III. Der koloniale und agonale Mensch

Als das koloniale und agonale Zeitalter bezeichnen wir die ganze Zeit vom Abschluß der dorischen Wanderung bis fast zum Ende des VI. Jahrhunderts, also die Zeit, die man gewissermaßen ein griechisches Mittelalter nennen könnte. Diese Einteilung ist, wie jede Einteilung, willkürlich, kann uns aber als Notbehelf dienen, da wir uns einmal, so gut wir können, einzurichten und die Bezeichnungen a potiori zu wählen haben.

Die Lage der Nation ist in dieser Zeit durch zwei große Veränderungen bedingt, und das sind die dorische Wanderung und die Kolonisation. Die dorische Wanderung1, in der wir im Grunde den letzten Nostos (nur nicht von Ilion) erblicken können, schafft nicht nur definitive Sitze, auf welchen dann die bleibende Kultur errichtet wird, sondern sie vor allem schafft die Polis, d.h. die seitherige Gestalt dieser Sitze, und zwar führen hier verschiedene Ursachen zu dem gleichen Organismus, sowohl die Eroberung selbst, als (wie in Athen) die Gegenwehr gegen sie, als (wie in Ionien) das Entweichen vor ihr. Nachdem dann aber diese Polis sich drei Jahrhunderte hindurch dahin entwickelt hat, daß zahlreiche vom Besitz ausgeschlossene Volksteile entstanden sind, wird dies der Hauptantrieb zur zweiten Veränderung: der Kolonieaussendung.

Mit der Wanderung setzen sich Gegensätze fest, welche dann, im Großen genommen, nie mehr ausgeglichen worden sind. Dorer sind erobernde, zu Lande eingedrungene Staatengründer, stark genug, sich wenigstens im Süden des Peloponnes nicht achaisieren zu lassen. Ionier sind Flüchtlinge über Meer, welche dort Stadtgebiete erwerben, – mögen sie die betreffenden Städte, ein Ephesos, Milet u.a., schon vorgefunden oder erst erbaut haben. Zur See sind sie gekommen und maritim werden sie leben, und demselben Leben scheinen auch diejenigen peloponnesischen[59] Dorer anheimgefallen zu sein, welche die Süd-Westecke von Kleinasien besetzten2. Im griechischen Mutterland aber nehmen die aus Epirus gekommenen Thessaler Thessalien; die von ihnen verdrängten Arnäer ziehen nach Süden, überwinden die Kadmeier und die orchomenischen Minyer und werden Böotier; Ätoler gewinnen Elis; Achäer aus dem Süden des Peloponnes kommen nach Achaia und verdrängen die dortigen Ionier; Mytilene, Kyme, Smyrna sind achäisch-äolische Gründungen, Phokäa eine phokische.

Ob Athens Verdienst um die Ansiedlung in Kleinasien ein angebliches oder wirkliches war, lassen wir dahingestellt; jedenfalls begehrten die Athener später die Ausfahrt geleitet zu haben; eine wahrscheinliche Folge aber der Entstehung griechischer Poleis an der kleinasiatischen Westküste ist das Untertauchen und Verschwinden der ältern, nur halbgriechisch entwickelten Stämme, der Karer, Leleger, Pelasger. Ihre Larissen liegen von dieser Zeit an öde, und ihre später vorhandenen Reste erscheinen schon als Barbaren3.

Während nun aber Ionien ein Hauptland des aktiven griechischen Geistes wird, und auch im südlichen Kleinasien und auf Zypern4 die Hellenen sich stark verbreiten, zieht sich im Mutterland der Begriff »Hellas« enger und enger zusammen. Nicht nur die Epiroten, bei welchen doch Dodona und das älteste »Hellas« zu finden waren, sondern auch die soviel nähern, in der heroischen Zeit mythisch berühmten Länder Ätolien und Akarnanien gelten als barbarisch; selbst Thessalien wird den Hellenen ziemlich fremd, obwohl äußere Formen der Verbindung fortbestehen, und Makedonien ist ihnen zu derselben Zeit aus dem Gesichtskreis entschwunden, als es ein heraklidisch-temenidisches Königshaus erhält. Es wird sich zeigen, daß die Verwirklichung des Agonalen einen neuen Begriff für das Hellenentum geschaffen hat, und da war es bedeutungsvoll, daß das Mutterland im engsten Sinne sich die vier großen Festorte dauernd sicherte, wo man sich nun aus der ganzen Hellenenwelt zusammenfand; wer hier nicht völlig mithielt, erschien dann als Barbar.[60]

Verändert sich nun schon durch die dorische Wanderung und die von ihr hervorgerufenen Bewegungen die geographische Verbreitung der aktiven und bewußten griechischen Nation merklich, so wird diese Veränderung zwei bis drei Jahrhunderte nach dem Einfall der Herakliden im Peloponnes durch die große koloniale Bewegung fortgesetzt, ein Faktum, welches, da Griechenland zugleich noch eine Masse von Söldnern nach aller Herren Länder stellen konnte, eine ganz enorme Fruchtbarkeit der Nation zur physiologischen Voraussetzung hat.

Auch ein anderes großes Kolonialvolk gab es damals, und zwar war dies das karthagische. Am Anfang des IX. Jahrhunderts gegründet, hat Karthago Kolonien die Hülle und Fülle ausgesandt und damit relativ wenigstens das größte Geschäft der Weltgeschichte gegründet; denn die Stadt war ohne Zweifel geldreicher als die persische Monarchie. Dafür aber war die Mutterstadt Karthago auch der einzige allgemeine Handelsplatz des Reiches; nur ihr Hafen stand allen Schiffen aller Nationen offen, in einer Kolonie durfte bei Strafe des Versenkens (καταποντοῖν) kein fremdes Schiff landen; die Rechnung dabei war, es sollten nicht Fremde kommen und auf den Barbarenmärkten die Karthager durch größere Billigkeit ihrer Waren unterbieten können. Die Grundlage dieser Macht ist der ungeheure Reichtum und ein riesiges Söldnerwesen. Man ist reich genug, unter allen Völkern und Rassen Truppen zu werben; überhaupt ist jede Frage eine Geldfrage, und die ganze karthagische Politik kommt unter das Soll und Haben eines unermeßlich großen Hauptbuches zu stehen, was alles so lange angehen mochte, bis ein Stärkerer kam, der den Karthagern das Werben unmöglich machte. Der Staat aber ist im Grunde nur die Hauptstadt, deren Bevölkerung steuerfrei ist und Vorteile aller Art genießt; über ihr steht an der Spitze des Ganzen außer den beiden Suffeten in Gestalt des Rates der auf Lebenszeit gewählten Hundert eine Art von Aristokratie; es muß eine ziemlich sonderbare Regierung gewesen sein. Aber was Karthago anrührt, wird alles Herrschaft und nach unten Knechtschaft. Um z.B. auf Sizilien Meister zu bleiben, legte man das Volk durch Ausrottung von Pflanzungen künstlich lahm. Darum ist aber die Stadt auch bei allen Untertanen gründlich verhaßt, ja mit der Zeit selbst von den nächsten Städten, die sie selbst durch Bürgerkolonien gegründet und bevölkert hatte, einem Utica, Leptis usw., geschweige von Sizilien, Sardinien, den Balearen, Spanien aufs stärkste exekriert. Als Kolonien im wahren Sinne des Wortes können uns Karthagos Untertanenstädte gar nicht erscheinen; da sie, wie das ganze Reich, nur zur Zwangsabnahme vorhanden waren, ist, so lange die Hauptstadt existierte, keine von ihnen eine Handelsstadt geworden; Handel, Zölle, Tribute, Bergwerke – alles war monopolisiert; es war kein Schade darum, als diese auf infamer Erpressung und absolutem Egoismus beruhende Herrlichkeit[61] einer Stadt, welche Herrschaft und Besitz an einem Stück ausübte, zu Ende ging; seine guten Eigenschaften wollen wir dem karthagischen Wesen deshalb nicht absprechen, und daß es im dritten Punischen Krieg großartig unterging, ist wahr.

Dieser vom Stamme Cham geschaffenen Einheit steht nun, ihr auch in das Westbecken des Mittelmeeres nachfolgend, eine Vielheit ohnegleichen gegenüber: die Kolonien der Griechen, welche im Verlaufe der Zeit einen sehr großen Teil der Barbarenwelt mit einem hellblinkenden Rand von Küstenstädten versehen5. Der von der Mitte des VIII. bis zu der des VI. Jahrhunderts dauernde Prozeß aber, in welchem dies geschieht, fordert noch heute das Erstaunen der Betrachtenden heraus. Suchen wir uns zunächst einen Überblick über diese gewaltige Leistung des Stammes Japhet zu verschaffen.

Noch in das II. Jahrhundert v. Chr. soll die Gründung des campanischen Cumä durch Bewohner des euböischen Kyme fallen6. Von hier gingen später Dikäarchia und Neapolis aus. Für uns steht diese erste Gründung aber vereinzelt und zweifelhaft da, weil mindestens 200 Jahre sie von allen folgenden trennen. Nun aber kommen, wenn wir bei unserer Aufzählung vom griechischen Mutterland ausgehen, vor allem die Kolonien des von zwei Meeren bespülten Korinth: auf Sizilien Syrakus (735), von dem aus dann wieder Akrai und Enna gegründet werden; im Nordwesten Kerkyra (706) und dessen Tochterstadt Epidamnos (626) sowie Ambrakia, Leukas, Anaktorion und Apollonia, endlich auf der thrakischen Halbinsel Pallene Potidäa. Von megarischen Kolonien ist zu nennen das hybläische Megara auf Sizilien (729), dessen Tochterstadt Selinunt (629), und dann im Norden und Osten: Chalkedon (685), Selymbria, Byzanz (660), auch das pontische Heraklea, die Mutterstadt von Chersonnesos (Sebastopol). Von dem achäisch-ionischen Ägialea gehen Sybaris (709) und Kroton (708) aus; eine der 25 meist am tyrrhenischen Meere gelegenen Kolonien des erstern ist Poseidonia (Pästum). Die ozolischen Lokrer gründen in Italien das epizephyrische Lokri (um 700), die Spartaner Tarent (705), von wo aus (mit Thurii zusammen) dann später an der Sirismündung Siris (Heraklea) angelegt wird. Als Mutter unzähliger Städte lernen wir ferner Chalkis auf Euböa kennen. Noch ein paar Jahre vor Syrakus wurde von hier aus das sizilische Naxos (741) angelegt, von dem dann wieder Katana und Leontini ausgingen, ferner (mit cumanischer Zutat) Zankle und auf der italischen Seite des Faro Rhegion (vor 700), weiterhin[62] auf Sizilien Himera (650) und dann wieder im Norden auf der Halbinsel Chalkidike nicht weniger als zweiunddreißig Städte, während das benachbarte und an diesen Gründungen teilweise beteiligte Eretria sich für seine eigenen Kolonisationen hauptsächlich deren westlichsten Arm, die Pallene, ausersah. Rhodisch-kretische, also dorische Kolonien waren im VII. Jahrhundert Gela und dessen später berühmtere Tochterstadt Akragas, von Knidos (mit Rhodos zusammen) wurden die liparischen Inseln kolonisiert, von Thera das glorreiche Kyrene (um 632), das mit seinen Tochterstädten Barka, Taucheira und Euesperidä ein Hellenolibyen der allermerkwürdigsten Art bildet. Von den Cykladen hatte Naxos (mit Chalkis) Anteil an dem sizilischen Naxos, Andros gründete Akanthos, Stageiros, die Vaterstadt des Aristoteles, sowie Argilos und Sane am strymonischen Golf, die Parier kolonisierten – bekanntlich unter Beteiligung ihres Mitbürgers Archilochos – die Insel Thasos (681), von der dann wieder Apollonia, Galepsos und Oisyme an der thrakischen Küste gegründet wurden, Ionier von Teos das thrakische Abdera.

Und nun die Kolonien der andern Städte Kleinasiens und der zugehörigen Inseln. Schon am Anfange des VIII. Jahrhunderts gründet Milet Sinope, dessen Tochterstadt Trapezunt (756) ist. Nachdem einmal dieser Anfang gemacht ist, wird um die nämliche Zeit, da die Megarer sich am Bosporus festsetzen, von dem nämlichen Milet aus der Hellespont und die Propontis kolonisiert. Hier wird Kyzikos eine milesische Stadt und wird (um 700) die Insel Prokonnesos besiedelt, dort werden Abydos, Parion, Lampsakos (652) angelegt. Und bald folgen längs dem westlichen und nördlichen Ufer des schwarzen Meeres eine ganze Masse von milesischen Kolonien: Odessos, Tomi, Istros (um 656), Tyras am Ausflusse des Dniestr, Olbia an dem des Dniepr, Pantikapäon auf der Krim, Dioskurias am Kaukasos und viel andere; es soll von Milet aus der Pontus mit über siebenzig Städten bevölkert worden sein. Und trotzdem hatte die Stadt noch die Kraft, als in der nämlichen Zeit, namentlich vom Psammetich an, Ägypten den Griechen erschlossen und von ihnen kommerziell invadiert wurde, daselbst an Orten wie Kanopos und Naukratis die Hauptrolle zu spielen. Mit demselben Ägypten stand auch Samos in starkem Verkehr. Was soll man aber dazu sagen, daß die von Kambyses aus Theben gegen das Ammonium entsandte Division sieben Tagemärsche von Theben auf der größern Oase eine samische Stadt antraf, deren Bewohner der äschrionischen Phyle angehörten? Schiffe der nämlichen Samier wurden um 630 vom Ostwind über die Säulen des Herakles hinaus nach Tartessos geführt, von wo sie mit großem Gewinn zurückkehrten; aber auch sie sind nicht die allerkühnsten, sondern nun kommen die Phokäer, deren Fahrten erst recht anfangen, wo die der andern aufhören. Ihre pontischen Kolonien gingen an Milet über; aber sie zuerst fuhren im adriatischen[63] Meere über Kerkyra hinauf zu den etruskischen Häfen Hadria und Spina, und sie sind es, die nun im westlichen Becken des Mittelmeers Kolonien gründen: vor allem Massalia (um 600) und von hier aus an der Riviera Antipolis, Nicäa, Monoikos, im Westen Agathe, bereits in Catalonien Emporiä, dessen von den Rhodiern gegründete Nachbarstadt Rhode (Rosas) gleichfalls an sie übergeht. Auf Korsika müssen sie zwar das zur Sicherung des Verkehrs mit Massalia angelegte Alalia wieder aufgeben, gründen aber dafür um 553 an der lukanischen Küste Elea. Endlich wird von ihnen und den Massalioten gemeinsam nördlich vom spanischen Kap St. Martin Hemeroskopeion angelegt, und es werden sogar Verbindungen mit dem Ibererkönig Arganthonios an der Bätismündung angeknüpft. Welch ungeheure Wirkung mußte das Dasein von Hellenen auf diese westliche Barbarenwelt üben, denken wir nur an den Einfluß, den das eine Massalia auf sein gallisches Hinterland hatte!

Diese ganze unermeßliche koloniale Tätigkeit, womit die Nation die Welt erfüllt, bietet nun ein völlig anderes Bild als das karthagische Kolonialwesen. Vor allem zeigt sich uns statt eines enormen einheitlichen Geldgeschäftes ein Regen zahlloser Einzelkräfte. Sodann findet keine Beherrschung der Kolonien durch die Mutterstädte statt. Wer auszog, das waren Griechen so gut als die Zurückbleibenden, und sie zogen aus, um frei zu bleiben oder frei zu werden; von einer Beherrschung etwa durch SöldnerA1 konnte keine Rede sein, so wenig als von einer Besteuerung zugunsten einer steuerfreien Metropole. Überhaupt hat, wie wir sehen werden, nur etwa Korinth Kolonien näher an sich zu fesseln gesucht als durch ein bloßes freundliches Pietätsverhältnis, und dies ist ein unglückliches Beispiel gewesen. Sonst bestand, im Gegensatz zu Karthago, nicht der Anspruch, mit den Kolonien ein Reich zu bilden, und damit fiel auch jeder Grund zur Verhaßtheit für die Mutterstadt weg; die neue Polis konnte sich völlig autonom entwickeln, und niemand hatte etwas dagegen einzuwenden, wenn sie, wie Massalia und Byzanz, sehr viel wichtiger als jene wurde. Schließlich ist hier auch der Handel nicht die, sondern eine Hauptsache, und da man nicht nur seinetwegen ausgezogen ist, sondern um eine Polis zu bilden, läßt man die fremden Waren zu. So viele Städte, so viele Staaten und freie, gegen gewöhnliche Zölle offene, jeden Augenblick jeder Konkurrenz untertane Handelsplätze. Kein Wunder, daß diese Kolonien eine ganz andere kulturgeschichtliche Potenz als die karthagischen wurden. Welch kolossales Interesse hängt sich an sie dadurch, daß der Hellene seine hellenische Denkweise überallhin mitbringt und durch sie die Nationen miteinander in Verbindung setzt! Durch seine Waren und seine Anschauungen, das Materielle und das Geistige, ist er der große[64] Vermittler zwischen den früher isolierten Völkern; durch den von ihm dem Barbarenufer angewobenen Saum griechischer Städte hängt die Welt zusammen; überall ist der Strand diejenige Gegend, wo man Griechisch versteht, wo sich Mischvölker bilden können, und wo das Binnenland seine höhere Kultur holt.

Nicht immer leicht sind Wanderung und Kolonisation voneinander abzugrenzen, obschon Thukydides scharf scheiden will7. Pausanias z.B. erzählt schon die Gründung der ionischen Städte an der kleinasiatischen Westküste ganz so, als ob es sich um eine Kolonialaussendung handelte8; und höchst rätselhaft wird zumal immer bleiben, wieviel von der Hellenisierung des Südrandes von Kleinasien und Zyperns der frühern und wie viel spätern Bewegung zuzuschreiben ist9; wir werden im ganzen annehmen dürfen, daß oft eines in das andere hinübergegriffen habe. Für uns aber handelt es sich nun darum, den Gründen der Ortsveränderungen überhaupt nachzufragen, und da mag uns vor allem eine Stelle Senecas10 leiten, welcher als Ursachen dieser »publica exilia« die Flucht vor Feinden, welche die Heimat erobern, bürgerliche Unruhen in dieser Heimat, Übervölkerung derselben, Pest, häufige Erdbeben, Unfruchtbarkeit und Anlockung durch den Ruhm fruchtbarern Bodens nennt, als Umstände aber, unter denen die Niederlassung erfolgt, neben der Eroberung durch Waffengewalt auch das müde oder durch Mangel erzwungene Niedersitzen eines wandernden Volkes namhaft macht. Jedenfalls ist für die Griechen entscheidend, daß bei ihnen der Mensch immer mehr gilt als seine Stätte und seine Habe. »Wo ihr euch auch setzt, werdet ihr eine Stadt sein«, sagt Nikias11 zu seinen in das Innere von Sizilien abziehenden Landsleuten, ein Wort, das kein Barbar hätte sagen können. Und nun kam zu diesem städtegründenden Geiste noch der Geist der Seefahrt. Nachdem man zuerst gewiß mit den Phöniziern gefahren war und diesen ihre Wege zum Teil abgelernt hatte, ließ die See den Griechen keine Ruhe mehr; sobald eine Seestadt irgend erstarkt und politisch zur Bedeutung kommt, wird sie sich auf dem Wasser versuchen, mag ihr Binnenland auch noch so gut und nutzbringend sein.

Eine heimischeA2 Stadt hat dem Binnenland vielleicht schon längst gegen Lebensmittel alle Bedürfnisse der höhern Kultur geliefert, und wären[65] es auch nur schönere und bessere Waffen und Gewänder; sie hat sich gewöhnt, der Industrieplatz für dasselbe zu sein, dabei aber Zufuhr von außen und Verkehr mit der Intelligenz von draußen immer weniger entbehren können. Da zu den frühsten Bedürfnissen aus dem Auslande die Metalle gehören, für deren Gewinnung die Phönizier Lehrer und Vorgänger sind, wird ein erstes Stadium anzunehmen sein, da man um industrielle Versorgung des Binnenlandes und um eigenen Bedarfes willen die Metalle in der Ferne suchen geht. Das zweite wird sodann sein, daß die sehr dicht gewordene Bevölkerung um den Archipel bald nicht mehr genügende Kornfluren zwischen ihren Gebirgen und Golfen hat; sie wird zunächst mit ihrem Wein und Öl, dann aber besonders mit Waffen, Gefäßen und Luxussachen nach den Kornländern ausfahren, auch die bessern Fischfangstätten der Ferne aufsuchen.

Der Handel versteht sich nämlich bei den Griechen nicht so ganz von selbst, und vollends die Industrie nicht, weil gegen alles Banausische, alles, was der geistigen und gymnastischen Ausbildung im Wege war, und vollends gegen jede Arbeit in bezahlter Abhängigkeit von andern ein starkes Vorurteil bestand und selbst der eigenhändig betriebene Ackerbau mit der Zeit kaum noch als etwas Würdiges galt. Dieses Vorurteil konnte nur durch sehr großen Nutzen und großes Bedürfnis aufgewogen werden; man mußte Barbarenländer aufsuchen, welche gegen die eigenen, relativ wohlfeil produzierten Waren wertvolle Naturprodukte jeder Art hergaben. Und nun mögen am Bar barenstrand aufeinander gefolgt sein 1. momentane Ufermärkte, 2. Landerwerb bei den Eingeborenen, welcher sich anfänglich auf Faktoreien mit Magazinen beschränkte, 3. endlich, aber erst zuletzt, die Gründung einer Tochterstadt.

Bei dieser letztern wirkten dann allerdings gerne politische und soziale Ursachen mit. Daß wegen Unterliegens im Kriege eine ganze Bürgerschaft wirklich wegflieht, oder hierzu bereit ist, kommt besonders bei Gelegenheit der Kämpfe mit Lydern und Persern vor; doch gehen auch schon nach den messenischen Kriegen wenigstens starke Teile des unterlegenen Volkes nach Italien und Sizilien. Die Theräer bestimmte zu der gefürchteten Gründung von Kyrene eine andauernde Hungersnot; es war dies einer der sehr ernsten Fälle, da durch Staatsbeschluß eine bestimmte Quote der Bevölkerung, und zwar jeweilen von zwei Brüdern einer, den das Los dazu bestimmte, entsandt wurde12; die Enge des bisherigen Gebietes, also die Übervölkerung, wird als Grund zur Auswanderung von Meliern nach Karien angegeben13. Neben solchen Kalamitäten ist das[66] Bestimmende am häufigsten, was der Grieche Stasis (Bürgerzwist) nennt, im weitesten Sinne des Wortes. Hier kommt hauptsächlich das harte Schuldrecht und anderer Druck gegen einen, sei es von jeher vorhandenen, sei es neu entstandenen, minder berechtigten oder besitzlosen Volksteil in Betracht. So gründete nach dem ersten messenischen Kriege eine gegenüber der heimischen Aristokratie minderberechtigte Kaste der spartanischen Dorer, die sogenannten Parthenier, Tarent14. Auch daß es vorwiegend Leute aus dem korinthischen Dorfe Tenea waren, die sich mit Archias an der Gründung von Syrakus beteiligten15, wird aus der harten Herrschaft zu erklären sein, welche die korinthischen Adligen ausübten; einen Ersatz für die Abgezogenen wird man sich durch gekaufte Sklaven geschaffen haben. Ist dann eine solche Schar einmal fort, so wird sie nicht mehr heimgelassen. Diejenigen Eretrier, welche Kerkyra besetzt hatten und wieder abfahren mußten, als Charikrates mit der korinthischen Seemacht erschien, wurden, als sie zurückkommen wollten, von ihren bisherigen Mitbürgern mit Schleudern an der Landung verhindert; sie fuhren dann nach Thrakien und gründeten Methone16, und ähnlich erging es auch den Theräern des Battos, als sie von einer ersten Fahrt nach Libyen unverrichteter Dinge zurückkehrten17. Übrigens setzte man selbst; für die mythische Zeit bei Uneinigkeit gleich voraus, es sei dadurch die Entsendung einer Kolonie nötig geworden. Als z.B. der Stammheros Lokros mit seinem Vater Streit hat, zieht dieser viele Bürger an sich und befragt den Gott wegen Auswanderung, worauf derselbe ihm in der Tat eine Weisung gibt18. Im ganzen hat man den Eindruck, die Kolonisation der Fremde allein habe der Heimat die furchtbarsten Parteikämpfe erspart, die bei der erwähnten enormen Fruchtbarkeit des griechischen Volkes sonst notwendig gekommen sein würden.

Die Sache vollzog sich nun zwei oder drei Jahrhunderte hindurch wie ein Naturprozeß, ungefragt, als müßte es so sein. Einzelne Städte müssen als Großunternehmerinnen das auswanderungslustige Volk von weit und breit aus ihren Nachbarstädten, doch immerhin, wo möglich, nur das Volk eines Stammes, in die Ferne geführt haben; besonders talentvoll erwiesen sich Milet und Chalkis auf Euböa hierfür. Der Ort wurde immer möglichst gut und rationell gewählt, weil man sich dessen bewußt war, was zu Hause gefehlt hatte, und dessen, was vortrefflich war. Man sah auf[67] eine möglichst verteidigungsfähige Lage, Häfen, Quellen, fruchtbare Umgebung; oft freilich muß ein einziger, dann aber überwiegender Vorzug entschieden haben. Ganz als ob ein Gereister einer Stadt einen ganz wundervollen Platz zur Anlage einer Tochterstadt empfehlen wollte, klingt die klassische Stelle, da Odysseus die vor der Kyklopenküste liegende Ziegeninsel schildert19. Man hört hier den wahren Auswanderungsagenten, der die Leute lüstern macht, indem er ihnen darstellt, wie die Insel nicht zu nahe und nicht zu fern von dem größern Lande liegt und jetzt nur deshalb unbewohnt ist, weil die Kyklopen sich auf Schiffahrt nicht verstehen; ihr herrlicher Boden würde alles zu seiner Zeit tragen, es sind dort saftige Wiesen und fettes, leicht zu bearbeitendes Ackerland, und auch der Wein würde reichlich gedeihen. Und dann der herrliche natürliche Hafen, wo man die Schiffe weder mit Tauen noch mit Ankersteinen zu sichern braucht, sondern sie einfach ans Land stoßen und warten kann, bis man weiter begehrt und die Fahrwinde wehen, und am obern Ende dieses Hafens fließt ein klares Gewässer aus einer Grotte hervor, und Silberpappeln stehen darum. Die Sache wird so appetitlich gegeben, wie heutzutage nur eine Gegend in Amerika beschrieben werden kann.

Und nun breitet sich das Volk des Archipels wie ein Fächer zu einer Weltnation aus. Überall aber behaupteten die Kolonien die griechische Sprache, da sie das Bewußtsein hatten, daß ihr Griechentum ihr Bestes und jede Barbarisierung ein Untergang sei20. Nur mit dem Griechentum blieben sie Staaten, und nur, indem sie Staaten waren, behaupteten sie ihr Griechentum. Und diese Kolonisation des Mittelmeeres geschah vor der Zeit der höchsten griechischen Geistesblüte und sicherte derselben zum voraus eine gewaltige Expansion.

Was den Handel betrifft, so ist es bis zu einem gewissen Grade möglich, die Waren zu bezeichnen, welche die Kolonien aus ihren Binnenländern gegen ihren Wein, ihr Öl, ihre Geräte, Waffen, Gewebe usw. bezogen; eine vollständige Aufzählung würde freilich eine lange Liste ergeben. Vor allem der Pontus lieferte Korn, Flachs, Schlachtvieh, Häute, Sklaven, Honig, Wachs und gesalzene Fische, von Kyrene kamen Pferde, Sklaven, Gewürze und das Arzneikraut Silphion, als Ausfuhrartikel aus Massalia war vielleicht das britannische Zinn schon sehr wichtig, die liparischen Inseln produzierten Alaun usw. Vieles verbrauchten natürlich die Kolonien selbst für die eigene Industrie, anderes tauschten sie weiter von Kolonie zu Metropole und von Kolonie zu Kolonie. Allein der wesentliche Grund ihres Daseins ist, wie schon gesagt, nicht der Handel, derselbe[68] dient den Auswanderern vielmehr nur als Mittel, um als freie Bürgerschaften zu leben und ihre Kräfte zu erproben. Mochte sich dann auch ein Karthago gegen sie abschließen, sein Reich tyrannisch ausbeuten und durch Söldner bewachen, auch wohl sich mit den dumpfgeistigen Etruskern gegen sie verbünden und z.B. den Phokäern den Aufenthalt auf Korsika durch den Sieg bei Alalia unmöglich machen, der Grieche gibt deshalb seine Sache nicht auf, wie gerade das Beispiel der Phokäer zeigt, die sich dafür an der Küste des italischen Festlandes setzten und das in der Geschichte des griechischen Geistes zu so hohem Ruhme bestimmte Elea gründeten.

Das größte Phänomen, daß die Kolonien einander so wenig im Wege waren, und daß relativ so lange zwischen Nachbarkolonien Friede bestand, ja daß eine Mutterstadt die Aufgaben der andern, deren »Fahrgeleise im Meere« respektierte, daß sogar z.B. im Golf von Tarent gewisse Distanzen von Stadt zu Stadt beobachtet wurden, ist nur aus der einheitlichen höhern Leitung des Apoll von Delphi (für Milet vielleicht auch des milesischen Apoll) zu erklären21. Keine Kolonie wurde ohne Befragung und Geheiß des großen Kolonialgottes ausgesandt, des »führenden« (ἀρχηγέτης) Apoll, an dessen Altar bei dem sizilischen Naxos die sizilischen Griechen zu opfern pflegten, ehe sie nach Delphi oder Olympia abfuhren, und keine glaubte ohne seinen Schutz zu gedeihen. Dafür erhebt aber auch erst die Kolonisation die Macht des Orakels aufs höchste; dankbare Kolonien senden ihm mehr als eine »goldene Ernte« zu, und ihre Leute pflegen bei den pythischen, wie übrigens auch bei den sonstigen panhellenischen Festen mit Glanz aufzutreten. Diese Stellung des Orakels zum Kolonialwesen hat eine große Welt- und Völkerkunde der delphischen Priesterschaft zur Voraussetzung, die gewiß im Besitze eines Schatzes von Nachrichten aller möglichen Reisenden war. So war sie imstande, den Unternehmungen ihre richtige Bahn zu weisen22 und dazu beizutragen, daß Vergeudung und Zersplitterung der Kräfte vermieden wurde, so wie sie auch das Ihre zur Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Metropolis und Tochterstädten tat.

Wie der Gott befragt wurde, und was er antwortete, wird von einer Menge von Ausfahrenden gemeldet; aber freilich sind die überlieferten Sprüche absichtlich dunkel und die Umstände anekdotisch23. Namentlich[69] kleidet sich in solche Anekdoten auch leicht ein späteres Urteil ein. Als z.B. der Korinthier Archias und der Achäer Myskellos zugleich nach Delphi kommen, fragt sie der Gott, ob sie Reichtum oder Gesundheit wollen, worauf jener, der den Reichtum wählt, Syrakus, dieser das gesunde Kroton gründet. Im übrigen enthalten die gewiß fast nirgends, so wenig als bei den Städten in der Heimat fehlenden Gründungssagen, in denen solche Orakel vorkommen, auch sonst manche bemerkenswerte Züge, natürlich immer in majorem stirpis gloriam. Sehr schön poetisch ist die von Massalia, wonach die Tochter des gallischen Häuptlings dem zu ihrer Hochzeit eingeladenen Phokäer statt dem einheimischen Freier das Wasser reicht24; doch geht es wohl auch treulos und grausam zu, indem die frühern Einwohner hinausgesperrt und getötet werden25. Wie bei Massalia wird auch sonst der barbarische Bestandteil der neuen Bürgerschaft gerne in der Gestalt einer einheimischen Fürstentochter symbolisiert, die dann öfter den Griechen gegen die ihren Hilfe bringt26. Ein beliebter sagenhafter Zug ist es auch, daß bei der Bestimmung des Ortes Tiere als Führer dienen müssen27.

[70] Und nun die religiöse Seite der Kolonisation überhaupt. Während man in der Kolonie, die ja die Heimat ohne deren Übelstände darstellen sollte, vieles vermied, was man dort gehabt hatte, brachte man sicher deren Heiligtümer mit28. Vor allem führte man vom Stadtherd im Prytaneion Feuer mit sich, das man unterwegs unterhielt; Mutter- und Tochterstadt sollten dadurch eine geheime gemeinsame Seele haben. Auch identisch geformte Götterbilder (Xoana) wie die der Heimat wurden mitgenommen, z.B. von den Phokäern eines der ephesischen Artemis; Priester und Seher aus alten Geschlechtern begleiteten die Ausziehenden; die Feste des betreffenden Stammes wurden in weiter Ferne festgehalten; in aller Gefahr feierte z.B. Massalia seine Anthesterien (Floralien), und das von Pylos aus gegründete Metapont hielt an dem Totenopfer für die Neleiden fest. So bestand überall der Wille, der Heimat gedenk und in einem geheimnisvollen Rapport mit ihr zu sein. Und hierher gehört es auch daß Orts- und besonders auch Flußnamen gerne aus der Heimat verpflanzt wurden. Wie es auch im alten Griechenland eine Sybarisquelle und einen Krathis gab, so führt im neuen der Galäsus bei Tarent auch den Namen Eurotas, und Polyb bemerkt ausdrücklich29, daß die Tarentiner in ihrer Landschaft und ihrer Stadt viele solche Erinnerungen an die Verwandtschaft mit Lakedämon hätten. Alles dies hatte eine ganz andere Bedeutung, als wenn Europäer ihre Ortsnamen in Amerika wiederholen30; der ausgewanderte Hellene tut alles, um der Kolonie das poetische und religiöse Band mit der Heimat zu sichern.

Was den Bau anbelangt, so haben wir für die Zeremonien der Gründung ein einziges umständliches, leider aber komisch verzerrtes Bild in der Darstellung, die Aristophanes in den Vögeln von der Gründung Nephelokokkygias gibt. Euelpides und Peisthetairos haben daselbst (43) die Opfergeräte von Anfang an bei sich; nachher findet ein Dankfest (850 ff.) statt, wobei ein Priester, das Gebet ins Vogelmäßige parodierend, Götter und Heroen anruft; dann erscheinen der schlechte Dichter und der Chresmologe; reine Posse ist es endlich, wie der Astronom Meton[71] als Vermesser der Straßen für die Luftstadt auftritt, und diesem der athenische Aufseher über Bundesgenossen und der Händler mit Volksbeschlüssen folgen.

Ihrer Anlage nach werden sich die Kolonien von ihren Metropolen durch den zweckmäßigen und nach Kräften regelmäßigen Bau unterschieden haben. Während die alte griechische Stadt vielleicht ein Produkt von Zufälligkeiten oder großer Not war und heftige Änderungen erfahren hatte, sollen schon die kleinasiatischen Städte, ein Ephesos, Milet usw. rationell angelegt gewesen sein; und in den Kolonien konnte man erst recht logisch verfahren. Es gab hierfür später eigentliche Städtebaumeister. Von Thurioi erfahren wir, daß man parallele Straßen anlegte und diese mit parallelen Straßen durchschnitt, später (408) wurde auch die Stadt Rhodos nach einem ganz bestimmten Plan gebaut.

Außer einer bestimmten Mutterstadt wurden die Kolonien nach der Herkunft der die Ansiedlung leitenden Geschlechter auch einem bestimmten Stamme zugeschrieben, also als achäisch, dorisch oder ionisch benannt. Demgemäß parteiten sich z.B. im sizilischen Krieg die Städte nach ihrer dorischen oder ionisch-achäischen Herkunft zwischen Athen und Syrakus, freilich nicht so, daß Thukydides nicht ausdrücklich auch Ausnahmen notieren könnte. Von diesen Geschlechtern abgesehen, mochte man dann die Masse nehmen, wie man sie bekam; sie wird oft stark gemischt gewesen sein, wie ja zahlreiche Mischungen auch schon in der großen ionischen Kolonisation nach der dorischen Wanderung werden anzunehmen sein, und es war deshalb die Zuteilung oft noch spät streitig. Schon die Beschlüsse werden nicht immer in ruhigen Zeiten gefaßt worden sein, und die Abreise ging nicht immer in Güte; um Akanthos konnten sich Andrier und Chalkidier schon bei der ersten Besetzung des Ortes streiten31. Ferner kam es vor, daß eine Kolonie durch spätern heterogenen Zuzug verstärkt wurde; derselbe konnte vom Gotte angeordnet sein, konnte aber auch die Vertreibung der einen oder der andern im Gefolge haben32. Auf hochgespannte Erwartungen, mit denen man ausgefahren war, wird oft ein schwerer Rückschlag und entsprechender Unfriede gefolgt sein; das hellenische Wesen mußte sich eben auf die Gefahr großer Verluste hin versuchen; hier hatte es Erfolg, dort nicht.

Die Anführer der Gründung (οἰκισται oder κτισταί) waren natürlich ausgesuchte Leute; auch die Sage setzt für sie voraus, daß sie einen großen persönlichen Eindruck gemacht hätten oder bildschön gewesen[72] seien33. Sehr häufig sind es ihrer zwei34, was seinen Zweck teilweise in der Notwendigkeit gehabt haben kann, bei Behinderung oder Tod des einen sofort einen Ersatz bereit zu haben. Auch spät wurde ihnen noch hohe Verehrung zuteil. Sie galten als Heroen und genossen Opfer und Agone und andere Jahresfeste, und ihre Gräber waren an feierlicher Stelle, in Tempelhöfen, Gymnasien usw., oder standen auch als besondere Ziergebäude auf der Agora35. All diese Andacht genierte aber die nämlichen Griechen an vielen Orten nicht, mit der größten Beharrlichkeit neben den historischen Gründern noch solche aus der alten mythischen Zeit zu nennen. In den Städten von Unteritalien, Sizilien und der kleinasiatischen Südküste kennt man beinahe nur solche; überall sollten Herakles, Odysseus, Äneas, Diomed, Philoktet u.a. selbst oder doch deren Gefährten hingekommen sein, wobei kein Unterschied zwischen Griechen und Troianern gemacht wurde; Agamemnons Kinder waren lange vor den Milesiern am schwarzen Meer, Kalchas erscheint als Städtegründer in Pamphylien und Kilikien, ist eigentlich im Tempel des Apollon Klarios zu Kolophon begraben und hat doch sein Heroon mit Schlaforakel im italischen Daunierlande. Es mochten hier zum Teil echte Erinnerungen an eine noch frühere Zuwanderung aus Griechenland mitwirken, zum Teil aber auch der Wunsch, Göttersöhne als Gründer seiner Stadt zu haben. – Ein bezeichnender Zug ist, daß Enkelinnenstädte ihren oder doch einen ihrer Gründer gerne aus der Großmutterstadt bezogen36. Höchst schmählich war es, wenn eine Kolonie unter veränderten politischen Umständen ihren Gründer verleugnete, wie die Amphipoliten nach ihrem Übergang zu Sparta mit dem Athener Hagnon taten, indem sie die an ihn erinnernden Gebäude demolierten und alle Andenken an seine Gründung zernichteten, dafür aber den vor Amphipolis gefallenen Brasidas vor der Agora herrlich begruben und mit Festen ehrten, weil er ihr wahrer Gründer und Retter sei. Bei ihrer jetzigen Feindschaft gegen[73] Athen dachten sie nämlich, »daß Hagnons Kult für sie fortan weder vorteilhaft noch angenehm sei«37. – Ein eigentümlicher Fall war es, daß Apoll den so sehr gemischten Thurioten, welche über die Frage, wer als Gründer der Stadt zu benennen sei, schweren Streit bekommen hatten, den Bescheid erteilte, er selber wolle als solcher betrachtet sein, und so die Eintracht wieder herstellte38.

Und nun das Verhältnis zu der vorgefundenen barbarischen Bevölkerung. Mit dieser lebte man auf so gutem Fuße, als nur immer anging. Die Existenz der Kolonie sollte ein Vorteil für sie sein, zumal sollte sie hier ihren natürlichen Markt haben, und sie selber hatte ja bisher mit dem herrlichsten Hafen, der festesten Position oft nichts anzufangen gewußt und erfuhr die Vorteile ihrer Lage erst jetzt, wie sie auch wohl meist erst jetzt Entwässerung des Bodens, Landvermessung und bessern Anbau kennen lernte. Trotz Vermählung mit den Frauen des Landes39 getrauten sich die Griechen, ihr Blut griechisch zu halten, und da sie den Willen dazu hatten, was ihnen bei ihrer Furcht vor dem barbarisch werden (ἐκβαρβαρωϑῆναι) sehr nahe gelegen haben muß, setzten sie es auch durch.

In mehreren Gegenden bildete sich nun um die Kolonien herum eine Mischbevölkerung. So finden wir am Pontusstrand die Hellenoskythen, bei denen hellenische Sprache und Sitte nach Kräften wird fortgepflanzt worden sein; die Schätze der südrussischen Gräber zeugen von ihrem Eingehen auf Kultur und Luxus der Ankömmlinge. Das Gleiche war bei den Rhonekelten der Fall, was schon die eine Tatsache der Verbreitung des griechischen Alphabets in Gallien beweist. Eine förmliche Mischrasse waren in Ägypten seit Psammetich die sogenannten Dolmetscher (ἑρμηνεῖς), ja um Kyrene herum gab es Hellenolibyer, d.h. farbige Menschen in hellenischem Kostüm, von denen sich in den dortigen Gruftmalereien Abbildungen gefunden haben40.

Anderswo aber, z.B. in Sizilien und Unteritalien, finden wir eine zusammenhängendere, rein griechische Bevölkerung, ein wahres Großgriechenland, das an der Küste auf die weitesten Strecken gar keine barbarischen Elemente mehr hat.

[74] Nun wurden freilich manche, auch sehr mächtige Kolonien durch stärkere Stöße aus dem Binnenlande zerstört. Von den unteritalischen blieben mit der Zeit bloß Tarent, Rhegion und Neapel griechisch und aufrecht, alle übrigen waren den Samniten und Lukanern erlegen und ebenso die Pontusstädte den Geten, auch das hellenische Libyen mußte wenigstens wiederholt Nachschub erhalten41. Allein es war bei den Kolonien eben einmal auf Verlust von vornherein gerechnet; trotz diesem allem sind sie es doch gewesen, die das Mittelmeer so lange gegen die Karthager hielten, bis Rom mächtig genug war, um es dem Stamme Cham definitiv zu entziehen.

Was ferner das Verhältnis zur Metropole betrifft, so kommt vor allem in Betracht, daß Zweige derselben Familien in Mutter- und Tochterstadt angesehen waren, und daß diese, wie wir oben (S. 71) gesehen haben, sorgfältig an den Gottesdiensten jener festhielt, welche damals wohl auch an die alten Familien gebunden waren. Auch sonst äußerte sich die Pietät auf verschiedene Weisen: Bürger der Mutterstadt wurden, wenn sie kamen, ehrerbietig aufgenommen; für viele bürgerliche Ordnungen, besonders für alles heilige Recht, wurde dieselbe um Rat gefragt42, ja bisweilen noch nach Jahrhunderten der Entfremdung zur Beseitigung von Wirren um Hersendung von Bürgern als »Ordnern« angegangen, und ebenso erbaten sich, wie bereits gesagt, Tochterstädte etwa bei Gründung einer neuen Tochterstadt die Führer von der Mutterstadt43. Dafür ehrte man die Mutterstadt gerne durch eine glänzende Stiftung, wie es denn z.B. bei Trözen einen von den Halikarnassiern erbauten Isistempel und in Sparta ein Athenebild gab, das die nach Tarent und Italien Übergesiedelten hingeweiht hatten44. Ein Beispiel von Hilfe, die der Mutterstadt in politischen Nöten noch in später Zeit gewährt wurde, ist es, daß Massalia von den Römern im Aristonikoskriege (133 v. Chr.) Begnadigung für die schuldige Mutterstadt Phokäa erbat45. Eine dauernde und vorteilhafte Verbindung zwischen beiden Städten wird jedenfalls auch immer durch den Handel unterhalten worden sein.

Dagegen eigentliche politische Herrschaft der Mutterstadt wurde kaum hie und da versucht. In dieser Beziehung ist der große Prozeß zwischen Korinth, Kerkyra und Epidamnos, der am Anfang des thukydideischen[75] Werkes46 berichtet wird, für die allgemeinen Dinge nicht maßgebend, sondern etwas Exzeptionelles; denn Korinth verfuhr allerdings von der Bakchiadenzeit an herrschlustig gegen seine Kolonien und liebte, sie wie Außenposten seiner Macht zu behandeln, und demgemäß sagt der korinthische Redner bei Thukydides (I, 38) auch: »Wir haben die Kolonie Kerkyra nicht gegründet, um von ihr beleidigt zu werden, sondern um die Führung über sie zu haben und die gebührende Achtung zu genießen (ἐπί τῷ ἡγεμόνες εἶναι καὶ τὰ εἰκότα ϑαυμάζεσϑαι).« Hier gab es denn gewiß zahlreiche gemischte und unter Umständen kritische Verhältnisse, wie z.B. das der Potidäaten, welche eine Kolonie von Korinth waren und von dort noch jedes Jahr Beamte (ἐπιδημιουργοί) bezogen, zugleich aber sich als zinsbare Bundesgenossen in der Symmachie Athens befanden, das ihnen schließlich die Aufnahme jener Beamten verbot47. Tatsächlich mochte sich eine Kolonie wohl auch der Mutterstadt durch Aufnahme anderer griechischer Einwanderer entfremden, die mit der ursprünglichen Aussendung nichts zu tun gehabt hatten, zumal wenn sie viel Land und wenig Leute hatte.

In der politischen Entwicklung tritt uns vor allem bei den Kolonien ein rascheres Leben vor Augen als bei den Mutterstädten. Man war ja bisweilen geradezu vor der daheim herrschenden Aristokratie, um es anders zu haben, entwichen. So war denn in der Kolonie kein Geburtsrecht aufrechtzuerhalten. Es wurden etwa (so schon in Ionien und dann besonders in Unteritalien) Timokratien mit den sechshundertA3 oder tausend Reichsten an der Spitze eingeführt48; frühe dringt auch hie und da die Demokratie durch, und auch Königtümer49 und Tyrannien erheben sich bald. Für uns wird diese größere politische Beweglichkeit der Kolonien am lebendigsten bei Thukidydes in der Rede des Alkibiades über die Sikelioten50 geschildert, wo hervorgehoben wird, wie locker dort das Bürgertum in den (durch die Synökismen der Tyrannen) stark gemischten städtischen Bevölkerungen, bei den vielen Verfassungsveränderungen und Fremdenaufnahmen sei, wie ein jeder durch Eloquenz oder[76] Parteiung seinen Gewinn am Staate zu machen suche und dann für den Fall des Mißlingens eine leichte Flucht in Aussicht habe, wie bestimmbar die Massen seien. Eine Gefahr mochte oft darin liegen, daß, wie daheim, der Grundbesitz nur in wenigen Händen war, daß sich also gerade der Zustand herstellte, dem man hatte entgehen wollen; wenigstens wird von Thurioi berichtet51, daß die sogenannten Angesehenen (γνώριμοι) denselben gesetzwidrig an sich gerissen und sehr oligarchisch regiert hätten. – Von einem eigentümlichen Notkommunismus, der auf den liparischen Inseln durchgeführt wurde, berichtet Diodor (V, 9). Diejenigen Knidier und Rhodier, die dorthin gekommen waren, wurden durch Angriff tyrrhenischer Seeräuber genötigt, sich so zu teilen, daß die eine Hälfte das Land bebaute, die andere sich gegen die Piraten wehrte; ihr Besitz war dabei gemeinsam, und sie lebten gemeinschaftlich speisend (κατὰ συσσίτια) und eine Zeitlang eigentlich kommunistisch (κοινωνικῶς). Später teilten sie Lipara und noch später auch die übrigen Inseln, aber immerhin nur auf je zwanzig Jahre, worauf eine neue Verlosung erfolgte. Ernst aristokratisch hielt sich nach dem Zeugnisse des Aristoteles52 Massalia, und zwar war dies auf lange der Fall; denn noch Cicero vergleicht das dortige Regiment, wenn es auch in den Händen auserlesener und sehr gerechter Persönlichkeiten war, beinahe mit dem der athenischen dreißig Tyrannen53. In Thurioi dagegen schlug jene oligarchische Herrschaft (freilich erst in dem ruchlosen V. Jahrhundert) völlig in ihr Gegenteil um. Nicht nur zwang der im Kriege geübte Demos die bisherigen Besitzer zur Herausgabe dessen, was sie zu viel gehabt hatten, sondern die ersten Kolonisten wurden von den später hinzugekommenen (προσγραφέντες) größtenteils ermordet, und nun deckten diese den Frevel durch neue Zuwanderung, indem ihnen in das große und schöne Land viele Zuzügler aus Hellas herbeiströmten; der Boden wurde von neuem in gleiche Stücke und die Bürgerschaft in zehn Phylen geteilt, und jetzt erst erfolgte die Hauptgründung, nachdem die Stadt schon durch die ersten in Carrés gebaut worden war54. – Später schätzten sich die Römer glücklich, als[77] Binnenstadt erwachsen zu sein. Romulus, findet Cicero55, habe wohl gewußt, was er tue; Seestädte seien einem besondern Verderb ausgesetzt, mit den Waren kämen stets neue Reden und Sitten sowie jenes ewige unstäte Ausreisen, so daß, auch wer daheim bleibe, doch den Geist auf Reisen habe. Karthago und Korinth seien untergegangen, weil sie ob Handel und Reisen Waffen und Ackerbau vergaßen ... das Meer bringe allen möglichen Luxus ... die griechischen Inselstädte schwämmen samt Einrichtungen und Sitten auf den Fluten; vollends aber lägen alle ihre Kolonien (Magnesia ausgenommen) weit und breit am Meere ... daher all das Unheil und die Änderungen56. Aber bequem freilich sei und bleibe es, überall hin fahren und nach allen Seiten hin die Produkte ausführen zu können.

Welches aber auch die politische Entwicklung einer Kolonie sein mochte, wenn sie nicht durch Übermacht von außen zugrunde ging (was den Eroberern oft schwer wurde!), so überbot sie leicht die Mutterstadt an Geschäften und Produkten, weil sie an ausgesucht guter Stelle angelegt und in ihrer Entwicklung ungehemmt war, an Pracht, weil sie bei ebenso großer Kunstliebe reicher und dazu planmäßig gebaut war, an Schwung und Tatkraft, weil jeder – und darunter waren auch Männer von stark gemischtem Blute – seine Kräfte erproben konnte. Auch an geistiger Tätigkeit standen sie hoch. Während das Mutterland die berühmtesten Künstler und (in Argos) die besten Musiker erzeugte, wurde das alte Kolonialland Ionien die Heimat der frühsten griechischen Philosophen, Pythagoras fand seinen Boden in Kroton, auch an die sizilischen Dichter-Philosophen und die großen Denker von Elea wollen wir erinnern, sowie daran, daß seit dem Ruhm des Demokedes die Krotoniaten und nach ihnen die Kyrenäer als die ersten griechischen Ärzte galten57.

Aber manche Kolonie mag einige Zeit Mühe gehabt haben, mehr zu sein als ein halb oder ganz zugestandenes Piratennest, dem es eines Tages schlecht gehen konnte. Von den Phokäern sagt dies Justin deutlich, und auch Zankle war nichts anderes und scheint erst durch Zuzug weiterer Hellenen ehrbar geworden zu sein58. Andere waren sonst verrufen. So war für das Leichtnehmen aller Dinge und für Frivolität besonders Byzanz typisch59, über das man auch wegen seiner gewalttätigen Finanzoperationen[78] klagte60; dieser Ort war wohl eigentlich durch seine stets kritische Lage demoralisiert, indem enorm reicher Genuß und schwere Bedrohung durch die umwohnenden Thraker zu rasch wechselten. Zu tief ins Wohlleben ging ferner nicht nur Sybaris, welches dafür anekdotisch bekannt ist, sondern auch Städte wie Tarent, Agrigent, auch wohl Kyrene boten dafür starke Beispiele; von den Agrigentinern fand Empedokles, sie bauten, als wollten sie ewig leben: so sehr war, wie es scheint, ihr Privatbau dem anderer Orte überlegen61, und jedenfalls war ja auf Sizilien auch der Ursprung der wissenschaftlichen Kochkunst zu suchen. Die Hauptkausalität wird wohl die gewesen sein, daß in den schon von[79] Anfang an durch Tätigkeit und um der Tätigkeit willen entstandenen Kolonien der Erwerb niemals eine Schande war, und daß sich, weil sein Geist fortdauerte, die Mittel mächtig angehäuft hatten. Immerhin ist zu beachten, daß der Vorwurf des Luxus gerade die Kolonien trifft. Das Mutterland hat sich hierin tadelloser gehalten.

Im ganzen haben wir uns die Einwirkung der hellenischen Kolonien auf die ganze alte Welt unermeßlich groß zu denken. Auch Gegenden wie Mittelitalien, wo Latiner und Etrusker keine Griechenstadt aufkommen ließen, wurden nunmehr von griechischer Kultur und Kunst berührt, nachdem früher durch phönizische Vermittlung eher orientalische Stile in ihnen geherrscht hatten, und gerade in dieser Zeit, als auch in Hellas das mächtigste Aödentum vertreten war, wird am ehesten die griechische Heldensage bei ihnen eingedrungen sein. Anderseits wird aber auch der Gesichtskreis der Hellenen selbst durch die Kolonisation, neben welcher in dieser Beziehung freilich auch das Ägypten erschließende und einzelne Griechen bis in die Dienste Nebukadnezars führende Söldnertum in Betracht kommt, auf das gewaltigste bereichert. Und nun mag man es immerhin beklagen, daß sich, wie gesagt, manche dieser Orte so rasch ausgelebt haben; man wird doch anerkennen müssen, daß ihrer wenige durch bloßes Nachlassen der Kräfte in Ohnmacht versunken sind; fast überall ist entweder eine heftige innere politische Krankheit oder Überdrang von außen die Ursache des Sinkens.

Und als die griechische Nation schon ganz enorme Blutverluste erlitten, als Sizilien schon unter Karthager und Tyrannen verteilt, Unteritalien von den Binnenvölkern teils bedroht, teils ruiniert, das Adriatische Meer durch Seeräuber und den ältern Dionys62 unsicher geworden war, als im Mutterlande Sparta null war, Theben als eine Ruine dalag und gewiß in manchen Gegenden (z.B. Phokis) durch Bürgerkriege Verödung eingetreten war, da füllten Alexander und seine Nachfolger den ganzen vordern Orient noch einmal mit griechischen Städten an, mit jenen Alexandrien, Antiochien, Apameen, Ptolemaiden, Bereniken usw. bis an den Oxus, Iaxartes und Indus. Mesopotamien wurde in seinen Städten ein ziemlich, Kleinasien ein ganz hellenisiertes Land, Syrien ebenso und Ägypten so viel als nötig. Und dies alles geschah zwar nicht immer, aber doch meist freiwillig, ohne Deportation, und die Ansiedler kamen nicht bloß aus Griechenland und Makedonien, sondern auch vom Pontus, von der kyrenaischen Pentapolis, von Italien und Sizilien. Noch einmal wird das Griechische in neuem Sinne eine Weltsprache, und die griechische Bildung zur Bildung überhaupt, und in dieser Gestalt wurde sie[80] dann von den Römern übernommen und zwar mit einer Begeisterung und Ehrfurcht, welche die eigentlich römische Bildung größtenteils zurückdrängte.


In der gleichen Zeit aber, da sich die Griechen durch die Kolonien in die entferntesten Gegenden ausbreiteten, und da Männer vom Schwarzen Meere, aus Ägypten, Kyrene und Spanien beisammen waren, wenn die Gesamtnation sich zu Delphi am Herd Apolls, zu Olympia und an den sonstigen großen Agonalstätten gesammelt darstellte, erlitt das Hellenentum auch große Einbußen. Zunächst wurde Ionien durch die Lyder unterworfen, nachdem das ionische Leben schon bisher unter lydischem Einflusse gestanden hatte. Von den in Sardes regierenden Mermnaden nimmt schon der erste, Gyges (seit 708), Kolophon63; Ardys (657-620) kann zwar Milet nicht nehmen, wohl aber Priene; Sadyattes (620-605) belagert sechs Jahre Milet umsonst; Alyattes (605-555), der, durch die List des Tyrannen Thrasybul getäuscht, diese Belagerung aufhebt und dann durch den Krieg mit Medien lange Zeit beschäftigt ist, zerstört die Mauern Smyrnas, das hierauf vierhundert Jahre lang nur als Dorf bewohnt wird64, und nimmt das wieder abgefallene Kolophon, während ihm Priene und Klazomenä widerstehen. Endlich macht Krösos (seit 555) einen neuen Angriff auf die Städte, welchen Thales umsonst zu einem Bündnis und zur Einsetzung eines Bundesrates geraten hat. Er unterwirft Ephesos und so nacheinander die meisten ionischen, äolischen und dorischen Städte, wobei er freilich nicht einmal Öffnung der Tore, sondern nur Anerkennung und jährlichen Tribut verlangt; mit Milet schließt er ein Bündnis. Die griechische Kultur und Nationalität mag freilich durch diese lydische Herrschaft wenig gelitten haben, und Krösos selbst war ein Philhellene.

Aber nun kommt (546) der Krieg mit Kyros und die persische Eroberung und Herrschaft über die Griechenstädte. Ihr Widerstand ist hart, aber vereinzelt und beim Ausbleiben aller Hilfe von Griechenland aus vergeblich. An diese Eroberung schließt sich die berühmte Fluchtgeschichte der Phokäer, und auch die Teïer wandern aus und gründen Abdera; vergeblich aber wird von Bias eine allgemeine Auswanderung nach Sardinien vorgeschlagen. Man lebte nun eben unter einer leidlichen Herrschaft, zahlte Tribut und stellte Schiffe und Soldaten; in den einzelnen Städten regierten Tyrannen, deren Aufkommen schon Kyros begünstigte; die persischen Satrapen saßen in Sardes und Daskyleion. Die[81] benachbarten Karer hatte Harpagos leicht unterworfen, die Lykier aber erst nach der heroischen Verteidigung von Xanthos.


Im ganzen ist die koloniale und agonale Zeit diejenige, da die Polis unter einer mit der Tyrannis alternierenden Aristokratie steht, und da neben dem festen Rasseglauben jenes eigentümliche Ideal der Kalokagathie, der Einheit von Adel, Reichtum und Trefflichkeit65 als Distinktivum der Griechen in Geltung ist, das seinen Herold in Pindar hat. Überall regiert der Adel, auch in den Staaten, die durch die dorische Wanderung nicht sind umgestaltet worden. Das Herrscherrecht beruht auf dem bessern Blut, dem größern Grundbesitz, der Geübtheit in den Waffen, der Opfer- und Rechtskunde. Die Banausie, d.h. Landarbeit, Handwerk, Kram, Kaufmannschaft und dergleichen ist verachtet. Edle Arbeit ist nur die in den Waffen und die für die Spiele und den Staat, nicht die für die Nöte des Lebens. Emporstrebende Massen läßt man nach den Kolonien abziehen, wo sie dann ihrerseits Aristokraten werden.

Dabei hat man es hier weder mit einem isolierten Landjunkertum noch mit einem Reichsrittertum zu tun, sondern dieser Adel ist eher dem Patriziat mittelalterlicher, zumal italienischer Städte vergleichbar: die Kaste wohnt in der Stadt beisammen und übt gemeinsam und mit Eifer die Herrschaft; zugleich bildet sie die Gesellschaft; schon das Agonale würde genügt haben, um sie zusammen zu treiben. Eine Feindin des Agonalen ist bei ihrem utilitarischen Charakter zwar die Tyrannis, und auch Sparta mit seinem kargen Dorismus, wo sich das AgonaleA4 auf seine besondere Weise fixiert, steht auf der Seite; denn hier findet sich nicht eine wahre Gesellschaft, sondern ein hart herrschendes Eroberervolk, dessen gymnastisches und sonstiges Tun wesentlich den praktischen Zweck hat, die Herrschaft zu behaupten66. Im übrigen Griechenland dagegen lernen wir einen freigebigen, prachtliebenden, wagenfahrenden Adel kennen, dessen Hauptpassion das Halten edler Pferde (ἱπποτροφεῖν) ist, und der Ton, welcher hier angegeben wird, ist so entscheidend, daß auch einzelne Tyrannen, wie z.B. Kleisthenes von Sikyon und die bessern sizilischen sich[82] ebenfalls als edeltrefflich, agonal zu gebärden für nötig finden, freilich als Ausnahmen, welche die Regel nur bestätigen.

Die eine Seite der Erziehung dieser Gesellschaft bilden Festlichkeiten, Prachtopfer, Chöre und Tänze, alles an den Kultus angeschlossen, welcher in seiner Ausweitung als Mythus Anhalt und Quelle aller Bildung überhaupt ist; als die andere aber erscheint die Gymnastik, und zwar nicht als Ursache, sondern bereits als Folge des Agons, da bei der hoch gesteigerten individuellen Ambition die bloß auf die Kriegstüchtigkeit gerichtete Erziehung, welche sich bisher von selbst ergeben hatte, nicht mehr genügte. Hier handelte es sich nunmehr um vollendete Durchbildung des Leibes zur Schönheit, wobei das Individuum sich so gut als für das Musische einer sehr methodischen Lehre unterziehen mußte und sich keine eigenwillige sogenannte Genialität erlauben durfte; denn auch der Gymnastik und allem was daran hängt, kam mächtig die allgemeine Überzeugung vom Werte der Schulung (παίδευσις) zu Hilfe67, eine Überzeugung, die so stark war, daß der Staat (abgesehen davon, daß er die Gymnasien errichtete) seinerseits für die Sache nicht bemüht zu werden brauchte.

Diese ganze Lebensweise machte für alle Zeiten auf die allgemeine griechische Anschauung den stärksten Eindruck. Trotz der Warnungen z.B. eines Phokylides68 war die Geringschätzung der Banausie nicht mehr aus dem griechischen Geiste zu tilgen und behauptete sich fest in der Literatur. Mäßige Menschen konnten an dieser Überzeugung ohne besondern Reichtum festhalten; man war, wie es von dem künstlich altväterischen Xenophon heißt69, »ein sowohl in allem andern trefflicher Mann, als besonders auch ein Freund der Pferde und der Jagd und in der Kriegskunst bewandert und fromm und opferliebend und ein Kenner der Opferzeichen (d.h. ein halber Mantis)«, und wie offen man auch noch spät in Athen zum Lobe der Kalokagathie herausreden durfte, zeigt die Stelle in den Fröschen des Aristophanes (727 ff.), wo für die wohlgeborenen, tugendhaften, gerechten, edeln, trefflichen und auf Ringschulen, in Chören und mit Musik erzogenen Bürger das Bild der alten währhaften Silbermünzen[83] gebraucht wird, die damals dem kupfernen Gelde weichen mußten; freilich ist dies eine derjenigen Schilderungen, die sich dann einstellen, wenn die betreffende Sache am Aussterben ist. Aus früherer Zeit wird über ein Sinken des agonalen Geistes hauptsächlich in Ionien und den Kolonien des Westens geklagt; man müßte nur im einzelnen Falle wissen, wie weit mit dem Luxus (τρυφή) wirklich Verweichlichung und Entnervung verbunden war, denn oft handelt es sich sichtbarlich nur um neidische Nachrede von Stadt gegen Stadt.

Ein allgemeiner Hauptunterschied gegenüber unserm Jahrhundert bestand darin, daß man (wie gewissermaßen noch jetzt in Frankreich) mehr auf die Qualität als auf die Qantität der Rasse sah. Auch, als mit der Zeit die völlige Demokratie eintrat, war man noch immer tatsächlich eine Aristokratie und Minderzahl gegenüber von Metöken und Sklaven. Das möglichst viele Geld verdienen, um möglichst viele Kinder ernähren zu können, unter welchen Entbehrungen und Arbeitsmühen und welcher Verkümmerung der Rasse es auch sei, ist erst modern; von den gewaltsamen Mitteln, deren man sich freilich zur Beschränkung der Quantität bediente, ist oben70 die Rede gewesen. Jedenfalls aber stellte sich diese Gesellschaft überaus glänzend dar, und der Sänger des homerischen Hymnus auf Apollo darf (147 ff.) von den Ioniern, wie sie sich am Feste auf Delos zeigen, sagen: »Wer ihnen begegnete wie sie versammelt sind, würde sagen, sie seien unsterblich und nicht alternd auf alle Zeit, er sähe ihrer aller Schönheit und würde im Gemüte erfreut, wenn er die Männer schaute und die schöngegürteten Frauen und die schnellen Schiffe und ihren vielen Reichtum«, worauf dann noch der besondere Preis der delischen Jungfrauen und ihres Gesanges folgt, durch den dieses herrliche Dasein seine Vollendung empfängt.

Und nun das Agonale. Während die Polis einerseits das Individuum mit Gewalt emportreibt und entwickelt, kommt es als eine zweite Triebkraft, die kein anderes Volk kennt, ebenso mächtig hinzu, und der Agon ist das allgemeine Gärungselement, welches jegliches Wollen und Können, sobald die nötige Freiheit da ist, in Fermentation bringt71. In dieser Beziehung stehen die Griechen einzig da. Auch bei Naturvölkern und Barbaren findet sich das Tun um die Wette und im Vergleich mit andern gewiß oft, vom Kriege unabhängig, bis zu einem gewissen Grade entwickelt; Kampfspiele, Reitkünste und dergleichen sind in Übung, aber jedenfalls nur innerhalb der betreffenden Völkerschaft und der betreffenden sozialen Schicht. Bei den asiatischen Kulturvölkern ist ihm der Despotismus[84] und das Kastenwesen fast absolut entgegen; was bei den Griechen jeder geborene Grieche mitmachen durfte, das hätte in Ägypten schon lange nicht jeder Ägypter gedurft, und innerhalb der bevorzugten Kasten mochte teils die vom Despotismus auferlegte Gleichheit, resp. Rangordnung, teils die geringe Wünschbarkeit, sich in Gegenwart der geringern Kasten zu messen, das Agonale völlig zurückdrängen; nur als Beamter oder Krieger eine Ehrung von seinem König zu erhalten mochte die Ambition des individuell entwickelten Ägypters sein. Übrigens ist es noch bis heute nicht orientalische Denkweise, sich mit andern Gleichstehenden zu messen, sondern sich von Sklaven oder Bezahlten etwas vorkämpfenA5 zu lassen. Nur in freien und kleinen Aristokratien konnte dieser Wille der Auszeichnung unter seinesgleichen vor gewählten oder sonst objektiv gegebenen Richtern zur Blüte kommen, und auch hier bedurfte es einer Nation wie der Griechen; die Römer, die sich von ihnen hauptsächlich dadurch unterscheiden, daß sie nichts »Zweckloses« mögen, würden es zu dieser Entwicklung nicht gebracht haben.

Agonal im Sinne der Zwecklosigkeit ist die heroische Welt ursprünglich noch nicht. Der Heros erfüllt große Zwecke72 meist noch auf einsamer Fahrt; das Abenteuer will noch nicht mit andern Abenteuern konkurrieren; doch dämmert der Anfang eines Wetteifers etwa in den gemeinschaftlichen Unternehmungen einer Anzahl von Heroen oder auch im Göttermythus, wenn z.B. Kekrops zwischen Athene und Poseidon, Paris zwischen den drei Göttinnen als Richter amten muß, und in der späteren Zeit wurde selbstverständlich alles Agonale auch in die mythische Welt zurückversetzt und hatte seine einzelsten Gevattern schon in der frühsten Götter- und Menschenwelt. So gehört der Sieg des Polydeukes über den Bebryken Amykos »zu den notabelsten Vorgängen in der Vorgeschichte der hellenischen Gymnastik«73, Apollon tötet den Hyakinthos mit dem Diskos, Herakles und Theseus sind die größten[85] Ringer, und jener wird Stifter der olympischen Spiele, dieser stiftet bei der Rückkehr von Kreta dem Apollo einen Agon auf Delos74.

Die Hülle und Fülle des Agonalen findet sich als üblich und selbstverständlich bei Homer, der dabei eine sehr entwickelte Kennerschaft an den Tag legt. Wenn er dabei von der Anschauung seiner Zeit ausgeht, so hat dies seine Analogie in den Nibelungen und andern Epen des XII. und XIII. Jahrhunderts, die auch schon in die von ihnen geschilderte Sagenzeit Turniere und dergleichen verlegen; das Epos hat sich nie gescheut, einen solchen Reflex von dem Seienden auf das Vergangene zurückfallen zu lassen. Vor allem ist Scheria mit diesem großen Agens des Genusses, der Freude und des Hochgefühls reich ausgestattet. Nachdem Alkinoos75 den Vorschlag dazu gemacht hat, messen sich die Jünglinge nacheinander im Lauf, Ringen, Sprung, Diskos und Faustkampf. Dann erregt der Anblick der athletischen Gestalt des Odysseus bei ihnen den Wunsch, daß auch dieser sich sehen lasse, und hier spricht es Laodamas in seiner Anrede an ihn prinzipiell aus, der größte Ruhm der Sterblichen sei in Füßen und Händen. Schließlich tut denn auch Odysseus, nachdem er sich auf eine anfängliche Weigerung hin in verletzender Weise herausgefordert sieht, einen mächtigen Wurf mit dem Diskos und meldet sich nun auch zu allen andern Kampfarten, auch zum Bogenschießen und Speerwerfen, nur den Wettlauf ausnehmend, worauf Alkinoos begütigend die Inferiorität der Phäaken im Faustkampf und Ringen zugibt und den Tanz anbefiehltA6, zu dessen Anordnung bereits gewählte Äsymneten vorhanden sind. – Auch die ältesteA7 Darstellung eines kunstgerecht angeordneten und beaufsichtigten Faustkampfes bietet die Odyssee; es ist dies das Bettlerduell zwischen Odysseus und Iros76, ein anfänglicher Raufhandel, der aber durch die Einmischung der Freier zum Kampfe wird. Wir finden hier eine Prämie – es ist ein Geißmagen ausgesetzt – und von den Zuschauern wird feierlich Unparteilichkeit zugesagt, ehe es für Iros zu den furchtbaren, von Odysseus wohlberechneten Schlägen kommt.

Auch in der Ilias findet der Trieb »immer der erste zu sein und vorzuleuchten den andern« bei den Spielen seine reichliche Betätigung, und[86] zwar lernen wir hier besonders auch schon den Wettkampf zu Wagen kennen. Agamemnon weiß von herrlichen Rossen nichts Höheres zu sagen, als daß er sie »kampfpreisgewinnend« nennt77, und so macht denn das Wagenrennen auch bei der Gelegenheit, wo sich die umständlichsten Agone von selbst verstehen, nämlich bei den im XXIII. Buche erzählten Leichenspielen für Patroklos den Anfang; wir erfahren von ihm und seiner Praxis aus der ganzen spätern Literatur nicht so viel einzelnes wieA8 hier, ausgenommen etwa dieA9 Schilderung der pythischen Spiele in der Sophokleischen Elektra. Aber auch sonst finden sich bei dieser Gelegenheit schon fast alle spätern Gattungen mit genauer Schilderung der einzelnen Kampfesmomente und des atemlosen Verhaltens der Zuschauer, nur etwa auf einer früheren Stufe: der Faustkampf, das Ringen, der Wettlauf, der Wurf der roh gegossenen eisernen Scheibe, der Bogenschuß nach einer angebundenen Taube. Auch der Nahekampf mit dem Speere, bei dem die erste Verwundung entscheiden sollte, gehört unter die Spiele; aber nachdem Diomedes und Aias denselben begonnen, fürchten die Achäer für Aias und heißen die beiden den Kampf einstellen und den Preis unter sich teilen, und auch Achill läßt es nicht zum Äußersten kommen, wie er auch am Schlusse das Wurfspeerschießen nicht mehr stattfinden läßt, sondern die Preise an die Angemeldeten verteilt78. Als Preise aber sind von Achill nicht Kränze ausgesetzt – erst das agonale Zeitalter begnügte sich mit solchen, – sondern eine große Menge zum Teil sehr kostbarer Dinge: Schätze in edelm Metall, köstliche Geräte, Tiere und Sklavinnen, und zwar gibt es auch für den Besiegten zum Trost noch einen zweiten Preis, beim Wettrennen sogar fünf Preise.

Wie und durch welche Gedankenverbindung es kam, daß gymnische Agone bei vornehmen Totenfeiern abgehalten wurden79, läßt sich fragen.[87] Man könnte an die Völker denken, bei denen an der Leiche eines Großen dessen Gefolge sich bis auf den Tod bekämpfte, und an die tödlichen Gladiatorenkämpfe, welche die Etrusker bei vornehmen Totenfeiern stattfinden ließen; am einfachsten erklärt sich die Sache wohl durch die Erwägung, daß, wenn überhaupt viele Griechen zusammenkamen, sich Agone ganz von selbst ergaben, und daß ferner die Familie des Verstorbenen veranlaßt war, Kampfpreise auszusetzen, damit recht viele Leute zu der Bestattung kämen.

Um übrigens auf Homer zurückzukommen, so ist bei ihm alles Agonale doch nur ein unschuldiger Anfang der spätern Entwicklung80. Wenn auch schon alle Kampfesgattungen vorhanden sind, so bestimmen und erfüllen sie doch das Leben der Helden noch nicht; denn diese haben vor Ilios anderes zu tun; spezielle Mythen hangen an jeder einzelnen berühmten Gestalt, und die sonst Unberühmten sind genugsam mit den wirklichen Kämpfen beschäftigt, wo sie in gewaltiger Anzahl unterliegen. Wer den Krieg hat, bedarf des Turniers nicht81. Schon eher hätten die Phäaken freie Zeit zum eigentlichen Agon; aber hier handelt es sich mehr um einen heitern Zeitvertreib, und sie gestehen z.B., wie gesagt, dem Odysseus82, daß sie im Faustkampf (der einzigen Gattung, wo es auf Scheria Ernst galt) nicht vorzüglich seien. So ist alles einstweilen nur gelegentlich, nicht periodisch; erst das agonale Zeitalter sollte das ganze Leben auf diese Sache orientieren; erst nun wurden die Agonalsieger die größten Zelebritäten.

Auch das Musische wurde früh als Agon gepflegt. Auf dem Schilde des Herakles findet sich eine Darstellung des Gesanges und Reigens der MusenA10, welcher als solcher bezeichnet wird83, und Hesiod fuhr84 zu der[88] Bestattung des Amphidamas über Wasser nach Chalkis und gewann durch den Sieg mit einem Hymnus einen ehernen Dreifuß, den er den Musen des Helikon stiftete, ein Sieg, auf den sich dann der späte Roman vom Wettkampf Homers und Hesiods bezieht. Bei ihm finden wir denn auch die Kunde vom Agon, wie er sich im ländlichen und bürgerlichen Leben offenbart, d.h. der Konkurrenz, welche nur eine Parallele zum vornehmen und idealen Agon ist, und zwar kommt hier seine Lehre von der bösen und der guten Eris in Betracht, die wir am Anfang der Werke und Tage (11 ff.) lesen. Letztere ist die früher geborene (wonach die böse etwa nur eine Ausartung ins Große, zu Krieg und Streit wäre), und zwar scheint Hesiod sie nicht nur im Menschenleben zu finden, sondern auch in der elementaren Natur; denn der Kronide hat sie schon in die Wurzeln der Erde gelegt. Sie ist es, welche auch den Trägen und Unbehilflichen zur Arbeit aufweckt; indem er einen andern sieht, welcher reich ist, müht dann auch er sich, zu pflügen und zu pflanzen und das Haus zu ordnen, und Nachbar eifert mit Nachbar im Streben nach Reichtum85.

So wird nach dem Ausgang des heroischen Königtums alles höhere Leben der Griechen, das äußere wie das geistige, zum Agon. Dieser ist es, welcher die Trefflichkeit (ἀρετή) und die Rasse manifestiert, und der Agonalsieg, d.h. der edle Sieg ohne FeindschaftA1186 erscheint uns in dieser Zeit als der altertümliche Ausdruck für den friedlichen Sieg einer Individualität. Von dieser Form des Wetteifers (φιλοτιμία) kam man auf den verschiedensten Gebieten nicht mehr ab. Sie zeigt sich im Symposion bei den Gesprächen und wechselnden Skolien der Gäste, auf dem Gebiete der Philosophie und der Rechtshändel bis hinunter zu den Wettkämpfen von Hähnen und Wachteln87, oder der Kolossalleistungen im Essen88. In den Rittern des Aristophanes hat das Verhalten des Paphlagoniers und des Wursthändlers noch völlig die Form eines Agons, und ebenso in den Fröschen der Kampf zwischen Äschylos und Euripides im Hades mit all seinen vorangehenden Zeremonien. Wie sehr aber das Agonale und das Gymnastische das Leben auf seinen verschiedenen Stufen zugleich durchdrang, zeigt aufs leuchtendste Herodots Bericht von der Werbung um[89] Agariste (VI, 126). Hiernach erläßt Kleisthenes von Sikyon an den Olympien, wo er eben mit einem Viergespanne gesiegt, die Aufforderung zur Meldung an die, welche um seine Tochter werben wollen89. Und nun ist diese Werbung, die selbst ein Agon ist, gleichsam ein Reflex der mythischen Werbung um Hippodamia, die Tochter des Önomaos. Es erscheinen dreizehn Freier, alle durch Persönlichkeit und Herkommen ausgezeichnet, und zwar zwei aus Unteritalien, ein Epidamnier, ein Ätoler, ein Argiver, zwei Arkaden, ein Elier, zwei Athener, je ein Euböer, Thessalier und Molosser. Und Kleisthenes hatte ihnen eine Bahn zum Wettlauf und eine Palästra bereiten lassen, hielt sie ein Jahr bei sich und probierte sie nach Tapferkeit, Temperament, Erziehung und Charakter; die Jüngern führte er in die Gymnasien und alle erprobte er beim Gelage; wie schließlich der Athener Megakles den Sieg davontrug, wird später zu erörtern sein.

Indem nun die Agone bald in mächtigen Schwung kamen, ja das eins und alles wurden, entwickelte sich in Wechselwirkung mit ihnen, aber, wie wir gesehen haben90, als Tochter des Agons die Gymnastik91. Sie ist, obschon auch für sie mythische Erfinder und Gründer ersonnen werden92, ohne das agonale undenkbar; jedenfalls hätte sie ohne dasselbe kein solches Lebensinteresse und Distinguens der Hellenen werden können. Überall, schon in den engsten Kreisen, stellte sich der Wettstreit ein; die volle Entwicklung des Individuums war davon abhängig, daß man sich unaufhörlich untereinander maß und verglich und zwar durch Übungen, bei denen es auf einen direkten praktischen Nutzen nicht abgesehen war93.

Fast überall werden demnach die Knaben der Freien dem Lehrer in der Gymnastik (παιδοτρίβης) übergeben worden sein, dessen Unterricht neben dem des Kitharisten und des Grammatisten die Erziehung (παίδευσις) ausmachte; aber nur die etwas Wohlhabenden konnten ihr ganzes weiteres Leben dabei aushalten, und nur die ganz Unabhängigen konnten[90] eine Lebensbestimmung daraus machen. Die Gymnastik war auf diese Weise an sich volkstümlich, in ihren höhern Graden aber etwas Vornehmes, zumal wenn der Besuch der Agone samt allem, was daran hing, damit verbunden war. Und nun war das Gymnasion ein gesellschaftlicher Hauptmittelpunkt des griechischen Lebens. Seine Entstehung wird schwerlich vor dem VII. Jahrhundert anzunehmen sein94; die reichere Prachtausstattung kam jedenfalls viel später; doch nennt schon Plato alle Einzelräume, die in der Folge irgend vorkommen. Daneben bestanden als einfache, bescheidenere Anlagen, auch wohl öfter als bloße Privatanstalten die Palästren95, während die Gymnasien immer dem Staat gehörten, der sich an dieser Stelle in die Erziehung einmischte, weil ihm an der gleichmäßigen Einübung der Epheben außerordentlich viel lag.

Gymnasien gab es nun sozusagen bis in die obskursten Städtchen, und zwar noch in später Zeit96; in Athen waren solche das Lykeion und die Akademie, dazu noch, wie es heißt für Leute aus unebenbürtigen Verbindungen97, das Kynosarges. Sie dienten wesentlich den Übungen der Epheben98 (d.h. der Jünglinge von 18 bis 20 Jahren), doch in Athen auch denen der Knaben, welche hier zu allen Übungsarten zugelassen waren, sowie anderseits der Athleten; überhaupt hat man nach Xenophon, Plato, Aristophanes usw. den Eindruck, daß offenbar jedermann hinkam. Die athenische Gymnastik war die vielseitigste; bei den großen Agonen finden sich attische Sieger in allen Kampfesarten, und die dortigen Gymnasten, Aleipten usw. galten als die besten; die fünf Hauptarten des Wettkampfes aber, das sogenannte Pentathlon, waren: Wettlauf, Sprung, Ringen, Diskoswurf und Speerwerfen, wozu für die, welche es weiter treiben wollten, noch der Faustkampf und das aus diesem und dem Ringkampf gemischte sogenannte Pankration kam99. In einzelnen Städten bildeten diese Übungen ein offenbar bestimmt begrenztes Ganzes100.[91] Große Exhibitionen der athenischen Epheben waren die Fackelläufe an den Prometheen und Hephaisteen, wie es denn überhaupt in allen Städten lokale öffentliche Produktionen gab. Die Kampflehrer, bisweilen emeritierte Olympioniken101, waren gewiß oft hochwichtige Personen; der von Pindar gepriesene Melesias hatte unter seinen Schülern schon dreißig Sieger102. Eine große Macht hatten auch die vom Staat zu Gymnasiarchen gesetzten Bürger; ein solcher durfte Sophisten, Rhetoren und Philosophen aus dem Gymnasion entfernen, wenn er die Überzeugung hatte, daß sie durch ihre Lehren einen nachteiligen Einfluß auf die Jugend ausübten103; jedenfalls war in Athen um die Zeit des Peloponnesischen Krieges die Gymnasiarchie, die eine kostspielige Leiturgie war, ein Mittel zur Popularität.

Diese Gymnastik war von einer unerhörten Vielseitigkeit und verfeinerte sich ins Grenzenlose. Es gab Städte, in welchen die Übung darin geradezu zum Vollbürgerrecht gehörte; von dem achaischen Pellene heißt es z.B.104, das alte Gymnasion dort diene zu den Übungen der Epheben, und keiner dürfe in die Bürgerschaft aufgenommen werden, bevor er die betreffenden Übungen durchgemacht habe. Vollends aber in Sparta war die ganze Gymnastik, so wie man sie dort haben wollte, streng in das System der Staatserziehung eingelassen.

Zu der sonstigen Gymnastik kommt nun noch der Agon mit den Pferden. WeilA12 im Kriege der homerischen Heroen der Kampf zu Wagen der vornehmste gewesen war, war, wie wir bereits gesehen, im Frieden schon sehr frühe das Wagenrennen die angesehenste Gattung des Wettkampfes. Erst recht wurde es nun aber in der aristokratischen Zeit das Korrelat der Hippotrophie, d.h. des vornehmen Standes, und ohne Zweifel der eigentlich vornehme Agon. Und hier machte sich nun in höherem Grade als für die übrigen Arten der Umstand geltend, daß es innerhalb der einzelnen Polis kaum genügend zu feiern war. Auch sonst drängte ja das Agonale seiner Natur nach über die Feldmark derselben hinaus, weil sich das Interesse unter beständig den nämlichen Leuten erschöpfen mußte; am meisten aber war doch dieser Wettkampf, insofern er Sache einer begüterten[92] Minderheit war, auf allgemeinere Festorte angewiesen. Sobald man sich nun an irgendeinem neutralen Orte oder Heiligtum mit Kämpfern von anderswoher messen konnte, war die Möglichkeit panhellenischer Agone gegeben, und rasch werden – vielleicht gar nicht durch ein ausgesprochenes Übereinkommen – immer allgemeinere Kampfesorte entstanden sein, die dann um Entstehungsmythen nicht in Verlegenheit sein mochten. Die Entstehung dieser allhellenischen und dabei ausschließlich hellenischen Agonalstätten ist aber ein sehr großes Faktum für die Entstehung der hellenischen Nationalität und für das Bewußtsein, das man von ihr hatte, sie ist der einzige Durchbruch durch die Gegnerschaft der Volksstämme und weiterhin die einzige, große Protestation gegen die Zersplitterung in lauter abgeschlossene und verfeindete Poleis. Nur der Agon ferner war es, was gebieterisch nicht bloß das Mitmachen, sondern die Zuschauerschaft der ganzen Nation verlangte; wer sich davon selbst ausschloß, wie die Ätoler, die Akarnanen und die Epiroten, verlor mehr oder weniger das Recht, unter die Hellenen gezählt zu werden105.

Eine alte Stätte für Wagenrennen muß nun z.B. der im homerischen Apollohymnus (230 ff.) erwähnte Poseidonhain von Onchestos in Böotien gewesen sein. Auch wenn im gleichen Hymnus (243 ff.) die Telphusa dem Apollon ihre Gegend durch Erwähnung des Lärms von Wagen und Rossen verleiden will, wird wohl damit das Wagenrennen und nicht nur der Verkehr an einer Quelle gemeint sein. Auf der andern Seite konnte zwar bei dem hohen Schwung, den der Kultus in dieser Zeit hatte, auf Delos ein herrliches Stammesvolksfest, mit prachtvollem Agon in Faustkampf, Tanz und Gesang verbunden, zu Ehren Apolls gefeiert werden; dazu aber, daß Delos kein allgemeiner Agonalort werden oder bleiben konnte, wirkte wohl entscheidend der Umstand, daß es als Insel zu dieser vornehmsten Gattung des Agons nicht geeignet war. Auch bei andern, später entstandenen großen Vereinigungspunkten wie dem Panionion oder dem Tempel der Hera Lakinia bei Kroton106 haben gewiß Agone stattgefunden, ohne daß doch diese Stätten für das Agonale zu Ruhm gelangt und viel mehr als Wallfahrtsorte geworden wären.

Als panhellenisch aber muß sich am frühesten Olympia gebärdet haben, und der Mythos von Önomaos und Pelops wird im Grunde nur der Reflex dieses Tatbestandes sein107. Auch die delphischen Pythien waren alt,[93] hatten aber anfangs nur musische Agone und wurden erst in der Folge allmählich in Konkurrenz mit den übrigen Festorten gymnastisch und ritterlich allseitig wie Olympia. Der Isthmos ferner hatte die Präsumption für uralte Wagenrennen und war auch gewiß eine Agonalstätte, wo schon sehr frühe Spiele zu Ehren des Palämon-Melikertes gefeiert wurden. Die Nemeen dürften etwa zu allgemeiner Geltung gekommen sein, als einmal Olympia nicht für alle Griechen zugänglich oder objektiv genug war108. Für panhellenisch aber galten alle vier Feste, und alle wollten aus heroischer Zeit sein, und wenn man hundertmal bewies, daß z.B. die Nemeen erst dann und dann begonnen hätten, so mußten sie doch von den Sieben gegen Theben gegründet sein, weil die Griechen nun einmal alle Dinge mit mythischen Augen betrachteten. Und nun ist das Unerhörte, daß die Nation sich an diesen großen Aognalstätten nicht nur messen, sondern auch im großen kennen lernte, ja daß infolge der während ihrer Dauer herrschenden Waffenruhe auch Bürger verfeindeter Poleis hier friedlich sich treffen konnten. Auf Olympia speziell aber lag eine hohe, nationale Weihe, und die dortigen Spiele, die in ihren Anfängen noch ziemlich peloponnesisch gewesen waren, wurden mit der Zeit im vollen Sinne des Wortes die einzige Offenbarung der Einheit des Griechenvolkes, mochte es im Mutterlande oder in den Kolonien leben, ja die nationale Bedeutung Olympias konnte noch darin einen besonderen Ausdruck finden, daß die allgemeine griechische Zeitrechnung an die Sieger im dortigen Stadion angeknüpft wurde, wodurch ein Problem, das unserer heutigen Welt viel zu schaffen geben würde, auf die leichteste Weise seine Lösung fand109.

[94] Auch außerdem aber wimmelte Griechenland von Festgelegenheiten, welche dem Nicht-Stadtbürger so gut als dem Einheimischen offen standen und tatsächlich ebenfalls panhellenisch heißen könnten110, und wer das nötige Geld für die Reisen, die Opfer, die Honorare an einen Pindar, Simonides usw. hatte, der konnte das ganze Jahr mit dergleichen zubringen und, wenn er beständig siegte, in aller Munde leben; denn die Zahl der lokalen Exhibitionen an den Festen, die überall gefeiert wurden, war eine endlose. So konnten sich denn die großen, gymnastischen Zelebritäten heranbilden, wie der Ringer Polydamas, der Faustkämpfer Euthymos, der berühmte Milon von Kroton und der unvergleichliche Theagenes111. Diese waren sprichwörtlich, und ganz Griechenland wußte Anekdoten und Fabeln von ihnen. Theagenes z.B. hatte damit angefangen, ein Götterbild, das ihm gefallen, von der Agora heimzutragen; er kämpfte in allen Gattungen und überall; seiner Kränze waren laut Pausanias vierzehnhundert, laut Plutarch112 wenigstens zwölfhundert, wovon freilich dieser Autor sich erlaubt die meisten als bloßen Kehricht zu bezeichnen.

Aus dem Zusammentreffen des Agonalen und der Aristokratie ergab sich die Möglichkeit, daß sich in einzelnen Familien eine Tradition des Kämpfens und Siegens bildete. Solche Siegerfamilien waren dann natürlich auch die besten Kunden eines Pindar, und durch ihn erfahren wir von ihnen; wir können ihn ja überhaupt nicht entbehren, wo es sich um den Animus der Wettkämpfe handelt, trotzdem wir uns sagen müssen, daß seine Leute zu den letzten agonalen Aristokraten gehört haben werden, und daß wir hier, wie auch sonst oft, ein Phänomen erst in der Zeit kennen lernen, da es in der Abnahme begriffen ist; denn bald hernach kam die Demokratie, welche dieser Klasse den Agon verleidet oder unmöglich gemacht hat. Pindar aber führt uns z.B. die korinthischen Oligäthiden vor, mit einem langen Katalog der Siege der einzelnen dieses Hauses und der vielen Orte, wo sie stattgefunden113; von den Äakiden auf Ägina singt er gleichfalls oft; einmal114 berührt er auch das Alternieren der[95] Siegesfähigkeit in den verschiedenen Generationen derselben Familie. Auch Pausanias erwähnt solche Athletendynastien, wie die des Lepreaten Alkänetos und besonders die der Diagoriden von Rhodos, der Abkömmlinge des Messeniers Aristomenes, unter denen die rührende Szene sich ereignet, daß der Vater von den siegreichen Söhnen in Olympia herumgetragen und von den Hellenen mit Blumen beworfen und glücklich gepriesen wird115. Natürlich sind solche Familien aristokratisch, resp. spartanisch gesinnt. Ein Sohn des Diagoras, Dorieus, der in gewaltig vielen Agonen gesiegt hat, nimmt im Peloponnesischen Kriege mit einem eigenen Schiffe für Sparta Partei. Gefangen und in Athen, wo man ihm sehr gram ist, in die Volksversammlung gebracht, wird der große und ruhmvolle Mann von den Athenern, da sie ihn als Kriegsgefangenen vor sich sehen, entlassen, ohne daß ihm ein Leides getan wird, obwohl man dazu Ursache gehabt hätte116.

An den ritterlichen Kämpfen, welche, wie gesagt, früh neben den gymnischen stattfanden (in Olympia von der 25. Olympiade an), kam neben dem Wagenrennen mit dem Viergespann bald auch das Reiterrennen (mit dem ἵππος κέλης) vor, ferner das Wettrennen mit einem Gespann von Mauleseln (ἀπήνη) und das mit einer Stute (κάλπης δρόμος), welche beiden Gattungen später wieder abgeschafft wurden, sodann das mit einem Zweigespann ausgewachsener Rosse (ἵππων τελείων συνωρίς), noch später das mit jungen Tieren (πώλων ἅρμα, πώλων συνωρίς, πῶλος κέλης). Hier machten sich nun mit der größten Unbefangenheit neben allen Athleten die Pferdezüchter (mit ihren Rossenamen: Phänippos, Hipponikos, Hippokleides u.a.) geltend, trotzdem sie gar nicht selber zu fahren brauchten, sondern oft aus weitester Ferne ihre Gespanne schicken konnten. Da nämlich die schaulustigen Griechen den prächtigen und höchst aufregenden Anblick nicht entbehren wollten, konnten ihnen die reichen, oft fürstlichen Besitzer der Pferde das Gesetz machen und somit den Kranz für eine Leistung in Anspruch nehmen, an der das Verdienst doch nur dem Wagenlenker zukam. Wer freilich seinen Wagen selbst lenkte, hatte den Vorteil, daß ihm als Sieger ein »Kastorgesang« gewidmet wurde117; auch wird wenigstens Arkesilaos von Kyrene von Pindar118 auf alle Weise zum festlichen Dank gegen seinen Schwager Karrhotos angewiesen, der bei den Pythien für ihn gefahren war.

Da es sich doch schließlich nur um Wagen und Rosse handelte, so konnte man Siege mit dem Viergespann einem andern abtreten, wie der[96] ältere, damals aus Athen verbannte Kimon an seinen Halbbruder Miltiades tat und ebenderselbe später an Peisistratos, der ihm dafür die Rückkehr gestattete119. Man möchte fragen, ob das Volk die Überlassung des Sieges an einen andern erfuhr, oder ob es etwa gar anfangs den Herrn des Gespannes noch nicht kannte. Es mochte ihm allerdings bei diesen Spielen vieles vorgemacht werden, wie wir aus der betörenden und betäubenden Wirkung sehen, die ein Alkibiades ausüben konnte.

Der Luxus des Auftretens mit Pferden konnte, wie gesagt, nur von sehr reichen Leuten und Tyrannen aufgebracht werden, und bisweilen hielt sich der Neid dann an solchen Viergespannsiegern schadlos, indem er ihnen Geschichten von skandalösem Ursprung ihres Reichtums andichtete, wie z.B. der reiche Athener AlkmaionA13 die von Krösos gegebene Erlaubnis, Gold aus seiner Schatzkammer mitzunehmen, aufs Indiskreteste benützt haben sollte120. Selbst noch ein Herodot kannte nur zwei Beispiele von solchen, die dreimal mit dem Viergespanne gesiegt121. Als eine Stadt, in der man der Pferdezucht besondern Eifer zuwandte, wird Kyrene genannt, woselbst sie als Landessitte galt122. Auch von den Lakedämoniern heißt es123, daß sie sich ihr nach den Perserkriegen mit größerer Ambition als alle andern gewidmet hätten, was wohl mit dem Zurückgehen der Bevölkerung und dem Zusammenerben der Güter in Zusammenhang steht124. Das ging so eine Weile, bis am Anfang des IV. Jahrhunderts Agesilaos der Sache auf geniale Weise ein Ende machte125. Um nämlich seinen Spartiaten zu beweisen, daß die Hippotrophie nur Sache des Reichtums und nicht der Tüchtigkeit sei, und sie ihnen so zu verleiden, ließ er für seine Schwester Kyniska in Olympia ein Viergespann fahren; dies scheint geholfen zu haben. Welch ein Höhepunkt des Lebens es auch noch in später Zeit war, wenn man durch Wagenlenker und Rosse einen Sieg in Olympia davontrug, lehrt die[97] Nachricht, daß König Philipp von Makedonien, dem zu derselben Zeit ein Sieg Parmenions in Illyrien und die Geburt seines Thronfolgers Alexander gemeldet wurden, die dritte Nachricht vom Siege eines Rennpferdes als ebenbürtige Freudenbotschaft betrachtete126.

Nun waren freilich die Gefahren dieser ganzen Tätigkeit enorm und dürfen ja nicht unterschätzt werden. Was das Wagenfahren betrifft, so war es so lebensgefährlich als möglich. Pausanias erwähnt bei Anlaß des Hippodroms von Kirrha öftere schwere Beschädigungen127, Pindar sagt von einem dortigen Wettfahren: Ihrer vierzig stürzten, Karrhotos blieb unverletzt128. Mögen die Vierzig eine runde Zahl sein, jedenfalls weisen sie doch auf eine große Zahl von Stürzen und gefährlichen Verletzungen hin, und denselben Eindruck macht die prächtig ersonnene Erzählung des Pädagogen vom Untergang Orests in der sophokleischen Elektra (677 ff.). Nicht umsonst opferte man im Hippodrom zu Olympia aufs ängstlichste dem Dinge, welches wie ein runder Altar aussah und Taraxippos (Pferdescheumacher) hieß, »wo die Pferde scheu werden, und die Wagen brechen und die Lenker gemeiniglich verwundet werden«; es galt daselbst, einen alten, bösen Heros gnädig zu stimmen129.

Im Faustkampf und namentlich auch in dessen Verbindung mit dem Ringen, dem Pankration, wurde man fürchterlich zugerichtet, so daß der Kopf dauernd entstellt war. Pindar singt ungeniert130 davon, wie der Siegesruhm die Heilung für schmerzliche Schläge sei; bei den Statuen ist bekanntlich das zerquetschte Ohr ein Kennzeichen für den Pankratiasten; es war ein förmlicher Kunsttypus daraus gemacht worden. Auch schlug man einander die Zähne ein, und nicht jeder, dem der Gegner dies tat, hatte die Fassung, sie, ohne daß dieser es bemerkte, herunterzuschlucken, wie Eurydamas von Kyrene131. Beim Ringen war das BrechenA14 der Finger offenbar ein erlaubtes Mittel; zwei, die es notorisch taten, hatten in Olympia ihre Statuen132. Durch das Würgen, die entsetzlichen Stöße in den Unterleib usw. kamen aber auch nicht selten Tötungen vor; dieselben wurden von den Kampfrichtern, welche wußten, daß die Zurechnung in[98] solchen Augenblicken eine höchst dubiose sei, gelinde beurteilt, und man ließ den Täter in der Regel davonziehen, während der Unterlegene etwa noch im Tode bekränzt133 und, wie man beschönigend sagte, in das Land der Seligen gesandt wurde. Auch starb man bisweilen von der bloßen Anstrengung an Ort und Stelle. So ein Krotoniate, während er eben vor die Hellanodiken treten wollte, und ein spartanischer Pentathlonsieger zu Olympia, während er noch den Kranz aufhatte134; der berühmte Läufer Ladas aber wurde nach dem dortigen Siege krank bis in die Nähe von Sparta gebracht und starb an der Landstraße135. Spätere Spötter haben dann aus diesen Dingen Kapital geschlagen, und Lukian sagt in einem Epigramm (21); »In Olympia hatte ich noch ein Ohr, in Platäa noch ein Auge, und in Pytho trägt man mich leblos von dannen«; die Griechen aber wollten es so und hätten sich mit etwas Leichterm nicht begnügt.

Der Lohn des Siegers waren ursprünglich wohl überall Wertpreise gewesen, wie wir sie bei Homer kennen lernen; erst in der Folge die über alles geschätzten Kränze136: der Kranz aus Zweigen vom wilden Ölbaum in Olympia, in Nemea der Eppich, auf dem Isthmos der Fichtenkranz, in Pytho der Lorbeer137. Daneben mochten bei musischen Agonen von alters[99] her jene ehernen Dreifüße als Preise gelten, die man aber nicht mitnahm, sondern dem Gotte weihte138. Wertpreise, aber solche geringerer Art, wie die warme Chlamys, die einer von Pindars Sie gern in Pellene gewann, werden an kleinern Orten gegeben worden sein. Das wahre Ziel des Kampfes aber ist der Sieg an sich, und dieser, namentlich der in Olympia, gilt als das Höchste auf Erden, indem er dem Sieger verbürgt, was im Grunde das Ziel jedes Griechen ist, daß er im Leben angestaunt und im Tode hochgepriesen werden muß139. Vollends, wenn ein Sieger wieder einen Sieger zum Sohne hat, mag er sich sagen, daß er zwar an den ehernen Himmel nicht klimmen, aber mit dem Bewußtsein, das herrlichste Erdenlos erreicht zu haben, die Fahrt in den Hades antreten kann140. Was die Söhne betrifft, so sind deren Eltern bisweilen von früh an mit Ahnungen ihrer Siege behaftet. Einer Mutter z.B. träumt, das Kind, das sie an sich drücke, sei bekränzt; natürlich wird der Junge zum Agon erzogen und siegt dann richtig zu Olympia im WettlaufA15 der Knaben141. Im Traumbuche des Artemidor aber finden sich nicht nur Träume solcher, die selber kämpfen wollen oder ihre Söhne dazu nach Olympia begleiten, sondern auch sonst geht daraus hervor, daß die Phantasie der Leute mit Agonen und den einzelnen Gattungen derselben völlig angefüllt ist. Es kommt ferner vor, daß sich die Sehnsucht in ein Wunder umsetzt, indem dem auf Ägina weilenden Vater eines olympischen Siegers der Sieg schon am gleichen Tage durch eine Erscheinung verkündet wird142. Von dem Jubel aber, der im Hause des Siegers erschallt, wenn derselbe einer jener ganz agonistisch gesinnten Familien angehört, tönt uns das Echo bei Pindar entgegen. Nicht nur haucht der Sieger dem noch lebenden Großvater jene Kraft ein, welche dem Alter widersteht, und macht ihn in seinem[100] Glücke des bevorstehenden Hades vergessen143, sondern mit Vorliebe wird auch davon gesprochen, daß ein verstorbener Vater oder Oheim davon hören werde144. Es ist eben nicht nur der einzelne, der einen solchen Triumph einheimst, sondern mit ihm auch sein ganzes Geschlecht, und weiterhin sogar die ganze Vaterstadt: auch diese zittert und bebt im Gedanken, ob ihr Hauptkämpfer siegen werde oder nicht, und eine Empfindung, die geradezu das übrige Leben und Treiben verstummen machte, mag in den ältern Zeiten oft an diese Sache geknüpft worden sein, ehe man den Ausgang des Kampfes wußte. Wie mächtig sie war, beweisen vor allem die Ehren, die dem Sieger zuteil wurden. Schon sein Einzug geschah mit besonderm Pomp: mit Opfern und unter dem Zusammenströmen einer großen Volksmenge145, und Thukydides (IV, 121) weiß für die Liebenswürdigkeiten, womit in Skione die Leute einen Brasidas überhäuften, keine passendere Vergleichung, als daß man ihn mit »Tänien schmückte und ihm zuliefA16 wie einem Athleten«. Dazu kamen noch dauernde Auszeichnungen wie Proedrie bei Festen, Promachie in Schlachten146 – neben den spartanischen Königen traten z.B. als deren nächste Bedeckung die Olympioniken auf, – in Athen dann bekanntlich auch die Speisung im Prytaneion. Keine Stadt wollte wieder einen Fluch wie die Achäer auf sich ziehen, denen der von ihnen nicht geehrte Sieger Oibotas angewünscht hatte, daß nie mehr einer von ihnen in Olympia siegen möchte, was später nur mit Hilfe von Delphi und mit Heroenkult des Oibotas konnte rückgängig gemacht werden147. Wie es daneben freilich dem heimkehrenden Unterlegenen erging, den man doch gleichfalls in Betracht ziehen muß, verrät Pindar auch148: er hatte den trübseligsten[101] Einzug durch abgelegene Seitengäßchen und mußte vor andern ehrlos verstummen.

Die Städte taten aber auch überhaupt das ihre, um die Sache zu fördern. Einzelne setzten für ihre Sieger Prämien aus, wohl um ihnen die lange und teure Vorübung durch die Aussicht auf eine Entschädigung annehmbarer zu machen. So sollte in Athen nach einem Gesetze Solons ein Olympionike 500, ein Isthmionike 100 Drachmen und die übrigen nach Verhältnis erhalten149. Solon lag wohl aus politischen Gründen an olympischen Siegen seiner Bürger noch etwas, die vielleicht sonst schon zu gescheit gewesen wären, sich auswärts zu mühen, und fand darum für gut, einem bereits zweifelhaft gewordenen Gefühl eine leise Unterstützung zu geben. Auch der auf öffentliche Kosten gebaute Wagen, den man in Argos hielt150, hatte offenbar den Zweck, jedem tüchtigen Pferdezüchter die Konkurrenz in Olympia zu erleichtern. Ja es kam vor, daß man einen berühmten Ringer und Pankratiasten daheim eigens eine Stoa, um sich darin zu üben, baute, wie dies Ägion dem Straton tat, der freilich zu Olympia an einem Tage in beiden Gattungen gesiegt hatte151.

Auch über das Leben hinaus dauerten die Ehren fort und mochten bisweilen für die Betreffenden in den Heroenkult umschlagen. Das kleinste Städtchen setzte seinem Olympioniken mindestens ein Denkmal152. Einen mehrfachen Sieger, der freilich dann noch dazu im (lamischen) Kriege gefallen war, begrub das Volk der Achäer um seiner Trefflichkeit willen von Staats wegen, und zwar laut der Inschrift seiner von Lysipp verfertigtenA17 Statue153; von dem berühmten Viergespannsieger Kimon von Athen aber kennt Herodot (VI, 103) nicht nur das Grab, sondern weiß auch, daß an der Straße ihm gegenüber seine dreimal siegreichen Rosse bestattet sind.

Städte, welche zerstört oder durch Synökismen um ihre alte Lage und Selbständigkeit gekommen waren, lebten wesentlich durch das Andenken einzelner agonaler Sieger fort154. Überhaupt wurde von einzelnen Kämpfen noch nach Jahrhunderten gesprochen. Wenn nun eine Stadt in ihrem Hauptkämpfer unterlegen war, so konnte es vorkommen, daß man die Niederlagen noch in ganz später Zeit mit Kniffen ableugnete, wie z.B.[102] die Thessalier die des Polydamas155; wenn es die Leute glaubten, mochte man mit dem einfachen Lügen den gewünschten Erfolg haben. Noch viel merkwürdiger aber sind die usurpierten Sieger. Man bestach nämlich einen Olympioniken, sich nach einer andern Stadt als seiner Geburtsstadt zu nennen, und so ließ sich ein groß-griechischer Kaulonier als Syrakusier ausrufen, nachdem die Bestechung den Leuten des Dionys mit einem Milesier nicht gelungen war156; schon im V. Jahrhundert hatte auch der ältere Hieron einen gewissen Astylos aus Kroton bewogen, bei seinem zweiten und dritten Siege Syrakus als seine Heimat anzugeben, wofür dann die Krotoniaten das Haus des Astylos zum Gefängnis erklärten und seine Statue aus dem Tempel der Hera Lakinia wegnahmen157.

Was nun aber den Athleten und sein Schicksal betrifft, so müssen wir auch der Schattenseiten dieses Berufes gedenken. Es war nichts positiv Glückliches, wenn das ganze Leben auf einen Augenblick der furchtbarsten Spannung eingerichtet war; in der Zwischenzeit muß Abspannung oder tiefe Sorge um die Zukunft die Betreffenden ergriffen haben. Feinde und Neider bei Lebzeiten verstanden sich von selbst, kam es doch vor, daß ein solcher noch nach dem Tode des großen Theagenes nächtlich dessen Statue geißelte158. Es kamen ferner Jüngere auf, vor denen der gealterte Athlet gewiß mit Schmerzen zurücktrat, wofern er nicht praktisch genug war, als Lehrer auszuleben und so, etwa durch einen nachher berühmten Mann, der sein Schüler war, den Leuten im Gedächtnis zu bleiben159. Auch mochte man den Verfall der eigenen Kraft sonst nicht ansehen können. Der Pankratiast Timanthes, der sich zurückgezogen hatte, spannte, um sich zu erproben, täglich noch einen mächtigen Bogen; als er dies, durch eine Reise davon entwöhnt, nicht mehr vermochte, zündete[103] er einen Scheiterhaufen an und legte sich (offenbar, um zu enden wie Herakles) lebendig darauf160. Andere nahmen noch in ihrer kräftigen Zeit eine unglückliche Richtung, und es wäre der Mühe wert, diejenigen Olympioniken nachzurechnen, welche übel geendet haben. Entweder zeigt schon ihr Wettsieg einen sehr außerordentlichen Ehrgeiz an161, oder sie befanden sich nach ihren Siegen in einer Stimmung, welche der Stimulantien bedurfte. Dann konnte der Olympionike in einen politischen Agitator umschlagen, wie Kylon, der in Athen beim Streben nach der Tyrannis unterging162; auch der olympische Sieger Philippos von Kroton, der schönste Hellene seiner Zeit163, war ein Mann von höchst ambitiosem Wesen und Lebenslauf. Zur Misanthropie ferner disponierte schon die Riesenstärke an sich, auch ohne daß von Kampfsiegen etwas gemeldet wird. So heißt es von dem Ätoler Titormos, dem Bruder eines der Agariste-Freier, der die übrigen Hellenen an Kraft übertraf, daß er vor den Menschen in die entferntesten Gegenden Ätoliens zurückgewichen sei164. Ein seltener Fall mag es gewesen sein, als der berühmte Faustkämpfer Nikodoros von Mantinea in seinen alten Tagen ein segensreicher Gesetzgeber seiner Vaterstadt wurde; freilich sollte ihm dabei Diagoras von Melos geholfen haben165. Das Beste war, wenn ein Kampfsieger sich später im Kriege auszeichnete, wie jener Pythionike Phayllos von Kroton, der sich mit einem eigenen Schiffe zur Schlacht von Salamis einfand, oder wie Milon, der in der großen Schlacht der Krotoniaten gegen die Sybariten mit seinen sechs olympischen Kränzen angetan und mit Löwenhaut und Keule soll aufgezogen sein166.

Anderseits aber sorgte die Volksanschauung für Verklärung des Athleten, indem sie ihm göttliche Abstammung und übernatürliches Ende lieh167. Wenn von dem Ringsieger Hipposthenes in Sparta erzählt wird, daß ihm ein Tempel gesetzt und er auf seine Weissagung hin mit denselben Ehren wie Poseidon verehrt worden sei, so dürfte man daran denken, daß den Spartanern der Gott (dessen Epiklesis »Hipposthenes« gewesen sein kann)[104] und der Ringer durcheinander kamen, und daß sie sich durch einen Mantis auf ein Sicheres weisen ließen. Aber auch von dem epizephyrischen Lokrer Euthymos, eigentlich einem Sohne des dortigen Flusses Kaikinos, hieß es, daß er in hohem Alter nicht gestorben, sondern »auf eine andere Weise aus den Menschen geschieden sei«168. Theagenes von Thasos war der vermeintliche Sohn des dortigen Heraklespriesters, eigentlich aber von einer Erscheinung des Herakles selbst erzeugt, die dessen Gestalt angenommen hatte. Von seinem Tode wird ebenfalls der Ausdruck »aus den Menschen scheiden« gebraucht, und vor seiner Statue (eben derjenigen, welche ein Feind gegeißelt hatte), pflegten die Thasier, nachdem sie durch ein merkwürdiges Schicksal ins Meer versenkt und auf pythischen Bescheid wieder heraufgeholt worden war, als der eines Gottes zu opfern169. Daß nach dem Verschwinden des Kleomedes von Astypaläa in einer Kiste von Delphi aus der Bescheid erging, ihn als den letzten der Heroen zu ehren, haben wir früher gesehen170.

Und nun werfen wir noch einen Blick auf das Fest in Olympia, freilich ohne uns bei der Unmasse von Antiquitäten aufzuhalten, welche hier abgelagert sind. Jedenfalls war der Ort eine uralte Kultstätte, was schon die enorme Menge jener anathematischen Figuren beweist, die hier tief im Boden gefunden werden171; während aber ein Orakel hier schon sehr frühe mag bestanden haben, brauchen die Spiele, deren Neuordnung ja auch erst in das Jahr 776 gesetzt wird, gar nicht besonders alt zu sein172, und die Stiftung durch Herakles usw. wird wohl, wie gesagt, nur ein Widerschein des Bildes sein, das sie in historischer Zeit gewährten. Fragen wir, was dieses Olympia über die Festzeit war, so haben wir uns vor allem nicht eine Stadt vorzustellen, die über ein paar Tage die Läden schließt und das Philisterleben stillstellt, um mit anonymen auswärtigen Scharen in Saus und Braus zu schwärmen; ein »Hüttenleben« im Sinne unserer modernen Feste gab es hier nicht; vielmehr war es ein Ort, wo man sich große Entbehrungen auferlegte. Schon die geographische Lage[105] war für die ganze östliche Seite der griechischen Welt nicht bequem; sodann war der Ort nicht besonders gut eingerichtet; man war enge zusammengedrängt und übernachtete im Freien oder unter Zelten – Wohnungen hatten nur die Iamiden – bei Tage war man oft den Sonnenstrahlen schutzlos preisgegeben173; auch dürstete man viel; das Wasser des Alpheios scheint bisweilen kaum zu trinken gewesen sein. Aber das alles wurde durch die enorme Gemütsstimmung aufgewogen, die an dieser Stätte herrschte. Ein riesiges, fünftägiges Fest wurde da gefeiert, und zwar zur Vollmondszeit. Pindar, der im elften olympischen Gesang zwar nicht das Fest, wie es war, sondern die ursprüngliche mythische Gründung schildern will, dabei aber doch die Farben aus der Wirklichkeit nimmt, läßt, nachdem die einzelnen Kämpfe vorbei sind, das liebliche Licht des freundlichen Mondes abendlich erglänzen, worauf dann der ganze Bezirk von Liedern zum Ruhme der Sieger erschallt (90 ff.). Ehe es aber zu diesem friedlichen Abschlusse kam, kostete man eine Spannung durch, die über alles geht, was z.B. bei modernen Wettrennen empfunden wird, und das inmitten einer Zuschauermenge, die von gleich heftigen Gefühlen bewegt war und für die einzelnen Vorgänge eine große Kennerschaft an den Tag legte174. Dabei befand man sich an der prächtigsten Stätte, die voll von Kunstwerken war; vor und nach den Kämpfen nahm eine enorme Fülle von Gebräuchen und Opfern die Aufmerksamkeit in Anspruch; in den umständlichen Behörden kam der in der Sache waltende Ernst zum Ausdruck; man wußte, daß die Hellanodiken sich zehn Monate lang in dem für sie bestimmten Hause zu Elis von den Nomophylaken in allen ihren Obliegenheiten hatten unterrichten lassen, eine Schulung, welche unentbehrlich sein mochte, wenn die Behörde gegenüber dem Widerspruche der Unterlegenen ihre Autorität erhalten sollte175.

Beiläufig mag hier noch erwähnt sein, daß das olympische Fest (wie wohl alle wichtigen Agone) ausschließlich eine Sache von Mannsleuten war, und daß man die Weiber davon drakonisch fernhielt. Der Grund war ohne Zweifel die Besorgnis vor schrankenlosem weiblichen Beifall aus nicht gymnastischem, sondern anderm Motiv, nach nicht gymnastischen[106] Qualitäten. Nur beim Wettlauf im Stadion waren auch Jungfrauen nicht vom Zusehen ausgeschlossen, und die Priesterin der Demeter Chamyne hatte dort ihren offiziellen Sitz176.

Außer den Kämpfern kamen nun nach Olympia prächtig ausgerüstete Festgesandtschaften mit Opfertieren und Weihgeschenken der Staaten und der einzelnen177; es kamen Chöre aller Art, besonders auch Knabenchöre, um beim Festopfer ihre Gesänge vorzutragen, es strömten Menschen aus ganz Griechenland und den Kolonien herbei; alle Dialekte und Interessen und Freundschaften gaben sich ihr Stelldichein; man sah, wie groß und ausgebreitet die Nation war; denn neben den zahllosen einzelnen Poleis bot sich hier einmal die Darstellung des Ganzen, und zwar eine freie, unbefohlene, und zusammengehalten war dieses Ganze in höchster Spannung durch die Wettkämpfe, bei welchen sich nicht nur Individuen, sondern dem Gefühle nach die betreffenden Poleis maßen.

An dieser Stätte, welche außerhalb auch der mächtigsten und ehrgeizigsten griechischen Poleis lag und somit neutral war178, erschienen dann aber auch die Vertreter des griechischen Geistes. Daß Herodot daselbst Teile seines Geschichtswerkes vorgelesen habe, wird zwar bezweifelt;[107] aber mitten zwischen die Kämpfe hinein trat etwa jemand auf wie der Rhapsode Kleomenes und rezitierte die Weihesprüche des Empedokles, die ihm dieser, weil es für den Vortrag an dieser Stätte eines ganz besondern Organes bedurfte, ad hoc mußte anvertraut haben179. Natürlich finden wir auch den Festredner mit vollem Mantelwurf, einen Gorgias und andere, die hier über Eintracht unter den Hellenen und Kampf gegen die Barbaren schöne Worte machen oder den Sturz des sizilischen Dionys predigen180; und endlich finden sich auch die Philosophen ein bis auf jenen Kyniker Peregrinus Proteus hinunter181, der recht eigentlich das Ende des olympischen Ruhmwesens bezeichnet; denn über seinen Sprung ins Feuer konnte die müde alte Welt nicht mehr hinaus. Übrigens gab sich mit Olympia noch die spätesteA18 Gelehrsamkeit ab: unter Hadrian schrieb Phlegon von Tralles seine Olympiaden, und noch der ältere Philostratos kommt in seinem Gymnastikos bei jeder Gelegenheit auf die dortigen Dinge zu sprechen.

Eine starke Konkurrenz für Olympia hätte in Delphi erwachsen können, insofern man dort von dem anfänglich fast bloß musischen Agon und den gymnastischen Spielen der Knaben allmählich zu aller möglichen Athletik und zum Wagenrennen überging. Doch kommt uns vor, die wahre spätere Konkurrenz sei viel eher Athen gewesen. »Die übrigen Festversammlungen kommen nach langen Zwischenräumen zusammen und enden bald wieder; unsere Stadt aber ist die ganze Zeit hindurch für die Ankommenden eine Festversammlung«, sagt Isokrates182 jedenfalls mit einer gewissen Berechtigung. Überdies aber waren die Panathenäen ein fast so vollständiges agonales Fest als die panhellenischen, ja nächst diesen vielleicht das allerschönste geworden. Um einen und denselben Preis, nämlich um Kränze und Gefäße mit Öl von den heiligen Ölbäumen, maß man sich auch hier in allen athletischen, ritterlichen und zuletzt auch musischen Kampfarten; für die letztern diente seit Perikles das Odeion183. In römischer Zeit mochte auch das Gladiatorenwesen Olympia Konkurrenz machen. Dasselbe blühte zuerst in Korinth; auch Athen war daran es einzuführen, unterließ dies aber auf Bitten des Demonax184.

Indes war und blieb Olympia immerhin die einzige Stätte der ganz allgemeinen griechischen Publizität und war hierin auch durch Delphi[108] nicht zu ersetzen, welches dafür andere Seiten der Überlegenheit besaß. Wer etwas an alle Griechen bringen wollte, mußte entweder in Olympia selber auftreten oder ein Bildwerk mit Inschrift hinstiften. Während man heutzutage, was an Bildwerk geschaffen wird, ausschließlich als Schmuck der Vaterstadt daheim behält, sandten bei den Griechen einzelne, Korporationen, Städte und Bünde dergleichen an den großen Festort oder ließen es auch dort anfertigen, und aus Pausanias ersieht man, daß sie das Ziel, »allgemeinA19 griechischer Notiznahme« für Jahrhunderte wirklich erreichten. Abgesehen von den Athletenstatuen fanden sich dort eine Menge von Statuen politischer, kriegerischer usw. Zelebritäten. Man hatte sie vielleicht meist in der Heimat auch und empfand doch, daß dies nicht genüge185.

Und hier kommen wir nun auf das agonale Denkmal überhaupt. In einer Zeit, da der agonale Ruhm der wesentliche und fast einzige war, mußte nämlich auch die Stunde schlagen, da die Griechen von der schon hoch gestiegenen Plastik dessen Verewigung verlangten und zu ihr sprachen: Du mußt es können. Vor allem handelte es sich, um von den ritterlichen Siegern zunächst abzusehen, um die Darstellung des Athleten, Ringers, Pankratiasten, Diskobols, Läufers. Deren Denkmal nun konnte kein Grabmal, Heroon und dergleichen sein; Beziehung und Symbolik als Substrat einer Dekoration hatten hier keine Stätte; auch ist der Sieger nicht oder doch nur zur Ausnahme186 Relief einer Stele oder Teil einer Architektur. Vielmehr ist er eine isolierte nackte Gestalt, und zwar mußte er so gegeben werden, daß ihn der Beschauer für einen (gymnastischen oder musischen) Sieger hielt; das irdische Leben, ja sogar andeutungsweise dasjenige Momentane, welches gesiegt hatte, sollte unsterblich gemacht werden. Dabei läßt sich fragen, in welchem Grade und ob überhaupt jedesmal der Kopf ikonisch zu nehmen ist. Vielleicht bekam der Bildner den Sieger nicht einmal immer zu sehen und mußte sich mit den allerdings unumgänglichen Angaben über das Alter begnügen. Aber persönlich[109] sollten die Statuen doch sein, und man darf sagen: das Porträtbilden, welches hier (im ganzen genommen) mit der ganzen und zwar nackten Gestalt beginnt, hat auf der Welt nie mehr so begonnen. Die Athleten sind bereits eine Kunstgattung, bevor von Statuen von Staats- und Kriegsmännern oder gar von Dichtern usw. in irgendwelcher größern Anzahl die Rede ist187.

In Olympia selbst waren die beiden frühesten Athletenstatuen188 (von Siegern der 59. und 61. Olympiade) noch Holzbilder, die eine von Feigen-, die andre von Zypressenholz; bald aber drängte die Athletenskulptur durch das Ausschreitende der Gestalten, die Aufstellung im Freien usw. gebieterisch auf den Erzguß hin und übte durch die Förderung desselben die wichtigste Einwirkung auf die ganze Plastik. In Athen war schon Kylons Statue aus Erz. Pausanias, der sich über diese Ehrung wunderte, weil Kylon ja nach der Tyrannis gestrebt habe, erklärt sie sich damit, daß er der schönste Mann und olympischer Sieger im Doppellauf sowie auch Eidam des Theagenes von Megara war189. Freilich könnte diese Statue auch in späterer Zeit gesetzt worden sein, denn es kam vor, daß Sieger aus viel früherer Zeit noch nachträglich verherrlicht wurden; so in der 80. Olympiade ein Sieger der sechsten, weil der delphische Apoll es seinen Landsleuten, den Achäern, so befohlen hatte190. Gesetzt wurden die Statuen teils von den Siegern selbst, teils von ihren Verehrern oderA20 Verwandten, teils von der Heimatstadt, sei es am Orte des Agons oder in der Heimat191, teils auch wohl von der kampfrichtenden Behörde192. Jedenfalls wurde die Ehre der Statue enorm wertgeschätzt und mit Ungeduld[110] erwartet. Der Kyrenäer Eubotas, welcher seinen olympischen Wettlaufsieg »beim Orakel in Libyen« vorauserfahren, ließ seine Statue gleich im Vorrat machen und konnte dann an einem und demselben Tage als Sieger verkündet und in dem (wohl mitgebrachten) Bilde aufgestellt werden193; Milon von Kroton aber soll gar seine eigene Statue in die Altis getragen haben194. Im III. Jahrhundert kam es dann vor, daß ein Wettlaufsieger in Olympia für drei Siege drei Statuen erhielt195. Anderseits wurde zur Strafe für späteres schlechtes Benehmen eines Siegers dessen Statue auch etwa umgestürzt196. Endlich ließ ein dankbarer Sieger sich von den Eliern auch bewilligen, daß die Statue seines Ringlehrers neben der seinen aufgestellt wurde197.

Und nun kam auch die Verewigung von Wagen und Rossen. In frühern Zeiten wurden die letztern wenigstens prächtig begraben: Miltiades bestattete die seinen auf dem Kerameikos, und auch der Lakonier Euagoras entwickelte hierbei große Pracht198; den Wagen aber stiftete man einfach, wie er war, nach Olympia. Mit der Zeit aber, von der 66. Olympiade an199, häuften sich die plastischen Quadrigen mit den Statuen der reichen Besitzer200 und der Wagenlenker und Rossebändiger, sowie auch Reiterstatuen und Statuen einzelner Pferde201; diese mochten eine Zeitlang in Olympia, Delphi usw. die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und jedenfalls hat die Kunst hierbei die lebendige Pferdebildung profitiert. Allein die Athletenbildung muß dann wieder sehr das Hauptthema geworden und bis spät geblieben sein202. Noch in der Zeit des Pausanias hat[111] man in Elateia an der Straße die eherne Statue des »Läufers Mnesibubos«, eines Mannes, der damals im siegreichen Kampfe gegen ein eingefallenes Räubervolk umgekommen war; die Statue aber hatte er wohl noch bei Lebzeiten dafür erhalten, daß er in der 235. Olympiade im einfachen Wettlauf und im Doppellauf mit dem Schilde gesiegt hatte203. – Daß neben allen Kämpfern der personifizierte Agon selbst auch seine künstlerische Darstellung fand, versteht sich von selbst. Pausanias sah ihn im Heraion zu Olympia in der Umgebung des Asklepios, der Hygieia und des Ares204.

Das griechische Agonalwesen ist nun, zum Teil durch die Kolonien, bis in weite Ferne, selbst bei Barbaren bekannt geworden. Zwar, wenn Pausanias (VI, 32, 1) sagt, Gymnasien und Palästren mit Statuen des Hermes, Herakles und Theseus (sic) seien auch bei vielen Barbaren im Gebrauch205, so wird dies nur auf Diadochenländer gehen, wo dergleichen mit dem Theater Eingang fand. Aber was soll man zu den Geschenken barbarischer Fürsten nach Olympia oder dazu sagen, daß sich die Phantasie eines Außenvolkes halbgriechischer Kultur, wie die Etrusker waren, mit dem Gedanken an griechische agonale Siege als mit einer Modesache völlig angefüllt haben muß? Dies beweisen die in etruskischen und unteritalischen Gräbern gefundenen Vasen, von denen eine unverhältnismäßig große Anzahl mit gymnischen Szenen bemalt ist und so für uns, indem sie das ganze palästrische Wesen illustriert, die große Ergänzung zur athletischen Skulptur bildet. Viele davon tragen die Aufschrift »von den WettkämpfenA21 in Athen« und geben sich somit, da die Kränze der panhellenischen Spiele ja nicht transportabel waren, als derjenige griechische Preis, den man nach Etrurien hinüberführen konnte. Davon, daß sie alle von Etruskern gewonnen waren, kann natürlich keine Rede sein. Aber dieses Volk, welches Gladiatoren kaufte, um sich etwas vorkämpfen zu lassen, ergötzte sich nun einmal an gemalter griechischer, jedenfalls nicht italischer Agonistik, wobei wir nicht zu fragen brauchen, welch merkwürdige Gestalt dieses Agonalwesen in den Köpfen der Barbaren mag angenommen haben, und die Panathenäen genossen einen solchen Ruhm, daß man durch die Aufschriften an sie erinnert zu werden begehrte. Mögen nun die Vasen aus Griechenland selbst eingeführt, oder, wie Gerhard annahm, das Fabrikat einer kunstbegabten griechischen Töpfergilde sein, die von Volci aus alle umliegenden Gegenden Etruriens mit Tongefäßen griechischer Kunst versah, jedenfalls sind sie[112] einer der stärksten Beweise für die berauschende Wirkung des agonalen Wesens. Daß Athen dadurch im Auslande um einen Grad berühmter wurde, ist ein Phänomen, das wir später noch werden zu betrachten haben.

Auch über das Musisch-Agonale ist hier zum Schlusse noch kurz zu sprechen. Nur mit einem Worte möge zunächst an das agonale Auftreten der Rhapsoden erinnert sein, von dem bereits oben die Rede war206; Hesiods Sieg in Chalkis bezeichnet für uns diese frühere Stufe. Von den panhellenischen Agonen aber war für das Musische jedenfalls der in Delphi der bedeutendste. Die Phythien sollen ja, wie schon gesagt, ursprünglich rein musischen Charakter gehabt haben, und zwar hörte man hier Kitharöden, welche zur Kithar den Hymnus auf den Gott vortrugen, Flötenspieler, Aulöden – deren Musik freilich wegen ihres melancholischen Charakters später bald wieder abgeschafft wurde207 –, endlich seit der achten Pythiade auch nicht singendeA22 Kitharspieler. Es muß in der ältern Zeit eine Sache auf Leben und Tod gewesen sein, hier zu siegen oder zu unterliegen, und die Kampfrichter walteten ihres Amtes mit dem größten Ernste208; in spätern Zeiten freilich mag auch hier, wie überall in Griechenland, das alte agonale Wesen durch das musikalische Virtuosentum zurückgedrängt worden sein, bei dem es sich um die Exhibition eines einzelnen handelte.

Aber nun möge auch des Musisch-Agonalen in seiner weitern Offenbarung gedacht sein. Vor allem stehen die Griechen im ganzen Altertum darin einzig da, daß der Agon bei ihnen sich des Kultus bemächtigt und indem er speziell dessen musische Elemente in seinen Bereich zieht209, die Hauptbedingung wird, unter der die Entwicklung eines großen Teils der Poesie stattfindet. Agonal ist, wie es scheint, das Drama, sowohl die Tragödie als die Komödie, fast von seinen Anfängen an; sodann aber sind es alle möglichen festlichen Chöre, welche z.B. in Athen, von den Phylen wettweise gestellt, d.h. den reichern Bürgern der Reihe nach überbunden werden210, so daß die Choregie eine der wichtigsten bürgerlichen[113] Leistungen wird. Dies Wesen nahm dergestalt zu, daß Plato sehr ernstlich über die Menge von wetteifernden Chören klagen kann, welche bei jedem gottesdienstlichen Anlasse auftreten und eine ungehörige, wehmütige Wirkung erzielen211. Jedenfalls aber erheischen solche Einrichtungen feste, gegebene Kampfrichter212, die gut geschult und vollkommen redlich gesinnt sind. Waren solche nicht vorhanden, dann mochte die Parteinahme des Volkes sich zu derjenigen Raserei steigern, die in der Geschichte von der Ermordung eines Kitharöden in Sybaris213 verbildlicht ist. In solchen Fällen zeigt sich uns das Agonale von der Kehrseite: die Leute, die bis zum größten Fieber mit diesem Treiben angefüllt sind, kennen keine Grenze mehr; es ist etwas Gottloses, nicht ihrer Meinung zu sein, und etwas Löbliches, den angeblich nicht Berechtigten aus der Welt zu schaffen.

Durch das ganze griechische Leben hindurch geht fortan die Wettbemühung. Die Kitharöden, Kitharisten, Auleten finden bei jedem öffentlichen Auftreten ihre Richter, als verstände es sich von selbst; überall gibt es Sieger und Unterlegene214. Die Hirten des Theokrit sind mit ihrem Wettgesang nur in Verlegenheit, wenn es keinen Richter gibt. »Wäre nur der Rinderhirt Lykopas hier«, wünscht der eineA23 Sänger215; worauf der andere: »Den brauche ichA24 nicht! Aber, wenn du willst, rufen wir den Holzmacher Morson, der dort das Heidekraut zusammenliest«. Dieser wird dann von beiden um Unparteilichkeit gebeten216. Und nun ist selbst[114] der Dialog als Form der philosophischen Darstellung ein Agon; es kommen Agone der Rede vor wie der von Artemisia zum Preise des Mausolos veranstaltete, an dem der jüngere Isokrates, Theodektes von Phaselis und Theopomp auftraten. Aber auch jeder Prozeß wurde mit Liebhaberei als Agon behandelt, so daß »Agon« der stehende terminus technicus für »Prozeß« werden konnte, und dazu kommen noch die Agone der bildenden Kunst, wenigstens der Malerei: der zu Samos zwischen Parrhasios und einem Rivalen um die Darstellung des Streites zwischen Aias und Odysseus und der des Panänos und Timagoras von Chalkis an den Pythien217.

Erst, als das Athletisch-Agonale und das Musisch-Agonale das griechische Leben vollständig durchdrang, wird auch die Erziehung sich völlig darauf eingerichtet haben, nicht in dem Sinne, daß sich jeder zum Wettkämpfer an feierlicher Kampfstätte ausgebildet hätte, sondern nur, soweit als nötig war, um dem Agon zu genügen, der das tägliche Leben beherrschte. Schon der Grammatiklehrer, der Kitharist und der Turnlehrer, welche für jeden, der irgendetwas bedeuten wollte, in und außerhalb Athens die unvermeidlichen Lehrer der Anfänge wurden, gingen hierauf ein, und unter den Knaben war demnach ein beständiges Gewinnen und Besiegtwerden, ein beständiges Empfangen von Kränzen218 üblich. Auch hatte man den Begriff der politischen Ephebie mit einer bestimmten gymnastischen Ausbildung zusammengebracht219, die sich dann als caput mortuum bis unter die Römer behaupten mochte. Einzelne Götter ferner: Hermes, Apoll, Herakles begannen diesem Wesen vorzustehen; die Kunst behandelte sie später direkt als leibliche Vorbilder dessen, was jeder gerne gewesen wäre, und der Mythus von Herakles wurde mehr und mehr dahin ausgebildet, daß derselbe zwar nicht als Agonalsieger – obwohl imA25 später ersonnenen MythusA26 von Olympia auch dies vorkommt – wohl aber als beständiger Kämpfer für das Heil einzelner Gegenden oder auch der Menschheit überhaupt galt, der seine Göttlichkeit gleichsam durch seine Tüchtigkeit verdient habe. Schließlich ist die ganze griechische Kunst von dem Symbol alles agonalen Siegens, der Bekränzung durchzogen220.

[115] Das tägliche Leben von Jugend auf, die Agora, die Gespräche, derA27 Krieg usw. taten das übrige zur Ausbildung des einzelnen. Es entstand eine Existenz, wie sie auf Erden weder vorher noch nachher nochA28 anderswo vorgekommen ist: Alles vom Agon durchdrungen und beherrscht und ausgehend von dem Grundfundament, daß durch das Erziehen (παιδεύειν) alles zu erreichen sei221, bei welcher Erziehung dann wieder der Familie und dem elterlichen Hause das wenigste überlassen blieb. Betrachten wir daneben den Wettbewerb, wie er sich in unserer Welt geltend macht, so springt uns vor allem der Hauptunterschied in die Augen, daß der griechische Agon immer eine ganze Bevölkerung zum Zeugen hat, während heute – ob es sich nun um persönliche ExhibitionA29 oder (wie bei Gemälden, Büchern usw.) um stumme LeistungA30 handle – ein entweder kaufendes, resp. Eintrittsgeld zahlendes oder nicht kaufendes und wegbleibendes Publikum entscheidet. Aber meist ist ja der heutige Wettbewerb auch mit ganz anderen Zielen behaftet. Wenn auf Schulen noch ein (gewöhnlich geringer) Grad von Ehrgeiz besteht (eine Ausnahme machen nur einige höchst Ehrgeizige), so ist dafür im Leben an die Stelle der »Sehnsucht nach Ruhm«, weit davon abweichend, die Geschäftskonkurrenz getreten. Der jetzige Mensch sucht viel eher eine Stellung in der Welt als plötzliche glänzende Anerkennung zu gewinnen, und er weiß wohl, warum er den Erfolg mehr auf der materiellen Seite sucht; denn das Leben ist pressant geworden. Was aber die Erziehung betrifft, so ist an Stelle der fast ganz auf künftiges Können hin gerichteten griechischen Paideusis die heutige auf »gründliches und dennoch vielseitiges« Wissen abzielende höhere Schulbildung getreten. Bei den Griechen aber wird das rasende Streben nach nichtigem Ruhm (κενοδοξία) wenigstens in späterer Zeit schon in den Mythus zurückverlegt. Salmoneus und andere gebärden sich als Götter, und Trophonios und andere sollen sich nach einer rationalisierenden Version ihres Mythus – ähnlich wie später Empedokles – in Erdhöhlen gestürzt haben, damit man glauben sollte, sie seien »aufgenommen« worden. In Summa dürfen wir wohl aussprechen, daß die Griechen den Wert des Lebens zu sehr in der Meinung[116] anderer gesucht haben, und wehe, wenn der Agon einst darin bestand, daß die einzelnen sich um die Wette bei den Massen geltend machten!


Indem wir nun daran gehen, die Wertschätzung der Arbeit bei den Griechen zu betrachten, werfen wir vor allem wieder einen Blick auf den alten Orient. Hier hatte sich die Frage nach der Würde der verschiedenen Tätigkeiten in den großen alten Kulturstaaten, wie es scheint, schon seit Entstehung der betreffenden Reiche erledigt; eine herrschende Kaste (Priester, Krieger) hatte Herrschaft, Krieg, Jagd und Wohlleben für sich vorweggenommen und den übrigen, mochten sie nach Erblichkeit der Beschäftigung in Kasten eingeteilt sein oder nicht, den Rest gelassen. Die Industriearbeit war wohl auf einen hohen Grad von (mechanischer, chemischer, formaler) Vollendung gekommen, war aber gewiß als Mühe verachtet und galt als ein erbliches Müssen, der Ackerbau war durch die schon fast tropische Hitze tatsächlich lauter Sklavenarbeit. Ähnlich geht dann auch auf völlige Verachtung der Arbeit und des bürgerlichen Erwerbes die Denkweise, die der Adel im europäischen Mitelalter ausgebildet hat; aber neben ihm kommt allmählich der Bürgerstand empor, der nicht nur arbeitet, sondern die Arbeit in hohen Ehren hält.

Anders steht zwischen diesen beiden Welten die griechische Welt da, indem hier gerade das Bürgertum als solches die Arbeit in ziemlich weitem Umfange verachtet, obwohl es deren Wirkung nicht entbehren kann. Die einfache Erklärung: die Griechen hätten hierfür eben Sklaven gehabt, genügt nicht; denn sie verachteten auch das meiste der freien Arbeit. Auch wird man die Schuld nicht auf das Klima schieben können; denn dieses ist noch nicht so heiß, daß Feldarbeit und Freiheit sich ausschlössen.

Das Wesentliche für die Wertschätzung der Arbeit sind vielmehr die Zeit und die Umstände, unter denen sich bei einer Nation die Ideale des Daseins ausbilden. Dasjenige des jetzigen Europas stammt vorherrschend vom Bürgertum des Mittelalters her, welches allgemach dem Adel nicht nur an Reichtum überlegen, sondern auch an Bildung – freilich einer anderen als der des Adels – gleichwertig wurde. Die Griechen aber hatten das Phantasiebild ihrer heroischen Zeit, d.h. einer Welt ohne Nutzen, und wurden dasselbe nie los; sie standen dem heroischen Dasein, welches nichts enthielt als Kämpfe, Tragödien der Königshäuser und dazwischen die Götter, und zwar dies alles verbunden durch eine wunderbare Poesie, unendlich näher, als der Bürgerstand des Mittelalters der germanischen Sagenwelt stand. Während aber das heroische Zeitalter, wenigstens in seinem Scheiden, in Hesiods Werken und Tagen, noch eine Anschauung des ehrbaren Bauernlebens feststellt – es ist daselbst sogar noch ein gewisser Grad von Gewerbe gepriesen – mußte das agonale,[117] welches darauf folgte, die Denkart, welche die körperliche Arbeit verachtet, noch unvermeidlicher hervorbringen. Die durch die Geburt gegebenen Individuen der herrschenden Klasse sind nicht mehr, wie vorher, in beschränkter Anzahl vorhanden, sondern es herrscht eine große, wesentlich von Grundrenten lebende städtische Aristokratie, deren Lebenszweck und Ideal wiederum der Kampf, aber weniger der Krieg als der Wettkampf unter Gleichen ist. Die ganze Nation ist überzeugt, daß dies das Höchste auf Erden sei. Die Mäßigkeit der Bedürfnisse erlaubt vielen, mitzumachen, und wer dies nicht kann, beneidet und bewundert es doch. So entsteht eine Menge von Kampfstätten und Kampfgattungen, und die Gymnastik als Vorbildung dafür wird ein Hauptteil der Erziehung; mit irgendeiner Art von erwerbender Tätigkeit aber ist diese Lebensweise unverträglich; die Agone verlangen das ganze Dasein.

Zugleich nahm jedenfalls auch das Sklaventum zu. Aber das Entscheidende war diese Zunahme nicht; denn öfter genügten rechtlose, tributpflichtige, tatsächlich leibeigene Bauern, und in Sparta waltete die herrschende Kaste über lauter solchen. Und ferner war das eigene Tun des Bauern und Handwerkers, wenn er auch Sklaven kaufte, deshalb in der allgemeinen Anschauung nicht geachteter. Nur das wird zuzugeben sein, daß die Ausdehnung des Sklaventums die ohnehin herrschende Ansicht bestärkte. Die Anschauung diesesA31 aristokratischen Zeitalters aber ist es, welche bis auf das späteste Griechentum wirkt und besonders auch noch in der Zeit des vollen demokratischen Staatslebens.

Vor allem ist das Spartiatentum absolut antibanausisch; dasjenige Ideal hellenischen Lebens, das von ihm verwirklicht wird, ist der diametrale Gegensatz alles Erwerbes jeglicher Gattung, nämlich die Ausstattung mit aller wünschbaren »Fülle der Muße«, nach Plutarch einer der herrlichsten und glückseligsten Bescherungen, die es gibt. Hier ist das ganze Staatswesen auf das Dasein unterworfener Völker gegründet, welche arbeiten müssen, und man ist stolz darauf, daß kein Spartiate etwas anderes tut, als was für die Polis dienlich ist222. Aber auch anderswo ist es wenigstens die Theorie des Bürgertums, daß das Ziel des Menschen die[118] Tüchtigkeit für den Staat (was der Grieche ἀρετή nennt) sei, und nur, wer diese Qualität ganz hat, ist wert, Bürger zu sein. Nach Aristoteles ist die Banausie geradezu der Gegensatz zur Bildung (παιδεία), sie ist etwas Demokratisches und gehört zur niedern Abkunft und Armut, während die Bildung mit Adel und Reichtum zusammen den Oligarchen ausmacht223. Er verbietet denn auch in der Erziehung nicht nurA32 das eigentlich Banausische, die schwere körperliche Arbeit, sondern findet sogar, die artes liberales seien nur mäßig zu pflegen, man sei der Einseitigkeit verfallen, wenn man sich zu sehr darauf verlege, um sie vollkommen zu beherrschen224. Offenbar sollen alle Eigenschaften eine Harmonie bilden und keine vorherrschen; der Grieche will, wenn er irgend kann, ein Ganzes sein und wird dies, wenn er sich ganz der Öffentlichkeit und der Gymnastik und edeln Kultur hingibt (wozu heute, wenn es einem gelingen soll, unerhörte Anstalten und Glücksfälle nötig sind). Jede Spezialität aber macht den Menschen zum bloßen Teil und damit banausisch, und wäre sie auch für das Heil des Ganzen noch so unentbehrlich und verlangte sie eine noch so hohe innere Anlage. Es fragt sich hierbei nur, wie weit die menschliche Natur die Verwirklichung solcher Ideale erträgt. Darüber, daß sie eine Menge von falschen Bürgern hatten, welche so banausisch als möglich nach den Vorteilen der Polis angelten, sind den Griechen auch später die Augen nicht aufgegangen.


Diesem allen gegenüber steht nun allerdings die Notwendigkeit und Leichtigkeit des Erwerbs und die große Anlage des Griechen zum Seefahrer, Kolonisator und Kaufmann, mit anderen Worten der entschiedenste Beruf dazu. Nachdem die Phönizier, bei welchen allein der Griff des Welthandels gewesen zu sein scheint, das Beispiel gegeben hatten, mußte die Annehmlichkeit des beweglichen Besitzes und die frühe Einsicht,[119] daß Geld doch gleich Macht sein könne, auch in der hellenischen Welt eine Exzeption zugunsten des Handels225 herbeiführen; auch wo soviel Geist zu wecken war, wie beim Verkehr mit anderen und bei den Reisen, hätte sich der Grieche nicht zurückhalten lassen. Handel und Reederei wurden die Hauptursache des beweglichen Vermögens, und wenn die Kolonien auch zunächst entstanden waren, um Poleis zu sein, so waren die meisten doch ohne Handel nicht denkbar, und dieser behauptete sich, wo und sobald sie etwas waren, in voller und gleicher Würde mit dem Grundbesitz. Die ganz von ihm durchdrungene, koloniale Denkweise wirkte dann aber notwendig auf das Mutterland zurück. Dabei ist noch keineswegs gegeben, daß die Blüte des Handels mit demokratischen Staatsverfassungen zusammenfällt; vielmehr waren die Verfassungen der handeltreibenden Poleis eher zu Timokratien ausgebildet, und in Ionien, Italien usw. sind die großen Kaufleute und Reeder offenbar zeitweise die Regenten, wie sie ja auch im abendländischen Mittelalter oft die erste Gilde und mit dem städtischen Patriziat entweder gleich an Würde oder geradezu identisch sind. Diese oberste Klasse aber war – zumal in den ionischen Städten – wenn sie auch wesentlich eine kaufmännische, nicht eine agonale226 Gesinnung hatte, mit ihren kühnen Fahrten noch eine Fortsetzerin des alten Heroentums, und, wie ihre Poesie und Philosophie, ihre mächtigen und prachtvollen Tempel und ihre großartigen Weihegeschenke beweisen227, so ideal gesinnt als irgendeine Aristokratie. Wohl sind dann durch den Luxus (τρυφή), welcher gewiß wesentlich Erzeugnis des Handelsgewinnes war, diese Staaten einigermaßen entartet; auch müssen die Ionier in dieser Beziehung stark unter lydischem Einflusse gestanden haben228; doch mag manches nur neben[120] der sonstigen, griechischen Mäßigkeit in Kleid und Tisch als Luxus ausgesehen haben; daß man in Ionien den Mermnaden unterlag, kam weniger von der Weichlichkeit als von den inneren Wirren229.

Nun mochte ein Sparta den Handel von seinen Vollbürgern völlig fernhalten und ein Epidamnos den Verkehr mit dem illyrischen Binnenvolke jährlich durch einen angesehenen Bürger als offiziellen »Verkäufer« besorgen lassen, weil dieA33 Bürger sonst im Umgange mit den Barbaren böse und neuerungssüchtig zu werden drohten230; dies sind Einzelfälle, die neben den großen, überwiegenden Interessen kaum in Betracht kommen. Zumal in Athen war der Handel wohl von alters her vom Vorwurfe der Banausie eximiert, und Solons Beispiel beweist, daß auch Eupatriden Handelsreisen machten. Plutarch, der es mit größter Absichtlichkeit vornehm motiviert, daß er sich dazu entschloß, bemerkt dazu, bei solchen Reisen gewinne man Zugang zu den Barbaren, Freundschaft der Könige und Kenntnis vieler Dinge231. In seiner Verfassung gründete Solon zwar seine abgestufte Berechtigung am Staat einzig auf den Grundbesitz; zugleich aber verlieh er in seiner Gesetzgebung der Arbeit überhaupt alle Ehre; die ganze Frage war für ihn schon aufs stärkste durch die massenhafte Einwanderung von Flüchtlingen präjudiziert, da der dürftige Boden Attikas kein müßiges Volk genährt hätte232. Er bekleidete somit die Gewerbe mit einem bestimmten Ansehen (ἀξίωμα), verlangte von seinen Bürgern, daß sie nicht nur selbsttätig wären, sondern auch ihre Söhne ein Gewerbe lernen ließen, nahm Fremde, die zur Ausübung eines solchen mit ganzer Familie nach Athen kamen, in die Bürgerschaft auf233 und verbot die Beschimpfung gewisser Berufe234. Mochte sich also in der Anschauung ein Dünkel gegen die gewerbliche Tätigkeit behaupten und das Mundwerk der Leute in Athen stets antibanausisch bleiben, so behielt daneben doch der Grundsatz seine Geltung, »daß es keine Schande sei, seine Armut einzugestehen, wohl aber, ihr nicht durch Arbeit zu entfliehen«235.[121] Wie spekulativ die Athener bereits zu Solons Zeit waren, geht aus der Nachricht hervor, daß seine Freunde, denen er das Projekt der »Schuldabschüttlung« mitgeteilt, hierauf rasch viel Geld entlehnt und daraus schöne Häuser und Landstücke gekauft hätten236. Jedenfalls war für Athen in der Folge ein sehr großer Austausch und Handel mit allem möglichen unentbehrlich237; die Stadt blieb immer eines der größten Assortiments, und dazu kamen die große Entwicklung des Geld- und Leihwesens, die Fabrikation mit Sklavenmassen und die attischen Bergwerke mit ihrem Betrieb: ohne den sehr großen Gewinn, der nur von Handel und Erwerb kommen konnte, hätten die Athener ihre Staatslasten schon gar nicht ausgehalten. – Übrigens war auch Solons Nachfolger, Peisistratos, ein utilitarisch gesinnter Herrscher, wie ja überhaupt einige Tyrannen in direktem Gegensatz zu dem antibanausischen Wesen standen, indem sie von jedermann Tätigkeit verlangten und das Agonale zum Teil direkt zerstörten238.


Was den Ackerbau betrifft, so ist vor allem daran zu erinnern, daß ein jugendliches Volk das Arbeitenmüssen sehr schwer nimmt, ganz anders als wir späte Okzidentalen. Daher Hesiods Jammer, daß die Götter den Menschen das Leben verborgen hätten239. Indes steht doch nach demselben Dichter das Bauernleben unter dem besondern Schutz der Götter, es ist höchst ehrenhaft und hat seinen besondern Agon: »wenn Wetteifer im Pflügen, Pflanzen, Hausordnen herrscht, so ist dies für die Menschen die wohltätige Eris; auch ist Arbeit keine Schande, wohl aber Untätigkeit«240. Auch später ist dann dem Ackerbau sein alter Adel nie ganz zu nehmen gewesen. Selbst wenn der Eigentümer die eigentliche Arbeit durch lauter Sklaven verrichten läßt, muß er eben doch dabei sein, indem sonst der Ertrag sehr leidet, und so mußten auch der Spartiate und besonders die Spartiatin die arbeitenden Heloten in Person beaufsichtigen; ein gleichartiges Leben mit den Sklaven und freien Arbeitern ergab sich dabei unvermeidlich von selbst. Jedenfalls war man dadurch vom Vollbürgertum nicht ausgeschlossen, und zumal bestand auch ein klares Bewußtsein von dem edeln Zusammenhang des Ackerbaus mit der[122] Kriegstüchtigkeit; noch Euripides spricht von den »Selbstackerern« (αὐτουργοί), welche allein das Land erhalten241. Erst der Lohnknecht (ϑής) galt als wesentlich geringer und wurde kaum besser als der Sklave behandelt, weil er eben bereits ein solcher war, der da mußte; auf diese Klasse, nicht auf die Eigentümer, mag zu beziehen sein, was etwa zu Unehren des Ackerbaus gesagt wird; im übrigen dürfte es die törichte Ausnahme sein, die ein einzelnes übermütiges Landstädtchen machte, wenn von den Thespiern berichtet wird, es hätte bei ihnen für eine Schande gegolten, ein Gewerbe zu lernen und sich mit dem Landbau zu beschäftigen242.

Daß der Ackerbau für die Griechen viel Anziehendes hatte, sieht man deutlich auch aus Autoren wie Xenophon, dessen Sokrates ihn neben dem Krieg als die des Bürgers würdige Beschäftigung hinstellt und ausführt, wie kein anderes Gewerbe stattlichere Erstlinge für die Götter und reichlichere Feste gewähre, keins den Sklaven lieber, den Frauen und Kindern angenehmer243 sei. Aber nun kommt Plato und läßt in seinem Staat durch den nämlichen Sokrates die Ackerbauer unter die Dienenden drücken, die von der Leitung des idealen Staates ausgeschlossen sind, und das zu einer Zeit, da der wirkliche athenische Staat hätte den Göttern danken können, wenn sie in ihm noch das große Wort geführt hätten. Man fragt sich, wie die Auffassung sich auch nur so habe ändern können. Möglicherweise hatte Plato die weitere Lage der Dinge noch unter Augen, da die eigentliche Arbeit auf dem Felde fast ausschließlich von Sklaven besorgt wurde. Für nobler galt es ja gewiß schon längst, nur von großen Landrenten zu leben, sich mit Hippotrophie, Jagd, Philosophie usw. abzugeben und damit noch im besten Falle die eigene Aufsicht über die Güter zu verbinden. – Aristoteles sodann, bei welchem die bürgerliche Berechtigung wesentlich auch mit der Waffenfähigkeit zusammenhängt, muß die Bauern notwendig etwas höher stellen als die eigentlichen Banausen. Dennoch rechnet er sie in denjenigen Partien der Politik, wo sein Staatsideal zu Worte kommt, zur Masse244, die zwar in der Polis vorhanden sein muß, aber neben dem beratenden und kämpfenden Teile der[123] Bürgerschaft nichts zu sagen hat, und deren Angehörige in der freien Volksversammlung nicht anders als gerufen erscheinen dürfen. Offenbar ist auch ihre Tätigkeit unter der allgemeinen Definition subsumiert, wonach zum Banausischen alles gehört, was Leib, Seele und Verstand der Freien zur Übung der bürgerlichen Tüchtigkeit untauglich macht, wie denn alle Taglohnarbeiten dem Geiste die Muße und den höheren Flug benehmen245. Wo er dagegen nicht im Sinne seines Ideals, sondern im Hinblick auf die gegebenen Verhältnisse spricht, da sagt der gleiche Aristoteles freilich: wenn schon Demokratie sein müsse, dann sei allerdings der ackerbauende Demos der beste246. Er gibt also zu, die Bauern seien etwas, und sie wären auch in der Tat etwas gewesen, ja die großen Theoretiker hätten sich dreimal besinnen dürfen, ehe sie ihnen jene niedrige Stellung anwiesen.

Während also der Bauer von Hesiod abwärts immer geringer taxiert wird, muß sich für den Hirten ein weit günstigeres Vorurteil erhalten haben; sonst wäre er nicht in der Bukolik des dritten Jahrhunderts ein großer Gegenstand der Poesie geworden. Man scheint ihn, weil man seine körperliche Anstrengung nicht sah oder nicht beachteteA34, während man beim Bauer und Ackersklaven die harte Arbeit vor Augen hatte, nicht für einen Banausen gehalten zu haben und traute ihm lauter Muße zu. Schon frühe konnte die Idealgestalt des Daphnis entstehen, und auch Apollon ist ein Hirt, aber nie ein Bauer gewesen: Hirt und Gott sind edle Tagediebe. Ob der Hirt Sklave war oder nicht, kommt in dieser Beziehung wenigA35 in Betracht, weil er auch als Sklave in seinem Kommen und Gehen sehr frei erschien und kaum ernstlich zu beaufsichtigen war.


Bedeutend ungünstiger ist die allgemeine Präsumption für die Gewerbe und Künste, obwohl tatsächlich ein sehr ausgedehnter und einträglicher Gewerbefleiß vorhanden war, der überall, wo er sich mit der Form berührte, sogar Edles und Herrliches schuf247. Hierin gehen die Griechen mit dem übrigen Altertum einig248. Während sich aber in den[124] Kulturstaaten des Orients der Unterschied zwischen Handarbeit und Nichthandarbeit durch das Kastenwesen erledigt und in den Halbkulturstaaten durch den geringen Bedarf, soweit derselbe über die Arbeit der Hausweiber und Haussklaven hinausgeht, behauptet sich bei den Griechen trotz großem Bedarf eine entschiedene theoretische Geringschätzung, hie und da auch mit praktischen Folgen. Die Quelle dieser Verachtung war eine doppelte, indem erstens die Arbeit um Geld als solche und zweitens die sitzende, am Schatten geschehende, den Leib verunedelnde Arbeit übel angesehen war, jene als illiberal (ἀνελεύϑερον), diese als banausisch im engern Sinne249. So werden denn in Athen trotz Solons Meinung, daß man keinem seine Arbeit vorwerfen dürfe, mit den Banausen öffentlich wenig Umstände gemacht, wie dies die verächtlichen Aufzählungen verschiedener Arten von Gewerbstreibenden bezeugen, die sich Aristophanes erlauben darf250. Wenn man aber gar auf die Theoretiker hört, so findet man sie darin einig, daß dieselben eine inferiore Menschengattung darstellen. Schon Sokrates, der doch fleißig in ihren Buden herumstrich, verachtete sie im Grunde und erzürnte u.a. den Anytos tödlich damit, daß er ihm, dem zeitlich in hohen Ämtern Stehenden, abriet, seinen Sohn in das eigene Gerberhandwerk zu nehmen251. Xenophon läßt Sokrates sagen252, die banausischen Bestrebungen beschädigten den Leib durch das Sitzen, das Leben im Schatten und das Feuerarbeiten, und bei der Verweibischung der Leiber würden auch die Seelen schwach; dies würde sich am deutlichsten bei einem feindlichen Einfalle zeigen: wenn man da die LandbauernA36 und die Gewerbetreibenden besonders fragte, ob man das Gebiet verteidigen oder es preisgeben und nur die Mauern bewachen sollte, würden jene alle für die Verteidigung stimmen, diese aber gemäß ihrer Erziehung würden stille sitzen wollen, ohne sich auf Anstrengungen und Gefahren einzulassen. Plato im Staat hält die Gewerbetreibenden so gut als die Landbauer von aller politischen Tätigkeit fern und drückt sie zu steuerzahlenden Untertanen hinab253. Für Aristoteles, bei dem die Frage nach der Staatsbefähigung (dies ist im Grunde seine [125] ἀρετή) einseitig in den Vordergrund kommt, ist der eigentliche Maßstab der Unwürdigkeit das Arbeiten um Lohn (μισϑαρνία)254. Im Grunde hält er den freien Banausen dem Sklaven gleich; nur sei seine Knechtschaft eine begrenzte, während die des Sklaven eine von der Natur gesetzte (also unbegrenzte) sei255. Nach seinem Geschmacke würde er alle von der Polis ausschließen, da sie keine Trefflichkeit haben. Wie weit die Verachtung selbst der wichtigsten Leistungen ging, wenn sie Spezialitäten und irgendwie mit materieller Hantierung verbunden waren, und wie enge man die Grenzen der liberalen Tätigkeit zog, lehrt am deutlichsten der Kallikles des platonischen Gorgias256, dem Sokrates vorhalten kann, er verachte den Kriegsmaschinenmeister samt seiner Kunst, der doch für Rettung im großen sogar demA37 Feldherrn gleichstehe, ja ganze Städte rette, und der (so gut als die Rhetoren) große Worte machen könnte, und würde dessen Sohn seine Tochter nicht geben und auch keine Tochter von ihm zum Weibe nehmen. Man möge hierzu die wichtige Partie bei Plutarch257 halten, wo es bei Anlaß des Archimedes als eine förmliche Schande für die Mathematik erscheint, wenn sie sich zu praktisch wichtigen Anwendungen bequemt. Archimedes selbst hält dies für banausisch und Hieron hat ihn dazu nötigen müssen.

Nun ist es zwar an dem, daß man ein geehrter Bürger sein kann, wenn man als reicher Kapitalist eine große Fabrik hat, worin man – vielleicht ohne eigenes Verständnis und nur mit Hilfe kundiger Werkmeister – durch abgerichtete Sklaven arbeiten läßt258. So fabrizierte der Vater des[126] Sophokles Waffen, der des Demosthenes ebenso, der des Isokrates Flöten. Es ist aber sehr bezeichnend, wie in den Viten der Söhne jedesmal darüber debattiert wird, ob ein solcher Mann gleichwohl recht vornehm gewesen sei. Hätten sie selbst Hand an die Arbeit gelegt, so glaubt man, daß weder der Sohn des Sophillos259 neben einem Perikles und Thukydides Stratege geworden wäre, noch der des Theodoros eine Ehrenstatue in Olympia erhalten hätte. Es »blieb deshalb auchA38 der größere Teil dieser Geschäfte in vielen Städten von selbst solchen Klassen der Einwohnerschaft überlassen, die ohnehin als unfrei oder ortsfremd zu keiner bürgerlichen Tätigkeit berufen und befugt waren. Wir finden selbst in Athen und anderen Demokratien, daß dieselben je länger je mehr aus den Händen der Bürger in die der Metöken übergingen, die zu diesem Ende selbst aus allen Gegenden Griechenlands und seiner Nachbarländer nach den Hauptstädten des Verkehrs zusammenströmten«260. Viele attische Metöken mochten Lyder, Phryger, Syrer, vielleicht auch Juden sein; es wurde diesem Stande schon durch Themistokles, damit viele kämen, mancher Vorschub getan, obschon der Metöke keinen Grundbesitz erwerben durfte, wie die Sklaven der Tortur unterworfen war und, wenn er seine Taxe nicht zahlte, als Sklave verkauft werden konnte. Auch Aristoteles, welcher ausdrücklich das Dasein von bürgerlichen Banausen konstatiert, gibt daneben an261, daß das Banausische von alters her in den meisten Fällen durch Sklaven oder Fremde verrichtet worden sei. Jedenfalls aber war eine Banausenklasse schon für die Waffenfabrikation, zumal wenn einmal künstliche Wurfgeschosse und dergleichen in Gebrauch kamen, ganz unentbehrlich, wie überhaupt für jegliche Metallarbeit, die nun einmal der verrufenen Feueresse nicht entbehren[127] kann262, und darum wurden, wenn auch eigentlich die alte, athenische Voraussetzung lauten mochte: »Dem Bürger der Grundbesitz, dem Metöken die Gewerbe«263, doch schon zu des Themistokles, ja wie gesagt, zu Solons264 Zeit eine Menge Zugewanderter, die doch nur vom Gewerbe leben konnten, direkt ins Bürgerrecht aufgenommen.

Für genügsame Seelen wie Antisthenes war in Athen die Leichtigkeit, sich mit banausischen Arbeiten durchzuschlagen, groß. Er fand265, er sehe keine Arbeit, die so gemein wäre, daß sie ihm nicht genügenden Unterhalt böte. Andere aber fanden es einen positiven Jammer, Banause zu sein. In dem pseudoplatonischen Axiochos wird ein solcher unter denen, die sich über ihr Schicksal beklagen, zuerst angeführt, wie er vom Anbruch des Tages bis zur Nacht arbeiten muß und sich kaum die nötigen Lebensmittel erwirbt, sein Los beklagt und jede schlaflose Stunde mit Jammer und Sorgen ausfüllt266. Mochten aber die Leute, welche die Feder führten, über das Los der Banausen denken, wie sie wollten, sicher ist, daß in Athen von Perikles Tode an Gewerbsleute und Handwerker aus dem niederen Bürgerstande sich vordrängten und eine politische Rolle spielten, trotzdem sie einer freien Erziehung durch Musik und Gymnastik entbehrten. Sie führten jetzt in den Volksversammlungen das Wort und bekleideten die Ämter, und da sie nicht besser sein wollten als der große Haufe, wurde es ihnen viel leichter, die Menge zu behandeln als den Aristokraten267.


Und nun wurde zufälligerweise auch die ganze Plastik in die Verdammnis des Banausentums hineingezogen. Kunst und Poesie der Griechen erscheinen ja uns Spätgeborenen ziemlich unwidersprochen als das[128] Höchste und Herrlichste, was sie geleistet, und es liegt uns darum nahe, eine ähnliche Hochschätzung der Kunst und der Künstler bei den Griechen selbst vorauszusetzen: wenn wir uns die Tempel ihrer Blütezeit mit ihren vom Giebel herableuchtenden Gruppen, ihren Hallen voller Anatheme, ihren Kultusbildern höchsten Ranges vorstellen, so zweifeln wir zunächst nicht daran, daß die Schöpfer solcher Herrlichkeiten unter den Einwohnern eine Ehrfurcht genossen hätten fast wie übermenschliche Wesen, daß es als ein Glück gegolten hätte, ihnen zu nahen, und als ein unvergleichlicher geistiger Genuß, irgendwie von ihrer Gefühlswelt Kunde zu gewinnen. Aber in Wahrheit verhielt es sich ganz anders. Auch die plastischen Künstler wurden aufs stärkste von dem gegen die Banausie bestehenden Vorurteile betroffen, und keine Hoheit des Geistes konnte es gut machen, daß sie erwerbende Leute waren, den Meißel führten und an der Feueresse standen.

Noch bis ins VII. und VI. Jahrhundert, als die ersten plastischen Meister von höherer Bedeutung aufstanden, lag auf ihnen ein Abglanz der Heiligtümer, welche sie schmückten268; Orakelnehmen sich ihrer an, und sie dürfen noch ungescheut ihr Bildnis an oder neben dem Kultbild anbringen. Den Spätern wird eine solche religiöse Achtung nicht mehr gegönnt. Und leider hatte schon die Ilias den Künstler unter den Göttern nicht bloß von seinem bekannten Sturz her hinken lassen, sondern ihm auch diejenige Mißgestalt gegeben, welche man ganz besonders den Banausen zutraute: Hephästos ist ein Riese mit mächtigem Nacken und zottiger Brust, drunter aber zappeln schwächliche Beine269.

Wie wir sahen, waren die Künstler freilich in einer und derselben Mißachtung begriffen mit allen denjenigen, welche sich einer besondern Lebensaufgabe, einer Spezialität gewidmet hatten; auch die Musiker und manche Dichter teilten hierin ihr Los. Es lautet sehr groß, wenn die Griechen als dasjenige Volk gepriesen werden, in welchem, wer irgend konnte, für das Ganze sich ausbildete und lebte und nicht für ein Besonderes; allein wir als Nachwelt fühlen uns doch einigen von jenen Einseitigen mehr verpflichtet als denen, die sich vor lauter harmonischer Kalokagathie gar nicht mehr zu lassen wußten, meist aber in der konkreten Polis, wie sie seit dem Peloponnesischen Kriege war, kaum mehr die Stelle fanden, um ihre »Trefflichkeit« zur Geltung zu bringen. Und wenn es einmal so weit war, hätte man den Spezialitäten die schuldige Ehre erweisen dürfen.

[129] Es ist wahr, daß die zusammenhangenden Haupträsonnements, auf welche wir hier angewiesen sind, erst aus der Kaiserzeit stammen; allein wer wird bei Plutarch und Lukian nicht sofort den Widerhall der älteren attischen Denkweise erkennen, als deren Überlieferer diese beiden Autoren uns so oft unentbehrlich sind? Auch sprechen sie, wie sich zeigen wird, in einem Tone, in welchem nur alte, weitverbreitete, selbstverständliche Überzeugungen pflegen vorgetragen zu werden. Im Leben des Perikles bereitet Plutarch gleich eingangs darauf vor, daß man ja das Kunstwerk lieben und den Künstler verachten könne: »Wir lieben Wohlgerüche und Purpur, halten aber Salbenköche und Färber für illiberal und für Banausen.« Er sagt es in Beziehung auf einen allzu gründlichen und fachmäßigen Betrieb der Musik und bringt zu weiterer Begründung Anekdoten aus dem IV. Jahrhundert vor: von Antisthenes, der über den gepriesenen Musiker Ismenias sagte: ein jämmerlicher Mensch, sonst wäre er kein so trefflicher Flötenspieler! – und von Philipp von Makedonien, der beim kunstreichen Saitenspiel seines Sohnes an einem Gelage ihn anfuhr: schämst du dich nicht, so schön zu spielen? – Und nun folgt (c. 2) das berüchtigte Wort: »Kein Jüngling von besserer Anlage hat jemals beim Anblick des Zeus zu Olympia, der Hera von Argos gewünscht, Phidias oder Polyklet gewesen zu sein oder Anakreon, Philemon, Archilochos270, wenn er sich ihrer Dichtungen freute; denn, wenn auch das Werk Vergnügen erweckt, so folgt noch nicht notwendig, daß der Meister des Nacheiferns würdig sei.« Anderswo271 verrät Plutarch noch einen besondern Nachteil der Künstler: »Alkamenes und Nesiotes und Iktinos272 und all diese Baunausen und Handarbeiter haben die Redekunst abgeschworen«, und allerdings hatte, wer ein Meister der plastischen Form werden sollte, ganz unmöglich Zeit und Muße, auch noch jene Kunst zu lernen, welche in dem sinkenden Griechenland die Vorbedingung jeder öffentlichen Geltung war273; ja es ist denkbar, daß die großen Künstler ihrerseits eine herzliche Verachtung gegen diejenige Majorität von Rhetoren und Sykophanten hegten, welche die Beredsamkeit zum niederträchtigsten Zwecke gebrauchten.

Viele, welche den plastischen Künstler gering achteten, fanden es wenigstens wünschenswert, öffentliche Ehrenstatuen zu erhalten. Der[130] pathetisch geschraubte König Agesilaos verbittet sich im Sterben auch dies: »Wenn ich Edles verrichtet habe, so wird dieses mir zum Denkmal dienen, wo nicht, so helfen mir alle Statuen zu nichts, welche ohnehin Werke von geringen Banausen sind274.« Und so hat sich denn das ganze Altertum darein fügen müssen, nicht mehr zu wissen, wie König Agesilaos ausgesehen, dem man Jahrzehnte lang bis zur Ermüdung an jedem Kreuzweg der griechischen Geschichte begegnet.

Auch nachdem längst schon eine Kunstkennerschaft blühte und für alte Kunstsachen die höchsten Phantasiepreise bezahlt wurden, ist die Kunst selber bei den Autoren nur ein Handwerk275. Zuletzt offenbart dann Lukian in seinem »Traum«276 diese ganze Denkweise im Zusammenhang. Er ist bei einem Oheim in die Lehre getan worden, der nur ein wackerer Hermenmacher und Steinmetz war; allein die »Techne«, welche ihm im Traum erscheint, mahnt ihn zu Höherem: Scheue dich nicht, wenn dein Leib verschrumpft und deine Kleidung schmierig ist, denn auch Phidias begann so und leistete doch den Zeus, und Polyklet schuf die Hera, und Myron wurde hochberühmt und Praxiteles bewundert, und jetzt verehrt man sie wie die Götter. Willst du nicht auch bei allen Menschen ruhmreich werden, so daß man den Vater beneidet, der dich gezeugt? – Dies konnte aber die »Techne« nur mit Stottern und mit Sprachfehlern (βαρβαρίζουσα) hervorbringen, und nun folgt die Erscheinung und Rede der »Paideia«, d.h. der literarisch-rhetorischen Bildung, welche sich damals so unermeßlich über die Kunst erhaben dünkte: Zunächst, wenn du ebenfalls nur ein Steinmetz wirst, so bleibst du ein bloßer Arbeiter mit dem Leibe, unberühmt, beschränkt an Geist, bei Freund und Feind wenig ästimiert, ein Mensch des großen Haufens; vor den Mächtigen duckst du dich und mußt dem schmeicheln, welcher reden kann; du lebst wie ein Hase, als Opfer des Stärkern. Würdest du aber auch ein Phidias oder ein Polyklet und schüfest Wunderwerke, so würden zwar alle deine Kunst loben, aber keiner, der noch etwas Vernunft hätte, würde begehren, deinesgleichen zu sein; denn welcher (Meister) du auch wärest, so gältest du doch als Banause, als Handarbeiter, als einer, der von seiner Arbeit leben muß. Sokrates, der als Bildhauer erzogen war, ist, sobald er das Bessere erkannte, zu mir übergelaufen. – Im weitern schildert die Paideia die beiden Lebensläufe: einerseits den Mann der erhabenen Rede, der edeln Gestalt, welchem Lob, Proedrien, Einfluß, Ämter, Ruhm zuteil werden, und welcher glücklich gepriesen wird wegen seiner Einsicht; – andererseits den Unglücklichen: in schmutzigem[131] Kittel, anzusehen wie ein Sklave, in den Händen Hebel, Meißel, Bohrer, abwärts gekauert an seiner Arbeit, niedergebückt und niedrig strebend, in jedem Sinne unten gehalten; kein Aufrichten, nie ein männliches, freies Wollen! nur darauf sinnend, daß die Statuen harmonisch und wohlgestalt geraten, nicht aber, daß er selbst harmonisch und edel werde, daher denn auch geringer geachtet als die von ihm gemeißelten Steine.

Lukian ließ sich belehren, wurde reisender Redekünstler und trug später seinen Landsleuten in Samosata eben diese Erzählung seines Traumes vor. Er schließt: »Und nun bin ich allermindestens nicht weniger berühmt als ein Bildhauer!« Was denn beim Kunstverfall der antoninischen Zeit nicht viel sagen will; auch war es entschieden gut, daß er keine Götterbilder schaffen mußte. Dafür hat sein einmal geweckter Kunstsinn uns manche wichtige Nachricht, manche belebte Schilderung aus der alten Kunstwelt geschenkt.

Davon, daß die schon in der Zeit des vollen Glanzes übliche Verachtung des Plastikers für die Plastik vielleicht ein Glück war, haben wir bei früherer Gelegenheit schon gesprochen277. Die Kunst konnte mit voller Naivität auf das herrlichste weiterschaffen, als hätte es keinen Peloponnesischen Krieg und keine Zerrüttung des sonstigen griechischen Lebens gegeben; sie allein wurde nicht in die allgemeine Krisis hineingerissen, sie allein hielt die Idealität der Göttergestalten aufrecht, während die Philosophie dieselben aufgab und die mittlere Komödie sie in ihrem burlesken Kot herumzog. Auch einem andern Unheil entzog sie sich nur durch die Mißachtung der Künstler: während die Tragödie als vermeintlicher »idealer Lebensberuf« jenen Schwarm von Dilettanten weckte, jene »tausend Knaben«, über welche Aristophanes höhnt278, blieben die Unberufenen der Plastik ferne, ja es bedurfte ohne Zweifel eines sehr starken innern Antriebes, um Bildhauer zu werden. Dafür mögen denn jene erhabenen Banausen bei ihrem Umgang mit Göttern und Heroen ein inneres Glück empfunden haben, welches sie hoch erhob über diejenige soziale Taxierung, die ihnen von ihren »harmonischen« Landsleuten zuteil wurde. Freilich, wenn die übergroße Herrlichkeit der Werke trotz allem Vorurteil dem Künstler einen hohen Ruhm schuf, dann kam der griechische Neid und brachte Verderben279. Phidias starb im Kerker durch Gift, und dabei blieb esA39, daß sein Denunziant Menon, den er so glänzend widerlegt hatte, vom Demos Steuerfreiheit erhielt, und daß[132] die Strategen besondern Volksbefehl bekamen, für dessen werte Sicherheit zu sorgen, allerdings Anerkennungen, welche die Polis auch andern Denunzianten zu erteilen pflegte.

Ein eigentümlicher Vorzug, den die großen Meister der Plastik schon seit früherer Zeit genossen, und der sich wie ein Ersatz der mangelnden Achtung ihres Faches ausnimmt, ist es, daß sie weit über ihre Heimatstadt hinaus für die größten Aufgaben in Anspruch genommen wurden. Mochten sie auch in der fremden Stadt über diese Zeit nur als Metöken wohnen und gelten, so hatte doch immer dieselbe der Kunst das große Opfer gebracht, einen Nichtbürger, sogar vielleicht aus einem politisch verfeindeten Staat, zu berufen, während man in der Regel Einheimische (ἐπιχωρίους) zur Verfügung gehabt hätte. Im Tychetempel zu Theben waren an dem Bilde der Göttin mit dem kleinen Plutos auf dem Arme, der Kopf und die Hände von Xenophon, dem Athener, der Rest von dem Ortskünstler Kallistonikos280. Stärker als alle Bedenken sowohl wegen Banausie als wegen fremder Herkunft der Künstler war eben jene große Grundkraft alles griechischen Lebens, der Agon, hier als Wetteifer der Städte, ein nicht minder vollkommenes Gebilde zu erhalten, als anderswo schon vorhanden war. und mit dem Künstler wird auch oft der vollkommene Stein gewandert sein, und aus pentelischem und parischem Marmor wurde gemeißelt und selbst gebaut in Böotien, Arkadien und Phokis281. – Übrigens war auch der Baumeister schon seit der mythischen Zeit überall zu Hause, wo man seiner bedurfte, und Trophonios und Agamedes, »als sie heranwuchsen, wurden gewaltig im Bau von Tempeln für Götter und von Königsburgen für Menschen282«.

Um aber auf die Mißachtung der Künstler zurückzukommen, weshalb machten denn die Maler davon eine Ausnahme und galten nicht als Banausen? Das Faktum steht außer allem Zweifel, schon durch das Auftreten, welches die berühmten unter ihnen sich erlaubten283. Zeuxis erschien zu Olympia in einem Gewande, in dessen Muster sein Name mit[133] goldenen Buchstaben eingewebt zu lesen war. Parrhasios vollends trug sich in Purpur und Gold, mit einem goldenen Kranz; er gab sich selber in Versen als einen Sprößling Apolls, als den ersten griechischen Künstler, als den, welcher die Grenzen der Kunst erreicht habe. Ferner gab es Malerbildnisse, während die Züge eines Polyklet, Skopas und Praxiteles der Nachwelt verloren gingen, weil man ja Banausenstatuen in Olympia usw. nicht hätte aufstellen dürfen, und während es dem Phidias bekanntlich zu der Veruntreuungsklage noch eine Asebieklage zuzog, daß er sein und des Perikles Bildnis in die Amazonenschlacht auf dem Schilde der Pallas Parthenos eingeschmuggelt hatte284. Der Grund dieser höhern sozialen Stellung der Maler kann nur in dem vermeintlich viel geringern Grade körperlicher Anstrengung und namentlich in ihrem Fernbleiben von der Feueresse gelegen haben; es verhält sich mit ihnen ähnlich wie mit den Hirten gegenüber den Bauern285. Außerdem aber taten sie noch in einer andern Beziehung das Mögliche, um der Banausie zu entrinnen: sobald sie bedeutenden Erwerb gesammelt hatten, begannen sie gratis (προῖκα) zu malen oder ihre Werke zu verschenken – oder, wenn sie dies nicht taten, so wurde doch später fest behauptet, sie hätten es getan. Schon von Polygnot heißt es bei Plutarch286: er war keiner von den Banausen und malte die Poikile nicht um des Erwerbes willen aus, sondern umsonst, aus Ehrliebe gegenüber der Stadt Athen, auch bekam er als Lohn das attische Bürgerrecht und überdies durch die Amphiktyonen wegen der Malereien in Delphi das Recht der öffentlichen Bewirtung in den griechischen Städten. Zeuxis (laut Plinius) verschenkte später seine Werke, weil sich doch für den Ankauf kein hinlänglich würdiger Preis setzen lasse, so seine Alkmene an die Agrigentiner, seinen Pan an den König Archelaos. Daß er für die Besichtigung seiner Helena ein Eintrittsgeld[134] verlangte, machte ihn keineswegs zum Banausen, weil keine körperliche Anstrengung damit verbunden war und sein Ruhm dabei konstatiert wurde. Nicht das Geldbekommen war banausisch, sondern das Gelderwerbenmüssen287.

Mit der Zeit wurde es sogar möglich, den Zeichnungsunterricht zu einem allgemeinen für die freigeborenen Knaben zu machen288. Dem Modellieren und Bossieren würde diese Ehre niemals widerfahren sein.


Der allervollkommensten Verachtung verfiel schließlich der Kleinkram (καπηλεία), unter dem nicht bloß aller Fürkauf und Wiederverkauf begriffen ist, sondern alles, was einen beliebigen Preis für irgendeine Leistung verlangt289, wie z.B. die Gastwirtschaft290 und selbstverständlich wohl auch alles Geldleihen der Trapeziten und Daneisten um Zinse. So erkennt zwar Plato im Buch von den Gesetzen291 zunächst die vollkommene Unentbehrlichkeit der betreffenden Menschenklasse zur Ausgleichung der Bedürfnisse an, deduziert aber die vorherrschende Verächtlichkeit der betreffenden Individuen aus deren schrankenloser Begehrlichkeit und Gewinnsucht, welche sie in übeln Ruf gebracht habe, und führt uns die Krämer und Wirte in einem Lokal an entlegener Landstraße vor, wo man zwar aufgenommen, aber übernommen und wie kriegsgefangene Feinde gebrandschatzt werde. Vollends Aristoteles292 behauptet, Kleinkram und Tauschhandel würden billigerweise getadelt; denn der Gewinn sei hier nicht naturgemäß, sondern komme von anderer Leute Schaden her; mit dem größten Recht aber hasse man das[135] Leihgeschäft, welches das Geld nicht nach seiner wahren Bestimmung als Tauschmittel behandle, sondern zur Anhäufung vermögeA40 des Zinses293. Auch wirft294 er die Marktleute (ἀγοραίοι) verachtungsvoll mit den Banausen und Lohnknechten zusammen und findet, eben weil sie sich immer auf dem Markt und in der Stadt herumtrieben, sie diese ganze Sorte immer zum Abhalten von Volksversammlungen geneigt, wozu sie denn allerdings das Mundstück haben mochten.

Entscheidend war für diese Beurteilung offenbar teils die Neigung dieser LeuteA41 zum Betrug, teils die sonstige Unbrauchbarkeit der betreffenden Individuen, und was speziell die Verachtung der Geldverleiher betrifft, so dürfen wir uns hier auch der als Wucher empfundenen Höhe des damaligen Zinsfußes erinnern, wonach zehn Prozent schon unter Berücksichtigung der Freundschaft verlangt wurden, aber auch 25, ja 36 (= monatlich drei) vorkommen, ohne daß etwas dazu bemerkt wird295. Es wird nun der circulus vitiosus geherrscht haben, daß diese Leute, je mehr man sie verachtete, sich um so verächtlicher benahmen; denn wer einmal dieses Eis gebrochen hatte, genierte sich wohl weiter in nichts mehr, da dies ihm doch nichts geholfen hätte. Wenn man aber dann nachher über die elende Bedienung schalt, so hätte man sich sagen dürfen, man habe sich selbst gegen die Betreffenden so benommen, daß sich zu ihrer Tätigkeit nicht leicht ein achtbarer Mensch hergeben mochte. Das Ende vom Liede und die große Schattenseite dieser Auffassung war, daß im VI. Jahrhundert manche gar um keinen Preis mehr arbeiten wollten, und daß sich ganz gegen den echten griechischen Charakter die Schmeichler und Parasiten ausbilden konnten. Den einzigen Ausweg,[136] nämlich die Askese der (echten) Kyniker, mochte eben in einer bedürfnisvoll gewordenen Zeit nicht jeder ergreifen.


Unsere beständige moderne und nordische Verwunderung wird nun durch die Frage erregt, wovon die Leute, soviel wir sehen, ohne Gewerbe und ohne nachweisbare Renten gelebt haben mögen. Woher nahmen sie nur schon das Geld, um ihre Sklaven zu kaufen? Das ganze jetzige Europa, denken wir, würde ja bei einer solchen Lebensweise einem baldigen Hungertode verfallen. Zur Erklärung dient vor allem, daß Genügsamkeit und Sobrietät im allgemeinen groß waren, obwohl man Schlemmen und Prassen bei Gelegenheit gerne mitmachte und von den wirklich Reichen, wie Kallias und seiner Familie, verlangte, daß sie ihren Reichtum zeigten. Eins mag völlig gefehlt haben: das Essen und Trinken aus bloßer Langeweile und Stumpfheit. Man hatte keine nordische Langeweile und war nicht stumpf.

Das bloße Leben und sein Anblick war ferner etwas – und ist es im Süden noch heute hie und da. Und da man keine drängende Eile hinter sich hatte, konnte man sich dem einzelnen Anblick hingeben, und daneben standen Leute, welche Weises und Witziges dazu sagten. Wer aber von Agora296 und Kerameikos hinweg eine Abwechslung wünschte, ging in den Piräus und sah den Schiffen zu. So sind noch zur römischen Zeit alle vier Kollokutoren von Lukians Navigium nach dem Piräus gekommen, weil dort als Gratisanblick ein außerordentlich großes Schiff, eines von denjenigen, welche das Korn aus Ägypten nach Italien führen, angelegt hat, und die Menge der Zuschauer ist so groß, daß sie darin einen von ihnen verlieren297.

Man liebte den Reichtum zu allen Zeiten, und brünstig, aber doch nicht so, daß man sich, um ihn zu gewinnen, leicht zum Erwerb entschlossen hätte, sobald derselbe mit irgendeiner unedel scheinenden Anstrengung verbunden war. Den Wert des Lebens suchte man, wenigstens der Anschauung, wenn auch nicht der Tat nach, im siegreichen Wettstreit irgendeiner (nur nicht der industriellen) Art mit andern. Auch heute haben ja diejenigen Tätigkeiten gewisse Schranken, die sich ein sogenannter »Gebildeter«, ja einer, der auch nur in einer Sekundarschule gewesen[137] ist, gefallen läßt: Steinklopfer und dergleichen will ein solcher nie werden. Allein diese Schranken sind unendlich weiter gezogen; Manipulationen selbst sehr derber Art schließen nicht von der »Bildung« aus, welche gewissermaßen die damalige Kalokagathie vertritt, und künstlerische Tätigkeit adelt in der neuern Zeit vollends die leibliche Aktion, die damit verbunden ist. – Damals aber sagte noch Sokrates, in dessen Kreise sich die philosophische Kalokagathie der adligen substituiert hatte, die Muße (ἀργία) sei die Schwester der Freiheit.


Indem wir nun zu den weitern sozialen Veränderungen übergehen, welche diese Zeit zeigt, betrachten wir zunächst die Stellung der Frauen. Diese waren nicht bloß von den Symposien, sondern, wie wir gesehen haben298, von weit dem Größten, was das griechische Dasein bot, nämlich von den Agonen ausgeschlossen, und nicht einmal ihre Augen hatten an diesem Höhemomente teil; von einem Zufüßenlegen des Sieges im Sinne der Ritterlichkeit war vollends keine Rede. Die Agone aber waren nicht bloß Exhibitionen der gymnastischen Tüchtigkeit, sondern auch der jugendlichen Schönheit und durch beides zugleich Gewähr der künftigen Bürgergröße. Und nun hat schon das Altertum einen Zusammenhang zwischen dem agonalen Wesen und dem Aufkommen der Männerliebe erkannt, welche in der homerischen Zeit noch nicht hervortritt299, seit dem agonalen Zeitalter aber mehr und mehr das griechische Leben durchzieht, ja mit dem griechischen Geiste beinahe wesentlich verbunden erscheint und sich sogar als ein hochideales Element gebärdet. Die agonale Bewunderung des Mannes für den Jüngling und auch des Knaben für den Mann mag einigen Anteil daran haben; in Gymnasien sah man die Statue des Eros zwischen Hermes und Herakles; – ja auch für den Krieg wird Wert auf das Verhältnis gelegt300. Allein die Sache hat rätselhaftere und dunklere Seiten; sie nimmt z.B. je nach Landschaften (Kreta, Sparta, Elis, Böotien) einen eigenen Charakter an, d.h. sie gewinnt den Rang einer konstanten Sitte301; – die einzigen Regierungen,[138] welche die Männerliebe und zugleich die Gymnastik verfolgten, sollen die Tyrannen gewesen sein, welche von dieser Seite her Verschwörungen befürchteten302; in andern Staaten blieb die Sache in sehr weitem Umfang straflos; Athen strafte nur die Notzucht und verbot dem, welcher sich gewerblich verkauft hatte, das öffentliche Auftreten; erst mit dem Geld und mit der Gewalttat stellt sich die Schande ein303.

Neben diesem allen blieb der eheliche und außereheliche Umgang mit den Frauen ohne irgendwelche merkbare Abnahme. Die Ehe war bürgerlich so hochwichtig wie jemals und irgendwo, weil nur aus der echten Ehe der echte Bürger hervorging304; nur bemerkt man keinen Zug der Innigkeit mehr darin, frevle und höhnische Reden über die Frauen nehmen überhand.

Schon in der Odyssee hatte der Schatten des Agamemnon bitter geredet305; aber nun symbolisieren die beiden DarstellungenA42 der Pandorageschichte, welche wohl großenteils erst jetztA43 in die hesiodischen Epen eingeschoben worden sind, die entsprechende Anschauung in mythischer Form noch besonders306. Nach derjenigen in der Theogonie[139] stammen von Pandora alle Weiber, es wird für dieselben das Bild von den Drohnen im Bienenkorbe gebraucht; in den Werken und Tagen aber wird Pandoras Sendung noch umständlicher als eine Rache des Zeus an den Menschen dargestellt, weil diese durch Prometheus das Feuer erhalten haben; hier erscheint auch der Name »Pandora« zuerst, und zwar wird er damit motiviert, daß das Gebilde des Hephästos von allen Göttern mit Gaben ausgestattet worden sei »zum Unheil den betriebsamen Männern«. Weiterhin haben wir noch aus dem VII. Jahrhundert über die Frauen ein betrachtendes Gedicht von völlig herbem Ton in den Jamben des Simonides von Amorgos, dies freilich aus einer Zeit, da der Jambus bereits gewohnt war, alles anzugreifen und nichts zu schonen, und auch ein Jahrhundert später klingt das üble Urteil über die Frauen noch bei Phokylides nach307.

Nicht nur im HeroenmythusA44, sondern auch in den Volkssagen und Städtegründungsgeschichten weit und breit, wie sie dann später, z.B. bei Parthenios, der Stoff zu Novellen werden, ist alle zarte Weiblichkeit ausgeschlossen; was den Ausschlag gibt, ist herzlose Gier und Gewalttat. Da gibt es Königstöchter, welche vor allem rasch ihre Lust befriedigt haben wollen, wobei sie die Avancen, und zwar oft sehr frevelhaft, machen, und später dem herangewachsenen Sohn ein Erkennungszeichen an den Vater mitgeben. Auch nimmt in diesen Zeiten ein besonderer Typus überhand, den wir als den Tarpejatypus bezeichnen können308. Das Weib begeht nämlich aus Liebe zu einem Feind das Schrecklichste, was jetzt zu begehen ist, den Verrat an der Polis, der eigenen Heimat. So kam schon in der Gründungsgeschichte (κτίσις) von Lesbos die von Parthenios (21) überlieferte Geschichte von Peisidike, dem Königstöchterlein von Methymna vor, das von der Mauer seiner dem Achill starke Gegenwehr leistenden Stadt den Peliden erblickt, sich in ihn verliebt und ihm durch Vermittlung einer Amme die Übergabe versprochen hat, wenn er es zum Weibe nehme. Die Frevlerin schiebt dann den Riegel vom TorA45 und sieht zu, wie ihre Eltern ermordet und die Frauen auf die Schiffe geschleppt werden, erweckt damit aber nur den Abscheu Achills und wird von dessen Leuten gesteinigt309. Überhaupt überwiegt in allen[140] Novellen sehr stark die Anschauung, das Schreckliche sei von den Weibern ausgegangen; zumal Verleumdungen, in deren Folge der Mann untergeht, spielen hier eine große Rolle; man könnte sagen, wie im Mittelalter dem Weibe als solchem gegenüber eine romantische Verhimmelung, so sei hier eine romantische Verhärtung üblich und der Wille, das Gräßlichste vorauszusetzen. Und wo es diese Sagen und Gründungsgeschichten gelassen, da fährt später die Tragödie fort.

Während so der weibliche Charakter von Poesie und Sage vorwiegend ins Düstere ausgemalt wurde, war doch die hellenische Anschauung in bezug auf die Frauen eine nach Stämmen verschiedene. Am tiefsten standen dieselben eigentlich in Ionien und in Athen. Dort kann ihre stärkere Abschließung vielleicht durch lydischen Einfluß erklärt werden; daß sie in Athen durchaus nur auf das Haus und auf soviel Kultur beschränkt waren, als für das Hauswesen dienlich war, dürfte am Ende aus der vehementen Entwicklung der Polis erklärt werden, welche die Menschen zu ausschließlich mit ihrem Tun erfüllte. Bei andern Stämmen war dies anders. Im Peloponnes war zwar in Korinth, woselbst ein sehr ausgedehntes Hetärentum regierte, die Frau nur wenig geachtet, in Lakedämon dagegen, wo die Spartiatin das Gut hüten mußte, war ihre Stellung notwendig eine höhere; die Mädchen wurden dort so erzogen, daß sie förmlich agonal wurden, und es wurden ihnen auch Wettkämpfe zuteil, was seinen Grund nicht etwa nur in der Absicht gehabt haben wird, sie zum Gebären tüchtiger zu machen. Ähnliches kam in Elis vor310; in der (arkadischen?) Alpheiosebene aber gab es einmal an Festen der eleusinischen Demeter für Frauen einen Schönheitsagon, bei dem die Beteiligten Goldträgerinnen (χρυσοφόροι) genannt wurden311; auch Konkurrenzen in Sittsamkeit und Hausführungskunst312 wurden abgehalten. Besonders[141] ausgezeichnet sodann war in bezug auf die Frauen der äolische Stamm. Von dem keischen Simonides313 gibt es eine Grabschrift auf eine gewaltige thessalisch-böotische Jägerin Lykas, »vor deren Gebein noch die Tiere zittern«; es muß dies eine förmliche Virago gewesen sein, derengleichen auf ionischem Boden unmöglich war, in Böotien aber noch hie und da vorkommen mochte. Auch treten hier die Dichterinnen noch gleichwertig mit den Dichtern auf; der jugendliche Pindar findet am Ende des VI. oder Anfang des V. Jahrhunderts in öffentlichen Agonen Nebenbuhlerinnen an Myrtis und Korinna, welche, wie er, chorische Dichtungen schaffen, und wird von der letztern einmal besiegt; hundert Jahre vorher aber sangen auf Lesbos die wundersamen Dichterinnen der individuellen Lyrik: Sappho und ihre berühmten Freundinnen Damophila und Erinna314, unter denen, wenn sie auch nicht chorisch dichteten, ein gewisser Wetteifer, also etwas wie ein musisch-agonales Verhältnis, sich von selbst ergeben mochte; auch Schönheitskämpfe kamen übrigens in Lesbos und Tenedos vor.

Wo aber die Frau darniedergehalten war, stieg natürlich in demselben Maße die Hetäre. Käufliche Wesen waren seit uralten Zeiten massenhaft vorhanden gewesen; das steigende Sklaventum brachte sie rasch von einer Hand in die andere; auch an Tempel wurden Sklavinnen häufig geschenkt; weitberühmt für seine gewaltig geldgierigen Hierodulen war zumal Korinth, wo freilich dies Gewerbe als ein wichtiger Industriezweig besteuert wurde; auch in Athen gab es öffentliche Anstalten dieser Art, und zwar waren dieselben eine Stiftung Solons, der aus ihrem Ertrag der Aphrodite Pandemos einen Tempel baute. Indes für uns handelt es sich nur um die Frage, welches die erste individuelle Zelebrität dieser Art war, und dies möchte für unsere Kenntnis (da wir nicht wissen, wie frühe es z.B. berühmte Milesierinnen gab) Rhodopis gewesen sein, mag nun Herodot (II, 134 f.) richtig von ihr geredet oder sie, wie Athenäos (XIII, 69) behauptet, mit der Doricha von Naukratis zusammengeworfen haben. Von ihrem Lebenslauf ist vielleicht kein einziger Zug sicher. Eine Thrakierin von Herkunft, soll sie Mitsklavin des Äsop gewesen sein, der um 580 blühte; sie wurde ferner noch als Sklavin, um ihr Gewerbe zu üben, nach Naukratis in Ägypten gebracht, dann aber durch Charaxos, den Bruder der Sappho, losgekauft, worauf sie in der Freiheit[142] große Schätze erwarb, so daß der griechischen Phantasie träumen konnte, sie habe daraus die Pyramide des Mykerinos erbauen lassen. Als sie nun aber reich und unabhängig war, erwachte in ihr die große Ambition, den Hellenen ein Denkmal an sich zu hinterlassen, und so ließ sie aus dem zehnten Teil ihrer Habe viele eiserne Bratspieße für ganze Ochsen machen und stiftete diese nicht etwa in irgendeinen Tempel der Aphrodite, sondern nach Delphi, wo dieselben sich noch zu Herodots Zeiten hinter dem Altar der Chier, dem Tempel gegenüber befanden315. Nachdem Rhodopis, worauf sie es angelegt hatte, so berühmt geworden war, daß alle Hellenen ihren Namen kannten, folgte Archidike, die gleichfalls aus Naukratis hervorgegangen war, wo, wie Herodot sagt, die Hetären liebenswert zu geraten pflegten. Auch diese wurde besungen (ἀοίδιμος) und genoß somit allgemeinen Ruhm; doch war sie weniger der Gegenstand der Unterhaltung in den Konversationslokalen (ἦσσον περιλεσχήνευτος), d.h. wohl von den feinen Kennern weniger hoch gestellt, ein Ausdruck, womit von Herodot eine ziemliche Nuance des allgemeinen Interesses angedeutet wird316. Als berühmt sind dann etwa noch Leaina, die Geliebte des Harmodios, und Nanno, die Flötenbläserin des Mimnermos, zu nennen. Jedenfalls kann der Ruhm dieser Hetären nur von ihrem Geist und ihrer Konversation hergekommen sein; denn für das Physische hatte man so viele unberühmte schöne Weiber, als man begehrte; der Grieche fand vielleicht schon damals bei ihnen einen Ersatz desjenigen geistigen Umganges, den er mit der Gattin nicht hatte oder nicht haben mochte.


Die damalige Geselligkeit ist insofern schon weiter gediehen als in den heroischen Zeiten, als sie sich nicht auf die Fürstenhöfe und das Kriegszelt beschränkt, sondern überall, wo freier hellenischer Boden ist, die Leute hinreißt und einen großen Teil ihres Lebensglücks ausmacht. Ihre Grundlage ist seit den ältesten Zeiten das Symposion, das aber freilich je nach den Entwicklungszeiten des Griechentums sehr verschieden[143] ist. Die künstlich auf Mäßigkeit und Spötterei eingerichtete, kurzabgebissene, nüchterne Geselligkeit der Spartiaten bei den Syssitien konnte allen möglichen Lakonismus entwickeln, aber keine Hingebung an den Moment und keine Poesie. Hier hat die spartanische Kultur ihre Hauptlücke: das Syssition ist kein Symposion und, wie alles Spartanische, wesentlich unfrei. Dagegen die freie hellenische Sitte ist, abgesehen von öffentlichen, sei es politischen oder durch den Kultus herbeigeführten Gastmählern und von Privatfesten (wie Hochzeiten, Einladungen bei der Namengebung eines Kindes, Feiern eines agonalen Sieges usw.) reich an Zusammenkünften ohne besondern Anlaß. Auch der Eranos (das Piknik) ist uralt, er kommt schon bei Homer und Hesiod vor317 und stellt offenbar einen Grad der Freiheit mehr dar; denn, mochte der einzelne (wie dies später oft der Fall war) den Beitrag in Geld zahlen oder in einem Korbe mitbringen318, in keinem Falle wurde man dabei jemand verpflichtet; der Reichtum erhielt nicht den ausschließlichen Vorzug des »Hausmachenkönnens«, und so bedeutet der Eranos wesentlich soviel als die Gleichheit. – Aber auch bei den vorgeladenen Symposien, die jemand im eigenen Hause gab, herrschte (wenigstens in vorrömischer Zeit) keine Rangordnung, und wenn auch die Einladung in der Regel so früh erfolgte, daß der Geladene sich zur Teilnahme noch rüsten konnte319, so ging doch die Freiheit so weit, daß man noch Ungeladene mitbringen durfte320. Dies ist nur denkbar, wenn alles auf die Konversation ankam, und diese alle übrigen Genüsse weit überwog.

Der Gang des Symposions ist einfach. In Plutarchs Gastmahl der Sieben Weisen z.B., welches in seiner späten Fiktion das Kostüm einer sehr alten Periode durchzuführen sucht, werden (5), nachdem man zuerst abgegessen hat, die Speisetische weggenommen und Kränze an die Anwesenden ausgeteilt; dann wird mit Wein und zwar mit ungemischtem[144] eine Spende dargebracht, worauf die Flötenspielerin eine kurze Melodie spielt; sowie diese aus der Mitte der Gesellschaft abgetreten ist, beginnt an den aufgetragenen Tischen der Trunk und die Konversation321. Herr der Geselligkeit ist dabei der Wein, von dem schon in der Odyssee mit einer Andacht gesprochen wird, die man heutzutage nicht mehr würde auftreiben können322; derselbe ist aber meist stark mit Wasser gemischt, und zwar entweder, weil er köstlich stark war323, oder weil die Griechen noch nicht abgestumpft, sondern sehr reizbar324 waren, und die Gelage lange sollten dauern können; Zaleukos soll in seinen Gesetzen den Genuß von Ungemischtem sogar bei Todesstrafe verboten haben. Das Bier überließ man den Ägyptern, Branntwein gab es noch nicht, und am allerwenigsten als hauptsächliches Volksgetränk. Es herrschte ferner die schöne Sitte, daß man bekränzt trank; denn das Symposion sollte einem Gotte zu Ehren vor sich gehen, und dieser sein religiöser Bestandteil verlangte die Bekränzung; der Lorbeer des Apoll oder der Epheu des Bakchos waren das Symbol einer gemeinsamen höhern Weihe325. In der frühern Zeit pflegte man beim Mahle zu sitzen, was mit dem Glauben an die Gegenwart der Götter in Verbindung gebracht wird326; in der agonalen Zeit aber kam das Liegen auf327, das, da alle mit ihren Köpfen[145] gegen die Mitte zu konvergierten, den Vorteil hatte, daß nur ein Diskurs möglich war.

Und nun ist also das Symposion die Quelle einer Konversation, deren Bedeutung für die Griechen noch aus den Worten des Entzückens spricht, womit davon die Rede ist. Hatte schon Hesiod in seiner Melampodie328 gesagt: »Das Süßeste ist es, beim Mahle und herrlichen Festschmaus an Gesprächen sich zu ergötzen, nachdem man sich mit Speise gesättigt«, so folgt nun die sympotische Elegie329, wie sie uns aus den erhaltenen Stücken des Theognis und Xenophanes bekannt ist, und die bildende Kunst bleibt nicht zurück; denn gerade bei den ältesten Kunstwerken (Vasenmalereien, Gruftmalereien, den Reliefs von Assos) gehören Gelage zu den beliebtesten Gegenständen, und mögen dabei auch hin und wieder Gelage der Seligen gemeint sein, so sind diese doch nur das höhere Abbild der irdischen. Was mag man hier alles gesprochen haben! Wir wissen nur, daß alle Welt fand, das Symposion sei das Allerherrlichste. Da kamen Witz, Scherz, Streit, Bosheit und Gemütlichkeiten vor330. »Zur Winterszeit«, sagt Xenophanes331, »soll man am Herdfeuer auf weicher Kline liegen, wohlgesättigt und süßen Wein trinkend und Kichererbsen naschen und dazu sprechen: Wer und woher bist du? Wie alt bist du, mein Bester? Wie alt warest du, als der Meder (nämlich Harpagos im Namen des Kyros) ins Land kam?« – Den Rest mag man so anmutig als möglich hinzudenken. Unfehlbar war das Symposion auch die Heimat des Politisierens, und es wurden hier der Staat und alle seine Angelegenheiten von einem unendlich gescheiten Volke durchgenommen332; Leute verschiedener Parteien werden kaum zusammengeladen worden sein; ja vielleicht dürfte man hier auch den Anfang des Hetärienwesens suchen333. Daß[146] Takt und Toleranz gegenüber solchen, die nicht weiter trinken, sich nicht wach erhalten konnten usw., guter Ton war, lehrt eine Hauptstelle bei Theognis334; daneben mag man sich immerhin daran erinnern, daß damals im gesellschaftlichen Leben eine allgemeine Offenherzigkeit noch als löblich galt, wo sie bei uns schon höchste Indiskretion wäre335. Unter allen Umständen aber stellen neben den Gesprächen auf der Agora die der Symposien eine zweite Seite des spezifisch griechischen Lebens dar; wie sehr sie den Griechen ans Herz gewachsen waren, läßt sich schon daraus schließen, daß das Wehmütigste, was man von einem Totensagen konnte, war: Für ihn ist kein Gelage und keine Musik mehr336.

Hier wollen wir schließlich noch zu der allerliebsten Geschichte zurückkehren, die Herodot von der Werbung um Agariste, die Tochter des Kleisthenes, erzählt337, weil sie uns speziell für Athen in sozialer Beziehung eine Reihe von Schlüssen gestattet. Von den Freiern haben die beiden Athener: Hippokleides, des Tisandros, und Megakles, des Alkmäon Sohn, bei längerer Prüfung mehr als alle elf andern gefallen, und von diesen beiden wieder Hippokleides mehr, sowohl durch seine Persönlichkeit als durch seine Abstammung von den korinthischen Kypseliden. Auch beim Gelage am Entscheidungstage – man disputierte über Musik und über was sonst vorgebracht wurde -A46 dominiert er unter den übrigen bei weitem, bis er durch einen verhängnisvollen Exzeß das Wohlgefallen des Kleisthenes verscherzt. Er tanzt nun nämlich nicht nur die Emmeleia, sondern führt auf einem Tisch attische und lakonische Tänze auf und stellt sich zuletzt sogar auf den Kopf, um mit den Füßen zu gestikulieren. Dies wird dem Tyrannen zuviel, und er ruft aus: »O Sohn des Tisandros, du hast deine Hochzeit vertanzt«, worauf er zur Antwort erhält: »Das grämt den Hippokleides nicht.« Hieraus ersehen wir, daß der athenische[147] Eupatride die Schranken der sonstigen griechischen Adelsgravität (welche sich gymnastisch und musisch nur in strengen Formen produzieren mochte), selbstverständlich durchbrochen hat. In Athen will man vor allem sich und andere unterhalten und sich mit gar allem produzieren, wenn man nur etwas vorstellt und die Leute amüsiert. Ferner kündet sich in dem Athener, der lakonisch und attisch tanzen und am Ende auch Seiltänzerkünste leisten kann, während anderswo die Leute wohl nur die lokalen Tänze konnten, bereits die spätere Vielseitigkeit Athens an. Und wenn ihm darob eine reiche Werbung zunichte wird, so kann sichs der Athener aus dem Sinne schlagen, nicht bloß wegen leichten Blutes, sondern weil er in seinem reichern Leben sich getrost auf noch viele andere Sachen und Interessen verläßt. – Am Ende aber gibt Kleisthenes seine Tochter doch einem Athener338.


Überhaupt aber verdient das damalige Athen, daß man noch einen Augenblick bei ihm verweile. Wenn wir die dortige Entwicklung im VII. und VI. Jahrhundert betrachten, wie sie Plutarch darstellt339, so erfahren wir, mag auch noch so vieles zerschoben und tendenziös zurechtgemacht sein, weit mehr vom Innern der Leute als sonst von irgendeiner Bevölkerung; in diesem Grade ist allein hier Bewußtsein und Räsonnement zu Hause. Und welch tiefe und vielseitige soziale Bildung setzt nicht allein Solon voraus, der zwischen den verschiedenen Hauptinteressen die richtige Mitte (das μέσον) fand! Man braucht nur einen Blick in seine Gedichte zu tun340, um eine nach allen Seiten der Welt hingewandte, außerordentlich klare Reflexion kennenzulernen. Überhaupt aber macht er nicht nur von allen Sieben Weisen, unter welchen er seine Hauptparallelgestalt in Thales hat, weit den deutlichsten Eindruck, sondern er wirkt speziell als der bewußte Athener, in welchem seine Stadt nach ihren vorzüglichsten Eigenschaften persönlich geworden ist341.[148]

Zur Vervollständigung von Athens sozialem Bilde dienen auch die höchst sprechenden Voraussetzungen, auf welchen bei Herodot (I, 30 ff.) die Gespräche Solons mit Krösos beruhen; zumal ist echt attisch die Gestalt des Patriarchen Tellos, der noch das Glück hat zu fallen, indem er einen Sieg der Athener entscheidet, während die argivische Geschichte von Kleobis und Biton schon mehr ins allgemeine der herodoteischen Weltanschauung ausweicht. Auch auf Züge wie die Deisidämonie, welche die Leute nach der Ermordung von Kylons Anhang Erscheinungen sehen ließ und zur Berufung des Epimenides führte, möge man achten342, sowie anderseits auf das, was von der Schmuckliebe und der ionischen Wohllebigkeit der alten Athener gemeldet wird343. Die Panathenäen, deren Ruhm schon in dieser Zeit Italien erfüllt haben muß344, sind von 566 an nicht mehr auf bloßes Wagenrennen beschränkt, sondern werden durch das Hinzutreten des gymnischen Agons weiter ausgebildet, die Eleusinien aber nehmen einen solchen Aufschwung, daß die Ehrfurcht vor ihnen eine allgemeine hellenische wird, und man überall ihnen beizuwohnen wünscht. Bei Peisistratos und seinen Söhnen zeigt sich dann der Wille, eine gewerblich reiche Stadt zu haben, verbunden mit der schon ganz sichtbaren Absicht auf die höchste. Geisteskultur, und das, während die ionischen Städte bereits unter die lydischen und persischen Könige kommen. Eine entscheidende Tatsache ist hierfür die Sammlung und Redaktion der homerischen Gedichte, wie sehr auch die Einzelangaben variieren mögen, so daß die meisten Peisistratos oder Hipparch nennen, während Diogenes von Laerte schon Solon das Verdienst zuweist. Und daneben ist die Aussage von öffentlich zum Gebrauch ausliegenden Büchern, also einer frühesten öffentlichen Bibliothek zu halten345, wonach also schon damals ein Bedürfnis nach einem Depositum der Schriftdenkmale und eine Art Publikum, welches zu lesen wünschte, bestanden hätte, und Peisistratos diesem entgegengekommen wäre. – Bezeichnend ist dagegen, daß man (seit Dädalos) vor dem Ende der Peisistratidenzeit keinen[149] einzigen athenischen Künstler mit Sicherheit kennt346; die Zerstörung Athens im Perserkriege allein würde dies nicht erklären; wären solche auch nur mit Namen bekannt gewesen, so würde die Ruhmesliebe der Athener diese Namen aufbewahrt haben.


In diesem Zeitalter begegnen uns nun allmählich auch Zelebritäten, d.h. Menschen von allgemein hellenischer Notorietät, durch welche die Agonalsieger etwas auf die Seite gedrängt werden, und zwar sind dies vor allem die Tyrannen, dann die Dichter und Künstler und schließlich besonders die wunderlichen Heiligen und die Sieben WeisenA47. Es ist von ihnen meist schon in anderm Zusammenhange die Rede gewesen; jedenfalls sind sie charakteristisch für eine Zeit, da sich die bloße Kopfzahl noch nicht alles erlaubt und zutraut, und da man noch Sinn für mächtige Individualität hat. Im Grunde eine sehr außerordentliche Sache, die sich keineswegs von selbst versteht, sondern nur durch das Emporkommen des Individuums und seiner Zelebrität zu erklären ist, ist z.B. das Aufkommen von Künstlernamen. Es ist dabei immer vorauszusetzen, daß der Künstler sich inschriftlich genannt, ja etwa sich selber an dem betreffenden Anathem abgebildet hat; wenn also z.B. Theodoros von Samos, der die Ringgemme des Polykrates schnitt, der erste Steinschneider ist, »dessen Name uns genannt wird«, so wird er gewiß selber dafür gesorgt haben, und dies, nachdem vielleicht seit einem halben Jahrtausend oder auch schon viel länger Gemmen waren geschnitten worden. – Berühmte Weise pflegen emporzukommen, wenn und weil es keine einflußreichen Priester gibt. Anstelle der WeisenA48 finden wir bei den Griechen zunächst jene phantastischen Mittelspersonen, Katharten und Wundermenschen, die wir wunderliche Heilige genannt haben347, und sicher war ja Epimenides eine große Gestalt in Athen. Was nun aber die Sieben348 betrifft, so bleibt trotz allen chronologischen Widersprüchen soviel sicher, daß um 600 v. Chr. einzelne bestaunte Männer anfingen, Weise genannt zu werden349. Wie früh und durch welche Autorität ihre Sprüche (ἀποφϑέγματα), die sie nach der Meinung der Griechen offenbar entweder beständig im Munde geführt oder bei einer Zusammenkunft gesprochen hatten, entstanden, und durch welchen Konsensus sie in den[150] delphischen Tempel kamen, wissen wir, wie früher gesagt, nicht, und ebensowenig, in welchem sozialen Medium diese sieben Reputationen, die erst noch ganz verschiedener Gattung sind, emporkamen; die Qualifikation des einzelnen als »Weiser« (σοφός) aber mußte in jenen Zeiten, da Delphi für alles Mögliche angefragt wurde, vom Gotte direkt ausgesprochen werden, und zwar geschah dies mit dem Ausdruck, niemand sei weiser, oder geradezu, der Betreffende sei der weiseste Mensch350. Diese Männer werden von ihren Heimatstädten prächtig begraben, ja dem Bias weihten die Leute von Priene ein Temenos, das sogenannte Teutameion und erwiesen ihm demnach heroische Ehren351.


Überall erwacht nur die Individualität als solche, und erst damit werden die Griechen ein Volk, das keinem andern gleichsieht. In der nämlichen Zeit, da der persönliche Ruhm einzelne aus der Masse hervorhebt, bedarf es aber auch bald nicht mehr der Agone oder irgendeines Förmlichen, damit der eine sich triumphierend über dem andern fühlen kann; Witz und Schmähsucht beginnen sich in bisher unerhörter Weise geltend zu machen. Spöttereien hatte es immer gegeben: die Hohnreden bei den Festen, zumal den dionysischen, aber auch den Eleusinien sind uralt, und auch der Mythus kannte die Spottworte der Magd Jambe gegen die trauernde Demeter. Nun aber entdecken die Griechen, daß das gewiß von jeher geübte böse Mundwerk eines Stiles fähig sei, und bilden diesen in der Poesie und in der Geselligkeit des Symposions aus. Hier ist vor allem wieder an Archilochos352 zu erinnern, der »Freund und Feind gleichmäßig schmähte«, für seine Lästerung aber den Jambus zu voller Schönheit ausbildete. Als Individuum war er böse und unglücklich auf alle Manier und hat über sich selbst das Schlimmste ausgesagt353, und eine ganz ähnliche Natur scheint der durch seine Häßlichkeit verbitterte Hipponax gewesen zu sein; aber neben diesen Hauptspöttern, die durch die enorme Gabe der Bitterkeit etwas geworden sind, erlaubten sich doch auch edlere Naturen direkte Schmähungen, so z.B. Alkäos gegen Pittakos. Ziemlich lange wartet dann das Epigramm, bis es das regelmäßige Gefäß[151] des Witzes wird, wenn auch schon von Alkäos ein Hohnepigramm vorhanden ist354; die des Simonides sind noch alle sepulkral, monumental, anathematisch mit Ausnahme der letzten, und auch diese sind eher scherzhaft als witzig.

In diese Epoche gehört auch die Ausbildung der Gestalt des Margites, auch wenn die Redaktion, wie man sie später hatte, erst von demselben Pigres stammen sollte, dem man auch eine der nettesten Parodien, die man sich denken kann: die Batrachomyomachie zuschrieb. Es handelt sich offenbar um eine Sammlung von Charakterzügen und Anekdoten, wie sie sich allmählich aus Symposienspäßen und dergleichen bilden mochteA49. Der Held ist kein gewöhnlicher Dummkopf, sondern ein solcher, der alles anrührt und damit die Aufmerksamkeit erregt. Er ist ein reiches Muttersöhnchen, und man scheint etwas auf seine Bildung verwandt zu haben, nur verfehlt er leider jegliches Können und versteht die vielen Dinge, die er versteht, alle schlecht. Sodann ist er sprichwörtlich als ein Tor, der die ordinärsten Dinge nicht weiß und buchstäblich nicht über fünfe zählen kann, und hier setzt nun der griechische Zotensinn an und bereitet das Lächerliche durch das Zusammentreffen von Torheit mit sexuellen Dingen. Von irgendeiner Parodie nach Homer kann hier nicht im geringsten die Rede sein, und daß das Ding ernstlich für homerisch genommen wurde, zeigt, wie es mit der Kritik der Griechen beschaffen war. Gedichte dieser Art entstehen aber in einer Entwicklungszeit, da die Nation sich enorm gescheit findet und ihren Hochmut darob an einem Sündenbock auslassen muß355.

Mit Sparta meldet sich dann der Lakonismus, der eigentlich nur höchst Richtiges in kürzester Form sagen will, aber von selbst eine Richtung auf den Witz hin nimmt356; das »Spotten und Sich-verspotten-lassen« der spartanischen Syssitien war eine Vorschule dazu. Auch das Auftreten von Spottworten von Polis gegen Polis wird in diese Zeit gehören357.

[152] Das VII. und VI. Jahrhundert sind nun auch die Blütezeit der sogenannten Tierfabel (αἶνος, μῦϑος, λόγος). Dieselbe war freilich gewiß seit Urzeiten den Griechen mitgegeben; auch finden sich bei ihnen nachweislich sehr alte Fabeln, wie die in Hesiods Werken und Tagen (202 ff.) erzählte vom Habicht und der Nachtigall. Jetzt aber werden nicht nur solche von Archilochos und Stesichoros überliefert, sondern Äsop, an dessen historische Persönlichkeit wir bestimmt glauben, soll seine Blüte um das Jahr 580 gehabt haben; es ist kein Zweifel, daß wir dieses Zeitalter für ganz besonders fähig und tätig in der Fabel halten dürfen. Dies ist aber eine Sache, nach deren Grund wir wohl fragen dürfen; denn das fabelhafte und parabolische Gewand für allgemeine Wahrheiten und Wahrnehmungen wäre damals längst kein Bedürfnis mehr gewesen; seit langem – schon bei Hesiod – war die ganz direkte Reflexion am Leben, und im Grunde kommt die Fabel bei den Griechen erst spät in Aufnahme, während z.B. bei den Arabern Lokman, »der Weise«, schon als Zeitgenosse Salomos gilt358. Nach unserer Vermutung359 dürfte sich diese Frage aus der damaligen Zunahme des Sklavenwesens beantworten und Äsop, wenngleich eine historische Person, wäre das lebendige Symbol dieser Tatsache. Was nämlich im griechischen Hause der Sklave, in dessen orientalischer oder libyscher Heimat die Fabel ja schon längst blühte, sobald er nur griechisch stottern konnte, naiv und einfach etwa den Kindern erzählte, mochte den Griechen einen eigentümlichen Eindruck machen; diese Geschichten enthielten die für alle Völker verständliche Weisheit; vielleicht eröffneten sie neben dem Götter- und Heroenmythus doch eine wesentlich neue Welt, und die Griechen fanden Gefallen daran und verwerteten den gegebenen Schatz weiter, wie ja ein wahrhaft reiches Volk dadurch reich wird, daß es vieles von andern übernimmt und weiterbildet.

Äsop selbst heißt bald ein Thraker, bald ein Phryger, etwa auch ein Äthiope; er soll in Samos Mitsklave der Rhodopis gewesen sein, sich einmal bei Krösos aufgehalten haben und zuletzt von den Delphiern in einen Abgrund gestürzt worden sein. Er ist lange nicht der einzige Vermittler der Fabeldichtung für die Griechen; späte Rhetoren wie Hermogenes, Aphthonios, Theon360 nennen neben den seinen noch kyprische, ägyptische, sybaritische Fabeln, und dann werden auch nach denjenigen[153] Ländern, von wannen den Griechen die meisten Sklaven gekommen sein müssen, phrygische, karische, kilikische und libysche unterschieden361. Indes stammen die Fabeln, welche die Griechen hatten, doch lange nicht alle aus dem großen Gemeingut, sondern es sind viele speziell griechische, mit momentanem und lokalem paränetischen Zwecke ersonnene darunter, wie z.B. gerade die des Stesichoros, der die Himeräer vor Phalaris warnte, indem er ihnen von dem Pferde erzählte, das sich, um sich an dem Hirsch zu rächen, den Menschen als Reiter gefallen ließ. Ferner sprechen bei weitem nicht bloß Tiere362, sondern Tiere und Menschen oder auch bloß Menschen, auch Bäume und Pflanzen; ja ein Geschirr hadert mit der Frau, die es hat fallen lassen363; – eigentliche gnomische Weisheit, Lebensanschauung, politische Momente, Spaß und Witz nehmen jedes beliebige Gewand an.

Neben dem, was die Erwachsenen daran fanden364, blieben dann die Fabeln für die Kinder eine Einleitung in die Kenntnis vom Lauf der Welt365. Hätten wir nur auch noch etwas von den köstlichen Märchen, welche ihnen die Sklaven erzählt haben mögen, und welche der klassische Geist abwies! Auch das absichtslose, naive Kindermärchen, welchesA50 nicht paränetisch war, sondern nur hübsch hingesagt wurde, lebte nämlich neben der päranetischen Fabel366. Kleobuls Mutter soll z.B. dem kleinen Bruder des Weisen erzählt haben, wie der Mond einst seine Mutter gebeten habe, sie möchte ihm ein KleidchenA51 weben, welches ihm passe, weil ihn so sehr friere; sie aber habe gesagt: wie soll ich's weben, daß es paßt? Denn heute sehe ich dich voll, dann halbmöndig, dann wie eine Sichel.

In der nämlichen Zeit aber, da die Fabel am meisten blühte, liegen[154] auch schon die Anfänge der ionischen Schule, welche, wenn sie sich auch wesentlich an Naturforschung halten mochte, doch der philosophischen Reflexion den Weg bahnte. Noch im VI. Jahrhundert äußert sich sodann das politische und politisch-soziale Räsonnement bei Solon und dann wieder bei Theognis, und vollends tritt das seelische Bewußtsein in der vollsten Reife bei den großen Lyrikern vom VIII. bis zum VI. Jahrhundert zu Tage; wir finden hier eine Süßigkeit des Gefühls, die nicht mehr hat können überboten werden. Während aber die Poesie einen Teil ihres Herrlichsten bereits gegeben hat und ruhig eine neue Gattung nach der andern entwickelt, hat die bildende Kunst ihre letzten Hüllen noch nicht gesprengt und kann den Seelenausdruck noch nicht hervorbringen. Wenn Sappho die herrlich thronende Aphrodite mit unsterblichem Antlitze lächeln sah, wird sie ein anderes Lächeln gesehen haben als das starre, welches die damalige Plastik darstellte. Es war aber ein großer Vorteil, daß diese, ehe sie an die Darstellung des seelisch Mächtigen ging, in der Gestalt der Athletenstatuen die leibliche Belebtheit geben mußte. Als dann die Zeit der schönen Seele und der innern Mächtigkeit kam, war man über die Anfangsschwierigkeiten schon völlig hinweg, ein Glück, das andern Kunstepochen nur auf Umwegen hat zuteil werden können367.


Über den damaligen Religionszustand fassen wir uns hier kurz. Das agonale Zeitalter ist vor allem die Zeit von Delphi368. Herodot ist voller Kunden davon, wie Hellenen und Barbaren dahin kommen, sowohl um eine nahe Zukunft zu erfahren als um Kultbescheide zu holen als um wegen der Kolonieaussendung nachzufragen. Die Männer von Delphi sind die Träger eines eigentümlichen Kompromisses zwischen Inspiration und Reflexion369. Was aber ihre Stellung zur Nation betrifft, so ist wohl zu beachten: Man mußte nicht nach Delphi; selbst es für Kolonialsachen zu befragen, war freie Sitte; es war eine Macht, die nur so viel galt, als man sie wollte gelten lassen, aber äußerst erwünscht als Kundensammlung, als Zentrum des griechischen Wissens über die Welt. Wie die Bescheide zustande kamen, darüber machte man sich in einem Zeitalter wie[155] dieses (vielleicht absichtlich) keine Gedanken; die ohnehin starke Überzeugung vom Dasein der Mantik ließ einen Zweifel nicht aufkommen, und da es eine Sache allgemeiner Wahrnehmung war, daß Delphi bei seinen Bescheiden die Fragenden gut berichte, grübelte man nicht lange und tat wohl und weise daran.

Sodann fällt in diese Zeit jedenfalls eine starke Zunahme des Dionysoskultus samt seinen kolossalen Festen und seinen WeihenA52, eine Erscheinung, für die es freilich an festen chronologischen Daten fast ganz gebricht370. Wenn auch nicht der Tempelkult, so müssen doch die Feste dieses Gottes in dieser Zeit allen übrigen Festen über den Kopf gewachsen sein; sonst hätte nicht dieser Kult allein z.B. in Athen die kolossalen Veranstaltungen hervorgerufen, welche dann zur Entwicklung des Dramas führten; das Drama ist aber wirklich eine Disziplinierung des dionysischen Impetus durch ein formales Prinzip, welches gar wohl apollinisch heißen mag. Auch in die eleusinischen Weihen dringt Dionysos-Iakchos ein, trotzdem für die dortige Symbolik wohl auch Kore genügt haben würde371; man mag eben, was nicht abzuhalten war, klüglich reguliert und ins System aufgenommenA53 haben. Dem Apoll aber stieg Dionysos in Gestalt seiner Thyiaden bis auf den Gipfel des Parnaß nach.

Einen Gegensatz zu dieser dionysischen Bewegung bildet dann das Auftreten meist entschieden apollinischer Männer; jener wunderlichen Heiligen: Epimenides, Abaris, Aristeas usw., denen dann anderseits wieder die dionysischen Orphiker gegenüberstehen. Ein eigentümlicher Zwischenzustand scheint in diesen Vorläufern der Philosophie persönlich zu werden. Bald aber entfalten sich, wie gesagt, in Ionien die Anfänge der Philosophie selbst sowie des vollendeten Individualismus. Es läßt sich fragen, wieweit der sich selbst fühlende Geist eines Thales, Bias usw. ging, und wieweit mit diesem Beginn schon eine Abwendung von Götterglauben, Mythus und Homer verbunden war. Jedenfalls ließ die Welterklärung dieser Männer die Götter aus dem Spiele; dem Staat aber entzogen sie sich noch nicht, wie hundert Jahre später Heraklit seinen Ephesiern.

Schließlich möge hier der großen Gestalt des Pythagoras nochmals[156] gedacht sein372. Gewiß nicht ohne sehr guten Grund ließ er Ionien und das eigentliche Griechenland liegen und suchte sich seine Wirkungsstätte in Unteritalien373. Und nun mögen wir noch so sehr bedauern, daß Herodot uns außer einem einzigen rätselhaften Wort nicht auch nur eine halbe Seite über ihn hinterlassen hat, das eine scheint doch sicher, daß er hier Tausende zu einem gemeinsamen Leben und Streben begeistert hat374. So hat gewiß nicht erst eine spätere Zeit ersonnen, daß seine Anhänger die Gütergemeinschaft eingeführt hätten, mag es auch – wie bei den Urchristen – beim Versuch, bei einem einmaligen Anlaufe geblieben sein. Dieselbe sollte nicht ein allgemeiner populärer Kommunismus, sondern eine gegenseitige Ausgleichung und Aushilfe unter den Eingeweihten sein375 und warA54 der wahrste Ausdruck des innigsten Zusammenhaltens376. Es stellte sich wirklich ein gemeinsames Leben her, und es ist ganz glaubhaft, daß die Freunde in Kroton ein gewaltiges Auditorium erbauten. Wer will überhaupt sagen, wie stark die anfängliche Wirkung eines geisterfüllten Machtmenschen, dergleichen der »langbehaarte Mann aus Samos« einerA55 war, gewesen sein könne gegenüber von bildungsfähigen und bildungsbedürftigen Bevölkerungen, wie die jener großgriechischen[157] Städte, welche das dunkle Gefühl hatten, in ihrem Fett zu ersticken? Und welche Aufregung kann schon dasjenige Element seiner Lehre, welches allein volkstümlich sein konnte, die Lehre von der Seelenwanderung, gebracht haben? Seine auf dieser Überzeugung aufgebaute Religion und Ethik muß seine innerste Kraft gewesen sein; indem dazu ein für seine Zeit gewaltiges Wissen, eine jedenfalls außerordentliche Mitteilungsgabe und eine erstaunliche Persönlichkeit kam, fühlte er, daß er allen alles sein könne, und seine Stellung in geistiger und zugleich in irdischer Beziehung muß eine fürstengleiche gewesen sein377.

Ob er vielleicht auch dem dionysischen Taumel entgegenwirken wollte, der damals durch die griechische Welt ging und später in Unteritalien als Kultus von Liber und Libera und bakchanalisches Treiben so berüchtigt wurde, wissen wir nicht; sicher waren noch die spätern PythagoreerinnenA56 eifrig für reinen, einfachen Kultus. Jedenfalls in einer Sache aber kreuzte er geradezu die damalige Gefühlsweise, indem er alle mahnte, »die Ehrsucht und Ruhmesliebe zu fliehen, die am meisten den Neid hervorrufen, und die Bewegung unter den vielen zu meiden«A57378, was soviel hieß als: »Weg mit dem Agon, der sonst das ganze Leben beherrscht!«

Und ihm gegenüber nun die konkrete Polis, wie sie sich in Großgriechenland wird ausgebildet haben! Da sein ganzer Anhang, namentlich aber die engere Schülerschaft sich von den übrigen Einwohnern der betreffenden Städte durch die gegenüber dem kolonialen Wohlleben proklamierte asketische Lebenshaltung bald von selber (ungefähr wie Savonarolas Anhang von den übrigen Florentinern) unterschieden haben muß, konnte sie nicht anders als eifersüchtig werden. Nehmen wir dazu die geheimnisvolle, in Symbolen redende Ausdrucksweise der Pythagoreer und bedenken wir den natürlichen Gegensatz des geistig Gewaltigen zum großen Haufen, mochte dieser Haufe in jeder Stadt auch nur die tausend Reichsten umfassen, so begreifen wir den Haß der Unbekehrten, der den Sturz der Sekte in Kroton und Metapont herbeiführte. Das Pythagoreertum aber lebte weiter. Im IV. Jahrhundert noch ist eine Äußerung desselben der Anschlag des Damon und Phintias auf den jüngern Dionys379.

[158] Der Zustand Griechenlands im ganzen macht, wenn wir nun noch einen Blick auf ihn werfen, den Eindruck eines noch gebundenen, und zwar zu seinem Glücke und nur durch die mangelhafte Überlieferung. Denn tatsächlich war die Regung schon sehr frei; nur das Wort, das Gerede ist uns noch nicht erhalten, und darum stellt sich die Zeit als eine solche dar, da die schöpferische Tat überwiegt. Wir kennen z.B. noch nicht oder nur wenig die politischen Reflexionen der damaligen Griechen; aber tatsächlich entstehen vor unsern Augen Hunderte von konkreten Kolonien, also von Poleis. Und gewiß hat hier das Abwägen der Rechte schon ein völlig reifes, politisches Räsonnement mit sich geführt, und die Timokratie als besonders häufige Staatsform ist nicht von heute auf morgen entstanden; es ist die Zeit der sogenannten Gesetzgeber, d.h. der Schöpfer von Verfassungen, von denen wir eben nur fast jedesmal kaum ein paar Zeilen erfahren. Derjenige aber, von dem wir am meisten wissen, Solon, hat noch die Kraft, den Grundbesitz zur Basis der Staatsberechtigung zu erklären, wobei er wahrscheinlich schon gegen den Strom schwimmt.

Das schönste Distinguens der Zeit aber ist die Wenigkeit der KriegeA58 zwischen Hellenen. Abgesehen von der Vergrößerung Spartas gegen Messenien, Arkadien und Argolis und etwa der euböischen Fehde, den paar Exekutionen zugunsten des delphischen Apoll und einigen schweren Kämpfen in Ionien380 kommen kaum irgendwelche namhaften Kriege vor; die möglichen unruhigen Kräfte werden durch die Kolonisation absorbiert, die Griechen fressen einander noch nicht auf. Es ist noch nicht die Zeit der gewaltsamen, im Sinne der Machthäufung geschehenden Synökismen, noch nicht die derjenigen Städtehegemonien, welche (wie die Thebens) zur Zernichtung widerstrebender einzelner Poleis einladen, noch nicht die derjenigen Städtezerstörungen, welche eine mächtigere Polis ausübt, um nicht eventuell Verbündete Spartas in der Nähe zu haben, wie nach den Perserkriegen Argos mit Mykene und Tirynth tat. Unermeßlich reich aber ist diese Zeit im Gebiete des Schönen: die bildende Kunst tut, wie gesagt, ihre große Vorarbeit, die Poesie bringt schon das Herrlichste zur Reife.


Fußnoten

1 Die zwei Hauptberichte darüber finden sich im XIV. Buch des Strabo, welcher über sie und ihre Wirkung besonders auch in Kleinasien eine völlig zusammenhängende und im ganzen Altertum offenbar für sicher geltende Tradition mitteilt, und Pausan. VII, 2-5.

2 Schon etwas anders verhielten sich die Dorer auf Kreta, welches trotz seiner herrschenden und ehemals durch »Minos« ausgebeuteten Lage jetzt keine große Handelsstadt bekam und kaum Kolonien auszusenden hatte. Hierin gleicht es Sparta.

3 Vgl. über diese Stämme Band I, S. 15 und 311 f. Die Pelasger waren nach Strabos Darstellung (XIII, p. 621) schon durch den troianischen Krieg geschwächt und gingen hauptsächlich mit der Übersiedlung der Äolier und Ionier nach Kleinasien unter.

4 Vgl. oben S. 27.

5 Cicero, de re p. II, 4, 9: barbarorum agris quasi attexta quaedam videtur ora esse Graeciae.

6 Dies nach Curtius, Griech. Gesch3. I, S. 402. Überhaupt möge hier auf die Übersicht des Kolonialwesens bei Curtius verwiesen sein.

7 Nachdem er I, 12 die verschiedenen Wanderungen bis zur Dorischen angeführt hat, sagt er: μόλις ἐν πολλῷ χρόνῳ ἡσυχάσασα ἡ Ἑλλὰς βεβαίως καὶ οὐκέτι ἀνισταμένη ἀποικίας ἐξέπεμψε κτλ.

8 Pausan. VII, 2-5. Auch sonst braucht er den Ausdruck ἀποικία, οἰκιστής u.a., wo es sich um Wanderungen handelt. Vgl. VIII, 3, 2; 4, 2; 5, 2 und 5; 12, 5.

9 Vgl. oben S. 27.

10 Seneca, ad Helv. matr. de cons. 7. Ähnlich schon Plato, de legg. IV, 708 b.

11 Thuk. VII, 77, 4.

12 Herodot IV, 153.

13 Plut. de mul. virtt. 7. – Die Chalkidier in Elymnion wichen laut Heraklides 31 vor den Mäusen, die ihnen selbst das Eisen zerfraßen, und gründeten Kleonä am Athos.

14 Vgl. Band I, S. 198 f.

15 Strabo VIII, 6, p. 380.

16 Plut. Quaest. Gr. 11. Zu ihrem Unglücke kam für sie dann noch der Spitzname ἀποσφενδόνητοι (durch Schleudern Weggewiesene) hinzu.

17 Herod. IV, 156.

18 Plut. Quaest. Graec. 15.

19 Odyss. IX, 116 ff.

20 Vgl. Band I, S. 301.

21 Vgl. hierüber Band II, S. 312.

22 Man beachte besonders die reichliche Beziehung von Delphi zu Thera-Kyrene bei Herod. IV, 150-160. Nirgends sonst ist Apoll so sehr der Urheber und dringende Mahner zu einer Kolonie wie hier. Ohne Zweifel wußte man in Delphi von dem trefflichen und noch herrenlosen Lande. Auch später mahnt der Gott alle Hellenen zur Verstärkung der Kolonie.

23 Der Gott sagt z.B. ausziehenden Meliern, sie sollten sich da niederlassen, wo sie ihre Träger (τοὺς κομιστῆρας) verlieren würden. Sie erkennen den Sinn des Spruches, als an der karischen Küste ein Sturm ihre Schiffe zerstört. Plut. de mul. virt. 7. – Ganz anmutig ist der Bescheid an den Ephesier Hegesistratos: er solle sich da niederlassen, wo er Landleute, mit Ölzweigen bekränzt, werde tanzen sehen, worauf dann Elaius von ihm gegründet wird. Pseudo-Plut. Parall. 41. – Apoll macht auch etwa einen Spaß, wie, wenn er die Megarer anweist, sie sollten ihre Stadt (Byzanz) gegenüber den Blinden anlegen, nämlich den Chalke doniern, welche die so viel geringere Stelle gewählt hatten, Strabo VII, 6, 2, p. 320. – Vgl. auch die Pausan. X, 10, 3 mitgeteilte Geschichte von der Gründung Tarents.

24 Justin. XXXXIII, 3.

25 Z.B. die Melier, welche von den Karern zuerst mitleidig in Kryassa aufgenommen wurden, dann aber durch ihr Anwachsen Argwohn erregten, werden bei einem Gastmahl mit einem mörderischen Komplott bedroht; dieses aber wird durch eine in den schönen griechischen Anführer Nymphaios verliebte Karerin verraten, und die mitgebrachten Frauen töten die Barbaren mit heimlich mitgeführten Schwertern, worauf sie die Stadt zerstören und Neu-Kryassa gründen. Plut. mul. virt. 7.

26 Man vgl. z.B. die Gründungssage von Lampsakos, wo Lampsake, die Tochter des Bebrykenfürsten Mandron, die Phokäer auch vor dem Komplott ihrer Landsleute rettet. Plut. ebenda 18.

27 Dem Athener Kolainos hat z.B. ein Orakel (freilich in uralter Zeit) angezeigt, es werde ihn eine Haubenlerche (κόρυδος) an den Ort seiner Bestimmung führen, und richtig führt ihn eine solche nach Kolonides in Messenien. Pausan. IV, 34, 5.

28 Über das religiöse Band zwischen Kolonie und Metropole vgl. besonders Fustel de Coulanges, la cité antique, p. 252 f.

29 Pol. VIII, 35, 8 f. Vgl. 27, 7 (die Temenidenpforte), 30, 2 (dieselbe und das Hyakinthosgrab). – Über den Krathis, Pausan. VIII, 15, 4; über denselben und Sybaris, Strabo VIII, 7, 4 f.p. 386.

30 Immerhin nahm der Spanier und Portugiese wenigstens eine Religion mit, welche vollständig ein Teil des allgemeinen Katholizismus war und mit diesem ein Ganzes ausmachte. Dagegen der auswandernde Engländer war meist schon zu Hause Sektierer gewesen, d.h. schon daheim im Gegensatz gegen alle Geschichte und Poesie von England.

31 Plut. Quaest. Graec. 30.

32 Was sich über homogene und nicht homogene Bevölkerungen im Altertum räsonnieren ließ, findet sich Plato, de legg. IV, 3, p. 708.

33 Vgl. die oben S. 69 und ebd. Anm. 22 angeführten Sagen von Massalia und Kryassa.

34 So in einem Teil der Beispiele von Sizilien, Thuk. VI, 2-5. Auch in der ältern Kolonisation von Ionien hie und da, und zwar hat Priene, entsprechend der Zweiheit seiner aus Ioniern und Thebanern gemischten Bevölkerung, einen Neleiden und einen Thebaner. Pausan. VII, 2, 7. – Nur ein Gründer erscheint in den ältern Beispielen bei Thukydides; bei Himera werden ihrer drei genannt.

35 Vgl. Band II, S. 214 f. – Vom ersten Miltiades, der die Kolonie im Dolonkergebiet gegründet, sagt Herodot VI, 38 ausdrücklich: καί οἱ τελευτήσαντι Χερσονησῖται ϑύουσι, ὡς νόμος οἰκιστῇ, καὶ ἀγῶνα ἱππικόν τε καὶ γυμνικὸν ἐπιστᾶσι.

36 So wird der Heraklide Phalios aus Korinth Gründer des von den Korkyräern angelegten Epidamnos, nach Thuk. I, 24 κατὰ τὸν παλαιὸν νόμον ἐκ τῆς μητροπόλως κατακληϑείς. Vgl. auch Thuk. VI, 4.

37 Thuk. V, 11.

38 Diodor XII, 35.

39 War übrigens das Conubium mit den Barbaren die Regel? Bei der Auswanderung an entlegene Küsten werden doch meist nur Männer mitgezogen sein.

40 Die Epidamnier freilich fanden, daß ihre Mitbürger, die sich viel mit den umwohnenden Illyriern abgaben, schlecht würden, und daß Neuerung zu fürchten sei. Wie sie sich durch Übertragung des Binnenverkehrs an einen jährlich ernannten Verkäufer (πωλητής) halfen, s. Plut. Quaest. Graec. 29.

41 Herodot IV, 159. Pausan. IV, 26, 2, wonach die Euesperiten zu ihrem Schutze alle Hellenen auffordern.

42 Wie das von Epidauros aus dorisierte Ägina noch lange seinen Gerichtshof in Epidauros hatte, vgl. Herodot V, 83.

43 Vgl. oben S. 73.

44 Pausan. II, 32, 5. III, 12, 5.

45 Justin, XXXVII, 1.

46 Thuk. I von 24 an. Über die frühe Feindschaft zwischen Korinth und Kerkyra vgl. auch Herod. III, 49. Aus Diodor XII, 30 erfahren wir, daß man in Korinth die Kerkyräer haßte, weil sie die gebräuchlichen Opfer nicht in der Mutterstadt darbrachten. – Nur ganz allgemein spricht von häufigem Zwist zwischen Metropolen und Kolonien Plato, de legg. V, p. 754 b.

47 Thuk. I, 56.

48 Vgl. Band I, S. 161 f.

49 In Ionien lebten diese nur kurz; auch das von Kyrene artete bald in eine Tyrannis aus.

50 Thuk. VI, 17.

51 Aristot. Polit. V, 6.

52 Ebenda V, 5. Selbst ein Teil der herrschenden Kaste fand sich von den Ämtern ausgeschlossen; als dieser nun eine Änderung suchte, war das Resultat, daß die Oligarchie liberaler (πολιτικωτέρα) wurde. In Istros entstand aus gleichen Zuständen eine Demokratie und im (pontischen?) Heraklea kam die Macht an eine Timokratie von Sechshunderten. – Über das Festhalten der offenbar ernst gestimmten Bürgerschaft an alter und einfacher Sitte und die offizielle Erlaubnis zum Selbstmord s. Val. Max. II, 1. Vgl. Band II, S. 385.

53 Cic. de re p. I, 27 f.

54 Diodor XII, 10 ff.

55 Cic. de re p. II, 4 f.

56 Wir erinnern an Platos ϑάλαττα πονηροδιδάσκαλος. Vgl. Band I, S. 272.

57 Herod. III, 131.

58 Just. XXXXIII, 3. Thukyd. VI, 4. Pausan. IV, 23, 3 ff.

59 Älian V.H. III, 14 berichtet, die Byzantier seien Säufer gewesen, hätten in Kneipen gewohnt und ihre Häuser und Weiber den Fremden vermietet; sie hätten nur den Flötenklang gemocht und das Trompeten nicht ausgehalten; bei einer Belagerung hätte ihr Stratege auf den Mauern die Kneipen aufschlagen lassen, weil sonst niemand als Wache habe bleiben wollen. – Auch Menander hat (Athen. X, 59) den Satz πάντας μεϑύσους τοὺς ἐμπόρους ποιεῖ τὸ Βυζάντιον. – Als die früher ehrenwerten Chalkedonier die Demokratie der Byzantier kosteten, sanken sie ebenfalls in Schwelgerei und wurden Trinker und Verschwender. Athen. XII, 32.

60 Pseudo-Aristot. Ökon. II. Überhaupt beziehen sich die dort erzählten Finanzoperationen griechischer Städte meist auf Kolonien. Vgl. hierzu Band I, S. 251 f.

61 Diog. Laert. VIII, 2, 7. Plato wird das Wort zugeschrieben von Älian V.H. XII, 29. (Übrigens will eigentlich eine griechische Familie ewig leben.) Von dem Reichtume Agrigents, das seinen Wein und sein Öl mit enormem Gewinn in Karthago absetzte, gibt uns Diodor XIII, 81 ff. einen wahrscheinlich übertriebenen Begriff. Wir lesen hier von den herrlichen, zum Teil riesigen Tempeln, besonders dem unvollendeten Olympieion, dem künstlichen See von sieben Stadien Umfang als Fischbehälter für Volksbewirtungen und Bassin für Schwäne usw., von den kostbaren Grabmälern, selbst für Wettrennpferde und andere Haustiere, von dem Geleite von 300 schimmelbespannten Wagen, womit ein olympischer Sieger empfangen wurde, von den prächtigen Gewändern und Schmuckgegenständen, dem goldenen und silbernen Badegerät. Der reiche Gellias hatte eine Menge Gastzimmer und hatte an allen Toren Einladesklaven für die ankommenden Fremden, wie denn überhaupt die agrigentinische Manier den Fremden gegenüber »altväterisch und freundlich war«; er bewirtete ganze Truppenkorps, hatte riesige Weinkeller usw. In Agrigent wurde auch eine reiche Braut von 800 Gespannen und allen Reitern der Stadt begleitet; dabei wurden alle Bürger bewirtet und Freudenfeuer in der ganzen Stadt angezündet; dieselbe hatte damals 20000 Bürger, im ganzen 200000 Einwohner. – Über Sybaris, welches eines sehr beträchtliche Stadt mit 5000 Berittenen war, verweisen wir auf die große Sammlung von Charakterzügen bei Athen. VI, 105, XII, 15 ff. 58, auf die freilich, wie auf das, was man ähnlich über das alte Ionien und über andere Kolonialstädte sagte, großenteils nicht viel zu geben sein wird; wo es einer Stadt (die man beneidet haben mochte) in der Folge schlecht ging, schob man es auf Luxus und Freveltat. Mit welch drakonischen Strafen man in Syrakus dem Luxus zu begegnen suchte, s. ebenda 20.

62 Über die adriatischen Kolonien des Dionys und ihre sehr spezielle Absicht vgl. Diodor XV, 13 f.

63 Laut Strabo XIII, 1 p. 590 besaß er schon die ganze Troas.

64 Strabo XIV, 1, p. 646.

65 Vgl. Band I, S. 160, III, S. 181. Es war einer derjenigen dehnbaren Begriffe, die, wie in heutiger Zeit der Begriff »Bildung«, eine allgemeine Herrschaft gewinnen. Hat aber wohl ein anderes Volk das Ideal des Daseins durch ein Kompositum bezeichnet? Übrigens begannen die beiden Bestandteile auch als Wechselbegriffe aufzutreten. Sappho (fragm. 101) sagt: ὀ μὲν γὰρ κάλος, ὄσσον ἴδην, πέλεται (ἄγαϑος), ὀ δὲ κἄγαϑος αὔτικα καὶ κάλος ἔσσεται.

66 Dies trotz der Behauptung Xenophons, de re p. Lac. 10, daß Sparta allein von allen Städten die Kalokagathie offiziell (δημοσίᾳ) übe. Gerade die Spartiaten sind unter sich wenig agonal.

67 Später findet sich dann die παίδευσις im großen in der Herrschaft Athens oder Spartas über die übrigen, wie der Agon im großen im Wettrennen von Staaten gegen Staaten.

68 Dieser fordert (fr. 10), man solle zuerst für seinen Unterhalt und dann für die ἀρητή sorgen, und so zitiert ihn auch Plato, de re p. III, 15, p. 407, a.

69 Diog. Laert. II, 6, 12. Xenophon, der die wesentlichen Züge der Kalokagathie alle haben und in seiner Person würdig darstellen wollte, war in dieser Beziehung der echte Altfranke, überdies mit einer starken Zutat von Sparta her. Seine Ausrüstung war: ein argivischer Schild, ein attischer Harnisch, ein böotischer Helm und ein epidaurisches Roß.

70 Vgl. S. 6.

71 Noch spät sagt Lukians Solon zu Anacharsis (Anach. 36): εἴγέ τις τὸν τῆς εὐκλείας ἔρωτα ἐκβάλοι ἐκ τοῦ βίου, τι ἂν ἔτι ἀγαϑὸν ἡμῖν γενοιτο.

72 Der Anfang der Agonistik war wohl in der ganzen Welt das Sichmessen Zweier um irgendeinen Gewinn oder Besitz, ein Recht, eine Braut und dergleichen, dann später um die Ehre des Sieges. Die höhere Stufe bei den alten Völkern wird dann ein Zweikampf und zwar als Entscheid oder Gottesurteil vor beiderseitigen Zeugen gewesen sein, unter Beachtung gewisser Regeln. Bei den Griechen finden wir vorzüglich den Ring- oder Faustkampf, der ohne Waffen zu vollbringen ist. Polydeukes mißt sich mit dem Bebrykenkönig mit der Faust, und Herakles überwindet Apollod. II, 5, 10 f. den Eryx und Antäos als Ringer.

73 Preller II, S. 224. – Es mag lange gedauert haben, bis man die Dioskuren von ihren Rossen herunterkriegte; doch ist Polydeukes schon in der Ilias (III, 237) »tüchtig im Faustkampf«.

74 Pausan. VIII, 48, 2. – Einen in die mythische Welt versetzten Agon um einen geistigen Vorzug setzt es voraus, wenn nach Strabo XIV, 1, 27, p. 642 Kalchas im Heiligtum des klarischen Apollon bei Kolophon aus Kummer oder, weil es ihm so geweissagt war, stirbt, nachdem er einem stärkern Mantis, dem Mopsos, begegnet ist, der ihm sein Rätsel gelöst hat.

75 Od. VIII, 97 ff.

76 Ebenda XVIII, 1 ff.

77 II. IX, 124.

78 Der Nahekampf mit dem Speer wurde später, weil offenbar leicht tödlich, aufgegeben. – V. 629 ff. zählt Nestor aus seiner Jugenderinnerung noch einmal alle Kampfesweisen auf; es sind: Faustkampf, Ringen, Wettlauf, Speerwurf und Wagenrennen.

79 Vgl. auch II. XXIII, ebenda und 679 f. – Schon im Mythus ist der Wettkampf bei solcher Gelegenheit selbstverständlich. Pausan. VIII, 4, 3 werden beim Tode des Azan, Sohnes des Arkas, zuerst Kampfpreise, und zwar jedenfalls für Wagenrennen, ausgesetzt. – Apollod. II, 4, 4 hält König Teutamides von Larissa für seinen verstorbenen Vater einen gymnischen Agon, bei welchem Perseus mitkämpft. Ebenda III, 6, 4 stiften die Sieben gegen Theben beim Tode des kleinen Archemoros die Nemeen, und bereits vernimmt man, in welcher Kampfesgattung der einzelne siegte. – Auch beim Agon für Amphidamas, bei dessen Anlaß Hesiod W.u.T. 650 ff. nur von einem Wettkampf des Gesanges spricht, dachten die Spätern zugleich an einen Kampf der Kraft und der Schnelligkeit. Vgl. certamen c. 5 ff. und Suidas bei Westerm. biogr. p. 36. – Anderseits erscheint in der Sage der Agon auch öfter als das Allerfrühste, was bei der Gründung einer Polis überhaupt geschieht. So gründet Paus. VIII, 2, 1 Lykaon, Sohn des Pelasgos Lykosura, die älteste Stadt auf Erden; er benannte den Zeus als Lykaios und stiftete den Wettkampf der Lykäen.

80 Vgl. Strabo VII, 5, 30, p. 355: Zur troischen Zeit gab es noch keinen Agon um Kränze oder doch keinen berühmten, weder den olympischen noch einen andern der jetzt namhaften; auch erwähnt Homer keinen derselben, sondern nur einige Begräbniskämpfe.

81 Bezeichnend ist auch, daß bei den Patrokloskämpfen nicht allerlei Fähige, sondern nur berühmte Heroen auftreten.

82 Od. VIII, 246.

83 Scut. Herc. 201 ff.

84 W.u.T. 650 ff.

85 Es folgt dann 25 f. die (wohl doch noch hierher gehörige) Stelle über den Töpfer-, Zimmermanns-, Bettler- und Sängerneid.

86 Pythagoras, bei Iambl. vit. Pyth. 9, meint, jeder Wetteifer sollte hierin dem des Stadions gleichen; denn hier täten sich die Kämpfer keinen Schaden an, sondern strebten nur nach dem Siege.

87 Nach einer Nachricht bei Lukian, Anach. 37, soll die Anwesenheit der Jugend hierbei sogar gesetzlich vorgeschrieben gewesen sein.

88 Vgl. Athen. X, 4 f.

89 Die Sage meldet auch sonst von Vätern, welche eine ganze Anzahl von Freiern bewirteten. Ein solcher ist Phokos, der dann die Vermählung der Tochter in die Zukunft schiebt und von den Freiern am Gelage getötet wird. Plut. Prov. Alex. 123.

90 Vgl. oben S. 83.

91 Für sie wie für alles Agonale verweisen wir auf die verschiedenen Artikel Krauses in Paulys Realenzyklopädie.

92 Vgl. oben S. 85. – Als spezieller Erfinder der Ringkunst galt nach Pausan. I, 39, 3 Theseus; vorher begnügte man sich mit »Kraft und Größe«.

93 Endlich einmal erwähnt Pausanias (II, 35, 2) etwas Praktisches statt der Turnerei, wenn er von Hermione berichtet, daß dort Dionysos zu Ehren außer einem alljährlichen Agon der Musik ein Wettauchen und Wettrudern stattgefunden habe, wofür Preise ausgesetzt waren.

94 Vgl. Krause, Art. Gymnasium bei Pauly III, S. 983.

95 Die Palästra ist auch der einzelne Teil eines Gymnasions, oder in der Palästra lehrt der Paidotribes die Knaben, im Gymnasion üben sich die Epheben.

96 So z.B. in Lakonien nach Paus. III, 22, 447 in Akriai und Asopos.

97 Plut. Them. 1.

98 Weit die umständlichste Schilderung, wie es in den Gymnasien zuging, findet sich in Lukians Anacharsis, besonders am Anfang, wo eine ganze Anzahl von Übungen aufgezählt sind. Vgl. auch c. 27 ff. und die Hohnantwort des Anach. 31 f.

99 Vgl. Hermann, Gottesdienstliche Altert. § 30 und Privataltert. § 37.

100 So heißt es in dem (unechten) Ehrendekret für Hippokrates, die koischen Knaben sollten so gut als die attischen in Athen den Ephebenkurs durchmachen (ἐφηβεύειν) dürfen, und noch zur Kaiserzeit schrieb der Kyzikener Teukros drei Bücher ἐφήβων τῶν ἐν Κυζίκῳ ἄσκησιν. Westerm. biogr. p. 453 und 225.

101 So Ikkos aus Tarent, Paus. VI, 10, 2.

102 Pind. Ol. VIII, 71; auch Ol. XI, 21 f. weist Pindar einen Sieger zum Dank gegen den Lehrer an.

103 Krause bei Pauly III, 981.

104 Pausan. VII, 27, 2. Was wollte das übrigens unter den Kaisern noch bedeuten? – Daß in Athen seit Solon Musik und Gymnastik wirklich Gesetz für alle Bürger gewesen seien, möchten wir bezweifeln. Sie waren eher keinem versagt als allen befohlen.

105 Wie sich König Alexander Philhellenin Olympia als Grieche ausweisen mußte, vgl. Band I, S. 290.

106 Hier wurden u.a. Prachtstücke aus Privatbesitz ausgestellt, wie nach Aristot. mir. ausc. 96 ein für den Sybariten Alkisthenes angefertigtes kostbares Himation. An dem dortigen Feste, zu welchem sich alle Italioten zu begeben pflegten, fanden also gewissermaßen die frühesten Kunstausstellungen statt.

107 Die Frage, ob die Stiftung des Agons damals erfolgt sei oder eher durch Herakles, der die Siegesbeute von Augias als Preis aussetzte, oder ob erst Iphitos und Eurylochos nach ihrem Sieg über die Kirrhäer, jener die Olympien, dieser die Pythien stiftete, wird im III. Bios des Pindar (Thom. Mag. Westerm. biogr. S. 100) erörtert. – Übrigens war nach Strabo VIII, 3, 30, p. 353 Olympia ursprünglich durch ein Orakel des Zeus namhaft; als dieses in Abgang kam, behauptete sich der Ruhm des Tempels und wuchs das Fest und der Agon.

108 Früher wohl als 573 v. Chr., wie die gewöhnliche Annahme ist.

109 Wenn wir uns über eine Zeitrechnung verständigen müßten, was würde alles vorgeschlagen werden? Voraus kämen die Franzosen mit dem 14. Juli 1789 als dem Bastilletag, und einige würden auch die Jahre der Republik vom September 1792 an wollen, denn dies alles passiert ja dort als gültig für die Welt überhaupt. Andere zu erwartende Propositionen wären: die Eröffnung der ersten Eisenbahn oder schon die erste Dampfmaschine oder die erste Baumwollspinnerei, weil »wir« damit Geld verdient haben. Vielleicht aber wäre es ganz unmöglich, sich unter so alten und klugen Völkern, wie wir sind, zu verständigen, und da würden wir uns etwa murrend in einen Terminus fügen, welchen eine besonders mächtige Handelsnation bereits für sich adoptiert hätte, wie wir dies mit dem Metermaß getan haben.

110 Lange Verzeichnisse dieses Inhalts bei Pindar Ol. VII, 145 ff. (auf Diagoras von Jalysos) und Ol. IX, 125 ff. (auf Epharmostos von Opus), wobei die Kommentatoren alle möglichen Antiquitäten über die betreffenden Festorte beibringen. Man vgl. auch bei Simonides, fragm. 155 das lange Verzeichnis der Siege des Nikoladas an allen Orten.

111 Vgl. über sie Pausan. VI, 5, 1 ff., 6, 2 ff., 14, 2 f., 11, 2 f.

112 Plut. rei p. ger. praec. 15.

113 Pind. Ol. XIII, 45 ff.

114 Nem. VI, Einleitung.

115 Pausan. VI, 7, 3 u. 1 ff.

116 In Sparta wäre es ihm ceteris paribus wohl anders ergangen.

117 Pind. Isthm. I, Einleitung.

118 Pyth. V, 32 ff.

119 Herodot VI, 103. – Freilich, als er mit denselben Stuten zum dritten Male in Olympia siegte, ließen ihn die Peisistratiden durch nächtlich beim Prytaneion gegen ihn ausgeschickte Leute ermorden. Der Olympionike als solcher ist Tyrannen unbequem.

120 Her. VI, 125. – Vgl. auch die Geschichte vom Reichtum des Kallias.

121 Ebenda VI, 103.

122 Pausan. VI, 12, 3.

123 Ebenda VI, 2, 1 ff. Pausan. zählt hier die Denkmäler mehrerer spartanischer Hippotrophen, d.h. olympischer Sieger, auf.

124 Freilich besingt Pindar keinen Spartiaten.

125 Plut. apophthegm. Lacon, s.v. Ages. 49. Ebenso Plut. Ages. 20. – Pausan. III, 8, 1 und 15, 1 erwähnt nichts von diesem Zwecke, der ein merkwürdiger Beleg von Selbsterkenntnis der Spartaner florente imperio wäre.

126 Plut. Alex. 3.

127 Pausan. X, 37, 4.

128 Pind. Pyth. V, 65.

129 Pausan. VI, 20, 8. Vgl. Band II, S. 233. – Über eine gefährliche Nuance dieser Spiele an den Panathenäen, welche ἀποβάτης hieß (man sprang dabei vom Wagen und wieder hinauf) vgl. Krause bei Pauly, s.v. Panathenaea, Band V, S. 1106.

130 Nem. III, 27.

131 Älian, V.H. X, 19.

132 Pausan. VI, 4, 1 f.

133 So begnügen sich Pausan. VI, 9, 3 die Hellanodiken, dem Kleomedes wegen dieser »ἄδικα« den Sieg abzusprechen, worauf er dann, wahnsinnig vor Unmut, in seine Heimat zurückkehrt und die Band II, S. 235 f. erwähnten, schrecklichen Dinge begeht. Auch dem Damoxenos, der in einem berühmten Kampf an den Nemeen seinen Gegner Kreugas getötet hatte, geschah nichts Schlimmeres, als daß man ihn fortwies, obwohl er gegen alle Gesetze des Kampfes verfahren war. Pausan. VIII, 40, 2 f., wo auch der Tod des Arrhachion erzählt wird; beide Leichen erhielten den Kranz. – Was man alles durfte und nicht durfte, darüber vgl. Philostr. d.Ä., imag. II, 6, wo auch das Technische über das Pankration einzusehen ist. In Sparta war das sonst verbotene Beißen und Eingraben der Fäuste in die Seiten des Gegners erlaubt. – Das Beißen war dann in der römischen Zeit bei den Athleten besonders häufig. Lukians Demonax (c. 49) fand, man nenne sie nicht mit Unrecht Löwen.

134 Älian, V.H. IX, 31, Pausan. III, 18, 5.

135 Ebenda III, 21, 1. – Wie bedenklich es für einen Wettkämpfer war, wenn sich eine Laïs in ihn verliebte, vgl. Älian, V.H. X, 2. – Übrigens muteten sich auch die Zuschauer etwas zu: der greise Thales starb nach Diog. Laert. I, 1, 12 bei einem gymnischen Agon vor Hitze, Durst und Schwäche. (Diog. supponiert durch die Anrede Ἠλεῖς Ζεῦ offenbar, daß es in Olympia geschah.)

136 Übrigens belohnte man schon während des Kampfes die sich Messenden einstweilen durch Zurufe, wie sie häufig auf Vasen beigeschrieben sind: Z.B. καλός oder εὖγε, εὖγε ναί (attisch ναίχι).

137 Nach Plut. Timol. 26 bekränzte man auch an den Isthmien ursprünglich mit Eppich. – Von Delphi heißt es, daß es seit der zweiten Pythiade den Lorbeer gab, während früher Wertpreise üblich waren. Pausan. X, 7, 3. – Als ein besonderer Frevel der Sybariten galt es, daß sie den olympischen Agon zu verdunkeln suchten, indem sie gleichzeitig die Athleten durch höhere Preise an ein eigenes Fest lockten, Athen. XII, 21. Übrigens versuchten hernach die Krotoniaten ganz dasselbe. Ebd. 22.

138 Halikarnaß wird nach Herod. I, 144 vom Zentralheiligtum der dorischen Städte in Karien, dem des triopischen Zeus, ausgeschlossen, weil einer seiner Bürger den Dreifuß in sein eigenes Haus getragen hat.

139 So lautet der Ausdruck bei Älian, Hist. anim. I, 6.

140 Pind. Pyth. X, 41 f. Nach Plut. Pelop. 34 sagt ein Spartaner zu Diagoras, der samt Söhnen und Enkeln Olympionike war: »Stirb, Diagoras, den Olymp wirst du nicht ersteigen.«

141 Pausan. VI, 1, 2.

142 Älian V.H. IX, 2. Andere meinten freilich, es sei dies durch eine Botentaube mit einem Purpurbändchen geschehen. Begann vielleicht hier überhaupt die Verwendung der Brieftauben?

143 Find. Ol. VIII, 92 f.

144 Ebenda 106 ff. heißt es, der Vater werde die Botschaft des Sieges von Ἀγγελία, der Tochter des Hermes hören und sie dem Oheim weitermelden. Ol. XIV, 30 wird Echo aufgefordert, dem Vater im dunkelummauerten Hause der Persephone den Sieg des Sohnes zu melden. Nem. IV, 138 soll der Oheim, der seinerseits auch ein Sieger ist, noch am Acheron Pindars tönende Stimme vernehmen.

145 Vgl. Älian V.H. XII, 58, ἄλλος ἀλλαχόϑεν ἐκκρεμαννύμενος ἐϑεῶντο αὐτόν.

146 Im Kriege zwischen Athen und Mitylene (wohl noch im VII. Jahrhundert) war der Stratege von Mitylene Pittakos, der der Athener aber der Pankratiast Phrynon, ein Olympionike, der dann im ordalischen Zweikampf einer List des Pittakos unterlag. D.h. die damaligen Eupatriden mögen ihren stattlichsten Mann eo ipso an die Spitze des Heeres gestellt haben. Diog. Laert. I, 4, 1.

147 Pausan. VII, 17, 6.

148 Ol. VIII, 91 und ähnlich Pyth. VIII, 120 f. – Übrigens gab es auch unermüdliche Unglückliche, wie (freilich erst im III. Jahrh.) den bei Athen. XIII, 44 erwähnten κακὸς παλαιστὴς τῶν ἀεὶ ἐν τοῖς ἀγῶσιν ἐπιμελῶς ἡττημένων.

149 Plut. Sol. 23, Diog. Laert. I, 2, 8, nach welchem die Preise früher größer gewesen wären.

150 Plut. Alkib. 12.

151 Pausan. VII, 23,5.

152 Z.B. Akriai nach Pausan. III, 22, 4.

153 Pausan. VI, 4, 4.

154 Vgl. Pausan. VI, 13, 4 (das sizilische Naxos), VIII, 36, 1 (Methydrion).

155 Pausan. VII, 27, 2.

156 Pausan. VI, 3, 5 und 2, 4.

157 Auch der Laufsieger Sotades aus Kreta, der sich bei einem frühern Siege als Kreter hatte ausrufen lassen, nahm später Geld vom Staate der Ephesier und ließ sich dann Ol. 100 als solchen ausrufen, worauf ihn die Kreter verbannten, Pausan. VI, 18, 4. – Schon einer der Kunden Pindars, Chromios aus Syrakus (Nem. I und IX), hatte sich übrigens seinem Freunde Hieron zuliebe als Ätnäer müssen ausrufen lassen, weil Hieron Ätna gegründet hatte und wünschte, dieses möchte sich sogleich eines Siegers rühmen können. Etwas anderes, aber gleichfalls bezeichnend ist es, wenn in einer Zeit, da Sparta von den Olympien ausgeschlossen ist, der Spartaner Lichas seinen Wagen im Namen des Demos von Böotien fahren ließ; als er dann seinen Wagenlenker gleichwohl in eigener Person bekränzte, straften ihn die Hellanodiken. Thuk. V, 50. Pausan. VI, 2, 1.

158 Pausan. VI, 11, 2.

159 Man wußte z.B. noch spät, daß der Ringer Ariston von Argos Platos Lehrer gewesen war. Diog. Laert. III, 1, 5.

160 Pausan VI. 8. 3.

161 Man denke an Kleomedes von Astypaläa, welcher darauf wahnsinnig wurde. Vgl. Band II, S. 235.

162 Herod. V, 71.

163 Vgl. oben S. 5.

164 Herod. VI, 127. – Nach Älian V.H. XII, 22 gibt ein (späterer) ätolischer Rinderhirt Titormos Kraftproben, welche Milon nachzumachen verzweifelt.

165 Älian V.H. II, 23.

166 Herod. VIII, 47. – Diodor XII, 9. Pentathlos hieß wenigstens auch derjenige Knidier, welcher seine Landsleute nach anfänglichem Unglück in Sizilien zur Kolonisierung der liparischen Inseln führte.

167 Vgl. Band I, S. 42.

168 Pausan. VI, 6, 3 f. Nach der Version bei Älian V.H. VIII, 18 war er zum Fluß Kaikinos hinabgestiegen und dort (also bei seinem Vater) verschwunden.

169 Pausan. VI, 11, 2 f. – Er sagt hier ϑύειν, während beim Grabe des Oibotas VII, 17, 6 bloß von ἐναγίζειν die Rede ist. Athen. X, 4 teilt übrigens ein Hohnepigramm mit, wonach diese Statue die Hand ausstreckte, als verlangte er noch mehr zu essen. Eine rätselhafte Stelle über ihn findet sich Plut. rei p. ger. praec. 15. Er heilte noch zu Lukians Zeit zu Thasos das Fieber, wie Polydamas zu Olympia. Lucian, deor. concil. 12.

170 Vgl. Band II, S. 235.

171 Vgl. Band III, S. 5.

172 Über die sukzessive Einführung der einzelnen Kampfesgattungen vgl. Pausan. V, 8, 3 ff.

173 Älian XIV, 18 droht deshalb ein Chier seinem faulen Sklaven, ihn nach Olympia mitzunehmen, Lukian Herod. 8 betont τὴν ἐκεῖϑι στενοχωρίαν καὶ σκηνὰς καὶ καλύβας καὶ πνῖγος (die Stickhitze).

174 Wir erinnern daran, wie, besonders in betreff der Wagenrennen, Kennerschaft und Eifer nicht bloß eines großen Dichters, sondern des ganzen Volkes aus dem Berichte von Orests angeblichem Untergang beim pythischen Wagenrennen in der sophokleischen Elektra 680 ff. erhellt. Man sieht hier, wie Sophokles mit der bloßen Erzählung die Athener außer sich zu bringen vermochte.

175 Pausan. VI, 24, 3. Waren die Nomophylaken die Hellanodiken des vorigen Festes?

176 Vgl. Pausan. VI, 20, 6. – Über das Herabstürzen Fehlbarer vom Fels Typaion V, 6, 5; ebenda die Erzählung von der mit Kallipateira gemachten Ausnahme. Nach Älian V.H. X, 1 setzte es auch eine Pherenike durch, die Olympien betrachten zu dürfen, weil ihr Vater und drei Brüder in Olympia Sieger gewesen waren und ein Sohn jetzt dort auftrat. – Freilich war es nicht anders möglich, als daß Olympia, wo die Mannsleute das ganze Jahr von nichts anderm als von Agonen sprachen, und das ohnehin in der Nähe der spartanischen Mädchenturnerei war, auch einen harmlosen, weiblichen Wettkampf hervorbrachte. Es war ein Wettlauf der in drei Altersstufen eingeteilten Jungfrauen, der dort alle vier Jahre an den Heräen stattfand, und Veranstalterinnen waren die 16 Elierinnen, welche den Peplos für Hera woben. (Die Beschreibung dieser Läuferinnen, von denen Pausan. V, 16, 2 ff. handelt, entspricht der vatikanischen Läuferin, welche demnach keine Spartanerin zu sein braucht, sondern eher eine Elierin ist.)

177 Ehrgeizige Sieger bewirteten die ganze Versammlung. So der Tyrann Anaxilaos von Rhegion (497-476) nach seinem Maultiersiege, wo sich auch Simonides zu einem Preisliede herbeiließ und die Tiere so höflich als möglich besang: Χαίρετ᾽ ἀελλοπόδων ϑύγατρες ἵππων. – Empedokles, der mit Pferden gesiegt hatte, aber als Pythagoreer keine ἔμψυχα genoß, ließ ein Rind aus lauter Spezereien bilden und verteilte es den Anwesenden. Athen. I, 5. Von Alkibiades soll später die Rede sein.

178 Wie wäre es den Römern vorgekommen, wenn sie z.B. Vulsinii oder Veliträ hätten müssen als neutralen, heiligen Orakel- und Festkampfort für alle italischen Völker anerkennen? Mit Latium allein wurden sie schon fertig, indem sie die dortigen Feste zu den ihrigen machten und selber abhielten.

179 Diog. Laert. VIII, 2, 8.

180 Vgl. Band III, S. 313. – Plut. X orat. vit. s.v. Lys. (Schluß).

181 Vgl. Band II, S. 395.

182 Paneg. 46.

183 Vgl. Krauses Art. Panathenäa bei Pauly. Über panathenäische Preisgefäße vgl. Welcker, Alte Denkmäler II, S. 60 f.

184 Lukian, Demon, 57.

185 Noch für Diadochen war es von Wert, in Olympia aufgestellt zu sein. Nach Pausan. VI, 16, 1 weihte Tydeus der Elier den Antigonos, den Vater des Demetrios, und den Seleukos; laut 15, 6 war auch Ptolemäos Lagi mit seinen Söhnen zu beiden Seiten geweiht und laut 17, 2 sein Sohn Philadelphos. Nach 17. 1 und 3 verewigen Städte ihre Athleten hier (statt zu Hause), Klazomenä wenigstens denjenigen, welcher der erste in Olympia siegreiche Landsmann war; 18, 2 stiftet Lampsakos seinen (durch Fürwort bei Alexander) hochverdienten Anaximenes hin.

186 Zu Tegea fand sich ein (mythischer) Rossesieger mit seinem Pferde an der einen Stele eines Tempels; an der entsprechenden waren die vier Gesetzgeber des Ortes dargestellt.

187 Vereinzelt gab es schon andere Bildnisstatuen, z.B. waren laut Plut. Arat. 3 Züge und Gestalt Perianders jedenfalls festgestellt. – Hervorgerufen durch das Athletenbilden ist dann der Ganymedtypus. Ein Ganymed von Dionysios kommt schon um Ol. 75 in den Weihgeschenken des Mikythos vor. Pausan. V, 26, 2. Dann, kaum viel später, die Gruppe des Aristokles: Zeus und Ganymed. Ebenda 24, 1.

188 Pausan. VI. 18, 5.

189 Pausan. I, 28, 1.

190 Pausan. VI, 3, 4.

191 In Milet gab es z.B. viele Statuen von olympischen und pythischen Siegern (was gegen die sonst angenommene geringe Beteiligung Ioniens an den panhellenischen Agonen spricht). Vgl. Plut. apophthegm. reg. s.v. Alexander 8.

192 Letzteres scheint Pausanias V, 21, 1 bei Anlaß seiner merkwürdigen Unterscheidung zwischen ἀνδριάντες und ἀναϑήματα in Olympia anzudeuten. Er sagt da: ἐν ἀκροπόλει μὲν γὰρ τῇ Ἀϑήνῃσιν οἵ τε ἀνδριάντες καὶ ὁπόσα ἄλλα, τὰ πάντα ἐστιν ὁμοίως ἀναϑήματα˙ ἐν δὲ τῇ Ἄλτει τὰ μὲν τιμῇ τῇ ἐς τὸ ϑεῖον ἀνάκειται, οἱ δὲ ἀνδριάντες τῶν νικώντων ἐν ἄϑλου λόγῳ σφίσι καὶ οὗτοι δίδονται. (Das wäre also neben dem Kranze noch ein zweites ἆϑλον.) – Anderswo nennt er die letztern εἰκόνας τῇ ἐς αὐτοὺς χάριτι ἀνατεϑείσας τοῖς ἀνϑρώποις. – Vgl. übrigens über Zeit und Umstände der Setzung Brunn, Gesch. d. griech. Künstler, Band I, S. 69 f.

193 Pausan. VI, 8, 2.

194 Ebenda VI, 14, 2.

195 Ebenda VI, 3, 5.

196 Vgl. oben S. 103 das Schicksal des Astylos.

197 Pausan. VI, 3, 3. Auch inschriftlich wurde etwa an einer Statue der Name des Kampflehrers mitgenannt. Pausan. VI, 2, 4.

198 Älian, Hist. anim XII, 40. Über das Grab der Rosse des Kimon vgl. oben S. 108.

199 Pausan. VI, 10, 2.

200 Es mochte den Leuten anfangs sonderbar vorkommen, wenn Sieger ihr Bild aufstellten, die nicht einmal in Olympia erschienen waren; aber man gewöhnte sich daran und gestattete es selbst der Spartanerin Kyniska.

201 Pausan. VI, 13, 5, 6.

202 Pausan. X, 9, 1, will in Delphi die einzelnen Athleten und musischen Sieger, die sonst unberühmt geblieben, gar nicht mehr aufzählen.

203 Pausan. X, 34, 2.

204 Ebenda V, 20, 1.

205 NB. Der Akzent liegt auf den Statuen, als verständen sich Gymnasien und Palästren bei den Barbaren ohnehin von selbst.

206 Vgl. S. 88 und O. Müller I, S. 52 f., wo die betreffenden Stellen angeführt sind. Auch Herodot (V, 67 nennt ihren Vortrag des Homer ein ἀγωνίζεσϑαι.

207 Pausan. X, 7, 2 f. Vgl. Band III, S. 135.

208 Nach Plut. adv. indoct. 9 ließen die Agnotheten jemand, der sich auf der Kithara bei großen Ansprüchen als Kann-Nichts erwies, blutig geißeln und fortjagen.

209 Sehr bescheiden nimmt es sich daneben aus, wenn in der katholischen Welt, etwa bei Wallfahrten, jedes Dorf die größte Fahne oder Kerze mitführen will.

210 Beispielsweise heißt es bei Plut. X orat. vit. 2 von dem Redner Andokides, er habe für seine Phyle mit einem kyklischen Chore im dithyrambischen Agon die Choregie gehabt und den Dreifuß, den er für den Sieg gewonnen, auf einer hohen Basis aufgestellt. – Wunderlich und als ein Sympton des Verfalls erscheint ebenda 7 die Notiz, daß bei dem unter der Verwaltung des Lykurgos (IV. Jahrh.) gestifteten Agon des Poseidon im Piräus für die wenigstens drei kyklischen Chöre Geldpreise von 10, 8 und 6 Minen eingeführt worden seien. Wahrscheinlich hatte demnach der Eifer der Choregen sehr nachgelassen und man konnte ohne diese Vergütung die Choregie nicht mehr erpressen.

211 Plato, de legg. VII, 800 c.

212 Plut. Kimon 8 zeigt, wie auch im attischen Theater die Parteinahme der Menge das Amt der Kampfrichter schon frühe fraglich machen konnte. Vgl. Band III, S. 233 f.

213 Vgl. Band III, S. 140. – Ohne Zweifel sang noch ein zweiter Kitharöde und hierob kam es zu der Parteiung.

214 Der Witzbold Stratonikos (im IV. Jahrh.) errichtet sogar nach einem Sieg in Sikyon im dortigen Tempel des Asklepios ein Tropaion mit der Inschrift Στρατόνικος ἀπὸ τῶν κακῶς κιϑαριζόντων. Athen. VIII, 45.

215 Theokr. Id. V, 62.

216 Wie leicht sich das Agonale bei Gesang, Tanz, Übungen aller Art, Festen und Spielen von selber einstellt, vgl. Hermann, Gottesdienstl. Altert. § 29.

217 Vgl. Band III, S. 35.

218 Bei Istros im Leben des Sophokles heißt es von diesem: διεπονήϑη ἐν παισὶ καὶ περὶ παλαίστραν καὶ μουσικήν, ἐξ ὧν ἀμφοτέρων ἐστεφανώϑη. – Über den schwächlichen Demosthenes als Ausnahme vgl. Westerm. biogr. S. 294.

219 So in Kyzikos. Vgl. Westerm. biogr. S. 225 s.v. Teukros.

220 Vgl. Annali dell' inst. XLII, S. 215 ff.

221 Der Zusammenhang des Agonalen mit dem allgemeinen Agon des griechischen Lebens als einem μείζων ἀγών wird in den Worten Solons bei Lukian, Anachars. 15 f. betont. Ferner findet sich dort 36 der schon zitierte Satz: »Wenn jemand die Sehnsucht nach Ruhm (εὐκλείας ἔρωτα) aus dem Leben vertriebe, was Gutes bliebe uns dann noch übrig?«

222 Von typischer Wahrheit ist die Plut. Ages. 26 und apophth. Lac. 72 (und ebenso Polyän. II, 1, 7) von Agesilaos erzählte Anekdote: Als die Bundesgenossen einst klagten, es müßten ihrer viele ausziehen, der Lakedämonier aber wenige, ließ dieser sich beide Teile besonders setzen und darauf durch einen Herold ausrufen: »Es sollen die Töpfer aufstehen.« Nachdem darauf von den Bundesgenossen nicht wenige sich erhoben hatten, verlangte er dasselbe von den Schmieden, dann von den Zimmerleuten und so weiter von allen Gewerbetreibenden, und bei jedem Aufrufe standen von den Bundesgenossen mehr auf, von den Spartiaten aber kein einziger; denn es war ihnen verboten, ein banausisches Gewerbe zu treiben. Und so wurden die Bundesgenossen belehrt, daß die Lakonen mehr Krieger gestellt hätten als sie (d.h. wirkliche, nicht bloße Gelegenheitssoldaten).

223 Aristot. Pol. VI, 1. VIII, 2 f.

224 Hierbei muß er freilich auch die Ausbildung zum Agonalsieger verdammen, indem selbst die einseitig betriebene Gymnastik den Menschen wieder zum Banausen macht. Wie sehr man als Banause galt, sobald man selbst aus edeln Bestrebungen ein Gewerbe machte, lehrt Hippokrates des platonischen Protagoras (312 a und b), nach welchem der Grammatist, der Kitharist und der Turnlehrer, die drei Unentbehrlichen der attischen Erziehung, doch nur δημιουργοί, d.h. soviel als Banausen sind. Man lernt bei ihnen ja nicht, um zu werden, was sie sind. (Alle heutigen Gelehrten hätten damals Banausen geheißen, und die jetzigen Spezialisten ganz besonders.)

225 Über den griechischen Handel vgl. Hermann, Privataltertum § 44 f. und Pauly, s.v. ἐμπορία.

226 Immerhin rühmte man sich später auch einer trefflichen Gymnastik. Nach Paus. VI, 2, 4 hieß es in einer Weiheinschrift zu Olympia u.a.: ὅτι Σάμιοι τά ἐς ἀϑλητὰς καὶ ἐπὶ ναυμαχίφις εἰσὶν Ἰώνων ἄριστοι.

227 Die Samier gaben nach Herod. IV, 152 den Zehnten ihrer ersten, hoch gewinnreichen Tartessosfahrt in Gestalt des berühmten Kraters auf drei Kolossen ins Heräon.

228 Die Frauen erscheinen bei ihnen in ihrer Freiheit stärker beschränkt; beim Wein treten jetzt an die Stelle des Heldengesangs oft nur bezahlte Saiten- und Flötenspielerinnen, und die Gelage währen lang; man trägt lange Gewänder, auch figurierte und stark mit Purpur gefärbte, und hat kostbare Frisuren. Athen. XII, 28 ff. – Was hier über den Luxus von Abydos, Ephesos, Samos, Kolophon usw. vorgebracht wird, geht übrigens wesentlich auf Putz und Gewänder. Recht hübsch ist (30) der Aufzug der Samier zum Heräon in einem Fragment des Asios dargestellt.

229 Darüber, wie sich die Sagen von der Weichlichkeit einzelner Orte ins Abenteuerliche steigerten, vgl. oben S. 83, Anm. 2.

230 Plut. Quast. Graec. 29.

231 Plut. Sol. 2. Auch 25 braucht Solon bei seiner spätern Abreise als Ausrede die Schiffahrt.

232 Plut. Sol. 22. Vgl. auch Band I, S. 173, Anm. 352.

233 Plut. Sol. 24.

234 Demosth. adv. Eubulid. 30: οἱ νόμοι κελεύουσιν ἔνοχον εἶναι τῃ κακηγορίᾳ τὸν τὴν ἐργασίαν τὴν ἐν τῇ ἀγορᾷ ἢ τῶν πολιτῶν ἢ τῶν πολιτίδων ὀνειδίζοντα. – Man mußte also das Gewerbe – hier ist es der Handel mit Bändern auf der Agora – doch vor hochmütiger Nachrede und Schimpf schützen.

235 Perikles in der Grabrede, Thuk. II, 40.

236 Plut. rei p. ger. praec. 13.

237 Man vgl. z.B. die poetischen Aufzählungen dessen, was alles zu haben war aus Antiphanes, Hermippos und besonders der Elegie des Kritias bei Athen. I, 49 f.

238 Vgl. Band I, S. 170 ff.

239 Werke und Tage 42 ff.

240 Ebenda 311 ff.

241 Orest 920. Freilich sagt in den Hiketiden des nämlichen Dichters 420 der thebanische Herold: »Ein armer landbebauender Mann, auch wenn er nicht unterrichtet ist, kann doch wegen seiner Arbeit den Blick nicht auf das Gemeinwesen richten.«

242 Heraklid. περὶ πολιτ. (Schluß). Es mag sich um adlige Besitzer mit Theten handeln; sie sollen aus diesem Grunde verarmt und den sparsamen Thebanern stark verschuldet worden sein.

243 Xen. Ökon. 4 f.

244 Pol. VI, 4, gehören zum πλῆϑος das γεωργικόν, βαναυσικόν, ἀγορῖον, ϑητικόν. Vgl. ferner VII, 8. 11.

245 Ebenda VIII, 2.

246 Ebenda VI, 2.

247 Eine Aufzählung der Gattungen gibt Hermann, Privataltert. § 43.

248 Herodot sagt II, 167 bei Anlaß der ägyptischen Kriegerkaste, welche keine Gewerbe treibt, sondern nur ihr Kriegswesen vom Vater auf den Sohn vererbt: »Ob nun die Hellenen auch dies von den Ägyptern gelernt, wage ich nicht genau zu entscheiden, indem ich sehe, daß auch die Thraker, Skythen, Perser, Lyder und fast alle Barbaren diejenigen, welche die Gewerbe lernen und ihre Abkömmlinge (letzteres gemäß einer völlig rassenmäßigen Art zu urteilen) geringer schätzen, die von gewerblichem Tun Entbundenen dagegen für edel halten, und zwar am meisten die zum Kriege bestimmten. Dies haben sich dann alle Hellenen angeeignet und zwar am meisten die Lakedämonier. Am wenigsten verachten die Korinthier die Handarbeiter.«

249 Das Wort bezeichnet ursprünglich die Arbeit an der Esse.

250 Z.B. Ritter 738 ff.

251 Xenoph. Apol. Socr. 29: οὐκ ἔφην χρῆναι τὸν υἱὸν περὶ βύρσας παιδεύειν.

252 Xen. Ökon. 4.

253 Höchst bezeichnend ist auch, wie und weshalb er V, 12 p. 465 c ff. seine φύλακες glücklich preist. Die Misere war damals noch nicht ehrwürdig.

254 Er unterscheidet dabei Pol. I, 4 (11) wieder Banausen, welche irgendeine bestimmte Sache gelernt haben und können müssen und bloße Kraftarbeiter. Bei jenen stuft er ab: Solche deren Verrichtungen die kunstvollsten (τεχνικώταται) sind und dem Zufall am wenigsten überlassen, und dann abwärts: je mehr die Leiber beschädigt und mehr und mehr knechtisch nach der bloßen Kraft gebraucht werden, bis man wieder da anlangt, wo es der Trefflichkeit für den Staat am wenigsten bedarf.

255 Pol I, 5. Nach III, 2 f. gibt es mehrere Gattungen von Sklaven; davon ist eine die der Handarbeiter (χερνῆτες), welche von ihrer Hände Arbeit leben, und zu diesen gehört der banausische Technit. Der Unterschied ist nur, daß der eigentliche Sklave einem einzelnen, der Banause dem Publikum die notwendigen Dienste verrichtet. Der letztere kann in Aristokratien gar nicht, in Oligarchien (= Plutokratien), insofern er reich werden kann, teilweise Bürger werden; leicht ist ihm dies in der Demokratie.

256 Gorg. LXVIII, p. 512 b.c.

257 Plut. Marcell. 14. 17.

258 Z.B. bei den so sklavenreichen Ägineten wird die Fabrikation wohl ganz durch Sklaven für Unternehmer und Kapitalisten geschehen sein, und die Grundlage dieser Äginetenindustrie kann tatsächlich finanziell sehr künstlich bedingt gewesen sein; die Grundmacht könnte schon eine große Handelskompagnie, sogar auf Aktien, gewesen sein. Daß man ihre Produkte, besonders wohl die Waffen und andere Metallarbeiten, auch in entlegenen und armen Binnenländern nicht entbehren konnte, lehrt Paus. VIII, 5, 5, wonach zur Zeit des alten arkadischen Herrschers Pompos Ägineten Handels wegen in Kyllene landeten und von da mit Lasttieren (durch Anlegen eines Fahrweges?) ihre Waren zu den Arkadern hinaufführten. Hiefür ehrte Pompos sie auf das höchste und nannte wegen dieser Freundschaft einen Sohn Äginetes.

259 Vgl. den Bios des Soph. bei Westerm. S. 126, den des Demosthenes von Libanios Westerm. S. 293 und Plut. Dem. 4. Über den Vater des Isokrates die Stellen bei Dion, Hal. de rhet. ant., bei Plut. X orat. vit. und Philostr. vit. soph. I, 17.

260 Dies aus Hermann, Privataltertum § 42.

261 Pol. III, 3.

262 Nach Rhet. ad Alex. c. 2, 16 soll der Redner bei Anlaß neuer Auflagen argumentieren, die Armen sollten ihren Leib den Kriegsgefahren preisgeben, die Reichen das Geld zahlen, die Gewerbsleute Waffen liefern. – Reiche Metöken, welche eine Schildfabrik betrieben, waren vor der Zeit der Dreißig z.B. Lysias und seine Familie.

263 Noch der altfränkische Xenophon in seiner vielleicht spätesten Schrift de vectigalibus (c. 2) möchte gerne die Metöken als eine getrennte und sogar begünstigte Gewerbsklasse festhalten.

264 Plut. Sol. 24.

265 Xenoph. conviv. IV, 40.

266 Axiochos VII, p. 368 b.

267 Dies nach Curtius, Gr. Gesch. II, S. 345 f. Man vgl. auch die wichtige Stelle Aristoph. Frösche 727 ff. – Daß in Industriestädten auch der freie Ouvrier gefährlich werden konnte, lehrt die Geschichte Apollodors von Kassandrea, der zur Gründung seiner Tyrannis neben Sklaven die Arbeiter aus den Werkstätten (τοὺς ἀπὸ τῶν ἐργαστηρίων τεχνίτας) gewann. Polyän. VI, 7.

268 Vgl. Brunn, Gesch. der griech. Künstler I, S. 57.

269 Ilias XVIII, 410 ff. – Auch daß Pallas die »werktüchtigen Menschen« und die zarten Jungfrauen so manche Fertigkeit gelehrt, Hom. Hymn. in Ven. 12 ff., adelte diese Dinge nicht mehr.

270 Man bemerke, daß kein Tragiker mitgenannt wird.

271 Rei p. ger. praec. 5.

272 Auch mit den Architekten nämlich verhielt es sich nicht anders, der Vater des Philosophen Menedemus, sagt Diogenes von Laerte (II, 18, 1), war edler Herkunft, aber Architekt und arm.

273 Bei diesem Anlaß ist eines der ältesten Rhetoren, des Alkidamas (V. Jahrh.) zu gedenken, insofern er (περὶ σοφιστῶν 27 f.) die Werke der Plastik und Malerei in einem mißgünstigen und abschätzigen Tone anführt.

274 Plut. Apophth. Lacon. sub. v. Agesil. 79. Plut. Agesil. 2.

275 Strabo VIII, 6, p. 382 γραφική τε καὶ πλαστικὴ καί ἡ τοιαύτή δημιουργία.

276 Lukian, somn. c. 8-18.

277 Band III, S. 51. Zum Ignorieren der Kunst durch die Komödie vgl. ebenda S. 258 und 264.

278 Vgl. Band III, S. 233.

279 Plut. Perikl. 31: ἡ δόξα τῶν ἔργων ἐπίεζε φϑόνῳ τὸν Φειδίαν.

280 Pausan. IX, 16, 1. – Pindar für sein Bild der Dindymene hatte noch zwei thebanische Meister in Anspruch genommen; das Werk aber war schon von pentelischem Marmor. Ebenda IX, 25, 3.

281 Attische Kunst und pentelischer Marmor mögen, wenn einiger Aufwand möglich war, oft zusammengegangen sein; man wird sich oft einfach an attische Werkstätten gewandt haben, wenn die ἐπιχώριοι ungenügend waren oder fehlten. Z.B. hatte nach Pausan. X, 33, 2 der Tempel des Apoll und der Artemis zu Lilaia in Phokis ἀγάλματα ὀρϑά ἐργασίας τε τῆς Ἀττικῆς καὶ τῆς Πεντέλῃσι λιϑοτομίας.

282 Pausan. IX, 37, 3.

283 Daher es denn von den Malern Anekdoten gibt, von den Bildhauern fast keine. Vgl. das Auftreten des Parrhasios, Brunn II, 118 f. – Überhaupt wurde über die Maler geschrieben; Diogenes Laert. II, 8, 19 nennt u.a. zwei Maler des Namens Theodoros; über den einen schrieb Menodotos, den andern erwähnt Theophanes in der Schrift über die Malerei. Auch Suidas bei Westerm. S. 433 erwähnt einen Philosophen Pamphilos, der u.a. schrieb: περὶ γραφικῆς τε καὶ ζωγράφων ἐνδόξων.

284 Wegzunehmen wagte man doch diese Figuren nicht, und später bildete sich sogar der Aberglaube, das Bildnis des Phidias sei durch eine unsichtbare Kunst so mit der ganzen Statue verbunden, daß diese bei dessen Entfernung sich auflösen und zusammenstürzen würde. – Übrigens gab es für eine Statue des Phidias später nirgends eine Stelle, während Perikles wenigstens in der folgenden Generation die seine von der Hand des Kresilas erhielt, freilich nicht durch den Staat und nicht auf der Agora oder dem Kerameikos, sondern durch Angehörige oder Verehrer auf der Akropolis, als Anathem.

285 Vgl. oben S. 131.

286 Plut. Kimon 4.

287 Der Maler Nikias verschmähte 60 Talente, welche ihm ein Diadochenkönig (laut einer Nachricht Attalos, nach Plut. non posse suav. vivi 11 ein Ptolemäer) für seine Nekyia (ohne Zweifel nach Odyss. XI) anbot und schenkte später das Gemälde seiner Vaterstadt Athen. Endlich ist es bezeichnend, daß unter den Malern agonaler Wettstreit erwähnt wird (vgl. Band III, S. 35), und daß Maler gute Partien machen konnten, wie denn dem Ätion ein Hellanodike seine Tochter gab aus Bewunderung für das Bild: Alexanders Hochzeit mit Roxane. Lukian Herod. 4.

288 Vgl. Band III, S. 32, Anm. 75. – Später heißt es dann wie selbstverständlich bei Teles (Stob. Floril. LXXXXVIII, 72): Den noch jungen Knaben empfängt der gymnastische, der grammatische, der musikalische Erzieher und der Maler.

289 Vgl. darüber Hermann, Privataltert. § 44.

290 Bei Theophrast Char. 6 wird der garstige Charakter derselben mit dem Worte gezeichnet, wer der ἀπόνοια verfallen sei, sei δεινὸς πανδοκεῦσαι καὶ πορνοβοσκῆσαι καὶ τελωνῆσαι.

291 De legg. XI, p. 918 b ff.

292 Polit. I, 3.

293 Merkwürdig ist ebenda VII, 11 das Postulat einer ἀγορὰ ἐλευϑέρα, die von der ἀγορά των ὠνίων verschieden sein soll, und auf der kein Banause und kein Landbauer, außer wenn ihn die Obrigkeit ruft, soll erscheinen dürfen. Der Ausdruck stammte aus Thessalien, wo man eine Vorschrift dieser Art wohl wirklich durchführen konnte. – Wenn es dagegen (III, 3) heißt, daß in Theben ein Gesetz vorhanden war, wonach, wer sich nicht seit zehn Jahren von der Agora ferngehalten, kein Amt bekommen sollte, so ist hier mit der äußersten Verachtung vom Kauf- und Wechselmarkt die Rede.

294 Ebenda VI, 2.

295 Vgl. Frohberger zu Lysias X, 18. – Bei Plato, Symp. 173 c sagt ein Schüler des Sokrates zu einem Geldmann: wenn ich Reden über Philosophie höre oder selber führe, fühle ich mich gefördert und freue mich; höre ich aber andere Reden, besonders die eurigen, die der Reichen und Geldleute, dann traure ich selbst und bemitleide euch, weil ihr etwas zu leisten meint, ohne etwas zu leisten.

296 Über das ἀγοράζειν vgl. Band I, S. 70.

297 Bei Gelegenheit der Tagedieberei mag auch der verschiedenen Arten des Fischens: mit Netzen, mit der Stange, mit Reusen und mit der Angel gedacht sein, wovon Älian, Hist. anim. XII, 43 handelt. Letztere war die vornehmste: ἡ ἀγκιστρεία σοφωτάτη ἐστὶ καὶ τοῖς ἐλευϑέροις πρεπωδεστάτη. – Auch der Vogelfang gehört dahin. Aristophanes verrät in den Vögeln eine so endlose Kenntnis des Vogelwesens, daß er selbst muß Liebhaber gewesen sein.

298 Vgl. oben S. 106.

299 Man ermittelte freilich auch hier mythische Präzedentien, wie die Geschichte vom Raub des Chrysippos durch Laïos, deren Alter wir kennen möchten. Ganymedes bei Zeus braucht nur als Schenke zu gelten. Vgl. über die Mythen Athen. XIII, 77-79.

300 Vgl. die Hauptstelle Älian V.H. III, 9. – Spartaner und Kreter opferten dem Eros vor der Schlacht. Preller, Gr. Mythol. I, 239. – Nach Athen. XIII, 12 bestand die heilige Schar der Thebaner aus Liebenden und Geliebten, welche die Würde des Gottes dartaten, indem sie statt eines schmählichen Lebens einen erlauchten Tod willkommen hießen.

301 Vgl. besonders Plato, Symp. p. 182, Xenoph. de re p. Laced. II, 13 ff., die wichtige Stelle Xen. Anabas. VII, 4, 5 f. und die ausführliche Darlegung dieses Verhältnisses auf Kreta, die Strabo X, p. 483 f. nach Ephoros gibt (es lag hier ursprünglich offenbar noch ein besonderer Zusammenhang mit dem kriegerischdorischen Zwangsstaat zugrunde; anderswo wird die Absicht, die Übervölkerung zu vermeiden, zugegeben). Bis zum Gebote gesteigert erscheint die Sache in Lakedämon bei Älian V.H. III, 10, woselbst auch berichtet wird, daß man für Fehler des Knaben den Liebhaber belangte.

302 Athen. XIII, 78, wo auch Beispiele von Verschwörungen Liebender gegen Tyrannen erzählt werden. Polykrates, der deshalb die Palästren zerstört haben soll, behielt sich dann freilich seinen eigenen männlichen Harem vor.

303 Zur solonischen Gesetzgebung zum Schutz der Gymnasien und der Jugend überhaupt und gegen jede bürgerliche Geltung der ἡταιρηκότες, d.h. derer, die sich gewerblich hingegeben hatten, vgl. die Einlagen in Äschines contra Tim. 12. 16. 21 und Demosth. adv. Androt. 30 (μήτε γράφειν μήτε λέγειν ἐξεῖναι τῷ ἡταιρηκότι). Solon soll gefürchtet haben, die Betreffenden möchten sonst, wenn ihrer viele würden, die Verfassung stürzen. Überaus deutlich in bezug auf die Schande lautet adv. Tim. 137: τὸ μὲν ἀδιαφϑόρως ἐρᾶσϑαί φημι καλὸν εἶναι, τὸ δ᾽ ἐπαρϑέντα μισϑῷ πεπορνεῦσϑαι αἰσχρόν.

304 Über die einseitig rechtliche und politische Bedeutung der Ehe vgl. Hermann, Privataltert. § 29 f. – Gegenüber der homerischen Zeit ergibt sich jetzt die Neuerung, daß die Braut mit einer Mitgift muß ausgestattet werden, während früher der Bräutigam einen Kaufpreis brachte.

305 Vgl. oben S. 49.

306 Es wird hier angenommen, daß die Verse Theog. 590-612 und W. und T. 47-89 spätern Ursprungs seien; erstere Stelle ist von Weigel, letztere von Bernhardy als Einschiebsel bezeichnet worden.

307 Phok. fr. 3 bei Bergk.

308 Dies nach seiner Ausprägung bei Properz V, 4, bei dem Tarpeja den Sabinern die Burg durch Liebe, nicht wie in der gewöhnlichen Sage durch Gold bewogen, verrät.

309 Eine Variante dieser Geschichte, deren Hauptmotiv übrigens auch in der Sage von der ihren Vater Nisos an den Geliebten Minos verratenden Skylla vorkommt, ist die von der Eroberung der Stadt Pedasos. Hier wirft ein verliebtes Mädchen dem Achill einen Apfel zu, worauf geschrieben steht, er solle nur ausharren, sie hätten kein Wasser mehr. Kinkel fr. ep. Gr. S. 120. – Nach Parthen. 22 muß sogar die Kapitulation von Sardes an Kyros durch Verrat der Königstochter Nanis erfolgt sein, welche sich von Kyros rechtmäßige Ehe ausbedang, welches Versprechen er dann nicht hielt. – Auch bei Herodot VI, 134 f. ist es ein Weib, nämlich Timo, die Unterpriesterin der chthonischen Göttinnen, die Paros an Miltiades verraten will. – Das Gegenteil kommt Parthen. 9 vor, wo Polykrite einen Hauptmann der Feinde zum Verrat bewegt und dadurch die Retterin von Naxos wird.

310 Vgl. oben S. 106, Anm. 174.

311 Athen. XIII, 90. Man möchte wissen, wer der Paris dieser Göttinnen war.

312 Ebenda nach Theophrast, der nur Ort und Zeit nicht nennt. – Die Beteiligung unteritalischer Frauen an der pythagoreischen Philosophie möchten wir lieber aus der Seelenlehre des Pythagoras als mit O. Müller (Lit.-Gesch. I, 314) aus der Zugehörigkeit der Betreffenden zum dorischen Stamme herleiten.

313 Simonides bei Bergk, fr. 130.

314 Die athenische Dichterin Hedyle, welche eine Elegie Skylla dichtete, gehört erst in die Zeit um 300; in der alten Zeit wäre eine attische Dichterin ganz unmöglich gewesen.

315 Sollten diese Bratspieße für große Festopfer dienen oder handelt es sich um einen Witz, dessen Symbolik wir, bei dem Widerwillen gegen das Symbolische, womit wir getränkt sind, nicht mehr ergründen können? Man könnte damit die Leitern zusammenhalten, welche Pittakos nach Älian V.H. II, 29 in verschiedene Tempel Mitylenes stiftete, um das Auf und Ab des Glückes zu symbolisieren.

316 Die λέσχαι sind die Orte, wo man zum Schwatzen zusammenkommt; es mag in ihnen manch unnützes Wort gefallen sein, aber doch treten die Griechen uns hier als das Volk der Konversation entgegen. Welche Mühe hätte man in der übrigen Welt gehabt, ein Adjektiv wie das von Herodot vermutlich für diesen Fall gebildete περιλεσχήνευτος zu schaffen!

317 Der ἔρανος, Od. I, 226 und der hesiodische Schmaus ἐκ κοινοῦ W. und T. 722 f. sind nichts anderes.

318 Ersteres ἀπὸ συμβολῶν, letzteres ἀπὸ σπυρίδος δειπνεῖν. Vgl. über dies und anderes Athen. VIII, 64, dessen Pedanten uns alle Antiquitäten der griechischen Geselligkeit aller Zeiten vorexerzieren.

319 Plut. VII sap. conv. 2. – Über die Sybariten wurde gefabelt, die Damen wären bei ihnen, um Gewänder und Goldschmuck gehörig rüsten zu können, schon ein Jahr zuvor eingeladen worden.

320 Sie heißen: ἄκλητοι, ἐπίκλητοι, erst in römischer Zeit σκιαί. – Natürlich war dies nicht überall und unbedingt gestattet; Chilon im VII sap. conv. 2 sagte nicht eher zu, als bis er jeden einzelnen Teilnehmer erfuhr, »denn«, sagte er, »einen Fahrgenossen auf dem Meere und einen Zeltgenossen im Kriege, die man nicht kennt, muß man sich gefallen lassen, aber unter Zechgenossen, wie es kömmt, mischt sich ein Besonnener nicht«.

321 Die Spende ungemischten Weines pflegt dem guten Dämon dargebracht zu werden, eine spätere vom gemischten Wein dem Erhalter Zeus. Vgl. Diod. IV, 3.

322 Vgl. oben S. 40.

323 Älian V.H. XII, 31 zählt neun berühmte Sorten auf und meldet auch, daß der Wein etwa mit wohlriechender Substanz gemischt wurde. – Wie die Griechen etwa auch von ihren Weinen fabelten, erfährt man ebenda XIII, 6. Im arkadischen Heräa wuchs einer, der die Männer wahnsinnig und die Weiber fruchtbar machte, auf Thasos einer, der sanften und tiefen Schlaf brachte und ein anderer, der den Schlaf raubte usw.

324 Daß es beim Symposion doch leicht Streit absetzte, lehrt Alkidam. Odysseus 4, wo Odysseus sagt, er habe niemals mit Palamedes Streit gehabt, auch nicht auf der Palästra oder beim Symposion, wo die meisten Händel zu entstehen pflegen. – Auch wird das Sprichwort μισῶ μνήμονα συμπότην wohl ziemlich alt sein.

325 Spätere, wie Athenäos XV, 17, meinten dann freilich, die Bekränzung sei erfunden worden, weil man entdeckt habe, daß das Umbinden des Kopfes für das Kopfweh wohltätig sei. Bei Diodor IV, 4 trägt sogar Dionysos selbst die Mitra, weil die Vieltrinker Kopfweh bekommen.

326 Athen. VIII, 65, welcher auch glaubt, man habe damals nicht εἰς μέϑην getrunken.

327 Nur Frauen saßen, und diese waren nur bei Familienfesten anwesend, und ebenso die Knaben, die sich aber beim Beginn des eigentlichen Symposions entfernten; Dirnen lagen wohl. Vgl. Welcker, Alte Denkm. II, S. 241. 257.

328 Bei Athen. II, 13.

329 Vgl. Band III, S. 153 f.

330 Plut. VII sap. conv. 2 hat den Satz, der Verständige komme nicht nur ans Mahl, um sich wie ein Gefäß zu füllen, sondern um Ernst und Scherz zu treiben und zu hören und zu reden, was der Augenblick der Gesellschaft eingebe, wenn sie vergnügt sein solle. Nachher gerät die Konversation bei ihm freilich bald pedantisch auf bestimmte Themata, indem die Weisen sich mit Definitionen, Rätsellösungen usw. schrauben. – Fabelhaftes von sybaritischen Symposien siehe bei Älian, hist. anim. XVI, 23.

331 Bei Athen. II, 44.

332 Man politisierte etwa auch ins Blaue hinein. Beim Mahle eines Schülers des Philosophen Xanthos warf z.B. einer die Frage auf, wann auf der Welt eine ganz große Konfusion entstehen könnte, worauf der dahinterstehende Äsop sagte: Wenn die Toten auferstehen und ihren ehemaligen Besitz wiederverlangen. Maxim. Planud. βίος Αἰσώπου, S. 49.

333 Vom ϑυτήριον (d.h. dem Opferbecken für engere Schwüre) heißt es bei Pseudo-Eratosth. Katast. 39: ὃ καὶ εἰς τὰ συμπόσια οἱ ἄνϑρωποι φέρουσι καὶ ϑύουσιν οἱ κοινωνεῖν ἀλλήλοις προαιρούμενο καὶ ὀμνύειν, καὶ τῇ χειρὶ ἐφάπτονται τῇ δεξιᾷ μαρτύριον εὐγνωμοσύνης τοῦτο ἡγούμενοι.

334 Theogn. 467 ff. – Wer nicht wach bleiben konnte, wurde bei schwelgerischen Gastmählern freilich etwa auch mit der ἑωλοκρασία, d.h. einer Mischung der Weinreste begossen. Plut. VII sap. conv. 2.

335 Vgl. Band II, S. 330. Amasis wird bei Herodot II, 174 als »scherzliebend, Freund des Spottes bei Gelagen« charakterisiert.

336 Vgl. das Zitat bei Plut. non posse suav. viv. 26 aus einem unbekannten, jedenfalls alten Dichter.

337 Vgl. oben S. 89 f. Woher hat sie Herodot übrigens? Man sollte denken, aus Athen, wenn nicht die Unvorsichtigkeit des Atheners so objektiv darin gegeben wäre.

338 Auch Lukian, Scytha 5, läßt seinen Toxaris zu Anacharsis sagen: Diese Stadt läßt dich nicht mehr leicht los, hat sie doch den Fremden gegenüber nicht wenige Mittel der Bezauberung.

339 Plut. Solon 12 ff., wo der Frevel gegen die Kylonier und die Sühnung durch Epimenides, dann das Auftreten der bekannten drei Parteien und die ökonomischen Übel der Bevölkerung, ferner Solons Archontat und Gesetzgebung samt der Kreuzung der Hergänge durch die Tyrannis des Peisistratos erzählt werden.

340 Man beachte seine Weltbetrachtung in den ὑποϑῆκαι εἰς ἑαυτόν in ihrer Verschiedenheit z.B. von der des Hesiod.

341 Vgl. Band I, S. 202 ff. Immerhin dürfen wir fragen, wie groß sein Verdienst im Vergleich zu den zahllosen vorhergegangenen Kolonialgesetzgebungen war; das ganze Griechenvolk kannte doch schon sehr viele Neuerungen aus Zweckmäßigkeit. Sehr lächerlich athenisch erscheint dann in Plutarchs Darstellung (14) allerdings, wie man schon in Solon, gleich wie später in Themistokles u.a., den athenischen Schwerenöter nachweisen will, der zunächst beide Hauptinteressen zum besten hat.

342 Plut. Solon 12.

343 Älian V.H. IV, 22 führt ihre Schmuckstücke einzeln auf, fügt aber bei: trotz solchem Putz siegten sie bei Marathon. – Was das Wohlleben betrifft, so spricht Diodor (IX, fragm. 3) davon, daß Solon dies zur ἀρετή umgestaltet habe.

344 Vgl. oben S. 112.

345 A. Gellius VI, 17. Libros Athenis disciplinarum liberalium publice ad legendum praebendos primus posuisse dicitur Pisistratus tyrannus.

346 Vgl. Brunn I, S. 96 ff.

347 Band III. S. 283 ff.

348 Ebenda S. 282 f.

349 Diog. Laert. I, 1, 1 heißt es von Thales: καὶ πρῶτος σοφὸς ὠνομάσϑη ἄρχοντος Ἀϑήνῃσι Δαμασίου, καϑ᾽ ὃν καὶ οἱ ἑπτὰ σοφοὶ ἐκλήϑησαν.

350 So sagte Hipponax von dem Malier Myson, den Plato später im Protagoras an die Stelle des Periander gesetzt hat: ὃν Ἀπόλλων ἀνεῖπεν ἀνδρῶν σωφρονέστατον πᾂντων. Diog. Laert. I, 9, 2. Wie ginge es, wenn heute in Europa oder in Deutschland Sieben emporkommen müßten?

351 Diog. Laert. I, 4, 6. I, 5, 4. 6 von Pittakos und Bias. Bei Kleobul wird I, 6, 5 wenigstens die Grabschrift erwähnt, in welcher »die trauernde Vaterstadt Lindos« spricht.

352 Vgl. Band II, S. 169 ff.

353 Älian V.H. X, 13.

354 Anthol. Skopt. 12.

355 Aus dieser Periode und etwa ein Ansatz zu einem Schelmenroman sind vielleicht auch die oben (S. 45) angeführten Kerkopen, welche gleichfalls für homerisch galten. In den von Suidas s.v. Κέρκωπες angeführten Versen erscheinen sie wesentlich als ortswechselnde Landstreicher. Wenn sie auf einer selinuntischen Metope paradieren, so waren sie wohl damals eine Neuigkeit.

356 Nach der Hauptstelle bei Plato Protag. 342 d.f. erscheint ein geringer Lakedämonier auch im Gespräch zunächst gering; beim ersten Anlaß aber wirft er wie ein starker Speerschütze ein bedeutsames kurzes und gedrungenes Wort in das Gespräch, so daß der Mitredner wie ein Knabe daneben steht.

357 Das Urbild des bekannten Witzes über die Kreter bringt der von Bergk noch vor Phokylides gesetzte Demodokos (bei Bergk S. 24 f.) vor und zwar über die Chier; von dem Nämlichen ist auch ein Hieb auf die Milesier erhalten.

358 Seine nur 41 Fabeln sollen sich sämtlich auch bei Äsop finden. – Er wird wenigstens schon im Koran erwähnt.

359 Vgl. Band I, S. 154, Anm. 278.

360 Bei Waltz I, S. 10. 59. 172 f.

361 Theon kennt auch noch neben Äsop als Fabelerzähler (μυϑοποιοί) den Kilikier Konnis, den Libyer Kybissos und den Sybariten Thuros. – Babrios im Proömium zu Buch M nennt mit großem Nachdruck die »Syrer« von Ninive und Babylon als »Erfinder«.

362 Ein hübscher Mythos von der Entstehung der Tierfabel findet sich Philostr. vit. Apollon. V, 15.

363 In der Plut. Them. 18 erzählten Fabel des Themistokles streiten der Festtag und der lendemain miteinander.

364 Daß es zur Zeit des Aristophanes ein Zeichen großer Unwissenheit war, den Äsop nicht zu kennen, der bereits als eine Sammlung zitiert werden konnte, lehrt Arist. Vögel 471, 651.

365 Philostr. imag. I, 3 heißt es von den Tiergeschichten: ὑφ᾽ ὧν τὰ παιδία μαϑηταὶ γίγνονται τῶν τοῦ βίου πραγμάτων.

366 Bei Plut. VII sap. conviv. 14.

367 Man denke daran, wie unsere mittelalterliche Kunst die körperliche Belebung nicht erreicht, während wir bei ihr die seelenvollsten Köpfe finden; die Kunst der Renaissance hat dann mit Hilfe des Altertums und unter dem Einflusse eines südlichen Himmels das Lebendige erringen müssen, bevor die ganze Schöne und Süße kam.

368 Vgl. Band II, S. 295 ff.

369 Ein Hauptbeispiel gibt Herod. IV, 161, wo für die verworrenen Verhältnisse von Kyrene der Gott angefragt wird, zu deren Ordnung aber den menschlichen καταρτιστήρ Demonax von Mantinea bestimmt, der dann den Staat neu organisiert.

370 Ein solches dürfte die Verdrängung des Adrastoskultus in Sikyon durch den des Dionysos unter Kleisthenes etwa 600 v. Chr. sein. Indirekt dürfte man vielleicht auch die spartanische Polizei in Sachen der Musik seit dem VIII. Jahrhundert dahin ziehen.

371 Vgl. Band II, S. 180. Wir wüßten gerne, wann dies geschah. Der Demeterhymnus sagt noch nichts von Iakchos und bei den auswärtigen Nachahmungen wird er nicht erwähnt.

372 Vgl. Band III, S. 286 ff.

373 Seine zweimalige Abwendung von Samos wegen dortiger Tyrannei, Strabo XIV, p. 638, ist wohl Fiktion und nur wegen des darin liegenden Synchronismus mit Polykrates von Wert. Laut Aristoxenos bei Porphyr. 22 fanden sich bei ihm in Kroton auch Lukanier, Messapier, Peuketier und Römer ein, und nicht umsonst werden in der Folge die Römer seine Statue auf dem Forum aufgestellt haben. Wenn diese Halbbarbaren auch sonst nicht viel bei ihm geholt haben werden, konnte er doch religiös auf sie einwirken.

374 Selbst da, wo die Tradition über ihn, mit Fiktion aller Art und mit spätrömischer Tendenz gemischt, am trübsten daherwogt, bei Jamblichos, hat der Leser das Gefühl, die Aussagen über das Leben und den Zusammenhalt der Sekte möchten noch zu den echtesten gehören. Am allerzweifelhaftesten ist das Politische, und doch ist es nicht ohne einen sichern historischen Kern zu denken. So wie Porphyrius und Jamblichos es geben, ist es freilich völlig undenkbar. Die ganze sonstige politische Überlieferung aus dem damaligen Unteritalien ist ohnehin sehr dürftig und läßt sich eben kaum mit dem Dasein eines politisch mächtigen Bundes verknüpfen. Aber immerhin läßt sich aus dem Bund auf den Meister ein Schluß ziehen, wie wir, wenn uns alle gleichzeitige Aufzeichnung über S. Franz von Assisi abgeschnitten und durch die bloß mündlichen Legenden, wie sie etwa im XV. Jahrhundert kursierten, ersetzt wäre, als Hauptbeweis für Dasein und Bedeutung des Gründers immer noch das große Institut seines Ordens hätten.

375 Diodor X, fragm. 5.

376 Jambl. 5 f. braucht den Ausdruck κοινόβιοι, κοινὰς τὰς οὐσίας ἔϑεντο.

377 Man denke, um sich den Eindruck zu vergegenwärtigen, den seine Persönlichkeit machte, z.B. an das Porphyr. 31 mitgeteilte Fragment des Empedokles, wo es heißt: »Wenn er seinen ganzen Geist anstrengte, schaute er leicht jegliches von allem, was da ist in zehn und in zwanzig Menschenaltern.« Dabei die ihm hörbare Harmonie der Weltkörper.

378 Porphyr. 31.

379 Diodor X, fr. 6 – Nach Porphyr. 60 erzählte der Tyrann selbst diese Geschichte im Exil zu Korinth dem Aristoxenos.

380 Daß man sich hier schon mehr zauste, scheint aus den Plut. Quaest. Graec. 20 berichteten Kämpfen hervorzugehen, die zur Zeit des Bias, also vielleicht unter lydischer Oberherrschaft, geschlagen wurden. Die Prienäer töten damals in einer großen Schlacht tausend Samier, verlieren aber später in der Schlacht »bei der Eiche« (gegen die Milesier) ihre tapfersten und vornehmsten Bürger.


Anmerkungen: A1 Oeri: von einem Söldnerzwange ihnen gegenüber konnte. A2 Oeri: solche. A3 Oeri: siebenhundert. A4 Oeri: dasselbe. A5 Oeri: vormachen. A6 Oeri: empfiehlt. A7 Oeri: ausführlichste. A8 Oeri: viel als hier. A9 Oeri: die berühmte. A10 Oeri: des heiligen Reigens der Unsterblichen, welcher. A11 Oeri: Leidenschaft. A12 Oeri: Wie ... gewesen war, so war. A13 Oeri: Kallias. A14 Oeri: Verrenken. A15 Oeri: Wettkampf. A16 Oeri: Tänien und Blumenspenden geehrt habe wie. A17 Oeri: gesetzten. A18 Oeri: späte. A19 Oeri: allgemeiner. A20 Oeri: und. A21 Oeri: Kämpfpreisen. A22 Oeri: siegende. A23 Oeri: ein. A24 Oeri: brauchen wir. A25 Oeri: in der. A26 Oeri: Geschichte. A27 Oeri: Gespräche vom. A28 fehlt bei Oeri. A29 Oeri: Leistung. A30 Oeri: Exhibition. A31 Oeri: Diese Anschauung des. A32 Oeri: nicht nur in der Erziehung. A33 Oeri: diese. A34 Oeri: beobachtete. A35 Oeri: weniger. A36 Oeri: Landbauer. A37 Oeri: den. A38 Oeri: Im übrigen wurde. A39 Oeri: und es bleibt dabei. A40 fehlt bei Oeri: A41 Oeri: der Griechen. A42 Oeri: Erweiterungen. A43 Oeri: erst zu dieser Zeit. A44 Oeri: in der Poesie aber. A45 Oeri: des Tores. A46 Oeri: wo um die Wette Gesänge und andere Produktionen zum besten gegeben werden. A47 Oeri: besonders die Sieben Weisen und die wunderlichen Heiligen. A48 Oeri: letztern. A49 Oeri: mochten. A50 Oeri: die absichtslose, naive Kindergeschichte, welche. A51 Oeri: Kittelchen. A52 Oeri: Weisen. A53 Oeri: in ein System gebracht. A54 Oeri: ist. A55 fehlt bei Oeri. A56 Oeri: Pythagoreer. A57 fehlt bei Oeri. A58 Oeri: Kämpfe.

Quelle:
Jakob Burckhardt: Gesammelte Werke. Darmstadt 1957, Band 8.
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