begonnen haben muß. Schließlich war man auch der Bundesgenossen im Peloponnes nicht völlig sicher. Schon 369 kam es beim Zug gegen Sparta nicht zur Eroberung der Stadt, weil sich die Arkader, die doch den Thebanern alles verdankten, unordentlich verliefen63. Überhaupt zeigte das neue Gesamtarkadien eine bedenkliche Schwäche. Der Synoikismus der Landstädte zu einem Staat mit der neuen Hauptstadt Megalopolis hatte etwas geradezu Mörderisches64 und erfüllte dann seinen Zweck doch nicht; denn bald stellten sich Mißtrauen gegen Thebens Prinzipat über den Peloponnes und Händel aller Art zwischen den soeben zum Teil mit Gewalt Vereinigten ein; um 364 schon findet sich Mantinea in derjenigen starken Opposition zu den übrigen, die es zwei Jahre später zum Bunde mit Sparta und Athen veranlaßt hat; nur die Sorge vor Sparta hielt einen Teil von Arkadien auf thebanischer Seite.

Nun mag bei diesem allen zugegeben werden, daß Theben in seiner großen Zeit sehr mächtig war; denn ein großes Bündnis war doch gelungen, seine Heere bestimmten von Leuktra bis Mantinea die Schicksale von Griechenland65, und die Interventionen in den zerrütteten nördlichen[287] Ländern Thessalien und Makedonien, sowie der die Selbständigkeit Messeniens involvierende Vertrag, den Pelopidas mit dem Großkönige zustande brachte, sind starke Beweise für sein damaliges Übergewicht. Aber der sterbende Epaminondas, als er in seinem Zelte hörte, daß auch Daiphantos und Jolaidas gefallen und also für Theben kein Stratege mehr übrig sei, ahnte, was kommen würde und riet aus Gründem zum Frieden66, und schließlich half auch der 362 zustande gekommene Friedensschluß, an dem nur Sparta keinen Teil nahm, nichts mehr. In Griechenland überhaupt waren Verwirrung und Zerrüttung größer als zuvor, kein Staat mehr war stark genug, um die Führung zu übernehmen; Athen, eines großen Rivalen ledig, ergab sich seiner Eubulosvergnüglichkeit, und im Peloponnes hatte Spartas Sturz neben dem Guten, was geschah, vielleicht mehr Schlimmes im Gefolge. Die thebanische Hegemonie aber löste sich ja nicht etwa deshalb auf, weil die Thebaner nur die Waffen gepflegt und darüber die Wohlredenheit versäumt hatten, wie der gute Ephoros67 meinte, vielmehr hatte hier eben überall hinter dem Patriotismus das Anarchische längst gelauert, und als niemand mehr da war es zu zügeln, wurde Gewalttat nach allen Seiten geübt; nachdem es im heiligen Kriege auch in dieser tugendhaften Polis dazu gekommen war, daß weniger die Einfälle in das Feindesland den Feinden als die Heimkehr der Heere den Mitbürgern schadete, deren angesehenste und opferbereiteste man mit Prozessen zu überziehn und zu töten pflegte, schrie man schließlich um Hilfe zu Philipp von Makedonien68.


Dieser heilige Krieg (355-46) ist nun aber nicht bloß durch seinen Verlauf, sondern auch durch die allgemeine Voraussetzung, worauf er hinweist, ein Phänomen von wahrhaft symbolischem Sinne für diese Zeit. Derselbe hat freilich, wenn man will, schon seine mythische Vorgeschichte.[288] Nach alten Sagen69 war Krios, der Sohn eines Herrschers in Euböa, durch Apoll getötet worden, weil er das Heiligtum und die Häuser reicher Delphier plünderte; später hatten die Phlegyer, ein räuberisch und mörderisch entarteter Zweig der Orchomenier, wegen ähnlichen Unterfangens von dem Gotte durch Blitze und Erdbeben ihren Untergang gefunden; auch Neoptolem sollte damals die Plünderung versucht haben, als er in Delphi getötet wurde70. In den Bakchen des Euripides (1336) weissagt ferner Dionysos dem Heere des Kadmos einen elenden Abzug für den Fall, daß es das Orakel des Loxias plündere, und prahlerisch läßt der homerische Hymnus (178 ff.) sogar den kleinen Hermes die Absicht äußern, dies zu tun. Indes war in der frühern Zeit der Nation der Tempelraub in großem Stil doch nicht üblich gewesen; noch der sonst so furchtbare Hippokrates von Gela schalt, als er nach seinem Sieg über die Syrakusier sein Lager im Peribolos des Zeustempels aufschlug, den Priester und einige Bürger, die er dabei betraf, daß sie die goldenen Anatheme und das goldene Gewand der Zeusstatue wegnehmen, d.h. wohl in Sicherheit bringen wollten, als Tempelräuber und enthielt sich seinerseits der Anatheme, »um des guten Rufes willen, und weil, wer einen solchen Krieg erhebe, sich nicht gegen die Gottheit verfehlen dürfe«71. Nun aber, da die allgemeine Ruchlosigkeit so hoch gestiegen war, daß z.B. im Peloponnesischen Krieg auch die Unverletzlichkeit des Bodens von Elis von beiden Parteien nicht mehr respektiert wurde, und zugleich die Staatsbedürfnisse, besonders das Bedürfnis großer Söldnerwerbungen, außerordentlich zunahmen, stellte sich die Frage von selbst, weshalb noch ein so großes liegendes Kapital vorhanden sein sollte wie die Tempelschätze in Delphi. Lüsterne Blicke mochte vor allem Dionys von Syrakus nach dem Schatze des Gottes werfen, er, der, wo er irgend konnte, Tempel zu plündern und den Raub mit den frivolsten Witzen zu begleiten pflegte72; auch Iason von Pherä traute man teilweise zu, daß er den[289] Frevel plane73, und als er (370) ermordet wurde, hieß es gleich, das sei die gerechte Strafe für seine Gier. Jetzt aber mußte die Art, wie die Amphiktyonen auf den frivolen Antrieb des ziellos gewordenen Thebens hin um ganz gewöhnlicher Händel willen ihre Sprüche gegen die Spartaner und Phokier taten, das Unheil ganz unvermeidlich heraufbeschwören.

Während Theben nicht einmal ganz Böotien auf seiner Seite hatte, gewann der Phokieranführer Philomelos heimlich den König Archidamos von Sparta, warb mit spartanischem und eigenem Geld Söldner und bemächtigte sich sofort Delphis, wo er das Priestergeschlecht der Thrakiden vertilgte und dessen Vermögen konfiszierte, sonst aber sich weder an den Bürgern noch an dem Tempelschatze vergriff. Daß er diesen unberührt lassen und volle Untersuchung darüber gestatten wolle, beteuerte er auch dann noch durch Boten überall hin, als er nach einem Siege über die mit Theben verbündeten Lokrer seinen Söldnern anderthalbfachen Sold zahlen mußte und das Orakel völlig in seiner Macht hatte. Aber, während er sich noch in Erwartung eines stärkern Angriffs der Böotier und Lokrer mit der Brandschatzung der reichen Delphier begnügte, beschlossen die Gegner schon, die Phokier als Tempelräuber zu züchtigen. Und jetzt erst, da sich mit Ausnahme von Sparta und Athen alles gegen diese erhob, sah Philomelos sich gezwungen, die Hände an die heiligen Weihgeschenke zu legen und das Orakel zu berauben. Nun begann für Phokis der circulus vitiosus: um sich zu wehren, bedurfte man der Söldner, und um diese zu halten, brauchte man Geld; als Söldner aber strömten ihm natürlich nur die frevelhaftesten Gesellen und größten Götterverächter74 zu. Und nun waren die Phokier nicht allein die Schuldigen; vielmehr hat auch Athen ziemlich mitgeholfen und Stücke aus der phokischen Beute erhalten75, und die Spartaner, die ihre gerühmte[290] Verfassung durch Delphi erhalten und noch bis jetzt den Gott über die wichtigsten Dinge befragt hatten, waren völlige Mithalter der Tempelräuber.

Nach einer anfänglich im Grunde liederlichen Kriegführung und mehreren Niederlagen wurde nun freilich endlich den Thebanern, welche außer von den Lokrern noch von einem Teile der Thessaler und mehrern kleinern Völkerschaften der Amphiktyonie unterstützt waren, ein bedeutenderer Sieg zuteil, wobei der verwundete Philomelos, um nicht in die Hände der Feinde zu fallen, in einen Abgrund sprang (354); aber dessen Bruder Onomarchos, der persönlich mit amphiktyonischen Strafurteilen völlig beladen war und schon deshalb einen Frieden (den übrigens Theben auch nur zum Schein gewährt haben würde) nicht wünschbar fand, trieb zu neuen großen Werbungen an und vermünzte den Schatz ohne Schonung und ohne Rücksicht auf die fürchterliche Wut, die nun in Griechenland gegen diejenigen losbrechen mußte, die zuerst über die allgemeine griechische Sparbüchse gingen. Mit dem Gelde wurden u.a. nicht nur die Angesehenen der verbündeten Städte, sondern auch Feinde, wie die Thessaler, bestochen, daß sie sich stillehielten. In Phokis selbst wurde getötet, wer dem Machthaber entgegen war, und sein Vermögen eingezogen; dann drang dieser wieder in Lokris, Böotien und Doris ein, eroberte Städte und verwüstete das Land und zog schließlich dem thessalischen Tyrannen Lykophron zu Hilfe. Indes hier trat ihm Philipp von Makedonien entgegen, der zwar auch in zwei Schlachten so geschlagen wurde, daß er kaum wieder Haltung in seine Armee brachte, in einem zweiten Feldzuge aber einen entscheidenden Sieg davontrug (352). Sechstausend Söldner fielen im Kampfe, dreitausend wurden gefangen und darauf ersäuft, manche retteten sich durch Schwimmen auf die Flotte des »zufällig« vorbeifahrenden Atheners Chares; Onomarchos wurde, als er dies auch versuchte, niedergemacht und die Leiche aufgepfählt.

Da aber der Schatz noch nicht zu Ende war, ergänzte der neue Anführer Phayllos die Söldner abermals und zwar jetzt durch Verdopplung des Soldes, bot Bundesgenossen auf und münzte weiter. Spartaner, Achäer und Athener hielten noch offen zu ihm und sandten ihm über achttausend Mann zu; der jetzt landlos gewordene Tyrann von Pherä stieß mit zweitausend Mann zu seinem Heere; auch manche kleinere Poleis hielten um der Zahlung willen mit. Freilich blieb das Kriegsglück aus. In mehreren Treffen von den Böotern besiegt, starb Phayllos bald an der Schwindsucht, und unter seinem Nachfolger Phaläkos, dem noch sehr[291] jungen Sohne des Onomarchos, wurde ein großer Teil von Phokis gründlich verwüstet und ausgeplündert. Doch war bald auch Theben so erschöpft, daß es für die Fortführung des Krieges vom Perserkönig 300 Talente erbetteln mußte und sich auch, nachdem es diese erhalten, eine Reihe von Jahren zu keiner größern Unternehmung aufraffte.

In Delphi waren inzwischen die 120 goldenen Ziegel des Krösos, ferner 360 goldene Schalen, sodann die an Gewicht zusammen 30 Goldtalente schweren Statuen eines Weibes und eines Löwen vermünzt worden, was alles in Silberwährung 4000 Talente ausmachte, und auch von den silbernen Tempelschätzen hatte man über 6000, im ganzen also mehr als 10000 Talente gewonnen; es kam in kurzer Zeit soviel neues Geld in Umlauf, daß der Geldwert sank76. Diese Wirtschaft führte auch unter den Phokiern zu Streitigkeiten; Phaläkos wurde abgesetzt, andere gefoltert und hingerichtet, weil sie für sich persönlich Geld geraubt hatten. In Theben aber hatte man von diesen Wirren keinen Nutzen zu ziehen vermocht, Böotien war wieder stückweise von den Phokiern besetzt, und so wandte man sich endlich mit lautem Flehen um Hilfe durch Gesandte an König Philipp, der schon zur Zeit des Phayllos nur durch eine schnelle Besetzung der Thermopylen von seiten Athens von dem Einmarsch in Phokis abgehalten worden war.

Wir wissen nicht, was er sich dabei im Innersten dachte, als er pathetisch für Apoll als Rächer des Tempelfrevels und als Herold der hellenischen Moralität gegenüber den Räubern auftreten mußte; es mag von Anfang an für ihn eine herzblutende Sache gewesen sein, daß der schöne Schatz so verplempert wurde, statt seinen Zwecken zu dienen. Jetzt, da er eben Olynth vernichtet hatte (348), sah er Thebens Erniedrigung gern und hatte es mit der Hilfe nicht eilig, sondern gedachte vielmehr, den Thebanern »den leuktrischen Dünkel auszutreiben (τὰ Λευκτρικὰ φρονήματα συστεῖλαι).« Immerhin sandte er Truppen, durch die eine phokische Schar in den Flammen des Tempels von Abä ihren Untergang fand, und erschien, als den Phokiern noch einmal Hilfe von dem Spartaner Archidamos kam, persönlich mit einer starken, nun auch durch die Thessaler verstärkten Heeresmacht in Lokris. Jetzt kapitulierte der wieder zum Anführer gemachte Phaläkos durch Gesandte samt seiner Mannschaft auf freien Abzug, wohin er wolle. Derselbe zog mit achttausend Söldnern nach dem Peloponnes; Philipp aber besetzte Phokis, berief das Synedrion[292] der Amphiktyonen und überließ diesem die weitern Entscheide; mit seinen pathetischen Beschlüssen des Dankes, der Rache und des Abscheus nahm diese furchtbare Episode der griechischen Geschichte ihr Ende.

Den Söldnern aber wurde nachgesagt, daß sie alle ein böses Ende gefunden hätten. Phaläkos führte ein wirres Abenteurerleben, bis er vor Kydonia vom Blitze getroffen oder n.a. von seinen Soldaten ermordet wurde; die frühern phokischen Söldner unter Archidamos wurden mit dem Könige von den Lukanern umgebracht, ein Rest auch im Peloponnes getötet; noch dem großen Timoleon machte ein gewisser Thrasios, der zur phokischen Frevlerarmee gehört hatte, im entscheidenden Augenblick vor der großen Hauptschlacht gegen die Karthager tausend Söldner abspenstig, welche Schar dann in Bruttium umkam77. Auch die Frauen der Frevler traf die Nemesis: das Weib eines phokischen Anführers, welches das Halsband der Helena getragen, wurde eine gemeine Hure, und die, welche das der Eriphyle bekommen hatte, verbrannte in ihrem Hause, das ihr ältester Sohn im Wahnsinn angezündet.


Um nun auf die weitern Gestaltungen des Lebens im damaligen Hellas zu kommen, so fassen wir uns kurz über die Spättyrannis, indem wir für dieselbe auf frühere Abschnitte dieses Werkes verweisen78. Sie kommt an den Rändern der griechischen Welt empor und zeigt ihre furchtbaren Züge in Sizilien, dem pontischen Heraklea und Thessalien; dagegen – trotz Platos Ahnung, daß aus dem Catilinarier notwendigerweise der Tyrann hervorgehen müsse – finden wir sie nicht in Athen, nicht im sonstigen Mittelgriechenland und nicht im Peloponnes. Weil hier ein Tyrann sich nicht über mehr als eine Stadt hätte erheben können, sondern bei jedem Versuche einer Vergrößerung sofort zugrunde gegangen wäre, hätte die Tyrannis einerseits die mit ihr verbundene Gefahr79 nicht gelohnt, und anderseits fraß die Pöbelmasse der Städte einstweilen ihre Wohlhabenden lieber langsam selber auf, als daß sie einem Tyrannen emporgeholfen hätte, dessen Söldner dann viel zu rasch mit denselben würden fertig geworden sein. Erst wo die Kanaille der untersten Sorte später durch Emporheben eines Tyrannen noch eine letzte Beute zu erpressen hofft, entstehen dann die Tyrannien im Geschmack des III. Jahrhunderts.

Als nahes Beispiel des Schreckens und Abscheus hatte aber Hellas doch während der ersten Hälfte des IV. Jahrhunderts die Tyrannen des[293] thessalischen Pherä. Gegenüber dem Aleuadenadel des übrigen Thessaliens hatte sich hier, vom Volke begünstigt, ein Mann namens Lykophron erhoben, hatte (404) in einer großen Feldschlacht gesiegt und sich der Herrschaft über einen starken Teil Thessaliens bemächtigt. Sein Werk wurde von Iason (wahrscheinlich seinem Sohne) mit Hilfe von sechstausend auserwählten Söldnern erfolgreich fortgesetzt. Vermöge seiner glimpflichen Art, Städte zu gewinnen und zu verwalten, setzte derselbe durch, daß das von Lykophron nur zeitweilig beherrschte Pharsalos sich ihm definitiv unterwarf, und daß er zum Oberhaupt (Tagos) von Thessalien erwählt wurde. Iason soll nun bereits den Blick auf die Eroberung Persiens gerichtet gehabt haben. Er bildete ein großes thessalisches Volksheer aus, besetzte das Arachinische Heraklea, d.h. die Thermopylen, baute eine Flotte, versicherte sich der Majorität im Amphiktyonenrat und schien sich zum Führer der Nation zu qualifizieren, als er (370) mitten in den größten Absichten von sieben Jünglingen »als Tyrann« ermordet wurde. Und nun mußte Thessalien, nachdem schon von Iasons Brüdern einer den andern ermordet hatte, die früher80 von uns geschilderte Schreckensherrschaft seines durch neuen Mord emporgekommenen Verwandten Alexander erleben. Auch dessen Ermordung durch Gattin und Schwäger führte aber das Ende der Tyrannis nicht herbei, und schließlich blieb den Aleuaden, die von dem durch den phokischen Krieg genugsam beschäftigten Theben keine Hilfe mehr erhalten konnten, kein anderer Halt übrig als Philipp von Makedonien. Dieser befreite Thessalien allerdings von den pheräischen Tyrannen und von den mit ihnen verbündeten phokischen Söldnern und erklärte Phera zur freien Stadt, besetzte aber den wichtigen Seehafen Pagasä für immer. Ja von da an herrschten die makedonischen Könige fortwährend über dieses Land, das – bei nomineller Freiheit – völlig die Untertanenpflicht der Makedonier teilte.

Auch auf Sizilien müssen wir hier nochmals81 kommen, weil sich da eine ganz besondere Seite der Spättyrannis offenbart. Wir haben es hier mit dem grauenvollsten Regiment der sogenannten Zweckmäßigkeit zu tun, wobei die Polis – Syrakus höchstens ausgenommen – von allen ihren griechischen Prätensionen nichts als das entsetzlichste Elend erntet. Auf der einen Seite steht in Karthago ein Erbfeind da, der das sizilische Griechentum rasch oder langsam zernichten muß, wenn er die Insel ganz und dauernd besitzen will. Und diesem gegenüber stehen die Städte, eine jede für sich mit allzugemischter Bevölkerung und alle vom V. Jahrhundert an an jede Gewaltsamkeit gewöhnt und unter einander viel zu gehässig und[294] entzweit, um ein festes Bündnis zu schließen, teilweise aber auch schon auf ein Bündnis mit Karthago oder Übergabe an dasselbe gefaßt82. Zu irgendeinem Zusammenhang sind sie nur durch äußersten Zwang und partiellen Ruin (Ausmordung ganzer Kasten, Übersiedelung nach Syrakus, Besetzung mit Söldnern als Bevölkerung und dergleichen) zu bringen. Dies aber vermögen nur furchtbare Individuen: der ältere Dionys und Agathokles, welche beide einen Teil der Insel temporär den Karthagern überlassen, um den Rest als die vollkommensten aller Tyrannen zu beherrschen.

Welch eine gewaltige Gestalt ist der ältere Dionys, und welche verruchte Einsicht findet sich in allem seinem Tun! Kalt und den gewöhnlichen Genüssen unzugänglich, zeigt er in den einzelnen Mitteln seiner Herrschaft die höchste Ingeniosität. Entschlossen ist er über alle Begriffe; sodann ist er immer bei Geld, und gegenüber seinen Söldnern benimmt er sich mit dem größten Takt; er hat mit ihnen etwa Krisen, weiß sie aber doch immer zu behalten, so daß er schließlich ohne wesentliche Anfechtung ausleben kann. Die Griechen wußten lange nicht, mit wem sie es zu tun hatten, bis sie diese außerordentliche Fähigkeit und schreckliche Rücksichtslosigkeit kennen lernten.

Hätten die Städte sich von 405 an völlig gutwillig ihm und den folgenden Tyrannen gefügt, so wäre viel mehr hellenisches Menschenkapital geschont worden, aber als Poleis konnten sie dies nicht über sich gewinnen, und da nun, was noch im Sinne der alten Polis fühlte und dachte, entweder darauf angewiesen war, sich durch Empörung und Verschwörung zu äußern, und sich dabei alles zu erlauben pflegte83 oder doch als so gesinnt galt, mußten die Tyrannen dieses ihnen gegenüber als oligarchisch erscheinende Element, wo möglich, völlig zernichten. Was dabei an politischem Leben zugrunde ging, kann man sich ohne Grauen nicht denken, und ebenso nicht die Größe des Leidens, welches damit über Bevölkerungen kam, deren höchster Anspruch auf Glück sich mit dem Anspruche auf Teilnahme an diesem Leben gedeckt hatte. Aber nur so war Rettung der Nationalität vor Karthago möglich, mochte auch das eigentlich Hellenische, die Polis, dabei untergehen.

[295] In der Mitte zwischen den beiden großen Tyrannien steht allerdings die lichte Gestalt des Timoleon, der es mit dem einzigen, was auf dem zerstampften Boden noch wachsen konnte, der vollen Demokratie, versuchte84. So stellten sich denn in der kurzen Pause alle äußern Formen und Ansprüche der Polis wieder her. Aber dies reichte, solange es konnte, und nach Timoleons Tode (336) begann der alte Jammer mit Söldnerwirtschaft, Abfall der einzelnen Städte und Zusammenhalten mit Karthago aufs neue. So meldete sich denn nach zwanzig ganz grauenvollen Jahren mit Agathokles die Tyrannis wieder, anfangs freilich behutsam, indem der Tyrann sich selbst nach Vertilgung der syrakusischen »Oligarchen« möglichst lange als Demokraten gab; hernach aber kam er bald auf entsetzlichere Fährten als seine Vorgänger. Und nun ist dieser Mensch, der immerfort mit seinem Schicksal spielt, auch die erstaunlichste von allen sizilischen Tyrannenfiguren geworden. Nirgends lernt man besser als bei seiner von uns später noch zu betrachtenden Geschichte, was für kolossale subjektive Kräfte das späthellenische Temperament noch hatte.

Mehr nur ein pathologisches Interesse haben die Tyrannen des pontischen Heraklea. Hier hatte der sehr übermütig gewordene Demos Schuldenerlaß und neue Landverteilung gefordert, und die Stadtregierung, die sich in ihrer Verlegenheit umsonst an Timotheos und Epaminondas um Hilfe gewandt hatte, sah sich darum gezwungen, den früher von ihr selbst verbannten Klearch, der einst zu Athen vier Jahre lang Plato und Isokrates gehört hatte, als Aufseher für bürgerliche Eintracht (ἒφορος τῆς ὁμονοίας) zurückzuberufen. Dieser erschien (364), hütete sich aber wohl, seine Macht in Art der alten Äsymneten85 zur Vermittlung der Gegensätze zu gebrauchen, sondern beschloß, durch das Exil verwildert, sofort, die Tyrannis für sich zu gewinnen, und bediente sich zu diesem Zwecke eines doppelten Verrats; denn erstlich lockte er den persischen Satrapen Mithridates, in dessen Diensten er früher gestanden hatte, unter dem Vorwand, ihm die Stadt zu überliefern, nach Heraklea, nahm ihn daselbst gefangen und gab ihn nur gegen hohes Lösegeld frei; sodann aber schlug er sich alsbald auf die Seite des Demos86[296] und ließ sich von diesem die Herrschaft übertragen, indem er ihm vorstellte, wenn er sich zum Widerstande gegen die herrschende Partei stark genug fühle, wolle er mit seinen Soldaten sofort abziehen, sonst aber möchte man es ihm sagen, wenn er bleiben solle. Darauf setzte er alsbald sechzig Anteilhaber des frühern Regiments gefangen und brandschatzte sie, als wolle er ihnen das Leben verkaufen, tötete sie dann aber gleichwohl. In seiner Haltung als Tyrann aber nahm er sich – ähnlich wie Apollodor von Kassandreia87 – Dionysios zum Muster: seinen Söldnern gestattete er gegen die Bürger alles und rottete – schon um der für ihre Bezahlung unvermeidlichen Konfiskationen willen – die frühern Besitzenden allmählich aus; wenn man liest, daß er bei der Belagerung einer Stadt die Bürger vom sechzehnten bis zum fünfundsechzigsten Jahre während der Hundstage absichtlich zwischen Sümpfen und stehenden Wassern kampieren und daselbst wegsterben ließ, während er mit seinen Söldnern gesunde und schattige Punkte bezog, gewinnt man den Eindruck, daß er es auf die ganze wirkliche Bürgerschaft abgesehen hatte. Als dann die vor ihm Geflohenen die Nachbarstädte zum Kriege gegen ihn gewannen, ließ er deren Sklaven frei und vermählte sie bei Todesdrohung mit ihren Gattinnen und Töchtern, deren freilich manche erst den aufgedrungenen Gemahl und dann sich selbst töteten; auch gewann er gegen jene Städte eine Schlacht, bekam dabei die Ausgewichenen gefangen und führte sie im Triumph auf, worauf die Stadt voll von Gefängnis, Folter und Tod war. Wie dieser Mensch, der sich bei seinem dauernden Glück für einen Gott hielt, nach zwölfjähriger Herrschaft von zwei Platonikern ermordet wurde, haben wir früher88 gesehen; aber mit dem Tode des Tyrannen kehrte die Freiheit nicht zurück, sondern auf Klearch folgte zunächst sein Bruder und sein Sohn89.

Sonst wäre hier noch, von einigen Tyrannen auf Euböa und von dem Usurpationsversuch des Timophanes zu Korinth abgesehen, des kuriosen Tyrannen Hermeias von Atarneus und Assos Erwähnung zu tun91. Derselbe war Eunuch und Sklave eines Wechslers. Nach Athen gelangt, hatte er Plato und Aristoteles gehört, wurde dann aber nach der Rückkehr[297] Mittyrann und später Nachfolger seines Herrn, der die Herrschaft über jene Gegend an sich gerissen hatte. Er ließ dann Aristoteles und Xenokrates zu sich kommen, sorgte für sie und gab Aristoteles eine Bruderstochter zur Gattin. Freilich kam er nach einiger Zeit um, indem der Rhodier Memnon, der damals persischer Heerführer war, sich seiner durch Verrat bemächtigte und ihn zum Großkönig sandte, der ihn hängenA4 ließ; die Philosophen aber konnten sich durch Flucht aus der Gegend retten, die nun persisch wurde.


Das Söldnertum, von dem beim heiligen Kriege und bei der Spättyrannis so oft die Rede sein mußte, ist in dem Umfange, den es nun hat, ein spezielles Erzeugnis dieser Zeit. In welchem Grade sich dadurch das Kriegswesen veränderte, zeigt schon der eine Umstand, daß die Kondottieren, welche jetzt aufkamen, wenigstens gegenüber der Polis Athen und gegenüber andern Poleis die Prozesse durch Gewalt und Bestechung zu ihren Gunsten konnten entscheiden lassen, und daß kleinere Städte wohl ohnehin nicht wagten, ihnen ein Haar zu krümmen, während es im V. Jahrhundert, da es sich um gewählte Strategen und Bürgerheere gehandelt hatte, den Demagogen ganz im Gegenteil leicht gewesen war, irgendeine verrucht eitle Demokratie gegen schuldlose Strategen zu hetzen, selbst wenn diese nicht unterlegen, sondern nur etwa nicht entscheidend und namentlich für den Geschmack des Pöbels nicht glänzend genug aufgetreten waren92. An die Stelle des bedrohten tritt also jetzt oft der drohende Stratege, der seiner Brotpolis unter Umständen wenig nachfragt.

Das Söldnerwesen selbst93 hatte freilich seine frühen Antezedentien. Ionier und Karier hatte schon Psammetich in seinen Diensten gehabt, kretische Bogenschützen kommen in den messenischen Kriegen vor, und frühe dürften auch Arkader als Söldner verwandt worden sein94. Während ferner sonst der Kriegsdienst eine Ehren- und Bürgerpflicht[298] war, und der Freie in Waffen nur seiner Polis angehörte, hatten doch die Tyrannen Söldner sowohl als Leibwachen wie für den Heeresdienst gehabt. So wird von Polykrates ausdrücklich gesagt95, daß er neben einheimischen Bogenschützen gemietete Hilfstruppen gehalten habe. In Sizilien aber hatte Gelon nicht nur Söldner gehabt, sondern auch deren 10000 eingebürgert, und Hierons wegen Tyrannei verhaßter Bruder und Nachfolger Thrasybul hatte eine Masse von solchen geworben, um mit ihnen dem Bürgerheer die Spitze bieten zu können. Die siegreich gewordenen Sikelioten gewährten diesen Söldnern freien Abzug; doch blieben auf der Insel noch 7000 Mann, die man nach der jetzt überall erfolgten Herstellung der Altbürgerschaften nicht an den Ämtern teilnehmen ließ, sei es weil man sie dessen nicht für würdig hielt, oder weil man ihnen wegen ihrer Gewöhnung an die Tyrannis nicht traute96. – Im eigentlichen Griechenland freilich kämpften noch in der ersten Hälfte des Peloponnesischen Krieges bürgerliche Hoplitenheere aufs tapferste; indes erscheint daneben schon damals der Peloponnes als selbstverständlicher Werbeplatz97; während der sizilischen Expedition ferner finden sich in Athen, um eine Drachme auf den Tag angeworben, jene 1300 Thraker ein, die dann zu Mykalessos so fürchterlich gehaust haben98, und vor Syrakus fochten auf beiden Seiten arkadische, auf athenischer auch ätolische und kretische Geworbene99.

Mit dem Ausgang des Peloponnesischen Krieges nimmt dann aber das Söldnertum, gefördert durch die Auflösung des Staates, die Verarmung oder Verbannung und Heimatlosigkeit Unzähliger und die gesteigerte Abenteuerlust, rasch und allgemein zu, und nun begegnet uns vor allem als eine Parallelfigur zu Lysander die bezeichnende Gestalt des Lakedämoniers Klearch, welcher es zustande bringt, Spartaner, Ortstyrann und Kondottiere zugleich zu sein. Nachdem er nämlich im Peloponnesischen Kriege spartanischer Flottenanführer gewesen ist, sendet Sparta ihn nach Byzanz, als dieses sich (403) wegen innern Haders und eines thrakischen Angriffs einen Führer erbittet, und da ihn nun die Byzantier völlig frei handeln und große Söldnerscharen sammeln lassen, gibt er sich bald[299] völlig als Tyrannen: er ermordet die Archonten der Stadt hinterlistig bei einem Opfer, wozu er sie geladen hat, läßt auch den Rat der Dreißig (die sogenannten Βοιωτοί) erdrosseln, zieht die Habe aller Getöteten ein, setzt auch noch andern Reichen mit falschen Anklagen zu, welche deren Tod oderA5 Verbannung zur Folge haben, und vermehrt mit den so gewonnenen Reichtümern seine Söldner. Als ihn dann die Spartaner durch Gesandte auffordern, seine Macht niederzulegen, hört er nicht auf sie. Erst auf die Nachricht, daß sie gegen ihn Truppen unter Panthoidas senden, verlegt er seine Macht nach dem gleichfalls von ihm beherrschten Selybria; von hier flieht er, in einer Feldschlacht geschlagen und von Panthoidas belagert, nächtlich nach Ionien, allwo nun sein Verhältnis zu Kyros beginnt100. Nach der Charakteristik, die Xenophon in der Anabasis (II, 6, 1 ff.) auf die Erzählung seines Todes hin von ihm gibt, war er im höchsten Grade unbedingt kriegs- und gefahrliebend, für seine Leute höchst tätig, dabei fähig, jeden mit dem Gedanken zu erfüllen, »daß dem Klearchos Gehorsam geleistet werden müsse«, aber düster, von rauher Stimme und bösem Aussehen; der Soldat sollte ihn mehr fürchten als die Feinde, wenn der Dienst unbedingt genau gehen sollte. In den Momenten der Gefahr war der Eindruck seines Wesens freilich ein dem gewöhnlichen entgegengesetzter; war dieselbe aber vorüber, so gingen ihm viele davon; denn ihm fehlte das Gewinnende, er war immer scharf und brutal, so daß ihm aus Freundschaft und Neigung kein Mensch folgte.

Und nun die Anabasis selbst. Da, wenn irgendeine an sich furchtbare Erscheinung uns unter einladender Form präsentiert worden ist, dies hier geschieht, steht sie als glänzend täuschendes Bild des Söldnertums genau am Eingang des IV. Jahrhunderts. So wenig populär Kyros schon wegen des teilweise auf seine Rechnung kommenden spartanischen Sieges und des darauffolgenden Drucks bei den Hellenen im allgemeinen sein mochte101, folgten ihm doch aus Hellas und dem Peloponnes 13000 Mann[300] und auch aus Asien, wie es scheint, 7000 Griechen102. Kurz vor der Schlacht bei Kunaxa versprach er den griechischen Anführern, sie sollten im Falle des Sieges als seine Freunde an die Stelle der Satrapen, der Freunde seines Bruders, treten, und überdies wolle er jedem Hellenen eine goldene Krone schenken; was Klearch ihm alles mochte versprochen haben, möchte man gerne wissen. Überhaupt darf man fragen, was mit Hellas geschehen wäre, wenn er gesiegt hätte. Gewiß hätte er mächtigen Einfluß auf die Griechen erlangt; aber die Folgen seines Tuns würden wohl das persische Reich zersprengt haben, das nun weiterleben konnte, indem die Achämeniden ihre Hände in den griechischen Staatshändeln behielten und die Griechen nur als Söldner, nicht als Herren in ihrem Lande hatten.

Die stolze Entschlossenheit, womit sich die Griechen nach Kunaxa zunächst unter Klearch gebärden, bewegt nun zwar die Perser zur Anwendung des gemeinsten Verrats, indem die Hauptleute im Zelte des Tissaphernes gefangen genommen und darauf getötet werden. Allein nun folgt die Mächtergreifung Xenophons, in dessen Reden sich aller Mut der Schar und alle geistige Überlegenheit des Hellenen und vollends des Atheners konzentriert. »Wir könnten uns hier behaupten«, heißt es da, »würden dann aber wohl, an Wohlleben und schöne persische Frauen gewöhnt, gleich den Lotosessern der Heimkehr vergessen; mein Rat ist: wir ziehen zu den Unsrigen nach Hellas und melden ihnen, daß, wenn sie in der Heimat arm leben, dies ihre eigene Schuld ist, da es ihnen freisteht, hierher zu ziehen und diese Reichtümer in Besitz zu nehmen.« Mit seiner hohen Vereinigung von Intelligenz, Redegabe und Tatkraft ist er der faktische Anführer, während Cheirisophos der nominelle ist. Und nun folgen auf die Kämpfe mit persischen Scharen die mit Bergvölkern, Strömen, Schnee und Hunger, bis endlich auf dem heiligen Berge Theches zwischen Erzerum und Trapezunt der Ruf Thalatta! Thalatta! erschallt. Da weinen sie vor Freude und errichten ein Steindenkmal, und als sie bei Trapezunt das Meer wirklich erreichen, feiern sie Feste und Spiele.

Solange die Gefahr da ist, zeigt diese Lagergemeinde ihre Art von Größe, indem sie gewissermaßen eine einträchtige Polis darstellt; hernach nimmt bald die Disziplin ab, und die Eintracht wird durch Ränke gegen Xenophon wenigstens zeitweilig gestört. Immerhin hat die Schar das volle Verständnis ihrer Lage, und schwere Erfahrungen veranlassen sie, sich wieder zu vereinigen, nachdem sie sich bei Herakleia durch Uneinigkeit in drei Teile gespalten hat. Nach dem Tode des Cheirisophos und nach unglücklichen Kämpfen seines Nachfolgers Neon gegen[301] Bithynier und Truppen des Pharnabazos erhält Xenophon die volle Führung. Er hält das Heer noch von der Plünderung von Byzanz ab und geht schließlich, durch die schändlichen Intrigen des dortigen spartanischen Harmosten bewogen, samt den Truppen in die Dienste des Thrakerfürsten Seuthes. Da dieser sie für sehr tapfere Dienste nicht auslohnt, übergibt er den Rest des Heeres zu Pergamos dem spartanischen Feldherrn Thimbron zum bevorstehenden Kampf mit Tissaphernes; es sind noch sechstausend Mann. Er selbst kommt als wohlhabender Mann nach Griechenland.

In Griechenland selbst aber wurde nun das Söldnertum bald eine ganz allgemeine Erscheinung. Hier hätten die geschwächten Staaten im IV. Jahrhundert alle des Friedens bedurft, Sparta und Theben so gut wie Athen, aber die Folgen des Begangenen, die innere Zersetzung und die Schwäche selbst machten ihnen einen wahren Friedenszustand unmöglich. Nun waren aber entweder (wie in Sparta) der Bürger zu wenige, oder die Bürger, zumal die wohlhabenden, hatten (wie in Athen) nachgerade einen derartigen Widerwillen davor, für den eigenen Staat Kriegsdienste zu tun, daß sie sich lieber zur Bezahlung von Angeworbenen plündern ließen, und so traten denn die Söldner in die Lücke, die ja auch natürlich für die oft ziemlich weiten Truppentransporte am besten verfügbar waren. Die Mittel zur Söldnerwerbung erhielten die Staaten hie und da von Persien; Sparta dagegen zur Zeit seiner größten Macht konnte zu diesem Zwecke die verbündeten Orte zu Geldzahlungen anhalten, statt daß dieselben Mannschaften gestellt hätten; auch Agesilaos gestattete den asiatischen Hellenen einen Loskauf und stellte um das Geld Söldner ein; von solchen müssen wir uns ihn im asiatischen Kriege hauptsächlich denken; viel weniger Bundesgenossen und nur ganz wenige Spartiaten mag er mit sich gehabt haben; am Ende seines Lebens hat er sich freilich selbst nach Ägypten verkauft.

So kommen denn diese Söldnerheere zustande als eine kriegerische Kraft, die von jeder Polis abgelöst ist; auch sie stellen eine Seite der allgemeinen Abwendung vom Staate dar; dieselbe Apolitie, welche den Philosophen zur souveränen Reflexion über die Staaten und den Staat überhaupt befähigt, tritt hier höchst furchtbar in Waffen auf; man kann sagen, die Philosophen seien der eine, die Söldner der andere Pol derselben. Neben dieser sowohl materiellen als intellektuellen kriegerischen Kraft, über die der Werber verfügen konnte, war das Bürgerheer soviel als nicht mehr da, und wenn der Utopist Plato mit Absicht auf Verwirklichung in diesen Zeiten noch meinte, es lasse sich in der Polis eine ausgeschiedene Kaste von Hütern (φίλακες) konstruieren, so ist dies eine Verirrung ähnlich der fixen Idee von nationaler Bewaffnung, woran Macchiavelli laboriert hat.

[302] Vor allem kommt nun das Söldnerwesen Athens in Betracht. Für diesen Staat sammelte im sogenannten böotisch-korinthischen Kriege (394 bis 387) Konon eine Schar, welche als das »Söldnerheer zu Korinth103« bezeichnet zu werden pflegt. Dies ist die Truppe, die von Iphikrates, an den sie hernach überging, zusammen mit Chabrias durch veränderte Bewaffnung und Organisation bedeutend gehoben wurde, so daß sie (allerdings noch mit einem Bürgerheere zusammen) die Lakedämonier schlagen konnte. Und nun sind von da an eben alle attischen Feldherrn dieser Zeit ganz wesentlich und weit vorherrschend Söldnerführer, gerade wie dies später die lakedämonischen Könige auch sind, und die Masse von taktischen und mechanischen Verbesserungen, neuen Waffengattungen, Strategemen usw., die in Verbindung mit ihren Namen genannt wird, gehört nicht mehr in die Geschichte der griechischen Bürgerschaften und Bürgermilizen, sondern in die der Kriegswissenschaft überhaupt. Es ist aber höchst bedeutend, daß diese Griechen jetzt in der Welt des Krieges das geistig bewegliche Element zu einer Zeit darstellen, da vielleicht selbst Persien (geschweige denn, wenn man von dem einzigen Karthago absieht, die andern Ganz- und Halbbarbaren) von einer alten, rassenmäßigen Kriegsweise gar nicht loskommen konnte. Mögen auch ihre herumziehenden Exerziermeister, die Hoplomachen, oft unpraktische und im Kriege unausführbare Künsteleien vorgeschlagen haben, so wurden doch sicher viele wirkliche Fortschritte erzielt. Zu den Kriegsmaschinen, die bereits Perikles gehabt hatte, kamen nun aus Sizilien die Katapulten, deren Anblick König Archidamos III. den Ausruf entlockt haben soll: »O Herakles! Es ist dahin mit der Tapferkeit des Mannes!« Auch im Seekrieg waren die Griechen jetzt wohl jedenfalls manövrierfähiger als alle andern; mehrmals kommt z.B. die halbmondförmige Aufstellung der Flotte bei ihnen vor.

In die Kriegsgeschichte gehört auch der anekdotische Ruhm des Iphikrates, um welchen herum freilich eine wahre Reklame tätig gewesen sein muß, und der auch selbst prahlen half104. In der Fülle von Ressourcen und von rettenden, praktischen Einfällen tritt bei ihm und andern die odysseische Seite der griechischen Natur wieder einmal zutage. So ist zwar unter Umständen auf die Söldner wenig Verlaß, und es laufen ihrer zweitausend von ihm zu den Lakedämoniern über: aber er versteht es[303] dann, diesen durch eine Botschaft die Übergelaufenen wenigstens verdächtig zu machen. Oder er hält die Truppen in einem Augenblicke, da sie durch Mangel in meuterische Stimmung gekommen sind und eine Ekklesie verlangen – auch dieses von allen Enden der griechischen Welt zusammengelaufene Gesindel begehrt also nach einer Ekklesie – durch Scheinboten des Perserkönigs zum Narren, welche in persischem Kostüm auftreten und in persischer Sprache baldige Ankunft des Geldtransports melden müssen105. Auch soll er es geliebt haben, wenn der Söldner beutegierig und genußsüchtig war, weil er dann, um seine Begehrlichkeit zu befriedigen, tapferer kämpfte106. Freilich ist er dann zwischenhineinA6 lange Zeit gar nicht im Dienste von Athen, sondern bekämpft die Thrakerin eignemA7 Geschäft, heiratet die Tochter des Thrakerkönigs Kotys und setzte sich dergestalt über alle Gunst der Athener hinweg, daß er sich auf dessen Seite hält, auch als derselbe Athens Feind ist107. Und hierin hat er Nachfolger an Chares und Charidemos, mit denen Athen vollends übel dran ist; denn diese machen oft gar keinen Unterschied zwischen Freund und Feind, verprassen das Geld, brandschatzen die Bundesgenossen108 und gehen mit ihren Truppen in fremde Dienste, so daß Athen nicht mehr weiß, wo seine Flotte steckt. Der letztere, der von Oreos auf Euböa, also gar kein Athener war, war bisweilen geradezu verräterisch, aber auch Chares, der tollkühne, renommistische Kondottiere, ein Mensch von wüsten Sitten, hat in fünfzig Jahren den Athenern trotz seinen militärischen Eigenschaften mehr geschadet als genützt.

Fragen wir nun nach der Herkunft der Söldner, so bietet sich vor allem die früher109 erwähnte Stelle aus dem »Philippos« des Isokrates (96), wo es heißt, »die Dinge in Hellas ständen so, daß es leichter wäre, aus den Heimatlosen (πλανώμενοι) als aus den in den Städten als Bürger Lebenden (πολιτευόμενοι) ein Heer zusammenzubringen, und ein solches könnte größer und besser sein als die Schar des Kyros und Klearch; denn damals habe es keine (konstant vorhandene) Söldnerschaft gegeben; man[304] hätte aus den Städten werben müssen und mehr Geld an Geschenken für ihre Werber ausgegeben als Sold an die Krieger«. Diese Stelle ist hochwichtig schon für die Erklärung der Möglichkeit der spätern Kolonien Alexanders und der Diadochen, in denen sich dieses Programm in unendlich viel großartigem Maße erfüllt hat, als der gute Isokrates sich je konnte träumen lassen, sodann aber einstweilen auch für die Erklärung der Zunahme des Söldnertums seit dem Anfang des Jahrhunderts, und schließlich ist sie retrospektiv von höchster Bedeutung für die tatsächliche Auflösung des griechischen Bürgertums. Söldnertum kann schon durch bloße Auswanderung bei Übervölkerung entstehen; es muß entstehen, sobald Poleis durch ihre Nachbarstaaten vernichtet werden oder aber von sich aus einzelne Schichten ihrer Bevölkerung durch Verbannung und sonstige Nötigung zur Flucht und Verleidung der Heimat verjagen, wie dies hier der Fall war, NB. nachdem in den meisten Staaten die Demokratie gesiegt hatte. Gerade solche Kräfte, welche das Bürgerheer am besten hätte brauchen können, geben nun die furchtbarsten Söldner, und die ganze Erscheinung bildet die wahre Gegenrechnung zu der ruchlos gewordenen Polis. Diese sieht nunmehr dieselben Menschen, welche durch Krieg der Heimat beraubtA8, von andern Poleis ausgetrieben worden sind, als gesammelte Wetterwolke um sich und ist bei ihrer eigenen militärischen Fäulnis öfter genötigt, sie um hohen Sold in Dienst zu nehmen. – Wenn der Redner dann (120 ff.) König Philipp auffordert, im weiten Perserreich oder doch wenigstens im vordern Kleinasien Städte zu gründen und die Heimatlosen daselbst anzusiedeln, deren also genug für die umfassendste Kolonisation vorhanden gewesen sein müssen, so ist es eine billige Frage, wie und wovon diese vielleicht ungeheure Menge von verzweifelten Menschen, wenn sie nicht Solddienste taten, außerhalb ihrer Heimatstädte gelebt haben möge. Beiläufig heißt es an der gleichen Stelle, sie fügten jedermann Schaden zu, der ihnen begegnete, und wenn man ihrer Ansammlung nicht Einhalt täte, so würden ihrer unvermerkt so viele werden, daß sie den Hellenen nicht minder furchtbar würden als den Barbaren; und in Wahrheit werden sich auch damals schon die vielen Piraten, welche das Meer unsicher machten110, aus dieser für alle Welt gefährlichen Kaste rekrutiert haben, welche plötzlich und unvermerkt noch gefährlicher werden konnte. Am nächsten aber[305] lag diesen Heimatlosen doch immer der Solddienst, vielen schon aus dem einen besondern Grunde, weil der rechtlos in einer fremden Polis Lebende sehr leicht zum Sklaven gemacht werden konnte. Auch andere mit der Ordnung zerfallene Elemente strebten demselben zu; es ist bezeichnend, daß schon in den Vögeln des Aristophanes (1367) dem Manne, der seinem Vater ans Leben gehen möchte, der Rat gegeben wird, seine Kräfte darin zu verwenden.

Was dachte nun der eigentliche Grieche von diesen Söldnern? Er konnte nichts als jammern und schimpfen, aber nicht es ohne sie machen. Demosthenes, in der Aristokratesrede, welche gegen eine törichte, dem Charidemos zugedachte Vergünstigung gehalten ist, sagt (139) bei Anlaß dieses Feldherrn: »Alle diese Söldnerführer suchen, indem sie hellenische Städte einnehmen, eine Herrschaft auszuüben, und treiben sich, wenn man die Wahrheit sagen soll, in jedem Lande als die gemeinsamen Feinde aller derjenigen herum, die in ihrer Heimat frei nach Gesetzen zu leben wünschen.« Auch Isokrates malt das Söldnertum, zumal das von Athen, mit den schwärzesten Farben. »Statt uns selbst zu üben«, heißt es bei ihm111, »stellen wir Staatslose, Überläufer und aus der sonstigen Verbrecherwelt zusammengeströmtes Gesindel ein, das, wenn jemand es höher löhnt, mit ihm gegen uns ziehen wird, und wenn sie sich irgendwo recht gewalttätig aufgeführt haben, so haben wir noch eine Freude daran. Wir sind solche Toren geworden, daß wir, obgleich selber in Not, uns darauf eingelassen haben, Fremde zu ernähren und außerdem noch unsere Bundesgenossen beschädigen und brandschatzen, um ihnen den Sold zu schaffen ... Bei Ausfahrten zur See brauchten unsere Vorfahren Fremde und Sklaven als Schiffsleute, die Bürger aber als Hopliten, wir dagegen brauchen Fremde als Hopliten und lassen die Bürger rudern.« Plato endlich sagt von den Söldnern112, es gebe zwar unter ihnen viele todesmutige, aber mit sehr wenigen Ausnahmen seien sie frech, gewalttätig, frevelhaft, ja so ziemlich die allertollsten Gesellen.

Es war allerdings eine traurige Sache, wenn man sehen mußte, wie die teure Werbung von Söldnern, über welche vielfach nicht mehr Bürger des zahlenden Staates, sondern fremde Kondottieren das Kommando führten, überall die Finanzen ruinierte, und wie die gleichwohl oft nicht bezahlten Soldaten sich durch Plünderungen aller Art bezahlt machten. Und nun wurden mit der Zeit in den Fällen, da Persien keine Subsidien gab und keine Tribute von Untertanen zu erheben waren, auch die Mittel der Geldbeschaffung abscheulich. Was in neuern Zeiten das denkbar Verächtlichste gewesen ist, das Aufwirtschaften von Aristokratengut und[306] Kirchengut für Bedürfnisse des Augenblicks, hat damals seinen Vorgang. Es bietet sich auch, abgesehen von den Tyrannenstaaten, deren Herrscher naturgemäß die Knechte ihrer Söldner sind und ihnen zwar ihr Heil anvertrauen, sie aber doch so gut als die Komplottmacher fürchten113, das odiöse Bild demokratischer Poleis, welche nicht selber Kriegsdienste tun, sondern, wie Kyzikos114, aus der konfiszierten Habe der Reichen ihre Söldner bezahlen, oder, wie Chalkedon115, zu einem höchst gefährlichen Kapersystem greifen, um Geld für sie zu haben. Und daneben bildet sich allmählich in kühnen Köpfen ein Kausalnexus zwischen Söldnern und Tempelschätzen. Was die phokischen Söldner im heiligen Krieg getan haben, hat sein Vorspiel darin, daß Dionysios mit dem geraubten Schatz von Pyrgoi ein Söldnerheer wirbt und üble Absichten auf Delphi hat116. Es war das Menschenmögliche, daß das über Elis siegreiche Arkadien sich (364) der olympischen Tempelschätze zur Weiterführung des Krieges im ganzen enthielt.

Nutzen hat die Polis im Grunde von den Söldnern nicht viel gehabt, und im Kriege von Chäronea, wo Athens Verbündete (Theben, Korinth, Megara, Kerkyra), abgesehen von den vielleicht mäßig großen Bürgeraufgeboten, 15000 Söldner zu Fuß und 2000 zu Pferde stellten117, wurde man eben doch geschlagen. Überblicken wir aber die Erscheinung für sich, so müssen wir doch zugeben, daß wir hier ein gewaltiges Element des griechischen Wesens vor uns haben, das sein Schwergewicht in sich selbst hatte.


Hier ist nun noch ein Blick auf die großen Werbemächte der damaligen Zeit: Karthago, Syrakus und Persien zu werfen. Nach seinen großen Siegen begehrte Karthago im Jahre 406 ganz Sizilien und verlegte sich deshalb, unter furchtbarem Mißbrauch seiner reinen Geldmacht, abgesehen vom Aufgebot seiner Bürger und seiner afrikanischen Bundesgenossen, auf Werbung im größten Maßstabe118. Da es nun Iberer, Balearen, Campaner und andere unteritalische Barbaren, Sardinier usw. in Masse nach Sizilien werfen konnte119, wäre für die sizilischen Griechen wohl absolut[307] nur ebenfalls durch Werbung zu helfen gewesen120. Aber dieses Verhältnisses bemächtigte sich nun Dionys, der sich daneben zwar noch eine regelmäßige Aushebung erlaubt zu haben scheint121, dessen Tyrannis aber doch wesentlich Werbertum ist. Durch welche Eigenschaften er das Thema der Söldnerbehandlung löste, haben wir früher122 gesehen; dieselben strömten ihm von allen Enden her zu, und Sparta gestattete ihm ausdrücklich die Werbung123; doch hatte er auch Nichtgriechen verschiedener Herkunft; neben eingeborenen Sikelern besonders Campaner und auch Iberer. Zum Lohne überließ er ihnen freiwillig Entella, Katana und Aitne, einmal auch, durch eine Söldnerrevolution gezwungen, Leontini, worauf aber das Nächste war, daß er neue Truppen warb124. Davon, wie er das Geld außer durch Steuern durch schreckliche Konfiskationen und skandalösen Tempelraub beschaffte, war schon mehrfach die Rede.

In dem wüsten Durcheinander zur Zeit des jüngern Dionys und des Dion spielen durchweg auch die Söldner jeweilen ihre Rolle, und beim Aufkommen der zweiten Tyrannis des Dionys (seit 346), die dieser mit lauter Söldnern und Spähern führte, gründeten Söldnerhauptleute in einzelnen Städten ähnliche Tyrannien und hielten es dann, als Timoleon kam, mit den Karthagern; doch gingen die 10000 Mann des Dionys zu diesem über, und nach der Schlacht am Krimisos gingen auch die kleinen Tyrannen unter. Aber nach Timoleons Tode, als sich wieder Oligarchen und Demokraten schieden, erstere sich auf Söldner stützten und neuer Kampf mit Karthago bevorstand, erhob sich das Söldnertum mit Agathokles in seiner furchtbarsten und genialsten Gestalt. Mit Heimatlosen, Steinbruchsträflingen und verzweifelnden Armen bildete er als Strateg[308] seine erste Rotte. Freilich wurde er dann später, als es in Afrika schlecht ging, von den Söldnern gefangen genommen und konnte ihnen nur mit Mühe entwischen; sie hatten damals für den immerhin sehr außerordentlichen Menschen weder Sinn noch Pietät.

Von dem sizilischen Söldnertum, das, insofern es politisch ganz anders verwendet wird und, weil großenteils aus Campanern und Halbbarbaren bestehend, spezifisch von dem griechischen verschieden ist, kommen wir auf die griechischen Söldner in persischen Diensten. Persien gestand offen zu, daß es ohne griechische Werbung nicht bestehen könne; es brauchte sie, wie das kaiserliche Rom die Germanen, schon aus dem einen Grunde, weil die ägyptischen Gegenkönige deren auch hatten, und zwar finden wir solche in den Diensten des Großkönigs wie einzelner Satrapen. Einmal (380) muß Athen es sich gefallen lassen, den Chabrias abzurufen, der mit griechischen Söldnern Nektanebos, den Herrn des abtrünnigen Ägyptens, unterstützt hatte, und dem Pharnabazos, welcher das Land unterwerfen sollte, den Iphikrates zu Diensten zu stellen, worauf dann freilich die Unterwerfung noch nicht gelingt. Aber um die gleiche Zeit (375) wurde der böotische Krieg auf bloßen Pfiff des Artaxerxes hin stillegestellt; Griechenland mußte sich versöhnen, damit dem Könige die Werbung zu dem gleichen Zweck offen stünde125. Hätten die Perser die Augen offen gehabt, so hätte der Großkönig in einer Zeit, da die kriegerische Kraft der Hellenen dem zu Gebote stand, der Geld hatte126, bei einigem ernstlichen Willen, abgesehen von seiner Allianz mit einzelnen Griechenstaaten, das ganze griechische Söldnertum gegen Griechenland selbst anwerben können, waren doch die Schätze von Ekbatana noch intakt; und noch um 354 unter Artaxerxes Ochos (359-338) befürchtete man so etwas127; es ist ein erstaunlicher Optimismus, wenn damals Demosthenes in der Symmorienrede (31 f.) sagt, gegen Ägypten und andere Abtrünnige zögen wohl griechische Söldner dem Könige zu, gegen Hellas aber, glaube er, würde kein Hellene ziehen.

Wenigstens die letzte Unterwerfung der empörten persischen Westlande wurde König Ochos damals, trotzdem ihm Athen und Sparta die Werbung versagt hatten, nur durch die griechischen Söldner möglich, und hier begegnet uns nun nach dem Falle von Sidon der Rhodier Mentor und neben ihm Lakrates mit einem thebanischen und Nikostratos mit einem argivischen Kontingent. Bei Pelusium kämpften aufs tapferste wegen des beiderseitigen Ehrgeizes Griechen gegen Griechen; und zwar[309] hatte jede der feindlichen Griechenscharen in der Schlacht außer ihren eigenen Strategen noch einen barbarischen Anführer. Freilich kapitulierten die Griechen des Nektanebos nach ihrer Niederlage dann auch leicht an die des Ochos, welche ihnen sichern Heimtransport versprachen, und übergaben Pelusium; Mentor aber gelangte nun zur größten Macht, indem er den allmächtigen Eunuchen Bagoas zwang, mit ihm zusammenzuhalten und ihm die gleiche Stellung im Westen des Reiches zu überlassen, die er selbst im Osten innehatte, zugleich aber zum eigentlichen Großwerber für das Reich wurde. Von Ochos hoch beschenkt, konnte er nun auch seinen in Ungnade gefallenen und geflüchteten Bruder Memnon wieder in Gunsten bringen, der dann nach seinem Tode in seine Stelle trat128.

Immerhin fehlte es im Perserreiche in der Zeit des Ochos und Arses (338-336) oder vielmehr des Bagoas, der in Susa unumschränkt regierte und beide Könige samt ihren Familien aus der Welt schaffte, an einer einsichtigen zentralen Leitung. Statt sich durch das gefährliche Beispiel warnen zu lassen, wodurch der jüngere Kyros dargetan hatte, was mit Griechen gegen die persische Regierung möglich wäre, war man damals und noch unter Dareios Kodomannos erstaunlich sorglos. Noch, als Philipp den Attalos und Parmenion nach Asien sandte, hatte ihm Memnon nur 4000 Mann entgegenzusetzen, und nach Philipps Tode entschlug man sich eine Weile aller Sorgen. Endlich scheint Memnon eine stärkere Rüstung durchgesetzt zu haben, wenigstens konnte er 335 mit 5000 Mann die Makedonier wieder aus Asien treiben; auch erging jetzt ein persisches Schreiben, das die griechischen Staaten zu einem Bündnis gegen Makedonien lud; persische Hilfsgelder gingen nach Athen, es erfolgte der Losbruch Thebens, aber auch dessen Katastrophe.

Und nun kam die Invasion Alexanders. Dieser beschränkte sein Heer absichtlich auf 30000 Mann zu Fuß und 5000 Reiter. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, es mit Söldnern bedeutend zu vermehren, aber er nahm deren nur 5000 mit, weil die Verpflegung mit wenigen sicherer war; der Rest waren Makedonier, Bundeskontingente der Griechen und leichtbewaffnete Halbbarbaren. Memnon aber hatte im persischen Kriegsrat nicht genug Kredit, um es durchzusetzen, daß Alexander keine Schlacht geliefert, sondern er durch Verwüstung des Landes ausgehungert würde. Im Mai 334 wurde gegen seinen Willen am Granikos geschlagen, wobei das Fußvolk, an 20000 griechische Söldner, gar nicht zum Gefechte kam, sondern nach der Flucht der Reiterschar ohne Erbarmen bis auf 2000 Mann niedergemetzelt wurde. Die Überlebenden wurden in Fesseln zur Zwangsarbeit nach Makedonien geschafft; Alexander[310] behandelte sie – etwa wie Generale der ersten französischen Republik die Emigranten – als Überläufer und Verräter. Memnon warf sich nach Halikarnaß und mit ihm die athenischen Hauptleute Ephialtes und Thrasybulos. Als er sich hier nicht mehr behaupten konnte, fuhr er nach Kos und suchte den Krieg in Alexanders Rücken nach Griechenland hinüberzuspielen, starb dann aber während der Belagerung von Mitylene, was ein schwerer Verlust für das Reich war; die Mannschaft kam jetzt unter törichte Perser zu stehen und fand stückweise und allmählich den Untergang.

Bei Issos hatte Dareios wieder 30000 griechische Söldner, die auf das tapferste kämpften, aber in die Niederlage mitgerissen wurden; doch retteten sich noch 8000 davon in guter Ordnung nach Tripolis und fuhren von da nach Zypern und Ägypten. Um Dareios aber sammelten sich noch mehrmals Tausende hellenischer Söldner, deren Treue bewies, daß sie doch nicht bloß für den Sold kämpften129. Bei Arbela bildeten sie seine Leibgarde, und noch auf der Flucht nach Ekbatana waren 2000 unter dem Phokier Patron und dem Ätoler Glaukos um ihn, und dieser Rest der 50000 Hellenen, welche in seinen Diensten gestanden, blieb ihm auch noch gegen Bessos treu. Nachdem sie ihn nicht mehr hatten retten können, kapitulierten die letzten 1500 auf Gnade und Ungnade und wurden in Alexanders Heer eingestellt.

Wenn dann Alexander einmal die vollen Schatzkammern Persiens gewann, so konnte er eine Menschenwerbung anstellen, die es ihm möglich machte, wirklich die ganze damalige Welt zu erobern.


Werfen wir nun wieder einen Blick auf Athen. Diese Stadt expliziert ja alles am besten, und zwar nicht etwa weil wir für sie mit historischen Darstellungen gut versehen wären – die politische Geschichte muß man vielmehr aus Xenophon, Diodor und andern sehr zusammen erraten –, sondern weil wir aus den Rednern und für den Anfang auch aus Aristophanes eine Fülle von moralischen Tatsachen kennen. Diese aber sind so, daß wir ein von Älian130 erhaltenes Wort des Isokrates an die Spitze dieser Ausführung stellen könnten, wonach die Stadt zwar zu vorübergehendem Aufenthalte mehr als irgendeine andere in Hellas angenehm war, zu dauerndem Leben aber keine Sicherheit mehr bot und zwar wegen der Sykophanten und der Demagogen.

Wie war es hier nach Ägospotamoi gegangen? Es ist eine Tatsache, die man wußte, und Andokides sprach die unangenehme Wahrheit auch[311] aus131, daß Sparta bei der damaligen Katastrophe Athen die Fortexistenz sicherte, während man, wenn der Wille der spätern Verbündeten Athens, der Thebaner und Korinther, gesiegt hätte, die Einwohner in die Sklaverei verkauft und die Stadt würde öde gelegt haben. Freilich verschonte Sparta Athen nur, damit Theben nicht zu mächtig werde, gerade wie es anderseits nach Leuktra nicht vom Edelmut132 hergekommen ist, daß man von Athen aus den flehenden Lakedämoniern Iphikrates mit 12000 Mann zu Hilfe sandte, sondern viel eher von der neidischen Besorgnis vor dem nahen Theben. Immerhin aber war die Fortexistenz Athens gesichert, und nach der kurzen Herrschaft der dreißig Tyrannen konnte auch der Staat mit vollständiger Herstellung der Demokratie in ihren alten Formen von neuem eingerichtet werden. Nur sah es mit der damals erteilten allgemeinen Amnestie sogleich zweifelhaft aus; wie die Oligarchen, als sie die Niederlage der Stadt zur Konstruktion eines wehr-, schiff- und machtlosen Athens benützten, mit logischer Strenge vorausgesehen hatten, daß nämlich jedes demokratische Athen wieder auf die alten Pfade eines grausamen Streber- und Sykophantenwesens einlenken werde, geschah trotz dem gegebenen Versprechen sofort und ganz unvermeidlich. Überall wurden nachträglich Klagen aufgeführt und geltend gemacht, und weil an allem etwas von der wüsten Erinnerung an jene schreckliche Zeit haftete, konnten sich die Sykophanten gleich nach der Restauration wieder auf ihre Beute werfen133.

[312] In der äußern Politik zehrte man noch an den Reminiszenzen von der Zeit des Perikles her. Dieser hatte die Athener einst durch reinA9politische und künstlerische Beschäftigung (oder Muße) zu einer ewigen Hegemonie über die übrigen Griechen heranbilden wollen, dabei aber die Demokratie mit allen Konsequenzen großgezogen. Dadurch waren in den übrigen Griechen, welche auch eitel waren, alle Dämonen wachgerufen worden, und die Folge war der Peloponnesische Krieg gewesen. Alle Staaten hätten nun nach dessen Ende des Friedens dringend bedurft; aber da der Unfrieden im Innern der Menschen zu groß war, konnte man nicht Frieden halten, wenn man wollte; das innere Leid, das zehrende Fieber brachte die Ausbrüche immer wieder hervor. So ging denn der Kapitalverlust der griechischen Menschheit zunächst in Gestalt des böotisch-korinthischen Krieges seinen verheerenden Gang weiter134, wobei sich an alle Kämpfe im Felde noch die Stadtrevolutionen beider Parteien hängten. Und nach dem Antalkidasfrieden (387) erhob sich innerhalb so vieler »autonom« gewordener Poleis der Hader erst recht. Freilich atmete Athen nun allmählich von dem spartanischen Druck wieder[313] auf, und nach der Befreiung der Kadmeia wurde (378) sogar die Neubildung eines athenischen Seebundes möglich; Chabrias siegte (376) bei Naxos und Timotheos (375) bei Leukas über lakedämonische Flotten; auch beherrschte man dauernd noch die Inseln Lemnos, Imbros und Skyros und ein Gebiet am thrakischen Chersonnes; allein die neue Hegemonie war sehr bescheiden, mit dem Bürgerheer zu Lande sah es fortwährend mager aus, und so war alle »ganz große« Politik nunmehr unmöglich; Athen übte keinen Zauberzwang mehr aus, und wenn es für sich auch noch seine Nerven hatte, so war es doch soweit ernüchtert, daß es sich keinen sizilischen Wahnsinn mehr erlauben konnte; die ganze Existenz hatte man nur einmal so können in die Luft aufprasseln lassen und nicht wieder.

Da Neid noch stärker als Haß ist, verband man sich, wie gesagt, nach Leuktra mit Sparta gegen Theben; aber Entscheide konnte man doch nicht mehr geben, und alle athenischen Kriege und Allianzen dieser Zeit blieben fruchtlos. Inzwischen mochte es freilich sehr ärgerlich sein, daß ein Pelopidas mit seinem Kriegsruhm beim Großkönig mehr als Athen mit seiner Rhetorik galt135, am allerschlimmsten aber war doch, daß man das 457 zinspflichtig gemachte und 431 nach Vertreibung der alten Einwohner mit Kleruchen besetzte, nach Ägospotamoi aber diesen wieder abgenommene und den Ägineten zurückgegebene Ägina täglich vor Augen haben mußte136. Dieses eine Faktum genügt, um Lage und Stimmung der Athener zu erraten; es war für sie fast, was die Herstellung von Messenien für Sparta wurde, wie dieses mußten sie ihre nahezu stärkste Tat wieder herunterwürgen.


Da nun die äußere Macht verloren war, die Prätensionen aber geblieben waren, funktionierte sich die Staatsmaschine an dem eigenen Attika müde, wobei noch das beständige unvernünftige Schlottern vor der Gefahr auffällt, irgend jemand möchte die bestehende demokratische Verfassung stürzen. Mit der Ausbeutung dieses Aberglaubens konnte z.B. während des böotisch-korinthischen Krieges von den Rhetoren ein Friede mit Sparta bekämpft werden137. Wie stark aber der allgemeine[314] Ekel an der Politik geworden war, lehren uns die (vielleicht 392 aufgeführten) Ekklesiazusen des Aristophanes. Selbst Hohn und Bosheit haben hier etwas Lahmes; es ist das erste Stück des Dichters, worin kein Mitlebender auf der Szene auftritt, während er ihrer viele noch gelegentlich zitiert und verhöhnt, und wo er dies nicht tut, die Nachwelt doch durch die verwunderlichsten Generalaussagen erbaut138. Im IV. Jahrhundert mag freilich die Schmähung allmählich stark an Wirkung verloren gehabt haben; daß man aber die persönlichen Masken verbot, hing wohl daran, daß man sie jetzt verbieten konnte. Der Staat und die Öffentlichkeit hatten keine Zelebritäten mehr wie Kleon, Euripides und Sokrates; die Personen ersten Ranges lebten außerhalb beider, zum Teil in freiwilliger Armut, und Athen mußte für seine Geschäfte mit geringern Leuten vorlieb nehmen, mochte denselben nachgesagt werden, was da wollte. Dessen ist nun allerdings viel. Die Weiber sollen statt der Männer den Staat übernehmen, weil, wie ihre Führerin Praxagora (176 ff.) klagt, die Polis sich stets an schlechte Leiter hält, von denen einer, wenn er einen Tag recht gewesen ist, für zehn andere schlecht sein muß und jeder folgende mehr Unheil als der vorhergehende anrichtet; aber auch der Demos sieht überall nur auf seinen persönlichen Nutzen; in die Volksversammlung kommt er gleich den Lehmträgern allein um der drei Obolen willen, d.h. die Sache wird zu einer Frage des geringsten Tagelohnes139, der athenische Philister erscheint (435 ff.) nach Aussage seiner Frau als ein Dieb, Sykophant und Schurke, und zwar im Durchschnitt; schweigen können nur noch die Weiber, während die Männer selbst zugeben, daß sie ausschwatzen, was sie beraten, und nur sie betrügen einander nicht, während diese es trotz allen Zeugen tun. Dazwischen läßt sich einmal (473 ff.) zum Beweis für den leichten Mut, der für die damalige Generation kein unerwünschter Besitz sein mochte, auch der alte optimistische Trost hören: »was wir (Athener) Unsinniges und Törichtes beschließen, schlägt uns alles zum Bessern aus«, und sehr hübsch kommt auch die athenische Neigung für das Neue und Unerhörte zu Worte, wenn es (455 ff.) heißt, man müsse den Staat den Weibern übergeben, weil dies allein darin noch nicht vorgekommen sei, oder wenn die Heldin für ihre ironische Befürchtung, die Neuerung möchte Anstoß geben (586 f.), mit dem Satz beruhigt wird, wegen des Neuerns solle sie[315] sich keine Sorge machen; denn dies und das Vernachlässigen des Alten ersetze den Athenern anderweitige Herrschaft140.

Auch im Plutos, der in der vorhandenen Redaktion 388 aufgeführt worden ist, herrscht eine ähnlich trostlose Stimmung. Den Guten geht es schlecht, den Bösen gut, die Rhetoren bereichern sich, auch vom angeblichen Freund ist man eines Sykophantenstreichs gewärtig (377 ff.); zumal aber erscheint die allgemeine Poveretät ungeheuer; nicht nur spielt auch hier der Ekklesiasten- und Heliastensold (329 f., 1166 f.) seine Rolle, sondern wegen der schlechten Honorare gibt es keinen guten Arzt mehr (407 f.); vor lauter Misere hat man Panzer und Schild aufs Leihhaus getragen (450 f.); auch im Asklepieion geht es ärmlich zu, indem der Priester daselbst offenbar (676 ff.) auf die Kuchen und Feigen, die er vom heiligen Tisch stiehlt und in seinen Sack »weiht«, angewiesen ist; daß (595 ff.) arme Leute die Speisen regelmäßig rauben, welche die Wohlhabenden allmonatlich an die Gräber der Ihrigen bringen, paßt doch wohl nur in eine Zeit des tiefsten Elends.

Wie nun in diesem Jammer gewisse Redner ein Idealismus ohnegleichen zugunsten des vorhergegangenen Jahrhunderts ergreift, haben wir schon oben141 gesehen. Hier möge noch daran erinnert sein, wie im Areopagitikus des Isokrates durch das Lob der ältern Zeit die eigene, d.h. die der Staatsverwaltung des Eubulos, gezeichnet wird. Die positiven Vorschläge des Redners, welche auf Herstellung der Macht des Areopags hinzielen, waren undurchführbar, da man ja die alte Gesinnung, die hierzu gehört hätte, nicht herstellen konnte142; auch hat er über das VI. und V. Jahrhundert offenbar fabulose Ideen; seine historische und politische Erudition war überhaupt nicht groß, und am Ende dürfte er auch einiges völlig ersonnen haben; ist ihm doch, wenn er nur seine Phrasen schön runden und Zug in seine Rede bringen kann, jeder Sachverhalt gleichgültig; da die Rede aber ein wahrer Inbegriff alles Übelbefindens in der attischen Demokratie des IV. Jahrhunderts ist, bleibt sie durch die Hiebe auf die eigene Zeit für uns belehrend. Isokrates bildet sich ein altes Athen ein, wie es gar nie existiert hat, nämlich ein solches, das bereits demokratisch, aber gleichwohl noch gerecht und glücklich war, und nun durchzieht die ganze Rede das lächerliche Gerühm der attischen Demokratie[316] an sich neben dem kläglichen Jammer über die konkrete Demokratie. Von dem Patriotismus der guten alten Zeit weiß er zu erzählen, daß die Ämter damals nicht begehrt und umworben gewesen seien; jeder sei seinen eigenen Geschäften nachgegangen, hätte aber noch nicht verlangt, dieselben aus öffentlichen Mitteln aufzubessern. Wer Muße und genug Vermögen hatte, mußte dem allgemeinen dienen wie ein Knecht; Redliche wurden belobt, Unredliche ohne Nachsicht bestraft; im Kultus hatten noch nicht luxuriöse neue Opfer die althergebrachten verdrängt; die Eintracht von Reich und Arm gar war so groß, daß die Armen neidlos einsahen, ihr eigenes Wohlbefinden würde durch den Wohlstand der Reichen befördert, die Reichen aber jede Not der Ärmern als Schmach für sich empfanden und durch Ausgabe von Grundstücken um geringe Miete, durch Verwendung in auswärtigen Handelsgeschäften und durch Erleichterung anderer Tätigkeiten Aushilfe schufen, ja wer Geld entlehnte, wurde lieber gesehen, als wer solches zurückzahlte. So herrschte Friede im Innern und über jeden auswärtigen Feind wurde man Meister ... Aber freilich saß die Jugend nicht in den Würfelspiellokalen und bei den Flötenspielerinnen; wenn sie je über die Agora gehen mußte, geschah dies mit aller Bescheidenheit; Bejahrtern zu widersprechen oder sie zu beleidigen, galt damals für ärger als jetzt, wenn man es den Eltern tut; in der Kneipe zu essen oder zu trinken wagte nicht einmal ein wohlerzogener Sklave, und die Witzbolde und Spötter, die jetzt (bei dem allgemeinen Ton des Spottens) Talente (εὐφυεῖς) heißen, galten für unglückliche Menschen. Die Hauptschuld daran, daß es anders gekommen ist, liegt nach dem Redner kurz hinter ihm an der Generation, welche die Macht des Areopags brach; daß man aber noch immer unbußfertig war, lehrt ein Satz wie der (66), die Demokratie habe die Stadt mit göttlichen und menschlichen Einrichtungen dergestalt geschmückt, daß noch jetzt fremde Besucher sie für wert hielten, nicht nur über die Hellenen, sondern auch über die ganze übrige Welt zu herrschen.

Jedenfalls waren im Personal der Bürgerschaft bedeutende Veränderungen vorgegangen. Waren im Staat die Banausen schon vor und während des Peloponnesischen Krieges mächtig gewesen, so hatten nun nach der Restauration »aus Mangel an Männern« viele Bürgeraufnahmen stattgefunden. Fremde wie Thessaler und Andrier waren so, bald nach 403 (wohl über die Zwischenstufe des Metökentums) in Menge zum attischen Bürgerrechte gelangt143; dafür, daß dies durch den Tod vieler echten Athener während des Peloponnesischen Krieges notwendig geworden war, haben wir die wichtige Aussage des Isokrates, der in der Friedensrede (86 ff.) alle die enormen Menschenverluste Athens seit der[317] ägyptischen Expedition von 458 aufzählt und dann fortfährt: »Alljährlich errichtete man irgendein Gesamtgrab, zu welchem dann unsere Nachbarn und andere Hellenen pilgerten, nicht um mitzutrauern, sondern um sich unserer Verluste zu erfreuen. Dabei merkte man nicht, daß man diese Gräber mit Bürgern, die Phratrien und Bürgerlisten aber mit solchen anfüllte, die die Stadt nichts angingen ... Denn die Familien der erlauchtesten Männer und die größten Häuser, welche die Tyrannenzeit und den persischen Krieg überlebt hatten, finden wir vertilgt. Es ist aber nicht die Stadt glücklich zu preisen, welche von allen Enden her aufs Geratewohl viele Bürger anhäuft, sondern diejenige, welche die Rasse der von Anbeginn an Angesiedelten am besten erhält.«

Die großen Widersprüche nun, welche in der Waltung dieser Polis bestanden, haben wir im zweiten Abschnitt dieses Werkes144 kennengelernt. Auf der einen Seite hat man es mit einer höchst tyrannischen Regierung des Augenblicks durch die Ekklesie und tyrannische Machthaber zu tun, wobei der Staat immer Recht hat und lauter Feinde sieht, Todesstrafen für jede Kleinigkeit verhängt und die Konfiskation als stehende Finanzquelle anwendet; daneben aber steht das liederlichste Funktionieren der staatlichen Organe, unter denen der Gesetzeredaktor Nikomachos145 und seine Freunde, welchen der ganze athenische Staat nicht imstande ist Widerstand zu leisten, eine förmliche Illustration zu den Ekklesiazusen sind. Die Gesetzmacherei steht in solchem Flor, daß nach dem Ausdruck des Isokrates146, welcher in der Masse und Tüftelei der Gesetze einen Beweis für üble politische Zustände erblickt, mehr die Stoen mit Urkunden als die Gemüter mit Sinn für das Recht erfüllt sind; auch Gelegenheitsgesetze und Gesetze mit rückwirkender Kraft kommen in Menge zustande. Und das, obschon man im ganzen Staatswesen noch die umständlichsten formalen Kautelen hat, und z.B. bei neuen Gesetzen die Antragsteller den Gesetzesentwurf und daneben das alte Gesetz öffentlich auf dem Markte aufstellen müssen, damit jeder es prüfen und in der Volksversammlung seine Bedenken vorbringen könne, auch die Bürgerschaft Fürsprecher zur Verteidigung des Bisherigen ernennt usw. Legislation und Gerichtswesen hindern eben nicht, daß der Staat eine Schikane geworden ist und die Individuen böse und korrumpiert sind, und wie alles umgangen oder ihm auch direkt zuwidergehandelt wird, zeigen die Redner.

Je pathetischer der Staat sich gebärdet und je tyrannischer er im einzelnen Falle eingreift, desto größer ist der Frevelmut der einzelnen und[318] desto fester die Entschlossenheit durchzuschlüpfen. Die hier betätigte Kunst der vollkommenen Durchtriebenheit (was der Grieche πανοῦργον nennt), wobei die Leute um des Profites willen ihr Leben mit der größten Leichtigkeit in die Schanze schlugen, ist erstaunlich. Wie man z.B. bei Kontravention im Getreideverkehr den Tod wagte, haben wir früher (S. 175 f.) gesehen. Die Steuern an den Staat, der dem Bürger durch seine Ausartung und seine Plackereien verleidet war, umging man, sobald man dazu den nötigen Einfluß hatte; z.B. wurde den 300 Reichsten, welche seit 357 in den für Ausrüstung der Trieren gebildeten Steuergesellschaften (Symmorien) die erste Klasse bildeten und bei der Rüstung einer Expedition das Geld vorzuschießen hatten, stark vorgeworfen, daß sie die Lasten unbillig auf die Minderbegüterten verteilten, und daß infolge davon die Ausrüstung meist langsam und mangelhaft vonstatten zu gehen pflege147. Daneben ließen sich beständig Klagen wegen Unterschleifs hören. »Mit voller Sicherheit stehlen sie das Eurige. Entweder merkt man es nicht, und dann genießen sie den Raub ohne Furcht, oder man merkt es, und dann kaufen sie sich mit einem Teil ihrer Missetat von der Gefahrlos, oder, wenn es zum Prozeß kommt, retten sie sich durch ihren Einfluß«, sagt z.B. Lysias in einer während des böotisch-korinthischen[319] Krieges gehaltenen Rede148 von irgendwelchen Subjekten, denen er vorwirft, im Kriege aus Armen reich geworden zu sein, und zwar haben sie sich aus dem Gute des Volks bereichert, das nun um ihretwillen arm ist und sich nicht mehr über das erzürnt, was diese stehlen, sondern dankbar ist für das, was es noch bekommt. Was die Beamten betrifft, so waren sie unter Umständen alle bestechlich, und man drängte sich eben deshalb zu diesen Verrichtungen, weil man bestochen werden konnte. Bei manchen mochte sich hier nicht bloß der Wille, mit dem Risiko zu profitieren, geltend machen, sondern das Bestimmende war für sie ein gewisser Wagemut und das Hochgefühl, einmal ein glücklicher Betrüger zu sein. Uns aber machen diese Zustände den Eindruck, die meisten Athener wären damals statt für die Betätigung in der Polis längst für ein polizeilich geschütztes, ruhig tätiges Privatleben reif gewesen.

Mitten hinein meldet sich dann ein finanzieller Quacksalber, der dem Staate prächtige Mittel eingeben will, wodurch er recht glücklich werden könnte. Es ist der Verfasser der Schrift »über die Einkünfte«, d.h. der alte Xenophon (wenn anders es dieser ist), der in der Zeit des heiligen Krieges, nachdem die Athener sein Exil aufgehoben, seinen Traktat zu Eubulos Gunsten149 schrieb.

Wir haben früher150 gesehen, wie derselbe durch Verhätschelung der Metöken, denen er sogar Bauplätze schenken und für die er ein besonderes Amt der »Metoikophylakes« errichten möchte, sowie durch Ausbeutung der Silberbergwerke und Vermehrung der Bergwerksklaven ins Ungemessene die Einnahmen des Staates steigern wollte151, und dies alles, weil er sich bei seinen völlig altfränkischen Ansichten eine Bürgerschaft wünschbar und möglich denkt, die nur für den Staat und dessen Macht existiert. Die Zeit hierfür war längst vorüber. Dagegen ist das allgemeine Phänomen des damaligen athenischen Lebens, daß man nach Rechten statt nach Pflichten und nach Genuß statt nach Arbeit verlangt, und hier treten nun die fatalen Konsequenzen der antibanausischen Gesinnung zutage. Da man das Beglückende der wirklich angestrengten Arbeit nicht[320] empfand und außerhalb derselben leben wollte, mußte man auf anderm Wege suchen, zu dem guten Leben zu gelangen, und erlaubte sich dafür nun einfach alles. Oft wurde man dabei ein Lump und ein Verbrecher; Meineid, falsches Zeugnis, gemeiner Diebstahl (das λωποδυτεῖν und τοιχωρυχεῖν) und gewöhnlicher Mord aus Gewinnsucht waren an der Tagesordnung, und es bildete sich die odiose Gestalt des Parasiten. Es wäre die höchste Zeit gewesen, daß dem Gesindel der Müßiggang und die Genußsucht vom Staate verleidet worden wäre; aber der Jammer war im Gegenteil, daß dieser absolut nicht imstande war, jemand am hellen Tage gegen die verruchtesten Anfechtungen zu schützen, vielmehr nur das ganze Rüstzeug seiner Formen und Einrichtungen dem Angreifer zu Gebote stellte.

Für das Detail des erbärmlichen Zustandes, worin das damalige Athen sich befand, ist nun vor allem der Redner Isäos152 belehrend, trotzdem seine in Zivilstreitigkeiten gehaltenen Reden nur eine Seite der griechischen Verruchtheit beleuchten. Hier erfährt man nämlich besonders, wie auf jedes Erbe, das nicht von ganz resoluten und kräftigen Leuten beschützt wird, eine Anzahl von gierigen Schurken lauert. In der IV. Rede z.B. ist der Fall folgender: Es ist ein gewisser NikostratosA10 außer Landes im Kriege gefallen, und die natürlichen Erben seines nur zwei Talente betragenden Vermögens sind zwei Söhne eines Vaterbruders. Allein nun scheren eine ganze Anzahl von Individuen das Haar und tragen Trauer, als wären sie erbberechtigt. Einer gibt sich als Neffen des Erblassers aus, wird der Unwahrheit überführt und tritt zurück; ein anderer behauptet, der Verstorbene habe ihm alles vermacht, muß sich aber ebenfalls zur Ruhe geben; ein Dritter bringt vor den Archon ein dreijähriges Kind als das des Erblassers, während dieser doch elf Jahre lang gar nicht mehr in Athen gewesen war; ein Vierter sagt, derselbe habe sein Vermögen der Athene geweiht, zugleich aber ihm vermacht; ein Fünfter und Sechster behauptenA11 zuerst, er habe einen Prozeß um ein Talent gegen sie verloren, da sie es aber nicht beweisen können, stellen sie nunmehr auf, er sei ihr Freigelassener gewesen, was sie wieder nicht beweisen können. Dies sind die, welche gleich anfangs auf das Erbe lossprangen; sie verloren bei der Zurückweisung nur die beim Beginne des Prozesses deponierte Summe, welche bloß einen Zehntel des in Anspruch genommenen Kapitals betrug, und der Redner findet mit Recht, dies sei viel zu wenig; der Abgewiesene sollte dem Staate soviel erlegen, als er zu erhalten gedacht hatte, dann würden Gesetzesverachtung, Verwandtenkränkung und Verleumdung[321] des Verstorbenen aufhören. Aber nun kommt erst noch einer mit einem angeblichen Testament des Verstorbenen zu seinen Gunsten und behauptet zugleich, derselbe sei gar nicht der Sohn des Oheims der Erben, sondern eines ganz andern Mannes gewesen. – Ähnlich behauptet nach der VIII. Rede Dioldes, ein gieriger, bloß angeheirateter Verwandter, den Tochtersöhnen und einzigen Erben eines gewissen Kiron ins Gesicht, ihre Mutter sei gar nicht Kirons Tochter gewesen, und dabei erfährt man ganz nebenbei auch zur Charakteristik des schändlichen Menschen, daß das Vermögen, mit welchem er jetzt den großen Herrn spielt, fremdes Gut ist. Er hat dieses nämlich dadurch an sich gebracht, daß er sich einem Vater, der drei Erbtöchter hinterlassen hatte, als Adoptivsohn unterschob, obwohl darüber von dem Verstorbenen gar keine Verfügung hinterlassen war. Und als das Vermögen zweier Töchter durch ihre Männer von ihm zurückgefordert wurde, wußte er den Mann der ältern in seine Gewalt zu bringen, sperrte ihn ein und mißhandelte ihn auf eine beschimpfende Weise, worüber er zwar wegen Ehrenschändung verklagt, aber doch bis jetzt straflos geblieben ist; den Mann der zweiten ließ er durch einen Sklaven umbringen, schickte diesen darauf aus dem Lande und schob die Schuld auf die vorgebliche Schwester; und nachdem er sie durch seine Schändlichkeiten eingeschüchtert hatte, entzog er als Vormund ihrem Sohn noch obendrein sein Vermögen und besitzt jetzt dessen Landgut, wofür er jenen nichts als ein paar schlechte und steinige Ackerstücke gegeben hat. Aus diesem entsetzlichen Porträt mag man sehen, was in Athen um gewaltsamen Besitzes willen geschah und ungestraft bleiben konnte; einen Staatsanwalt gab es nicht, und gegen ein solches Individuum regten sich, scheint es, keine Sykophanten.

Ganz alltäglich mögen Fälle gewesen sein wie der der VII. Rede zugrunde liegende, daß ein Oheim als raubsüchtiger und ungetreuer Vormund selber behauptete, Miterbe zu sein und überdies das Erbe des Verstorbenen veruntreute, oder daß sich eine Familie, wie die des Demosthenes, den Raub des Erbes durch Richterspruch mußte gefallen lassen, bis die rechtmäßigen Erben oder deren Söhne so weit herangewachsen waren, daß sie sich vor Gericht wieder für ihr Erbe wehren konnten153.

Auf ein anderes Gebiet, nämlich das der bürgerrechtlichen Verhältnisse, wirft die Rede des Demosthenes gegen Eubulides Licht. Hier handelt es sich um eine jener Ausmusterungen in den Demen, da alle nicht von einem Bürger und einer Bürgerin Erzeugten (und zwar sehr viele mit Recht) eliminiert und zu Metöken degradiert wurden; eine[322] Appellation stand zwar an das Volksgericht offen, wer dann aber auf sie hin verlor, wurde als Sklave verkauft. Und nun hat sich in diese Verhältnisse, in denen die Sykophantie gewiß vor allem in höchster Blüte stand, in Demos Halimus ein infamer Mensch namens Eubulides eingenistet. Gegenüber seinen Opfern, unter denen der von Demosthenes verteidigte Euxitheos ist, hat er die (in der Stadt selbst abgehaltene) Demotenversammlung mit Reden und Nebengeschäften so lange hingehalten, bis es dunkel wurde und die meisten heimgingen; die dreißig, welche übrigblieben, waren seine Einverstandenen, und nun folgte eine betrügerische Abstimmung, wobei die meisten mehr als eine Stimme abgaben, so daß sich in der Urne über sechzig Stimmen gegen Euxitheos fanden. Der Vorwand, unter dem dieser des Bürgertums beraubt wurde, bestand nur darin, daß sein Vater fremdländisch sprach und lebte, was von langer Sklaverei durch Kriegsgefangenschaft herkam, und daß die Mutter, wie dies bei der allgemeinen Not häufig geschah. Ammendienste getan hatte; das Bürgerverzeichnis des Demos aber sollte in den Unruhen verloren gegangen sein. Die Frechheit des Eubulides, der sich zu rächen hatte, weil Euxitheos sich einst bei seiner seiner Sykophanüen unter den Gegenzeugen befand, war aber umso größer, da dieser eine Menge väterlicher und mütterlicher Verwandter und eine Masse Zeugen vorführen konnte, und die Demoten selbst ihn und die Seinigen Jahrzehnte hindurch als Bürger behandelt, ja in das Los für das Priestertum des Herakles hatten kommen lassen154.

Teuflische Menschen hat es überall und zu allen Zeiten gegeben, und die Gewaltsamkeit des ganzen öffentlichen Zustandes in Athen ist nicht nach unserm Maßstab der Sekurität zu beurteilen. Das höchst Anstößige, weshalb das Athen der Redner uns mit solchem Abscheu erfüllt, liegt darin, daß Volksversammlung und Gerichte mit allen ihren offiziellen[323] Formen sich zum Schauplatz und Werkzeug der ärgsten Schikanen und Verfolgungen hergeben. Wenn wir uns alle die käuflichen Redner, die Masse von nicht ausgeführten Beschlüssen, die Klatscher und Auspocher, die Sykophanten und falschen Zeugen, das Verwickeln von Unschuldigen in Kriminalprozesse, das Stillemachen des durch sein Recht Überlegenen durch Mord vor Augen stellen, so staunen wir über die enorme Frechheit, womit das Böse hier öffentlich auftritt. Dieser Zustand155 hat seine Parallele in dem der französischen terreur 1793/4; in Athen aber muß es permanent mehr im höchsten Grade verruchte und dabei tatfähige Menschen gegeben haben als proportionel in irgendeiner jetzigen Großstadt.

Und doch waren immerhin Volksversammlung und Gerichte wiederum Organe, durch welche auch ein Demosthenes zum Wort und zum Sieg gelangen konnte. Er fand endlich ein Verständnis, wie es nur bei der politischen Reife und geistigen Bildung der Athener möglich war. Und ferner: Auch das Bedenklichste tritt uns hier stets im Gewande der höchsten Bildung entgegen.

Zu der Zeit, da jedermann entschlossen war, auf irgendeine Weise zum Genüsse zu kommen, ging nun aber auch der Staat auf das Genießen ein, und es begann das Regiment des Eubulos, welcher von 354 an anderthalb Jahrzehnte Athen verwaltet hat. Nicht nur sollten nun – was ja auch in früherer Zeit das Klügste gewesen wäre – die Kriege eingestellt werden, sondern alles sollte nur ein Vergnügen und die Hauptsache im athenischen Leben die Feste und die damit verbundenen Geldverteilungen sein. So wurde denn das Festbudget das wichtigste im Staate, dem alle Überschüsse der andern Kassen zugute kommen sollten. »Panathenäen und Dionysien«, sagt Demosthenes156, »müssen bei euch stets zur rechten Zeit[324] stattfinden (während ihr die Zeit zum Kriege verpaßt) und kosten euch so viel als irgendeine Heeressendung; für sie ist alles pünktlich vorgesehen, und jeder von euch weiß lange vorher, wer Choreg und wer Gymnasiarch der betreffenden Phyle ist, und wann und an wen man sich für jegliches zu wenden hat, während für den Krieg nichts recht geordnet ist.« Schließlich war, wie bekannt, sogar Todesstrafe darauf gesetzt, wenn jemand die Verwendung der betreffenden Summen zu einem andern Zweck als dem der Vergnüglichkeit beantragen sollte, und es dauerte lange, bis es Demosthenes gelang, dieses Spinnengewebe zu zerreißen. Welche Versunkenheit der Nation setzt eine solche Politik voraus! Aber freilich machte sie den Krieg unmöglich, und wie groß die Sehnsucht nach Frieden war, lehrt die kurz vor dem Amtsantritt des Eubulos verfaßte Friedensrede des Isokrates. Dieser möchte, von der Ansicht ausgehend, die verwünschte Herrschaft über andere (ἀρχή) habe Athen wie Sparta zugrunde gerichtet (94 f., 104 f.), den Athenern jede Macht nach außen, jede Seeherrschaft und jeden Krieg ausreden und sie glauben machen, sie würden dann (trotz allem, was geschehen!) von aller Welt geliebt und respektiert werden. Und dabei malt er (20 ff.) fast im Sinne eines Eubulos den herrlichen Zustand aus, da man, der Übersteuerungen und Trierarchien und Kriegsleiturgien ledig, ohne Gefahr Landbau, Schiffahrt und andere Gewerbe triebe, da die Stadt die doppelten Einnahmen hätte und voller Kaufleute, Fremder und Metöken wäre, und man bedürftige Athener und andere Hellenen an der thrakischen Küste ansiedeln könnte.

Bei aller Pracht der Feste herrschte ein erbärmliches öffentliches Bauwesen, wobei man höchstens auf übertünchte Zinnen, Wege- und Brunnenanlagen stolz sein konnte157. Dafür fing nun der Privatbesitz und Privatluxus stärker und hoffärtiger hervorzutreten an; Demosthenes sagt158, daß die jetzigen Reichen viel schöner wohnten, als einst Miltiades und Aristides, ja prächtiger als der Staat bauten. Es dürfte dies die Zeit gewesen sein, da im Leben der Vermögensunterschied größere Geltung zu bekommen begann.

Bei allem aber hatte man das Gefühl, daß mit diesem Treiben die alte Herrlichkeit gewichen sei; die Stadt schien ein altes Mütterchen geworden zu sein, das sein Gerstensüppchen schlürft und Sandalen trägt159.

[325] Und doch hätte man allen Grund gehabt, sich aus dem Genußleben aufzuraffen; denn man konnte sehr unliebsam an das liederliche Regiment erinnert werden. Draußen im saronischen Busen blühte der Seeraub, wie denn z.B. Diogenes auf der Fahrt von Athen nach Ägina von den Piraten eines (offenbar berühmten) Hauptmanns Skirpalos gefangen und nach Kreta gebracht wurde, und einem Alexander von Pherä konnte es einfallen, durch seine Raubschiffe den Piräus zu überraschen und die dortigen Wechslertische ausrauben zu lassen160.

Unwiederbringlich war eben das alte, große Athen dahin. Vorbildlich für ganz Griechenland vollzog sich hier die große Verwandlung des Hellenentums aus einer politischen in eine Kulturpotenz und die Verwandlung des Bürgers in denjenigen Bildungsmenschen, welcher dann der Träger des Hellenismus werden sollte, und die Philosophie mit ihrer Staatsflucht gab das Exempel. Das geistige Primat aber war jetzt mehr als je bei Athen, da die ionischen Städte im Geistesleben nichts mehr bedeuteten und Korinth, Theben, Argos und Sparta ebensowenig. Eine Ausnahme macht auch jetzt nur die bildende Kunst, welche noch Ubiquität hat. In der Philosophie aber ist Athens führende Stellung eine selbstverständliche, und diejenigen philosophischen Menschen, die es im übrigen Griechenland gibt, müssen alle wenigstens auf Zeit dahin kommen161. Und auch die bloße ungeheure Geltung der Redekunst würde für Athen entschieden haben. Von Isokrates sagt Dionys, daß er die begabtesten Leute, sowohl aus Athen als aus dem übrigen Hellas, geschult habe, von denen die einen Gerichtsredner, die andern namhaft in Staatsgeschäften, wieder andere Geschichtsschreiber »der Händel von Hellenen und Barbaren« wurden; auch mußte die Stadt darauf beharren, zum mindesten Hauptsitz der Eloquenz zu bleiben, weil diese bald die wichtigste Kraft war. Nehmen wir dazu, daß doch noch immer die Tragödie bestand und mit neuen Stücken bedient wurde, und daß hier der Hauptsitz der mittlern und der neuern Komödie war, so erhalten wir noch immer den Eindruck einer ungeheuern geistigen Regsamkeit; es kamen für Athen doch Fluida in Betracht, die man anderwärts vergebens suchen würde.


Athens politische und militärische Lage aber war um das Jahr 350, als die makedonische Gefahr drohender zu werden begann, schon eine sehr üble. Mit dem Seebund war es durch den Abfall von Chios, Rhodos, Kos[326] und Byzanz und den unglücklichen Bundesgenossenkrieg gänzlich abwärts gegangen; wo die Stadt aber je noch Verbündete oder kleine Untertanenschaften hatte, gab es für diese keinen größern Schreck, als wenn athenische Kommandanten mit der Flotte kamen, weil sie alsdann, da die Kriege Athen nichts mehr kosten sollten, sicher waren, im günstigsten Falle starke Kontributionen zahlen zu müssen, im ungünstigen aber von unbesoldeten und hungrigen Söldnern ausgeplündert zu werden162. Daß man auf diese und ihre Anführer völlig angewiesen war, haben wir bereits gesehen163. Man mochte aber über die Schlechtigkeit und Unzuverlässigkeit der Kondottieren164, so laut man wollte, klagen; angesichts ihrer Situation mußte man ihnen eine gewisse Gerechtigkeit doch widerfahren lassen; denn neben sich hatten sie die Rhetoren, welche die Ambition hatten, sie erstens zu instruieren und dann hinterdrein anzuklagen, und die Athener waren stets bereit, Lügnern zu glauben und daraufhin die ersten besten Beschlüsse zu fassen. So hatte denn nach Demosthenes jeder Feldherr zwei- oder dreimal einen Prozeß auf Leben und Tod zu bestehen; da aber eine wirkliche Kontrolle über diese Söldner nicht möglich war, war es auch der echte Prozeß nicht, und umso mehr gedieh der falsche165. Hatte Iphikrates die Richter einst mit Hilfe von Bewaffneten eingeschüchtert, so ließ jetzt ein Chares die für den Krieg bestimmten Gelder, soweit er sie nicht für seine Liederlichkeit verwandte, in Athen, und zwar für die Redner, Psephismenschmiede und Prozesseführer aus den Bürgern, und der Demos zürnte ihm nie darüber, sondern liebte ihn. »Denn«, so heißt es166, »die Leute lebten selber so; die Jugend saß in den Herbergen der Flötenspielerinnen und bei den Hetären, die etwas Ältern beim Würfelspiel und ähnlichem Zeitvertreib, und der ganze Demos gab mehr Geld für Schmausereien und FleischverteilungenA12 aus als für die[327] ganze Stadtverwaltung.« Auch von Charidemos erzählt Demosthenes in der Aristokratesrede, daß er die Rhetoren gekauft habe. Daraufhin konnte er es wagen, hin und wieder direkt gegen das athenische Interesse zu handeln und z.B. die Piraten, die sich damals zu Alopekonnesos an der Westküste des Chersonnes gesammelt hatten, zu unterstützen, als die Athener ihnen zu Leibe gehen wollten, oder einen athenisch gesinnten Thrakerhäuptling und dessen Sohn, die er durch Verrat in seine Gewalt bekommen hat, damit sie ja keine Gnade fänden, den feindlichen Kardianern auszuliefern167, die den Vater dann ertränkten, nachdem sie den Sohn vor seinen Augen niedergemacht hatten. Man nahm auch dies hin, gerade wie man sich mit offenen Augen berauben ließ, wofern nur zugleich für das athenische Vergnügen gesorgt wurde. Und dabei sicherten sich diese Kondottieren, denen man zu Athen Statuen errichtete und dankbar die von Athen gewonnenen Siege168 zuschrieb, im Bewußtsein, daß die Athener doch alle böse (χαλεποί) seienA13169, feste Stützpunkte und Depots im Ausland, wo man ihnen nicht beikommen konnte; so Konon auf Zypern, Timotheos auf Lesbos, Iphikrates in Thrakien, Chares zu Sigeion, Chabrias in Ägypten. Sie hatten keine andere Wahl; im ganzen aber hat man hier ein Verhältnis vor Augen, wie es unmoralischer kaum je zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bestanden hat.

Daneben befand sich das athenische Volksaufgebot in völligem Zerfall. »Es ist so weit mit unsern Bürgern, daß sie sich zum Kampf mit den Feinden nicht einmal mehr vor die Mauern getrauen«, sagt Isokrates in seiner Kritik des athenischen Wesens170, und anderswo171: »Während wir keinen Tag vorbeigehen lassen, ohne uns gegenseitig zuleide zu leben, ziehen wir, falls man uns keinen Sold gibt, nicht einmal mehr zu einer Musterung aus«, oder172: »Herrschen wollen wir, aber selber zu Felde[328] ziehen nicht mehr; Händel fangen wir mit der halben Welt an, aber die Kriegsübung überlassen wir heimatlosen und eventuell treulosen Söldnern«. Es war so, daß Phokion einst böse, undisziplinierte Schwätzer ruhig in Masse desertieren ließ, weil sie im Felde doch nur geschadet haben würden und ihn nun in Athen mit ihrem bösen Gewissen nicht mehr verschreien und mit Sykophantenkünsten würden angreifen können173. Auch konnte es allenfalls vorkommen, daß die Bürger als Ruderer mitgingen, wenn man die Söldner als eigentliches Hoplitenheer aussandte. Als endlich auch das Bürgerheer einmal in einer »großartigen Aufwallung« auszog, erlebte man Chäronea.


Und nun die Organe, deren sich ein Eubulos und andere leitende Staatsmänner zur Beherrschung der Volksversammlung und des Volksgerichts bedienten. Dies waren nach wie vor die Staatsredner (ῥήτορες), über deren allgemeine Ruchlosigkeit man einig war. Trotz aller auf Bestechung gesetzten Todesstrafe waren Reden und Schweigen käuflich. »Wenn unsere Schönfärber Krieg gegen irgendeinen Staat erheben wollen, so erdreisten sie sich zu sagen, man solle den Vorfahren nachahmen, während sie sich selbst Geld zahlen lassen«, sagt z.B. Isokrates174, und Demosthenes hat über sie die starke Stelle175: »Wenn auch jemand fragte, welche Sorte von Leuten ihr in der Polis für die schlimmsten haltet, so würdet ihr nicht die Bauern, die Kaufleute, die in den Silberbergwerken und dergleichen nennen, sondern alle würden, denke ich, einstimmen, wenn jemand diejenigen nennte, die um Sold Reden zu halten und Anträge zu stellen pflegen.« Man wußte von ihnen genau, daß sie für Geld das Bürgerrecht und andere Ehren vergeudeten, so daß selbst Feinde Athens und Verbrecher damit geehrt wurden176, und daß sie überhaupt nichts ohne Rücksicht auf ihren Vorteil taten, und man wies mit Fingern auf einzelne, die aus Bettlern reich, aus obskuren Leuten angesehen geworden waren177, prächtige Privathäuser bauten und umso höher stiegen, je tiefer der Staat sank; aber gleichwohl, auch wenn sie das Schwerste begangen hatten und offenbar überwiesen waren, sprach man sie frei, wenn sie nur eine oder zwei Artigkeiten (ἀστεῖα) vorbrachten, und auch wenn[329] man einen verurteilte, war es nur um eine Bagatelle178. Der Grund aber, weshalb das tausendmal getäuschte Athen sich von diesen Leuten nicht abbringen ließ, lag darin, daß sie sich immer als volksfreundlich (δημοτικοί) zu geben wußten, und in tiefster Seele verhaßt waren bei dieser beständig vor Aufhebung der Demokratie zitternden Bevölkerung nur die Vertreter der alten Kalokagathie179. So verbat sich denn der Demos das Dazwischentreten von vornehmen und uneigennützigen Leuten, weil diese für oligarchisch gesinnt galten, und hielt, wie Isokrates sagt180, Berauschte für gesinnungstüchtiger als Nüchterne, schmeichelten sie doch seinen Begierden und halfen ihm unter Umständen seine Leidenschaften befriedigen; denn grausam konnten die Athener noch immer sein181. Neben den ganz Ausgeschämten182 aber hatte man noch die Sorte der relativ Bösen: Ein gewisser Pytheas in der Zeit Philipps leugnete es nicht, als ihm jemand seine Schlechtigkeit vorwarf, da ihm sein Bewußtsein dies nicht erlaubt hätte, meinte aber, unter den attischen Politicians sei er wenigstens die kürzeste Zeit böse gewesen, indem er sich offenbar darauf etwas einbildete, daß er nicht immer so war, und fand, er täte kein Unrecht, da man ihn nicht den Allerschlimmsten an die Seite stellen könne183. Daß dabei die Sykophantie ungeschwächt fortdauerte und man oft nicht wußte, wo der Rhetor aufhörte und der Sykophant anfing, ist selbstverständlich184; dieses Treiben läßt sich aber solange verfolgen,[330] bis das attische Staatswesen mit dem letzten Redner für uns undurchsichtig wird.

Trotz diesem allen aber versteht es sich, daß bei den Rednern, sobald es ihnen dient, neben den stärksten Anklagen des gegenwärtigen Zustandes das übliche athenische Gerühm zwischenhinein tönt. »Nicht die Gefahren, sondern das Unrühmliche und Schandebringende zu fliehen, ist bei euch heimische Art«, sagt z.B. Isokrates185, und zwischen alle Wahrheiten der Aristokratesrede hinein muß den Athenern mit einem Satze flattiert werden, wie (112): »Ihr Athener habt noch niemals einen Verbündeten verraten, die Thessaler aber jederzeit jeden.« Besonders gerne hielt sich das Pathos durch das Feiern von Tyrannenmord schadlos, welcher, wenn man von ihm hörte, noch immer eine Delice war. Als der Thrakerkönig Kotys, den man zum Bürger gemacht und mit goldenen Kränzen geehrt, später aber zum Feinde bekommen hatte, von einem gewissen Python und Herakleides (358) ermordet worden war, erhielten diese Mörder als Wohltäter der Stadt ihrerseits auch Bürgerrecht und goldene Kränze, was freilich nicht hinderte, daß Python aus allen Ehren draus- und zu Philipp überging186.

In argem Kontrast zu dem Pathos, das man unter Umständen aufbot, standen auch die leeren Kassen. Zwar betrug das steuerbare Gesamtbesitztum von Attika 6000 Talente, und Demosthenes kann sagen, es sei in der Stadt beinahe so viel Geld wie in allen andern zusammen187; über die finanziellen Verhältnisse des Staates aber wird vom Anfang des Jahrhunderts angeklagt, und dafür, daß derselbe sich häufig durch Konfiskationen gegen Unschuldige half, bietet schon Lysias die infamsten Beispiele188. Demosthenes kann dann gar seinen Mitbürgern einmal zurufen:[331] »Ihr habt nicht einmal Geld zur Ausrüstung für einen Tag in der Kasse.« Auch über die Verarmung vieler Bürger herrscht beständige Klage. Es gibt zu denken, daß ein Vermögen von 90000 Drachmen, wie es der Vater des Demosthenes hatte, den Besitzer schon in die höchste Steuerklasse brachte; im Areopagitikos des Isokrates aber erhalten wir (54) die klägliche Schilderung gewiß sehr zahlreicher Leute, die schon am frühen Morgen vor den Gerichtshöfen stehen mit der Hoffnung, daß das Los, heute zu sitzen und damit eine halbe Drachme zu verdienen, sie treffen werde; auch erzählt er, daß bei Festen und Prozessionen Personen in (geliehenen) goldenen Gewändern auftreten, die den Winter über Kleider haben, daß man es gar nicht sagen darf.


Über die allgemeine Korruption der Staatsleute, Redner usw., welche freilich nicht nur in Athen, sondern in ganz Griechenland herrschte, haben wir eine Hauptaussage in der dritten philippischen Rede des Demosthenes (36 ff.). Nachdem er das auf die Empörung der Zuhörer berechnete Bild der damaligen griechischen Dinge gegeben hat, bezeichnet er es als einen Hauptunterschied seiner Zeit von der der Perserkriege, daß damals das Schrecklichste gewesen sei, der Bestechlichkeit überführt zu werden und niemand von Rednern oder Strategen den günstigen Augenblick für irgendein Unternehmen erkaufen konnte, während jetzt dies alles wie vom Markte verkauft werde; stattdessen aber sei das eingeführt, woran Hellas jetzt kranke: Neid, wenn einer etwas bekommen habe, Gelächter, wenn er es zugebe, Verzeihung für Überwiesene, Haß, wenn jemand dergleichen schelte, und was alles sonst sich an die Bestechlichkeit knüpfe. Und nun mußte es kommen, daß das Volk, welches so charakterisiert werden konnte, sich auf einmal einer großen Existenzfrage gegenübergestellt sah und einem Philipp von Makedonien als Gegner.

Konstatieren wir nun vor allem den bedeutendsten kulturgeschichtlichen Zug, der uns bei diesem Kampfe in Athen entgegentritt: Er besteht darin, daß diese Stadt sich im Munde der Redner beständig von ihrem Dasein und ihrer ganzen politischen Bilanz Rechenschaft gibt. Wir können die olynthischen und philippischen Reden des Demosthenes der zeitgeschichtlichen Paränese bei den jüdischen Propheten an die Seite stellen; sie werfen allein schon Ströme von Licht auf das ganze damalige Dasein der Griechen; keine andere Stadt derselben bietet etwas im entferntesten Ähnliches189. So mag denn Demosthenes sich hie und da irren[332] und Äschines lügen und vertuschen; aber es existiert doch ein Ort, wo die Lage der Dinge laut konstatiert wird.

Und die Athener bekommen wirklich genug zu hören190. Der große Redner schiebt ihnen selbst alles ins Gewissen, wenn er ihnen zu bedenken gibt, sie hätten Männer, welche den richtigen Rat geben könnten, und wären selbst am allerbesten befähigt, den Rat zu beurteilen, und würden auch handeln können, wenn sie sich jetzt noch aufrafften; oder, wenn er ihnen zuruft191: »Wenn diese oder jene Messenier und Peloponnesier gegen das handeln, was ihnen die klare Einsicht sagt, so geht es noch an. Aber ihr, ihr seht alles ein und hört von uns, wie ihr bedroht und umgarnt seid, und bleibt doch untätig, bis unvermerkt das ganze Unglück über euch kommt; so sehr hat der Genuß des Augenblicks und die Faulheit das Übergewicht über das, was euch helfen könnte.« Auch hält er ihnen gerne vor, wie leicht sie es anders haben könnten. »Sparta liegt zu Boden«, heißt es in der dritten olynthischen Rede (27), »und Theben hat sonst zu tun; wir könnten uns sichern und andern Recht schaffen, wir wären allein, d.h. ohne Konkurrenten. Aber wir haben unser eigenes Gebiet eingebüßt und mehr als 1500 Talente umsonst ausgegeben.«

Ob Philipp von Anfang an auch nur im Ernste mit Athen Streit wollte, mag zweifelhaft sein, aber jedenfalls machte er die Athener nervös, und bei seinem Nähertreten ergab sich sofort eine Scheidung in neue Parteien. Hätte Athen eine absolute Regierung gehabt, so wäre wohl der Gedanke nicht ausgeschlossen gewesen, mit Makedonien ein Kompagniegeschäft zu machen; da es aber keine Geheimpolitik gab, und alles in der Volksversammlung verhandelt werden mußte, war dies unmöglich, und ohnehin war Philipp ein so kühner Mensch und erfüllte die Hellenen mit einem solchen Gefühl tiefer Unheimlichkeit, daß man nicht so leicht mit ihm in Allianz treten konnte. Dafür aber gab es in Athen eine makedonische Partei mit Äschines, Demades u.a. an der Spitze, die mehr und mehr stadtkundig wurde, bis man zuletzt sagen konnte, selbst die Schulkinder kennten die Redner, welche makedonischen Sold empfingen, die Gastfreunde makedonischer Besucher und solche, die denselben auf den Straßen ihre Aufwartung machten192.

[333] Ihnen trat Demosthenes entgegen. Derselbe hatte bekanntlich lange Mühe, beim Volke Gehör zu finden, das sich zwar einen Ohrenschmaus, wenn dieser von einem guten Redner zu haben war, gerne gefallen ließ, ja ihn verlangte und die einzelnen Redner taxierte und kritisierte, deshalb aber nicht nötig fand, sich nach ihnen zu richten193. Seine politische Machtlosigkeit nahm erst durch den Konflikt mit Philipp ein Ende194, und in diesem hat er denn seine besten Kräfte, die der größten Beredsamkeit und einer außerordentlichen Beständigkeit, betätigt. Was seine politische Moral betrifft, so war dieselbe im Altertum insofern eine bestrittene Sache, als man nicht wußte, ob er persisches Gold angenommen, und wie viel195. Hierin gegen ihn Partei zu ergreifen ist nicht unsere Sache. Indes finden wir es auch wohlfeil, den großen Redner von dem ästhetischen Eindrucke aus, den er uns macht, zugleich zu einem makellosen Musterbild des Patriotismus zu machen und die Vorwürfe eines Hyperides, Theopomp und Demetrios von Phaleron als bloßen gehässigen Klatsch zu bezeichnen, und können uns somit auch den modernen Ehrenrettungen nicht unbedingt anschließen196. Wir müssen gestehen: Wer das damalige Athen kennt, wird äußerst vorsichtig in der Entscheidung solcher Fragen sein. Der Skandal und die böse politische Nachrede liefen damals dergestalt auf allen Gassen herum, daß wir zu der Meinung kommen, auch die Bessern seien etwas anfechtbar gewesen, und uns diesem[334] Eindruck so wenig entziehen können als bei dem Athen des Aristophanes197; eine solche Zeit würde umsonst verlangen, daß wir in ihr einen völlig intakten Charakter statuierten.

Jedenfalls aber hat Demosthenes das Verdienst, das Walten des Eubulos durchbrochen zu haben. Es schien ein frischer Zug in die Bürgerschaft zu kommen, und es duftete wieder einmal nach Ruhm; auch nahm Athen die Sache wohl von der ästhetisch-ambitiosen Seite und dünkte sich etwas damit, daß in ihm der Herd virtuosenhafter Rede gegen Philipp brannte, während man mit Äschines und dessen Parteigängern das contra ebenfalls intra muros hatte. Als Redner ist Demosthenes aber auch allerersten Ranges, und man wird die dritte olynthische Rede und unter den philippischen namentlich auch wieder die dritte, wo er mit dem Tone der vorwurfsvollen Ironie den Athenern sozusagen das Herz im Leibe umwendet, nie ohne die größte Bewunderung lesen können. Welches Feuer z.B. spricht aus Stellen wie dem Schlusse der letztgenannten Rede, wo er Rüstungen, Bündnisse, Gesandtschaften verlangt, welche die Hellenen zusammenrufen, vereinigen, belehren und warnen sollen, dann aber den Zuhörern klar macht, daß sie selbst mit dem Beispiel der Anstrengungen vorangehn und nicht erwarten sollten, Chalkidier und Megarer würden Hellas retten und sie selber könnten sich die Mühe sparen; denn ihnen hätten ihre Vorfahren diese Ehrenpflicht hinterlassen. Es ist nicht zu verwundern, daß der Mann, der solche Schläge führte, Athen in der Tat auf seine Seite gebracht hat198, und zuletzt erfolgte gar das berühmte Herumbringen der bisher so feindlichen Thebaner samt ihren Strategen und Böotarchen, so daß Demosthenes die thebanische Volksversammlung so gut als die athenische leitete.

Eine kühlere Betrachtung der Verhältnisse wird freilich zu der kriegerischen Politik des Redners manches Fragezeichen setzen können. Es wäre noch sehr die Frage gewesen, ob Philipp das südlich vom Parnaß gelegene Griechenland nicht gerne im Frieden gelassen hätte, um seinen großen Plänen gegen Persien nachzugehen. Er hatte allerdings Korinther, Achäer und Thebaner verletzt, aber wenigstens direkt Athen noch gar nicht199. Gleichwohl soll nun nach der dritten Philippika Athen als[335] Schirmherrin der ganzen griechischen Nation auftreten; denn nur mit diesem Argument kann Demosthenes die Athener ins Feuer bringen. Es gehörte ein starker Glaube zu der Erwartung, daß, nachdem die griechischen Städte sich seit hundert Jahren in den Kriegen auf das entsetzlichste traktiert und das Ausland sich längst hatten einmischen lassen, ein panhellenischer Patriotismus in letzter Stunde Wunder tun werde. Und nun muß der Redner erst noch seinen Athenern sagen, daß sie vorderhand zu einem Entscheidungskampf mit Philipp noch zu schwach wären und einer Niederlage entgegengehen würden; denn die Gegnerschaft sei nicht nur eine solche, wie einst die der Lakedämonier im Peloponnesischen Kriege; auf Philipps Seite sei eine ganz andere Kriegsführung200. Und trotz allem und obwohl er genau weiß, wie wenig das attische Bürgerheer taugt, treibt er das vergnügungssüchtige und verlotterte Volk zu einem Kriege, der ein Kampf um die Existenz werden mußte. Offenbar hoffte er auf ein Ereignis in Makedonien selbst, was er mit dem Worte andeutet, man habe es nur mit einem Manne zu tun. Aber Philipp starb noch nicht und wurde auch noch nicht ermordet. Jedenfalls war diese Politik furchtbar gewagt, und man tut gut daran, sich zu erinnern, daß nicht alle Gegner des Demosthenes gekaufte makedonische Parteigänger waren, und daß besonders Phokion von Anfang an gegen die ganze Treiberei war.

Beim Aufgebot zu dem entscheidenden Kampfe stellte sich, wie es heißt201, die gesamte junge Mannschaft willig und brach rasch nach Böotien auf; doch brachten die Verbündeten immerhin neben ihren Bürgerscharen ein starkes Söldnerheer mit202, und so kam es denn (338) zur Schlacht von Chäronea. Es wäre für Demosthenes ein Glück gewesen, wenn er hier hätte fallen können; statt dessen wurde er, wie Neuere sagen, »in die Flucht verwickelt«, oder, wie es bei Plutarch weniger mild heißt, er floh von seinem Posten und lief aufs schmählichste davon, indem er die Waffen wegwarf203. Philipp aber rezitierte am Abend des Sieges[336] triumphierend den Anfang des Beschlusses der Kriegserklärung: »Demosthenes, Sohn des Demosthenes von Päania, hat den Antrag gestellt«. Hier ist entschieden eine Lücke im Leben des Redners; denn was später folgt, hat nicht mehr zur Mehrung seines Ruhmes gedient.

In Athen herrschte auf die Nachricht von der Niederlage hin, bei der tausend Bürger gefallen waren, zunächst jäher Schreck. Dies erhellt u.a. aus dem Antrag des Hyperides, Frauen und Kinder in den Piräus fortzuschaffen, die Sklaven zu Freien und die Metöken zu Bürgern zu erklären und die einer Atimie Verfallenen wieder in ihre Rechte einzusetzen204. Derselbe wurde im ersten Moment angenommen, aber doch glücklicherweise nicht ausgeführt; denn dies hätte den reinen Terrorismus der Verzweiflung bedeutet. Nachdem indes noch im IV. Jahrhundert alle nicht aus rein bürgerlicher Ehe Entsprossenen aus der Bürgerschaft waren ausgemerzt worden, zeigt schon der bloße Antrag (um dessentwillen Hyperides dann später einen Prozeß zu bestehen hatte), wie tief man heruntergestimmt war. Philipp aber unterließ den gefürchteten Angriff auf Athen, ja er zeigte sich – wenn auch in ironischer Weise – höchst gnädig, schickte die Toten zur Bestattung nach Athen, gab die zweitausend attischen Gefangenen ohne Lösegeld frei und ließ den Athenern nicht nur Attika, sondern gab ihnen sogar noch von dem Besitze ihrer thebanischen Bundesgenossen den Grenzort Oropos, um den sie mit diesen lange gestritten hatten. Für dies alles mußten sie freilich eine Bundesgenossenschaft mit ihm eingehen, konnten aber ihre antimakedonischen[337] Staatsmänner behalten, und der Demos nahm auch jetzt noch für Demosthenes gegen alle Anklagen Partei. Da man keine Reue zeigen wollte, betraute man ihn bekanntlich schon mit der Grabrede für die Gefallenen.

Und nun, bei wiedergewonnener Fassung, hagelte es in Athen lauter Feldherrnprozesse. Die einen sollten Schiffe, die andern Bundesstädte verraten haben, die Betreffenden aber flohen alle, offenbar, weil von den athenischen Gerichten kein Mensch Billigkeit erwartete. Dabei müssen die öffentlichen Ankläger in ein wahres Denunziantenfieber geraten sein, denn sie kamen nun mit feierlichen Staatsklagen (Eisangelien) über Bagatellsachen, z.B. weil jemand Flötenspielerinnen teurer gemietet habe als das Gesetz erlaubte, oder weil ein anderer sich in einen unrichtigen Demos habe einschreiben lassen205.

Hier tritt nun auch die odiöse Gestalt des Redners Lykurgos auf. Dieser ist wohl ein patriotischer Mann und ein vortrefflicher Finanzverwalter gewesen, der sich nicht daran gewöhnte, vom Staatsgute zu stehlen206, war daneben aber ein vollkommen einseitiger Fanatiker207. Und nun mußten auf seinen Antrag die Athener den Lysikles, der bei Chäronea wohl oder übel, weil Chares kein Genie war, das Kommando hatte führen müssen, zu Tode verurteilen, wie er denn in seinen Reden der »schärfste[338] Ankläger« war. Aus seiner Anklagerede ist ein Muster im schärfsten Terroristenstil von 1793/94 erhalten208. »Du bist Anführer gewesen«, fährt er den Lysikles an, »da, wo 1000 Bürger fielen und 2000 in Gefangenschaft gerieten, wo ein Siegeszeichen gegen Athen errichtet wurde und ganz Hellas in Knechtschaft geriet. Und, nachdem sich dies alles unter deiner Anführung begeben hat, wagst du zu leben und das Licht der Sonne zu schauen und den Markt zu betreten, du, der du eine lebendige Mahnung bist der Schmach und Schande des Vaterlandes.« Dabei erfährt man nicht, daß Lysikles sich im mindesten verfehlt habe, und im Grunde hätte dies alles ebenso pathetisch gegen Demosthenes gesagt werden können; aber Lykurg muß nun einmal seinem Pathos oder seiner patriotischen Affektation den Lauf lassen, und Lysikles ist ihm zum Opfer gefallen.

Als dann (336) Philipp, nachdem er sich auf dem Bundestage zu Korinth zum Feldherrn der hellenischen Nation gegen Persien hatte ernennen lassen, am Hochzeitsfeste seiner Tochter zu Ägä ermordet worden war, herrschte in Athen wieder der größte Jubel. Man brachte Freudenopfer dar, und Demosthenes zeigte sich, obschon ihm erst vor wenigen Tagen eine Tochter gestorben war, bekränzt und in glänzendem Gewande. Diese Freude kann man wohl begreifen. Daß man aber nun sofort auch dekretierte, den Mörder Pausanias (d.h. wenn man ihn bekäme) mit einem goldenen Kranze zu beehren, ist einer der Höhepunkte athenischer Lächerlichkeit. Und nun hatte man es mit Alexander zu tun. Diesen hat Demosthenes erstaunlich unrichtig beurteilt, indem er ihn einen Knaben und Margites209 nannte; so wenig er damals ahnen konnte, daß derselbe einer der mächtigsten Menschen aller Jahrtausende war, hätte er doch so niemals sprechen sollen. Gar nicht zu entschuldigen aber ist, daß er nun die Thebaner zum Aufstand drängte und ihnen Waffen schaffte, worauf sie die makedonische Besatzung ermordeten. Er beherrschte damals die Rednerbühne; die Athener rüsteten, und von den persischen Statthaltern in Kleinasien hoffte man auf Hilfe; als aber Alexander in Böotien erschien, verging dem Volke der Mut. Demosthenes »erlosch« (ἀπεσβήκει)210, wie es bei Plutarch heißt, und das verlassene Theben ging unter; wollte man es schon zur Empörung veranlassen, so hätte unter allen Umständen nachher viel mehr geschehen müssen. Von einer Gesandtschaft, die darauf zu Alexander abging, zog sich Demosthenes aus Furcht vor dem Zorn des Königs rechtzeitig zurück; es stand ihm aber doch bald nahe, an den Sieger ausgeliefert zu werden, da dieser die Auslieferung von[339] zehn antimakedonischen Staatsmännern verlangte. Demades gelang es, den König zu begütigen, und dieser schwenkte nach Asien ab. In Athen aber spielte sich nun der große Handel zwischen Demosthenes und Äschines ab, welcher durch den Antrag des Ktesiphon auf öffentliche Bekränzung des erstern und die Einsprache des letztern kurz nach Chäronea begonnen hatte und sich einige Jahre hinzog, bis er mit der siegreichen Kranzrede des Demosthenes und der freiwilligen Verbannung des Äschines sein Ende nahm. Daß dieser Redekampf noch damals, während des siegreichen Vordringens Alexanders in Asien, unter der allgemeinen Aufmerksamkeit Griechenlands stattfinden konnte, beweist vor allem, was für inkurable Liebhaber der Eloquenz die damaligen Griechen waren. Im übrigen machen auch die bei diesem Anlaß gehaltenen Reden der Gegner, in denen ziemlich viel schmutzige Wäsche gewaschen wird, selbst dem Leser, der nicht alles glaubt, einen peinlichen Eindruck. Es bleibt ein Niederschlag zurück, der nicht zum Beruhigenden gehört.

Auch der Leokratesprozeß des Lykurg211 fällt in diese Zeit (etwa 332). Der Angeklagte sollte sich dem Heeresdienste entzogen haben, weil er zur Zeit des Krieges von Chäronea landesabwesend war, und sollte dann besonders auf Rhodos durch seine falschen Berichte, daß Athen von den Makedoniern eingenommen sei und der Piräus belagert werde, die Ursache geworden sein, daß die dort zur Fahrt nach Athen bereiten Kornladungen liegen blieben; hernach hatte er fünf Jahre in Megara als Metöke gelebt. In seiner Anklagerede nun kennt Lykurg keine Grenzen der Rabulisterei, um diesen Mann zu verderben, der denn doch nach Athen zurückgekehrt war, so sicher er hier eine Anklage voraussehen mußte. Sein Hauptkniff besteht darin, daß Leokrates mit der vollen Schuld desjenigen Untergangs von Athen beladen wird, welcher eingetreten sein würde, wenn es alle gemacht hätten wie er, und dies wird durch alle Verhältnisse hindurchgeführt. Den Athenern werden die dicksten Schmeicheleien gesagt; sie mußten ernsthaft anhören, daß sie sich durch Frömmigkeit gegen die Götter, Pietät gegen die Eltern und Wetteifer für das Vaterland vor allen Menschen am meisten auszeichneten, und daß sie dies alles ganz besonders würden zu vernachlässigen scheinen, wenn Leokrates ihrer Rache entginge. Im völligen Epitaphienton212 heißt es als etwas Paradoxes und doch Wahres von den bei Chäronea Gefallenen, sie seien siegend gefallen, und nachher, mit ihren Leibern sei die Freiheit der übrigen Griechen zu Grabe getragen worden; die Athener allein verständen treffliche Männer zu ehren; denn in andern Städten ständen auf den Agoren Athleten, bei ihnen aber gute Strategen und Tyrannenmörder.[340] Die alte Leier vom Perserkrieg kehrt wieder, wonach sich einst kein barbarisches Kriegsschiff mehr in den griechischen Gewässern habe zeigen dürfen und auch die asiatischen Griechen autonom sein sollten. Ferner heißt es: das habe die Stadt Athen als Herrlichstes voraus, daß sie den übrigen Hellenen zum Muster für große Taten geworden sei; denn, wie sie der Zeit nach die älteste sei, so hätten die attischen Vorfahren sich überhaupt vor den andern Menschen durch Trefflichkeit ausgezeichnet, worauf dann mit sehr umständlichem Pathos die Geschichte vom Opfertode des Kodros folgt213. Dabei hat die Rede etwas forciert Altfränkisches. Gleich anfangs ruft Lykurg einheimische Götter und Heroen zu Zeugen gegen den, welcher ihre Tempel, heiligen Stätten und altherkömmlichen Opfer durch seinen Verrat befleckt habe, und ähnliche Ausbrüche der Andacht kommen auch nachher noch214. Weil Leokrates ein Meineidiger sein soll, wird sogar der Ephebeneid aufgewärmt, und ein Schreiber muß ihn vorlesen und ebenso einen Eid, den die Hellenen vor Platää geschworen hatten (dies in einer Zeit des allgemeinen Eidbruchs), und weil er indirekt, und soviel an einem einzelnen lag, die vaterländischen Gottesdienste würde haben untergehen, die Eltern in die Gewalt der Feinde kommen und die Toten die ihnen zukommenden Ehren verlieren lassen, wird mit Emphase die Fürsorge der Götter für das Tun der Menschen und hauptsächlich für deren Pietät gegen Eltern und Verstorbene betont und eine Sage erzählt, wonach sich einst die Lava des Ätna geteilt habe, um einen Sohn zu schonen, der seinen Vater rettete. Neben diesen religiösen Delikatessen, deren Lächerlichkeit im damaligen Athen215 auf der Hand liegt, fällt dann noch die Vorliebe des Redners für Mythen und Antiquitäten auf. Man erfährt alte Zornesbeschlüsse der Athener; aber auch patriotische Dichterstellen von Tyrtäos u.a. werden zitiert – wie bald darauf sollte in Athen der Ithyphallikos auf Demetrios gesungen werden!

Inzwischen blieb Athen das Hauptquartier aller Ränke gegen Alexander. Und nun mußte es sich begeben, daß die größte Geschichte eines Kassendiebs, welche die Welt kennt, sich teilweise hier abspielte. Alexanders[341] flüchtiger Schatzmeister Harpalos kam aus Babylon nach Griechenland und brachte von den 5000 Talenten, die er gestohlen hatte, noch 700 mit nach Athen. Ob dieser Summe wurde die ganze Stadt nervös, und in den Prozeß, der schließlich den einflußreichsten Demagogen dafür gemacht wurde, daß man den Dieb erst aufgenommen und nachher hatte entwischen lassen, wurde auch Demosthenes verwickelt, der seinen anfänglichen Widerstand gegen die Aufnahme aufgegeben hatte, weil Harpalos ihn, wie man behauptete, mit 20 Talenten erkauft haben sollte. Die Schuld des Redners vertreten u.a. Hyperides216 und der Kläger, für den Deinarchos seine Reden schrieb, sowie unter den Historikern Theopomp, dem Plutarch nude crude nachschreibt. Auch wurde derselbe vom Gericht schuldig befunden und zu einer Buße von 50 Talenten verurteilt. Die Neuern halten ihn großenteils für das Opfer einer Intrige. Da es nun ein für allemal mißlich ist, ex conjectura Recht oder Unrecht zuzusprechen, wagen wir auch hierüber keine Entscheidung. Jedenfalls aber wurde Demosthenes verhaftet und sah sich, nachdem ihm die Flucht gelungen war, zu einem längern Exil in Ägina und Trözen gezwungen, und nun gehört zu den Hauptaussagen über Athen im ganzen, was Plutarch aus dieser Zeit über ihn berichtet, daß er nämlich den jungen Leuten, die dort seine Gesellschaft aufgesucht hätten, vom politischen Leben mit dem Worte abriet, wenn sich von Anfang an zwei Wege vor ihm aufgetan hätten, der eine zur Rednerbühne und Volksversammlung, der andere geradenwegs in den Tod, und er hätte die Übel, Ängstigungen, Verfolgungen des Neides, Verleumdungen und Kämpfe beim politischen Leben vorausgewußt, so wäre er lieber gleich in den Tod gegangen217. So werden mit der Zeit die Politiker Athens wohl alle gedacht haben.

Nach Alexanders Tode (323) entstand eine neue Bewegung zur Vertreibung der Makedonier aus Hellas, für die sich jedenfalls viel mehr als für die vorhergehende sagen ließ. Demosthenes wurde heimberufen und glänzend empfangen; aber nach anfänglichen schönen Erfolgen verriet[342] sich in diesem sogenannten lamischen Kriege die innere Schwäche der griechischen Poleis; als die makedonische Sache wieder siegreich war, wurde der Redner von neuem flüchtig und hat dann (322) das bekannte Ende auf Kalauria gefunden218.


Nachdem bei der Betrachtung der athenischen Verhältnisse oft von dem athenischen Größenwahn die Rede sein mußte, müssen wir doch auch feststellen, daß nicht nur Athen, sondern ganz Griechenland aus dem V. Jahrhundert her einen großen Maßstab der Dinge, eine Erinnerung an vergangenen Ruhm ererbt hatte, welche nicht ruhig schlafen ließ. Eine solche Erbschaft hat ihr pro und contra. Jede Epoche im Leben eines Volkes kann ihre sehr besondere Pflicht und Aufgabe haben, an welcher man nicht irregemacht werden darf durch das, was man in glänzender Jugend vollbracht hat. Allein dies bezieht sich höchstens auf Kulturaufgaben; moralisch dagegen dürfte man nie mehr sinken, und nun war Griechenland moralisch handgreiflich und offenkundig geringer geworden als im V. Jahrhundert, und zwar nicht sowohl in der Privatmoral als in allem, was die Polis berührte. Hier hatte die höchste Idee des griechischen Lebens vor aller Augen Bankrott gemacht; die Abwendung der Denkenden und Gebildeten vom Staat, ihre Apolitie und ihr Kosmopolitismus waren offen zugestandene Dinge.

Wenn es nun hiermit anders werden sollte, so konnte dies nur geschehen durch eine ganz kolossale und vorbildliche Anstrengung einzelner, welche ein großes Beispiel gaben. Einstweilen aber nagte an ganz Griechenland der Vorwurf der Gesunkenheit und machte den Bessern schlaflose Nächte, und dabei ist nicht zu vergessen, daß es in Athen vermutlich noch weit besser stand als anderswo, und daß wir vom innern Leben weit der meisten übrigen Städte nur wenig und gar nichts Zusammenhängendes, meist nur Arges wissen. Zumal die ionischen Städte mochten wieder – wie im V. Jahrhundert – nur in den bildenden Künsten Athen nahestehen; im übrigen aber waren sie völlig bedeutungslos und wurden von Gemeinden wie Rhodos und Kos stark überholt.

Indem nun den Leuten die einzelne Polis aus allen möglichen Gründen verleidete, fand, wenn auch nur bei einzelnen und wenigen, jene mächtige Anstrengung des individuellen Idealismus wirklich statt; mit dieser verband sich das inzwischen völlig gereifte Bewußtsein der Nation von dem, was sie im Vergleich mit allen andern Nationen war, und so erhob sich ein neuer Typus, den wir notdürftig als den des tugendhaften Panhellenen bezeichnen wollen. Dieser Typus weicht total von dem der berühmten[343] athenischen Staatsmänner (eines Konon, Timotheos, Chabrias, Iphikrates, Phokion) ab, welche mit Ausnahme des Demosthenes219 nur Athener waren; er vertritt eine Gesinnung, welche durch die Reflexion hindurchgegangen und vielleicht wesentlich Erzeugnis der pythagoreischen und sokratischen Ethik ist. Während viele den Staat (und zwar den eigenen wie den fremden) völlig beiseite lassen mochten, um entweder als Philosophen oder als Forscher und Reisende oder als bloße Genußmenschen zu existieren, werden durch diese Denkart einzelne dazu bestimmt, sich dem Leben für die Nation im weiten Sinne zuzuwenden und vor allem Hellenen, d.h. politische Menschen, zu bleiben, auf welchem Boden es auch sei.

Zu diesen Panhellenen rechnen wir natürlich nicht Männer wie den ältern Dionys, obschon es sich für diesen im Kampf mit den Barbaren von selbst ergab, daß er als Vertreter des Hellenentums passieren wollte; er hat dasselbe übrigens stets nur soweit beschützt, als seinen persönlichen Zwecken dienlich war, und, wie wir gesehen haben, die karthagische Macht auf Sizilien absichtlich nicht zernichtet, um selber notwendig zu bleiben. Auch gehören die Epideiktiker, von den Sophisten des V. Jahrhunderts bis Isokrates, nicht hieher. Freilich hatte sich ihre Rhetorik des panhellenischen Pathos bemächtigt und den Hellenen angefangen Eintracht und gemeinsamen Kampf gegen Barbaren und Tyrannen zu predigen; aber dieses Pathos war an sich sehr wohlfeil und nur das wirkliche Nachleben schwer, und da es zum letztern nicht kam, so war es eine gerechte Strafe für die Vernutzung der Idee, daß von diesen Rhetoren der echte Hellene, wo er auftrat, verkannt wurde, und daß z.B. von Isokrates, dessen griechischer Patriotismus eigentlich nur eine wohllautende Melodie ist, Pelopidas und Epaminondas nirgends auch nur genannt sind.

Dagegen gehört schon einigermaßen hierher Xenophon. Durch sein Kommando nach dem Verrate der Feldherrn kam er von selbst in die Lage, in seiner so sehr gemischten Armee der Repräsentant des Hellenischen zu werden. Später, nachdem man ihn von Athen, wahrscheinlich schon wegen seines Dienstes bei dem mit Sparta verbündeten Kyros, verbannt hatte, legt er allerdings ein einseitiges Spartanertum an den Tag und verkennt das Nationale da, wo es in leibhafter Gestalt auftritt, gerade wie Isokrates220; doch mag er geglaubt haben, gerade im Spartanertum das echte Hellenentum darzustellen; schon sein Äußeres sollte die gesamthellenische[344] Gesinnung beweisen; er wird uns geschildert221 als gerüstet mit einem argivischen Schild, einem attischen Panzer, einem Helm von böotischer Arbeit, und auf einem epidaurischen Pferde reitend.

Nun tritt aber eine ganz merkwürdige Art von Männern in den Vordergrund in Gestalt der italischen Pythagoreer. Wie wir früher222 gesehen haben, hatte der Bund des Pythagoras selbst nicht den Zweck gehabt, politische Herrschaft auszuüben, und wenn er sich nach den Krisen in Kroton und Metapont, wo Lokale und Menschen untergingen, noch irgendwie tatkräftig nach außen geltend gemacht hätte, müßte man aus dem V. Jahrhundert etwas davon hören. Jetzt aber, nachdem diese Leute vielleicht lange ein stilles Herrnhuterdasein geführt haben, ohne daß man viel von ihnen wußte, ist von der Zeit des Sokrates an auf einmal wieder von ihnen die Rede, und zwar erscheinen sie nun auch politisch tätig. Dies ist die Reihe, zu der Philolaos von Tarent (oder Kroton) und Lysis von Tarent gehören, welche nach Theben gerieten, und ebenso Kleinias aus Tarent, der im lukanischen Heraklea, und Eurytos, der in Metapont lebte, sowie der etwas spätere große Tarentiner Archytas223. Dabei ist gleichgültig, ob der Hokuspokus eines Geheimbundes irgendwann und vollends in dieser spätern Epoche wirklich existiert hat; wesentlicher verband jedenfalls die einzelnen die Sinnesweise; sie wollten eine sittlichreligiöse Reform des griechischen Lebens und konnten an deren Verwirklichung nur denken, wenn sie in den Städten politschen Einfluß hatten224. Dies sind die Leute, welche immer wieder glaubten, man könnte vermittelst eines philosophisch-aristokratischen Bündnisses Sizilien noch einmal helfen und seine Poleis restaurieren. Sie sind es, die Plato mit so inständigen Briefen auffordern, der ersten Einladung des jüngern Dionys zu folgen, die ihn dann wieder auf des Dionys dringende Bitten zu seinem letzten Besuche vermögen, und auch, als er sich wieder mit ihm verfeindet hat, seine freie Entlassung durch eine fast drohende Gesandtschaft bewirken. Der Mann, auf welchem ihre Hoffnung ruht, ist Dion, in welchem pythagoreische Tradition und enge Freundschaft mit Plato zusammentreffen; Plato selbst aber ist, besonders in seiner Lehre von der Seele und vom Jenseits, auf das stärkste von der pythagoreischen Lehre bestimmt, die sich bei ihm mit der sokratischen Ethik verschmelzt.[345] Das enge Verhältnis der beiden Männer tritt am meisten während Dions Aufenthalt in Griechenland zutage, wo dieser Plato die Mittel zu einer glänzenden Choregie schenkt und seinerseits von dem Philosophen den Griechen auf alle Weise empfohlen wird225. Bei diesen gab es allerdings in der öffentlichen Meinung bereits eine weichliche und wohlfeile Bewunderung eines solchen Strebens. Der Versuch aber, der nun erfolgte, in Syrakus eine dem Ideal entsprechende Verfassung herzustellen, war vollkommen aussichtslos, und daß Dion, nachdem ihm die Vertreibung des Dionys aus Syrakus gelungen war, einer Verschwörung unterlag, war das Ende, das nach den gegebenen Umständen für diesen Mustermann erwartet werden mußte.

Weit die vollständigste Gestalt dieser Art ist Epaminondas, bei dem nur ewig wird zu beklagen sein, daß es bei Plutarch über ihn keine Biographie gibt. Bei seinem Vater Polymnis war Lysis, der, wie wir gesehen haben, dem flüchtigen Philolaos nach Theben gefolgt war, Mitglied der Familie geworden, und im beständigen Umgang mit ihm bildete sich der Jüngling zu dem Manne aus, der dann in einem Spezialvolk als eine mit Willen panhellenische Idealgestalt mit den zwei Tendenzen der bürgerlichen Tugend und der Liebe zur Weisheit dasteht und dieser seiner Richtung durch das bekannte Wort Ausdruck gegeben hat, die Thebaner müßten, wenn sie die Ersten in Hellas sein wollten, die Propyläen von Athen an den Aufgang zur Kadmea stellen226. Nachdem ihm[346] mit Gleichgesinnten, die er fand oder bildete, und unter denen ihm der nächste Pelopidas war, 379 die Befreiung Thebens von den Spartanern gelungen war, beherrschte seine jungböotische Partei bald ganz Böotien und erzwang auch das Mithalten der Widerstrebenden. Aber auf dem Kongreß in Sparta (371) redete er schon nicht mehr für Theben allein, sondern gemeinsam für ganz Griechenland, und nach dem Siege bei Leuktra bewies er sein Hellenentum durch die Tat, indem er nicht nur Messenien wiederherstellte und den arkadischen Gesamtstaat schuf, was alles nur durch einen solchen Panhellenen möglich war, sondern auch das feindliche Sparta bloß unschädlich zu machen gedachte, wie er denn überhaupt hellenische Städte nie zernichten wollte227.

Seine größte Wirkung übte Epaminondas, wo er es wohl nicht erwartet hätte, nämlich auf Timoleon von Korinth aus, von dem es klar bezeugt ist228, daß er am meisten ihm nachgestrebt habe. In Sizilien lag freilich, als der Retter kam, die Sache von selbst so, daß man nur zwischen Hellenen und Barbaren (resp. den im karthagischen Interesse befindlichen Tyrannen), zwischen Rettung und Untergang der Nationalität wählen konnte. Und nun tauchte als Helfer dieser Mann mitten aus dem Elend von Korinth auf, und auf seinem Programm steht von Anfang an die Herstellung des sikeliotischen Hellenentums229. Daß ihm diese durch den gewaltigen Zuzug gelang, den er aus ganz Hellas und Großgriechenland nach Sizilien brachte, haben wir früher230 gesehen, und nach der Schlacht am Krimisos konnte er durch die Weihestücke, die er in die Heimat sandte, sein Korinth zu derjenigen Stadt machen, deren herrlichsten Tempel nicht, wie anderswo, mit Spolien von Mitgriechen, sondern mit solchen von Barbaren geschmückt waren231. Panhellene ist er schon durch die aus Hellenen aller Art gemischte Bevölkerung, die er in Sizilien[347] ansiedelte; von Dion aber wich er darin ab, daß er nicht aristokratisch gesinnt war, sondern überall die Demokratie herstellte, welche damals wohl oder übel das allein Mögliche war.

Diejenige Entbehrungsfähigkeit aller Art und Unterordnung der eigenen Willkür unter das Bessere, die wir bei unvergeßlichen Gestalten wie Epaminondas und Timoleon finden, war im ganzen nicht die Sache der Griechen, und es darf daher nicht befremden, daß solcher Männer nur wenige waren. Man soll aber bei solchen Tendenzen nicht fragen, wie viele sie verwirklicht haben, sondern, ob sie überhaupt verwirklicht worden sind, und das läßt sich bei den genannten nicht bestreiten. Auf solche Präzedentien hin lag es aber auch einem Philipp und Alexander nahe, sich ebenfalls von einer panhellenischen Seite zu geben, und dem erstern sagt es Isokrates laut232: »Andere Heraklesnachkommen mögen die Stadt lieben, in welcher sie daheim sind, du dagegen, der du nicht von einer Polis abhängig bist, magst ganz Hellas für dein Vaterland halten, wie einst euer Urvater (Herakles) selbst.« Und daneben leuchtet als Gegensatz in dieses alles mit seiner Laterne Diogenes hinein, indem er nicht mehr den Bürger, vielleicht sogar nicht mehr den Hellenen, sondern den Menschen sucht.


Wie nun die Polis dem großen ethischen Menschen nicht mehr genügt, so genügt sie auch nicht mehr dem ruhmbegierigen Egoisten. In dieser Beziehung geht schon aus einer grellen Erfahrung, die Athen mit Iphikrates machte, hervor, wie kalt bereits manchen die gewöhnlichen städtischen Ehrenbezeugungen lassen mochten. »Ihr wißt, Athener«, sagt Demosthenes233, »daß Iphikrates bei uns eine eherne Statue hatte und Speisung im Prytaneion und Geschenke und andere Ehren, wegen deren er hochbeglückt (εὐδαίμων) war (!). Und doch hat er es gewagt, um der Interessen des Kotys willen gegen eure Strategen zu kämpfen und das Wohlergehen des Kotys höher zu schätzen, als die Ehren, die er bei euch genoß.« Es mag allerdings besonders bitter gewesen sein, daß einer sogar sein Standbild dahinten ließ, um dem großen Geschäfte nachzugehen.

Dafür regt sich bei den verschiedensten Anlässen ein Ruhmessinn, der in den weiten Kreisen der Nation Aufmerksamkeit erregen will und sich oft in sehr merkwürdiger Art betätigt. Es konnten hierzu die großen Feste benützt werden, wie denn der ältere Dionys, der außer dem Maßstab für Gut und Böse auch den Takt für Gehöriges und Lächerliches muß verloren haben, von Syrakus aus die Griechen mit schlechten Tragödien heimsuchte, und, als endlich die Athener seine »Lösung Hektors«[348] an den Lenäen 367 mit einem ersten Preise gekrönt hatten, eine solche Genugtuung hatte, daß er sich darob bei einer Freudennacht betrank und davon starb234. Besonders aber kommt hier die große Reklame in Betracht, die sich an Leichenbegängnisse knüpfte. Schon das Übermaß schmerzlicher Ehrenbezeugungen der Thessalier und anderer Verbündeten für den gefallenen Pelopidas (364)235, wobei »alle bisher menschlicher Trefflichkeit erwiesene Anerkennung überboten wurde«, indem sich große Geleite aus allen Städten und Gauen wetteifernd dem Leichenzuge beigesellten, hatte offenbar nicht ganz auf dem echten Gefühle beruht, sondern war nervös ansteckend, ein Bedürfnis der Ruhmesanbetung gewesen236; nun aber wurde die Bestattung des karischen Fürsten Mausolos (352) zur Sache eines bei weitem nicht bloß auf seine Hauptstadt Halikarnaß, sondern auf alle Hellenen berechneten Ruhmes. Er selbst war schon monumental gesinnt gewesen und hatte, nachdem er erst die Stadt Halikarnaß neu angelegt hatte, für seinen Palast den Plan ausdrücklich selbst mit feiner Benützung der Lage ausgedacht237. Als er nun aber tot war, wurde von seiner Witwe und Schwester Artemisia die Trauer um ihn zu einer Sache der nationalen Ästhetik gemacht. Diese fällt mit ihrem Tun, welches ein kurzes war (352-350), indem der Schmerz um den Gemahl sie bald ins Grab geführt haben soll238, noch eben in die Zeit, bevor Makedonien alle Stauner und Gaffer auf seine Seite zog; die große Reklame konnte also noch gerade dem großen welthistorischen Ruhm vorangehen. Und nun wurde hier nicht nur aller bisherige Gräberluxus durch das Mausoleion überboten, einen Bau, gegen dessen Anlage sich sehr viel würde haben sagen lassen, womit aber eine Ruhmredigkeit ohnegleichen verbunden war, sondern bei dem riesigen Stiftungsfest dieses Grabmals,[349] dessen Vollendung Artemisia nicht mehr erlebte, veranstaltete man jenen mächtigen Agon, an dem außer einem tragischen Wettkampf – als hätte man nicht an einer Leichenrede genug – der Wettkampf von vier großen Rednern stattfand, die das Lob des Mausolos zu verkünden hatten239; der Historiker Theopomp soll bei diesem kolossalsten aller epideiktischen Exzesse die Palme gewonnen haben.

Der Ausweg des verhärteten Individualismus gegenüber dem idealistischen Panhellenentum sind der Ruhm durch Verbrechen und die Sucht nach Vergötterung. Größe wollten die Bösen wie die Guten, und auf dem alten Wege, durch Hingebung an die einzelne Polis (durch das Spartam nactus es; hanc orna) war sie nicht mehr zu erreichen. Vor allem geht nun der vom echten Staatsbewußtsein verlassene Ruhmsinn nicht nur ins Abstrakt-Idealistische irre, wie dies etwa bei der Tötung des Iason von Pherä durch idealistische Tyrannenmörder der Fall war, sondern ins absurd Zerstörerische. So gestand Herostrat, der (356) den Tempel von Ephesos anzündete, wenigstens auf der Folter seine Ruhmesabsicht (mentis furorem) ein, und Theopomp in den Historien schwatzte seinen Namen aus, den die Ephesier zu verschweigen beschlossen hatten240. Hatten sich früher sieben Städte darum gestritten, welche den Homer geboren habe, so stritt man jetzt, durch was für einen Landsmann Epaminondas erlegt worden sei, ob durch einen Mantineer, oder einen Spartaner, oder den Athener Gryllos241. Pausanias aber, der Mörder König Philipps, hatte vor der Tat den Sophisten Hermokrates gefragt, wie er am berühmtesten werden könnte, und die Antwort erhalten: wenn er denjenigen töte, der das Größte vollführt hätte. Auf diese Weise wurde der Mörder durch den ganzen Ruhm des Ermordeten umfaßt und getragen, und zugleich mochte sich auch der Haß gegen das Seltene und Einzige stillen242.

Und nun die Selbstvergötterung derjenigen, die mit dem gewöhnlichen Ruhm nicht zufrieden waren. Im Grunde war zwar bei dem niedrigen Begriff von den Göttern und ihrer Macht das Kompliment, das man sich[350] dabei machte, nicht übergroß; aber doch war es immerhin angenehm, zum Gotte zu avancieren, wenn es nämlich die Leute glaubten, und so erklärte sich jetzt, in der Zeit der allgemeinen Verlotterung, während früher die Abstammung von den Göttern eine Art Adelsdiplom gewesen war, der erste Beste selbst zum Gotte243. Der frühste, der sich herzhaft in dieser Weise feiern ließ, war, wie wir früher gesehen haben244, Lysander, welcher Opfer und Päane akzeptierte, seinen Lobdichter um sich hielt und auf Samos, als er daselbst die Demokratie niedergeworfen hatte, statt des Herafestes Lysandrien feiern ließ245. Mit der Zeit aber fand er bald diesen, bald jenen Nachfolger. So verlangte der schreckliche Klearch von Heraklea die Anbetung und die Ehre, welche den olympischen Göttern gebührten, tat sich Gewänder an, wie sie sich an drapierten Götterbildern fanden, nannte sich, wenn er bescheiden sein wollte, den Sohn des Zeus und sein Kind Keraunos und ließ sich auf der Straße einen goldenen Adler vorantragen246. Merkwürdigerweise wird nun aber auch von Heraklides Pontikos Ähnliches berichtet, dem Schüler des Plato und Aristoteles und vielseitigen Autor, der aus demselben Heraklea stammte und seine Vaterstadt irgendwie von den Nachfolgern Klearchs hat befreien helfen. Derselbe soll den Wunsch gehabt haben, als Heros verehrt zu werden, und bestach die Pythia, den herakleotischen Gesandten, die wegen einer Hungersnot nach Delphi gegangen waren, auf den Fall Hilfe zu versprechen, daß man ihn bei Lebzeiten mit einem goldenen Kranze ehrte und ihm nach seinem Tode heroische Ehren erwiese. Dies bekam freilich allen Beteiligten schlecht. Heraklides bekam bei der Bekränzung im Theater einen Schlagfluß, und die Pythia wurde zu derselben Zeit im Adyton von Delphi von einer Schlange gebissen. Dem Tode nahe befahl dann Heraklides noch, seine Leiche verschwinden zu machen und statt seiner eine Schlange auf das Bett zu legen, damit es scheine, er wäre zu den Göttern gegangen; aber auch dieser Betrug wurde entdeckt247, und so erwies es sich, daß Heraklides nichts als ein Tor gewesen sei. Neben dieser Geschichte kann es dann allerdings nicht weiter auffallen, daß der Schwiegervater des Iphikrates, der thrakische Häuptling Kotys, ein gefährlicher[351] Trunkenbold, einst eine Mahlzeit und ein Brautgemach richten ließ, um mit Athene Hochzeit zu halten. Von den Leibwächtern, die er aussandte, um nachzusehen, ob sie noch nicht komme, schoß er in seinem Rausch den ersten nieder, als derselbe mit einer verneinenden Antwort zurückkehrte, und ebenso den zweiten; ein dritter war dann so klug zu melden, die Göttin warte schon lange auf ihn. Ferner wird von einem der Söldnerhauptleute des Artaxerxes Ochos, Nikostratos, der sich um 350 bei der Unterwerfung der abgefallenen persischen Außenlande in Rat und Tat sehr tüchtig erwies, gemeldet248, daß seine Klugheit einen Beisatz von Narrheit gehabt habe; denn, weil er sich durch Körperkraft auszeichnete, sei er beim Feldzuge in Nachahmung des Herakles mit Löwenhaut und Keule aufgezogen. Unter den Leuten, die sich solches einbildeten, ist aber auch der berühmte Arzt Menekrates aus Syrakus, der sich Zeus nannte249, weil er durch seine Kunst für die Menschen allein zur Ursache des Lebens werde. Die durch ihn von der fallenden Sucht Geheilten zwang er, sich schriftlich als seine Sklaven zu bekennen; sie gingen ihm als Gefolge nach, und zwar ebenfalls als Götter kostümiert: ein Herakles, ein Hermes mit Chlamys, Heroldstab und Flügelschuhen, ein Apoll, ein Asklepios; Menekrates selbst wandelte mit diesem Götterchor in Purpur und Prachtschuhen, mit einem goldenen Kranz und Szepter einher. Da er als der »Allbelebende« an König Philipp als den »Allzerstörenden« einen Brief schrieb, kam er freilich an den Unrechten, indem ihm dieser zurückschrieb, er wünsche ihm einen gesunden Verstand (ὑγιαίνειν). Auch soll Philipp ihn einmal damit verhöhnt haben, daß er ihm bei einem prächtigen Schmaus zwar eine eigene Kline am ehrenvollsten Platze rüsten ließ, ihm aber dann, während die andern schmausten, nur Weihrauch vorsetzte. Menekrates freute sich der Ehre eine Weile, zeigte aber dann doch durch Hunger, daß er ein Mensch sei, und zwar ein törichter, und ging zuletzt entrüstet fort, indem er sagte, daß ihm Hybris widerfahren sei250. – Über alle diese Dinge muß man sich nicht zu sehr wundern. Die Leute der damaligen Zeit konnten so verrückt werden, weil man sich in der Polis nicht mehr auszeichnen konnte, wenn man nicht die[352] Wege der Politiker geringen Schlags mitwandeln wollte, und weil ihnen die einfachen und bessern Ziele des Lebens unenthüllt blieben. – Endlich haben wir hier noch der merkwürdigen Gestalt der Phryne zu gedenken (gleichviel ob es historisch eine oder zwei gewesen sind). Als Hyperides sie vor dem Volksgericht gegen die von dem beleidigten Euthias erhobene Asebieklage verteidigte und dabei zu unterliegen fürchtete, zerriß er ihr Gewand und zeigte den Richtern ihren Busen, was diese mit heiliger Angst erfüllte und davon abhielt, die Priesterin und Botin Aphrodites zu töten. An Eleusinien und Poseidonien stieg sie angesichts der gesamten Hellenen nackt in die Flut, was um so bedeutender war, weil sie sich sonst sorgsam verhüllt hielt und kein öffentliches Bad besuchte. Darnach bildete Apelles seine Anadyomene; zu Praxiteles aber war das Verhältnis so, daß in dem Tempel ihres Heimatortes Thespiä nicht nur dessen Eros, den er ihr geschenkt, stand, sondern auch ihre eigene Statue neben einer ebenfalls von ihm geschaffenen Aphrodite. Nimmt man dazu, daß auch in Delphi eine goldene Statue der Phryne in einer Reihe mit den Königen Archidamos und Philipp stand, so erhält man den Eindruck, daß offenbar Phryne und Aphrodite den Leuten wirklich etwas durcheinander kamen, wenn auch Praxiteles sie noch auseinander hielt, und das in der nämlichen Zeit, da dem Aristoteles ein läppischer Asebieprozeß wegen angeblicher göttlicher Besingung des Hermeias von Atarneus angehängt werden konnte251.

Neben denjenigen, die sich als Götter gaben oder dafür genommen wurden, begnügten sich andere mit einem besonders idealen Auftreten. So kam der Komiker und Dithyrambiker Anaxandridas, als er einen Dithyrambus einzuüben hatte, in dem er daraus etwas rezitierte, zu Pferde geritten. Dazu war er eine schöne, große Erscheinung mit wallendem Haar und goldgesäumtem Purpurgewande. Siegte er mit einem Stücke nicht, so arbeitete er es nicht um, sondern zerschnitt es ins Räucherwerk und ließ es darin verbrennen252. An solchen Leuten mochte dann wohl der attische Hohn seine Zähne üben.


Nach den Tugendidealisten, den Ruchlosen und den Narren kommt nun endlich in Gestalt Philipps von Makedonien der große Realpolitiker. Wir haben oben253 gesehen, wie er in früher Jugend durch seinen Schwager Ptolemäus, – welcher zugleich der Liebhaber seiner Mutter war, – dem Pelopidas als Geisel nach Theben mitgegeben wurde. Hier blieb er drei Jahre im Hause des Pammenes, der zum Kreise des Epaminondas gehörte; inzwischen wurde durch Ptolemäos sein älterer Bruder Alexander,[353] und Ptolemäos wieder durch Perdikkas, den zweiten Sohn des Amyntas, aus der Welt geschafft; überhaupt war damals für Makedonien eine Zeit der entsetzlichsten Wirren, indem zu unaufhörlichen Thronstreitigkeiten noch Fehden mit allen Nachbarn kamen254. Von Perdikkas wurde Philipp nach seiner Rückkehr mit einem kleinen Vasallat ausgestattet; aber nach einigen Jahren (359) kam der Bruder in einem furchtbaren Kampfe mit den Illyriern um, und so fiel dem Dreiundzwanzigjährigen das Königtum von Makedonien, freilich unter den schrecklichsten Umständen, zu. Wie er sich nun der verschiedenen Thronbewerber entledigte und die Illyrier durch seinen ersten großen Sieg über ihren König Bardylis gänzlich aus Makedonien vertrieb, ist eine Geschichte, die ihn schon in seinem ganzen Wesen zeigt. Nachdem er sein eigenes Volk erst mit der größten Mühe hatte kampfesfähig machen müssen, war dieser Illyriersieg militärisch vielleicht noch ein ganz anderes Heldenstück, als später Chäronea war. Die leichte Elastizität aber, womit er von Anfang an in genialem Kampf gegen die ihn umgebenden Gefahren auftritt, und die Entschlossenheit, immer mit seiner Person zu zahlen, beweisen, daß er in einer Sorte von Gewässern schwimmen gelernt hat, worin tausend andere untergegangen wären.

Woher er daneben freilich sittliche Bedenken hätte kennenlernen sollen, ist schwer einzusehen. Im Umgang mit den pythagoreisch gerichteten Thebanern mochte ihm allenfalls eine Ahnung von Besserem aufgegangen sein; aber die weitern Erfahrungen, die er machte, müssen diese bald überwogen haben; auch hat er die Griechen gewiß schon in Theben von ihren schwachen und schlechten Seiten kennen und sie und die Menschen überhaupt verachten gelernt, und angesichts der meisten von ihnen ist er gerade mit seiner Unbedenklichkeit ein echter Grieche. Ein solcher ist er aber auch durch seine vollendete geistige Regsamkeit, durch die Fähigkeit, alles zu erraten und die Menschen zu durchschauen; das Odysseische von ihnen hat er so gut als einer. Nur vom griechischen Politiker trennt ihn insofern eine tiefe Kluft, als er ein wirklicher König ist und auf den Royalismus seines Volkes zählen kann.

Seine Makedonier hätten an und für sich den Angriffskrieg nicht geliebt und ohne Philipp gerne ruhig gesessen und Hellenen und Perser sich selbst überlassen. Aber nun gewann die alte Sitte, daß die Söhne der Edeln als des Königs Knappen und Pagen am Hofe aufwuchsen, ihre volle Bedeutung. Wenn einzelne Geschlechter grollten, waren doch ihre Söhne des Königs Geiseln; zugleich aber genossen diese unter strenger Zucht255 eine Erziehung, die sie befähigte, dem König künftig als Hauptleute[354] und Statthalter zu dienen. Aus ihnen ergänzte sich die königliche Leibgarde, welche von der kriegerischen Mannschaft des Herrenstandes gebildet wurde, und zwar nahmen den ersten Rang in derselben die ritterlichen Geschwader der ebenbürtigen »Freunde und Gefährten (ἑταῖροι) des Königs« ein. Dieser waren vor Philipps letztem Zuge nach Hellas achthundert, und bei Alexanders Übergang nach Asien waren sie doppelt so stark; sie waren mit königlichen Lehen reich ausgestattet256. Ihnen zunächst standen die Schildknappen (ὑπασπισταί), eine auserlesene und ebenfalls schon durch ihre Geburt bevorzugte Fußtruppe. Die Masse des schweren Fußvolkes endlich bestand aus dem Aufgebote der einzelnen Stämme, und auch diese freigeborenen Söhne des Landes wurden mit dem Namen »Gefährten des Königs im Dienste zu Fuß« (πεζέταιροι) geehrt257. An dem adligen Ausschusse des Heeres aber, dem sogenannten Agema, welches zugleich wie eine Art von Volksvertretung dem König gegenüber angesehen wurde258, hatte dieser eine Stütze, dergleichen nie ein griechischer Tyrann besaß. Dies eben aber haben die Griechen, denen Philipp als ein Barbar, sein Reich als ein großes heterogenes und darum unhaltbares Mischwesen und sein Volk als ein Volk von Sklaven erschien, die längste Zeit nicht begreifen können. In ihrem Lande war die Treue der rarste Gegenstand. Wie hätten sie für eine Pietätssache wie den makedonischen Königsloyalismus Sinn haben können?

An Anstrengungen konnte Philipp seinen Makedoniern das Unglaubliche zumuten259. In der Schlacht aber kam ihm die Taktik des Epaminondas, die er in Theben schon mochte kennengelernt haben, trefflich zustatten. Er bildete sie weiter aus und entzündete durch den Ruf der Unbesieglichkeit,[355] der sich an seine Phalanx hängte, bei seinem Volk jenes militärische Hochgefühl, das noch unter den römischen Kaisern nachzuklingen scheint260. Auch hellenische Söldneroffiziere unterstützten ihn übrigens bei seinen Neuerungen im Kriegswesen, und überhaupt hielt er sich neben dem makedonischen Heere immer auch Soldtruppen und verwandte solche für diese oder jene Unternehmung etwa auch allein.

Im übrigen war in diesem Heere das eine und alles Philipp selbst. Beständig lebendig, auch wenn es ihm zeitweise diente, den Toten zu spielen, war er überall da, wo seine Anwesenheit not tat. Immerhin verwandte er in seinem Dienste auch Feldherren; an solche war er aber streng in seinen Ansprüchen, er soll die Athener einmal ironisch glücklich gepriesen haben, weil sie jährlich zehn Strategen zu wählen vorfänden, während er in so vielen Jahren nur einen, den Parmenion, fand.

Von großen Griechen genügte ihm, nachdem sein Vorfahr Archelaos einst alle möglichen Zelebritäten nach Makedonien berufen hatte, der eine Aristoteles. Diesem vertraute er bekanntlich durch einen ganz besondern Entschluß die Bildung seines Sohnes an, beförderte aber auch seine Forschung, wie es keiner Polis eingefallen wäre, indem er ihm die Mittel sowohl für viele sonstige als auch besonders für die zoologischen Untersuchungen gewährte261. Ob er zu ihm wirklich auch noch Isokrates bei sich zu haben wünschte, ist sehr fraglich.

Und nun stand neben ihm seine Gattin Olympias von Epirus, mit der er sich in seiner Jugend vermählt hatte, nachdem die beiden sich als Kinder bei den samothrakischen Weihen kennengelernt hatten. Diese orgiastische und opferkundige Frau hatte ihre schrecklichen Seiten, und am Tode ihres Mannes ist sie wahrscheinlich mitschuldig gewesen; aber sie muß ein ganz außerordentliches Weib gewesen sein, fähig, die Mutter des allerseltensten Menschen zu werden. Freilich hatte Philipp auch noch andere Verbindungen262. Eben die Polygamie, welche eine Hauptursache der furchtbaren Tradition des Königsmordes im makedonischen Temenidenhause war, sollte auch ihm verhängnisvoll werden. Überhaupt mochte es an seinem Hofe oft wild hergehen. Aus Hellenen und Barbaren soll er sich eine schreckliche Gesellschaft gebildet haben, und besonders die Griechen, die er um sich hatte, waren, wie man meinte, ein zusammengelaufener[356] Auswurf von Mördern, Räubern und Wüstlingen. Von seinem Herumtreiben an Gelagen, seiner Possenreißerei, seinem Tanzen und Schwärmen und seinen vielen Räuschen erzählte man sich alles mögliche263. Diese Dinge täuschten den Blick der pathetisch gerichteten Griechen. Allerdings mochte er manchen Schurken um sich haben; er duldete aber eben nur diejenigen, die er für seine Zwecke brauchte, und wußte sich der schlimmsten Elemente weislich zu entledigen. Es hätte in dieser Beziehung den Griechen zu denken geben können, daß er eine »Verbrecherstadt« (πονηρόπολις), Kalybe, hatte, wo er gegen zweitausend falsche Zeugen, Sykophanten usw. zusammensperrte, lauter Leute, die er hätte töten können, die er aber vorzog auf diese Weise unschädlich zu machen, wie ja auch die Thraker die Tötung von Menschen vermieden264. Was aber das wüste Treiben betrifft, so mag stark ins Gewicht fallen, daß Theopomp, der diese Schattenseiten gut kannte und auch wohl in übertreibender Weise schilderte, gleichwohl zu dem Gesamturteil gekommen ist, Europa habe überhaupt noch nie einen solchen Mann hervorgebracht265. Dieser rastlos tätige König, der sich nie schonte und auf die Menschen außerordentlich, ja dämonisch wirkte, dürfte vieles nur obenhin mitgemacht haben, um die andern desto besser ausforschen zu können.

Wenn wir nach Philipps vermutlichem politischem Programme fragen, so ist wohl gewiß, daß er eine mächtige hellenische Kraft zusammenbringen und damit den Kampf gegen das morsche Perserreich aufnehmen wollte. Zu diesem Zwecke alle hellenischen Poleis einzeln zu unterwerfen, war, wie er wohl wußte, unmöglich; er hätte damit sein Leben zubringen müssen; auch hatte er keineswegs die Unterwerfung von ganz Griechenland nötig, sondern nur die der Länder etwa bis Böotien und die Ohnmacht des übrigen Hellas und des Peloponnes, die durch Bezahlung von Parteien und durch eine Anzahl von Besatzungen in Ruhe gehalten werden mochten. Hatte man einmal die persischen Schätze, so wäre denkbar gewesen, daß durch Söldnerwerbung die Eroberung auch des äußersten Westens möglich geworden wäre; indes so weit dachte der praktische Philipp kaum. Schon für die nähern Zwecke mochte er sich die Schwierigkeiten nicht zu klein ausmalen; denn er täuschte wohl[357] andere, aber – zum Unterschiede von den Griechen – niemals sich selbst. Nun folgt also jene merkwürdige Laufbahn gegenüber den von ihm vollkommen durchschauten Hellenen: Nachdem er durch den Sieg über die Illyrier die erste große Grundlage für seine Macht gelegt hat, gewinnt er zunächst durch die Eroberung von Amphipolis die Herrschaft über die wichtige Strymongegend mit ihren Goldbergwerken, eröffnet sodann Makedonien nach der See, indem er die mit Athen verbündeten Küstenstädte wegnimmt, benützt den heiligen Krieg, um sich als »Retter« Thessaliens vor den pheräischen Tyrannen und deren phokischen Helfern zum Führer und Leiter Griechenlands aufzuwerfen, macht dann, um im Norden den stärksten Widerstand zu brechen, das sehr mächtige Olynth und seine Bundesgenossenstädte auf der Chalkidike dem Boden eben, greift auf den böotischen Hilferuf von neuem in den heiligen Krieg ein, bewilligt Phaläkos mit seinen Söldnern freien Abzug, bestraft die Phokier, wird Amphiktyone, tritt daneben, indem er die übrigen Peloponnesier vor Sparta beschützt, in Thebens Fußstapfen und arbeitet zwischenhinein immer wieder in Illyrien und Thrakien an der Erweiterung seiner Macht über die nördlichen Stämme. Dabei ist sein beständiger Grundsatz: alle gewinnen, die Guten brauchen, die Bösen mißbrauchen266; diesen befolgt er mit staunenswerter Virtuosität, so daß ihm die meisten nicht widerstehen können. Vor allem kauft er sich überall Personen und Parteien. Daß die Rednerbühne eine goldene Ernte sei267, war ein Satz, der in Griechenland schon lange Geltung hatte. Man brauchte Geld, um anständig zu leben, und daß man sich bezahlt machte, so gut man konnte, galt als eine verzeihliche Nervenschwäche. Daß nun aber das Geld von draußen ebenso angenehm klingen konnte wie das, welches man sonst gewann, leuchtete doch vielen nicht ein, und nun fing, besonders nach der Einnahme Olynths, das selberA14 durch den Verrat zweier Führer der Bürgerschaft gefallen war, makedonisches Gold überall bei den einflußreichen Persönlichkeiten seinen Weg zu finden an; wer in den Städten davon nahm, hieß Philipps Gastfreund und Vertrauter, und bei Festen wie dem, da er für diesen Erfolg dem olympischen Zeus dankte, übte er eine allgemeine Blendung aus, die ihm solche in Masse zuführte268.

Vortrefflich führt er auch die Rolle eines Beschützers des delphischen Orakels durch. Schon, da ihm (352) die Athener den Durchmarsch durch die Thermophylen wehren, kehrt er in sein Land mit dem Erfolge zurück, seine Herrschaft durch seine Taten und seine Frömmigkeit gegen die[358] Gottheit gehoben zu haben; bei seiner spätern Intervention (346) sieht er dann vor allem darauf, daß es ja das Aussehen habe, als gedächte er nur der Rache für das beraubte Orakel, und weiß auch nach der Kapitulation und dem (gewiß nicht nach dem wahren Geschmack der griechischen Verbündeten bewilligten) Abzuge des Phaläkos meisterhaft den Scheinrespekt gegen die Amphiktyonen zu wahren, indem er diesen die Gesamtentscheidung über alle zu erledigenden Fragen überläßt; daß sie denn auch sogleich ihn und seine Nachkommen in ihren Kreis aufnehmen, und zwar sogar mit dem Recht auf zwei Stimmen, ist schon die Vorbereitung zur spätern Anführerschaft über alle Hellenen, die ihm eben wegen seiner Frömmigkeit zuteil geworden sein soll269.

Wichtig ist, daß mit Philipps Auftreten die erbärmlichen Beziehungen zu Persien und dessen Oberrichtertum in hellenischen Dingen aufhörten, in welches sich nicht nur Sparta beim antalkidischen Frieden, sondern auch Theben bei der Gesandtschaft des Pelopidas hatte fügen müssen, indem der Großkönig entschied, die Hellenen seien autonom und Messene solle wiederhergestellt werden. Wie nun aber nach dem Abschluß des Philokratesfriedens (346), als Philipp »der Freund Athens« geworden270, der alte Isokrates in seinem »Philoppos« den Perserkrieg empfiehlt, ist doch wieder für die Griechen sehr charakteristisch. Der Redner stellt ernsthaft das Programm auf, der künftige Anführer der Hellenen solle vorher die vier Hauptstaaten derselben: Athen, Sparta, Theben und Argos, deren damalige Feindschaft in und unter sich er ganz richtig einen Wahnsinn nennt, unter sich versöhnen und in ihrem Innern beruhigen, eine Arbeit, womit wohl nicht nur Philipps Leben, sondern auch das von drei oder vier Nachfolgern umsonst hätte hingebracht werden müssen, ehe nur ein Schritt gegen Persien geschehen wäre. Beherrschen aber sollte er die Städte beileibe nicht, weil sie (107) »nicht gewohnt seien, Alleinherrschaft über sich ergehen zu lassen«271; vielmehr denkt er sich Philipps Waltung in drei Abstufungen, die er (154) gegenüber einem solchen Manne die Naivität hat mit dem Satze zu empfehlen: »Ich sage, du sollst den Hellenen Wohltaten erweisen, die Makedonier als König (βασιλεύειν) und möglichst viele Barbaren als Herr beherrschen (ἄρχειν).« Es will nun zwar immerhin schon etwas heißen, daß dieser Unterschied zwischen zwei Arten der Herrschaft gemacht wird; auch scheinen dem Redner schon Lichter über den makedonischen Royalismus aufgegangen zu sein,[359] indem er dem König großen Ruhm für den Fall verspricht, daß er die Hellenen so gestimmt haben werde, wie die Lakedämonier es gegen ihre Könige, und seine eigenen »Gefährten« (»die Makedonier überhaupt« zu sagenA15 erlaubt der attische Hochmut nicht) gegen ihn seien. Aber das »freie« Bündnis griechischer Poleis mit Makedonien gegen Persien, das er nun möchte, war an sich ein lächerlicher Gedanke272. Philipp hätte lange warten können, bis sich in den Hellenen eine Art von Royalismus gebildet hätte; ein praktisches Verhältnis oder Bündnis aber ist mit der Petulanz von Existenzen, wie diese Poleis waren, überhaupt nicht möglich273. Bekanntlich war es ja auch nicht einmal mit der Popularität der Expedition gegen Persien bei den Griechen sehr weit her, so lockend Isokrates dieselbe ausmalt, indem er Philipp in Aussicht stellt, er könne entweder ganz Persien nehmen oder, wie einige sagen, sich auch mit der Einnahme Kleinasiens von Kilikien bis Sinope, also dem »kleinern Projekt« begnügen. Und nun werden alle diese guten Ratschläge in einer Schrift erteilt, deren Verfasser (73 ff.) sagen muß, daß Philipps Macht in dem eigenen Athen ein Gegenstand des stärksten Mißtrauens sei, weil die Gegner (d.h. die Partei des Demosthenes) mit der Behauptung, dieselbe werde nicht für, sondern über Hellas vergrößert, die Menge mitrissen, und der ferner (129) ehrlich zugibt, daß seine Vaterstadt sich weniger um das kümmere, was er, als um das, was die auf der Rednerbühne Tobenden sagen. Philipp bekam die Rede und las sie: man mag denken, was er dazu für »bomolochische« Gesichter schnitt274.

Sehr genau beobachtet Demosthenes Philipps unheimliches Hereinragen in die griechischen Verhältnisse und hat es meisterhaft und bis auf den heutigen Tag erschütternd dargestellt. Er weiß, daß auf des Königs Seite die Taten, auf der der Athener nur Worte sind, daß diese selbst ihn groß gemacht haben und, wenn ihm ein Unglück geschähe, durch ihre Nachlässigkeit rasch einen andern Philipp schaffen würden, er dankt den Göttern, daß sie den König als einen Aufrüttler gesandt haben, ohne den man von Staats wegen in das tiefste Lotterwesen versänke; auch weiß er trefflich dessen Handlungsweise und seine Ziele zu charakterisieren, am vollständigsten in der dritten Philippika, wo er z.B. (10) mit Berufung auf[360] Olynths Schicksal ausführt, wie Philipp, selbst wenn er in vollem Marsche auf Attika und den Piräus wäre, nicht zugeben würde, daß er der Angreifer sei, und wie für ihn zum Unterschiede von der altväterischen Kriegsführung im Peloponnesischen Kriege Sommer und Winter keinen Unterschied ausmache; auch operiere er ohne Hoplitenphalanx gerne mit leichten Truppen, Reitern und Söldnern, und wenn ihm dann von den an innern Schäden krankenden Städten kein rechter Widerstand entgegengesetzt werde, sei er auf einmal mit Belagerungsmaschinen zur Hand; entscheidende Schlachten gelängen ihm besser als den Griechen, und deshalb müsse man ihn zu Hause beschäftigen usw. (47 ff.) Aber bei aller dieser Einsicht weiß Demosthenes noch immer nicht, was für ein König und Kriegsherr Philipp ist. Er ist ihm in der gleichen Rede (31) kein Hellene und nicht einmal ein Barbar aus einem Lande, das man mit Anstand nennen kann, sondern ein entsetzliches Wesen aus Makedonien, von wannen man früher nicht einmal einen ordentlichen Sklaven bekommen konnte (was beiläufig gesagt, für die Makedonier eher schmeichelhaft war). Auch baut der Redner viel zu sehr auf Philipps Verhaßtheit in seinem nordischen Reich; er glaubt gerne an die Möglichkeit einer Empörung der Thessaler, Illyrier und Thrakier275 und meint, durch die vielen Kriege sei die Herrschaft über die Makedonier nur unsicherer geworden; seine Leute hätten keinen Anteil an der Ehre der Erfolge, sondern nur die Plage von allem, sie würden jedes Privatdaseins beraubt und durch den Krieg vom Handel abgesperrt, aus welchem allem hervorgeht, daß Demosthenes die Makedonier ganz beurteilt, als wären es Athener, für welche dergleichen allerdings ein Unglück sein konnte, und daß er, weil er nur den athenischen Individualismus kennt, von derjenigen Philotimie, die im makedonischen Hauptquartier lebte, keine Ahnung hat. Auch aus der Verworfenheit von Philipps Umgebung zieht er den falschen Schluß, der erste Unfall werde dessen Ohnmacht enthüllen276; er kann ihn offenbar nicht von den Tyrannen unterscheiden und nennt ihn auch beiläufig so. Und dazu kommt der Generalirrtum, daß eine auf tiefen Egoismus, Lüge und Gewalttat gebaute Herrschaft nicht solid sein könne277, als ob in der Regel die Mächte der Erde auf etwas anderes gebaut würden. Demokratien freilich mögen mit dieser Manier zugrunde gehen; wenn aber eine Großmacht soll geschaffen werden, so geschieht dies in der Regel nicht bei schönem Wetter, sondern geht unter entsetzlichem Gewitter vor sich.

[361] Und nun ist es allerdings an dem, daß Philipp alle Eide brach278, alle Verträge mit Füßen trat und jeden Verrat kaufte. Will man ihm aber irgendwie gerecht werden, so muß man bedenken, daß auch die Griechen damals die größten Eidbrecher waren und sich nicht hätten einbilden dürfen, ein Privilegium hierfür zu haben. Auch, daß jeder Mensch seinen Preis habe, um den er könne gewonnen werden, war eine Maxime, die Philipp eben nur aussprechen konnte, weil die Griechen so überaus käuflich waren; allein ist er da jedenfalls nicht schuldig279. Aber allerdings lernten die Griechen durch ihn eine Diplomatie kennen, die ihnen entsetzlich war. Mit ihren beständig redenden, Psephismen fassenden und alles Interesse verpuffenden Volksversammlungen waren sie gegenüber einem solchen Praktiker vollkommen hilflos. »Er war selbst, was für den Krieg das Allerwichtigste ist, unumschränkter Gebieter über seine Leute, und sodann hatten diese die Waffen beständig in der Hand. Ferner war er reich an Geldmitteln und führte aus, was er beschlossen hatte, ohne es in Psephismen zum voraus zu verkünden und öffentlich zu Rate zu gehen ohne auch von den Sykophanten vor Gericht gezogen und mit Klagen wegen Gesetzwidrigkeiten verfolgt zu werden und ohne überhaupt irgend jemand verantwortlich zu sein, sondern indem er mit einem Worte allein die Macht, Führung und Entscheidung über alles hatte«, sagt nach seinem Tode kein Geringerer als Demosthenes280. Um uns die ganze Überlegenheit seiner Situation vor Augen zu stellen, brauchen wir dazu nur noch an die schlaffen Bürger- und unzuverlässigen Söldnerheere der Griechen, sowie an deren durch die Sykophanten bedrohte Strategen zu denken. So konnte er denn handeln, indes sie politisierten, konnte, weil er ein König war, auch etwa einmal einen Schritt zurücktun, und machte sich nichts daraus, daß die Feinde ihn recht schwarz malten, während er sie betörte281.

[362] Unter diesen Umständen ging Griechenland, weil eben Demosthenes für Philipp nicht zu kaufen war, dem entscheidenden Kriege entgegen. Daß es hier zu einer Feldschlacht gegen die Athener und Thebaner kommen mußte, war diesem gewiß nicht bequem. Da es aber einmal so kommen mußte, rechnete er Demosthenes und die Athener aus und richtete sich auf den nötigen Schlag gegen die verbündeten griechischen Bürgerheere ein; mit seinen dreißigtausend Mann zu Fuß und zweitausend zu Pferd war er hierzu stark genug; ob er wirklich unmittelbar vor Chäronea geglaubt hat, die Thebaner noch auf seine Seite zu bekommen282, ist doch zweifelhaft. Und nun hatte er bei seinem Siege das große Glück, die beiden größten Poleis nicht etwa nur durch Schlauheit und Ausnützung ihrer Lauheit zu überwinden, sondern nachdem sie ihren letzten Enthusiasmus umsonst aufgewandt hatten. Jetzt konnte Theben zu einer böotischen Landstadt degradiert, Sparta tief gedemütigt, Athen durch Freundlichkeit gewonnen und Philipp auf der Tagsatzung von Korinth zum Heerführer der Hellenen gegen Persien erhoben werden, für welchen Perserkrieg den eigentlichen Titel die Vergeltung der Tempelverwüstung des Xerxes abgeben mußte, trotzdem das griechische Pathos damals gerade nicht von dem Gegensatz gegen Persien zehrte. Die Hellenen wurden durch makedonische Besatzungen zu Theben, Chalkis, Korinth und Ambrakia in Gehorsam gehalten, und schon standen makedonische Truppen auf kleinasiatischem Boden, als Philipps Ermordung zu Ägä dem Unternehmen scheinbar ein Ende bereitete; man ahnte im Augenblicke nicht, daß Alexander das ganze politische Vermächtnis seines Vaters erfüllen würde.

Mit Philipp war Hellas in die Botmäßigkeit eines solchen gekommen, der anders verfuhr als alle bisher bekannten Tyrannen, ja als alle Hellenen überhaupt: zernichtend, wo es ihm diente, sonst aber fähig, die vorhandenen Kräfte nicht zu fürchten, sondern in seinen Dienst zu nehmen. Neben ihm sinken langweilige Zelebritäten wie Agesilaos ins Dunkel; dafür regt sich auf einmal eine merkwürdige Sympathie gebildeter Griechen für das Monarchische; von dem äußern Griechenland, das sich an seinem Hofe bildete, gibt bereits Isokrates im »Philippos« (19) zu, daß es aus nicht unbekannten und nicht unverständigen Männern bestanden habe, und daß deren Umgang ihm bei Erweiterung seiner Herrschaft sehr nützlich gewesen sei283. Man griff es mit Händen, daß dieser Mensch vollkommen der Schöpfer seines eigenen Glückes war284, indem er, aus tiefster[363] Gefahr emporgekommen, seinen Staat neu organisiert, sein Heer geschaffen und ein Reich gegründet hatte, wie das makedonische nun war; aber freilich mit der hellenischen Polis im alten Sinn hatte es nun ein Ende.

Schließlich möge noch an eine Reihe von Anekdoten und geistvollen Worten erinnert werden, in welchen bei Philipp ein auffallender Zug der Milde und Herzlichkeit, ja hie und da selbst der Größe zutage tritt. So ließ er sich im Siege sein Glück nicht zu Kopfe steigen oder doch nur in jenem kurzen Moment, da er das Psephisma des Demosthenes singend parodierte, und setzte nach einer Nachricht nicht einmal ein Tropäon285. Am Ende könnte die Geschichte286 doch echt sein, daß er sich in seiner Siegestrunkenheit durch eine Bemerkung des gefangenen Demades habe zurechtweisen lassen, und, indem er den Kranz abtat und allen Jubel einstellte, die attischen Gefangenen ohne Lösegeld entließ287; nur merkten die guten Athener nicht, daß er bloß Kraft sparen wollte, indem er ihnen schmeichelte288. Ein schöner Zug ist es ferner, wie er bei mehrern gleichzeitig eintreffenden Glücksnachrichten die Tyche um ein kleines Unheil bittet289, und sehr fein die Art, wie er sich zu Leuten stellt, die ihn lästern, indem er sich z.B. den athenischen Demagogen zu Dank verpflichtet erklärt, weil sie ihn durch ihr Schimpfen dazu provozieren, sie durch die Tat zu widerlegen, oder einen Schmähsüchtigen deshalb nicht vom Hofe fortjagt, damit er seine Bosheit nicht in weitere Kreise bringe, oder sich, statt wie die Griechen bei jedem Hohn und Widerspruch entsetzlich zu[364] leiden und böse zu werden, den betreffenden Mann einfach ansieht und kauft290. Als Richter über zwei Bösewichter gebietet er dem einen einfach, sich aus Makedonien fortzumachen, dem andern, jenen zu verfolgen. Seinem Sohn empfiehlt er, sich bei den Makedoniern beliebt zu machen solange er noch freundlich sein dürfe, indes ein anderer König sei. Von Herz und Diskretion zeugt es, wenn er einem alten thebanischen Gastfreund aus seiner Jugend, der nichts von ihm annehmen will, sagt: Raube mir nicht meine Unbesiegbarkeit, indem ich dir an Gefälligkeit unterläge oder wenn er seinen Schmerz ausspricht, weil er erwiesenes Gutes einem seither Verstorbenen nichtA16 mehr erwidern kann291.

Gewiß von höchstem Interesse war für Philipp die Bekanntschaft mit dem jüngern Dionys in Korinth. Nachdem viele Reden dahingeströmt waren, stellt der König endlich die Frage, wie es gekommen, daß Dionys die große vom Vater ererbte Herrschaft nicht habe behaupten können, und erhält die bekannte Antwort, daß dieser ihm alles übrige, nur nicht sein Glück hinterlassen habe292.

Philipp soll sich nach Chäronea jeden Morgen von einem Diener haben zurufen lassen, er sei nur ein Mensch293, und wie er den sich als Zeus gebärdenden Menekrates verhöhnte, haben wir oben294 gesehen. Obschon er sehr Wunderbares für möglich hielt295, wehrte er sich gewiß solange als möglich gegen Vergötterung. Und nun ist freilich nicht zu leugnen, daß er zu Ägä am Morgen seiner Ermordung sein Bild als Gott der Pompa der zwölf Götter auf einem dreizehnten Wagen folgen ließ296; daß ihm persönlich aber damit Ernst gewesen sei, können wir nicht glauben.

[365] Indem wir nun zur Betrachtung des damaligen griechischen Privatlebens übergehen, beginnen wir mit einem Phänomen, das uns schon früher mehrfach beschäftigt hat, der Abwendung vom Staate. Es gab eine alte theoretische Überzeugung, daß es »unschicklich« sei, wenn man außerhalb seiner Heimat lebe297, und die Gesetzgebung und Praxis tyrannischer Poleis tat gewiß das übrige, damit man das zwangsweise Bleiben gerne antiquarisch beschönigte. Mit der Zeit fiel es dann allerdings auf, daß schon Simonides nach Sizilien gegangen, Äschylos ebendort und Euripides in Makedonien gestorben war, Herodot in Thurii gelebt hatte298. Aber geschehen war es eben, und nun mochte das Flüchten außer Landes von dem Zwangsstaate, so lange derselbe dauerte, immerhin, wie in den Jahren 1793 und 1794 die Emigration, als ein Verbrechen geahndet, und wenn es vollends als eine Flucht vor dem Kriegsdienst eingeklagt werden konnte, in wilder Rede, wie der des Lykurg gegen Leokrates, als todeswürdig bezeichnet werden299, die Staatsflucht ließ sich dadurch nicht aufhalten, und schlimm war für die Polis, daß auch die Bedeutendsten, welche dablieben, doch ihrem Pathos, wovon sie zu leben vermeinte, so gründlich aus dem Wege gingen. Um von ihr nicht verschlungen zu werden, was das Los derjenigen war, die recht »tugendhaft« geworden waren und dabei im Staate leben wollten, blieben allerdings die Klügern daheim und ließen über sich ergehen, was da kam; aber sie verfügte, gerade weil sie ihre Macht über alle Begriffe hinaufgeschraubt hatte, über den innern Menschen nicht mehr; die Phantasie der Leute entwich ihr und weilte bei Philosophie, Lebensgenuß und wo immer sonst.

So tritt uns nun in der Gestalt des Isokrates die leibhafte Eloquenz als Privatbeschäftigung entgegen. Unter den drei Ruhmestiteln, die er hinterlassen haben soll, soll auch der der höchsten Sophrosyne gewesen sein, »weil er sich vom Staate ferngehalten und dabei beharrt habe, mit den bürgerlichen Angelegenheiten nichts zu tun zu haben«. Sein freiwilliger[366] Tod bei der Kunde von Chäronea erschien daneben freilich als der höchste Beweis von Freiheit300. Besonders aber tritt uns die Abwendung vom Staate in Verbindung mit der negativen und (in den Utopien) positiven Kritik desselben bei den Philosophen entgegen. Wir haben bei Betrachtung der freien Persönlichkeit301 gesehen, wie die Freiheit zum Teil gerade darin besteht, daß man sich um seine Polis nicht kümmert; ist man dazu gar noch arm, so kümmert sie sich auch nicht um einen. Diesen Weg geht einer nach dem andern. Was Plato betrifft, so haben wir von ihm jenen denkwürdigen Satz über den Philosophen, der die Straße zur Agora und Pnyx nicht kennt302, Antisthenes und Diogenes stellen sich ganz und gar als Kosmopoliten dar; besonders kommt hier auch Aristipp und die Sekte der Hedoniker in Betracht; der abgeschmackte philiströse Egoismus erklärt aus ihrem Munde, daß der Philosoph überall ein Fremder sei. Und nicht minder schlägt das (an und für sich auf vieles Reisen angewiesene) sammelnde Wissen diese Richtung ein. Demokrit, Hippokrates und Eudoxos und von den Historikern Ephoros und Theopomp finden sich hier zusammen; der große Aristoteles ließ das aktive Athen ganz beiseite, gelangte aber durch seine theoretische Betrachtung des Staates zur Anerkennung mehrer berechtigter Staatsgestalten und steht so nicht bloß außerhalb des konkreten Staates, sondern über demselben303; bei Epikur endlich, der sich mit seiner Aufforderung, im Verborgenen zu leben, nicht nur dem Staat, sondern auch der Notorietät entzieht, ist Staatsverachtung und Menschenverachtung beisammen, vielleicht auch Sorge vor der Bosheit der Menschen und ihrer geringen Neigung und Fähigkeit, andere (und namentlich Ausgezeichnetere) glücklich zu machen oder auch nur deren Glück zu dulden.

Eine besondere Form, die die Abwendung vom Staat in dem demokratischen Athen annimmt, ist das Preisen des in alter Zeit Eingerichteten und seither stationär Gebliebenen, der demokratischen Entwicklung Entzogenen, vor allem Ägyptens, wozu noch die große Begeisterung aller Oligarchen für Sparta kommt, in welchem man dann eine Nachbildung Ägyptens sah. Diese Philägyptie findet sich nicht nur bei Plato, der dafür bekannt ist, sondern auch Isokrates redet bei Gelegenheit so.[367] Man wird an die Vorliebe einiger Aufklärer des XVIII. Jahrhunderts für China erinnert, wenn man im Busiris (15 f.) auch das Kastenwesen als weise Einrichtung eines Ur-Reichsgründers und Gesetzgebers gepriesen sieht und (20) liest, daß man in Athen das Leben am glücklichsten hinbringen würde, wenn die einen nach ägyptischer Einrichtung das Arbeiten, die andern (nämlich die Kriegerkaste) das Erhalten des Besitzes zur Aufgabe hätten; auch die ägyptische Frömmigkeit erhält (24), wie bei Plato, ihr spezielles Lob.

Schließlich waren aus besonderen Gründen dem Staate die Heimatlosen (πλανώμενοι) und die Söldner entzogen; die vielen aber, welche in ihm noch mitlebten, hatten nur die Wahl, unglücklich oder ruchlos zu sein.


Auch eines andern Ideals war man nunmehr müde geworden, nämlich des agonalen. Hatte man schon im V. Jahrhundert den Agon des gegenseitigen sich im Staate Überbietens kennengelernt und sich damit auf ganz andere Weise als früher zugesetzt, so machten sich jetzt andere das Agonale zurückdrängende Mächte noch in höherem Maße geltend. Freilich die Gymnastik hielt sich fortdauernd als ein wesentliches Lebenselement aller liberal Geborenen304, und Aristoteles muß sogar etwa einmal gegen das hie und da vorkommende Übermaß der gymnastischen Erziehung kämpfen, das Schönheit und Gesundheit verderbe305, oder auch gegen deren zu frühen Betrieb, welcher auf Kosten der allgemeinen Ausbildung des Leibes geschehe306. Auch sieht man nicht, daß das eigentlich Agonale formal nicht vollkommen fortgedauert hätte, wofern nicht eine Katastrophe wie der heilige Krieg die Sache unterbrach. Wenn der Olympionike in seine Vaterstadt einzog, lief noch immer das ganze Volk zusammen, um ihn von den Dächern usw. zu beschauen; auch fiel der fabelhafte Riese und Kraftmensch Polydamas wenigstens noch in die Wende des Jahrhunderts307. Aber ein wirklicher Ruhm war doch nicht mehr, wie früher, mit diesen Dingen zu gewinnen, und auch für irgendwelche Lyrik, Chöre und dergleichen wird kaum jemand die Kosten[368] übernommen haben. Selbst gegen das Wagenrennen existiert ein direktes Wort der Verachtung schon von Plato; als sich nämlich Annikeris von Kyrene darauf viel zugute tat (es ist derselbe, der ihn in Ägina aus der Sklaverei loskaufte) und, um ihm seine Kunst zu weisen, tadellos in der Akademie herumkutschierte, und alle denselben bewunderten, meinte er, wer auf so kleine und unwerte Dinge so viel Ernst wende, könne unmöglich seinen Ernst irgendwelchen großen widmen308. Zumal aber hatte in den meisten Gegenden Griechenlands niemand mehr die Lust und die Mittel dazu, mit der alten agonalen Pracht an den Olympien usw. aufzutreten, schon deshalb, weil die Reichen an gar zu vielen Orten einer systematischen Verfolgung unterlagen und man darum froh sein mußte, wenn nur in der Heimat den Choregien usw. genügt werden konnte. Bei solcher Lage der Dinge fuhren mit Viergespannen wohl meist Leute der griechischen Außenlande, und so konnte selbst der ältere Dionysios auf die Idee kommen, jetzt wäre das Feld für ihn offen, den Gelon und Theron zu spielen. Der böse Tyrann sandte (388) zu den Olympien seinen Bruder Thearides mit mehrern Viergespannen, die es an Schnelligkeit allen zuvortaten, und für die Festversammlung mit Gold durchwirkte und mit den kostbarsten bunten Tüchern geschmückte Zelte. Er sandte auch die tüchtigsten Rhapsoden zum Vortrag seiner Dichtungen, und wirklich lief anfänglich wegen der schönen Stimme der Vortragenden alles zusammen. Hernach aber, als man die Miserabilität der Dichtungen innewurde, verlachte man den Dionysios, ja die Verachtung stieg so weit, daß einige seine Zelte ausraubten. Der anwesende Redner Lysias aber rief die Menge an, sie möchte die von der gottlosesten Tyrannei hergesandten Theoren gar nicht bei den heiligen Agonen zulassen, und als der Agon gleichwohl vollzogen wurde, geschah es zufällig, daß von den Viergespannen des Dionysios die einen aus der Bahn hinausflogen, die andern aufeinander trafen und zerschmettert wurden309. Bezeichnend ist bei dieser Geschichte, ob sie nun wahr sei oder nicht, daß sich bei den Griechen sofort der Consensus bildet: »Rosse, Wagen und Zelte sieht man gerne;[369] aber seine schlechten Verse pfeifen wir ihm aus.« Im übrigen aber läßt sich daraus schließen, daß es damals auch in Olympia ziemlich demokratisch und der attischen Theokratie entsprechend zuging.

Und nun die Athleten. Schon der Mißkredit der ganzen Spartanerei seit Leuktra mochte etwas zum Sinken alles gymnastisch Agonalen beitragen. Vor allem machten sich aber jetzt die wirklichen Militärs nichts mehr aus ihnen. Epaminondas verlangte, der Leib des Hopliten solle nicht sowohl athletisch als soldatisch geübt sein310. Und auch die Philosophen gaben nichts auf sie. Eine direkte Verleugnung des Agonalen liegt in der Lehre aller Hedoniker von Aristipp abwärts bis Epikur; mit dem angenehmen Leben ist das »Immer der erste sein wollen« a priori unverträglich. Aber auch Diogenes war den Kraftmenschen sehr aufsässig. Während er den Söhnen des Xeniades, seinen Zöglingen, eine gute gymnastische Erziehung gab, verfolgte er die Berufsathleten mit seinem Witz auf alle Weise. Als man ihn fragte, warum sie so unempfindlich (ἀναίσϑητοι) seien, antwortete er: Weil sie ganz aus Schweine- und Rindfleisch aufgebaut sind; und als er einen ungeschickten Ringer sah, welcher Arzt geworden war, fragte er ihn: Du willst wohl deine ehemaligen Besieger herunterkriegen311? Daß Plato selbst noch an den Isthmien gerungen und gesiegt habe, wie die Biographen312 melden, möchten wir bezweifeln. Mit der Zeit jedenfalls bildete sich in Athen eine derartige Geringschätzung des agonalen Wesens aus, daß (332) die Stadt, welche zu einer Buße verurteilt war, weil ein gewisser Kallippos seinem Gegner den Sieg beim Pentathlon abgekauft hatte, die Sache erstlich nicht einfach mit Geld abmachte, sondern sich den Spaß erlaubte, ihren ersten Prozeßredner, Hyperides, nach Elis zu schicken, um auf Erlaß der Buße zu plädieren, und sodann, als die Elier hierauf nicht eingingen, gleichwohl nicht zahlte, sondern sich ohne weiteres von den Olympien ausschließen ließ. Erst als Delphi, das man sich aus irgendeinem Grunde offen halten wollte – ohne Zweifel auf Schritte der Elier hin – die Erklärung gab, der Gott werde den Athenern, bis sie bezahlt hätten, keinen Bescheid mehr geben, erstellte man sechs Straf-Zeuse, deren Aufschriften Pausanias las313. Auch der junge Alexander314 hatte sich übrigens, obwohl er ein Schnelläufer war, das Laufen in Olympia verbeten und überhaupt nichts von den Athleten gehalten. Er stiftete Kampfpreise für Musisches, Jagd und Fechten, aber weder für Faustkampf noch für Pankration.

[370] Was im V. Jahrhundert der Haupt-Agon gewesen war, nämlich die wetteifernde Geltendmachung im Staat, war damals den Leuten allerdings vielfach auch schon verleidet; die Ruhmsucht hatte ihre schrecklichern Auswege gefunden, von denen wir bereits gesprochen haben; das Gebiet des Wetteifers aber war jetzt am ehesten der Witz, durch den eine Menge von Individuen bekannt wurden. Im übrigen nehmen jetzt Berühmtheiten im Schlemmen und dergleichen überhand, d.h. in dem denkbar antiagonalsten Treiben, wofern man nicht den Wetteifer ins Schlemmen selbst verlegte315. Und ferner war auch der Reichtum schon sehr der Hauptmaßstab für die Persönlichkeiten: Ein junger Ionier tritt in Athen mit goldbesäumtem316 Purpurgewand einher; man fragt ihn nach seiner Heimat und er antwortet: »Ich bin reich.«


Und nun der Stand der geistigen Dinge. Was die Philosophie betrifft, so ist sie im IV. Jahrhundert entschieden eines der großen Phänomene der Zeit. An der Stelle der Polis, die den Denkenden verleidet, und der Religion, deren mythische Grundlage zersetzt ist, während man in dem beginnenden Monotheismus nur erst einen sehr dubiosen Ersatz gewonnen hat, sucht sie sich samt ihren Schwestern, der Sophistik, der Rhetorik, ja der Wissenschaft überhaupt, des Lebens zu bemächtigen; sie hat Demokrit, Plato und Aristoteles aufzuweisen, Wissen und Denken sind in ungemein hoher Blüte, und auch das gefährdete, an Verfolgungen reiche Leben ist ihnen nicht ungünstig.

Da nun die Philosophen neben den Staatsmännern und Kriegsleuten die wahren Zelebritäten der Zeit werden, stellt sich ganz konsequent sofort auch die Übersetzung und Verfälschung des Faches durch Unwürdige und ein Prahler ein. Was Lukian ein halbes Jahrtausend später (z.B. in »de mercede conductis«) geschildert hat, das macht sich jetzt in seinen Anfängen geltend und wird uns in dem kurzen, aber wichtigen Fragment des Isokrates vorgeführt, dem der Titel »Gegen die Sophisten« beigelegt worden ist. Darnach müssen – vielleicht in der Zeit von Platos höchster Blüte – neben den wirklichen Philosophen eine Masse von Leuten gediehen sein, welche allenfalls noch als Philosophen galten, aber als Erzieher, Rhetoren usw. in der ganzen griechischenA17 Welt lebten und es, indem sie weder als Philosophen noch als Rhetoren etwas Rechtes verstanden, durch das Mißverhältnis ihrer Ansprüche zu ihrem Wissen dahin brachten, daß sich beim profanen Publikum eine Verachtung gegen[371] diese ganze Bildung einzustellen drohte. Isokrates mag nun gegen sie allerdings ein bißchen pro domo sprechen, indem es Konkurrenten sind, auf die er schilt, und zwar Leute, welchen er in gewisser Beziehung recht sehr glich; man fühlt leicht durch, daß seine tiefe Abneigung zum Teil daher kommt, daß sie ihn unterboten317. Indes muß es jedenfalls eine Generation dieser Art gegeben haben, welche die Erziehung durch Rede zur Rede im weitesten Sinne zu geben sich anheischig machte, und zwar verbrämt mit philosophischen und ethischen Prätensionen und mit der falschen Hoffnung, daß man durch sie besser werden könne. Schuld aber an diesem Zustand war niemand als das damalige Griechenland, in welchem die Rede ein so geschätzter Artikel war und die einzelnen Tournuren der Redekunst so notwendig, daß eine solche mitteilende Zwischenklasse entstehen mußte, gleichviel ob die von ihr gegebene Popularisierung vom Guten war oder eine verderbliche Scheinform.

In der Poesie haben alle Gattungen ihre großen Leistungen hinter sich, und der zeitgenössischen Produktion in den idealen Gattungen muß ein merkwürdiger Unglaube gefolgt sein, so daß sie es, wie bedeutend sie auch an sich gewesen wäre, doch zu keinem Ruhme gebracht haben würde. Das Epos ist dahin; zwar lebte noch zu der Zeit Lysanders Antimachos; aber nach den Fragmenten zu urteilen, war seine Thebais schon so künstlich antiquarisch gemacht, wie die Argonautika des Apollonios. Auch die Elegie stirbt weg oder schrumpft zum Epigramm ein; die höhere Lyrik ist mit Pindar gestorben; mit dem attischen Tragödienwesen, welches das ganze Jahrhundert hindurch in regelmäßigem Gange fortdauerte, steht es so, daß sich davon sozusagen nichts erhalten hat, und einigermaßen berühmt werden nur die Einzelschauspieler. Die Poesie erlag eben der Politik und der Philosophie; der erste beste Schwätzer[372] verdunkelte jeden Dichter und anderseits wurden die Menschen, welche die Träger der Dichtung hätten sein können, durch die Demokratie verschüchtert und ausgerottet. Auch das alte Publikum war verschwunden, jenes vornehme Griechenland, das einst an den großen Agonalstätten geglänzt hatte, und für das Epinikien, Hymenäen und Threnoi gedichtet worden waren, und das Symposion war sozial vergiftet. Stille Poesie aber gab es noch nicht, oder, wo sie war, blieb sie im Dunkel. Dafür lebt damals, was zum Vergnügen dient, nämlich vor allem die mittlere und neuere Komödie und der große Musikbetrieb mit all dem Virtuosentum, dessen Stätte der neuere Dithyrambus ist, und mit den vielen Chören beim Kultus, wofür die politische Brandschatzung der Reichen noch immer die Mittel bietet318. Wie aber statt des gestorbenen Staates eine Politik als Wissenschaft ersteht, so erhält man mit der Abwendung von der Praxis der Poesie in der damaligen Zeit doch wenigstens die Theorie: Aristoteles schafft seine Poetik.

Die allein unangegriffene Kraft im Leben des IV. Jahrhunderts war die bildende Kunst. Weil sie das ungeheure Glück hatte, für banausisch zu gelten, hatte sie nur wahrhaft Berufene für sich. Ihr konnte die Rhetorik und Philosophie nicht beikommen, sie nicht in ihr Gerede auflösen, und Platos fromme Wünsche, es möchte weniger des Bildwerks auf Erden geben und mehr im ägyptischen Stil, blieben unerfüllt. Die Kunst hatte das Glück, den großen Maßstab des Wollens aus dem V. Jahrhundert völlig beibehalten zu können und ein ebenso hohes Vollbringen unter Behauptung der vollen Naivität darauf zu wenden. Sie war nicht wie das Drama von einem einmaligen Gelingen durch Kampfrichterspruch abhängig oder gar durch gemeine Theatrokratie; sie hatte keine Parodie neben sich gehabt, wie Euripides den Aristophanes; sie war nicht verflochten worden in den allgemeinen Auflösungsprozeß vom Ende des V. Jahrhunderts. Mit völlig ungeschwächten Kräften trat sie in die neuere Zeit hinüber und entfaltete jetzt erst die volle hellenische Herrlichkeit; jetzt erst trägt sie völlig süße Früchte. Und dabei ist sie unabhängig von allem politischen Elend, unempfindlich für Leuktra, Mantinea und Chäronea, und schon mag ihr auch der beginnende Privatluxus hie und da freundlich entgegenkommen.

Die Künstler sind nun aber auch die letzten, welche die Götter neu geschaut und ihnen die definitive Kunstform gegeben haben. Der mehr subjektive Geist dieser Zeit trifft das tiefere Pathos, den erregtern Gemütsausdruck; es kommen die Götter der Begeisterung, der Sehnsucht und Wehmut, es kommt das Träumerische, es kommt der höchste Reiz[373] und Schmelz der Form, aus welcher wunderbare innere Eigenschaften zu leuchten beginnen. Jetzt wird von Kephisodot vielleicht der älteste vollständige Musenzyklus geschaffen, sowie die Verbindung des Kindes mit der erwachsenen Gestalt: Eirene mit Plutos, Hermes mit dem jungen Dionysos. Und dann kommen durch den großen Skopas die Götter gewissermaßen noch einmal in den Schmelztigel: zum ersten Male wird die nackte Aphrodite gebildet, und es entsteht der (jetzt erst der Karikatur entzogene) Zug der Seegottheiten. Und welche Themata sind die rasende Mänade und die drei wunderbaren Gestalten des Eros, Pothos und Himeros (Liebe, Sehnsucht, Verlangen), die er zu bilden imstande war. Und neben Skopas steht der etwas jüngere göttliche Praxiteles, der da fortfährt, wo der Vorgänger die Dinge gelassen hat, wie er ja auch als Gegenstück zu dessen letztgenannter Trinität für dasselbe Aphroditeheiligtum die Gruppe der Peitho und Paregoros (Überredung und Trost) schafft. Von ihm war das Wunderbild der knidischen Aphrodite, war der Eros, der dem des Skopas mindestens gleichwertig muß gewesen sein, von ihm waren die Neugestaltungen des Dionysos und des Hermes. Er hat in den dionysischen Wesen, den Satyrn usw., eine Schönheit zweiter Klasse geschaffen, hat den Sauroktonos, den Apollino, den Diadumenos usw. gebildet. Jetzt erst werden Sachen wie der vatikanische Hermes möglich, ohne die wir uns die alte Kunst gar nicht mehr vorstellen könnten. Und gar in Alexanders Zeit ist von riesiger Fruchtbarkeit Lysipp, der für seine Erzbildungen den neuen, auf die Wirkung des bewegten Nackten hin berechneten Kanon der schlankern Formen schafft. Von seinen 1500 Werken erwähnen wir hier seine Herakles- und Alexanderdarstellungen und den Apoxyomenos. Gleichzeitig aber leben Parrhasios und Apelles, und die große Kunst stirbt mit diesen Meistern nicht, sondern rettet sich noch im Schatten der antibanausischen Mißachtung ins III. und II. Jahrhundert. – Unter den Schriften des Aristoteles aber findet sich glücklicherweise keine Plastik und keine Graphik.


Was das gesellschaftliche Leben betrifft, so macht sich im IV. Jahrhundert der Ton der Geistreichigkeit und Heiterkeit über alles Maß hinaus geltend. Die Griechen hatten von jeher an dergleichen Freude gehabt, ja es wurde ganzen Bevölkerungen nachgesagt, daß sie das Lachen nicht halten könnten319; jetzt wurde dasselbe förmlich nervös, und in der Sucht nach Heiterkeit, der positiven Verschwörung gegen den Ernst, die übrigens noch lange keinen Optimismus der Weltanschauung involviert, zeigt[374] sich eine deutliche Veränderung gegen früher320. Dieses Behagen am Gelächter und Spott jeder Gattung, das seine Parallelen in der Hedonik Aristipps und im Vorwalten der mittlern und neuern Komödie vor aller andern Poesie hat, spricht besonders aus den Sammlungen von Witzen, die in dieser Zeit angelegt zu werden beginnen, und von denen Athenäus uns manches mitteilt. Uns erscheint daraus nicht alles witzig; man nahm offenbar auch mit magerer Ware vorlieb; doch ist nicht zu vergessen, daß der Grieche auch als Witz mitnahm, was eben nur sehr einfach und treffend gesagt war; daß es doch wirkte, zeigt vielleicht, wie neu der Witz überhaupt noch war321. In Athen war ein klassischer Ort für die Witzemacher der Heraklestempel im Demos Diomeia, nahe beim Kynosarges. Hier kamen ihrer sechzig zusammen, und wenn ein Bonmot in der ganzen Stadt herumlief, hieß es nur: »Die sechzig haben es gesagt.« Für diese sandte Philipp von Makedonien ein Talent und beauftragte gewisse Leute, das, was dort gesagt wurde, für ihn aufzuschreiben und ihm zu senden, ähnlich wie im XVIII. Jahrhundert fremde Fürsten ihre Rapporteurs in[375] Pariser Salons hielten322. Ob auch agents provocateurs Philipps darunter waren, wissen wir nicht; jedenfalls aber wollte er die Griechen auch von dieser Seite kennen und ein Grieche sein, wie dies in anderer Weise und im Geist einer andern Zeit durch politische Sympathie und Teilnahme an den Agonen sein Vorfahr Alexandros Philhellen gewesen war323.

Eine wahre Pest für das Symposion müssen die unaufhörlichen Rätselfragen gewesen sein, die man sich beim Gelage aufgab, mit Trinkstrafen für den, der sie nicht lösen konnte324. Es ist dies wahrscheinlich schon eine uralte Sitte, die aber in dieser Zeit in ganz besondern Schwung kam und äußerst populär war; sonst würden nicht die Dichter der mittlern Komödie (schwerlich zum Vorteil des Baues ihrer Stücke) so sehr starken Gebrauch davon gemacht haben. Auch gab es Leute, die mit Erraten und Neuerfinden solcher Rätsel, von denen übrigens einiges zu den schärfsten Zoten gehört, Berühmtheit gewannen. Ferner mußte das Zitieren homerischer und anderer Verse, das Ergänzen derselben in komischem Kontrast, das rasche Hersagen achäischer Helden, wozu ein anderer die troischen sagte, und dergleichen Anlaß zu allerhand Scherzen geben325. Andere legten sich auf Pantomimik, wie jener Eudikos, welcher durch Nachahmung von Ringern und Faustkämpfern, also als komischer Parodist des Agonalen, berühmt326 war. Natürlich war auch der einfache Possenmacher (γελωτοποιός) nicht ausgestorben, der indes am Parasiten tatsächlich eine starke Konkurrenz haben mochte. Er wird in der Diadochenzeit, je roher bei der starken Mischung mit kaum geleckten Halbbarbaren dem Hofwesen, der Militarisierung der Gesellschaft usw. das Gesellige wenigstens teilweise werden mochte, desto eher wieder zu Ehren gekommen sein327.

In dieser Zeit schleicht überall den Dingen die Theorie bald nach. Eine Schrift Theophrasts »über das Komische« muß zwar eine Sammlung von Anekdoten gewesen sein, hat diese aber doch wahrscheinlich in der Weise dieses Philosophen mit Definitionen und Betrachtungen verbunden;[376] ein anderer Schüler des Aristoteles, Klearch, schrieb über Rätsel und über Sprichwörter, welches Sprichwörterbuch sehr verbreitet gewesen sein muß328. Cicero, der bei Anlaß des Witzes in der öffentlichen Rede329 auf dieses Thema kommt, glaubt zwar, daß man damit nicht weit gekommen, und daß die mißlungene Theorie des Lächerlichen selbst das Lächerlichste sei. Doch unterscheidet er selbst zwei Wirkungsweisen, nämlich die des komisch humoristischen Tons, in den alles getaucht wird (cavillatio), und die des glänzenden Einzelwitzes (dicacitas). Übrigens mochten die Philosophen Mühe haben, von ihrem eigenen Unterricht den auf allen Gassen herumlaufenden Hohn und das Gelächter fernezuhalten330.


Und nun das Genußleben der damaligen Zeit. Hingebung an den Sinnengenuß (τρυφᾶν) war im griechischen Leben, soweit die Mittel dazu vorhanden waren, von alten Zeiten her zur Herrschaft gelangt. Die Kolonien, die mit den herrlichen Produkten ihres Bodens kaum wußten wohin, die eine Herrschaft über die Umwohner ausübten oder auch durch Handel gewaltiges Geld aufhäuften, mußten dazu gelangen, zumal wenn ein Stand von Großbesitzern (sog. χίλιοι) die Herrschaft in Händen hatte, und ähnlich mochte es mit dem thessalischen Adel stehen331. Sodann hatten die Tyrannen von jeher vorherrschend dem Wohlleben gedient. ImA18 IV. Jahrhundert ergeht sich in den horrendesten Exzessen der jüngere Dionys; neben ihm sind es zumal halbgriechische Herrscher vom äußersten Rande der griechischen Welt, welche sich am üppigsten gehen lassen, ein König Kotys von Thrakien, ein König Straton von Sidon und im Wetteifer mit diesem Nikokles von Zypern332. Auch in Athen hatte man längst lieber gut als schlecht gelebt; bei Aristophanes, der überhaupt viel von diesen Dingen hat, ist die tiefe Rührung des Dikäopolis,[377] der nach sechsjähriger Entbehrung zum erstenmal wieder einen Aal aus dem kopaischen See in seine Gewalt bekommt, sehr ausführlich gegeben und von der besten Komik333, und auch das Schlaraffenland bei seinen Zeitgenossen Telekleides und Pherekrates334 lautet schon sehr gefräßig. Neu und nur bei der völligen Abwendung vom Staat und vom agonalen Wesen erklärlich ist dagegen, daß nun der genußsüchtige Privatphilister in einer eigenen philosophischen Sekte als Hedoniker auftreten, zum Unterschiede von den Zynikern sein Programm entwickeln und seine bis heute gültige Moral theoretisch und praktisch an den Tag legen kann, neu ist, daß Genüßlinge wie der üppige (ἡδυπαϑής) Polyarchos mit solcher Weisheit umherreisen und sie Männern wie Archytas und dessen Genossen vortragen können335, neu aber besonders auch, daß das Prassen in den Vordergrund der Poesie tritt und daß die ganze attische Komödie daraus ein Hauptsubstrat entnehmen kann. Wir haben früher336 gesehen, wie die mittlere Komödie in dieser Beziehung an den Sikelioten Epicharm anknüpfen konnte, von dessen Fragmenten wohl drei Viertel aus Feinschmeckergeschich ten bestehen; diese Tradition gibt ihr selbst den Effekt des beständigen Schmatzens, als wäre Athen nichts als eine Garküche, und auch die neuere hat von diesem Koch- und Eßwesen noch übergenug337, und dies alles, während von den bildenden Künsten so unverhältnismäßig wenig die Rede ist und die Häuptnotizen erst aus der römischen Zeit stammen. Das theoretische und didaktische Akkompagnement dazu aber gaben die Eßdichter mit ihren poetischen Kochbüchern338, die ihren Ursprung gleichfalls in Sizilien haben, wie überhaupt die »sizilischen Tische« sprichwörtlich waren339.

Vor allem ist das Symposion im Privathaus jetzt nicht mehr alles, sondern man mied jetzt auch die öffentliche Wirtschaft (παπηλεῖον) nicht mehr, und besonders das geringere Volk muß solche stark frequentiert haben, vielleicht, weil das gute Essen in der Garküche besser gedieh als zu Hause.[378] Als Diogenes, in einer solchen frühstückend, den vorübergehenden Demosthenes herbeirief und dieser nicht kommen wollte, fragte er ihn: »Schämst du dich? Dein Herr (der Demos) tritt alle Tage herein«340; der Redner scheint in dieser Beziehung strenger gedacht und von der attischen Jugend überhaupt einmal das Wort Säufer (ἀκρατοκώϑωνες) gebraucht zu haben341. Überhaupt wird das Wohlleben etwa einmal einer ganzen Bevölkerung vorgehalten; es mögen die Athener oder Byzantier sein, von denen Aristoteles342 sagt, daß sie nichts anderes gelesen hätten, als das »Gastmahl« des Philoxenos und dieses nicht ganz, und die Wichtigkeit des Eingepökelten (τάριχος) soll für Athen so groß gewesen sein, daß man (freilich nach einem Komiker) den Söhnen eines Händlers, der solches eingeführt hatte, für dieses Verdienst des Vaters das Bürgerrecht verlieh343. Was die Genießenden betrifft, so wird die flachste Genußtheorie bei Alexis allerdings nur einem Sklaven in den Mund gelegt344, während sonst der Preis der Heiterkeit bei den Dichtern meist geistreicher herauskommt345; aber, so hübsch es gegeben ist, klingt es im Grunde doch sehr traurig, wenn z.B. bei Antiphanes346 eine Person nach Darlegung aller Gefahren, die dem Menschen von der Polis und sonst drohen, zu dem Schlusse kommt: »Nichts ist sicher, als was einer täglich mit Genuß an sich selber draufgehen läßt. Und auch da kann einer kommen und ihm den schon bereitstehenden Tisch wegziehen; erst, wenn du den Bissen zwischen den Zähnen hast, dann denke, dies sei sicher.« Wer immer konnte, tat sich jetzt gütlich, und so entstanden bei den Dichtern und andern Autoren jene Verzeichnisse von Tischschwelgern (ὀψοφάγοι), von denen man nicht annehmen muß, sie enthielten nur Ausnahmen; vielmehr dürfte der Nennung der einzelnen auch wohl bloßer hungriger Neid zugrunde liegen347. Auch Vielfresser werden uns bei Athenäus348 aus Notizensammlern und Dichtern galerienweise vorgeführt, mit massiven Witzen über den Appetit ganzer Völkerschaften, wie der Böotier, Pharsalier usw. Wir lernen Spezialitäten kennen wie diejenigen, die von schwerem, kostbarem Silbergeschirr elend mager aßen, oder bei wirklicher Armut doch Silbergeschirr, aber so dünnes wie ein[379] Häutchen brauchten349, oder wie den geizigen Schlecker, der alle Gerichte nur im Diminutiv bestellt350. Leckergerichte werden in Menge genannt und etwa ganze Rezepte dazu in Trimetern vorgetragen351. Einen wahrhaft betrübenden Effekt macht es aber, wie aus einer ganzen Anzahl von Stücken der Jammer über die Fischhändler belegt wird352. Man schreit über ihre unverschämten Preise, ihre düstere Grobheit, ihr kaum Antwort Geben, nennt sie Verbrecher, welche angeblich um ein Gelübde zu erfüllen, in Wahrheit aber, um einen Vorhang über einem Brandmal zu haben, ihr Haar lang wachsen lassen, oder Betrüger beim Wechseln und Herausgeben, Verkäufer von fauler und toter Ware, Ruin des Vermögens zählt sie unter den größten Übeln auf und jammert, daß es so schädliche Tiere überhaupt gibt, an denen man zum Bettler werde353. Auch die Fischer werden nun unverhältnismäßig wichtige Personen, die sich höher fühlen als die besten Feldherrn.

Auch die gefährliche Seite der Sache wird übrigens betont, da der verarmte Fresser zum Räuber und Catilinarier wird. »Von einem Armen, der noch immer Geld zu Leckerbissen hat, kann man annehmen, daß er gewiß nachts alle überfällt, die ihm unbewaffnet begegnen, und den armen, kräftigen Jüngling, den man des Morgens bei Mikion Aale kaufen sieht, sollte man sogleich in den Kerker führen«, hieß es bei Alexis, und Diphilos rühmte ein korinthisches Gesetz, wonach ein dürftiger Prasser in Strafe und sogar in die Hände des Scharfrichters geraten konnte, da ein solcher gewiß nicht ohne eine Missetat lebe, sondern Kleider stehlen oder einbrechen oder SykophantieA19 treiben oder als falscher Zeuge leben müsse354.

Eine stehende Figur in den Komödien ist, wie wir bei der Betrachtung der komischen Poesie sahen, der Koch. Derselbe war früher wenigstens in der Regel nicht Sklave355, sondern gemietet, und noch in der neuern[380] Komödie ist ein solcher Gemieteter neben dem Kochsklaven für alle größern Anlässe unentbehrlich. Man lernt ihn denn aus den Fragmenten in seiner groben und wichtigtuenden Manier gehörig kennen. »Das ganze Volk der Köche ist prahlerisch«, heißt es an einer Stelle356, da einer vorgeführt wird, der sich rühmt, daß seinetwegen viele ihr Vermögen aufgegessen haben. Auch haben die Kerle gelesen; sie geben sich gerne als wissenschaftlich, erlauben sich Prahlereien literarischer und philosophischer Art, und es ziert sie, wenn sie sich auf das Opfern verstehen357. Und das dauert dann bis in die Diadochenzeit hinein, da einer sich rühmt, daß er dem König Nikomedes zuerst zwölf Tagereisen weit ins Binnenland Sardellen geliefert habe, die er aus Rüben zuschnitt und mit der gehörigen Sauce zubereitete; denn »in nichts unterscheidet sich der Koch vom Dichter, liegt doch für beide die Kunst im Genie«358. Man ist bei der Lektüre des Athenäus froh, wenn es etwa einmal heißt: »Genug von den Köchen.«

Übrigens gilt hin und wieder die attische Küche als mager im Vergleich mit der thessalischen und die hellenische überhaupt im Vergleich mit der barbarischen359. Lächerlich war es, wenn die letzten Spartaner mit ihrer Gleichgültigkeit gegen Backwerk und Naschwerk großtaten, während sie massenhaft Fleisch versorgten. So nahm z.B. Agesialos bei Tachos Weizenmehl, Kälber und Gänse an, während er Nachtisch, Süßigkeiten und Salben den Heloten geben ließ; sich selber und seinen Weltruhm hatte er aber doch nach Ägypten verkauft, als er es in Sparta nicht mehr aushalten konnte. So weit sind sie.


Ein Spezifikum dieser Zeit ist der Parasit, dessen in tausend Farben spielendes Wesen von Ribbeck360 eine so hübsche Beleuchtung erfahren hat. Wie die ganze Feinschmeckerei bei den Sikelioten schon hundert Jahre früher entwickelt und von ihnen her der ewige große Opferdampf nach Athen gequalmt war, so treffen wir dort auch diese Gestalt zuerst, und schon Epicharm in seiner Elpis hat das Bild derselben treu gezeichnet361.[381] Auch in Athen war die Sache schon im V. Jahrhundert vorhanden, nur hießen diese Leute damals κόλακες (Schmeichler)362. An einer Stelle aus dem Stücke des Eupolis, das diesen Namen führte, und das auf den reichen Verschwender Kallias gemünzt war, schildern sie sich bereits, wie sie sich an einen reichen Einfältigen mit dickem Lob herandrängen, um bei ihm zu schmarotzen, dabei aber viele zierliche Dinge (χαρίεντα) sagen müssen, wenn sie nicht vor die Türe gesetzt sein wollen363. In einem Zeitalter hoher sozialer Bildung taucht eben hier ein ganz besonderes Wesen auf, nur erklärlich durch das Zusammentreffen tiefen Hasses gegen die Arbeit mit großer Biegsamkeit und Gewandtheit und großem Bedürfnis des Wohllebens. In ihm ist der genußsüchtige Grieche um den Preis der Ehrlosigkeit antibanausisch; er ist aber ein unvermeidliches Komplement der antibanausischen Welt, und im Grunde ist der Protektor die noch widrigere Figur mit seinem unbedingten Bedürfnis nach Geselligkeit, Zeitvertreib und Schmeichelreden, wozu noch der Wunsch kommt, jemand zu haben, der den Rücken für seine Laune herhält.

In den kräftigen politischen Zeiten hätte nun schon das echte Symposion eine solche Wucherpflanze nicht geduldet; diese wächst auf dem Boden einer korrumpierten, wenn auch noch geistreichen Geselligkeit, da man auf das Privatleben reduziert und das Symposion durch die Genußsucht völlig ausgeartet ist, ja man kann sagen, daß das Symposion, soweit es sie regelmäßig duldet, als Form der Geselligkeit gerichtet sei364. Der Parasit macht vor allem alles mit und insinuiert sich damit, daß er seine Liebe aufs wärmste beteuert, zu allem ja sagt, was man von ihm wünscht, nie einen andern Geschmack als der Herr hat und ihn in einer Weise, welche die heutige Welt nicht mehr prästieren könnte, obligatorisch bewundert. Zu diesem Zwecke hält man ihn365; denn man kann ja an Ruhm und Ehre nicht genug bekommen. Je nachdem behandelt man ihn aber so herzlos als möglich, wirft ihm die größten Knochen an den Kopf, daß er Wunden davonträgt, ohne daß er böse werden darf – denn »man soll nicht Parasit sein, wenn man empfindlich ist«366 – und bedient sich seiner als eines Hauptfrechen den andern gegenüber, ja eines Hausknechts,[382] der angetrunkene Gäste zum Hause hinauswerfen muß, und da er keinerlei Stolz an den Tag legen darf, kann er sich nicht weigern, etwa auch ein Verbrechen für seinen Herrn zu begehen, falsches Zeugnis abzulegen und dergleichen367. Dies macht ihn schon hin und wieder unglücklich, und bisweilen jammert er über die Knechtschaft, die ihm der Bauch zuzieht368; allein da er eingestandenermaßen ein Knecht des Genusses (ἥττων τῆς ἡδονῆς) ist, nimmt er den Genuß unter allen Bedingungen und beschwert sich nicht, auch wenn der Seefisch von heute morgen nochmals und riechend erscheint369. Die bekanntesten Parasiten hatten ihre Spitznamen370, und außerdem verhöhnten die Komiker, namentlich der mittlern Komödie, eine Anzahl derselben oft und persönlich auf der Bühne; aber das Jahrhundert hatte überhaupt ein dickes Fell, diese Leute waren gewöhnt, das Ärgste auszuhalten, und so werden ihnen diese Nadelstiche nichts mehr ausgemacht haben. Sie sind unabtreibbar; man braucht bloß das Wort »ich rufe« auszusprechen, so müssen sie einem einfallen; »wenn ich beim Ausmarsch in den Krieg Ares und Nike rufe, so rufe ich gleich auch den Chärephon; denn rufe ich ihn nicht, so kommt er ungerufen«, sagt jemand in der Komödie, und bei Hochzeiten schleichen sie sich ein, und wäre es, indem sie sich als Träger des Vogelkorbes kostümieren371; für das ungenierte Eintreten mögen unter Umständen das Beispiel des Freundschaftszeus (Ζεὺς φίλιος) und andere mythische Begründungen zur Entschuldigung dienen372. Im Grunde war der frühere Spaßmacher eine viel honettere Person gewesen; bei ihm hatte es sich von alters her um ein besonderes Fach mit Fertigkeiten und Traditionen gehandelt; man hatte ihn um Honorar bestellt, oder er durfte wenigstens ein solches erwarten, während es jetzt der bloße Geduldete ist, der sich mit der Erregung der Heiterkeit abgibt.

Gleichwohl konnte man als Parasit berühmt werden, wie der genannte Chärephon und ein gewisser Korydos, der bei Alexis als Ziel der sehnsüchtigen Ambition eines andern genannt war, und über den sogar Memoiren[383] (ἀπομνημονεύματα) geschrieben wurden373, und es ist ja auch nicht zu leugnen, daß viele einzelne Parasitenwitze vortrefflich sind; aber soviel Geist hier verschwendet wurde, die Geselligkeit wurde doch auf diesem Wege vergiftet, und was waren die Hellenen ohne diese?

Daß der Parasit an den verschiedenen Höfen angetroffen wird, ist selbstverständlich. Bei Alexander von Pherä ist ein gewisser Melanthios374, der in posthumer Ergenbenheit auf die Frage, wie der Tyrann erstochen worden sei, zur Antwort gab: »Durch die Brust in meinen Magen«. Auch die Schmeichler des jüngern Dionys gehören hierher, die, weil er kurzsichtig war, sich auch so stellten, gegeneinanderrannten und Schüsseln umstießen, ferner seine Päane auswendig wußten usw. und ihm daneben freilich auch etwa eine affektierte freiheitliche Grobheit zu hören gaben375, und Ähnliches wird von dem berühmten Kleisophos am Hofe Philipps von Makedonien erzählt376, der, als der König ein Auge verlor, sich gleichfalls eine Binde über ein Auge legte, und als jener am Schenkel verwundet wurde, hinkend in seinem Gefolge ging. Auch über die Parasiten einzelner Diadochen finden sich eine Menge von Notizen; sie sind an diesen Höfen ein Stück gewaltsam festgehaltenen und vergröberten griechischen Lebens und verderben selbst Galaterfürsten377.

Neben den gewöhnlichen Eßparasiten gab es allgemach auch den Schmeichelkünstler als solchen, offenbar mit einem spezifischen Drang und Talent, sich zu insinuieren. Plutarch spricht von ihm in de adulatore zwar, als gälte es die Kaiserzeit; aber einige Beispiele, die er bringt, zeigen, daß es ein mindestens spätgriechischer, wenn nicht überhaupt griechischer Typus war, der Macht und dem Reichtum zu schmeicheln. Der Schmeichler stellt sich nicht bloß blind und taub, weil sein Kostherr es ist, sondern gibt ihm sogar in häuslichem Unglück, in betreff von schlechten Gattinnen, Söhnen und Verwandten zu gleichen vor. Noch später kam es vor, daß Hofleute des Mithridates, welcher gerne den Arzt spielte, sich von ihm schneiden und brennen ließen. Karneades aber sagte, die Söhne der Reichen und Könige lernten nichts gut als reiten; der Lehrer schmeichle ihnen, der Mitringer lasse sich zur Erde[384] beugen, nur das Pferd kenne keine Komplimente und keinen Unterschied378.


Wäre nun nur wenigstens das Familienleben besser gewesen! Aber gerade über dieses erhalten wir die betrübtesten Aufschlüsse. Vor allem die Ehe wird wie bisher379 ganz einseitig als eine rechtliche und politische Sache behandelt, indem der Staat von ihr gültige Bürger und sonst nichts will. Noch am Ende des V. Jahrhunderts hatte der Redner Aristophon (obwohl er selber Kinder von einer Hetäre hatte) ein Gesetz des Perikles erneuert, wonach nur, wer von einem Bürger und einer Bürgerin erzeugt sei, volles Bürgerrecht haben sollte. Allein der Grund auch zu diesem Gesetze war bloß ein politischer; es sollten nicht etwa aus sittlicher Absicht rechtmäßige Ehen befördert werden, sondern man wollte nur überhaupt die Bürgerschaft beisammen behalten; denn hätte man die Hetärensöhne als Bürger und vollends als Erben gelten lassen, so wäre bald alles aus den Fugen gegangen, und die rechtmäßige Ehe würde mehr und mehr abgenommen haben. Zu welchen Sykophantenstreichen dann aber auch wieder die Handhabung eines solchen Gesetzes führen konnte, wenn »die ganze Stadt gegen die frech in die Demen Eingedrungenen aufbrauste«380, haben wir oben381 bei Gelegenheit der Rede gegen Eubulides gesehen.

Das Weib ist also völlig eine Sache, ein Werkzeug ad hoc, und auch die Scheidung ist sehr leicht; was etwa davon zurückhält, ist wesentlich der Umstand, daß man dabei die Mitgift herausgeben muß. Wie sehr es aber nur auf Nachkommenschaft ankam, lehrt die Häufigkeit der Adoptionen. Dieselben erfolgen besonders dann, wenn ein einziger Sohn gestorben ist, und es wird dabei immerhin gerne ein naher Verwandter gewählt; auch suchte das Gesetz zu kontrollieren, indem es sie nur dann für gültig hielt, wenn der Adoptierende weder geisteskrank noch vor Alter kindisch noch durch Zaubermittel betört noch durch Weiberränke verführt sei, und die inter vivos Adoptierten hatten einen natürlichen Vorzug vor den durch Testament Adoptierten. Indes mag es oft schwer zu beweisen sein, daß einer der ausschließenden Umstände vorlag, und nun[385] macht sich in diesem Verhältnis die Ruchlosigkeit des damaligen Athen in einem Maße geltend, das sich nur durch ein elendes Recht und eine allseitige Praxis der Schikane erklärt und über alles weit hinausgeht, was sich heute an Trotzheiraten und Trotzadoptionen aus Haß gegen die eigenen Deszendenten findet. Der Staat aber schritt, weil der Staatsanwalt fehlte, nie von Rechts wegen ein, und dieser Umstand, daß nur auf geschehene Klage ein Rechtshandel erhoben werden konnte, ermunderte hier, wie in allen Dingen, die Gier und sykophantische Nachstellung. Die Folge waren jene ewigen Händel zwischen Adoptiven und Blutsverwandten, über die wir hauptsächlich durch Isäos unterrichtet werden. So bestreitet im Falle von dessen dritter Rede eine Bastardtochter noch nach zwanzig Jahren einem zum Adoptivsohn und Erben eingesetzten Neffen des Erblassers die Erbschaft, weil ihre Mutter angeblich getraut gewesen sei; und im Falle der zweiten klagt ein Bruder darüber, daß der andere den Bruder seiner Frau adoptiert hat, und zwar auf ihr Zureden, nachdem er sich erst, weil er keine Hoffnung mehr hatte, Kinder von ihr zu bekommen, in Güte von ihr geschieden hat. Wie sich ein Schurke durch eine geradezu gefälschte Adoption in eine Familie eindrängen konnte, haben wir beim Falle des Diokles382 gesehen.

Auch die Erbtöchter waren die Veranlassung vieler Streitigkeiten, da der nächste Verwandte das Recht hatte, sie entweder selbst zu heiraten oder seinem Sohne zur Ehe zu geben. Im Falle der zehnten Rede des nämlichen Isäos vermählt der väterliche Oheim eine solche zwar einem andern, behält aber ihr Vermögen für sich, in dem der sechsten wird eine Witwe von einem nächsten Verwandten als solchem zur Ehe in Anspruch genommen, dies aber unter veränderten Umständen wieder unterlassen. – In der Eubulidesrede des Demosthenes erfahren wir von einem Armen, der sich von seiner Frau, von der er bereits ein Kind hat, einer reichen Erbtochter zuliebe ohne weiteres scheidet. Er oder vielmehr ihr Bruder gibt sie einfach einem guten Bekannten, und dieser zeugt weitere Kinder mit ihr, und dies alles geschieht unter Zeugenschaft der beiderseitigen Oheime383.

Sehr schlimm sind die Vormundschaftsverhältnisse. Bei Lysias lernen wir Diogeiton kennen, welcher der Oheim und Großvater seiner Mündel ist, diese aber gleichwohl schmählich um ihr Vermögen bringt. Ganz betrübt aber ist das Jugendschicksal des Demosthenes, das sich in einem verhältnismäßig vornehmen und reichen Hause abspielt. Der Vater übergibt sein Vermögen von 14 Talenten dreien Vormündern, nämlich einem Schwestersohn Aphobos, einem Brudersohn Demophon und einem[386] alten Freunde Therippides mit der Bedingung, daß der erste die Witwe mit 80 Minen Mitgift heiraten solle, der zweite ebenso die (beim Tode des Vaters erst fünfjährige) Tochter, wenn sie mannbar geworden wäre, einstweilen aber solle er zwei Talente empfangen; auch dem dritten wird bis zur Mündigkeit des Sohnes der Nießbrauch von 70 Minen zugewiesen. Indem er also offenbar Witwe und Tochter durch Interessierung zweier Vormünder sichern will, kann er dies nicht anders tun, als indem er – bezeichnenderweise für die damalige Stellung der Frauen – über sie wie über eine Sache verfügt. Bekanntlich hielten aber die beiden Neffen die Bedingung nicht, und alle drei verschleuderten das Vermögen so, daß bei Demosthenes Mündigkeit nur etwa der zwölfte Teil davon übrig war.

Was aber das Urteil über die Frauen betrifft, so schildern sie sich selbst aus dem Munde der aristophaneischen Praxagora384 malitiös als das konservativere Element gegenüber den neuernden Mannsleuten; im übrigen aber gehen die Schmähungen über sie in der Komödie ihren Weg weiter385. Wenn wir ein tröstliches Bild suchen, so mögen wir uns daran erinnern, daß Xenophons Ökonomikus zwar ein mit Sokrates geführtes Gespräch darstellt, aber doch erst tief im IV. Jahrhundert geschrieben ist, und also nochmals an das bereits (S. 225) angeführte Wort des Ischomachos denken. Zwar würde der Grad der Empfindung des biedern Landbesitzers in einem heutigen Roman als eiskalt und lächerlich befunden werden; aber jener herrliche Schluß öffnet dem Leser die Augen über ein edles Verhältnis der Gatten. Gerne möchten wir ein solches auch bei den Eheleuten voraussetzen, die uns auf den herrlichen Grabstelen des IV. Jahrhunderts durch die bildende Kunst empfohlen sind.

Bedeutungsvoll ist die Geltung, welche die Frauen in dem meist monarchisch regierten und ohnehin dorischen Syrakus haben: Wir dürfen hier schon an Demarete, die Gemahlin Gelons I. im V. Jahrhundert denken, ferner daran, daß sich an die beiden Frauen des ältern Dionys Fragen von politisch dynastischer Tragweite knüpften386; auch Dions Schwester und Gemahlin, Aristomache und Arete, treten etwas stärker hervor387, und von den Frauen am Hofe des jüngern Dionys erfährt man, daß sie sich[387] lebhaft für Plato interessierten388. Eine sehr mächtige Frau der damaligen Zeit ist die jüngere Artemisia von Halikarnaß, und später kamen dann auch an den diadochischen Höfen einzelne Frauen zu großer Macht. Mit den Spartiatinnen dagegen war es übel bestellt. Sie waren zum Teil sehr reich, und es sollen mit der Zeit zwei Fünftel des Grundbesitzes in ihren Händen gewesen sein; auch hatten die Erbtöchter das Recht, nach Belieben zu testieren. Aber sie lebten willkürlich und bestanden nach Leuktra die Probe nicht. Nachdem keine von ihnen jemals den Rauch eines feindlichen Wachtfeuers gesehen hatte, und sie jahrhundertelang den Männern hatten patriotisch prahlen helfen, konnten sie beim Einfall des Epaminondas keine Ruhe halten, sondern schrieen und liefen wild durcheinander und waren gänzlich außer sich389.

Schließlich möchten wir hier der Pythagoreerinnen gedenken. Mögen auch die Fragmente der Phintys und der Periktione, die Stobäus aufbewahrt hat, aus späterer Zeit sein390, die Sinnesart, die sich in ihnen ausspricht, dürfte doch schon im Unteritalien des IV. Jahrhunderts bestanden haben und eine Parallele zu demjenigen Pythagoreismus bilden, der eine Quelle panhellenischer Tugend war391. In dem Traktat der Phintys über die sittliche Würde (Sophrosyne) der Frau erhält man Einblick in einen strengen moralischen Adel des Weibes. Diese Pythagoreerinnen wollen nicht nur die Heiligkeit des Ehebettes streng erhalten wissen, sondern sie wollen den Mann beglücken, sie verlangen einfaches Leben, einfache Tracht, Enthaltung von den lärmenden Gottesdiensten, Beschränkung auf die volkstümlichen Opfer an die Stadtgottheit, und im übrigen Eingezogenheit und reinen Wandel, kurz sie stellen sich in jeder Beziehung als Frauen besserer Art dar.


Sehr übel kontrastiert nun aber mit diesen edlern Zügen die sonstige Üppigkeit der Zeit. Aus der Männerliebe verschwindet allmählich die ethische Prätension. Von Sparta abgesehen, wo wir sie besonders bei Agesilaos und dann etwa noch bei Spät-Spartanern finden, dürfte der letzte Fall, da sie sich für ideal gibt, der der heiligen Schar von Theben sein, die bei Chäronea im Tode noch Philipps Bewunderung erregte392. Alexanders Verhältnis zu Hephästion ist dann schon das von zwei Gleichen,[388] nicht das des Liebenden zum Geliebten. Im übrigen aber überwog auf diesem Gebiete das Sinnliche.

Und nun gar das Hetärenleben. Neu ist dasselbe an sich so wenig als der übrige Sinnengenuß, wohl aber geht selbst über das V. Jahrhundert hinaus, daß die Hetäre eine so große Stelle in der öffentlichen Aufmerksamkeit einnimmt, wie dies jetzt der Fall ist, und daß die Komödie so starken Gebrauch von ihr machen kann. Wir haben es mit einem offenbar enormen Interesse zu tun, welches wiederum stark von der Abwesenheit der höhern Ziele des Lebens zeugt. Die Dichter beschäftigen sich mit den Hetären auf Schritt und Tritt393, und zwar sowohl mit den unfreien, die von einem Kuppler verliehen oder verkauft werden, nachdem sie die entsprechende Erziehung erhalten haben, als mit den freien, die ein großes Haus machen. Oft tun sie es in ungünstigem Sinne, indem sie sie ihrer Raubsucht und Ausbeutekunst wegen mit den Ungetümen des Mythus vergleichen394, ja ein Teil von ihnen mahnt beständig von den gefährlichen und kostspieligen Liebschaften mit ihnen (wie auch mit den verheirateten Frauen) ab, da man ja die gewöhnlichen Dirnen so bequem und furchtlos haben könne395; ein Dichter der mittlern Komödie verfaßte sogar eine Anti-Laïs, worin er die gealterte Laïs mit schmählichem Hohn beschrieb396, und Menander, der seine Glykera liebte, schwang sich gleichwohl, als Philemon in einem Stücke eine von ihm Geliebte gut nannte, zu dem Satze auf, daß keine »gut« sei397. Gerne höhnt man sie auch wegen der Schminke und der übrigen Toilettenkünste398, womit sie körperliche Mängel zu verdecken bestrebt sind. Dann aber kennen die nämlichenA20 Dichter von ihnen doch auch wieder Züge des gemütlichen und liebenswürdigen Wesens399; sie erscheinen als reizende Trösterinnen bei übeln Stimmungen ihrer Freunde und machen dem Namen Hetäre (Freundin) in Wahrheit Ehre; wenn man in einem Fragment des Eubulos das Wort liest: »Wie niedlich sie zu essen wußte«, erinnert man sich unwillkürlich daran, wie sich dieselbe Empfindung in Goethes Philine ausspricht.

Es war nun eben die Zeit der großen Hetären, welche vor allem in Griechenland nicht in einem Harem verschwanden, sondern öffentliche[389] Charaktere blieben. Namen werden uns in Menge genannt. Athenäus bringt an einer Stelle (XIII, 21) fünf Autoren vor, welche über die Hetären in Athen Bücher geschrieben; und darunter sind hervorragende Gelehrte wie Apollodor und Aristophanes von Byzanz400. Aus diesen Quellen stammen die vielen Hetärenwitze, die uns überliefert werden401. Dieselben sind zum Teil nicht unfein402; denn es gab einige Hetären, welche Bildung hatten; eine gewisse Gnathäna schrieb sogar ein Tafelgesetz (νόμος συσσιτικός) als Parodie auf die philosophischen Schriften dieser Art. Überhaupt läßt sich nicht leugnen, daß bei ihnen viel Geist und Anmut war, und daß ihre Konversation den Zauber hatte, den die der Ehefrau nicht gewähren konnte, wird allgemein zugegeben. Was aber gerade die berühmtesten unter ihnen, eine Laïs, Thaïs, Phryne, Glykera betrifft, so wird die kritische Erforschung ihrer Lebensumstände außerordentlich schwer. Denke man sich die Phantasie von ganz Griechenland mit ihnen beschäftigt, so erklärt sich leicht, daß Genauigkeit hier nicht mehr besteht, indem von ihnen Verhältnisse berichtet werden, die sich chronologisch absolut nicht vereinigen lassen. Zumal bei der völlig zum Typus gewordenen Laïs kommt man unmöglich aus, ohne zwei Personen dieses Namens anzunehmen; sie wird speziell gerne als böse und habsüchtig geschildert403. Für die Kunst war wohl das wichtigste Verhältnis das des Praxiteles zu Phryne, von dem wir früher schon gehandelt haben404.

Nach einer Hauptstelle bei Pseudo-Demosthenes405 hatte man die Hetären des Vergnügens wegen, Kebsweiber unfreien Standes (παλλακαί) für den täglichen Gebrauch, die Ehefrauen, um rechtmäßige Kinder zu erzeugen und um zuverlässige Verwalterinnen des Hauswesens an ihnen zu haben. Wurde eine Hetäre Mutter, so setzte sie gewiß oft das Kind aus, besonders wenn es ein Mädchen war. In den Hetärendialogen Lukians (2) erklärt eine dem Wochenbett entgegensehende ihrem sie verlassenden Liebhaber, daß sie das erwartete Kind, zumal wenn es ein Knabe sei, nicht aussetzen, sondern (ausnahmsweise) so schwer dies einer Hetäre falle, aufziehen werde, damit es einst seinem Vater vorhalte, wie er gegen die[390] Mutter gehandelt. Überhaupt mochte vieles gehen, was das tiefsinnige aus Lysias überlieferte Wort406 bestätigte: »An dem Tage, da ein Weib sich preisgibt und von seiner Tugend läßt, irrt es sofort von seinem bisherigen Sinn überhaupt ab und hält seine Angehörigen für Feinde und die Fremden für zuverlässig und hat über das Edle und Gemeine die entgegengesetzten Ansichten als bisher.« Auch in der Komödie suchen wir bei den Hetären nach Zügen der Seele vergebens, die doch eigentlich nicht fehlen sollten, wenn die Poesie von solchen Wesen Gebrauch machen will. Wer aber die ganze Roheit und Gemeinheit des wirklichen Kuppler- und Hetärenwesens kennenlernen will, der findet ein Bild, wie es nicht abschreckender gedacht werden kann, in der fälschlich dem Demosthenes zugeschriebenen Rede gegen Neära.


Wenn wir nun nach den sonstigen Gebieten fragen, auf denen sich der Luxus der damaligen Zeit betätigte, so haben wir vor allem einiger Gräber zu gedenken. Es ist eine sichtliche Einwirkung des pomphaften Orients, daß das Heroon eine gewaltige Steigerung und Umbildung, bisweilen bis in die höchste Pracht, erfährt, und dies nicht bloß zur Feier von Männern wie Timoleon, die dazu ein gutes Recht hatten, sondern auch von ziemlich ruhmlosen, nur reichen Individuen. Zelebrität und Reichtum fanden hier kein Maß mehr. So stand auf dem Grabe des Isokrates ein Pfeiler von dreißig Ellen Höhe und darauf eine Sirene von sieben Ellen und in der Nähe eine Platte mit Bildwerken, welche (ohne Zweifel in Relief) Dichter und Lehrer des Isokrates, u.a. den Gorgias, der auf eine astrologische Kugel blickte, und daneben ihn selbst darstellten. Auch am Grabe des Tragikers Theodektes, das am heiligen Weg nach Eleusis lag, waren außer ihm noch andere berühmte Dichter abgebildet, und zwar, wie es scheint, in Statuen, nicht bloß auf Reliefs407. Dies waren nun doch wirklich noch bedeutende Männer gewesen. Aber nun kam der Kassendieb Harpalos und setzte seiner Gemahlin Pythionike, einer frühern Hetäre, ein Grabmal zu Babylon und eines am heiligen Weg zu Eleusis, auf die er zusammen 200 Talente gewandt haben soll. Das letztere war nach Pausanias von allen vorrömischen Denkmälern Athens mit das sehenswertste, an Größe und Pracht kam ihm nur das eines nach Athen übergesiedelten Rhodiers gleich; man hätte von weitem meinen sollen, es wäre mindestens das Grabmal eines Miltiades oder Perikles408.

Im allgemeinen aber war der athenische Privatluxus, so sehr im einzelnen Falle darüber gescholten wird, wahrscheinlich noch sehr primitiv und gewiß eines der untergeordneten Phänomene des Sinkens. Wer[391] Geld durchbringen wollte, mußte dies mit Essereien und im Umgang mit Hetären tun. Es zu verkutschieren und zu verbauen, war gefährlich. Daß ein schönes Haus als Skandal galt, lehrt die früher (S. 325) von uns erwähnte Hauptklage des Demosthenes. Auch wurde an dessen Gegner Meidias getadelt, daß er außer seinem Hause in Athen noch einen palastähnlichen Bau in Eleusis aufführte, daß er bei Mysterien und andern Anlässen mit einem prächtigen, aus Sikyon bezogenen weißen Gespann auffuhr, daß er selber nach Weiberart auf einem silberbeschlagenen euböischen Lehnsattel ritt, zahlreiche Diener, glänzende Gewänder und Prachtgefäße hatte. Wir müssen sagen: wenn dies Exzesse waren, so stand es mit dem damaligen attischen Luxus der notorisch Reichen nicht sehr gefährlich. Das Volk aber betrachtete offenbar den Privatluxus als einen Raub an ihm selbst, und Demosthenes hebt daher in seiner Klagerede409 stark hervor, daß Meidias an Leiturgien nicht genug geleistet habe, indes er selbst während seines damaligen Konfliktes mit diesem die kostspielige Leiturgie eines Männerchors von Flötenspielern übernahm, der mit golddurchwirkten Festgewändern und goldenen Kränzen ausgestattet war.


Wie es in Athen war, wird es wohl in allen größern Städten gewesen sein: das Geld war schon sehr der Hauptmaßstab der Dinge. Indes war es doch nicht der einzige Maßstab, und so behauptete sich zunächst bei vielen antibanausische Gesinnung genug, um das Armbleiben dem Erwerb vorzuziehen. An diesem klebte eben immer noch teilweise ein Makel, auch wenn er, wie dies bei den Trapeziten, den Vermittlern des Geldverkehrs, der Fall war, viel einbrachte410, und außerdem hatte der Reichtum, sobald er anerkannt war, seine Lasten und Gefahren, wie vielleicht außer in den Ländern des Islam in keinem Zeitraum höherer Kultur. Auch fiel, im Vergleich zu unserer Welt, ein Motiv des Reichwerdenmüssens noch immer weg: die soziale Distinktion hing nicht am Reichtum, sondern an der geistigen und leiblichen Gymnastik; auch die Frauen drängten die Männer nicht zum Reichwerden. Einen schönen Preis der ehrbaren und fähigen Armut enthält die Selbstverteidigung der Penia im Plutos des Aristophanes (507 ff.), welcher überhaupt für den Anfang des Jahrhunderts eine Hauptaussage über die sozialen Verhältnisse ist; die Armut weist daselbst nach, wie sie die Mutter aller Künste und Fortschritte sei und sich sehr wohl von der Bettelhaftigkeit (πτωχεία) unterscheide. Wenn man auf das Genießen – wozu freilich das Leben sehr einlud[392] – verzichtete und nicht Parasit wurde, konnte man bei sehr geringem Besitz als geistvoller Mann etwas bedeuten, und so lernen wir denn eine sublime Gesellschaft unabhängiger Persönlichkeiten kennen, welche arm bleiben wollten. Hierher gehören, wie früher dargelegt wurde411, die Philosophen großenteils, vor allem die Kyniker und die Pythagoreer, aber auch der Musiker Philoxenos soll sein reiches Hauswesen mit dem Worte verlassen haben: »Diese Güter sollen nicht mit mir fertig werden, sondern ich mit ihrer Besorgung.« Diese Leute lebten mit einem Minimum, was ihnen durch das Klima erleichtert wurde, und hatten dabei den Willen, etwas Großes zu leisten, ähnlich wie es in unserer ein solches Leben viel mehr erschwerenden Zeit der Conte Borghese auf San Marino durchgesetzt hat, der dreißig Jahre fast von nichts lebte und daneben die bedeutendsten Werke schuf.

Und daneben treten auch einige hervor, welche angebotenen Reichtum abzuweisen imstande sind, wie dies im V. Jahrhundert Aristides und Ephialtes getan hatten412. Sprichwörtlich hierfür sind die beiden großen Thebaner. Epaminondas, bei dem wir uns daran erinnern dürfen, daß er der pythagoreischen Tradition folgte, refusierte dem Iason von Pherä 50 Goldstücke, entlehnte beim Einfall in den Peloponnes 50 Drachmen, und als sein Schildträger von einem Gefangenen Geld annahm, sagt er: »Gib mir den Schild und kaufe dir einen Kramladen und lebe darin; denn du wirst keine Gefahr mehr bestehen wollen, wenn du ein reicher Mann geworden bist«413. Er selbst soll später 30000 Drachmen des Perserkönigs zurückgewiesen haben. Für Athen aber bietet das große Beispiel solcher Unabhängigkeit Phokion. Derselbe ist, wie er uns bei Plutarch geschildert wird, die lebendige Kritik alles in seiner Stadt und zu seiner Zeit Geschehenden. Es erscheint uns zwar etwas perikleisch forciert, wenn wir lesen, daß kein Athener ihn je lachen oder weinen noch in einem öffentlichen Bade baden noch mit der Hand außerhalb des Überwurfs gestikulieren sah; aber sehr ehrenwert ist doch seine innere Unabhängigkeit von der jedesmaligen Tendenz und Unternehmung der Athener. Wie er als Privatmann den Mut hat, sich einer Opferkollekte zu entziehen, indem er auf seine noch unbezahlten Gläubiger hinweist, so läßt er sich auch in politischen Dingen von seinen Mitbürgern nicht mitreißen. Er sagt ihnen, da sie bei einem Grenzhandel mit den Böotiern dreinschlagen wollen, sie möchten doch lieber mit Reden, worin sie stärker, als mit Waffen, worin[393] sie schwächer seien, kämpfen; er mahnt angesichts der schlechten kriegerischen Aussichten vor Chäronea vom Kriege ab und mit ebensowenig Erfolg hernach vom lamischen Kriege, er will sich auch später zu keiner Fürbitte um Wegnahme der makedonischen Besatzung hergeben, wohl indem er findet, Athen habe jetzt den Zustand, bei dem zu leben sei; es hat wirklich innere Wahrheit, wenn erzählt wird, als einst ein Orakel verlesen wurde, wonach bei einmütigem Wollen aller Athener ein Mann anders als die ganze Stadt denken würde, habe er gesagt: »Man mache sich keine Mühe, ich bin gemeint.« Und dieser nämliche Mann wies Alexanders Geschenk von hundert Talenten zurück und erwiderte den Gesandten, die ihm sagten, er sei der einzige Mensch, den der König für edeltrefflich halte: »So soll er mich denn so bleiben lassen«414. Und ebenso wies er den mit seinen Schätzen nach Athen gekommenen Harpalos barsch ab, dem es dann freilich gelang, sich an seinen Eidam festzunesteln, und nahm auch später so wenig für seinen Sohn als für sich das nochmals angebotene makedonische Geld an. Als freilich bei dem Kampfe der unter sich konkurrierenden makedonischen Machthaber Polysperchon Sieger blieb und die Demokratie herstellte, mußte Phokion dem Hasse der wieder über den Staat gekommenen Demagogen und Sykophanten zum Opfer fallen; die Klage lautete auf oligarchische Gesinnung und Haß gegen den Demos. Aus der wilden Gemeinheit, womit verfahren wurde, so daß er kaum an der Folter vorbeikam und seine Leiche noch aus Attika verbannt wurde, ist wohl zu schließen, daß er gerade als »der brave Mann (ὁ χρηστός)«, als der er trotz seiner Herbigkeit gegolten hatte, vielen Athenern verleidet war.

Neben den tugendhaften Panhellenen und dem von ähnlichem Hochgefühl erfüllten braven Athener415 gab es freilich auch böse Mächtige, denen es gleichgültig war, gering zu leben. So war Antipatros ein böser Herr und Tyrann, der hinter gewöhnlichem Aussehen und geringer Kleidung und Kost seine Macht ironisch versteckte416, was für die Leidenden nur um so schrecklicher war.


Fußnoten

1 Dies aus Mommsen, Röm. Gesch.7 I, S. 352 f.

2 Band I, S. 301 f.

3 Mommsen, ebenda.

4 Vgl. Band I, S. 180 ff.

5 Immerhin möge daran erinnert sein, daß es auch noch immer griechischschöne sizilische Münzen mit punischer Schrift gibt.

6 Vgl. Band I, S. 182 f.

7 Vgl. Band I, S. 183 ff. Nach Ephoros fr. 141 (Schol. zu Aristides Rhetor 309 b, Panath. 177) hätte der jüngere Dionys sich sogar einmal zu dem Projekte aufgeschwungen, sich mit Persien in Hellas zu teilen, und zu diesem Zwecke Sparta gegen Athen unterstützt.

8 Plut. Timol. I.

9 Ebenda 22.

10 Strabo XIII, I, 59, p. 611.

11 Diodor XV, 76.

12 Vgl. Plut. Kim. 19.

13 Plut. Alex. 3 erzählt, beim Brande des ephesischen Artemisions (356) seien »alle Magier, die sich in Ephesos aufhielten,« außer sich gekommen, ganz als wären ihrer viele gewesen. Sonst erfährt man nichts Ähnliches.

14 Dessen Geschichte bei Justin XVII, 3.

15 Nach der wohl offiziellen Definition des eigentlichen Griechenlands, die wir bei Plut. Phok. 29 finden, hätte es noch zu Hellas gehört, indem dasselbe darnach vom Tänaron bis zum keraunischen Vorgebirge reicht.

16 Diodor XV, 36.

17 Vgl. über Makedonien Curtius, Griech. Gesch. III, 394 ff.

18 Vgl. die Hauptstelle hierüber bei Herodot VIII, 137 ff., wo die Stammtafel der Temeniden bis auf Alexander Philhellen gegeben wird.

19 Diese gelten bei Aristoteles, Eth. Nikom. III, 10, als das Volk der Tollkühnheit, welches gar nichts, nicht einmal Erdbeben und Meer fürchtet.

20 In Pella war laut Strabo VII, fragm, 20, p. 330, das χρηματιστήριον von Makedonien. Diese alte Amtsstadt wurde dann von Philipp, der hier erzogen worden war, vergrößert.

21 Den Hohn des Sokrates darüber erzählt Älian V.H. XIV, 17.

22 Hierzu kam dann noch ihre Zersetzung durch die Philosophie. – Darüber, wie bürgerliche Krisen die Privathändel ausbrechen lassen, vgl. Plut. de frat. am. 2, wo der intrigante Sklave, der sich insinuierende Schmeichler und der neidische und verleumderische Mitbürger als diejenigen angeführt werden, von denen der Vers gilt: ἐν δὲ διχοστασίῃ καὶ ὁ πάγκακος ἔμμορε τιμῆς.

23 Später wußte z.B. Pausanias (III, 7, 10) sehr wohl, daß der Peloponnesische Krieg διέσεισεν ἐκ βάϑρων τὴν Ἑλλάδα. – In dem erhaltenen Fragment seines Olympiakos (von 388), wo Lysias den verehrlichen Festgästen den Rat gibt, Sizilien durch Vertreibung des Dionys zu befreien und mit sofortiger Plünderung des von ihm nach Olympia gesandten Prachtzeltes den Anfang zu machen (womit viel geholfen gewesen wäre!), wird ausgeführt, wie Hellas (hier das ganze Griechentum) in schmachvollem Zustande (αἰσχρῶς διακειμένη) ist. »Vieles davon steht unter dem Barbaren, viele Städte sind durch Tyrannen vernichtet worden. Wäre es durch Schwäche so gekommen, so müßte man sich in die Notwendigkeit schicken; da es aber durch Zwietracht (διὰ στάσιν) und gegenseitigen Hader kam, warum nicht dieser Lage ein Ende machen? ... Wir sehen uns rings von großen Gefahren umgeben, und ihr wißt, daß die Herrschaft denen gehört, welche die See beherrschen, und nun verfügt der Perserkönig über die großen Finanzen, hat vermöge seines Reichtums die Griechen als Söldner zur Verfügung und besitzt viele Schiffe, und ebenso der Tyrann von Sizilien. Also tut sofortige Beilegung der Händel not und Arbeit für Rettung und Scham wegen des Vergangenen« usw. Zuletzt wundert sich der Redner freilich besonders darüber, mit welchen Gedanken die Lakedämonier es geschehen lassen, daß Hellas brennt, d.h. wie Großgriechenland und griechisch Asien durch Tyrannen und Perser erdrückt werden (worauf Sparta hätte antworten können: wir waren ja in Kleinasien mit unserm Agesilaos im besten Vordringen gegen die Perser, bis Athen, Theben usw., vom Großkönig besoldet, durch Erhebung gegen uns dessen Abberufung nötig machten).

24 Lysias charakterisiert die Verbrechernatur XII, 9 mit dem Worte οὔτε δεοὺς οὔτ᾽ ἀνϑρώπους νομίζει.

25 Das törichte Phantasiebild von griechischen Städten, welche frei und der »Beratung« durch Boten am makedonischen Hofe fähig, durch Philipp miteinander versöhnt und gleichwohl dessen sichere Alliierte und Helfer gegen Persien sein sollten, entwickelt der »Philippos« des Isokrates. Der Redner meint (68), wenn Philipp als gutwilliges Haupt der Hellenen auch dieses große Ziel nicht erreichen sollte, so würde er doch die Beliebtheit bei den Hellenen erreichen, einen Gewinn, der viel herrlicher wäre, als viele Hellenenstädte mit Gewalt zu nehmen. In Wahrheit würde man, wenn ein solches Nationalparlament zu Pella zustande gekommen wäre, in den einzelnen Städten gegen die Boten intrigiert und diese, wofern Philipp einem nicht den Willen getan hätte, mit Staatsprozessen verfolgt haben. Auch wären diese Boten mit dem Vorbehalt gekommen, dem König wieder zu entschlüpfen, ihn zum Narren zu halten und sich und den ihrigen die Gelder zu sichern, die vom persischen Hofe geflossen kamen, der ja überall eine bestochene Partei hatte.

26 Man denke an das Benehmen der Tarentiner gegen die römischen Gesandten. Übrigens hatte dieses Element schon über die Athener den sizilischen Zug gebracht.

27 Plutarch Phok. 2 hat folgendes allgemeine Räsonnement über politische Stimmung und Betragen in den herunterkommenden Poleis: Es scheint wohl, als wäre der Demos am übermütigsten gegen die Trefflichen, wenn es ihm gut geht, und er sich von Unternehmungen und Macht erhöht dünkt; es geschieht aber (auch) das Gegenteil: Unglück macht das Betragen wehleidig und zum Zorne geneigt; jedes nachdrückliche Wort bringt Ärger. Wer da begangene Fehler tadelt, scheint den Leuten ihr Unglück vorzuwerfen; wer frei spricht, erscheint als Verächter ... Eine in unvorhergesehenes Unglück geratene Stadt ist lärmend und schwächlich und kann keinen Freimut aushalten, wenn sie es am nötigsten hätte; die Lage der Dinge hält ein Rückgängigmachen des Verfehlten nicht mehr aus.

28 Vgl. oben S. 183 f. – Später nahm diese Manier, deren Hauptvertreter im IV. Jahrhundert Isokrates ist, noch zu.

29 Vgl. Band II, S. 326 ff. Der Zeus des Eides im Buleuterion von Olympia mag damals seine Blitzstrahlen in beide Hände bekommen haben. Allerdings beginnen oder mehren sich doch jetzt die Fälle, da man sich heimlich den Sieg abkaufen ließ (vgl. oben S. 108). Ol. 98 bestach ein Thessalier drei Gegner im Faustkampf, damit sie sich besiegen ließen. Eine Fälschung anderer Art ist es dann, wenn zur Zeit Alexanders Anaximenes von Lampsakos von seiner Fähigkeit, einen fremden Stil nachzuahmen, den Gebrauch machte, daß er im Stil Theopomps eine Schmähschrift gegen mehrere griechische Staaten täuschend fingierte, was Theopomp großen Haß zuzog. Pausan. VI, 18, 3.

30 De legg. XII, p. 947.

31 Vgl. z.B. Älian V.H. I, 25.

32 Polyän. I, 48, 3.

33 Athen. IV, 61 zitiert daraus einiges über Eubulos und Kallistratos.

34 Bei Plato, Laches 179 c schreiben diese ihren Mangel an Bedeutung dem Umstande zu, daß ihre Väter sie in der Jugend machen ließen, was sie wollten. Unter den spätem Nachkommen des Aristides lebte einer vom Traumauslegen.

35 Rhet. II, 15, 3.

36 Diesen Zusammenhang nimmt Curtius Griech. Gesch. III, S. 549 an.

37 Plut. Cato maior 20.

38 Pseudo-Plato, Theages, p. 126 d. Eine Anzahl von Beispielen gibt auch der pseudoplatonische Dialog περὶ ἀρετῆς.

39 Plut. Per. 36.

40 Sie heißen auch bei Plato, Alkib. I, p. 118 e Dummköpfe (ἠλιϑίω).

41 Was böse Streitigkeiten zwischen Vätern und Söhnen betrifft, so mag auch an die bekannte Anekdote vom Prozeß des greisen Sophokles erinnert werden. – Eine höchst bedenkliche Figur ist und bleibt schon bei Aristophanes (Vögel 1337 ff.) der πατραλοίας, der seinen Vater erwürgen und beerben will. Freilich gibt ihn der Dichter nicht als den Durchschnittsathener, aber keinem Neuern käme doch in einer Situation, wie jene in den Vögeln ist, der Gedanke an einen Vatermörder.

42 Lys. XIV, 27. Der Liste seiner übrigen Verbrechen ebenda ist nicht ganz zu trauen. Zu seinen Gunsten hielt Isokrates die Rede περὶ τοῦ ζεύγους (wenn es wirklich derselbe Mensch gewesen ist; denn eine chronologische Schwierigkeit bleibt bestehen). – Übrigens hatte auch der große Alkibiades einen Bruder, Kleinias, den er bei Plato a.a.O. einen μαινόμενον ἄνϑρωπον nennt.

43 Über ihn Plut. Phok. 7. Athen. IV, 60. Vgl. Schäfer, Demosth. I, 373 f.

44 Über ihn Plut. Phok. 20, 30, 38. – Nach Athen. IV, 67 wäre er als Verschwender und Schmeichler des makedonischen Kommandanten von Munychia allverhaßt und allverhöhnt gewesen.

45 Schon als ein Nachkomme des Harmodios, dem Iphikrates seine geringe Geburt vorwarf, antwortete dieser: »Mit mir beginnt mein Geschlecht, das deinige hört mit dir auf.« Plut. apophth. reg. s.v. Iphicr. Man darf aber fragen, ob dann wirklich mit Iphikrates ein neues Geschlecht angefangen habe.

46 Vgl. über ihn Band I, S. 119 f. II, 293. Neben Plutarch kommt für uns hauptsächlich Diodor XIV, 13 in Betracht. Hier findet sich u.a. die Notiz, daß der in der Nähe des Ammoniums herrschende König sein väterlicher Gastfreund war, und daß sein Bruder dieser für einen Spartiaten kuriosen Bekanntschaft zuliebe Libys hieß.

47 Freilich ist er dabei in seiner Fasson auch ein Retter; man müßte rechnen, was die betreffenden Oligarchen vorher überall von ihrem Demos litten.

48 Plut. Lys. 19.

49 Bei seiner letzten Reise zum Ammonium führte er laut Diodor χρημάτων πλῆϑος mit sich, das er von seinen Kommandos her besessen haben muß. Freilich starb er arm, und die Freier seiner Töchter traten deshalb zurück und wurden darob sogar gestraft. Plut. Lys. 30.

50 Plut. Lys. 18. Einem andern Lobdichter schüttete er den Hut voll Silber, einen dritten bekränzte er.

51 Vgl. Band II, S. 293.

52 De pace 95 ff. Die Stelle ist eines der großen Sündenregister Spartas, vom Peloponnesischen Krieg bis Leuktra.

53 Band I, S. 126 ff.

54 Daß Agesilaos selbst zu Tachos ging, ist vielleicht politisch noch zu beschönigen, obwohl Plutarch (Ages. 36) zugesteht, er habe es in Sparta nicht mehr aushalten können und dem Ägypter seine Person und seinen Weltnamen verkauft, ἔργα μισϑοφόρου καὶ ξεναγοῦ διαπραττόμενος; von Archidamos III. heißt es dann schon Athen. XII, 51, er sei fortgegangen um ξενικῶς καὶ μαλακῶς zu leben, weil er das Leben in der Heimat nicht mehr aushalten konnte; es geschah (338) jedenfalls in einer Zeit, da Sparta (das bald darauf von Philipp so hart gedemütigt wurde) seine Leute daheim hätte brauchen können. Über ihn und Kleonymos vgl. auch oben S. 228. Akrotatos wurde 314 Feldherr der Agrigentiner gegen Agathokles; er mußte sich aus ihrem Dienste wegen schändlichen Benehmens fortmachen.

55 Plut. Alex. 16.

56 Band I, S. 249.

57 Philippos 51 f.

58 Paus. IX, 6, I; ähnlich 13, 4.

59 Freilich hat Alexander laut Plut. Alex. 11 an die 30000 verkauft und 6000 waren umgekommen. Aber sind diese Zahlen richtig? Die 7000 Hopliten und 700 Reiter, mit denen die Thebaner nach dem Tode des Pelopidas auszogen, waren doch ohne Zweifel ihr ganzes Bürgeraufgebot.

60 In der platäischen Rede des Isokrates, die sich, gleichviel ob nur eine politische Übungsschrift oder wirklich für schutzflehende Platäer verfaßt, auf diese Zerstörung bezieht, heißt es (18 f.), die Nachbarn Thebens hätten es teils nicht besser als Sklaven, teils seien sie von dem gleichen Schicksale wie die Platäer bedroht; diese Thebaner klagten die Lakedämonier an, weil sie die Kadmeia besetzt und Garnisonen in die Städte gelegt hätten; dies täten sie selbst freilich nicht, aber sie zerstörten die Mauern oder zernichteten die Städte selbst vollständig. Ebendaselbst findet sich ein langes Register aller Sünden Thebens gegen Athen.

61 Diodor XV, 79. Pausan. IX, 15. 2. Ebenda 3 wird erzählt, wie Epaminondas bei einem Zug in den Peloponnes die dort befindlichen böotischen Überläufer oder Flüchtlinge zu retten weiß, welche Theben zum Tode verurteilt hatte.

62 Vgl. Band I, S. 193 ff.

63 Plut. Ages. 32.

64 Vgl. Band I, S. 64, 321 f.

65 Dasjenige, welches mit dem Epaminondas zum ersten Male an den Eurotas zog, war mit seinen 70000 Mann wohl das größte, das bisher in Griechenland unter einem Kommando stand. Thebaner waren davon kaum der zwölfte Teil.

66 Älian V.H. XII, 3.

67 Strabo IX, 2, 2, p. 401.

68 Dies das Ende des zusammenfassenden Urteils bei Isokr. Phil. 53 ff. Der Redner führt hier aus, wie die Thebaner ihre Siege nicht richtig benützt hätten und sich nun so übel befänden wie die Unterlegenen. Zunächst hätten sie die Städte des Peloponnes gedrückt, dann Thessalien zu knechten versucht, ihre Nachbarn in Megara bedroht, Athen ein Stück Gebiet weggenommen, Euböa verwüstet, Trieren nach Byzanz gesandt, um neben dem Land auch das Meer zu beherrschen, zuletzt Krieg gegen die Phokier erhoben, als müßten ihnen deren Orte und Landschaften in Kürze anheimfallen, und als könnten sie mit ihrem eigenen Geld die Konkurrenz des Schatzes von Delphi besiegen. Und dies alles sei ihnen mißlungen: statt phokische Städte zu gewinnen, hätten sie von ihren eigenen verloren usw.

69 Pausan, X, 6, 3; 7, I; 34, 2. IX, 36, 2.

70 Dies auch bei Strabo IX, 3, 9, p. 421. Euripides in der Andromache (1090 ff.) benützt wenigstens den ungerechten Verdacht gegen Neoptolemos ausführlich als Motiv seiner Ermordung.

71 Später, als Pyrrhos sich zur Plünderung des Schatzes des Persephonetempels in Syrakus bereden ließ, verlor er nicht nur alles, sondern machte sich darüber die größten Sorgen. Dion. Hal. XX, 9 (19).

72 Hauptstelle darüber Cicero, de nat. deor. III, 34. Vgl. auch Älian V.H. I, 20. Immerhin mußte er, als er in Syrakus die Schätze aus allen Tempeln raubte, bei der Statue des Zeus selber zuerst Hand anlegen, weil die Werkleute zauderten. Wenn er anderseits nach Delphi prachtvolle Weihegeschenke stiftete, so geschah es wohl, um wegen der eigenen Absichten keinen Argwohn zu erregen. – Seine Absichten auf Delphi kennt Diodor XV, 13.

73 Xenoph. Hell. VI, 4, 30.

74 Immerhin läßt sich fragen, ob man nicht damals bei dem enormen täglichen Frevel gegen Apollon etwa auch schon eine neue Soldatenandacht vorrätig gehabt habe. Etwas der Art zeigt sich später bei dem Verhalten der Piraten vor ihrer Vertilgung durch Pompeius, als Rom mit unsäglicher Schande die von ihm längst einverleibte östliche Gegend des Mittelmeers nicht mehr zu schützen vermochte. Die Piraten zerstörten unzählige Tempel, verrichteten aber nach Plut. Pomp. 24 fremdländische Opfer und hatten geheime Weihen, wovon sich die des Mithras erhielten. Diese werden notwendig gewesen sein, um sie gegen die Griechengötter unempfindlich zu machen, und es ist denkbar, daß sie allen, die ihnen beitraten, diese neue Religion als Bedingung, ja zwangsweise auferlegten; denn der Tempelraub muß wenigstens eine Zeitlang ihre ergiebigste Beute gewesen sein.

75 Die Athener hatten auch geschehen lassen, daß kurz vor dem heiligen Krieg Iphikrates eine nach Delphi und Olympia bestimmte Sendung des Dionysios (Bildwerke aus Gold und Elfenbein) wegfing, sie, welche sonst zu Apollo als einem πατρῷος und πρόγονος beteten. Diodor XVI, 57.

76 Die Strategen des Phaläkos hatten sogar, durch Homers Wort vom λάϊνος οὐδός bestimmt, im Tempel um die Hestia und den Dreifuß herum nachgraben lassen, waren aber durch Erdbeben hiervon zurückgeschreckt worden. – Die Veränderung des Geldwertes, eine Sache, die auch nicht selten, große sittliche Veränderungen mit sich bringt, folgert man aus Athen. VI, 19.

77 Diodor XVI, 78 f. 82.

78 Vgl. Band I, S. 182-201.

79 Man denke an das damalige Pathos des Tyrannenmords. Vgl. Band I, S. 196 f.

80 Band I, S. 193 ff.

81 Vgl. Band I, S. 182 ff. und oben S. 271 f.

82 Wo kleinere Einzeltyrannen waren, hielten sie es meist mit Karthago, wie einst die ionischen mit Persien.

83 Die ersten Opfer bei Revolutionen gegen die Dionyse pflegten deren Spione zu sein; man übte an ihnen das Zu-Tode-Prügeln (ἀποτυμπανίζειν). Was Dionys der Jüngere an seiner Familie soll haben erleben müssen, und wie nach Timoleons Siegen mit den übrigen Tyrannen umgegangen wurde, vgl. Plut. Tim. 13. 33 f. Hippon von Messene wurde ins Theater geführt, verhöhnt und ermordet, zu welchem herrlichen Schauspiele man die Knaben aus den Schulen hatte kommen lassen.

84 Nach Diod. XVI, 70 begann er gleich nach des Dionys Abzug zu νομογραφεῖν und zwar δημοκρατικοὺς νόμους... πλείστην φροντίδα τῆς ἰσότητος ποιούμενος. Er errichtete zwar eine höchste Würde, die des Amphipolos des olympischen Zeus; aber es war doch nur eine Jahreswürde, und nach dem Betreffenden wurde das Jahr benannt, und zwar bis auf Diodors Zeit, woraus schon genugsam hervorgeht, wie wenig daran war und sein sollte. Überall, wo er eingriff, wurde ἑλευϑερία und αὐτονομία proklamiert.

85 Vgl. Band I, S. 166.

86 Justin. XVI, 4: ex defensore senatoriae causae repente patronus plebis evasit.

87 Vgl. Band I, S. 198.

88 Vgl. Band I, S. 197.

89 Die Geschichte Klearchs findet sich bei Justin XVI, 3-5 und (mit Varianten) Diodor XV, 81. XVI, 36, Polyän II, 30. Einzelne Züge bei Plut. ad princ. inerud. 4 und Antigonos bei Keller, Parad. S. 29 f.

90 Ausgelassen, da nicht von Burckhardt, sondern Zusatz von Oeri.

91 Vgl. Strabo XIII, I, 57, p. 610.

92 Diese besonders durch den Arginusenprozeß illustrierte Gefährdung der Strategen mochte dann zur Folge haben, daß sich solche in der Not und bei Unbotmäßigkeit ihres Bürgerheeres wirklich lieber mit dem Feinde irgendwie abfanden. In dem Syrakus um 450 hält Diodor XI, 88. 91 einen Feldherrn für wirklich bestochen und meldet von einem andern wenigstens, daß er hingerichtet worden sei.

93 Vgl. darüber den Artikel mercenarii bei Pauly (von Bähr) und den Artikel bei Ersch und Gruber III, 21, S. 426 ff. (von Hase).

94 Nach Diodor IX, fr. 32 wollte Krösos beim Herannahen des Kriegs mit Kyros im Peloponnes werben lassen; aber sein Agent, der Ephesier Eurybatos, ging stattdessen zu Kyros und offenbarte ihm die Sache.

95 Herodot III, 45.

96 Diodor XI. 67 f. 72.

97 Thuk. IV, 76 werben ausgetriebene Orchomenier Leute aus dem Peloponnes, und ebenda 80 erhält Brasidas 1700 Mann nach Makedonien mit, von denen 1000 angeworbene Peloponnesier sind.

98 Vgl. Band I, S. 278.

99 Thuk. VII, 57 f. – Es wird damals freilich wohl nicht an Einzelwerbung, sondern (wie bei den Thrakern Aristoph. Ach. 134 ff.) an Kapitulation mit dem betreffenden Staat zu denken sein.

100 Dies nach Diodor XIV, 12. Laut Xenophon betrieb Klearchos seine Sendung bei den Ephoren stark, »indem die Thraker Hellenen schädigten«; man war dann aber in Sparta bald andern Sinnes geworden, und die Ephoren sandten ihm schon, als er auf dem Isthmos war, den Befehl zur Rückkehr ohne Erfolg, worauf man ihn daheim zum Tode verurteilte. Darauf ließ er sich von Kyros 10000 Dareiken geben und bildete sich damit dasjenige Heer, das er zuerst gegen die Thraker brauchte, bis Kyros desselben bedurfte. – Mehrere seiner Kriegslisten erzählt Polyän II, 2. Hier auch (7) die Variante, wie er das von ihm abgefallene Byzanz durch Verrat und Mord der Strategen wieder gewinnt.

101 Vgl. Isokr. Phil. 95 ff., wo in Parallele damit ausgeführt wird, wie Philipp die Griechen auf seiner Seite haben würde.

102 Bei alledem nennt Isokrates, Paneg. 146, diese Mannschaften οὐκ ἀριστίνδην ἐπειλεγμένος ἀλλ᾽ οἳ διὰ φαυλότητας ἐν ταῖς αὑτῶν οὐκ οἷοί τ᾽ ἦσαν ζῆν.

103 Aristoph. Plut. 173.

104 Vgl. Polyän III, 25. – Nach Hesych schrieb er zuerst seinen Namen auf geweihte Beutestücke, während früher allein die Stadt darauf genannt war. Wie Lysias ihn vor der Volksversammlung durfte renommieren lassen vgl. Lys. fragm. 11-15. – Bei Polyän hat er nicht weniger als 63 Paragraphen, und dazu kommen noch Nepos, Diodor, Frontin u.a.

105 Polyän III, 9, 57. 59. Überhaupt gebraucht Iphikrates, wie alle Feldherrn des Polyän, etwas gar zu oft Verkleidungen aller Art, bald um den Feind, bald um die eigenen Leute zu täuschen. Mit welchen Späßen Philipp von Makedonien seine unbezahlten Söldner hinhielt, s. IV, 2, 6.

106 Plut. Galba 1.

107 Demosth. adv. Aristocr. 120 ff.

108 Ebenda heißt es (61): »Das wißt ihr (Athener) doch wohl, daß alle, welche ein Heer haben, diejenigen brandschatzen (ἄγουσι καὶ φέρουσι χρήματ᾽ αἰτοῦτες), über die sie Meister zu werden hoffen.«

109 Band I, S. 259.

110 Alopekonnesos (an der Westseite des Chersonnes) war voll von λῃσταί und καταποντισταί, und als die Athener diese angriffen, half Chandemos den Piraten. Demosth. adv. Aristocr. 166 ff. Auch die Korykäer beim ionischen Erythrä, sehr gefährliche Piraten, welche ihre Späher in den verschiedenen Seehäfen hatten, dürften in diese Zeit gehören. Strabo XIV, I, 32, p. 644.

111 De pace 43 ff.

112 De legg. I, p. 630 b.

113 Isokr. de pace 112.

114 Pseudo-Aristot. Ökonom. II, 12.

115 Ebenda 11; vgl. auch Band I, S. 251 f. Man wüßte gerne, aus welcher Zeit diese Geschichten sind.

116 Diodor XV, 14. Vgl. oben S. 289.

117 Demosth. de cor. 237.

118 Diodor XIII, 80.

119 Verschiedene Städte hatten auch schon vor Dionys Söldner. So nach Diodor XIII, 85 Agrigent.

120 Nach Polyän V, 2, 16 hätten die Karthager auch Griechen in Sizilien verwandt, diesen aber nicht mehr getraut und sie zum größten Vergnügen des Dionys abgedankt; nach Plut. Timol. 30 dagegen wären solche von ihnen zum ersten Male unter Giskon gegen Timoleon verwandt worden. Über diese vgl. auch Diodor XVI, 81.

121 Nach Polyän V, 2, 14 pflegte er diesem Bürgerheer die Waffen jeweilen vor den Feldzügen zu geben und nachher wieder abzunehmen, beides 100 Stadien vor der Stadt.

122 Vgl. oben S. 295.

123 Diodor XIV, 44. 58. Wenn er sich von den Lakedämoniern 1000 Söldner kommen ließ, so brauchen dies weder Periöken noch Heloten gewesen zu sein, sondern man hat nur an ein spartanisches Kommando über gemischte Söldner zu denken.

124 Diodor XIV, 78. Einmal, da er viele abdanken will, und sie deshalb tumultuieren, verteilt er sie auf viele Posten und kann sie dann vereinzelt abdanken, Polyän V, 2, 11. Auch war er imstande, eine meuterische Söldnerschar absichtlich im Kampfe aufzuopfern. Diodor XIV, 72.

125 Diodor XV, 29. 38.

126 Schon Lysias im Olymp. 5 sagt: τὰ τῶν Ἑλλήνον σώματα τῶν δαπανᾶσϑαι δυναμένων ἐστί.

127 Schäfer, Demosth. I, S. 414.

128 Vgl. über diese Ereignisse Diodor XVI, 44-52.

129 Schäfer, Demosth. III, 172 f.

130 V.H. XII, 52. Er vergleicht die Stadt mit den Hetären, mit denen man auch nur begehre einmal zusammenzusein, nie aber, wenn man nicht wahnsinnig sei, zusammenzuleben.

131 De pace 21. Vorher schon (19) betont er die Versöhnlichkeit der Lakedämonier trotz ihrer Siege und fragt: Welchen Frieden würden dagegen sie von uns erreicht haben, wenn sie in einer einzigen Schlacht unterlegen wären?

132 Mit diesem erklärt Diodor XV, 63 die Hilfeleistung.

133 Man vgl. die Stelle, wo Andokides die Athener davor warnt, die Amnestie durch Einzelausnahmen hinfällig zu machen und damit viele ihrer Sicherheit zu berauben (de myst. 103 ff.), und denke ferner z.B. an den Fall, den Lysias in der XVIII. Rede behandelt. Eukrates, der Bruder des Feldherrn Nikias, und Nikeratos, dessen Sohn, waren unter den Dreißig untergegangen, weil sie es verschmähten, mitzuhalten. Gleichwohl war sofort nach Herstellung der Demokratie auf Konfiskation des Erbes des Eukrates wegen eines angeblichen Vergehens desselben angetragen worden. Zunächst umsonst; aber wahrscheinlich 397 erneute dann ein gewisser Poliuchos den Antrag, und nun verteidigen sich (8) die Söhne des Eukrates mit der Frage: Wer wäre auf diese Weise unglücklicher als wir? Unter der Oligarchie tötete man uns als für das Volk gesinnt, unter der Demokratie aber sollen wir als dem Volk übel gesinnt unserer Habe beraubt werden. Hernach (16. 20) sagt dann der Redner den Richtern ins Gesicht, sie pflegten das zu beschließen, wovon die Redner persönlichen Vorteil für sich hofften, und man könnte diese Konfiskationen noch begreifen, wenn etwas für den Staat dabei herauskäme; so aber pflege das Konfiszierte teils zu verschwinden, teils um ein Geringes verkauft zu werden, und der Staat würde ohne die Konfiskation mit den Leiturgien der Besitzer viel besser fahren –. Höchst beredt ist dann die Einleitung des Schlusses: »Ich kann, ihr Richter, keine Leute als Fürbitter für uns vorführen; denn von unsern Verwandten sind die einen als tapfere Männer und Mehrer des Staats im Kriege gefallen, die andern aber haben unter den Dreißig für die Demokratie und euere Freiheit den Schierling getrunken, die Tugend unseres Hauses und das Unglück der Stadt sind Schuld an unserer Vereinsamung.« (Man müßte nur diejenigen viri eruditissimi, welche von dem Athen des IV. Jahrhunderts noch löblich reden, nötigen können, ein Jahr darin zu leben.) – Laut der wichtigen Hypothesis zu Lysias XXXIV fürchtete man auch schon beim Sturze der Dreißig, die Masse könnte, im Besitze der frühern Macht, wieder gegen die Besitzenden vorgehen, und ein Phormisios schlug vor, das aktive Bürgerrecht sollte fortan nur den Grundbesitzern vorbehalten sein, womit 5000 Bürger davon ausgeschlossen geblieben wären. Natürlich ist Lysias oder sein Klient völlig dagegen; im Grunde aber war die Befürchtung ganz richtig.

134 Für einen Friedensschluß ist während dieses Krieges die Rede des Andokides de pace gehalten. Der Redner zählt auf, wie im V. Jahrhundert die Herrlichkeit Athens sich nach Friedensschlüssen immer steigerte, widerlegt die Toren, welche weiter kämpfen wollen, bis die Lakedämonier niedergekämpft seien, mit der Vorstellung, weß man sich dann von den Barbaren (d.h. vom Großkönig, der keine einseitige griechische Obermacht leiden kann) zu versehen hätte, weist auf den völligen Mangel an Mitteln zur Kriegsführung hin, betont die bisherige Versöhnlichkeit der Lakedämonier trotz ihrer Siege, und wie man ihnen dennoch stets entgegengewirkt habe, zeigt die Wertlosigkeit eines Bundes mit Argos (wobei er es – in diametralem Gegensatz zu der S. 186 angeführten Euripidesstelle – als das gewohnte Übel bezeichnet, daß man sich in Athen mit den Schwächern statt mit den Stärkern verbinde und in fremdem Interesse Krieg führe statt im eigenen Frieden zu halten) und nennt Überredung, Überlistung, Bestechung und Zwang als die Mittel, wodurch Athen früher groß geworden sei.

135 Plut. Pelop. 30.

136 Die Ägineten versagten nunmehr jedem Athener das Betreten ihrer Insel.

137 Andokid. de pace I ff.

138 Vgl. was er 112 f. über die jungen Leute sagt, welche die besten Redner geben.

139 Diesen Gedanken variiert das Chorlied 285 ff. Auch 388 ff. ist das Triobolon der erste und einzige Gedanke.

140 Es liegt ein Wortspiel mit dem Worte ἀρχή zugrunde. – Auch 580 ist vom Haß der Athener gegen alles schon Dagewesene die Rede.

141 Vgl. 183 f.

142 Zu dem lächerlichen Heiligtum mit den alten, aus mythischer Zeit stammenden Tribunalen (die doch mit den damaligen Athenern besetzt waren!) vgl. auch Demosth. adv. Aristocr. 65-79, wo sie alle (Areopag, Palladion, Delphinion, Prytaneion, das in Phreattys) mit ihren Antiquitäten erwähnt werden.

143 Andokid. de myst. 149.

144 Band I, S. 213 ff.

145 Ebenda S. 215 f.

146 Areop. 40 f.

147 Vgl. Rauchenstein zu Demosth. de cor. 103. – Demosthenes rühmt sich dann 107 ff., die Sache durch sein Gesetz auf jede Weise gebessert zu haben. Ganz bezeichnend für die Art, wie sich die Frechen nach Kräften den Staatslasten entzogen, ist der Fall des Dikäogenes, der der V. Rede des Isäos zugrunde liegt. »Bemitleidet ihn nicht, ihr Richter«, heißt es hier 35 ff., »als wäre er arm und elend, und tut ihm keine Gunst an, als hätte er der Stadt irgend Gutes erwiesen. Ich werde beweisen, daß er reich und der größte Schurke ist gegen Stadt, Verwandte und Freunde. Seine Choregie, der er sich nicht entziehen konnte, hat er kümmerlich geleistet. Und da sich so viele als Trierarchen stellten, übernahm er keine Trierarchie und nahm an keiner solchen mit andern zusammen teil in Zeiten, da Leute mit weniger Vermögen, als er an Miete einnahm, Trierarchen wurden ... Und da alle Bürger für den (korinthischen) Krieg und die Rettung der Stadt so viele Vermögenssteuern (εἰσφοραί) zahlten, zahlte er gar nichts, auch nicht die 300 Drachmen, die er versprochen hatte, als ihn einmal in der Volksversammlung ein anderer aufrief. Sein Name war darauf auf eine vor den Statuen der Stammesheroen aufgestellte Liste gesetzt worden mit der Schmachaufschrift: Die Folgenden haben versprochen, dem Demos freiwillig für die Rettung der Stadt Geld zu steuern und haben es nicht getan«. Die weitere Reihe von Knickereien und Schurkereien des Dikäogenes gegen Familie, Freunde und Tempel ist von der Art, wie sie im Detail überall, kaum aber wieder so gehäuft vorkommen. Und der Mensch stammte von Harmodios, nahm aber an Speisung im Prytaneion freilich keinen Teil. Das Traurige ist, daß ein solches Individuum sich vor Gericht breit machen durfte.

148 Or. XXVII (gegen Epikrates), 6. Auch die folgende Rede (gegen Ergokles) beginnt mit einer gewaltigen Expektoration gegen diejenigen, die sich in einer Zeit allgemeinen Steuerdrucks durch Diebstahl am Staate und Bestechlichkeit bereichern.

149 Dies nach Boeckhs Annahme, Staatshaush. I, S. 777.

150 Band I, S. 145 f.

151 Demselben Zwecke sollte es auch dienen, daß man fremden Kaufleuten und Reedern nicht nur durch eine prompte Handelsjustiz den Verkehr mit Attika möglichst angenehm machte, sondern auch durch Proedrien und Gastereien, für die man nichts anderes auszugeben hätte als »liberale Psephismen und Aufmerksamkeiten«.

152 Vgl. Band III, S. 327.

153 Darüber, daß es anderseits auch Vogtsbefohlene gab, welche nachher gegen einen getreuen Vormund unberechtigte Klagen erhoben, vgl. Lysias, fragm. XXVIII, 43.

154 Gelegentlich erfährt man, daß es in keinem Demos schlimmer zugegangen sei als in Halimus. Von Söhnen desselben Vaters und derselben Mutter wurde der eine aberkannt, der andere nicht; von armen, alten Leuten haben diese Verschworenen die Söhne aus der Liste weggelassen und dafür Fremde zu Bürgern aufgenommen und das Bestechungsgeld (5 Drachmen auf den Kopf) unter sich verteilt, überhaupt viele um Geld gerettet oder ins Verderben gebracht. Schon der Vater des Eubulides hatte einst als Demarch zehn Leute ausgestoßen, von denen aber, da sie appellierten, neun vom Gericht restituiert wurden; damals hatte man auch die Bürgerliste verschwinden lassen. – Bei der Verfolgung des Euxitheos wurden u.a. auch die Waffen, die dieser der Athene geweiht, geraubt und das von den Demoten ihm zu Ehren erlassene Psephisma verstümmelt und dann vorgegeben, er selber habe dies getan, um es vor Gericht als Tat der Feinde geltend zu machen; auch ein Raubversuch auf ein einzeln auf dem Lande stehendes Haus desselben wurde gemacht.

155 Derselbe macht den Band I, S. 248 angeführten Oligarcheneid gegen den Demos begreiflich.

156 Phil. I, 35. – Auch im Areopagitikus des Isokrates 53 f. erscheint das damalige Festwesen als Krankheit. Eine Hauptaussage ferner, die sich offenbar auf diese Zeit bezieht und irgendeinem Redner entstammen mag, findet sich Plut. de glor. Ath. 6. Hier wird der ganze Aufwand für die tragische Bühne aufgezählt und dann berichtet, ein Lakedämonier hätte dies einst gesehen und nicht übel bemerkt, die Athener gingen sehr fehl, indem sie den Ernst auf das Spiel verwendeten, d.h. die Summen für große Expeditionen und Heere für das Theater verbrauchten. Denn, wenn man die Kosten für alle bisherigen Dramen zusammenrechne, so werde sich finden, daß der Demos für Bakchen und Phönissen und Medeen usw. mehr ausgegeben habe als für die Kriege um Hegemonie und Freiheit. Auch müßten die Choregen den Choreuten während deren langer Übungszeit die besten Delikatessen auftischen, während die Mannschaft zur See rohes Mehl, Zwiebeln und Käse mitbekomme. – Eine wichtige Stelle über das Erschlaffen der attischen virtus mit dem Tode des Epaminondas, wobei speziell das Fest- und Theaterwesen namhaft gemacht wird, hat auch Justin VI, 9. Er bemerkt, daß nun Makedonien habe aufkommen können.

157 Dem. Ol. III, 29.

158 Ebenda und adv. Aristocr. 208.

159 Nach dem Ausdrucke des Demades. Curtius, Gr. Gesch. III, S. 730.

160 Polyän VI, 2. 2. – Über das oft furchtbare Schicksal der Geraubten und Verkauften Andok. de myst. 138.

161 Plut. de prof. 10 sagt, καταπλεῖν τοὺς πολλοὺς ἐπὶ σχολὴν Ἀϑήναζε. Vgl. über Athen als Sitz der meisten Philosophen auch Plut. de exil. 14.

162 Vgl. die wichtige Stelle Dem. Phil. I, 45 ff.

163 Vgl. oben S. 300 ff. – Von Chares sagt Diodor (XV, 95), er habe sich beständig vor den Feinden in acht genommen, die Bundesgenossen aber geschädigt, und Plut. Phok. 11 erzählt, wenn eine athenische Flotte kam, hätten die Bundesgenossen und Inselbewohner damals gepflegt, die Mauern zu verpallisadieren, die Häfen mit Schutzdämmen zu verwahren und Sklaven, Weiber und Kinder in die Städte zu retten; nur, wenn Phokion kam, sei dies anders gewesen, man sei ihm vielmehr mit bekränzten Waffen entgegengefahren. – Vgl. auch ebenda 14 über Chares.

164 Z.B. Isokr. de pace 50: Zwar steht Todesstrafe auf Bestechung; wir aber machen offene Bestecher zu Strategen. 55: Wir senden als Strategen solche aus, die wir weder in unsern Privatsachen noch selbst im Staatswesen um Rat fragen würden.

165 Vgl. Band I, S. 227.

166 Athen. XII, 43.

167 Adv. Aristocr. 166 ff. Der Thraker Kersobleptes hätte ihn begnadigt, weil es bei ihnen nicht Brauch war, einander zu töten (auch Philipp übte etwa Schonung des menschlichen Lebens); eine hellenische Stadt war dazu gerade recht.

168 Vgl. die Klage des Demosthenes, adv. Aristocr. 196 ff., daß man jetzt sage, Timotheos habe Kerkyra genommen, Iphikrates die spartanische Mora zusammengehauen, Chabrias bei Naxos gesiegt, während die frühern Großtaten bei Marathon usw. der Polis zugeschrieben wurden. Aber die attische Polis siegte in Wahrheit zu dieser Zeit nicht mehr, sondern Söldnerheere unter fähigen Führern.

169 Athen. XII, 43. Den namhaften Spartanern ging es freilich auch so, daß sie φιλαπόδημοι wurden.

170 De pace 77.

171 Areopag. 82.

172 De pace 44.

173 Plut. Phok. 12.

174 De pace 36.

175 Adv. Aristocr. 146.

176 Ebenda 196 ff. Schon 185 heißt es: Charidemos könnte sich von euch schön beschenkt finden, wenn kein Prozeß gegen ihn erhoben wird. Aber so meinen es die Rhetoren nicht, sondern da heißt es: »Bürger! Wohltäter! Kränze! Geschenke!« Und dafür bezahlt er diese privatim, ihr aber sitzt betrogen da und wundert euch über das, was geht.

177 Demosth. Olynth. III, 29 und ähnlich in Aristocr. 207 ff.

178 Ebenda 206.

179 Vgl. Isokr. de pace 133.

180 Ebenda 13.

181 Phokion ließ einst nach einem Sieg auf Euböa alle gefangenen Griechen frei, aus Furcht, die Rhetoren der Athener möchten den Demos drängen, erbarmungslos gegen sie zu verfahren. Plut. Phok. 13.

182 Als ein solcher erscheint Demades, in dem uns ganz speziell der gefräßige und deshalb käufliche Demagoge vorgestellt wird. Nach Plut. de cup. divit. 5 wunderte er sich einst beim Anblick von Phokions Frühstück, daß dieser ein Politiker sei, wenn er mit so wenigem vorlieb nehmen könne; er selber nämlich demagogisierte aus Gründen des Magens. Antipatros, der ihn als Greis sah, sagte, wie nach einem Tieropfer sei von ihm nichts mehr übrig als Zunge und Bauch.

183 Älian V.H. XIV, 28.

184 Gegenüber der schmählichen Sykophantie des Polyeuktos gegen den unschuldigen Euxenippos läßt sich z.B. Hypernides pro Euxen 43 folgendermaßen aus: »Es gibt weder einen Staat auf der Welt, noch einen Monarchen, noch ein Volk, die großherziger wären, als der Demos von Athen. Dieser läßt Leute, die – zu mehreren oder einzeln – von den Sykophanten verfolgt werden, nicht fallen, sondern hilft ihnen.« Und nun folgt ein Verzeichnis von Konfiskationen gegen Unschuldige, womit Sykophanten umsonst den Demos hätten locken wollen. Ein gewisser Tisis brachte das Vermögen des Euthykrates (60 Talente) in Vorschlag; dann versprach er das des Philippos und Nausikles, welche aus Bergwerken reich geworden; aber hier kam er übel an, man belegte ihn mit Atimie. Ein anderer, Lysandros, denunzierte das Bergwerk des Epikrates von Pallene, an welchem die Reichsten in der Stadt mitbeteiligt waren; er versprach, die Konfiskation würde der Stadt 300 Talente eintragen; denn so viel hätten jene daran gewonnen, aber die Richter sahen nur auf das Recht und bekräftigten die Eigentümer in ihrem Besitz. – Der Redner fragt nach einigen weitern Räsonnements über den Schaden solcher Konfiskationen wider alles Recht: »Wenn das Erwerben und Sparen einmal schädlich ist, wer wird noch etwas riskieren wollen?« Man darf aber auch fragen: wie viel öfter mag der hier so gerühmte Demos auf die Konfiskation eingegangen sein? Was Hyperides aufzählt, waren vielleicht die Ausnahmefälle.

185 Plataik. 39.

186 Adv. Aristocr. 118 f., 127. – Vgl. auch Band I, S. 196 f.

187 Demosth. de symm. 19. 25.

188 Vgl. Band I, S. 218 ff. 237 f.

189 Wäre etwas Derartiges vorhanden gewesen, so würde die alexandrinische Gelehrsamkeit es erwähnen. So aber hatten die Spartaner gegenüber Philipp, als er in den Peloponnes kam, nichts als ihren verbissenen Lakonismus, und von Theben haben wir auch aus der Zeit seiner Hegemonie keine einzige direkte Urkunde. Plutarch aber hat leider keinen Epaminondas hinterlassen.

190 Olynth. III, 15.

191 Phil. II, 27. Ein ähnlicher Appell an die athenische Eitelkeit findet sich adv. Aristocr. 167, wo die Olynthier den Athenern als Beispiel vorgehalten werden.

192 Hyperides pro Euxen. 33 f. Es ist dies allerdings in der Zeit gesprochen, da Alexander bereits in Asien war.

193 Nach Plut. Dem. 7 hätte ihm der Schauspieler Satyros, als er am Verzweifeln war, weil man ihn nicht anhören wollte, während rohe, trunkene Menschen die Rednerbühne behaupteten, durch Verbesserung seiner Aussprache geholfen; wir zweifeln aber, daß die beste Aussprache der Welt gegen jene Gesellen hätte aufkommen können. Immerhin fand (8) Demosthenes selbst, die Sorge um die Beredsamkeit kennzeichne den demokratisch gesinnten Mann, während die Unbekümmertheit darum, wie die Masse die Rede aufnehmen werde, das Zeichen eines oligarchisch Gesinnten sei, der sich eher auf Gewalt als auf Beredsamkeit verlasse. Später, als er der Masse gefiel, fanden dann die Feinschmecker (χαρίεντες) seinen Vortrag niedrig und unedel und weichlich (11). – Von Phokion fand man, daß er in kürzester Form am meisten Sinn zutage bringen könne. Der Sieg blieb trotz aller Beredsamkeit lange nur den Schlimmsten.

194 Plut. Dem. 12 sagt, er habe als schönen Gegenstand für sein politisches Tun die Vertretung der hellenischen Gerechtsame gegen Philipp gewonnen, habe dafür herrlich gekämpft und sei durch seine Reden und seinen Freimut so hoch gehoben worden, daß er in Hellas bewundert, vom Perserkönig hochgehalten und auch von Philipp geschätzt wurde.

195 Vgl. über die persischen Subsidien die von Westermann bei Pauly II, S. 970 angeführten Stellen.

196 In besonnener, kritischer Weise nimmt A. Schäfer für Demosthenes Partei.

197 Vgl. oben S. 233.

198 Darüber, daß er nun auch die Macht bekam, Exekutionen gegen verräterische Individuen durchzusetzen, vgl. Plut. Dem. 14.

199 Wenn man sagt, Philipp habe von vornherein aufrichtiges Einvernehmen mit der ersten Seemacht, nämlich Athen, gesucht, aber der sichere Besitz des Chersonnes sei eine Lebensfrage für Athen gewesen, während Philipp denselben für seine asiatischen Eroberungspläne gebraucht habe, so beweist dies hauptsächlich die Künstlichkeit der Existenz des attischen Staatswesens. Man soll eben sein Leben nicht von so fernen und zweifelhaften Positionen abhängig machen.

200 Es ließe sich nicht schwer eine Gegenrede zugunsten von Frieden und Freundschaft mit Philipp konstruieren, wobei sogar die von Demosthenes angeführten Einzelfakta, z.B. die Sache von Oreos, sensu contrario zu brauchen wären. – Was sich zum Kriege von Chäronea nachträglich noch Günstiges sagen ließ, und wie es für Athen hätte viel schlimmer gehen können, ist dann in de corona behandelt.

201 Diodor XVI, 85.

202 Vgl. oben S. 307.

203 Plut. Dem. 20. Das Residuum der echten athenischen Tradition gibt wohl Lukian, Parasit. 42, wieder, der vom Verhalten der damaligen berühmten Athener sagt: Isokrates ist gar nie vor einen Gerichtshof, geschweige denn in den Krieg gegangen, aus Furchtsamkeit, oder weil er nicht einmal die Stimme dazu hatte. Demades, Äschines und Philokrates haben die Stadt und sich selber an Philipp verraten und in Athen dessen Angelegenheiten besorgt ... Hyperides, Demosthenes und Lykurgos, welche sich so tapfer gebärdeten und in den Volksversammlungen immer gegen Philipp lärmten und schmähten, was haben denn sie im Kriege Sonderliches getan? Jene beiden kamen nicht einmal zu den Toren hinaus, sondern schmiedeten hinter den Mauern Anträgchen und Ratsbeschlüßchen; der Hauptredner aber, der in den Volksversammlungen immer gerufen hatte: »der Schurke aus Makedonien, von wo kein ordentlicher Sklave zu kaufen ist,« wagte sich zwar nach Böotien vor, warf dann aber den Schild weg, ehe man nur handgemein wurde, was alles weltbekannt sein soll. – Über des Demosthenes ἀτολμία πρὸς καιρόν, wegen deren er dem Demades nicht aus dem Stegreif antwortete, wenn dieser ihn so angegriffen hatte, vgl. Plut. Dem. 8. Ebenda 3 ist von seinem πρὸς κινδύνους καὶ πολέμους ἄτολμον die Rede.

204 Plut. X or vit. Hyperid. Man würde an das Psephisma nicht glauben, wenn es nicht auch in der pathetischen, bis ans Traurigkomische streifenden Beschreibung des Zustandes nach Chäronea bei Lykurg, in Leocr. 41, zu lesen stände.

205 Hyperid. pro Euxen. 18 ff., wo auch die der Eisangelie durch das Gesetz vorbehaltenen Fälle angeführt werden. Im weitern wird dann offen gesagt, die Redner genössen die Ehren und Vorteile aus ihrer staatsmännischen Tätigkeit, weshalb es unbillig sei, für die daherigen Gefahren die Nichtredner (ἰδιώτας) verantwortlich zu machen.

206 Laut dem erhaltenen Ehrendekret brachte er während seiner zwölfjährigen Finanzverwaltung (wohl (338-326) die Einkünfte des Staats auf 1200 Talente jährlich. Das Urteil über ihn bei Pausan. I, 29, 16 lautet so, als hätte er einen Perikles II. dargestellt. »Er brachte über 6500 Talente mehr als dieser auf die Akropolis, schuf (neue und prächtigere?) Festgerätschaften (πομπεῖα) für die Göttin und goldene Niken und Schmuck für 100 Jungfrauen, zum Kriege aber Waffen und Geschosse und 400 Trieren; an Bauten vollendete er das von andern angefangene Theater, und ferner waren von ihm die Arsenale im Piräus und das Gymnasion beim Lykeion.« – Freilich eines konnte er nicht ändern: das Bürgerheer blieb wie das bei Chäronea unterlegen, und im lamischen Kriege unterlag man bald nach Lykurgs Tode abermals. Über die gegen den Sterbenden erhobene Anklage vgl. Band I, S. 227 f.

207 Er trug z.B. trotz seines Reichtums Sommer und Winter das gleiche Himation und legte nur an den Tagen, da er es nicht unterlassen konnte, Sandalen an. Auch verbot er den Weibern bei 6000 Drachmen Strafe das Hinausfahren nach Eleusis, damit die Ärmern nicht vor den Reichern gedemütigt würden; als seine eigene Frau das Gebot übertrat, zahlte er das Talent, aber an die Sykophanten. Diese Gestalt macht den Eindruck eines tugendhaften Jakobiners.

208 Diodor XVI, 88.

209 Vgl. oben S. 152.

210 Plut. Dem. 23.

211 Vgl. Band. I, S. 232.

212 Vgl. oben S. 175.

213 Ein Beispiel des damaligen unverbesserlichen Hochmuts der Athener ist es auch, daß man in Athen später wirklich glauben konnte, Alexander habe nach Thebens Eroberung den schwer kompromittierten Athenern sagen lassen, sie sollten sich der (hellenischen) Dinge annehmen, weil im Falle seines Todes Athen über Hellas herrschen werde. Plut. Alex. 13.

214 Vgl. 17. 25. 26. 59.

215 Darüber, daß man an dem von Lykurg selbst gestifteten musischen Agon des Poseidon Geldpreise einführen mußte, weil der Eifer allein es nicht mehr getan hätte, vgl. oben S. 113, Anm. 210.

216 Aus den erhaltenen Fragmenten von dessen Anklagerede führen wir hier das zehnte an, weil es einen Einblick in die Verhältnisse der Redner gibt. »Ihr gewährt«, heißt es hier, »den Strategen und Rhetoren willentlich viel, indem zwar nicht die Gesetze, aber eure Milde ihnen dies gestattet, mit dem einzigen Vorbehalt, daß das Empfangene durch euch und nicht gegen euch an sie gelange. Und Demosthenes und Demades (also die frühern Gegner) haben von Psephismen und Proxenien, denke ich, jeder über 70 Talente gewonnen, abgesehen von den Geldern des persischen Hofes und von den Geldern Alexanders. Aber ihnen genügt ersteres und letzteres nicht, sondern sie haben nachgerade auf Kosten der Existenz des Staates sich Geschenke geben lassen.«

217 Plut. Dem. 26. Solchen Leuten ist es freilich nie ganz ernst; sie predigen nur andern. Auch Demosthenes ließ sich bald genug wieder mit der Politik ein.

218 Die letzten Zeiten des Demosthenes erzählt Plut. Dem. 27 ff. offenbar mit starker anekdotischer Ausmalung.

219 Dieser freilich wollte sein Athen auf alle Weise heben und dann erst noch zur vorkämpfenden Macht für die Freiheit Griechenlands machen. Vgl. Niebuhr, Kl. philol. Schr. I, 480.

220 Vgl. Band I, S. 125. III, S. 416.

221 Älian V.H. III, 24.

222 Band III, S. 293.

223 Vgl. oben S. 270.

224 Vgl. Curtius, Gr. Gesch. III, 258: »Diese pythagoreische Lehre war ihrer Natur nach reformatorisch. Sie nahm nicht den Kopf allein in Anspruch, sondern sie forderte den ganzen Menschen. Sie war ein ideales Hellenentum, das im Leben verwirklicht werden wollte und den, der sie erfaßt hatte, unaufhaltsam zu weiterer Ausbreitung drängte.«

225 Über Dion. vgl. Band I, S. 184 ff. Ebenda S. 332 Platos sizilische Reisen. – Wie der gute Dion von seinen sittlichen Aufsehern in die Schule genommen wurde, vgl. Plut. de adul. 29, wo erzählt wird, wie Plato ihn, als wegen seiner glänzenden Persönlichkeit und der Herrlichkeit und Größe seines Tuns alles auf ihn schaute, vor dem mit solcher Isolierung verbundenen Stolze (αὐϑάδεαι) warnte, und Speusippos ihm schrieb, er möge nicht eitel werden, wenn unter Weibern und jungen Leuten viel von ihm die Rede sei, sondern streben, die Akademie berühmt zu machen, indem er Sizilien durch Frömmigkeit, Gerechtigkeit und gute Gesetze schmücke.

226 Vorgestelltwerden uns diese Kreise in ihrer Denkart einigermaßen in der Schrift de genio Socratis, wo Plutarch sich alle Mühe gibt, aus teilweise guter, wenn auch gestückelter Kunde mit möglichster Beobachtung des zeitlichen und lokalen Kostüms eine Art von historischem Roman in Gesprächen zustande zu bringen. Hier wird dargestellt, wie ein vornehmer Krotoniate, der weise Theanor, in Theben erscheint, um die Gebeine des Lysis, dessen Tod man durch das Dämonium des Verstorbenen erfahren hat, in die italische Heimat abzuholen und dessen Freund Polymnis, dem Vater des Epaminondas, die Kosten für die Pflege desselben zu vergüten. Dabei macht er aber die Erfahrung, daß dem Toten alle die besondern heiligen Begehungen der Sekte von den thebanischen Freunden schon zuteil geworden sind, und daß er diesen gegenüber auch mit seinem Gelde nicht ankommen kann, weil sie von Lysis für das Ideal der freiwilligen Armut, der »besten Männerernährerin und lieben Hausgenossin«, begeistert worden sind und die Pflichten der pythagoreischen Askese wohl kennen. Lysis hat hier unvergängliche Spuren hinterlassen. – Vgl. über die Schrift Band III, S. 377 f. und über die Bildung des Epaminondas Curtius a.a.O.

227 Nach Polyän II, 3, 5 bewahrt er allerdings Sparta deshalb vor dem Untergang, weil Theben sonst mit seinen peloponnesischen Bundesgenossen in Krieg kommen würde, die ihm nur helfen, um Sparta zu demütigen, nicht, um Theben zu erhöhen.

228 Plut. Tim. 36.

229 Man vergleiche z.B. die Vorwürfe, welche die griechischen Söldner der Karthager Plut. Tim. 20 von Timoleons Leuten hören müssen.

230 Vgl. oben S. 272 f.

231 Plut. Timol. 29.

232 Phil. 127.

233 Adv. Aristocr. 130.

234 Nach Olympiodor vit. Plat. 4 pikierte sich Dionys, nachdem er das Unerhörte begangen, auch darauf, ein guter Richter zu sein und rückte dies Plato als etwas Großes auf.

235 Plut. Pelop. 33 f.

236 Bei solchen Panhellenen waren die Totenehren überhaupt sehr stark. Auch Timoleons Leichenzug war ein Prachtfest. Plut. Timol. 39.

237 Vgl. darüber die zusammenhängende Hauptstelle Vitruv II, 8.

238 Ob sie wirklich die Asche ihres Gemahls nach und nach in Getränken ausgetrunken hat, wie Gellius X, 18 und Val. Max. IV, 6 erzählen, lassen wir dahingestellt. – Im übrigen ergibt sich aus Vitruv a.a.O., daß sie als Witwe doch nicht nur ihrer Trauer nachhing. Im Kampf mit den Rhodiern bewährte sie Kraft, Schlauheit und Entschlossenheit. Sie soll Rhodos völlig überwältigt und dort eine Siegesgruppe errichtet haben, welche die von ihr (mit dem Eisen!) gebrandmarkte Stadt Rhodos darstellte. Die Rhodier selbst wagten später nicht, das Ding zu entfernen, sondern überbauten es bloß mit einem Wachtgebäude, worauf es ἄβατον hieß.

239 Vgl. Band III, S. 314.

240 Val. Max. VIII, 14.

241 Pausan. VIII, 11, 4.

242 Diodor XVI, 94. Man vgl. auch das Räsonnement, das von Dio Cass. XLII, 32 bei dem unruhigen Dolabella vorausgesetzt wird, der an Cäsars Verzeihung verzweifelnd μέγα τι κακὸν ἐπεϑύμει δράσας ἀπολέσϑαι, ὡς καὶ ὄνομα ἐκ τούτου ἀεὶ σχήσων˙ ἤδη γάρ τινες καὶ τῶν κακίστων ἔργων ἐρεσταὶ ἐπὶ τῇ φήμῃ γίγνονται. – Im übrigen ist noch bei Plutarch im Leben des Pelopidas und in de genio Socratis bei der Darstellung von Thebens Befreiung die Lust am genauen Schildern eines Komplotts und einer Krisis bezeichnend. Er erinnert hier an die Italiener der Renaissance.

243 Vgl. Band I, S. 40 ff. Die Ansicht Nägelsbachs, Nachhom. Theol. 6, wonach die Menschen durch Enttäuschung zur Menschenvergötterung hingelenkt worden wären, als sie ihre hölzernen und steinernen Götter machtlos und empfindungslos fanden, können wir nicht teilen. Aus diesem Grunde hätte die Menschenvergötterung sehr viel früher eintreten müssen; denn jene Enttäuschung war uralt.

244 Vgl. oben S. 282.

245 Plut. Lys. 18.

246 Justin. XVI, 5. Älian fr. 86.

247 Diog. Laert. V, 6, 6 und die Variante bei Suidas, s.v. Heraklides.

248 Diodor XVI, 44.

249 Athen. VII, 33 f. Es läuft dabei wohl ein Wortspiel mit, indem ζῆν an Ζεύς, Ζηνός erinnerte.

250 Als Adressat des Briefes wird Plut. Ages. 21 Agesilaos genannt. Die Geschichte von dem Schmaus auch Äl. V.H. XII, 51. – Beiläufig möge hier noch erwähnt sein, daß auch ein Karthager, Anno, kein bloßer Mensch sein wollte. Er kaufte Vögel, dressierte sie im Dunkel auf das Wort: »Anno ist ein Gott« und ließ sie dann fliegen. Aber in der Freiheit sangen sie ihre eigenen Melodien und kümmerten sich um Anno nicht mehr. Äl. ebenda XIV, 30.

251 Athen. XV, 51 f.

252 Athen. IX, 16.

253 Vgl. S. 276.

254 In welchem Zustande Philipp Makedonien übernahm, vgl. die sehr übertreibende Rede Alexanders zu Opis. Arrian VII, 9.

255 Hierüber Älian V.H. XIV, 48, offenbar aus einer echten Aufzeichnung.

256 Nach Athen. VI, 77 genossen die Achthundert zu Philipps Zeiten einen nicht geringern Ertrag (καρπίζεσϑαι) als zehntausend Hellenen, die das beste und weiteste Land besaßen.

257 Dies nach Schäfer, Demosth, II, S. 33 f.

258 Vgl. Curtius, Gr. Gesch. III, S. 419. – Leider kann man aus den Aussagen der Griechen über das Agema nie ganz klug werden, weil das Verhältnis, ob es sich nun mehr um eine Art von Lehenswesen oder um eine ihnen unbekannte Pietät handle, völlig außerhalb ihres Verständnisses lag; dieses Wesen mochte sie so fürchterlich ärgern, daß sie es lieber gar nicht studierten. Auch Arrian und die übrigen Geschichtsschreiber Alexanders sind dann, wie uns scheint, über die Bedeutung von ἑταῖροι, ἄγημα usw. deshalb nur vorsichtig und bedingt zu brauchen, weil diese Ausdrücke während Alexanders Zug aus ihrer halbpolitischen Bedeutung schon in eine fast rein militärische übergegangen waren.

259 Polyän IV, 2, 10 erzählt, sie hätten oft in schwerer Rüstung und mit Lebensmitteln und allem Nötigen bepackt, 300 Stadien an einem Tage zurückgelegt.

260 Man lese z.B. die Vorrede Polyäns, der, wenn er noch bei jugendlichen Kräften wäre, Μακεδονικῇ ῥώμῃ χρώμενος am Perserkriege teilnehmen würde, als ein makedonischer Mann, dem es eine angestammte Sache sei, über die Perser zu siegen. So stellt er sich wenigstens mit seinem Buche ein.

261 Älian V.H. IV, 19.

262 Bei Athen. XIII, 5 werden außer Olympias noch sechs Frauen oder Kebsen und deren Kinder aufgezählt.

263 Athen. IV, 62. VI, 77. Über seine Possenreißerei Polyän IV, 2, 6.

264 Demosth. adv. Aristocr. 169. – Über die Poneropolis Theopomp bei Müller I, S. 298, Strabo VII, 6, p. 320. Plin. hist. nat. IV, 18. Ließ er die Leute am Leben, um sie eventuell etwa noch zu brauchen? Es ist doch kaum denkbar, daß er bloß die humoristische Absicht gehabt hätte, sie sich gegenseitig zur Verdammnis dienen zu lassen.

265 Polyb. VIII, 11.

266 Plut. apophth. reg. Phil. 17.

267 Vgl. Band I, S. 225.

268 Diodor. XVI, 53-55.

269 Ebenda 38. 58-60. 64.

270 Diese Zeit ist wahrscheinlicher als die laut dem Argument von Hermippos angenommene kurz vor Philipps Tode.

271 Schon Iason von Pherä soll übrigens gesagt haben, Persien sei leichter zu besiegen als Hellas. Xen. Hell. VI, 1, 12.

272 Vgl. oben S. 278 Anm. 25.

273 Man bedenke, wie ihn die Peloponnesier, denen er so wohlgetan, an den Olympien verhöhnten.

274 Offenbar eine Rhetoreneinbildung ist, was Älian V.H. XIII, 11 berichtet, Philipp sei durch den zu ihm gedrungenen Ruf des isokrateischen Panegyrikos zu allererst gegen Persien in Bewegung gebracht worden; es würde dies doch wohl eher vom »Philippos« gelten.

275 Ol. I, 21 ff.

276 Ol. II, 14 ff.

277 Ebenda 9 f., wo der gute Demosthenes wenigstens die doppelte Beteuerung οὐ γὰρ ἔστιν, οὐκ ἔστιν hätte sparen sollen.

278 Vgl. Pausan. VIII, 7, 4, wo sein und seiner ganzen Familie im einzelnen belegter Untergang auf seine Treulosigkeit zurückgeführt wird.

279 Dem. de cor. 295 gibt das Verzeichnis der makedonisch Gesinnten in Thessalien, Arkadien, Argos, Elis, Messene, Sikyon und Korinth. Polyb XVIII, 14 nimmt die Betreffenden in Schutz, weil sie nicht um Gewinn zu Philipp gehalten hätten, sondern um ihre Staaten vor Spartas Herrschsucht zu retten.

280 De cor. 235.

281 Ein fast wörtlich-tatsächliches Beispiel hierfür, wenn es schon eine thrakische Stadt (oder etwa eine griechische am thrakischen Strande?) betrifft, erzählt Polyän IV, 2, 4. Er schickt Gesandte in die Stadt; die Einwohner halten eine Ekklesie ab und ersuchen diese zu reden, und jedermann ist eifrig im Zuhören begriffen; inzwischen aber macht Philipp seinen Angriff und nimmt die Stadt.

282 Dies die Version Diodors XVI, 85.

283 Nachher heißt es dann (29), auch er habe, wie man sage, seinen Anteil an der Philosophie genommen, wobei man an Aristoteles denken mag.

284 Man möchte wissen, wem Diodor XVI, 1 nach der Übersicht über Philipps Taten das bedeutende Wort nachspricht: καὶ ταῦτ᾽ ἔπραξεν οὐ διὰ τύχην, ἀλλὰ διὰ τὴν ἰδίαν ἀρετήν.

285 Pausan. IX, 40, 4, wo die sehr merkwürdige Auseinandersetzung zu beachten ist, daß die Makedonier solches schon seit ihrem alten Könige Karanos unterließen, um bei den Nachbarn nicht unversöhnlichen Haß, sondern Wohlwollen zu pflanzen. (Oder wollte man etwa deren leichtere Unterwerfung vorbereiten?)

286 Diodor XVI, 87.

287 Plutarch berichtet in den Apophthegmen, wo einiges echt und bezeichnend ist (besonders da, wo Philipp gemütlich redet), Phil. 8 den hübschen Witz, als die Athener obendrein noch ihre Kleider und ihr Gepäck begehrten, habe der König lachend zu den Seinen gesagt: Kommt euch nicht vor, als meinten die Athener, von uns gar nur im Astragalenspiel besiegt zu sein?

288 Die enorme Noblesse freilich, womit nach Lukian, Demosth. encom. 33 ff. Philipp im Gespräch mit Parmenion und Antipatros den Demosthenes als Größe anerkennt, ist nichts als eine höchst feine Erfindung des späten Rhetors, welcher endlich darauf gekommen ist, daß Lob aus Feindesmund am allerbesten töne.

289 Plut. reg. apophth. Phil. 7. 5.

290 Dem pathetischen Schmähbold Arkadion aus Achäa, der sich doch einmal in Makedonien blicken ließ, begegnete er, während seine Freunde ihn zur Züchtigung mahnten, freundlich und sandte ihm Geschenke. Später ließ er Nachfrage halten, was jetzt Arkadion bei den Griechen für Reden führe, und alle bezeugten, derselbe sei sein größter Lobredner geworden, worauf er zu seinen Freunden sagte: Ich bin doch ein besserer Arzt als ihr. Er hatte wohl ganz richtig vorausgesehen, daß Arkadion als ein Schwätzer, auch nachdem er gewonnen wäre, weiterschwatzen würde. Plut. de cohib. ira 9.

291 Plut. reg. apophth. Phil. 12. 16. 18. 21.

292 Älian V.H. XII, 60.

293 Ebenda VIII, 15.

294 Vgl. oben S. 350 f.

295 Als Olympias von einer Schlange umwunden gesehen wurde, entwöhnte er sich von ihr, weil ihm dies unheimlich vorkam, obschon er wissen mußte, daß sie schon als bakchische Klodone mit Schlangen wirtschaftete.

296 Diodor XVI, 92.

297 Gewiß aus alter Quelle hat Plut. de exil 8 den Satz, daß es nicht schön und gerecht zu sein scheine, das eigene Vaterland zu verlassen und ein anderes zu bewohnen; man solle z.B. der Heimat Sparta Ehre machen, auch wenn sie ruhmlos ungesund und politisch zerrüttet sei!

298 Ebenda 13. – Euripides spricht das ubi bene, ibi patria z.B. in dem Fragment (bei Nauck fr. 1047) aus:

»Durch jeden Luftraum trägt sein Flug den Adler hin,

Und Heimat wird dem edeln Manne jedes Land.«

299 Schon Lysias or. 31, 6 eifert gegen solche, die jede Gegend für ihre Heimat halten, wo sie den nötigen Unterhalt haben; ihre Tendenz sei, nicht die Stadt, sondern den Geldsack als ihre Heimat zu betrachten.

300 Paus. I, 18, 8. Auch beim Tode des Demosthenes gibt Pausanias (I, 8, 4) gewiß das allgemeine spätgriechische Räsonnement, wenn er sagt: Es scheint mir ein wahres Wort, daß noch nie ein Mann, der sich der Politik rückhaltlos hingab und sich auf den Demos verließ, glücklich geendet habe. – Vgl. auch das S. 365 angeführte Wort des verbannten Demosthenes.

301 Vgl. Band III, S. 342 ff.

302 Ebenda S. 362.

303 Vgl. Band I, S. 275.

304 Vgl. die wichtige Stelle Plut. an seni 18 über die Leibesübungen auch alter Männer noch in der Kaiserzeit.

305 Pol. VIII, 3 heißt es von den als erziehungseifrigst geltenden Städten: αἱ μὲν ἀϑλητικὴν ἐμποιοῦσι λωβώμεναι τά τε εἴδη καὶ τὴν αὔξησιν τῶν σωμάτων, während die Spartaner dies zwar vermieden, aber die Söhne zu ϑηριώδεις bildeten (was ihnen jetzt doch nicht mehr helfe). Vgl. auch ἠϑικ. μεγ. 5.

306 Pol. VIII, 4. Er rechnet aus, unter den Olympioniken gebe es nur zwei oder drei, welche als Knaben und dann wieder als Männer gesiegt hätten.

307 Pausan. VI, 5, 3. Ein olympischer Sieg desselben fiel in Ol. 93.

308 Älian V.H. II, 27.

309 Diodor XIV, 109. – Auch das hernach gen Sizilien heimkehrende Schiff wurde durch Stürme gegen Tarent getrieben. Der von seinen Schmeichlern mit dem Hinweis auf den allgemeinen Neid gegen das Treffliche getröstete Tyrann fuhr später gleichwohl eifrig fort zu dichten und berief namhafte Dichter als Helfer und Verbesserer seiner Dichtungen. Diese rühmten ihn so, daß er sich viel mehr auf seine poetischen als seine militärischen Leistungen einbildete; nur Philoxenos ließ sich nach der bekannten Anekdote den Mund nicht verbinden. Diod. XV. 6. Über des Dionys Tragödiensieg in Athen vgl. oben S. 348. Darüber, daß er fremde Faustkampfsieger dazu wollte bewegen lassen oder bewog, sich als Syrakusier auszugeben, vgl. oben S. 108.

310 Plut. reg. apophth. Epamin. 3.

311 Diog. Laert. VI, 2, 6, 49. 62.

312 Ebenda III, 5 nach Dikäarch und der Anonymus.

313 Pausan. V, 21, 3.

314 Plut. Alex. 4.

315 Man vgl. die Aufzählungen in verschiedenen Richtungen im X. Buche des Athenäos.

316 Athen. IV, 49, wo auch noch eine Stelle desselben Inhalts aus Alexis.

317 Er klagt z.B. darüber, daß sie drei oder vier Minen Lehrgeld verlangten (er selbst verlangte deren zehn) und dabei doch noch Verachtung des Goldes und Silbers affektierten, Widersprüche zwar im Unterricht, aber nicht im Leben beobachteten, Zukunft zu kennen prätendierten, über Gegenwart aber nichts Rechtes zu sagen wußten und sich so gegenüber den Alltagsmenschen bloßstellten, welche zwar nur den Meinungen (δόξαι) nachgingen, aber gleichmäßiger und richtiger handelten als die, welche sich des Wissens rühmten. Auch denen, die politische Lehren zu geben prätendieren, werden teilweise die gleichen Vorwürfe gemacht. Ferner heißt es von diesen Stümpern, sie schrieben manchmal schlechter, als einzelne gewöhnliche Leute aus dem Stegreif redeten, versprächen aber dennoch, aus ihren Schülern Rhetoren zu machen. Auch weiß man, daß viele (mit der Absicht, als Redner und im Staate etwas zu bedeuten) Philosophie getrieben haben und dabei doch zurückgeblieben sind, während andere, die mit diesen Sophisten nicht umgingen, durch angeborene Kraft und durch Übung starke Redner und Politiker wurden.

318 Für die Fortdauer des populären Musikbetriebes verweisen wir auf die Band III, S. 134 mitgeteilte Stelle Polybs über Arkadien.

319 Vgl. die Athen. VI, 79 von den Tirynthiern mitgeteilte Geschichte. Ebenda eine Überlieferung, wonach die Leute von Phästos auf Kreta besonders witzig gewesen wären.

320 Über diese Heiterkeit vgl. Nietzsche, Geb. d. Trag. S. 58.

321 Athen. zitiert z.B. VIII, 19. 35 u.a.a.O. die γελοῖα ἀπομνημονεύματα eines gewissen Aristodemos, VIII, 41 die von dem Alexandriner Machon in weitschweifigen Jamben erzählten Witze des im IV. Jahrhundert berühmten Kitharöden Stratonikos, alles äußerst verschieden an Wert und zum Teil so leise, daß es matt heißen kann. Ebenda 42-46 aus Prosaikern gesammelte Witze desselben Stratonikos, aus denen die Natur des griechischen Witzes nach allen Seiten ziemlich genügend erläutert werden könnte. (Übrigens soll nach Ephoros der große Simonides das Vorbild des Stratonikos im Witze gewesen sein.) – Auch eine Menge von Epithetis, womit vom ältern Dionys, vom Redner Demades u.a. Dinge mehr oder weniger geistreich umschrieben wurden, gibt Athenäus III, 54 ff. Wo die echten Dichter solche schaffen, sind sie oft kühn, aber bildlich verdeutlichend und am richtigen Orte angewandt. Im IV. Jahrhundert aber ist dergleichen eine Sache geistreichen oder pedantischen Müßigganges. So sagte Dionys für παρϑένος: μένανδρος, weil die Jungfrau auf den Mann wartet, statt στῦλος: μενεκράτης, weil die Säule aushält und stark ist, statt μυῶν διεκδόσεις (Mauslöcher): μυστήρια, ὅτι τοὺς μῦς τηρεῖ. Er wollte Witze machen; mehr Floskeln sind es, wenn Demades sagte, Ägina sei die Augenbutter (λήμη) des Piräus, Samos ein abgerissenes Stück (ἀποῤῥώξ) von Athen, die Epheben der Frühling des Volkes, die Stadtmauer das Kleid der Stadt, der Trompeter der gemeinsame Hahn der Athener. Er heißt denn hier auch der »Namenjäger«. Eine Menge solcher poetisch sein sollenden, zum Teil sehr komischen Umschreibungen findet sich auch Athen. X, 70 aus einem Fragment des Antiphanes. Es wollen wohl eher elegantiae sermonis sein und nicht Rätsel, als welche sie vorgebracht werden. – In ähnlicher Weise wurden übrigens auch Lakonismen gesammelt.

322 Athen. VI, 76. XIV, 3. – Daß die Athener neben Sikelioten, Rhodiern, Byzantiern vor allem als witzig galten, sagt Cicero, de orat. II, 54, 217. Argos, Korinth und Theben werden auch auf diesem Gebiet nicht erwähnt.

323 Über die βωμολόχοι, die Philipp um sich hatte, vgl. Athen. X, 46.

324 Athen. X, 69 ff. Über die Trinkstrafen ebenda 86. 88.

325 Athen. X, 86. 87.

326 Athen. I, 35.

327 Über das πλῆϑος τῆς σοφίας ταύτης in Athen, wozu auch die Sechzig gerechnet werden, Athen. XIV, 3. – Die Sache blieb ein anerkanntes Genre (εἶδος), zu dem z.B. irgendwo ein Kitharöde übergeht, wohl weil es mit der Kitharödie nicht mehr geht, oder das Possenreißen mehr einträgt.

328 In einer Äußerung (Athen. X, 86) ist er in betreff der Rätsel ein laudator temporis acti und tadelt die jetzigen Zotenfragen, Eßfragen und die Küsse, die jetzt als Preis, die Nötigungen zum Nachtrinken von Ungemischtem, die als Buße dienen.

329 De oratore II, 54.

330 Älian V.H. III, 35 berichtet, es sei früher in der Akademie nicht einmal zu lachen gestattet gewesen; denn man habe versucht, diese Stätte für Übermut und Leichtfertigkeit unzugänglich zu erhalten.

331 Über die Kolonien vgl. oben S. 78 f. Nach Älian V. H, I, 27 gab es in Sizilien ein Heiligtum der Ἀδηφαγία und eine Statue der Δημήτηρ Σιτώ (nach Athen. VIII, 36 übrigens auch in Elis einen Ἀπόλλων ὀψο φάγος). – Über die Thessaler Athen. XIV, 83.

332 Athen. XII, 42. 41 nach Theopomp, vgl. Älian V.H. VII, 2.

333 Acharn. 885.

334 Athen. VI, 95 f.

335 Athen. XII, 64 f. Der logische Schluß seiner Rede ist, daß gegenwärtig der glücklichste Mensch auf Erden der König von Persien sei; denn der jüngere Dionys (als dessen Gesandter Polyarchos damals in Tarent weilte) könne im Vergleich zu ihm doch nur geringen Aufwand machen.

336 S. Band III, S. 260 f.

337 Vgl. hierüber Band III, S. 264 f., 269 ff.

338 Vgl. Band III, S. 124.

339 Lukian, dial. mort. 9, 2. – Philoxenos, der Freund des ältern Dionys, wünschte sich nach Aristot. Eth. Eud. I, 2 den Schlund eines Kranichs. Noch in der neuern Komödie nennt ein Koch dankbar den Sikelioten Labdakos als Neuerfinder. Athen. IX, 68.

340 Älian V.H. IX, 19.

341 Hyperid. adv. Demosth. fr. 14.

342 Athen. I, 10.

343 Athen. III, 90.

344 Athen. VIII, 15 aus dem Ἀσωτοδιδάσκαλος.

345 Beispiele bei Athen. VII, 12 f. VIII, 14.

346 Athen. III, 62.

347 Vgl. Athen. VIII, 28 f., wo sogar Aristoteles nicht fehlt; jene ganze Gegend des Athenäus ist voll von Namen.

348 Am Anfang des X. Buches.

349 Athen. VI, 17.

350 Athen. VIII, 58.

351 So zu dem lydischen Leckergericht Kandaulos. Athen. XII, 12. – Die Gänseleber als Leckerbissen erscheint bei Eubulos. Athen. IX, 32.

352 Athen. VI, 4-11. Von Archippos gab es sogar ein Stück Ἰχϑύες.

353 Ein gewisser Lynkeus von Samos schrieb zum Trost jener Jammernden eine an einen unglücklichen Käufer adressierte »Speisekaufkunst«, eine Lehre, wie man sich gegen die »mörderischen Fischhändler« zu verhalten habe. Athen. VI, 12.

354 Athen. VI, 12.

355 Athen. XIV, 77 δοῦλοι ὀψοποιοί παρῆλϑον ὑπὸ πρώτων Μακεδόνων (d.h. entweder durch deren Hybris oder durch das Unglück der eroberten Städte, deren Köche etwa Sklaven geworden waren).

356 Athen. VII, 36.

357 Athen. XIV, 78.

358 Athen. I, 13.

359 Athen. IV, 14. 6.

360 Kolax, eine ethologische Studie. Leipzig 1883.

361 Athen. VI, 28. Sein Parasit sagt: Ich speise, mit wem ich will, er braucht mich bloß zu rufen, und auch bei dem, der mich nicht will, er braucht mich nicht zu rufen. Da bin ich ein charmanter Mann und errege viel Gelächter und lobe den Gastgeber. Und wenn einer ihm widersprechen will, schimpfe und schelte ich. Hierauf esse und trinke ich tüchtig und gehe fort. Kein Sklave trägt mir eine Leuchte vor. Ich schleiche, in den Pfützen ausgleitend, allein durch das Dunkel usw.

362 Der Name Parasit selbst wurde ursprünglich für den Teilnehmer an einer ganz ehrwürdigen Opfergenossenschaft gebraucht.

363 Athen. VI, 30.

364 Einen natürlichen Haß hegt der Parasit gegen das Picknick. »Wer da erfand, anderer Leute Essen zu verzehren, der war ein volksfreundlicher Mann, wer aber bei Einladungen zuerst Beiträge erlegen ließ, der möge mittellos in die Verbannung wandern«, sagte einer bei Eubulos. Athen. VI, 35.

365 Darüber, wie man ihn recht eigentlich einlud, um die Späße, die man selbst vorbrachte, belacht zu sehen, vgl. Machon bei Athen. XIII, 42.

366 Diphilos bei Athen. VI, 51.

367 Antiphanes bei Athen. VI, 35.

368 Alexis und Diphilos bei Athen. X, 19.

369 Axionikos bei Athen. VI, 37. – Hin und wieder ließ sich auch einer als Vielfraß bewundern, wie der Athen. X, 18 aus Alexis erwähnte, welcher stille, schnaufend zuspricht und nur nickt, wenn man ihn fragt.

370 Athen. VI, 41.

371 Apollodor von Karystos bei Athen. VI, 43. – Da bei einer Hochzeit nur 30 Geladene sein durften, geschah es, daß die Beamten beim Zählen einen Parasiten als 31. fanden und wegweisen wollten, worauf er verlangte: Zählt noch einmal und fangt mit mir an. Athen. VI, 45.

372 Diodoros bei Athen. VI, 36.

373 Athen. VI, 39. – Besonders von Parasitenwitzen handelte, wie es scheint, die Schrift γελοῖα ἀπομνημονεύματα eines Aristodemos. Einzelnes von diesen Witzen lautet ziemlich mager. – Ein Verzeichnis namhafter κόλακες und Nachricht über ihren Ruhmgibt auch Älian fragm. 107 f.

374 Plut. de adul. 3.

375 Plut. de adul. 27. Athen. VI, 56.

376 Athen. VI, 54.

377 Bei Ptolemäos Philopator hießen sie γελοιασταί Athen. VI, 48. – Über Parasiten bei Diadochen vgl. ebd. 58 f. 60 f.

378 Plut. de adul. 14. 16. Die Perfektion, wozu die Schmeichelei bei den Diadochen gediehen ist, spricht auch aus der Schilderung der Hofclique des Ptolemäos Philopator mit ihrem Scheinwiderspruch gegen Verse und Lesarten bei völligem Schweigen zu seinen Verbrechen und seinem bakchischen Treiben. Ebenda 17.

379 Vgl. oben S. 225.

380 Demosth. adv. Eubul. 2.

381 S. 322.

382 Vgl. oben S. 322.

383 Demosth. adv. Eubul. 40 f.

384 Aristoph. Ekkles. 214. ff.

385 Vgl. Athen. XIII, 6 ff. Alexis läßt z.B. (7) jemand sagen: Wir Männer können ein Unrecht noch verzeihen, diese aber erheben noch Klage, wenn sie eines tun. Was sie nicht sollten, das heben sie an, und was sie sollen, versäumen sie und schwören dazu falsche Eide. Und Amphis zieht ebenda daraus, daß die Hetäre auf ihre Liebenswürdigkeit angewiesen ist, während die Ehefrau auf ihre Rechte pocht, den Schluß, daß jene eher zu wählen sei als diese.

386 Vgl. Band I, S. 184 f.

387 Plut. Dion. 51.

388 Plut. Dion 19.

389 Aristot. Polit. II, 6. Plut. Agesil. 31.

390 Rohde, Gr. Rom. S. 67 setzt sie erst in das I. Jahrhundert vor Christus und nimmt an, daß sie in Alexandrien entstanden seien, gibt aber doch Einwirkung von altpythagoreischen Vorstellungen zu.

391 Vgl. oben S. 345 f.

392 Plut. Pelop. 18.

393 Athen. XIII, 21 führt z.B. sieben Komödien an, deren Titel Namen von Hetären waren.

394 Vgl. Anaxilas bei Athen. XIII, 6.

395 Athen. XIII, 24 f.

396 Ebenda 26.

397 Ebenda 66.

398 Z.B. Eubulos bei Athen. XIII, 6 und Alexis ebenda 23.

399 Vgl. Athen. XIII, 29.

400 Die Dichterin Philänis von Leukas wurde in ihrer von Äschrion verfaßten Grabschrift dagegen in Schutz genommen, daß sie τὸ περὶ ἀφροδισίων ἀκόλαστον σύγγραμμα verfaßt habe, indem jene Schrift von dem Athener Polykrates sei.

401 Athen. XIII, 46 ff.

402 Glykera sagt z.B. zu dem Philosophen Stilpon mit Anspielung auf die Nachrede des διαφϑείρειν τοὺς νέους: Für die Unglücklichen macht es keinen Unterschied, ob sie mit der Hetäre oder dem Philosophen leben.

403 Älian V.H. XII, 5. XIV, 35.

404 Vgl. S. 352 f.

405 In Neaer. 122.

406 Lysias, fragm. 90.

407 Plut. X orat. vit. s.v. Isokrates.

408 Paus. I, 37, 4. Athen XIII, 67. Plut. Phok. 22.

409 In Mid. 153 ff.

410 Vgl. oben S. 134 ff. und über die Gründe des Verrufs der Trapeziten, Baumstark bei Pauly, Realenc. III, S. 126 f.

411 Vgl. Band III, S. 342 ff.

412 Älian V.H. II, 34. XI, 9.

413 Plut. reg. apophth. Epam. 21. Übrigens waren die Reichen des VI. und V. Jahrhunderts dem κινδυνεύειν noch nicht abhold gewesen. Anekdotisch ausgesponnen erscheint die Armut des Epaminondas bei Älian V.H. V, 5.

414 Plut. Phok. 18. Als sie ihm dann in sein Haus nachfolgten, sollen sie seine Frau haben Brot kneten sehen, ihn selbst aber Wasser aus dem Brunnen ziehen, um sich die Füße zu waschen; wahrscheinlich hatte er keinen Sklaven. Genaueres, aber wohl zum Teil fabulos, erzählt Älian V.H. I, 25.

415 Noch im Tode sagte Phokion zu einem jammernden Schicksalsgenossen: »Wie? Magst du nicht gerne mit Phokion sterben?«

416 Plut. Phok. 29.


Anmerkungen: A1 Oeri: schauerte. A2 Oeri: neuen. A3 Oeri: wurden A4 Oeri: kreuzigen. A5 Oeri: und. A6 Oeri: zwischenhin. A7 Oeri: im eignen. A8 Oeri: beraubt oder von. A9 Oeri: eine A10 Oeri: Nikokles. A11 Oeri: behauptet. A12 Oeri: Geldverteilungen. A13 Oeri: daß doch alle Athener böse (...) wären. A14 Oeri: selbst. A15 Oeri: die Makedonier überhaupt zu nennen. A16 Oeri: weil er einem seither Verstorbenen erwiesenes Gutes nicht. A17 fehlt bei Oeri. A18 Oeri: Noch im. A19 Oeri: Sykophantereien. A20 Oeri: männlichen.

Quelle:
Jakob Burckhardt: Gesammelte Werke. Darmstadt 1957, Band 8.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Griechische Kulturgeschichte
Griechische Kulturgeschichte - Band I
Griechische Kulturgeschichte (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Neukirch, Benjamin

Gedichte und Satiren

Gedichte und Satiren

»Es giebet viel Leute/ welche die deutsche poesie so hoch erheben/ als ob sie nach allen stücken vollkommen wäre; Hingegen hat es auch andere/ welche sie gantz erniedrigen/ und nichts geschmacktes daran finden/ als die reimen. Beyde sind von ihren vorurtheilen sehr eingenommen. Denn wie sich die ersten um nichts bekümmern/ als was auff ihrem eignen miste gewachsen: Also verachten die andern alles/ was nicht seinen ursprung aus Franckreich hat. Summa: es gehet ihnen/ wie den kleidernarren/ deren etliche alles alte/die andern alles neue für zierlich halten; ungeachtet sie selbst nicht wissen/ was in einem oder dem andern gutes stecket.« B.N.

162 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon