IV. Der Mensch des V. Jahrhunderts

Dasjenige Jahrhundert, das den Hellenen nach dem glänzendsten Morgen den trübsten Abend bringen sollte, ist die Zeit der größten Ausdehnung des Hellenentums vor Alexander. Noch sind die Kolonien fast alle am Leben; erst stark in der zweiten Hälfte (seit den 430er Jahren) erleiden die unteritalischen durch das Vordringen der Lukaner und Bruttier größere Einbußen. Anderseits wird Ionien den Persern wieder abgenommen, von denen wir freilich nicht wissen, wie weit sie das hellenische Leben eingeschränkt hatten: schon ihre weite Verbreitung konnte die Nation mit Stolz erfüllen.

Weit die Hauptsache aber war, daß durch Marathon, Salamis, Himera, Platää und Mykale das Gefühl der Gesamtnation im siegreichen Kampf mit einer Weltmonarchie und mit der großen Handelsrepublik des Stammes Cham gewaltig erhöht worden war.

Jene Weltmonarchien, welchen auch die tüchtigsten Einzelbildungen zur Beute werden können, pflegen zu entstehen, indem irgendein früh und kräftig entwickeltes Volk sich in irgendeiner furchtbaren Krisis unter einer gewaltigen Dynastie (auch mit Hilfe einer Religion) als Kriegsstaat organisiert und rings um sich her Höher- sowohl als Wenigerzivilisiertes zu Boden wirft. Königs- und Volkspathos verlangen seither das Zusammenrauben der Schätze der Welt in einen Palast1, das Herschleppen von Hunderttausenden von Sklaven für Bauten, Exemption des herrschenden Volkes von Steuern. Weil man durch Eroberung entstanden ist, ist Stillesitzen unmöglich; auch kräftige Naturvölker will man unterwerfen, nicht sowohl um sie auszurauben, als um sie (wie Kyros die Massageten, Dareios die Skythen) zur Heeresfolge zu zwingen; sie sollen Raubgenossen werden, damit man mit ihrer Hilfe noch weiter erobern kann, und ebenso muß man u.a. Seevölker unterwerfen, um deren Flotten zu gewinnen. Die innere Organisation ist dabei gering und primitiv;[160] im Kern ihres Wesens bleibt die Weltmonarchie barbarisch, d.h. auf dem Kulturzustand, wo sie im Moment ihres Entstehens stand; sie hat mit beständigem Abfall zu kämpfen und muß die Außenlande (wie Ägypten) immer neu besiegen; aber sie bleibt schlimm und gefährlich bis in ihren Verfall; der Sultanismus und seine furchtbaren Regiemngsmittel mit völliger Gleichgültigkeit gegen Gut und Böse nehmen in ihr kein Ende.

Die speziellen Gefahren, worunter die Griechen dem Kampfe mit dieser Macht entgegengingen, sind mehrfacher Art. Erstens sind Teile der Nation schon unterworfen und müssen Kontingente gegen ihre Stammesgenossen stellen. Ferner leben griechische Flüchtlinge von hoher Stellung am persischen Hofe; ja der vertriebene Spartanerkönig Demaratos macht sich um Xerxes früh dadurch verdient, daß er Dareios zu dessen Thronfolge bestimmen hilft. Sodann wird in Hellas gegen einzelne Bestechung aller Art geübt, gegen griechische Apostaten ist man zuvorkommend, und sie erhalten hohe Prämien. Endlich wenden sich desperate Staaten und Parteien in Griechenland an Persien, so selbst der von Sparta dauernd bedrohte Kleisthenes und seine Partei, und Ägina gibt 490 den Dareiosherolden sogleich Erde und Wasser, weil es mit den Persern Athen zu bekriegen wünscht2. Und während man so von allen Seiten nach Persien hinwinkt, zeigt sich die persische Regierung in Ionien von ihrer gewinnendsten Seite: Mardonios, der nach dem unglücklichen ionischen Aufstand den Befehl über die Land- und Seemacht bekommen hat, versucht es mit der Milde; die Steuern sind nicht höher als früher; statt der abgenutzten Tyrannen gönnt der die Griechen genau kennende persische Statthalter den Städten Demokratien, was jedenfalls einer der feinsten Streiche der Perser gewesen ist; dazu kommen die sonstigen Vorteile der persischen Untertanen; es herrscht Rechtssicherheit, und die Städtefehden sind stillgestellt, so daß Ionien materiell wieder zu Kräften kommen kann.

Und nun kommen also die Perserkriege. Wenn wir über sie nur eine einzige außerathenische, nicht von enormem Gerühm angesteckte Darstellung hätten! So aber müssen wir uns bescheiden, es mit einer zurechtgemachten und mit Legenden auf alle Weise ausgeschmückten Geschichte zu tun zu haben und die Ereignisse nur unter diesem Vorbehalte betrachten zu können3. Zunächst erfolgt 490 die bekannte Sendung des Datis und Artaphernes und deren Niederlage bei Marathon, wodurch aber die[161] ganze Partie nur aufgeschoben ist; dann setzt sich zehn Jahre später der große MenschenmorastA1 von angeblich 170 Myriaden gegen Griechenland in Bewegung4. Es war eine unsinnige, widerspruchsvolle Masse; man hatte allen Völkern ihre National- und Spezialbewaffnungen lassen müssen, auch ihre einheimischen Anführer, welche freilich nicht als Strategen, sondern nur als Sklaven galten, indem nominell lauter Achämeniden und Königsschwiegersöhne kommandierten. Die persische Monarchie war nicht mächtig oder nicht einsichtig genug gewesen, um etwa nur 17 Myriaden, diese aber völlig homogen und für den Kampf gegen Griechen vorgeübt, in den Krieg zu führen. Erst nach Salamis durfte Mardonios aus dem Heere die auslesen, die er wollte, und mit angeblich dreißig Myriaden einen rationellen Feldzug führen. Und doch hing bei Platää alles von den Persern ab; die übrigen Völker flohen ohne Schwertstreich, sobald sie jene fliehen sahen.

Wir dürfen fragen, was geschehen wäre, wenn Xerxes gesiegt hätte, er, welcher imstande war, den Belustempel zu verwüsten und dessen Priester zu töten. Trotz allen Wünschen des Mardonios, Satrap von Hellas zu werden, hätte er doch wohl das Land entvölkert, d.h. die Hellenen ins Innere seines Reiches versetzt5, wie dies nach dem Datiszuge mit den Eretriern geschehen war; denn dies wäre für ihn jetzt die einzige Auskunft gewesen, wenn er nicht beständig gegen diese zähen Poleis von vorn anfangen wollte. Im Königtum selbst aber würde der Ormuzd-Dünkel einen schwindelnden Grad erreicht haben. Derselbe ist bereits in der Inschrift von Bisitun lang und breit entwickelt; Ormuzd war von dem Perserkönig vollständig daraufhin einkassiert worden, daß nunmehr alle Völker vor dem gottbeschützten Herrscher brav sein sollten. Überhaupt hat sich keine Religion des Altertums je so dazu geeignet, den Hochmut des ewigen Rechthabens und Allesdürfens aufs höchste zu steigern wie die Zendreligion6; es fehlte vielleicht nur noch der Sieg über Hellas, um dies Meinen zum völligen Wahnsinn ausschlagen zu lassen. Die polytheistischen Griechen aber, bis jetzt gut und böse, wie es kam, und nochA2 nicht zum Heucheln erzogen, hätten sich dann, nach Mesopotamien versetzt, vielleicht auch müssen den Vendidad gefallen lassen.

Nachdem diese Gefahr auf das glücklichste abgewandt war, folgte, was folgen mußte: die Befreiung der erst lydisch, dann persisch gewordenen[162] Poleis Kleinasiens. Freilich wurde hier das politische Leben jedenfalls kein bedeutendes und, wie uns das Verhältnis Heraklits zu seinen Ephesiern ahnen läßt, meist wohl kein glückliches, bei dem sehr fertigen Räsonnement müssen es in der Mehrzahl ohnmächtige Demokratien gewesen sein. Aber die Befreiung war doch die gemeinsame Tat der Hellenen, und ihr entsprach das mächtige panhellenische Pathos der damaligen Zeit7. Die neue Stellung Griechenlands und Siziliens zur übrigen Welt rief mit Notwendigkeit einem neuen Maßstab der Dinge. Wie bald aber nach ungeheuern Siegen in einer Nation die Schäden aufbrechen, lehrt die damalige wie die neuere Zeit. Es ist nicht zu vergessen, wie nach den Perserkriegen Argos, um »gegen Sparta wehrfähig zu sein«, mit Mykenä und Tirynth umging und bald darauf Athen mit Ägina, und wie erst die Tyrannen, dann das Volk selbst im Streben nach der Hegemonie mit den sizilischen Stadtbevölkerungen schalteten, zu geschweigen des Untergangs alter Poleis (wie Platää u.a.) im Peloponnesischen Krieg. Und eben dieser Krieg führt uns am stärksten vor Augen, wie sich an die Siege das böse Schicksal der Nation anschloß. Denn er hängt sich an das, was im großen genommen die Beute und das Schlußresultat derselben ist, die athenische Hegemonie; in seinem Verlaufe aber gibt Sparta durch den Subsidienvertrag des Jahres 412 eben dem einst so ruhmvoll besiegten Persien alle Länder und Städte, welche die Vorfahren des Königs je besessen, wieder preis.

Ehe wir nun von dem allgemeinen Leben des damaligen Hellas sprechen, müssen wir einen Abschnitt über die Stadt einflechten, deren Primat die große Hauptveränderung gegenüber dem VI. Jahrhundert bezeichnet, über das Griechenland Griechenlands, wie ihr großer Geschichtsschreiber sie genannt hat8: Athen. Schon das Land und seine Produkte werden uns laut gepriesen. »Wir haben die Luft aufs herrlichste gemischt, und weder Hitze noch Kälte treten hier im Übermaß ein. Was Hellas und Asien Schönstes erzeugt, darauf machen wir mit dem Reizmittel unseres Landes Jagd«, sagt Euripides in einem Fragment seines Erechtheus9, und auch in der Medea heißt es an einer prächtigen Stelle, daß die Erechtheussöhne beständig mit anmutigem Behagen durch den strahlenden Äther ihres Himmels daherschreiten, und die Göttin Kypris Wellen aus dem schönströmenden KephisosA3 geschöpft und sie in Gestalt milder, sanftlächelnder Lüfte über das Land hingehaucht habe10. Bei[163] seinem nicht fetten, aber edeln Boden brachte das Land außer den Oliven Honig, Weizen und Feigen besser als die ganze übrige Welt hervor11; die Marmorbrüche des Hymettos und Pentelikon lieferten einen prächtigen Stein und die Silberbergwerke von Laurion, die zu Strabos Zeit als erschöpft galten – man bearbeitete damals nur noch die alten Schlacken – müssen im V. Jahrhundert noch sehr ergiebig gewesen sein.

Indes wird das Lob des Landes stark reduziert durch jene früher von uns erwähnte Stelle des platonischen Kritias12, aus welcher hervorgeht, daß Attika ein entwaldetes, verkalktes Land war, wie heutzutage die Provence und ein großer Teil Italiens, wo zwar die herrlichsten Früchte gedeihen können, aber kein rechter Baum fortkommt. Den Umstand, daß es in mythischer Zeit nicht so starke Bevölkerungswechsel über sich mußte ergehen lassen wie andere Landschaften, führt schon Thukydides (I, 2) auf die dünne, die Begehrlichkeit nicht reizende Ackerkrume zurück; Länder wie Böotien und Thessalien waren viel fruchtbarer, und daß es von Sparta, namentlich solange dieses Messenien besaß, an natürlichem Reichtum weit übertroffen wurde, wird stark betont13; wenn der Chor im koloneischen Ödipus die Herrlichkeit seiner Gegend in wunderbaren Tönen preist14, wird es sich im Grunde nur um einen übriggebliebenen, schönen und gesegneten Winkel von Attika handeln.

[164] Daß infolge des Peloponnesischen Krieges anstelle vieler einst dichter Ölpflanzungen Öde war, wissen wir aus einer bekannten Rede des Lysias15; aber auch unabhängig von allem Krieg gibt die attische Landwirtschaft, wie sie sich daselbst darstellt, einiges zu denken; denn das Grundstück, von dem die Rede ist, erleidet gar zu häufige Pacht- und Eigentumswechsel16. Für den Staat aber lag eine ganz besondere Gefahr darin, daß ein Land, das so oft mit andern Händel hatte und eine so künstliche politische Stellung einnahm, für seine halbe Million Köpfe, trotz dem rarischen Gefilde und der Triptolemossage, bei weitem nicht genug Korn baute, und daß man hier Brot aß, welches von Ägypten bis nach Südrußland gewachsen war. Hier hatte Athens Selbstgenügsamkeit (αὐτάρκεια) eine bedenkliche Lücke; man brauchte (nach Böckhs Berechnung) 800000 bis 1000000 Medimnen fremdes Korn, und bei jedem Seekrieg konnte Hunger eintreten, wenn es der Flotte nicht gelang, die Kornzufuhr zu sichern, was eine ihrer wichtigsten Aufgaben war. Auch war man wegen der Pontuszufuhr, und hätte es sich nur um russisches Getreide und eingepökelte Fische gehandelt, schon frühe genötigt, auf dem thrakischen Chersonnes und womöglich auch am Bosporus militärisch etwas zu gelten17. Als nach Ägospotamoi die Verbindung mit jenen Gegenden abgeschnitten war, litt dann wirklich Athen Mangel an allem und besonders an Nahrung18.

Für den Kornhandel aber schuf man sich Nachhilfe durch die gewalttätigste Gesetzgebung. Es war Gesetz, daß kein Athener oder Metöke auf ein Fahrzeug Geld ausleihen dürfe, welches nicht Getreide oder andere Waren als Rückfracht nach Athen19 brächte; von einem Bürger, der zu Schiffe nach Athen heimkehrte, erwartete man, daß er Getreide mitbringe, und auch Metöken und Fremde hielten es so, um sich angenehm zu machen20. Ferner aber durfte kein Bürger oder Metöke, wenn er nicht als einer, der Korn ins Ausland geführt hätte (ἑτέρωσε σεσιτηγηκώς), denunziert werden wollte, Getreide nach andern Plätzen führen21,[165] welches hochweise Gesetz u.a. die Folge gehabt haben wird, daß die attischen Reeder das Getreide überhaupt zu führen vermieden. Auch der Aufkauf durch die Händler (Sitopolen) war in ruinöser Weise beschränkt und scharf bedroht; auf den Medimnos sollten sie nur einen Obol aufschlagen dürfen. Aber die Großhändler (ἒμποροι) hatte man offenbar nicht in der Gewalt, und diese hielten mit den Verkäufern oft zusammen und trieben durch künstliche Alarmgerüchte die Preise in die Höhe22. Die zur Aufsicht bestellten, jährlich durch das Los ernannten Sitophylaken ließen sich (wie attische Beamte eben nur zu oft waren) gerne in Einverständnisse mit ihnen ein; anderseits war es für Sykophanten auch eine leichte Sache, gegen Unschuldige die Klage auf Kornwucher zu erheben23; die Strafe für Kontraventionen aber war von unvernünftiger Härte; man begnügte sich nicht mit Geringerm als dem Tode.

Nun hören wir allerdings24, daß Sitophylaken, obwohl Vollbürger, oft hingerichtet wurden, bloß weil sie die Bosheit der Sitopolen nicht zu bemeistern wußten, und ebenso Sitopolen, auch wenn sie Entlastungszeugen vorbrachten. Dies alles half nichts: die Polis, welche immer Recht haben wollte, hatte sich hier förmlich in eine Sackgasse verrannt; denn die Dinge gestalteten sich nun so, daß weder die Großhändler noch die Sitopolen Athener waren. Jene waren offenbar fast immer Fremde, denen man nichts antun konnte und denen gegenüber ganz gegen die sonstige athenische Art die größte Rücksicht herrschen mußte25, diese in der Regel Metöken, die das verhaßte und von den Bürgern gemiedene Geschäft auf sich nahmen; sie konnten dabei freilich täglich auf Leben und Tod angeklagt werden, der Gewinn war aber so groß, daß viele doch den Hals wagten. Mochte nun die Polis ihren Unwillen über diese ihr wahrhaft feindliche Clique noch so laut ausrufen, und mochte sie noch so viele Todesstrafen verhängen, es half dies alles nichts gegen eine sehr lästige Abhängigkeit von Nicht-Athenern, und zwar deshalb, weil man durch unvernünftige und gegen die Natur gerichtete Gesetze einen rechten Kornhandel selbst unmöglich machte.


Wenn wir nun dem Leben Athens gerecht zu werden suchen, müssen wir uns zunächst mit dem enormen Ruhmgerede abfinden, das über seine[166] ganze Geschichte verbreitet ist. Sehen wir einmal zu, was sich die Athener alles eingebildet haben.

Vor allem möchte man wissen, woher das Vorurteil einer ganz aparten attischen Frömmigkeit bezogen wurde. »Die Frömmigkeit habe ich auf der Welt nirgends wie bei euch gefunden und die milde Denkart und das Meiden der Lüge«, läßt Sophokles den Ödipus zu Theseus sagen26; wie dies in der letzten Zeit des Peloponnesischen Krieges, da alles dicht voll von Sykophanten und käuflichen Zeugen lief, ohne Erröten angehört werden konnte, ist uns unverständlich. Man glaubte ja aber in Athen sogar, das priesterliche Volk zu sein, dem Apoll einst bei einer großen, über die ganze Erde verbreiteten Hungersnot aufgetragen habe, für alle Hellenen und Barbaren Gelübde zu tun27. Und nun bestand ferner die allgemeine Voraussetzung eines besondern athenischen Edelmuts und Biedersinnes (φίλανϑρωπία καὶ χρηστότης)28 und einer besondern Gastlichkeit, zumal gegen Flüchtlinge, und endlich gab es, während die Griechen im ganzen sonst auf Erfindungen keine großen Ansprüche erhoben29, eine Tradition über attische Kulturverdienste, welche für alle übrigen Griechen und Menschen förmlich beleidigend klingt. Die Athener haben danach die Menschen zuerst die Saat des Getreides und den Gebrauch von Quellwasser gelehrt30, und nicht nur sind ÖlbaumA4 und Feige bei ihnen zuerst gewachsen, sondern auch Recht und Gericht und Agon und körperliche Übungen und das Anschirren der Pferde an den Wagen sind ihre Erfindung31. In den spätern Zeiten hatten es aber die Athener wirklich bequem: die ganze hellenistische Welt renommierte für sie in einer Weise, womit nur die enorme Blague zugunsten des heutigen Paris verglichen werden kann. Man rühmte an ihnen, daß sie zuerst einen Altar des Mitleids errichtet, sie zuerst die Hellenen einer gesitteten Lebensweise teilhaft gemacht, sie zuerst Gesetze erfunden, welche dem wilden und ungerechten Leben ein Ende machten, sie zuerst Flüchtlinge gerettet und der rechten Handlungsweise gegen Schutzflehende bei allen Menschen Kraft[167] verschafft hätten; endlich daß Athen die gemeinsame Bildungsstätte (κοινὸν παιδευτήριον) für alle Menschen sei32; den Herd und das Prytaneion der Hellenen sollte auch der pythische Gott die Stadt einmal genannt33 haben.


Hier ist ein Wort über den attischen Mythus zu sagen. Nur in Athen und etwa noch in Theben34 gab es eine Art fortlaufender Kunde, in welcher eine uralte politische Entwicklungsgeschichte und endlos reiche Kultur sich verflechten, beides im Einzelausdruck der Überlieferung für die frühere Zeit mythisch. Und zwar zeigt schon die Beschaffenheit dieses Mythus35, daß es sich um etwas Besonderes handelt: es fehlt ihm zwar nicht an zahlreichen Berührungen mit dem griechischen Mythus im allgemeinen, und sein Hauptheld Theseus ist einer der großen griechischen Heroen; allein daneben hat er ein uraltes unabhängiges Leben. Es sieht aus, als wäre eine Anzahl von teils überlieferten, teils symbolischen Namen in eine bald genealogische, bald politische Aufeinanderfolge gebracht. Mit der Zeit bekamen dann die Tragiker den größten Einfluß auf diese Tradition36, und, wie sie, hatten auch die Redner eine ganze Anzahl von Gemeinplätzen zur idealisierenden Gestaltung der ganzen athenischen Vergangenheit vorrätig; in den Demen aber lebten noch allerlei zum sonstigen Mythus nicht stimmende Lokalsagen weiter37.[168]

In den Mythen von Aktäos, Kekrops, Kranaos, Erichthonios, Erechtheus, Pandion usw. bis Theseus liegen nun also Naturmythen, politische Anschauungen und religiöse Ideen ganz merkwürdig durcheinander. Wie alt die einzelnen Bestandteile zu taxieren seien, wagen wir nicht zu entscheiden. Die Sagen knüpfen sich an die Lokalitäten der Akropolis, des Areopag, der Pnyx, die von Keleos und Triptolemos auch an Eleusis an; an der Spitze steht der Wettstreit von Poseidon und Pallas um die Akropolis, der durch das Zeugnis des Kekrops geschlichtet wird; es ist eine alte Allegorie oder ein noch älterer Naturmythus. Auch uralte Angriffe von außen werden berichtet: Karer, Böotier, Pelasger, Amazonen, welche letztern ihr Lager auf dem Äreopag gehabt haben sollen, alles soll mit Athen zusammengestoßen sein; allein Athen blieb Sieger. Nachdem dann Theseus durch den Usurpator Menestheus gestürzt ist, erscheint die Stadt zuerst durch ihn und nach seinem Falle durch die Theseussöhne Akamas und Demophon am Trojanischen Kriege beteiligt, und die Athener heißen »wohlerfahren im Kampfe (μήστωρες ἀυτῆς)« und befreien die alte Äthra, die Mutter des Theseus. Aber sonst erfährt man nicht viel von ihnen, ja alle Stellen der Ilias und Odyssee, wo von Theseus und seinen Söhnen die Rede ist, stehen im Verdacht, spätere Einschiebsel zu sein38, und schon im II. Jahrhundert v. Chr. behauptete der boshafte Daphidas, freilich ein Feind Homers und ein Spötter gegenüber Delphi, die Athener seien im Trojanischen Kriege gar nicht dabei gewesen39; sie müßten sich also mit Gewalt an den allgemeinen hellenischen Mythus angehängt haben. Jedenfalls hat man den Eindruck, daß sie hier keine großen Geschäfte gemacht haben, und nun mußten sie sich gar noch nachsagen lassen, sie hätten mit Homer selbst Verdruß gehabt, indem sie ihn um fünfzig Drachmen gebüßt hätten, weil sie ihn für wahnsinnig hielten40.

[169] Mag es nun aber mit dem Trojanischen Kriege gegangen sein, wie es will41, jedenfalls ist ein großes Faktum, daß infolge der dorischen Wanderung die Kolonisation Ioniens von Athen aus geleitet wurde. Die Theseiden erscheinen inzwischen durch die vor den Herakliden aus dem Peloponnes flüchtenden Neleiden verdrängt; es folgen als Könige noch Melanthos und sein Sohn Kodros. Des letztern Söhne und Bastarde führen die zahllosen Geflüchteten nach den Zykladen und der kleinasiatischen Küste42, und Athen stellt sich so in kritischer Zeit vermöge einer besondern Kraft und Kapazität an die Spitze eines enormen kolonialen Geschäftes, an dessen Tatsächlichkeit wir wohl kaum zweifeln können; schon das Pietätsverhältnis, das die ionischen Städte später zu den Athenern hatten, beweist es. Während sich also die Bevölkerung auf der einen Seite viel auf Autochthonie zugute tat, d.h. darauf, daß Attika, welches wegen seiner magern Erde frei von Umwälzungen blieb, eben darum stets von denselben Menschen bewohnt gewesen sei, wußte man doch, daß die aus dem übrigen Hellas vertriebenen Mächtigen zu den Athenern als einem sichern Aufenthalte gezogen und Bürger geworden seien und das Land so volkreich gemacht hätten, daß es nicht mehr genügenden Raum hatte, und man darum Kolonien nach Ionien aussen den mußte, ja diese uns bei Thukydides43 zuerst entgegentretende Anschauung einer Verschmelzung von Autochthonie und Gastlichkeit, wonach Athen schließlich doch wieder ein Exzerpt aus ganz Griechenland war, blieb die herrschende und wurde später von den epideiktischen Rednern auf das glänzendste amplifiziert44.

Die Gastlichkeit Athens (die in Wirklichkeit nicht immer eine freiwillige möchte gewesen sein) spiegelt sich übrigens auch im allgemeinen hellenischen Mythus, der hierher förmlich auf Besuch kommt. Nicht nur müssen die Thraker unter Eumolpos und die Amazonen45 unter Hippolyte[170] in feindlicher Absicht in das Land gekommen sein, sondern auch die Herakliden suchen hier gegen Eurystheus Hilfe, und der Krieg, womit dieser ihre Auslieferung erzwingen will, ist der erste, den die Stadt gegen Peloponnesier zu bestehen hat46; auch Lapithen, Minyer und Kadmeier wohnen zeitweise da; nach dem Untergang der Sieben vor Theben zwingt Theseus auf das Flehen des Adrastos hin die Thebaner durch siegreichen Kampf, die Leichen herauszugeben und begräbt dieselben in Eleusis47; alle Welt hat sich sozusagen einmal in Attika aufgehalten. Auch wird der versöhnende Schluß griechischer Mythen etwa einmal nach Athen verlegt. Hier findet Ödipus seinen Frieden, nachdem das ganze unselige Labdakidenhaus von Theben hergekommen ist, um vor den koloneischen Greisen und König Theseus gleichsam seinen Prozeß zu plädieren, und bei Euripides wird selbst Herakles nach dem Morde seiner Kinder von Theseus aufgenommen48. Orest wird vor dem Äreopag49 freigesprochen; die athenische Ruhmsucht wollte sogar, daß die Messenier bei den Rechtshändeln, die dem ersten Kriege mit Sparta vorangingen, eine schiedsgerichtliche Entscheidung desselben Tribunals gewünscht hätten50.

Was den Charakter des attischen Mythus betrifft, so möge schließlich noch daran erinnert sein, daß man sich auf dessen Menschlichkeit gegenüber den Geschichten von Ödipus, den Atriden, Medea usw. etwas zugute tun konnte. Isokrates51, der dies betont, weist darauf hin, daß in[171] Athen Königsgeschlechter von vier bis fünf sich regelmäßig folgenden Generationen ohne Familiengreuel schon in mythischer Zeit vorkommen. Diese sittliche Überlegenheit gipfelt dann in Theseus, welcher nach dem Redner die Demokratie eingeführt hat, die dann schon seit ihm als eine Schule der Gesetzlichkeit gilt. Athen soll die übrigen Griechen belehrt haben, durch welche Verfassung und welche Kriege Hellas groß zu machen sei, und selbst Lykurg soll hier politisch und militärisch manches entlehnt haben. Übrigens hat von Theseus schon Euripides52 die lächerliche Fiktion, daß er zwar heroischer König, zugleich aber Stifter aller Demokratie und alles Liberalismus sei.


Unter der Eupatridenherrschaft und noch im ganzen VII. Jahrhundert erscheint Athen nicht merklich ausgezeichnet neben den übrigen griechischen Bevölkerungen. Aber vom VI. Jahrhundert an findet hier allmählich jene ganz einzige politische Entwicklung statt, wobei alle Übergänge ohne schreckliche Peripetien und Reaktionen durchgemacht werden. Vor allem bedeutet die solonische Gesetzgebung den stärksten Sieg der Reflexion und der milden und billigen Sitte53, die Tyrannis der Peisistratiden sodann erscheint als die einsichtigste und zweckmäßigste von allen Tyrannien, und die nachherige Ausbildung der Demokratie seit Kleisthenes als die ruhigste und allmählichste; von der Tyrannenvertreibung an aber ist die Initiative in griechischen Dingen in Athen.

Dies alles beweist zunächst eine absolut hohe politische Anlage. Zugleich aber ergreift Athen weit über alle Hellenen das Prinzipat der Bildung, Kunst und geselligen Sitte, während vor dieser Zeit der hellenische Geist und seine Hervorbringung gleichartiger über die verschiedenen Stämme verteilt gewesen waren und der Hauptakzent bei den asiatischen Ioniern gelegen hatte. Fördernisse hierfür waren die zentrale Lage und die glückliche Mischung ländlicher und geschäftlicher Tätigkeit, welche Attika bot; die Hauptsache aber ist auch hier die höchste auf Erden dagewesene Anlage. Es ist, als hätte die Natur Jahrhunderte hindurch alle Kräfte gesammelt, um sie hier auszugeben, und Athen nimmt in sozialer Beziehung eine ähnliche Stelle ein wie Florenz in der Renaissance, welches in der Geschichte die einzige Parallele bietet, d.h.: eine Stadt will und kann am stärksten, was ein ganzes Volk will und gerne möchte, so wie etwa in einem Sohn eines Hauses die spezifische Familienanlage am stärksten auftritt. Hernach ist dann das ganze Hellenentum, soweit es ein freies ist, von Athen aus gefärbt und bestimmt; der Hellene erkennt in bezug auf Kultur in dieser Stadt sein allererstes Organ54.

[172] Bei der völligen Entfesselung der Kräfte, auch der falschen, verbraucht sich nun Athen freilich politisch ziemlich rasch; aber es hatte seine Kulturposition gerettet und blieb die geistige Hauptstadt der Hellenen, als die Agonalstätten und das Orakel von Delphi ihre zentrale Bedeutung verloren hatten, wie es sich denn auch materiell rettete und unter den Römern anständig ausleben konnte.


Wollen wir nun die Art der Athener kennenlernen, so finden wir sie reichlich geschildert; sie und die Nachwelt haben dafür gesorgt, daß man von ihnen weit die meiste Kunde hat. Hier bieten sich uns vor allem die Grabreden für gefallene Krieger. Während die Karthager, wenn sie viele Leute verloren hatten, nur die Stadtmauer mit schwarzen Tüchern zu behängen wußten55, bestand bekanntlich in Athen die Sitte, den Gefallenen ein öffentliches Begräbnis zu veranstalten und bei dieser Gelegenheit sie und die Vaterstadt durch einen Redner preisen zu lassen. Auch diese Sitte wurde natürlich in die mythische Zeit reflektiert: Menestheus sollte vor Troia dem Aias die Grabrede gehalten haben56. In Wahrheit wissen wir davon erst etwas von der Zeit der angehenden Rhetorik an, welche hier ein höchst erhebendes Thema fand. Von der perikleischen Grabrede bei Thukydides möge nachher die Rede sein; das Altertum aber kannte auch von Gorgias einen epitaphischen Logos, den sein Verfasser, als Nicht-Athener, unmöglich kann gehalten haben, der aber als Musterrede für solche Gelegenheiten seine guten Dienste tun mochte57. Mag ferner die Grabrede des Lysias auf die Gefallenen des (sehr mittelmäßig ausgegangenen) korinthischen Krieges von Lysias oder einem andern verfaßt oder auch nur für die Schule fingiert sein, jedenfalls zeigt sich hier das athenische Gerühm in seiner Fülle, indem gleich zu Anfang erklärt wird, daß alle Zeit nicht ausreichen würde, um eine den Taten der Toten entsprechende Rede zu verfassen58. Wenn daselbst die Amazonen, die[173] Sieben vor Theben, die Herakliden und die Perserkriege zum Ruhme Athens herangezogen sind, so hat man es mit einer bestimmten Reihenfolge von mythischen und geschichtlichen Verdiensten zu tun, wovon jeder Athener überzeugt scheinen mochte; sie muß schon Herodot um die Ohren geschwirrt haben, dessen Athener sich (IX, 27) vor der Schlacht von Platää offiziell des Schutzes der Herakliden, des Sieges über die Amazonen, des Begräbnisses der Sieben und endlich der Schlacht bei Marathon rühmen. Die nämlichen Taten kehren dann in der dem Demosthenes untergeschobenen Rede auf die Gefallenen bei Chäronea wieder; die beträchtlich spätere Zeit derselben verrät sich schon durch die weitgenommene Perspektive, wonach Gesamthellas hier seine gesamte Freiheit eingebüßt hat; Grabreden auf Gefallene zu entwerfen wird eben ein sehr beliebtes Thema für Schüler und Dilettanten gewesen sein, indem der Anfanger[174] das feierlichste Thema liebte, das überhaupt zu finden war59. Ein Hohn auf die ganze Sitte könnte es schon sein, wenn der Verfasser des pseudo-platonischen Menexenos der Aspasia die Rezepte für dieselben in den Mund legt; im IV. Jahrhundert, da die Heere schon vorwiegend keine Bürgerheere mehr waren, hatte die Sitte wohl überhaupt oft kaum mehr einen Sinn. Waren aber Bürger gefallen, so lohnte die Grabrede immer noch. Demosthenes hielt eine solche (nicht erhaltene) auf die Gefallenen bei Chäronea, und von Hypereides hat sich die auf die Toten des lamischen Krieges gehaltene wiedergefunden. Er erzählt (was er sich bei Perikles gemerkt haben mag) keine Mythen und mythischen Verdienste, sondern rühmt die Taten des Leosthenes und seiner Mitgefallenen. Diese werden im Hades empfangen werden von den Heroen vor Ilion, von Themistokles und den athenischen Tyrannenmördern, welchen allen sie aber durch ihre Verdienste irgendwie überlegen sein sollen. Sie haben ihr Leben geopfert, damit Athener und Griechen frei leben, und ihnen wird zugute geschrieben, auch was erst nach ihrem Tode erreicht wurde, weil es auf den von ihnen gelegten Grundlagen geschah. Ähnlich wie bei Perikles werden sie glücklich gepriesen und die Hinterlassenen getröstet; die makedonische Knechtschaft, welche der Redner durch den Sieg des Leosthenes vermieden glaubt, trat freilich nachher aufs bitterste ein. – Übrigens fällt auch bei anderm Anlaß ein Redner, wenn ein Krieg kurz vorher stattgefunden hat, sehr leicht in den zur Leierkastenmelodie gewordenen Epitaphienton. So kann es Lykurg in der Klagerede gegen Leokrates nicht unterlassen, die Toten von Chäronea zu preisen60.

Das verklärte Bild Athens aus der Zeit am Anfang des Peloponnesischen Kriegs haben wir nun aber in der von Thukydides (II, 35 ff.) erhaltenen epitaphischen Rede des Perikles, welche im Winter des ersten Kriegsjahres gehalten worden ist. Sie ist offenbar an ein kritisches Volk gerichtet, dem man noch nicht mit wohlfeilem Enthusiasmus kommen durfte; wer eine Festrede halten will, sollte sie darum immer vorher lesen. Vor allem verzichtet Perikles auf jeden Mythus und beschränkt sich, indem er die Toten rühmt, rein auf den Preis der gegenwärtigen Generation wegen ihrer lebendigen, stetsfort aktiven Eigenschaften, mit groß genommener Distanz. Dies geschieht mit einem Optimismus, gegen den uns zu wehren uns noch heute kaum möglich ist, dessen Parfum aber bei näherm Zusehen bedenklich verduften dürfte. Er rühmt die Gleichheitsverfassung, wobei eine Bevorzugung im Staat nur nach Maßgabe der Trefflichkeit stattfindet – daneben stand Kleon und wuchs ihm immer[175] mehr über den Kopf. Er rühmt das ungezwungene Privatleben, die Erholungen für den Geist durch Agone, Opfer und anmutige häusliche Einrichtungen, ohne spartanische Lebenschikane, die Zwanglosigkeit des Daseins, bei der man ohne beständige kriegerische Übung doch, wenn es drauf und dran geht, so kühn ist, als die sich stetsfort Abarbeitenden (die Spartaner) – bei diesem ungezwungenen Leben war er selbst mit etlichen Prozessen gehetzt, Aspasia war kriminell verfolgt, und den Anaxagoras konnte er kaum vom Tode erretten. Er rühmt, wie man in Athen das Schöne ohne Verschwendung liebt61 – warum nicht, wenn man die Bundesgenossen konnte steuern lassen, damit die prächtigen Bauten möglich wurden? Er rühmt, wie auch die den Gewerben Zugewandten sich am Staate beteiligen – wir dürfen wieder an Kleon denken, der ja Gerber war. Er stellt dar, wie die Athener nicht als Empfänger, sondern als Spender des Guten ihre Freunde gewinnen und dabei nicht auf unmittelbaren Nutzen rechnen, sondern auf derenA5 Freiheit vertrauen, wie ihr Staat eine Erziehung für ganz Hellas sei, Athen allein größer sei als sein Ruf, nur seine Feinde, wenn geschlagen, sich nicht entwürdigt, nur seine Untertanen sich nicht entehrt fühlen – demgegenüber kann man in demselben Thukydides lesen, wie verhaßt Athen bei seinen Untertanen war. Es ist nicht schwer, Thukydides durch Thukydides zu widerlegen; aber mit dem höchsten denkbaren Genie werden die Dinge so hingesagt, als verstünden sie sich von selbst, bis es dann heißt: Wir werden für Gegenwart und Zukunft der Gegenstand der Bewunderung sein; wir bedürfen keines Homer, jedes Meer und Land ist ein Schauplatz unserer Kühnheit; so errichtetenA6 wir unvergängliche Denkmäler des Guten wie des Übels, das wir zufügen können; worauf dann die Wendung folgt: Und für eine solche Stadt sind diese hier gestorben. – Man hat, wie gesagt, Mühe, sich diesem Optimismus zu entziehen, der bald nachher durch furchtbare Katastrophen bestraft worden ist: der Genius der Darstellung aber hat seinesgleichen nicht. Und nun dürfen wir ja trotz allem zugeben, daß wir hier die Athener doch kennenlernen. Der Mensch ist nicht bloß, was er ist, sondern auch was er sich zum Ideale gesetzt hat, und auch wenn er diesem nicht völlig entspricht, wird durch das bloße Wollen auch ein Teil seines Wesens bezeichnet.

Recht interessant ist dann auch die zweite von Thukydides (II, 60 ff.) mitgeteilte Rede des Perikles. Er beweist hier den Athenern in einer Zeit,[176] da ihre Landschaft von den Spartanern besetzt war, und die Ölwälder großenteils dahin waren, die Unmöglichkeit des Zurückgehens und die Notwendigkeit eines großen Ehrgeizes. Das kleine, jetzt verwüstete Attika sei neben ihrer sonstigen Macht nur ein Gärtchen und ein Nebenvergnügen ihres Reichtums; der Hegemonie zu entsagen, welche die größte bisher in Hellas vorgekommene sei, stehe nicht mehr bei ihnen; dieselbe sei tatsächlich schon eine Gewaltherrschaft; aber man könne ohne sie nicht autonom weiterleben; nur, wer um großer Ziele willen beneidet zu werden erküre, urteile recht. Auch daß man dies den Athenern sagen durfte, zeichnet sie.

Ganz vortrefflich gezeichnet sind die Athener bei Thukydides auch (III, 37 ff.) in der Rede, wodurch Kleon auf harte Bestrafung der abgefallenen Mitylenäer dringt. So böse und roh derselbe sonst dargestellt wird, erscheint er hier doch sehr bedeutend. Er nimmt seine Landsleute auf seine Weise und darf sie anfahren und ihnen Vorwürfe von der bezeichnendsten Art machen, indem er sie Knechte des Außerordentlichen und Verächter des Gewöhnlichen nennt, deren jeder selbst ein Redner und mindestensA7 ein Widersprecher sein wolle, schnell bei der Hand, voraus zu erraten, was vorgeschlagen werde, aber schwerfällig darin, die Konsequenzen der Dinge voraus zu erkennen. Wenn er ihnen zuletzt insinuiert, falls sie Verzeihung gewährten, sollten sie nur von der Herrschaft abdanken und, ohne etwas zu wagen, die braven Leute spielen, so ist es nach dem, was wir aus dem Munde des Perikles wissen, fraglich, ob dies noch möglich gewesen wäre.

Schließlich kommen bei Thukydides noch die Schilderungen im Munde der Feinde, z.B. (I, 70 f.) in dem der Korinther. Diese sagen, die Athener seien neuerungssüchtig, rasch im Überlegen und Ausführen, wagehalsig, an kein Zaudern gewohnt, Freunde auswärtiger Unternehmungen; sie verfolgten ihren Vorteil so weit als möglich, verwendeten ihre Person für den Staat, als gehörte sie gar nicht ihnen, nicht ausgeführte Pläne gälten ihnen als Verlust62, jeder Gewinn scheine ihnen wenig gegenüber dem, was noch zu tun bleibe, und beim Mißlingen hofften sie sogleich auf etwas anderes; ihr Streben vollziehe sich unter Mühen und Gefahren das ganze Dasein hindurch, von dem, was sie hätten, genössen sie sehr wenig und kennten kein anderes Fest, als das Zweckmäßige durchzuführen; sie seien geboren, um weder selbst Ruhe zu haben noch sie andern zu gönnen. In dieser korinthischen Schilderung der Athener ist eigentlich bereits eine Erklärung der sizilischen Expedition gegeben.

[177] Was aus allen diesen Reden hervorgeht, das ist der leidenschaftliche Gesamtwille, der diese Bevölkerung vorwärts treibt. Ihr wahrer Stimulus ist die ewige Unzufriedenheit, wenn etwas nicht unternommen oder nicht vollständig genug durchgeführt worden ist. Weil man durch Leidenschaft vorwärts getrieben wird, ist man seiner Beschlüsse nicht ganz mächtig; aber man erreicht bisweilen das Unglaubliche. So sieht es doch sehr großartig aus, wenn man den Persern in alle Häfen des östlichen Mittelmeers nachfährt, mit dem unter Inaros von ihnen abgefallenen Ägypten ein Bündnis schließt63, den größern Teil von Memphis erobert und auch, nachdem man schließlich geschlagen und zum Verbrennen der eigenen Schiffe genötigt ist, doch noch freien Abzug aus Ägypten durchsetzen kann. Und welche enorme Unternehmungslust spricht sich in der Totenliste aus64, die aus einem der Jahre dieses ägyptischen Krieges (458) inschriftlich erhalten ist und die mit dem Satze beginnt: »Von der erechtheischen Phyle sind diese im Kriege gefallen: auf Kypros, in Ägypten, in Phönizien, bei Halieis auf Ägina, zu Megara, im selbigen Jahre!« Aber beinebens ist nicht zu vergessen, was die Glanzzeit der athenischen Hegemonie die übrigen Griechen für Opfer gekostet hat, wenn z.B. eine ruhmvolle Polis wie Ägina den Athenern im Wege war und bei der Hegemonie nicht bleiben wollte. Ägina gedieh eben und war voller Hochgefühl und reich an Geldmitteln und Trieren65 und es war auch eine Stätte hoher Kunst gewesen; die Feindschaft mit Athen aber war alt, und die Verrechnung von Recht und Unrecht ist hier schwer. Athen kam, verwüstete die Insel und machte die Stadt tributpflichtig (457) und später (429) vertrieb es die alten Einwohner und ersetzte sie durch attische Kleruchen; sie wurden dann freilich 404, nachdem Sparta sie in der Zwischenzeit in der Thyreatis angesiedelt hatte, durch Lysander wieder restituiert.

Noch vor der Demütigung der Ägineten ist Athen bei Önophyta in Böotien siegreich, und nun kommt auch die Zeit der großen Küstenverwüstungen: Tolmides verwüstet (455) Kythera und die peloponnesische Küste und verbrennt daselbst die lakedämonischen Arsenale, worauf er die Städte Kephallenias gewinnt, Naupaktos erobert und dort die von Sparta abgefallenen Messenier ansiedelt. Mit dem Jahre 453 steht alsdann die attische Hegemonie auf ihrem Höhepunkte66: indem Perikles bei[178] Sikyon eine Schlacht gewinnt und, wenn er auch die Stadt nicht nehmen kann, das Gebiet verwüstet und sodann noch die akarnanische Küste plündert, erscheint der korinthische Meerbusen großenteils Athen untertan. Nachdem dann aber inzwischen Kimon auf Zypern gestorben und mit den Persern wenigstens faktisch ein dauernder Friede zustande gekommen ist, kommt die Hegemonie ins Schwanken. Athen verliert durch die Niederlage bei Koroneia (447) seinen Einfluß in Böotien und den übrigen mittelgriechischen Landschaften, Megara fällt ab, und Euböa, welches das Gleiche beabsichtigt, muß durch Perikles schwer gezüchtigt werden. Der auf dreißig Jahre geschlossene Friede mit Sparta (445) sichert zwar den Athenern im ganzen ihre Bundesgenossenschaft; aber bald folgt die Fehde der Samier gegen das von Athen begünstigte Milet und darauf der samische Krieg des Perikles (440-439), der mit der Schleifung der Mauern von Samos und der Einführung einer Demokratie auf der Insel schließt67. Auch hier handelt es sich um Abwendung einer großen Gefahr; alle diese Zwischenhändel aber waren für Denkende gewiß deutliche Vorspiele von viel Größerm, und der von größtem Gedeihen begleitete Friede, den Diodor (XII, 26) für die Zeit um 440 v. Chr. auf der ganzen Welt konstatiert, trug keinerlei Gewähr der Dauer in sich.

In den nämlichen Zeiten findet die Demokratisierung der athenischen Bürgerschaft mit den drei Solden für Krieg, Gericht und Volksversammlungen, der völligen Entwicklung des Sykophantenwesens, den Staatsprozessen usw. ihre Vollendung, und damit sollte die weite Hegemonie über lauter übervorteilte griechische Volksgenossen vereinbar sein, eine Herrschaft, wie sie sonst in der Welt nur aristokratischen Republiken: einem Venedig, einem Genua (das, wenn auch entzweit, doch aristokratisch entzweit war), den holländischen Generalstaaten, und zwar meist über Leute anderer Menschenrassen beschieden gewesen ist. Unbedenklich werden die Bundesgenossen durch Konfiskationen und den Zwang, ihre Prozesse in Athen zu führen, aufs ärgste gereizt, und es mögen schon damals viele Leute aus den Hegemoniestaaten, um dem Druck in der Heimat zu entgehen, in das (445) von Perikles an der Stelle des alten Sybaris gegründete Thurioi entwichen sein68. Hat sich aber eine Polis dieser Herrschaft mit Gewalt entziehen wollen, so ist Athens ultima ratio im besten[179] Falle die Ansiedelung von Kleruchen in dem niedergeworfenen Gebiet, sonst auch Zerstörung der Stadt und auf den Trümmern die Einrichtung minderwertiger Demokratien; daß daneben Spartas Popularität gewann, ist nur natürlich. So trieb man dem Peloponnesischen Kriege zu: da Athen mit der Pflicht beladen gewesen ist, der Welt das Allerherrlichste zu vermitteln, und da davon, ob seine Kultur weiter existierte oder nicht, für die Menschheit unendlicher Gewinn oder Verlust abhing, müssen die Waghalsigkeit seiner Politik und die unhaltbaren Zustände, welche sie schuf, auch uns immer zu denken geben69.


Nun ist aber auch davon zu sprechen, was Athen seine eigenen Leute kostete. Davon, was es brauchte, um ein exemplarischer Athener zu sein, war in diesem Werke schon früher die Rede70. Am vollständigsten verrät es Antiphon in einer seiner Tetralogien71, wo sich ein solcher als einen Mann definiert, der viele und große Vermögenssteuern entrichtet hat, oft Trierarch war, glänzende Choregien leistete, sich oft an Sammlungen für bedrängte Freunde beteiligte, für viele große Bürgschaften zahlen mußte, sein Vermögen nicht durch Prozessieren, sondern durch Arbeit erwarb, dazu ein eifriger Opferer und loyaler Bürger war. Man kann sich nur wundern, daß nach allen Steuern, Trierarchien, Choregien, Freundessubskriptionen, Bürgschaften und Opfern (d.h. Bewirtungen) noch etwas übrigblieb72. Zu dieser Ausbeutung aber kommen nun noch die[180] vielen sonstigen Plagen, die diese Stadt über ihre Bürger verhängte, vor allem die politische Schikane durch die unaufhörlichen Staatsprozesse und das damit emporkommende Sykophantentum, welche das Leben in weitem Umfang verderbt haben müssen; sodann aber auch das sonstige ewige Prozessieren. Dieses war überhaupt griechische Art. Schon auf dem Schild Achills73 erscheinen sowohl der Rechtshandel als dessen Behandlung ganz bedenklich. Im ganzen griechischen Volke aber und in allen Städten wird man auch in der aristokratischen Zeit damit fortgefahren sein. Erst in den Tyrannien dürfte eine Unterbrechung eingetreten sein, und zwar teilweise als Wohltat, in den Demokratien aber müssen die Gerichtshändel wieder eine ständige Beschäftigung und zwar eine sehr ungesunde gebildet haben, und nun liefert eben die Denkmäler davon nur Athen74, wo, abgesehen von eigentlichen Bösewichtern, welche es[181] auf Rache, Brandschatzung usw. abgesehen hatten, in vielen Bürgern durch das Prozessieren, die Ambition des öffentlichen Redens, und was sonst daran hing, unterstützt vom Müßiggang, ein Geist der fieberhaften Schikane erwacht war, der eine Parallele zum politischen Sykophantentum bildet. Unter den Prozessen, die wir kennen, sind nicht erst mehrere durch Lysias, sondern schon einige durch Antiphon bekannte handgreiflich von dieser Art75. Ganz im allgemeinen heißt es etwa in einer Verteidigungsrede76: »Jetzt machen die Intriganten das Dasein den gänzlich Unschuldigen nicht weniger gefahrvoll (ἐπικίνδυνον) als denen, die großes Unheil verschuldet haben«.

Wie rasch man mit dem Hinrichten von Behörden bei der Hand war, haben wir bei Gelegenheit der Sitophylakes gesehen77. Wenn wir dann gar lesen, daß die Athener einst in blindem Mißtrauen alle ihre Verwalter des Bundesschatzes bis auf einen hätten hinrichten lassen, und daß auch dieser eine schon den elf Männern übergeben war, als die Wahrheit an den Tag kam78, möchte man schließen, die permanente Stimmung der Athener sei gewesen, als würde ihnen etwas gestohlen. Man hat es eben hier mit einem Demos zu tun, welcher teils wirklich von denjenigen, welche die öffentlichen Geschäfte besorgten, verraten und beraubt, teils in beständigem zornigem Mißtrauen gegen seine Behörden unterhalten wurde und dabei unersättlich genußsüchtig geworden war. In pressanten und leidenschaftlichen Zeiten aber, wie die der sizilischen Expedition war, steigerte sich die Nervosität aufs höchste, und Athen zeigt beim Hermokopiden- und Mysterienprozeß deutlich die Eigenschaft des Größenwahns, der bei jedem Verdacht auf Widerstand in völlige Raserei umschlägt. Die Denunzianten erklären sofort, der Hermenfrevel sei die Tat von nicht wenigen und habe die Aufhebung der Demokratie zum Ziele gehabt; der Demos aber zittert vor jedem Geräusch und ist nahe daran, diesmal die Folter auch gegen Bürger anzuwenden; auch besteht[182] damals die Praxis, daß, wer einen Mitschuldigen zur Anzeige bringt, straflos ausgeht, wer aber keinen Glauben findet, des Todes ist79.

Bei Plutarch80 möge man nachlesen, in welchem Belagerungszustand sich ein Reicher, wie Nikias, sein Leben lang fühlt. Die äußerste Zurückgezogenheit schützt ihn vor der allgemeinen Zudringlichkeit nicht; vielmehr gehen die Begehrenden und Empfangenden bei ihm beständig aus und ein, und er gibt denen, die ihm schaden könnten, nicht weniger als denen, die eine Wohltat verdienen, weshalb er von den Komikern seiner Sykophantenfurcht wegen verspottet wird. Wenn von ihm gesagt wird, er habe gesehen, wie der Demos zwar die Erfahrung der Leute von Rednergabe und Talent manchmal zu gebrauchen wisse, aber eine bedeutende Kraft beargwöhne und Stolz und Ansehen einer solchen darniederhalte81, so mögen wir uns daran erinnern, daß Athen seine ganz großen Kräfte überhaupt schon im V. Jahrhundert aufgebraucht hat. Phidias starb im Kerker, Perikles freilich an der Pest, aber doch wohl auch vor Kummer, Nikias selber ging lieber in Sizilien als in Athen unter. Als dann (411) Alkibiades in Kleinasien stand, konnte man freilich auf der Straße einen zum andern sagen hören: »Die Stadt hat keinen Mann mehr«82.

Wie dann nicht nur den Intriganten, sondern den eigentlichen Politikern zumute sein mochte, wenn neben allem der unberechenbare Farceur Aristophanes und die übrigen Komiker permanent die Sachlage und die Persönlichkeiten ins Groteske übersetzten, können wir uns leicht denken. Die ganze Anschauung war a priori mit Spott und Hohn völlig angefüllt, ja mit einer Skandalelektrizität geschwängert, die jeden Augenblick sich zu entladen bereit war; darüber belehrt uns Aristophanes so deutlich, daß uns daneben die Untersuchungen, was bei Stesimbrotos von Thasos (resp. Plutarch) Klatsch sei und was nicht, fast kindisch erscheinen. Erscheint aber schon hierdurch das Glück dieser Zeiten sehr bedingt, wie mußte erst den denkenden Leuten überhaupt zumute sein, als Athen, ungewarnt durch den Krieg von 431 bis 421, von Alkibiades dem großen Krach entgegengeführt wurde! Hätte man sich in neuerer Zeit nicht so völlig über die Herrlichkeit des athenischen Lebens verblendet, so würde schon das allgemeine Entweichen zu dem so verrufenen König Archelaos[183] zu denken geben, zu dem neben Nicht-Athenern wie Chörilos von Samos und Zeuxis auch Euripides und Agathon gingen; von letzterm heißt es, er sei mit vielen andern dauernd in Makedonien geblieben und habe sich in der königlichen Residenz wohl befunden83.

In einem rosigen Schimmer erschien das Athen des V. Jahrhunderts schon den Leuten des IV., die diese frühere Zeit rühmten, wenn ihnen die Misere ihrer Gegenwart recht zur Empfindung kam. Von den Rednern verfährt in dieser Beziehung Isokrates ungleich. Bald verherrlicht er das frühere Athen überhaupt, bald macht er Unterschiede, indem er z.B. den Verfall schon von der großen Hegemonie an datiert und findet, Perikles habe den Staat bereits in einem betörten, wenn auch noch ganz leidlichen Zustand übernommen84. Demosthenes aber verklärt die alte Zeit in der dritten olynthischen Rede (35) mit dem Satze: »Jene, denen die Redner nicht schmeichelten noch schön taten, wie diese jetzt euch, haben fünfundvierzig Jahre über die willigen Hellenen geherrscht, mehr als 10000 Talente auf die Akropolis geführt, den König Makedoniens zum Untergebenen gehabt, wie es sich für Hellenen gegen Barbaren ziemt, durch persönliche Kriegsleistungen zu Lande und zu Meer erreicht, daß sie viele herrliche Siegeszeichen errichten konnten, und allein von allen Sterblichen einen über den Neid erhabenen Ruhm hinterlassen ... Von Staats wegen schufen sie so schöne und große heilige Bauten und Weihgeschenke, daß keinem Spätern ein Übertreffen möglich geblieben ist, als Privatleute aber waren sie so bescheiden und hielten sich so dem Geist der Demokratie getreu, daß Leute wie Miltiades und Aristides, wie ihr noch jetzt sehen könnt, nicht herrlicher wohnten, als der Nachbar auch. Denn der Staat wurde von ihnen nicht zur Bereicherung gebraucht, sondern jeder glaubte, das Allgemeine zu mehren sei seine Pflicht.« Hier sind natürlich sowohl die nicht schmeichelnden Redner als die willigen Bundesgenossen pia desideria; der Redner konnte von dem frühern Zustand kein kritisch genaues Bild geben, ist uns aber dafür gerade durch seine Sehnsucht interessant85.

Es ist in diesem Werke früher86 davon die Rede gewesen, wie Athen seinen Staat und seine Hegemonie vermittelst der Volksversammlung und[184] des Volksgerichts regierte, wie die Menge mit den verschiedenen Solden und mit Genüssen aller Art hingehalten wurde, und wie Demokratie und Seeherrschaft eine Art von Identität bildeten. Bei den Bundesgenossen war man großenteils tödlich verhaßt, obschon man sich – wie z.B. Perikles in der Leichenrede tut – gelegentlich schon damals einredete, daß die Hegemonie beliebt sei; und da sie auf Abfall sannen, und man sich ein Sparta gegenüber hatte, wäre die vorsichtigste, mit dem größten Geheimnis und der größten Vorbereitung verbundene Politik geboten gewesen. Stattdessen mußte alles vor einen Demos gebracht werden, von dem man wußte, daß man ihm nur durch Täuschung Gutes erweisen könne und nie durch offenes Überzeugen87. So kam man in einer Art oszillierender Bewegung demjenigen Kriege entgegen, welcher der Peloponnesische genannt wird. Daß Perikles zu demselben gedrängt hat, darf man nicht deshalb abstreiten, weil die Sache einen übeln Ausgang genommen hat; er hatte wegen seiner persönlichen Stellung kaum eine andere Wahl; denn er hatte damals mit andern zu konkurrieren, die auch mächtig geworden waren und das Volk auf ihre eigene Manier vorwärts trieben88.

Schon in der ersten Hälfte dieses Krieges (431-421), die mit dem Frieden des Nikias schloß, zeigten die Hellenen jetzt, da sie sich gegeneinander wandten, was entfesselte Leidenschaft vermag, und die volle Zerrüttung ihrer Zustände trat an den Tag. Was wollte der Friede von 421 noch sagen, nachdem die wildesten Greuel schon geschehen waren? Die Wut war noch viel zu groß, und man greift es mit Händen, daß er nur eine Pause für neue Zurüstungen sein konnte. In dieser Zeit lernt man[185] die Athener bei der Einnahme von Skione kennen, wo sie die männliche Bevölkerung niedermachen und die Frauen und Kinder in die Knechtschaft bringen, und bei dem gleich entsetzlichen Vorgehen gegen Melos, wozu sich Nikias hergab; sie sollten die Folgen dieser Dinge zu tragen bekommen. Während des nämlichen unruhigen Halbfriedens aber, während im Peloponnes die Händel und Fehden gar nicht aufhörten und Argos, welches mehrmals je nach der Parteiherrschaft zwischen dem damals von Alkibiades beherrschten Athen und Sparta hin- und herlief, eben wieder für Athen verpflichtet galt (vielleicht 417), kamen, duftend von athenischem Hochgefühl, die Hiketiden des Euripides auf die Szene, worin der Dichter die alte Äthra zu ihrem Sohne Theseus sagen läßt: »Siehst du, wie deine Heimatstadt (wegen ihrer Sympathiebündnisse mit den Schwächern), unüberlegt gescholten, die Scheltenden zornig anblickt. In den Bedrängnissen und Gefahren nämlich pflegt sie groß zu werden, indes ruhige Städte, die sich zu keiner Tat erheben vor lauter Behutsamkeit auch den Blick nicht zu erheben wagen«89. Derartige Ermahnungen hatte man kurz vor der sizilischen Expedition in Athen gerade noch zu hören nötig.

[186] Und nun also die sizilische Expedition, wodurch eine Stadt mit so mäßiger Bevölkerungszahl und so unsicherer Hegemonie eine Herrschaft in der Ferne zu gründen versucht, eine Unternehmung, die immer eine Tatsache ersten Ranges bleiben wird, und die wir nur aus einer innern Überreizung erklären können, wie sie sonst nicht wieder über ein Staatswesen von dieser Bildung gekommen ist. Begehrt hatte man in Athen die Insel schon bei Lebzeiten des Perikles90; doch hielten sich dieser und andere sonst waghalsige Politiker, wie Myronides und Tolmides, einstweilen an das weniger Unsichere oder wollten doch wenigstens, ehe sie mit Sizilien anbanden, die Lakedämonier überwinden und ganz Griechenland unter ihre Hegemonie bringen. Auch, als 427 der Schmerzensschrei der von den Syrakusanern angegriffenen Leontiner durch Gorgias nach Athen gelangt und eine starke athenische Flotte in die westlichen Gegenden abgegangen war, kam es zunächst nicht zum Kriege: Leontini machte seinen Frieden mit Syrakus, alle Leontiner wurden syrakusanische Bürger, ihre Stadt ein fester Platz von Syrakus, und die athenische Flotte fuhr, ohne auf Sizilien Eroberungen gemacht zu haben, zurück. Jetzt aber war der große Hauptantreiber der attischen Politik, Alkibiades, der längst Absichten auf Sizilien gehabt hatte, und dieser tat, als das Hilfegesuch der Egestäer kam, das Menschenmögliche, um Athen in das große Abenteuer hineinzustoßen. Athen träumte jetzt in seiner Sünden Maienblüte, sich zu einem großen Westreich zu erweitern; Sizilien sollte nur gewissermaßen das Morgenbrot sein, die Phantasie ging in echt athenischer Art viel weiter und spiegelte den Leuten eine Eroberung Karthagos, ja Afrikas bis zu den Säulen des Herakles vor91, d.h. Eroberungen, womit sich einst Alexander in seinen letzten Träumen tragen sollte, als er[187] die halbe Welt schon besaß, und das alles in einer Zeit, da man, wie Isokrates sich später ausdrückte92, der eigenen Vorstädte nicht Herr war.

Einem Demos gegenüber, der vom ewigen Aufenthalt in Volksversammlungen und Gerichten her allgemach soweit gekommen war, der Welt seinen Willen auferlegen zu wollen, und von dem er selbst wußte, daß es nichts nützen würde, ihn zur Erhaltung des bisherigen Besitzstandes zu mahnen93, konnte Nikias mit seinem Abraten nichts ausrichten. Nach dem echten Gesetz der verwöhnten Menschen trieb man vorwärts, ehe noch das Vorhandene befestigt war, und wollte vor allem nicht mit verdrießlichen Vorarbeiten beginnen, welche in diesem Falle in Siegen über Sparta und festerer Unterwerfung der Bundesgenossen in Griechenland selbst bestanden haben würden. Daß der erste große Unfall in Sizilien den Sturz der athenischen Macht in Hellas herbeiführen müsse, griff wohl jeder mit Händen, aber das Verständige regte die Phantasie nicht auf; es war angenehm, sich zu übertäuben, und Nikias schien seinem Volke Sizilien zu mißgönnen, und zwar nicht aus Einsicht, sondern aus Bequemlichkeit94.

Und nun wurde mit Syrakus angebunden und Nikias, der sich früher den schwierigen Kommandos (gegen Spartaner usw.) entzogen, zur Übernahme des Oberbefehls gezwungen, den er mit Alkibiades und Lamachos teilen sollte. Aber Syrakus besaß damals auch eine Hegemonie. Nachdem der Sikeler Duketios, der seit der Mitte des Jahrhunderts sein Volk zu kühnem Widerstande gegen die griechischen Städte an der Küste angetrieben und zuletzt Kale Akte gegründet hatte, 440 v. Chr. an einer Krankheit gestorben war, hatten die Syrakusier sich zunächst alle Sikelerstädte untertänig gemacht. Die einzige davon, welche sich nicht unterwarf, das kühne Trinakia, war in heldenmütigem Kampfe unterlegen; nachdem die ältern Leute sich selbst getötet hatten, hatten es die Sieger hier gerade wie die Athener im Mutterlande gemacht: sie schleppten den Rest der Bewohner in die Sklaverei, zerstörten die Stadt und sandten das Beste von der Beute nach Delphi. Und in solchem Glücke hatten sie hundert Trieren gerüstet und die Zahl ihrer Reiter verdoppelt, auch das Fußvolk verstärkt und sich finanziell gehoben, indem sie die unterworfenen Sikeler tüchtig zahlen ließen, mit der Absicht, diese Mittel zur allmählichen Unterwerfung von ganz Sizilien zu gebrauchen. Auch waren sie in der rücksichtslosen Durchführung dieses Vorhabens schon ziemlich weit gekommen, und der Widerstand der Städte, die es sich nicht wollten gefallen[188] lassen, und deshalb ihre Zuflucht zu Athen nahmen, hatte wenig Aussicht auf Erfolg. Gegen diese Macht zog man nun zu Felde und trug sich mit der Absicht, Syrakusier und Selinuntier in die Sklaverei zu verkaufen, den übrigen aber einfach Steuern aufzuerlegen, die sie jährlich nach Athen zu entrichten hätten95; tatsächlich hätte man im allerbesten Falle etwa ein kurzlebiges Bündnis mit den besiegten Sikelioten erreichen können.

Nachdem das Abenteuer einmal beschlossene Sache war, machten auch die, welche vorher widerstrebt hatten, aus der Not eine Tugend, und die Rüstungen fanden unter größtem Opfersinn der Reichen statt, »welche der Neigung des Demos entgegenkommen wollten«96; eine Menge Bürger, Fremde und Bundesgenossen meldeten sich freiwillig zum Mitziehen; so sehr waren sie durch die Hoffnung echauffiert, den Boden von Sizilien unter sich zu teilen. Aber, als man nun in Sizilien war, trat mit der Rückberufung des Alkibiades der krankhafte Zustand Athens erst recht zutage. Es ist ja eine und dieselbe Nervosität, welche die Stimmung zum sizilischen Zuge und das Austanzen der Mysterien und den Hermokopidenfrevel und so vieles andere hervorgebracht hatte; gibt es aber etwas Bezeichnenderes, als daß Bagatellsachen, wie die beiden Frevel, in einen Prozeß verflochten, mitten in der größten Unternehmung eine solche Rolle spielen konnten? Als dann Alkibiades entwichen war, Sparta auf seinen Betrieb offiziell mit Athen gebrochen hatte, und die anfangs nicht aussichtslose Belagerung von Syrakus trotz der Verstärkung des Heeres durch die Hilfsmannschaften des Demosthenes die übelste Wendung nahm, da war es schließlich Nikias, der sich dem Vorschlage widersetzte, in die Heimat zu fahren und diese gegen den bevorstehenden Einfall der Lakedämonier zu verteidigen. Seine Erwägung, daß man bei noch vorhandenen Schiffen und Kriegsmitteln nicht eigenmächtig abfahren dürfe, wenn man nicht von den Sykophanten gefressen werden wolle, hat über das Schicksal der athenischen Armee recht eigentlich entschieden, und nun hängt sich daran, daß er und andere angesehene Leute sich damals nicht heimwagten, alles andere: die berüchtigte Hafenschlacht, der Zug nach dem Innern der Insel, die Bewältigung des ganzen Heeres beim Asinarosflusse, wo 18000 Athener und Bundesgenossen umkamen, 7000 in eine fürchterliche Gefangenschaft gerieten. Als dann die Hiobspost nach Athen kam, schlug die Nervosität der Athener wieder arg aus. Ein Barbier im Piräus, in dessen Bude ein Fremder die erste Nachricht mitgeteilt hatte, war nach der Stadt geeilt und hatte der Behörde, und zwar auf dem[189] Markt, gemeldet, was er gehört. Diese berief in der Konfusion eine Volksversammlung und führte den Mann vor; da er aber nicht sagen konnte, von wem er die Sache habe, erschien er als Lügner, der die Stadt in Schrecken setzen wolle, und wurde auf das Rad gebunden und so lange gefoltert, bis Leute kamen, die den ganzen Jammer berichteten97.

Wieweit bei dem Beschlusse der sizilischen Expedition das dunkle Gefühl mit im Spiele war, daß man mit großen, fernen Wagnissen die innern Krisen am ehesten beschwöre, wissen wir nicht; selbst beim Gelingen wäre der innere Hader wohl dennoch ausgebrochen. Jedenfalls war es ein Interesse der ganzen übrigen Welt, daß durch diesen Ausgang und durch Ägospotamoi diese Art von unruhiger Ambition auf immer zur relativen Ruhe gewiesen wurde. Auch dieser wahnsinnige Entschluß war aber eine praktische Folge der enormen Einbildung gewesen, die man in Athen von sich hegte; hier zahlte man das Hochgefühl von Marathon und Salamis her, wovon, wie bereits gesagt, schon die dritte Generation (durch die Herodot sich instruieren ließ) nur ein zurechtgemachtes Bild in sich trug98. Nach demjenigen Größenwahn, welcher hier handgreiflich zutage tritt, wird man aber auch jede Aussage über das früher Geschehene prüfen müssen. Ein Volk, das in seinen Lebenszielen so verrückt werden konnte, wird auch seine ganze Vergangenheit mit verdrehten Augen angeschaut haben, und wir haben es mit folgendem allgemeinen circulus vitiosus zu tun: Eine sehr ins Schöne gemalte Vergangenheit, verbunden mit einer schon furchtbar ausgearteten, aber ans Prahlen gewöhnten Gegenwart, drückt auf Taten und Entschlüsse und treibt das Ganze dem Untergang zu.

An das sizilische Unglück knüpft sich dann der zweite Teil des Krieges, und dazwischen spielt die abenteuerliche Laufbahn des Alkibiades, mit welchem interessanten Menschen Athen sich wieder einläßt, nachdem er zuvor Sparta nach Kräften gegen die Vaterstadt angefeuert hat; doch verbannt es ihn nachher noch einmal, und er findet zuletzt in Kleinasien durch einen feigen Satrapen seinen Tod. Trotz des Abfalles vieler Bundesgenossen,[190] des spartanischen Bundes mit Persien und der innern Wirren, welche mit der Verfassungsänderung des Jahres 411 zusammenhingen, wendet Athen auch jetzt noch die beste Tapferkeit auf99; aber nun kommt endlich das große Unglück bei Ägospotamoi, worauf die Stadt durch die beiden Landheere der spartanischen Könige und die Flotte Lysanders von allen Seiten bedrängt wird und zugleich unter einer Hungersnot leidet, die sich während der mehrfachen Unterhandlungen mit den Spartanern aufs äußerste steigert. Und nun müssen wir sagen, daß wir bei den Athenern die wahre Kraft der Verzweiflung (ἀπόνοια)100 vermissen, wozu sie durch ihre ganze Vergangenheit verpflichtet gewesen wären. In Worten ist diese freilich vorhanden: als im Rat Archestratos vorschlägt, mit den Lakedämoniern auf deren Bedingungen hin Frieden zu schließen, wird er gefesselt und (echt athenisch) das Psephisma gefaßt, es solle verboten sein, über einen Frieden einen Antrag zu stellen, dessen Bedingung die Schleifung der langen Mauern wäre101. Aber, so viele am Hunger starben, hat Xenophon doch nicht ein einziges Wort über einen Ausfall, den man gemacht hätte; die Belagerten hatten nur noch Zorn, Pathos und Jammer vorrätig; wenn ein Größenwahn wie der vorangegangene zusammenbricht, hinterläßt er eben nicht Energie, sondern Schwäche. Das Ende bringt dann die bekannte Gesandtschaft des Theramenes nach Sparta, wo Korinther, Thebaner und »viele andere der Hellenen« verlangen, man solle keinen Friedensvertrag mit den Athenern[191] schließen, sondern Athen zerstören. Die Spartaner aber proklamierten nun die bekannten Bedingungen: Zerstörung der langen Mauern und des Piräus, Übergabe der Schiffe bis auf zwölf, Rückkehr der Flüchtlinge, Versprechen, mit Sparta die gleichen Freunde und Feinde zu haben und ihm Heeresfolge zu Lande und zu Meer zu leisten. Dies brachte Theramenes nach Athen, wo ihn die durch die Hungersnot heruntergebrachte Volksmenge zitternd empfing; am folgenden Tage widersprachen in der Volksversammlung noch einige; weit die meisten stimmten zu.

Nach dieser Belagerung, bei der es in Athen ungefähr wie in Florenz im Jahre 1530 zuging, fängt für Athen eine neue Rechnung an. Zwar die Herrschaft der dreißig Tyrannen, die sich an den Sieg der Spartaner anschloß, dauerte nicht lange. Die Restauration der Demokratie in ihren alten Formen war verhältnismäßig leicht, schon weil die Tyrannis gar nicht mehr fortzusetzen gewesen wäre; das Militärische an dem Hergang war nicht bedeutend, und dazu kam noch von seiten Spartas eine halbe Konnivenz. Aber für die auswärtige Politik sind den Athenern von da an sozusagen die Beißzähne ausgebrochen gewesen, und Sparta konnte sie als Gegengewicht zu Theben und Korinth gar wohl fortleben lassen. Wenn sie später wieder (NB. nicht mit Söldnern, sondern mit dem Bürgerheer) sich dem Pathos überließen, folgte ein Chäronea.


Die Athener des V. Jahrhunderts sind nun aber einmal doch das zentrale Volk von Hellas geworden. Vor allem wird ihnen nachgesagt, daß sie die ganz Guten und die ganz Bösen liefern, gleich wie der attische Boden den herrlichsten Honig und den schnellsttötenden Schierling hervorbringe102. Ferner aber hat damals alle Welt die Augen auf sie gerichtet, so daß man schon auf diese Zeit das von Aristoteles103 überlieferte Wort eines gewissen Kydias beziehen könnte: »Alle übrigen Hellenen stehen um die Athener im Kreise herum und hören nicht bloß, sondern sehen mit Augen alles, was sie beschließen.« Auch ist der Athener der allseitigste Hellene, der in mehrfachem Sinne das gesamte Griechenland repräsentiert. »Die übrigen Hellenen bedienen sich ihrer besondern Sprache und Lebensweise und Tracht; in Athen aber ist dies alles aus allem Hellenischen und Barbarischen gemischt«, heißt es in der Schrift vom Staate der Athener104. Schon äußerlich nahm nur der Athener vollständig Notiz[192] vom Tun und Reden der übrigen Hellenen und konnte alles, was sie einzeln konnten. Wie schon Hippokleides nicht nur lokal attisch, sondern auch lakonisch usw. tanzte105, so ahmt die aristophanische Komödie alle Dialekte nach, und gar ein Alkibiades schillert in allen Farben: er schwelgt in Ionien ärger als ein Ionier, übt sich und turnt in Theben, tummelt Rosse und führt den Zügel in Thessalien mit mehr Sachkenntnis als die Aleuaden, zeigt in Sparta mehr Kraft und Einfachheit als die Spartiaten und überbietet in Thrakien die Landeskinder im Trinken des Ungemischten106, (was nicht jedermanns Sache war). Daß der Nämliche in Sparta und dann ebenso bei Tissaphernes Lenker der auswärtigen Politik war, weist auf ein dem Themistokles ganz ähnliches Naturell.

Athen war ferner das größte Assortiment für die Produkte aus aller Welt, wie sie uns etwa in einerA8 Elegie des Kritias vorgeführt werden, bis auf fremde Prachtvögel107. Im Frieden war es ein Aufenthalt zum Entzücken für diejenigen, die nicht von den Sykophanten verfolgt wurden. Wie sehnsüchtig klingt die Schilderung in der aristophanischen Eirene108, wo man alles Gute sieht, wovon es hier riecht, tönt und schimmert: Herbstfreude, Schmausereien, Dionysosfeste, Flötenspiel, Weinlesegesänge (komische Dichter), Lieder des Sophokles, Krametsvögel, Verschen des Euripides ..., Epheu, MostA9, blökende Schafe, Frauen, die mit wehenden Gewändern über Land gehen, bis auf die eingeschlafene Sklavin und den umgestürzten Krug daneben, werden uns gewissermaßen auf einer rasch aus der Vogelperspektive aufgenommenen Photographie des äußern Lebens vor Augen geführt. Es tat aber den Athenern auch wohl, wenn Boten der Hegemoniestädte ihre Stadt die veilchenbekränzte und die strahlende nannten109. Schon durch ihre Feste verdiente sie diesen Preis, von denen freilich Perikles in der Grabrede sagt, sie seien vorhanden, um die Trauer des Daseins zu unterbrechen. Die prächtigste Repräsentation des athenischen Lebens brachten alljährlich einmal die Panathenäen, deren ideales Nachbild wir im Fries des Parthenon haben; die Eleusinien waren die höchste Weihe Griechenlands und für ganz Griechenland, und dazu kamen noch die Dionysien mit Tragödie und Komödie.

Die Bedeutung Athens als Kulturherd wußten die Griechen aber auch[193] zu schätzen. Daß in Athen die größte Freiheit zum Reden war110, d.h. daß man es nirgends so wie hier mit allem wagen und auf soviel Eingehen und Verständnis hoffen könne, war eine zugegebene Sache. Die Hauptvoraussetzung dabei war, daß man nur hier im tiefern Sinne des Wortes zu sprechen wisse, während z.B. Elier und Böotier nicht als klug im Handhaben des Wortes (σοφοί λέγειν) galten und nicht als fähig, die junge Welt zu überzeugen. In welcher andern Stadt hätte auch ein Antisthenes sein Dasein preisen können, wie er es in Xenophons Symposion (IV, 43) tut, indem er sagt, er habe Muße in Fülle, um das Schauenswerte zu schauen und das Hörenswerte zu hören und – was ihm das Höchste ist – umzugehen mit Sokrates? Wie dürftig erscheint daneben (wenn wir von den bildenden Künstlern absehen) das Personal an den andern Orten. Aus den kleinasiatischen Städten dringt kaum ein Laut zu uns; der größte ionische Mann, Heraklit von Ephesos, fühlt sich in seiner Bürgerschaft einsam und gibt ihr seinen Abscheu zu erkennen, und auch in Korinth ist man im V. Jahrhundert fast gänzlich ohne Personen. Dafür kommen bedeutende Ionier nach Athen: aus Milet sind Thargelia und Aspasia, aus Klazomenä Anaxagoras; überhaupt ist es der einzige Ort, wo auch auswärtige begabte Menschen eine Tätigkeit oder wenigstens, wenn auch nur als Metöken, eine relativ sichere Aufenthaltsstätte finden, und bei den Philosophen ist es fast von Anfang an der bevorzugte Aufenthalt, mögen sie auch zuweilen mit Asebieprozessen heimgesucht und die freie Forschung nichts weniger als begünstigt werden. Und nun entsteht auch das Höchste der Architektur und bildenden Kunst im Grunde nur hier, indem hochwichtige Künstler hier geboren werden (die dann auch auswärts das Größte schaffen) und anderseits Auswärtige sich am liebsten zu Athen aufhalten.

Daß indes auch im damaligen Athen eine Gestalt vorkommt, die von dem Leben und Treiben der Stadt nichts wissen will, darf nicht übergangen werden. Es ist der während des Peloponnesischen Krieges stadtbekannte Timon, ein ursprünglich freigebiger, nicht unedler, philosophisch gebildeter Mann, der durch Undank von Freunden und Schützlingen bis zum Haß gegen die Vaterstadt gelangt ist, aus welchem wohl erst spätere Zeiten eine eigentliche Menschenfeindschaft gemacht haben. Von ihm wird der charakteristische Zug gemeldet, daß er allein an Alkibiades seine Freude gehabt habe, weil er in ihm den künftigen Verderber Athens erkannte111.

[194] Und nun hatte dieses Athen noch sein Theater und schuf in seinen Tragödien die großartigste und letzte Verwirklichung des Mythus, welcher hier im Interesse einer neuen psychologischen Vertiefung ganz frei gehandhabt wurde, während seine Komödie als groteske Verklärung der Tagesinteressen und als eine bunte Welt in Karikatur die Menschen entzückte. Und zwar war es offenbar lange im Alleinbesitz der beiden dramatischen Gattungen und blieb es im Grunde immer. Nur hier lernte der Grieche diejenige Objektivierung hellenischen Wesens kennen, welche diese Gattungen gewähren, mochten die großen Agonalstätten auch alles übrige Musische auf Augenblicke bei sich zu konzentrieren imstande sein. Während er bisher von dramatischem Wesen etwa diejenige heilige Pantomime gekannt hatte, da ein Priester oder eine Priesterin einzelne Momente aus dem Mythus ihrer Tempelgottheit darstellteA10, und außerdem auf Spaßmacher, Charakternachahmer und Possenszenen beschränkt gewesen war, die sich aus Volksgesprächen und Grimassen von selbst ergeben mochten, wurde er nun inne, daß es inmitten seines Landes eine Stadt gebe, wo aus dem Taumel des dionysischen Kultus eine lebendige VerbildlichungA11 des ganzen Mythus sich erhoben habe; er erfuhr ferner, daß es hierfür einen eigenen kolossalen Bau gebe, in dessen Halbrund sich das Volk wie in einer zweiten Volksversammlung fühlen könne112, während auf einer Bühne das, was anderswo nur Rhapsoden erzählten oder Bildwerke darstellten, durch lebendige Gestalten und reiche Chöre magisch vorgeführt werde, und zugleich erfuhr er, daß in demselben Bau zu gewissen festlichen Zeiten das Bild des wirklichen, jedesmaligen Athens in kolossaler grotesker Umgestaltung zur Darstellung gelangeA12. Endlich tönten durch ganz Griechenland einzelne Namen von großen Dichtern, welche die Träger von diesem allem, von dieser neuen, sonst A13 unerhörten Poesie seien. Und dies Neue war nicht etwa ein asiatischer Importartikel,[195] sondern eine in höchstem denkbarem Sinne hellenische Schöpfung, hervorgegangen aus dem tiefsten Innern des nationalen Geistes.

Die Sache hatte freilich auch ihre Kehrseite. Der Zwang zur Choregie mochte, wie wir früher gesehen113, auf den Besitzenden oft sehr schwer lasten. Auch ist in diesem Werke schon wiederholt betont worden114, daß die in der Komödie geübte persönliche Schmähung vor allem eine erstaunliche Roheit und Grobheit war, und daß, was sonst in der ganzen Welt Kot gewesen ist, es auch bei Aristophanes (wie schon bei den Iambikern) gewesen sein muß, so gerne manche Gelehrte für ihn eine Ausnahme machen möchten. Und nun wird einerseits der Verkehrston der attischen Gesellschaft unvermeidlich unter dem Eindruck der Komödie gestanden haben, anderseits aber müssen wir auch der Opfer dieses Tones denken. Wohl mag eine Gesellschaft und Geselligkeit, welche das ganze Jahr neben allen andern Guillotinen auch die der Komödie über ihrem Halse hängen sah, ein Interesse dabei gefunden haben, sich gleichgültig zu stellen, war es aber wohl mit Ausnahme derjenigen, welche dabei ausgeschämt wurden, im Innersten nicht, und wenn man nun in Athen, wo man nur um eine Ecke ging oder zu einem Symposion kam, auf Opfer der Komiker traf und von den nächsten Dionysien an selber dazu gehören konnte, so bildete sich diejenige Stimmung, wobei der Geist ganz im Stillen eine Tür nach der andern und zuletzt auch die innerste zuschließt.

Aber im höchsten Grade bezeichnend für die athenische Gemütsart, wahrscheinlich gegenüber von allen übrigen Griechen, jedenfalls aber gegenüber von andern Völkern bleibt das Verhalten der alten Komödie zum Zustande der Stadt. Kein jetziges Volk hielte diese Art von Objektivierung seiner selbst, und zwar an feierlicher, fast offizieller Stelle, aus, und am allerwenigsten in Zeiten der Not und des allgemeinen Leidens oder doch der allgemeinen Besorgnis; dieses ganze groteske Akkompagnement eines Krieges, wie der PeloponnesischeA14, würde jede jetzige Stadt sich verbitten, und ein Aristophanes würde als ein ruchloser Farceur gegenüber dem allgemeinen Elend erscheinen. Und nun zeigt sich doch darin, daß das damalige Athen hierfür nicht bloß einen, sondern eine Anzahl von Dichtern mit einem völlig gereiften, selbstverständlichen Stil fand und gewähren ließ, eine größere Unabhängigkeit vom ordinären Wohlergehen, als neuere Bevölkerungen irgend haben würden. Die nämliche Komödie aber ist nicht nur fähig, den jedesmaligen Lenkern, sondern auch dem ganzen allgemeinen Pathos Hohn zu bieten: Athen duldet den souveränen Witz über sich selber.

[196] Was das sonstige Leben in Athen betrifft, so ist anzuerkennen, daß damals eine Zeit war, wo der Geist zu seiner Ehre kam; man konnte ganz arm und doch ein wichtiger Mann sein. Der tapfere und kühne Lamachos z.B. war so unbemittelt und einfach, daß er den Athenern bei jedem seiner Kommandos eine geringe Summe »für Kleidung und Soldatenschuhe« verrechnete115 und dies wohlgemerkt durfte. Bei der allgemein vorgeschriebenen Einfachheit des Lebens, und zumal bei der Homogeneität und Zugänglichkeit der geistigen Genüsse konnte man sich viel mehr gleichen, und der Reichtum unterschied noch nicht so, wie heutzutage der Fall ist. Auch in Athen wird zwar seine Geltung mit dem Worte »das Geld, das Geld ist der Mann!« laut beklagt; aber im ganzen bestimmte er den sozialen Rang doch noch nicht und war dabei eine gefährliche und immer gefährlichere Sache. Ein Mittel, ihn zu gewinnen, war die Führung der Politik. So soll das Vermögen des Themistokles, der von seinen Eltern drei Talente geerbt hatte, nach einer Nachricht bei der Konfiskation deren über hundert betragen haben, und Kleon, der mit nichts angefangen hatte, hinterließ fünfzig Talente116. Selten vergaß sich ein Politiker selbst, wie Aristides tat. Einige waren auch von Hause aus reich. So Nikias und die Dynastie, in welcher die Namen Kallias und Hipponikos wechselten. Der sprichwörtlich reiche Kallias II. soll 200 Talente besessen haben, die dann freilich sein gleichnamiger Enkel, in dessen Hause Platos Protagoras und das xenophonteische Symposion spielen, mit Dirnen, Schmarotzern und Sophisten zusammen verschwendet hat. Es scheint aber, daß die frühere Generation (um 500) den Reichtum mehr in Wohlleben und Pracht zutage trug als die perikleische; denn die alten Athener trugen purpurne Überwürfe und bunte Leibröcke, hatten das Haar in Zöpfen, die mit goldenen Zikaden geheftet waren, verwandten auch sonst vielen Goldschmuck und ließen sich von Dienern Klappstühle nachtragen117. Dagegen in der perikleischen Zeit vereinfachte sich die Tracht118, ein Wunder, welches wohl großenteils der allgemeine Neid[197] zustande gebracht haben wird, indem man der hohen finanziellen Zumutungen wegen etwas behutsamer wurde, daneben gewiß aber auch das Bewußtsein, daß der schöne Mensch in der einfachen Tracht schöner sei, und daß man sich darin bequemer bewege. Daß eine große tatsächliche Gleichheit herrschte, und daß das Aussehen bei Arm und Reich, Mann und Frau davon abhing, ob man gut gewachsen war und sich gut bewegte, lassen verschiedene direkte Aussagen erraten. Wir erfahren z.B., daß man ein Oberkleid, wenn man kein eigenes hatte, beim Walker um einen halben Obol auf den Tag entlehnen konnte, und daß, wenn man sparen wollte, Mann und Frau das gleiche tragen durften119. Der Stoff war die Wolle, und es ist überliefert, daß das Spinnen und Weben die ständige Tätigkeit der unverheirateten Griechinnen (außer den Lakedämonierinnen) gewesen sei120. Daneben erfährt man freilich aus den Komikern allerlei Namen von Putzstücken und sonstigen Verschönerungsmitteln, und die Eitelkeit wird sich von jeher auszuzeichnen gewußt haben121; aber im großen kam es darauf an, wie jeder sein Obergewand trug122. Und auch das übrige Leben war noch einfach. Man[198] wohnte in Häusern mit dünnen, steinernen Wänden, die ohne zu große Schwierigkeit von Dieben (τοιχώρυχοι) durchgraben werden konnten; ein gewisser Besitz von Mobiliar war auch bei den ärmern Leuten vorhanden123, aber im ganzen scheint auch dabei nicht viel Luxus geherrscht zu haben und ebensowenig damals noch im Essen und Trinken. Eine Anzahl von Reichen mochte natürlich in allen diesen Dingen eine Ausnahme machen; es ist überliefert, daß solche bereits Gymnasien und Badeanlagen für sich hatten124.

Nun war freilich in der nämlichen Zeit, da Sparta bei den Griechen im allgemeinen eine starke Verdunkelung erlitten haben muß, zu Athen beständig in Staatsansicht und Leben eine Partei von Lakonizonten vorhanden, die sich eines noch einfachern Lebens beflissen, einen kurzen Mantel trugen, sich mit Riemen gürteten, mit besonderer Vorliebe turnten und die Ohren vom Faustkampf zerschlagen hatten, ganz als läge in diesen Dingen die Überlegenheit der Lakedämonier über die Hellenen125. Es mochte ihnen dabei zum Teil wohl bitterer Ernst sein, denn sie konnten gegen ihre Vaterstadt manches auf dem Herzen haben, zum Teil war es aber gewiß nur Modesache126 und bei der sonstigen Armut mancherA15 Betreffenden leicht zu erreichen; am Ende hat man in einer Zeit, da das Vermögen zur eigentlichen adligen Lebensweise mehr und mehr abnahm, etwa schon aus Sparsamkeit lakonisiert127.

Den spätern Niederschlag in der Meinung über das Aussehen der alten Athener finden wir bei dem ältern Philostratos128, der als ihr Charakteristikum den überaus klugen und geistvollen Blick nennt und auch der Athenerin ein ernstes Äußeres zuschreibt. Anderseits ist freilich bei Aristophanes auch davon die Rede, daß sich die attische Frechheit, wie in gewissen schnippischen Redensarten, so auch in einem spezifisch attischen[199] Blick ausspreche129. Daß sich der Sklave in Athen besonders frech und keck benahm, haben wir früher gesehen130.

Um nun aber nochmals auf den Charakter der Athener zu kommen, so lautet das allgemeine moralische Urteil über sie allerdings verschieden. Es wird ihnen vieles nachgeredet; aber noch der sonst bittere Plato, der die Schlimmsten unter ihnen besser als irgend jemand kannte und schilderte, läßt ihnen eine schöne Gerechtigkeit widerfahren, indem er131 den Lakedämonier in seinen »Gesetzen« den Satz, »daß die Guten unter den Athenern dies in besonderm Grade sind«, als ein bekanntes Wort anführen und damit begründen läßt, »daß sie allein ohne Zwang, aus der reinen Natur heraus gemäß gottbestimmtem Schicksal wahrhaftig und ungekünstelt gut sind«. Diese freie Sittlichkeit, welche mit der höhern Bildung und allgemeinen Selbständigkeit zusammenhängt, war Sache der Besten. Aber auch im ganzen waren die Athener von allen Griechen das empfindungsfähigste Volk und gewiß am ehesten der Rührung zugänglich; nur hatten sie die Schwäche, wie die Franzosen J.J. RousseauA16, die Ergreifbarkeit und das Tugendgefühl für etwas Bares zu nehmen, und blieben dabei doch, wie sie waren. Ihnen wurde die ganze sokratische Ethik gepredigt; alle Welt wollte sie besser machen, und auch die Dichter erhoben diesen Anspruch132. Das Resultat dieser beständigen Erzieherei war dann, daß man dem Guten applaudierte, weil man Geschmack dafür hatte, dabei aber blieb, was man war, wie in der Legende die Zuhörer eines gewissen Heiligen. »Die meisten Erfolge sind euch dadurch entgangen, daß ihr eure Pflicht nicht tun wolltet, nicht dadurch, daß ihr sie nicht einsahet«, sagt Demosthenes133. Die nämliche Wahrheit ist aber auch in der hübschen Anekdote von den spartanischen Gesandten im athenischen Theater illustriert, denen das Volk mächtigen Beifall klatschte, weil sie vor einem Greise aufstanden, dem sonst niemand Platz machte. »Die Athener wissen, was das Rechte ist, tun es aber nicht«, sagte damals einer der Spartaner134.

[200] Hier möge auch des höchst bezeichnenden Optimismus in den Ausdrücken gedacht sein, der eine spezielle Unart der Athener gewesen istA17. Man liebte, von schlimmen Dingen mit Schonung zu sprechen und gab ihnen, wie Plutarch135 sagt, immer den mildesten Namen. Schon Solon hatte für seine große Eigentumsentziehung »Lastenabschüttelung« (σεισάχϑεια) gesagt. Spätere nannten die Huren »Hetären«, die Tribute (φόροι) »Zuschüsse« (συντάξεις) – wobei freilich das Seufzen der Bundesgenossen das gleiche bleibt – die Besatzungen (φρουραί) »Bedeckungen« (φυλακαί), das Gefängnis »Wohnung« (οἴκημα). Ein Unglück wie Niederlagen, Schiffbruch, Tod usw. umschrieb man dezent mit dem Ausdruck »etwas dulden« (παϑεῖν τι); Lysias braucht im Gegensatz zur glücklichen Lage des Staates nicht das Wort »schlecht«, sondern »ungeschickt« (ἀνεπιτηδείως) oder »fahren, wie wir lieber nicht wollten136«; von Frevlern gegen die Vaterstadt sagte man »sie haben gegen die Stadt Unglück gehabt« (δεδυστυχήκασιν εἰς τὴν πόλιν)137; zu Aristoteles Zeiten nannten sich sogar Räuber »Erwerbende« (πορισταί)138. Das wären an und für sich nichts als nette Schattierungen gewesen, wenn nicht die Sache durch jene furchtbare, auf ganz Griechenland, gewiß aber besonders auf Athen bezügliche Schilderung im dritten Buche des Thukydides (82) vervollständigt würde, wo die Entwertung und Veränderung der Ausdrücke als Begleiterscheinungen der Zersetzung und des Verfalls namhaft gemacht werden139.


Indem wir nun von den Athenern zu den Griechen überhaupt übergehen, haben wir vor allem vom Zurücktreten des eigentlichen Agonalen zu sprechen. Wenn es einen ganz großen Unterschied zwischen dem V. und dem vorigen Jahrhundert gibt, so liegt er hier. Zwar äußerlich bleibt noch der Pomp des Athletentums, und Pindar, der noch ganz das alte Lebenspathos der Olympioniken verherrlicht140, wirft einen Schein über seine[201] ganze Zeit, als wäre alles noch wie früher gewesen, auch wußte man in kleinen Städten natürlich noch immer nichts anderes, als daß der Athlet das Ideal der Menschheit sei141, und noch eine Schar wie die Griechen der Anabasis hält, sobald sie sich einigermaßen in Sicherheit sieht, unter den unbequemsten Umständen einen Agon in allen Formen der Gymnastik und mit einem Pferderennen ab. Aber bald nach Pindar scheint das Epinikion ausgestorben zu sein, zum Zeichen, daß er selbst bereits eine zurückbleibende Potenz gefeiert hatte, und da er sehr alt wurde, konnte er noch erleben, wie fast plötzlich allerlei Kritik und Spott über die Ringkampfsieger laut wurde. Hatte schon früher mit einer der Elegien des Xenophanes142 die Philosophie protestiert, sie sei mehr wert als alle agonalen Sieger, da diese doch einer Stadt weder Wohlgesetzlichkeit noch materielles Gedeihen schaffen könnten, so ließen sich ähnliche Äußerungen jetzt auf der attischen Bühne hören. »Nicht die Männer mit breiten Schultern und breitem Rücken sind die verläßlichsten, sondern die Verständigen bringen überall die Entscheidung«, heißt es bei Sophokles143, und in einem Fragment des euripideischen Autolykos144 wird ausgeführt, bei den Athleten gehe alles mit Fressen drauf, so daß sie keine Habe für das Vaterland erwürben, und arm zu sein verständen sie dann auch nicht. In der Jugend Stadtgötzen, gingen sie im Alter wie schäbig gewordene Mäntel einher. Und da laufe Griechenland um ihretwillen zusammen! Wer von diesen Ringern, Läufern usw., die da bekränzt worden seien, habe hernach der Vaterstadt genützt? Ziehe man denn mit dem Diskos in die Schlacht? usw. Im täglichen Leben behauptet sich die Gymnastik freilich schon aus sanitarischen Gründen als eine selbstverständliche Diät; aber man machte kein großes Aufsehen mehr davon, und selbst den Spartanern scheint mit der Zeit wenigstens die ewige Turnerei verleidet gewesen zu sein, so daß die Ephoren der Garnison von Dekeleia die Mahnung mußten zukommen lassen, sie solle nicht promenieren statt zu turnen145.

Die Erklärung für diesen Rückgang liegt darin, daß es seit der Zeit, da die Griechen die Verdienste im Perserkrieg als einen Agon behandelten, ganz andere Wettkämpfe gab als die im Stadion von Olympia und ganz andere Preise für höchste Auszeichnung als den dortigen Ölbaumkranz. Es ist wohl nicht mehr als ein netter Mythus, was Herodot (VIII,[202] 123 f.) berichtet, daß nach Salamis die griechischen Strategen auf dem Isthmos darüber abgestimmt hätten, wer der ruhmwürdigste und wer der zweitruhmwürdigste Hellene sei, und daß von den zwei Stimmen, die jeder Stratege auf den Poseidonsaltar legte, je die erste ihm selbst, die zweite dem Themistokles gegolten habe, worauf man freilich Bedenken gefunden habe und ohne Entscheidung abgereist sei. Aber im höchsten Grade bezeichnend ist diese Geschichte, weil sie eine große Veränderung des Horizontes der Griechen dartut: der Grieche will durch Verdienste um Hellas zuvorderst stehen und denkt, wenn er sich nicht ausgezeichnet hätte, ginge die Welt unter; in zweiter Linie kann er dann allerdings nicht umhin, dem Themistokles die Palme zu reichen146.

Mit dem zunehmenden Eindringen der Demokratie verloren dann auch diejenigen Schichten, auf welchen tatsächlich der Agon größtenteils beruht hatte, die Macht und oft auch ihren Reichtum; auch die Gesellschaft, welche Pindar besingt, ist demnach eine bereits stark im Sinken begriffene. Alle Siege in Olympia usw. garantierten eben nicht mehr den mindesten Einfluß in der Polis147, wonach doch jetzt alle strebten. Die Polis aber nimmt mit denjenigen vorlieb, welche ihre Leidenschaften vertreten, und fragt gar nicht mehr nach der Edeltrefflichkeit; vielmehr geschieht alles, um den Denkenden das »immer der Erste sein wollen« zu verleiden; ja die ganze Praxis der Demokratie wird mit der Zeit ein unechter Agon, wobei die scheußliche Übelrede, die Sykophantie usw. sich in den Vordergrund drängen. Diese Polis bleibt nur höchst schausüchtig und beutet den Rest von Wetteifer der Besitzenden durch scheinfreiwillige Choregien aus; darum bleibt einstweilen noch, wenn auch immerhin nur in Athen, der dramatische und chorische Agon am Leben, bis auch dieser dem allgemeinen Dilettantismus und ohne Zweifel auch der Futilität der Kampfrichter unterliegt. Sonst brauchte man die Edeltrefflichkeit, solange man in Athen auch die Fiktion aufrecht erhielt, als wäre die Demokratie dauernd mit ihr verbunden, überhaupt nicht mehr, da man ja die Mehrheit[203] hatte, und sie hatte, auch wo sie noch weiterlebte, ihre Gründe, nicht stark hervorzutreten; denn Reichtum an den Tag zu legen wurde wohl allmählich überall bedenklich, und dieser war doch eine Vorbedingung des agonalen Betriebes gewesen. Die Neureichen aber (wenigstens in dem Megara des Theognis) werden sich alle Kalokagathie erspart haben148.

Auch das Aufkommen der Redekunst schadete der Gymnastik. Nachdem die Griechen von jeher höchst beredt gewesen und die Beredsamkeit (und zwar auch die öffentliche und gerichtliche) als hohe Gabe der Musen gepriesen hatten149, erschien dies im V. Jahrhundert wie abgetan neben dem, was die großgriechischen Sophisten150 brachten, und was nun für Staatsrede und gerichtliche Rede bald als unentbehrlich galt. Die frühere Eloquenz war höhere Begabung, die jetzige das Resultat einer Schulung. Die causa, welcher diese »geschulte« Rede von den sizilischen Prozessen an dient, ist freilich indifferent und die Beredsamkeit, zumal bei den demokratisierten Gerichten, von Anfang an moralisch in den zweifelhaftesten Händen. Aber sofort muß sich in den wichtigern Städten ein Auditorium hinzugefunden haben, welches diese Gattung bewunderte und darnach verlangte; auch muß sich ein Agon von Redner gebildet haben, der jetzt viel interessanter schien als die Gymnastik. Darum wird die Verödung der Gymnasien in Athen von Aristophanes in den Wolken gewiß nicht mit Unrecht mit der Sophistik in Verbindung gebracht; die junge Welt hielt sich statt in ihnen in den Gerichtshöfen auf und hielt, während die Alten zu Felde zogen, Volksreden, weil das Gerede die Leute viel namhafter machte; am meisten aber soll diesen die Jugend verhaßt machenden Ton Alkibiades angegeben haben, in dem man denn auch den »Zerstörer der Gymnasien« erkannte151.

Die Macht der Persönlichkeit zeigt sich also jetzt in den großen Beispielen nicht mehr agonal, d.h. im Siege über einen oder einige Ähnliche, sondern absolut, und was Plutarch von Themistokles sagt, daß er auf jedem Gebiete von andern unterschieden (ἴδιος) sein wollte152, gilt mehr[204] oder weniger von allen damaligen großen Männern. Dies hinderte indes nicht, daß die großen Männer der Einzelstaaten es etwa liebten, blendend in Olympia aufzutreten, und sich hier ganz Hellas empfahlen, ja die Festbesucher bewirteten und dabei etwa auch die Spartaner ausstachen.

Und hier kommen wir nun wieder auf Alkibiades. Dieser beschloß kurze Zeit, nachdem Aristophanes in den Wolken die Hippotrophie schon völlig als Karikatur gegeben hatte153, den Umstand, daß die Griechen die Aufregung des Wettfahrens doch nicht entbehren konnten, dafür auszubeuten, daß ganz Griechenland sich mit seiner Person beschäftigen sollte. Nachdem er bereits ein großes Vermögen durchgebracht, hatte er jetzt durch seine Verheiratung mit der ersten Partie Griechenlands, der Tochter des reichen Hipponikos, wieder Geld in Menge, und so sandte er denn nach Olympia, was sonst selbst kein König je getan hatte, sieben Wagen und gewann drei Preise. Dabei machten sich fremde Städte, die sich wohl bei Athen recht insinuieren wollten, eine Ehre daraus, ihn zu unterstützen: Ephesos lieferte ihm ein Prachtzelt, Chios Pferdefutter für den kolossalen Marstall, mit dem er auftrat, und Opfertiere, Lesbos Wein und andere Ausstattung für die Bewirtung zahlloser Hellenen. Es war eine panhellenische Choregie im großen, womit er für Athen renommieren wollte, eigentlich aber über Athen hinausdachte. Daß durch diesen Pomp die individuellen gymnischen Sieger diesmal ruiniert werden mußten, liegt am Tage; Alkibiades soll sie verachtet haben, weil sie manchmal von geringer Herkunft, aus kleinen Städten und wenig gebildet waren, vielleicht dienten sie ihm auch nicht, weil er an ihnen seine Meister würde gefunden haben; die zuschauenden Griechen aber, rechnete er, seien schon verpöbelt genug, um die Gemütsspannung beim Wagenfahren ergreifender zu finden als die beim Anblick gymnischer Meisterschaft, und um in großen Gratisbewirtungen etwas höchst Angenehmes zu sehen. Der Erfolg war dann freilich, daß sein und Athens Ruhm in jedermanns Munde war; zugleich aber wurde der Sache insofern moralisch der Boden ausgeschlagen, als der Phantasieeffekt der Wagenfahrerei nunmehr abgenutzt war, und ein Stück wie das, daß er es wagen konnte, einem athenischen Landsmann, der zu Ehren seines Hauses und der Stadt Athen gleichfalls konkurrieren wollte, das Gespann einfach abzuzwingen, mag dann noch dazu beigetragen haben, die letzten guten Toren zu verscheuchen154. In den Demokratien war wohl bald fast[205] niemand reich oder unklug genug, um an den Festen mit einem solchen aufzuziehen.

In der nämlichen Zeit fällt der Begriff der Kalokagathie, welcher früher rein dem Leben entnommen war und das aristokratisch-agonale Wesen bezeichnete, den Philosophen in die Hände, welche den alten Sinn scheinbar beibehalten, ihn aber doch auf alle Weise ethisch in die Kur nehmen. War die Kalokagathie ein Sein gewesen, so tritt nun an ihre Stelle ein Wirken auf andere, nämlich das »die Menschen besser machen« (τὸ βελτίους ποιεῖν τοὺς ἀνϑρώπους); dies wird nunmehr der Maßstab, der an Menschen und Einrichtungen gelegt wird; Sokrates aber, und wer sonst noch so redete, sprach damit ein neues Ideal aus, mochte es mit der Wirklichkeit aussehen, wie es wollte. Und schon hatte man dabei nicht mehr den Edelfreien, sondern den Bürger überhaupt, ja bald den Menschen überhaupt im Auge.

Überhaupt scheint damit, daß die Demokratie die Werte der Menschen ganz neu zu verteilen anfing, der Rasseglauben eine ziemliche Erschütterung erfahren zu haben, und zwar in Athen ohne Zweifel durch die starke Mischung der aktiven Bevölkerung, die Aufnahmen von Metöken und Fremden in die Bürgerschaft, das Vordrängen des Seevolks, welches bei Salamis gesiegt hatte, wie der Hoplit bei Marathon, anderswo aber durch allerlei Gewaltsamkeit beim Sturz der Oligarchen und ganz besonders durch zahlreiche teils freiwillige, teils (bei Katastrophen) erzwungene Mesalliancen. Schon Theognis (183 ff.) beklagt es schwer, daß das Geld das edle Blut mit dem unedeln vermischt habe, und daß so die Rasse, welche man bei Schafen, Eseln und Pferden rein zu erhalten strebe, bei den Menschen verdorben werde, indem der edle Mann das Weib aus gemeinem Hause heirate und umgekehrt. Das komische Urbild einer Mesalliance des Geblüts sind für uns der bäurische Strepsiades der aristophanischen Wolken und seine Megaklidion155, von welcher der Sohn die nobeln Passionen geerbt hat. Daß aber der Reichtum in der nämlichen Zeit, da das Heruntersetzen der Reichen auf der tragischen Bühne ein häufiger Gemeinplatz war, so gefährlich er seinem Besitzer werden konnte, stärker begehrt wurde, hatte seinen Grund: er verlieh zwar nicht die eigentliche Achtung, war aber notwendig die Hauptsache geworden, als die früher mit ihm verbundene höhere Distinktion aufhörte.


In diesem Jahrhundert ist nun auch das Aufkommen zahlreicher berühmter Ärzte zu beobachten. Einen Anfang der innern Medizin können wie zwar bereits frühe, im Epos, konstatieren. Schon Arktinos156 in der[206] »Einnahme Troias« erzählt von den beiden Poseidonssöhnen Machaon und Podaleirios, daß jenem der Vater die leichtern Hände verliehen habe und die Gabe, Geschosse aus dem Fleisch zu ziehen und zu schneiden und alle Wunden zu heilen, diesem aber eine sichere Einsicht in die Brust gelegt habe, das Unsichtbare zu erkennen und das Unheilbare zu heilen157. Überhaupt hatte es wohl immer Ärzte gegeben, aber sie waren noch im VI. Jahrhundert rar. Damals ließ sich der böse Kleomenes von Sparta bei langer Krankheit noch von Katharten und Manteis behandeln, doch gab er zu, dies beweise eben, daß er nicht mehr ganz derselbe sei158, und schon pflegte etwa eine Polis berühmte Heilkünstler auf eine bestimmte Zeit zu mieten. So stellte Ägina den Demokedes, der es in Kroton bei seinem zornmütigen Vater nicht mehr hatte aushalten können, um ein Talent jährlich an, nachdem er, obwohl ohne Instrumente, Medizinen usw. die übrigen dortigen Ärzte (falls nicht Herodot das Dasein solcher bloß supponiert) alle übertroffen hatte. Derselbe ließ sich dann hernach von den Athenern um 100 Minen mieten, was diese wohl hätten bleiben lassen, wenn sie gute andere Ärzte gehabt hätten, und hernach von Polykrates gar um zwei Talente. Wie er schließlich Hofarzt bei Dareios wurde, aber nach nichts strebte, als in die Heimat zurückzukommen, und am Ende seine Flucht glücklich bewerkstelligte, ist eine Geschichte, die man nie ohne Bewegung wird lesen können159. Von ihm an nahmen aber, wie Herodot sagt, die krotoniatischen Ärzte die erste Stelle unter ihren Fachgenossen ein; nach ihnen kamen die von Kyrene; während das Mutterland das Primat der Musik behält, stammen also die ersten großen Ärzte aus den Kolonien.

Nun aber nahmen, wie gesagt, die Ärzte an Zahl stark zu. Dieselben bildeten sich in Schulen zu ihrem Berufe aus, und zwar schlossen sich solche besonders gerne an die Asklepiostempel und die damit verbundenen Heilanstalten an, deren berühmteste in Epidauros, dem thessalischen Trikka und auf Knidos und Kos waren; aus den Kurprotokollen, welche hier aufgenommen wurden, sollen etwas wie Archive medizinischer Beobachtung entstanden sein. Daneben aber beschäftigten sich seit Pythagoras auch die Philosophen gern mit medizinischen Lehren; geschah dies auch mehr um der allgemeinen Erkenntnis willen, als daß Männer wie Empedokles, Anaxagoras, Demokrit u.a. selbst Ärzte gewesen wären, so werden sie doch das Systematische in die Medizin gebracht haben. In der zweiten Hälfte des V. und noch tief in das IV. Jahrhundert[207] erfüllte dann, wie noch kein früherer, ganz Hellas mit seinem Ruhme der aus der Asklepiaden-Schule seiner Vaterstadt Kos hervorgegangene Hippokrates. Welchen Eindruck er auf die griechische Welt machte, geht schon daraus hervor, daß er von der Tradition mit allen berühmten Männern und Ereignissen zusammengebracht wird und u.a. die Pest des Jahres 430 vorausgesagt haben soll, eine Tradition, von der freilich alles einzelne bestritten und zweifelhaft bleibt. In Athen soll er von Staats wegen in die Eleusinien eingeweiht worden sein und viele Schüler160 herangezogen haben, denen er einen feierlichen Eid auf gewissenhafte Beobachtung der ärztlichen Pflichten und geregelte Transmission der Lehre abnahm; in seinen Schriften verehrte man gewissermaßen die Stimme eines Gottes. Auch sein Ruhm drang übrigens nach Persien, und er soll einen Ruf des Artaxerxes Mnemon abgelehnt haben, desselben Königs, bei dem wir zur Zeit der Schlacht bei Kunaxa den weltkundigen Knidier Ktesias als Leibarzt antreffen. Er starb in hohem Alter (wohl 577) in Thessalien.

Uns aber interessiert bei der Vermehrung der Ärzte und ihres Ansehens vor allem der Umstand, daß man der ärztlichen Kunst mehr als früher bedurfte. Die Griechen waren offenbar kränklicher geworden, und dies wohl kaum infolge größeren Wohllebens – obschon Pythagoras in Kroton und Empedokles bei seinen reichen Sikelioten auch hiermit dürften zu kämpfen gehabt haben – sondern vielleicht mehr vom vielen zurückgetretenen politischen Ehrgeiz und vom ungesunden Treiben der ganzen Polis. All die satanischen Bosheiten, womit man einander zusetzte, wird man auch physisch nicht umsonst gehabt haben, vielmehr mußte der unendliche heruntergefressene Ärger und Jammer des »Bürgers«, wobei dieser noch beständig von Sophrosyne duften sollte, Unzählige mit Notwendigkeit krank und nervös gemacht haben. Zudem mußte aber auch die »Entwicklung des Individuums« ihr Teil an der Entwicklung der Krankheiten und daher das Steigen der Ärzte mit sich bringen.


Bei derjenigen Erweiterung des Agonalen zu einem Wettstreit im ganzen Leben, welche für diese Zeit bezeichnend ist, treten nun eben vor allem die Individuen mächtig hervor. Hierbei wird zunächst bemerklich[208] das gänzliche Fehlen der »Bescheidenheit«. Die Philosophen, Sophisten, Dichter, Maler, Techniker, geschickten Leute aller Art, welche jetzt statt der Agonalsieger in Griechenland Zelebritäten werden, haben die Kunst und den Willen, sich ohne Rückhalt geltend zu machen, und die öffentliche Meinung verlangt dies von ihnen; denn nur auf Enthaltung von aller tatsächlichen Hybris, nicht aber auf Verbergen des eigenen Wertes bezieht sich die Sophrosyne; der Weise darf und soll sich als Weiser geben, der Glückliche, schon damit die Gottheit seinen Dank erkenne, als Glücklicher161; man braucht sich nicht zu verstecken und neben jedem elenden Kerl klein zu machen; das Zugeständnis der Hinfälligkeit des Glücks mag ja daneben immerhin offen bleiben. Hierher gehört schon das prächtige und stilvolle äußere Auftreten, womit man damals ohne Zweifel neben der vorherrschend einfach gewordenen Tracht der Bevölkerung sehr abstach. Wie schon früher bei festlichen Gelegenheiten die großen Musiker162, so hielten es jetzt Philosophen und Maler. Empedokles163, der sich freilich unter seinen Agrigentinern und Selinuntiern als einen auf die Erde gelangten Gott gab, und die Sophisten Gorgias und Hippias gingen in Purpur164, der erstgenannte auch mit Golddiadem und delphischem Kranz, und wie sich Parrhasios und Zeuxis trugen, haben wir bereits165 gesehen. Ferner ging man im Selbstruhm bis zum Unglaublichen an Naivität. Wie es Pindar damit hielt, haben wir früher betrachtet166; auch Simonides spricht in den Epigrammen unbefangen von seinem unübertroffenen Gedächtnis und von seinem im höchsten Alter durch einen chorischen Sieg gewonnenen Ruhme167. Mandrokles, der Erbauer der Bosporosbrücke für Dareios, stiftete von dem Geschenke des Königs in das Heräon von Samos ein Gemälde, welches die Überbrückung des Meeres samt dem thronenden Dareios und dem ziehenden Heere darstellte und eine Inschrift enthielt, wonach er mit dem Werke sich selbst einen Kranz aufgesetzt und dem Volke von Samos Ruhm erworben habe168. Parrhasios nannte sein Selbstporträt »Gott Hermes« und nannte sich in seinen Versen einen Sprößling Apolls und[209] Fürsten der Kunst oder den Hellenen, der den ersten Rang darin gewonnen und das höchste Ziel erreicht habe169, was er denn doch füglich dem Urteil der Nachwelt hätte überlassen können. Wenn Zeuxis seine Werke schließlich verschenkte, so lag der Grund hierfür zwar wohl nicht darin, daß er sie für unbezahlbar hielt, sondern er mochte sich dadurch wie Polygnot über die Banausie zu erheben glauben170; doch spricht sein Selbstgefühl aus dem Worte: »Es wird mich einer eher kritisieren als es mir nachtun«171. Sogar ein Teppichweber rühmte sich in Delphi an einem Teppich, Pallas habe eine göttliche Anmut in seine Hände gelegt172. Überhaupt kommt die Namensnennung auf Werken der Kunst und der Kunstindustrie, wie schon gesagt, nachweislich sehr frühe vor; wir wüßten gerne, wie weit sie auf Anathemen verboten war. Auch ganze Bevölkerungen streuen sich selbst den dicksten Weihrauch. »Seit der Pontus die Scheide zwischen Asien und Europa macht, und Ares der Rauhe die Städte der Sterblichen beherrschtA18, ist noch nie eine schönere Tat erdbewohnender Männer zu Lande und auf dem Meere zugleich geschehen«, hieß es auf der Inschrift des Anathems, das die Athener nach Kimons Land- und Seesiegen bei Kypern dem delphischen Apoll stifteten173.

Wie in der heroischen Zeit, so werden auch jetzt bei den berühmten Individuen die Erzieher und Ammen beachtet und notiert, wobei wiederum der Glaube an die Paideusis stark zutage tritt; es konnten sich auf diesem Wege Namen von unfreien Pädagogen174 erhalten, während der der Mutter daneben verlorengehen mochte175. Berühmt ist in dieser Beziehung[210] zumal Damon, der Musiklehrer des Perikles, der diesem freilich unter der Hülle der Musik sollte Politik beigebracht haben und darum später durch den Ostrakismos verbannt und von den Komikern als Cheiron verspottet wurde176.

Und nun bietet sich uns das Bild einer Mehrheit von Staaten, deren jeder abwechselnd personifiziert ist in führenden Individuen, welche ihrerseits wiederum abwechselnd steigen und stürzen, ein Anblick, wie ihn die Welt bisher nicht gekannt, gewiß auch die phönizischen und punischen Städte nicht. Welch ein Unterschied auch gegenüber Rom! Hier tragen bis ins VI. Jahrhundert der Stadt alle ausgezeichneten Menschen mit Ausnahme Coriolans und einiger wenigen andern Outlaws177 eine und dieselbe Physiognomie; sie sind einseitig als Krieger und Diener ihres Staats für Rom allein da, und erst spät mit der Allerweltsbildung kommen die entfesselten Individuen empor. Bei den Griechen aber waltet die Individualität, welche von andern unterschieden sein will178, und es tritt der Begriff der persönlichen Macht (δεινότης) in den Vordergrund, welche je nach Umständen die höchsten Verdienste und die größten Verbrechen gegenüber der Polis umfaßt; diese Polis selbst aber mit ihrem Argwohn und ihren engen Gleichheitsbegriffen einerseits und ihren hohen Ansprüchen an die Tüchtigkeit (ἀρετή) des Individuums anderseits treibt den Begabten auf diese Bahn, die ihn zum wagehalsigen Zugreifen (τόλμα) und unter Umständen zur Wut führen kann, und auch Sparta, welches die nach Allseitigkeit strebende Individualität in einer einseitigen Staatsnützlichkeit festhalten will, erreicht damit nichts anderes, als daß es lauter ruchlose Heuchler zieht, wie schon im VI. Jahrhundert den schrecklichen Kleomenes, im V. einen Pausanias und endlich einen Lysander. Ob nun diese Entwicklung für das Schicksal der Poleis gut, und ob sie überhaupt vermeidlich war, bleibt streitig; aber die griechische Welt macht damit im Guten und Bösen einen enorm reichen, genialen Eindruck179. Die Gefahr, die damit verbunden war, hat man später schon erkannt,[211] und aus Athen, das an hervorragenden Individuen die glänzende Reihe von Themistokles bis auf Kritias erzeugt hatte, ertönt wie eine Stimme aus einer Welt der Objektivität das Wort, welches Aristophanes dem Äschylos in bezug auf Alkibiades in den Mund legt180:


Ein Löwenjunges hege man im Staate nicht;

Doch ist's gehegt, dann füge man sich seiner Art.


Plato aber läßt im Gorgias, dessen fingierte Zeit nicht lange nach dem Tode des Perikles anzunehmen ist (p. 483 d ff.), die gewaltsame Persönlichkeit und ihr Recht als Gegenschlag der unwahren Gleichheit durch Kallikles folgendermaßen schildern: »Das Gesetz der Natur will, daß der Bedeutendere (ἀμείνων) über den Geringern (χείρων) herrscht. Freilich anders unser (athenisches) Gesetz, wonach wir die Tüchtigsten und Kräftigsten jung wie Löwen einfangen181 und sie mit beschwichtigenden Zaubergesängen und Hokuspokus kirre machen, indem wir die Gleichheit zum Prinzip haben und behaupten, sie sei das Schöne und Rechte. Wenn aber, denke ich, einer, aufsteht, der die richtige Natur dazu hat, so wirft er dies alles von sich ab und zerreißt es und entrinnt und tritt eure Schriften und Zaubermittel und Heilgesänge und gegen das menschliche Wesen gerichteten Gesetze sämtlich mit Füßen und zeigt sich als euer Herr, und da tritt strahlend hervor das Recht der Natur (τὸ τῆς φύσεως δικαιον).« Im IV. Jahrhundert war dann freilich wenigstens in Athen dafür gesorgt, daß sich die Sache anders gestaltete. Da ist man nicht mehr persönlich mächtig (δεινός) in Beziehung auf die Polis, sondern in Beziehung auf Philosophie, Eloquenz, Kunst, Privatleben usw.

Mit welchen Umrissen aber ein Wesen noch als groß galt, lehren zumal auch einzelne Gestalten der Tragödie, bei denen es im wesentlichen nichts ausmacht, daß sie mythisch und keine Menschen des V. Jahrhunderts sind. Denken wir vor allem an den Aias des Sophokles. Seine eigentliche Schuld, wie sie in der vom Boten berichteten Rede des Kalchas (758 ff.) definiert wird, ist nicht Trotz gegen die Götter, sondern nur das Gefühl übergewöhnlicher Kraft; er hat seinem Vater, der ihn mit dem Worte entließ, er solle mit einer Gottheit Hilfe immer siegen wollen, entgegnet: Mit den Göttern kann auch ein Nichtiger Kraft erwerben, ich getraue mir, auch ohne sie den Ruhm an mich zu ziehen; und den unversöhnlichen Haß der Pallas hat er sich dadurch zugezogen, daß er einst im Kampfe ihre Hilfe ablehnte, weil bei ihm der Feind nicht durchbrechen[212] werde. Damit zeigt er eine Gesinnung, die über das menschliche Maß hinausgeht, und deshalb wird er von Athene nach dem uralten, wildmythischen Motiv, woran der Dichter seine Psychologie heftet, verblendet und töricht gemacht, so daß er Vieh und Hirten tötet. Aber es ist wohl zu beachten: er würde, noch bei gesunden Sinnen, bloß weil ihm Achills Waffen vorenthalten wurden, die Führer des achäischen Heeres nachts mit Arglist ermordet haben. Daraufhin würde ihn ein jetziges Theaterpublikum nicht mehr tragisch finden und eine jetzige »öffentliche Meinung« ihn in ihrem Sinne für »verloren« und »verschätzt« halten. Für Sophokles und die Athener aber bleibt er eine der höchsten Teilnahme würdige ideale Gestalt, und die pathologischen Tatsachen seines Zustandes, wie teils er selbst, teils Tekmessa sie aussprechen, sind höchst großartig gemeint182. Auch eine Medea, wie wir sie bei Euripides motiviert finden, wäre auf der heutigen Bühne unmöglich; und nun kann gar ein szenischer Charakter noch sympathisch bleiben und allgemein verständlich sein, der seinen Machtsinn so unverhohlen in die Welt hinausruft, wie dies der Eteokles der Phönissen tut. Dieser will, anstatt gesetzlich und laut Abrede mit Polyneikes abzuwechseln, die Macht einfach behalten, weil er sie hat (504 ff.); um die Herrschaft, »die höchste Gottheit« zu besitzen, würde er in den Himmel oder in die Unterwelt gehen; sie einem andern zu überlassen und dafür das Geringere zu nehmen, freiwillig zu dienen, wo er herrschen könnte, erscheint ihm als Feigheit. Er schließt mit dem Satze:[213]


Wenn einmal Sünde sein muß, ist's am schönsten doch,

Um Herrschaft sünd'gen. Übrigens sei man gerecht.A19 183


Letztere Kautel ist echt athenisch und im Sinne einer Polis gesprochen, die, wenn's gerät, eine Zeitlang groß ist und vielleicht viele andere Gegenden zum Frieden unter sich zwingt; mißlingt oder erlischt aber die Machtbildung, so mag die Welt eine Zeitlang zur Mördergrube werden.

Um aber auf die historischen Persönlichkeiten Athens zu kommen, so ist das Naturell der damaligen großen Männer, von Themistokles an, überhaupt der stärkste Ausdruck des athenischen Wesens, daher denn auch Kimon als Ausnahme so kenntlich gewesen sein soll184. Ein echter Athener ist vor allem der erste, welcher Athen um jeden Preis vorwärts getrieben hat: der erstaunliche Themistokles. Voll von persönlicher Macht und Wagehalsigkeit und von jenem Triebe beherrscht, überall etwas Besonderes zu sein, gewinnt er schon in seiner ruchlos durchlebten Jugend durch Züge, die bereits völlig in der Art des Alkibiades sind, gewaltsam die allgemeine Aufmerksamkeit185. Er braucht dabei, um in der Demokratie zu gelten und zu blenden, enorm viel Geld186, ohne eine Spur von ökonomischem Gewissen; sobald er aber den erstrebten Einfluß hat, setzt er auch das Außerordentliche durch, nämlich den Verzicht der Bürgerschaft auf eine sonst echt im Sinne der Demokratie liegende Einrichtung: die Verteilung der aus den laurischen Silbergruben eingehenden Gelder unter die einzelnen Bürger. Es sollten aus diesen Einnahmen Trieren zum Kriege gegen die Ägineten erbaut werden, und erst noch hatte er, wie angedeutet wird, die geheime Absicht, daß die Schiffe zum Kampf gegen die Perser dienen sollten, wie denn auch geschah.

Es läßt sich nun überall fragen, wie weit dieser Odysseus des V. Jahrhunderts in Wahrheit der Tausendsassa und Schwerenöter gewesen sei, als den man ihn auffaßte. Vieles von der Tradition über ihn geht auf den unzuverlässigen Stesimbrotos von Thasos zurück, und wenn sich auch die Hauptsachen schon bei Herodot finden, so hat doch auch dieser nur[214] berichtet, was man ihm in Athen sagte187. Daß Themistokles aber mit Hilfe seines Frevelsinnes (des πανοῦργον) in verzweifelten Lagen unerhörte Wagestücke ausgeführt und die kolossalsten Gefahren auf sich genommen hat, wird man nie bezweifeln können. Und nun kommt noch die Bestechung und Überlistung der Spartaner, die Verbannung durch den Ostrakismos, die abenteuerliche Flucht, der überwältigende Eindruck auf Artaxerxes und das Ende in Magnesia, eine Geschichte, die, so vieles daran (namentlich an den letzten Schicksalen) erfunden sein mag, doch noch heute den Leser zwischen Bewunderung und Schauer balanciert und in einen Taumel der Hingebung hineinreißt.

Ein Vertreter der athenischen Art ist auch Perikles, der sich gebändigt und der Stadt vollständig gedient hat, mit deren Größe er die seine identifizierte. Er wollte die Gegensätze des vollkommenen Bürgers und des ungeheuern Menschen harmonisch in sich vereinigen; doch ist es auch ihm nicht ganz gelungen. Im übrigen hat auch er das Äußerste gewagt, und, wie früher schon gesagt, den Ausbruch des entscheidenden Kriegs mindestens wünschbar finden müssen188.

Und nun der Mann, in dem sich Athen im höchsten Grade personifiziert: Alkibiades! Wir kennen ihn scheinbar genau, nicht nur aus der Biographie des Plutarch, sondern aus Thukydides, Andokides, resp. PseudoAndokides189[215] und Isokrates (περὶ ζεύγους). Und doch ist es schwer, von ihm zu sprechen. Denn wenn wir aus Plutarch recht eigentlich sehen, wie Athen die »Individualität« dieses Menschen durch Hinterdreinlaufen und Aufnotieren alles dessen, was er tat, großzog, so geht daraus nicht minder hervor, wie die athenische Phantasie, sei es durch die Feder des Stesimbrotos oder anderer, nachgearbeitet und alles, was ihm ungefähr ähnlich sah, von ihm ausgesagt hat; auch hier wird man das Typische vom Historischen nie genau scheiden können. In ihm bekommt die demokratische Gleichheit der Bürger ihren Gegenschlag durch Schöpfung einer abnormen Absonderlichkeit, in deren Hände zuletzt in gefährlichen Augenblicken die Macht des Staates gerät. Diese Absonderlichkeit190 muß damit beginnen, alles zu sein und zu können, was man in Griechenland überhaupt ist und kann. Alkibiades ist von vornehmer Herkunft191 und von einer ausnehmenden Schönheit, die ihm in allen Lebensaltern eigen geblieben ist. Dazu ist er von der Natur mit einer Redegabe ohnegleichen ausgestattet und zugleich mit jener Gabe, sich den Menschen geistig zu assimilieren (ἐξομοιοῦσϑαι)192, wodurch er sie betört, ohne es zu wissen und zu wollen. Sein Verhältnis zu Sokrates würde dafür sprechen, daß es ihm anfänglich auch nicht an innerer Tiefe gebrach. Aber man muß sich hüten, Plato hier zu viel Glauben zu schenken; denn das Symposion begehrt keine historische Urkunde zu sein; sein Verfasser hatte in einem philosophischen Dialog das Recht des Dichters, das meiste hinzu zu ersinnen. Das Verhältnis könnte also sehr viel kürzer und geringer gewesen und von Alkibiades z.B. nur aus Pikanterie oder um Liebhaber zu ärgern aufgesucht worden sein; Plato aber konnte es bei der ungeheuern Macht, welche Alkibiades auf seine Mitbürger ausübte, wünschbar finden, auch diesen Schatten in seinen Dialog hineinzuziehen193. Mag es sich[216] indes hiermit verhalten haben, wie es will, sicher ist Alkibiades ein wunderbares Gemisch von ganz immensen Gaben auf der einen Seite und von einer höchsten, teils bewußten, teils unbewußten Scharlatanerie im Geltendmachen dieser Gaben anderseits, der größte aller Demagogen, wie ihn Plutarch treffend nennt194; ja auch jenes Sichakkommodieren an anderer Länder Sitte ist nur jedesmal wieder eine andere Face seiner Demagogie. Seine Athener aber sind von ihm völlig verhext, lassen ihm das Unglaubliche durchgehen und tun ihm den Gefallen, alles an ihm interessant zu finden, selbst ohne daß er das besonders zu wollen braucht; man kommt ihm dergestalt entgegen, daß es ein Wunder wäre, wenn er die Besinnung behalten hätte195. Mit der Zeit zeigt er dann allerdings durch sein Auftreten in Olympia196 gar zu deutlich, daß er die Griechen als Gaffer und Schwätzer taxiert. Hier malt er grell im Tapetenstil; in Athen aber wird seine Stellung bald so, daß Timon ihn als denjenigen begrüßen kann, der das große Verderben bringen wird197. Hatte er sich schon früher eingebildet, es könne jemand im Alter nicht ein großer Mann (λαμπρός) werden, wenn er jung nicht ein gänzlicher Frevler (πονηρότατος) gewesen sei198, so übt er nun, nachdem er durch die Macht der Rede die übrigen Demagogen aus dem Felde geschlagen hatte, in der Politik nach außen Lug und Trug und hat z.B. an der Ausmordung der Melier eine Hauptschuld199. Zugleich aber steckt er die Athener mit jenem ungeheuern Ehrgeiz (dem φιλόνικον und φιλόπρωτον) an, der ihm eigen ist, und zeigt den Willen, sich ihre Phantasie völlig dienstbar zu machen, und wenn er auch recht wohl weiß, daß die Sache mit Melos ruchlos und das sizilische Projekt unsinnig ist, treibt er doch bei[217] beidem vorwärts, um an der Spitze der athenischen Leidenschaft zu bleiben.

Die Konsequenz alles bisherigen Alkibiadeskultus tritt dann unausbleiblich ein. Die von ihm geweckte oder doch am meisten geförderte Ambition nicht nur auf Sizilien, sondern auf Herrschaft nah und fern, zumal auf Gründung eines großen Westreichs, führt zur sizilischen Expedition, dem Höchsten, was vermessener Egoismus wagen konnte200. Aber nun ist derselbe Mann, der die Athener in diese unglückliche Unternehmung hineingezogen hat, wegen des Hermokopidenfrevels in eine Kriminaluntersuchung verflochten und sieht plötzlich seine ganze Existenz bedroht. Und als er dann dem Staatsschiffe, das ihn nach Athen bringen sollte, entwichen und nach Sparta gelangt ist, da zeigt sich, was Plato an der angeführten Stelle201 das leuchtende Hervortreten des Rechtes der Natur nennt. In Athen zum Tode verurteilt, sagt er202: »Wir wollen beweisen, daß wir am Leben sind«, und wird nicht nur in seinen Manieren ein vollendeter Spartaner, sondern zeigt seine echteste Natur darin, daß er jetzt ganz Athenerfeind wird und sich keine halbe Wehmut oder gemütliche Hintertür offen behält. Ohne Bedenken gibt er die zweckmäßigsten Maßregeln zur Vernichtung Athens an: er mahnt zur Hilfe an Syrakus und zur Befestigung Dekeleias, damit die Athener ihre Einkünfte sowohl von der Landschaft als von den Bergwerken verlieren und auch ihre Bundesgenossen im Hinblick auf ihre Bedrängnis von ihnen abfallen sollen, und endlich betreibt er den Abfall Ioniens von Athen und das Bündnis zwischen Sparta und Persien. Nebenbei aber führt er sich noch im Königshause des Agis ungebührlich auf, indem er sich in ein Verhältnis mit dessen Gattin Timäa einläßt, mit der vollen Absicht, daß an Stelle von Herakliden seine Nachkommen Könige von Sparta werden sollen203.

Auch auf Tissaphernes, zu dem er seine Zuflucht nimmt, als die mißtrauisch gewordenen Spartiaten ihm nach dem Leben trachten, übt er seinen Zauber aus; denn es gab, wie Plutarch sagt204, keinen Charakter und keine Natur, die den Reizen seines täglichen Umganges hätte widerstehen können, und selbst solchen, die ihn fürchteten, gewährte seine Gegenwart und sein Anblick einen Genuß und frohe Stimmung. Und nachdem er eine Weile in einer Art von Mittelstellung gelebt hat, bietet[218] sich allmählich die Möglichkeit, in das tödlich geschädigte Athen zurückzukehren. Aus den Unterhandlungen, die deshalb in Samos gepflogen wurden, ist uns wieder ein ganz echter Zug überliefert. Er »weint« nämlich dort über sein Schicksal, weil er von seinen Feinden genötigt worden sei, seine eigene Kraft und Tüchtigkeit (ἀρετή) gegen die Vaterstadt zu betätigen205. Also diese schöne Eigenschaft, die hier ganz unabhängig von der Tüchtigkeit für den Staat als die berechtigt geltende Tatsache in seinem Wesen erscheint, hat das Recht, sich um jeden Preis zu offenbaren, und Feinde entschuldigen alles. Man akzeptierte diese Entschuldigung; seine Rückberufung war zwar nach dem Ausdruck des Dionysos in den aristophanischen »Fröschen« eine schwere Geburt206; sie wurde aber von ihm wunderbar vorbereitet, indem er nicht mit leeren Händen, sondern mit Glanz zurückkehren wollte; und er war wieder siegreich und hatte neue Verdienste um Athen gewonnen, als endlich der auf ihn geschleuderte Fluch von den Eumolpiden zurückgenommen und er mit unerhörtem Pomp in der Heimat wieder empfangen wurde. Darüber, daß man seiner Genialität nicht genug nachgesehen, konnte er sich wahrlich nicht beklagen; er erhielt das unbeschränkte Kommando zu Land und zur See, und besonders das geringere Volk soll gehofft haben, daß er mit der Verfassung und dem Schwätzerregiment, das den Staat zugrunde richte, ein Ende machen und die Zügel selbst ergreifen werde. Aber nun wurde ihm eben sein fabuloser Ruhm verderblich, indem man jetzt glaubte, es müsse ihm alles gelingen, und wo dies einmal nicht geschah, der Meinung war, es fehle nur an seinem guten Willen. Als er die übertriebenen Erwartungen nicht erfüllte, und sein Unteradmiral, der – als rechter Athener – auf eigene Faust Ruhm gewinnen wollte, sich bei Notion hatte schlagen lassen, begannen die Klagen in der Volksversammlung wieder, und er mußte, als der Demos nunmehr zehn Strategen wählte, von neuem weichen. In Thrakien, wo er sich einen Zufluchtsort gesichert hatte, hatte er dann noch Gelegenheit, den attischen Strategen ihrer exponierten Stellung wegen, die sie bei Ägospotamoi eingenommen hatten, eine nutzlose Warnung zukommen zu lassen; bald darauf ging er in Kleinasien durch Mörderhand unter.

Es hatte von dieser über alle Parteiherrschaft in Volksversammlung, Gericht, Hetärien usw. hinaus erwachsenen, allbetörenden Persönlichkeit für Athen geheißen, wie für Sparta von dem (im übrigen einen so viel[219] widrigern Eindruck machenden) Lysander: die Heimat hielte keinen Zweiten dieser Art aus207. Aber man hielt hernach schlechtere aus; denn Poleis sind dazu da, unerhörte Subjekte emporzutreiben; nur hatte man im IV. Jahrhundert, da wohl mancher gerne so hätte sein mögen, die alten Kräfte nicht mehr auszugeben. Alkibiades aber wird auf alle Zeiten ein Gegenstand des Nachdenkens sein. Wie er mit seinen persönlichen Gaben Athen zur sizilischen Expedition verführt, wie es ihn aufs Äußerste gebracht, unendlich viel von ihm gelitten, ihn wieder aufgenommen und nochmals von sich gestoßen hat, bleibt eine der beklagenswertesten Partien der ganzen griechischen Geschichte.


Mit dem Hervortreten der großen Individuen hängt das Wachsen der Ruhmbegier (φιλοτιμία), das Streben, seinem Leben durch Taten Glanz zu verleihen (τὸν βίον λαμπρὸν ποιεῖσϑαι τοῖς δρωμένοις)208 zusammen. Und zwar handelt es sich hier um den Ruhm bei der Nachwelt, an welchen zu denken heutzutage auch bei der glänzendsten Hingebung nur eine sehr geringe Neigung vorhanden ist, als empfände man dunkel, es möchte an der Nachwelt nicht mehr viel sein. Bei den Griechen aber kann Plato seine Diotima zu Sokrates sprechen lassen209: »Du siehst, wie die Menschen sich aufs äußerste anstrengen, um namhaft zu werden und unsterblichen Ruhm auf alle Zeiten zu erwerben; alle sind bereit, deshalb Gefahr zu leiden, mehr als um der Kinder willen, und den Besitz aufzuopfern und jede Anstrengung auf sich zu nehmen und für die Sache zu sterben. Oder glaubst du etwa, daß Alkestis wegen Admets gestorben oder Achill um Patroklos in den Tod gegangen oder euer Kodros für die Herrschaft seiner Kinder ihn gesucht hätte, wenn sie nicht gewußt hätten, daß ein unsterbliches Gedächtnis ihrer Tugend fortdauern werde, wie dasselbe jetzt wirklich bei uns fortlebt?« Worauf Sokrates entgegnet: »Weit entfernt, sondern damit ihre Tüchtigkeit unsterblich sei und ihr Name ruhmvoll, tun alle alles, und je trefflicher sie sind, um so mehr.« Daß dieses Streben nach Nachruhm bis in die heroische Zeit hinaufreicht, haben wir früher gesehen210; jetzt aber nimmt vollends der Agon diese höchste Form an, während anderseits mit der Zeit statt der Zelebrität auch die Notorietät ihre Rolle zu spielen beginnt, und man neben den berühmten Individuen, unter die z.B. auch die schönsten Weiber gehören211, auch die verbrecherischsten und die lächerlichen: die dummen Kerle, Fresser, Säufer usw. aufzählt212.[220]

Der größte Beweis der Ruhmbegier sind aber für uns die zahlreich werdenden Denkmäler. Der alte Orient kennt (vom König abgesehen) keine andere Verherrlichung des Individuums als das Grab, und auch dies außerhalb Ägyptens, dessen Grabstelen eine Ausnahme bilden, kaum irgendwo so ausgebildet, daß es das Privatindividuum mit seiner Persönlichkeit und seinem Tun der Nachwelt näher brächte. Der Despotismus hat das Alleinrecht auf Notorietät bei den künftigen Geschlechtern, so daß wir aus Vorderasien, Persien usw. nur von Königsgräbern etwas wissen. Bei den Griechen dagegen kann das einzelne Individuum verherrlicht werden, und zwar geschieht dies zunächst ebenfalls auf seinem Grabe durch die Grabschrift, (ἐπιτύμβιον, ἐπιτάφιον), deren poetische Form, das Grabdistichon, im V. Jahrhundert mit Simonides und dessen Grabschriften auf einzelne wie auf ganze Scharen jedenfalls einen ganz besondern Aufschwung genommen hat. Sodann aber zeigt sich die Verherrlichung, vom Grabe abgelöst, in der Form der Ehrenstatue, deren frühste Gattung, wie wir früher213 gesehen, die im VI. Jahrhundert schon beginnende Athletenstatue ist, die dann aber vom V. Jahrhundert an jeder Art von Zelebritäten: Staatsmännern, Strategen, Dichtern, Musikern, Rednern214 usw. teils von Staats wegen, teils durch Verwandte, Verehrer, Korporationen usw. gesetzt wird.

Es wurde nämlich mit der Zeit ein ganz übliches Ziel munizipaler Euergesie, daß man, wie durch Kränze, Proedrien usw., so vollends durch eine Statue auf Gemeindebeschluß belohnt zu werden wünschte, und so kam es, daß noch zur Zeit des Pausanias die Städte reich an Ehrenstatuen aller Art waren, worunter freilich die spätern, um sehr mittlerer Verdienste willen oder auch bloß aus Parteigunst gesetzten die frühern überwogen215. Außer den mächtigsten Depositis von Statuen auf den Agoren[221] und Akropolen der einzelnen Städte aber ist hier noch des Volkes von Porträtstatuen zu gedenken, welches sich an den großen Agonalstätten zusammenfand. Zumal Olympia und Delphi waren lange nicht bloß für Athleten, sondern für Berühmte jeder Art die allgemeinen Weihestellen der griechischen Ruhmesdemonstration. Hier verherrlichten Staaten ihre Mitbürger, ganz abgesehen davon, ob dieselben ihre Statuen auch in der Heimat hatten, und so fanden sich an diesen Orten Staats- und Kriegsleute (ohne Rücksicht darauf, wie wehe man damit den Unterlegenen tun mochte216, Friedensstifter, Geschichtsschreiber wie Anaximenes von Lampsakos, Redner wie Gorgias217, lakedämonische Könige, Diadochen usw. in bunter Fülle beisammen218.

Schließlich gelangte man auch zu der großen monumentalen Tendenzgruppe, wie sich denn Lysander in Delphi, von mehreren Göttern umgeben und von Poseidon bekränzt, inmitten seines Mantis, seines Steuermanns und von 27 Statuen (gewiß sonst ganz obskurer) Unteranführer der Spartaner und Anführer seiner Bundesgenossen darstellen ließ219. Aber gerade an eine nach Olympia gestiftete Lysanderstatue kann Pausanias auch die Betrachtung knüpfen, wie alle Welt mit solchen Ehrenbezeugungen nur immer den augenblicklich Mächtigen schmeichle. Die Samier hatten einst die eherneA20 Statue des Alkibiades in ihr Heräon als Anathem gestiftet; nach Ägospotamoi stifteten nicht nur sie jenes Lysanderbild nach Olympia, sondern auch die Ephesier in ihr Artemision den Lysander, den Eteonikos, den Pharax und andere durchaus nicht namhafte Spartiaten;[222] als aber die Dinge wiederum umschlugen und Konon bei Knidos gesiegt hatte, ging mit den Ioniern wieder eine solche Änderung vor, daß man im Heräon auch einen ehernen Konon und einen Timotheos sah und ebenso im Artemision220.

Was übrigens die berühmten Athener betrifft, so gab es von ihnen früher gemalte als skulpierte Porträts, und überhaupt nahm das gemalte Porträt im V. Jahrhundert stark zu, in öffentlichen Fresken wie als Tafelbild, das dann etwa von der Familie des Dargestellten in ein Heiligtum geweiht wurde. Solche Porträts sind dann in den spätern Zeiten massenhaft kopiert und selbst in Bücherminiaturen wiederholt worden.

Um aber nochmals auf das Grab zu kommen, so möge hier noch der Polyandrien, d.h. der Gräber für viele Gefallene, gedacht werden. Bei Platää hatten ein solches die Lakedämonier, die Tegeaten, die Athener, die Megarer, die Phliasier. Welche Ambition sich daran knüpfte, geht daraus hervor, daß von solchen Bevölkerungen, die nicht mitgekämpft hatten, um künftiger Geschlechter willen leere Grabhügel errichtet wurden221. Diese Geschichte beweist zum mindesten, was man sich in Sachen des erschlichenen und erpreßten Ruhmes zutraute, und hat ihre Parallele darin, daß Pausanias auf der Inschrift des delphischen Dreifußes frecherweise nur sich als Widmenden nannte222, und in der Ungeniertheit, womit nach den Perserkämpfen einzelne Staaten, Heere und Anführer die Ehre des höchsten Verdienstes für sich zu usurpieren suchten. Was aber die monumentale Gestaltung der Polyandrien betrifft, so kennen wir den Löwen von Chäronea. Derselbe war ohne Epigramm, und zwar, wie Pausanias meint223, weil das Glück der Tapferkeit nicht entsprach, vielleicht aber eher, weil jedes Wort überflüssig oder auch bei der fortdauernden und periodisch zunehmenden makedonischen Macht bedenklich gewesen wäre.


Indem wir nun zur Betrachtung weiterer gesellschaftlicher Verhältnisse übergehen, beschränken wir uns zunächst, was die Männerliebe betrifft, darauf hinzuweisen, was in dem Hauptaktenstück, das wir dafür haben, nämlich in Xenophons Gastmahl, in Sachen derselben öffentlich im Gespräch zugegeben und als allverständlich supponiert wird, und wenden uns nun vor allem der Stellung der Frauen zu. Diese ist gegenüber dem[223] vorigen Jahrhundert vielleicht noch wesentlich verringert, ja es hat bisweilen den Anschein, als wäre in Athen, aus welchem unsere Aussagen stammen, der letzte Rest von Herzlichkeit für das Geschlecht gewichen. Auch die besondern Feste und Mysterien der Frauen und ihr merkwürdiges, in starkem Kontrast zu der sonstigen Zurückgezogenheit stehendes massenhaftes Auftreten vor allem Volk nicht nur an der Panathenäenprozession, sondern auch bei ziemlich wilden Kulten224 beweisen noch gar kein hohes Ansehen derselben. Sklaven hatten ihre besondern Kulte auch, und das Höchste, das man hatte, nämlich alles Agonale sowie die Poesie und Literatur, zumal das ganze Drama, existierte doch nur für die Männer225. Auch Geltung in der Geselligkeit aber haben nur die Hetären; diese dürfen beim Symposion etwa das Wort führen; wie wir früher gesehen haben226, ist es aber auch wesentlich die Gabe der geistreichen Konversation, worauf ihre Bedeutung beruht, während für das Mädchen aus dem Hause das Schweigen und die wenigen Worte als Schmuck galten227.[224]

Dies gilt aber auch für die Frau des Hauses, für die Sophokles das klassische Wort hat228: »Schweigen, o Frau, gibt der Frau ihren Schmuck.« Sie soll aber nicht nur selbst nicht reden wollen, sondern der Schmuck soll auch darin bestehen, daß von ihr geschwiegen wird. Ganz sprechend ist in dieser Beziehung der Schluß der perikleischen Grabrede229, wohl das Offiziellste, was über die Stellung der Frauen in Athen existiert. Der Redner tröstet hier zuerst die Eltern, dann die Brüder und Söhne der Gefallenen und zuletzt die Witwen (es ist viel, daß diese nur anwesend sein durften) mit dem Wort: »Wenn ich auch der weiblichen Tugend mit Bezug auf die Witwen gedenken soll, so will ich mit kurzer Mahnung alles sagen: Zu großer Ehre wird es euch gereichen, wenn ihr euren Charakter nicht verleugnet und wenn so wenig als möglich, weder im Lob noch im Tadel, euer gedacht wird.« Dies ist das Zeugnis des Mannes, der mit Aspasia (die er dabei ausnehmen mochte) lebte und wohl auch sonst ein ziemlich bewegtes Liebesleben hinter sich hatte230.

Die Ehe aber wird gering geschätzt. Bei den ernsthaftesten Gelegenheiten stellt sich immer nur das Argument ein: sie existiere nicht wegen der Liebe und vollends nicht zur Befriedigung eines sinnlichen Bedürfnisses, sondern nur zur Erzeugung von Kindern, und um an solchen Pfleger für die alten Tage zu haben231, und zwar sollte man, wie Antisthenes232 beizufügen pflegte, dieser zu erzeugenden Kinder wegen das physisch und geistig bestbeanlagte Weib nehmen. Man könnte demnach fast auf den Gedanken kommen, die gesetzliche Ehe wäre in Athen überhaupt untergegangen, wenn nicht die Bestimmung sie geschützt hätte, wonach als Bürger bloß die Kinder von Bürgern und Bürgerinnen anerkannt wurden. Das ethisch Schönste und das Höchste an Verehrung, wozu ein Mann sich gegenüber seiner Frau aufschwingt, enthält noch der Ökonomikus Xenophons, wo Ischomachos erzählt, wie er seine junge Gattin erzog, der er am Ende sagte (42): »Wenn du dich besser erweisest, als ich bin, so wirst du mich zu deinem Diener machen.« Dies ist aber ein isoliertes Wort; das übrige ist alles Härte. Vor allem pflegt man, während die Frau zum Leben in ihrer Gynaikonitis verdammt und in jeder Weise[225] geknechtet ist, mit Kebsweibern und Hetären alle mögliche Üppigkeit; Klagen hierüber schallen uns aus den Thesmophoriazusen des Aristophanes entgegen233. Aber auch Sophokles findet das Frauenlos traurig, indem er erwägt, wie das herangewachsene Mädchen nach glücklich verlebter Kinderzeit von den heimischen Göttern und den Eltern hinweggestoßen und verhandelt wird, oft zu Fremden und Barbaren, jedenfalls in ein ungewohntes Haus und nach der Brautnacht alles loben oder schön zu finden scheinen muß234. Schon an die Werbung knüpfen sich Dinge, die etwas Anstößiges haben. Man denke an die Naivität, womit man Bräute sitzen läßt, sobald sich findet, daß deren Vater arm gestorben, was nicht nur beim Tode Lysanders, sondern nach der einen Version235 bei dem des gerechten Aristides vorgekommen sein soll. Von einem Durcheinanderheiraten nach rein geschäftsmäßiger Konvenienz, das für uns ganz unglaublich klingt, gibt die Heiratsgeschichte des Verschwenders Kallias III. ein Beispiel, wie sie Andokides in der Mysterienrede darstellt236. Man kann ja nun sagen, daß dies ein einzelner, verwilderter Mensch gewesen sei; aber die Geringschätzung der Frauen auch durch die bedeutendsten Männer wird uns durch gar zu deutliche Aussagen verraten. Besonders ist auch Platos Bericht über den Abschied Xanthippes von Sokrates – Xanthippe mag sonst gewesen sein, wie sie will – indirekt dafür so bezeichnend, wie wenige Umstände man mit den Frauen machte. Als sie mit dem Knäbchen jammernd bei ihm sitzt und nach[226] Frauenart ausruft: Jetzt reden deine Freunde zum letzten Male mit dir und du mit ihnen, wirft er einen Blick auf Kriton und sagt: O Kriton, es mag diese jemand nach Hause führen; was denn mit der laut Klagenden und Gestikulierenden auch geschieht. Mit Phädon ist Sokrates ganz anders innig; hier spricht schon der gemütliche Zug, wie er ihm nach seiner Art im Haare wühlt237. Wenn Plato damals auch nicht anwesend war, so ersetzt für uns doch eine Fiktion, die er an die Stelle des Wirklichen glaubt setzen zu dürfen, den wahren Hergang vollkommen. Ein indirekter Schluß auf die Geltung der Frauen läßt sich auch daraus ziehen, daß unter den vielen überlieferten Gesprächen fast keine mit Frauen vorkommen; es reden beinahe nur Männer, und die Weiber gelten als völlig abwesend, selbst wenn welche zugegen sind. Eine völlige Ausnahme macht Diotima, auf welche sich Sokrates im platonischen Symposion beruft; mag auch die ganze Figur nur eine Schöpfung Platos sein, so zeigt sich hier doch eben von seiten Platos ein eigentümlicher Aufschwung238.

Wirkliche politische Macht, Einfluß auf das äußere Leben haben in dieser Zeit nur hie und da Frauen vom Rande der griechischen Welt aus Familien von Kolonialtyrannen oder persischen Vasallen; so schon im VI. Jahrhundert Pheretime von Kyrene, sodann Artemisia von Halikarnaß, deren Charakter schon die verruchte Verstellung zeigt, womit sie bei Salamis, um sich zu retten, ein Schiff der eigenen Partei in den Grund bohrt, und die höchst entschlossene Mania, die Witwe des persischen Vasallen Zenis, des Herrschers von Dardanos, welche mit der Gunst des Pharnabazos weiter herrschte, sogar Schlachten kommandierte, zuletzt aber von einem Schwiegersohn ermordet wurde239. Im eigentlichen Griechenland kommen kriegerische Heldentaten von Frauen kaum vor240; dagegen werden die Spartiatinnen auch jetzt infolge der besondern Verhältnisse Spartas mehr zu sagen gehabt haben, als die Frauen anderswo241.

Charakteristisch für die Geringschätzung der Frauen ist die zunehmende[227] Verwunderung über den Ursprung des Trojanischen Krieges um eines untreuen Weibes willen242. Dagegen wird sonst der Ehebruch der Frauen nicht leicht genommen. Euripides läßt in der Andromache, wo u.a. auch Peleus (595 ff.) sich höchst lächerlich über den schädlichen Einfluß des spartanischen Frauenturnens auf die weibliche Sittsamkeit ausläßt, Hermione in ihrer Selbstanklage (930 ff.) Störungen des ehelichen Verhältnisses hauptsächlich auf die Besuche der Frau durch andere Weiber zurückführen, von denen die eine aus Gewinnsucht, die andere, um eine Mitschuldige zu haben, viele aus roher Sinnlichkeit Unheil stiften helfen, und in der Tat konnte es bei dem sonstigen Zwang nur gefährliche Folgen haben, wenn man wirklich der Gattin den beliebigen Empfang anderer Weiber, vielleicht der ersten besten Nachbarinnen, gestattete. Jedenfalls bestand ein großer Unterschied gegenüber von heute darin, daß die ungetreue Frau nicht in der Galanterie einer öffentlichen Meinung – welche eben damals die Weiber nicht machen halfen – Billigung für sich fand, und daß Untreue mit jedem andern Diebstahl ging. Sie wurde überhaupt nicht interessant gefunden und war für den Gatten und ebenso für die schon vorhandenen Kinder wohl eine Schande; aber von dem heutigen Hohn über einen solchen Gatten war man weit entfernt, und er durfte in einer Weise, welche heute undenkbar wäre, Lärm schlagen243. Vollends gab sich auch die Szene nicht mit psychologischer Ausdeutung und Beschönigung desselben ab. Übrigens mag man sich daran erinnern, daß schon im Mythus Hephästos alle Götter herbeiruft, um die Gemahlin mit Ares, von seinem Netz umfangen, vorzuzeigen, und daß das allgemeine Gelächter nicht auf ihn, sondern auf die beiden geht.

Was die Zeichnung der Frauen durch die Dichter betrifft, so mag streitig[228] bleiben, wieweit Aristophanes in seinen drei Weiberstücken (Thesmophoriazusen, Lysistrate und Ekklesiazusen) anzuhören wäre; denn, wie sich heute eine Komödie, wo nur Männer zuhörten, gebärden würde, wüßten wir auch nicht, zumal in verdorbenen großen Städten. Dagegen ist auf die Tragiker wohl zu achten; denn, wenn auch die kulturhistorische, allgemeine Beweiskraft von Dichteraussagen möglicherweise eine sehr geringe sein kann, falls der Dichter ein völlig spezieller, von der Welt abgewandter Mensch ist, so ist sie doch eine sehr große und zwingende, wenn, wie im alten Epos, das Volksgefühl in Person spricht, oder wenn, wie in der Tragödie, ernsthaft zum Volke gesprochen wird. Hier kann nur vorkommen, was die vielen billigen.

Welch herbe Worte bringt nun nicht schon Äschylos vor! In den Eumeniden (657 ff.) führt Apoll aus, nur der Vater sei der Erzeuger des Menschen, die Mutter bloße Nährerin (τροφός), und Pallas sei ja sogar ohne Mutter erzeugt, und in ihrem Schlußwort (734 ff.) nimmt diese selbst a priori für die Männer Partei. Die rauhe Anrede des Eteokles an die jammernd durcheinander stürzenden Thebanerinnen244 mag außer Betracht fallen wegen des furchtbaren Moments; aber wie hart klingt es dann wieder in den Schutzflehenden245, wenn König Pelasgos es kaum verantworten zu können erklärt, daß Männer für Frauen den Boden mit Blut bespritzen. Daß dieser Dichter keine Liebschaft auf die Szene gebracht hat, dürfen wir dem Euripides der aristophanischen Frösche glauben246.

Daß Sophokles über das Frauenschicksal wehmütige Töne findet, haben wir bei Gelegenheit des Tereusfragmentes gesehen247. Ob er aber seine Antigone und Elektra würde geschaffen haben, wenn der Mythus sie ihm nicht vorgeschrieben hätte248, der eben anders als die damalige Zeit dachte, läßt sich fragen; uns scheint, daß solche Charaktere auf der Szene, aber nicht im Leben lebten.

Und nun Euripides. Daß bei ihm die bewegenden Dinge mit Vorliebe von den Frauen ausgehen, wurde bereits bei der Betrachtung der Tragödie bemerkt249. Weiber sind denn auch in der weit größern Zahl seiner Stücke die Hauptpersonen, auf denen der Akzent liegt, und der Chor besteht fast immer aus solchen; ja man kann sagen, daß das Hervorheben des Weibes geradezu das Neue und Originale an diesem Dichter ist. Hatte[229] dieser keine Begabung für das heroisch Ideale? Oder waren die männlichen Charaktere etwa überhaupt erschöpft, waren der Aias, Ödipus und Herakles des Sophokles etwa schon das letzte Mögliche, und war der eigentliche Segen von der Weiterdichtung am Mythus gewichen? Wenn man diesen, wie Euripides tut, verändert und oft mißbilligt, werden vielleicht die Männer überhaupt meist bald als geringwertig (φαῦλοι) herauskommen. So ist denn derjenige neue männliche Idealcharakter, für den er die höchste Anstrengung aufgewandt hat, sein Hippolyt; Ion ist schon viel schwächer. Dagegen wimmelt es bei ihm von teils großartig schrecklichen, teils idealen, weiblichen Gestalten, und zwar von Anfang an bis zu seinem vielleicht spätesten Stücke, den Bakchen, in denen alles Unrecht behält gegenüber einer furchtbaren, prachtvollen Raserei der Weiber. Die Mannsleute pflegen mit ihren Reflexionen über die Weiber dergestalt abzustechen, daß der Dichter, indem man diese Reflexion zu sehr als seine Stimme nahm, als Misogyn geltend gemacht werden konnte. Er dürfte aber viel eher Miso-Heros oder Heroomastix heißen; denn vielen Heroen (z.B. den Atriden meist) geht es bei ihm erbärmlich schlecht; sie vertreten meist ein ziemlich schäbiges, positives Recht oder eine Konvenienz, die Weiber dagegen die Aufopferung und die Leidenschaft, welche letztere freilich durchaus nicht vorherrschend Liebe, sondern Rache und dergleichen ist250.

Anstößig ist aber die rücksichtslose Offenheit, womit in Stücken wie dem Hippolytos und dem Orest251 das Verhältnis der Ehe als ein höchst riskiertes und der Charakter der Frau als ein ganz besonders für das Böse und Furchtbare zugänglicher denunziert wird. Ein Hauptaktenstück ist in dieser Beziehung die große Rede des Hippolytos (616 ff.); nicht daß alle Griechen so gedacht zu haben brauchen, aber es genügt völlig, daß er mit diesen Ansichten ein idealer Charakter sein kann, weit entfernt, mit Hohn oder Abscheu von der Szene getrieben zu werden252. Er beginnt[230] mit der Klage, daß das Weib zur Fortpflanzung des Menschengeschlechts unentbehrlich sei253. Jetzt gebe der Vater eine Mitgift und vermähle die Tochter, um des Übels los zu werden, der Gemahl aber nehme die verderbliche Pflanze freudig ins Haus und putze und schmücke sie, um dafür in dem Zwange zu leben, entweder, mit trefflichen Verwandten verschwägert, (scheinbar) fröhlich die böse Frau zu behalten, oder, indem er eine gute Frau und unnütze Verwandte habe, mit dem Vorteil den Nachteil zu decken. Am besten sei noch der dran, dem zwar eine Null, aber doch ein von Einfalts wegen unnützes Weib zu Hause festsitze, »eine Kluge aber hasse ich. Möge nicht in meinem Hause eine sein, die weiter denkt, als für ein Weib gut ist; denn die zu allem fähige Bosheit erzeugt Kypris eher in den Klugen, während das gedankenlose Weib durch die Kürze seines Verstandes vor der Torheit bewahrt bleibt«. Hiermit spricht Hippolytos gewiß ein im damaligen Athen sehr verbreitetes Gefühl aus – nur die Hetäre hatte der damalige gebildete Athener gerne klug –; aber echt athenisch ist gewiß auch das Folgende, da er (mit Bezug auf die Amme) ausführt, auch keine Dienerin sollte bei den Frauen aus- und eingehen, sondern lautlose, beißende Tiere sollten bei ihnen sitzen, damit sie niemand zur Anrede und Gegenrede hätten, während jetzt die Frauen im Hause den übeln Rat pflögen und die Mägde die Pläne hinaustrügen. Solange den Weibern noch eine Verbindung mit der Außenwelt durch die Dienerinnen blieb, schien alles Einmauern nach athenischer Ansicht nicht zu helfen.

Neben Hippolytos steht dann die furchtbare Gestalt der Phädra, die, nachdem Hippolytos den Antrag der Amme mit dieser Tirade abgewiesen hat, Kypris durch ihren eigenen Tod erfreuen, zugleich aber auch jenem zum Jammer gereichen will, damit er nicht über ihrem Tode übermütig werde. Bei ihrem Entschluß zum Selbstmord hat sie immerhin, insofern sie ihrer Liebe nicht physisch unterlegen ist, einen Anspruch auf schönen Nachruhm254. Auch die Gestalt der Amme ist hier sehr bedeutend.[231] Sie ist die Zwischenträgerin und mit ihrer Lehre, man dürfe es überhaupt so genau nicht nehmen und es sei schon etwas Rechtes, wenn das Gute das Schlimme im ganzen überwiege, die Entschuldigerin des Fehltrittes der Herrin.

Im Ion erfahren wir (398 ff.) aus Kreusas Munde, daß die Frauen im allgemeinen gehaßt werden und es bei den Männern übel haben. Auch sie ist einer von denjenigen Charakteren, die wir nur richtig fassen, wenn wir uns vor Augen halten, daß der Wille zur Herrschaft und zur Befriedigung der Leidenschaft etwas Berechtigtes ist, dem ungeheuer vieles erlaubt wird. Es gilt als etwas Selbstverständliches, daß eine Frau in ihrer Lage, wenn z.B. ein Stiefsohn im Hause mächtiger als sie wird, sich zum Äußersten befugt glaubt; ein sehr starkes Stück aber ist doch das Motiv, wodurch sie der Pädagoge zum Mord an Xuthos und Ion auffordert, indem er (843) geradezu sagt, sie solle nunmehr eine Frauentat (γυναικεῖόν τι) unternehmen255, und darauf, wie in der langen Stichomythie (985 ff.) das Detail des Mordes bis zur genauen Vergiftungsinstruktion beschlossen wird, hat Euripides sich wahrscheinlich nichts Geringes eingebildet. Auch Kreusa bleibt ihm bei aller Schrecklichkeit dramatisch möglich.

Zu den furchtbaren Weibern gehört außer ihr und Medea besonders auch die scheußliche Elektra des Orest. Auch bei dieser ist vor der optischen Täuschung zu warnen, als ob Euripides die Großartigkeit oder dramatische Erhabenheit beim Weibe nicht mit ganz besonders düstern Zügen vereinbar glaubte. Der sophokleische Aias ist ja ebenso furchtbar und doch großartig und der höchsten Teilnahme würdig gedacht, und zu seiner Gewaltnatur (δεινότης) bildet die schreckliche Energie solcher Weiber ein Gegenstück. Anderseits aber wird die Idealität auch nicht durch schlaue Anschlägigkeit gestört, welcher von Euripides für löblich gehaltene Zug u.a. in der langen Beratung zwischen Helena und Menelaos256 ausgemalt wird, wobei die schlauste, zuletzt adoptierte Idee von ihr auseinandergesetzt wird.

Im Gegensatze zu diesen allen stehen dann die enorm edelmütigen, aufopfernden Weiber: die beiden Iphigenien, Makaria, Polyxena, Theonoe u.a. Sie sind wieder um einen deutlichen Ton anders als die sophokleische Antigone und haben zum Teil doch etwas Geschraubtes.[232]

Um nun aber von den Gestalten der Dichter auf die athenische Wirklichkeit zurückzukommen, so ist noch von den damaligen Hetären ein Wort zu sagen. Nachdem einige derselben schon früher durch Geist und Schönheit weit emporgekommen waren, so daß ganz Hellas auf sie schaute und sie in den Leschen besprach und gegeneinander abwog257, tritt diese Gestalt nun weit in den Vordergrund, und es bildet sich die Generation, aus der dann im IV. Jahrhundert eine Lais hat hervorgehen können. Daß der gewöhnliche, sinnliche Umgang die Athener für die Hetären eingenommen habe, haben wir bereits (S. 145) bezweifelt; dafür dienten andere Mädchen (πόρναι, παλλακαί). Vielmehr ist die Hetäre die Frau, die durch Anmut des Geistes imponiert, und hierin überragt nun damals bekanntlich alle andern Aspasia von Milet, die Freundin des Perikles. Wie sie nach Athen kam, weiß man nicht; sie soll einer andern Milesierin, der Thargelia, nachgeeifert haben, die gleichfalls nicht nur sehr schön, sondern auch klug (σοφή) war. Perikles lebte mit ihr, nachdem er sich von seiner rechtmäßigen Gemahlin getrennt, auf großem Fuße und hatte von ihr seinen gleichnamigen Sohn. Man traute ihr den entscheidenden Einfluß auf das Entstehen des samischen, ja des Peloponnesischen Krieges zu258 und sogar lehrenden Einfluß auf Perikles als Redner. Und doch wird ihr sehr bestimmt nachgesagt, daß sie Mädchen zu öffentlichem Gebrauch unterhielt259, und angeklagt wurde sie nicht nur wegen Asebie, sondern auch, weil sie dem Perikles freie Weiber verkuppelte260. Die Tränen des Perikles retteten sie261; nach seinem Tode aber verband sie sich mit Lysikles, einem Demagogen von niederer Herkunft, der aber durch sie einer der ersten Männer Athens wurde. Der jüngere Kyros nannte ihr zu Ehren seine Milto Aspasia.

Es kann nun für Aspasia sprechen, daß man Sokrates, wenn auch in ironischem Tone, sich als ihren Schüler konnte bezeichnen lassen262, und wir glauben auch gerne, daß verheiratete Männer ihre Gattinnen zu ihr führten, um sie zu hören, so nach einer Stelle bei Cicero263 Xenophon die seine, die gewiß eine ehrbare Frau war; die Leute nehmen eben das, was[233] an ihr gut und glänzend war, die prächtige Konversation. Was aber die sehr bestimmt lautenden Klagen gegen sie betrifft, so ist es ganz unmöglich, sie zur Evidenz zu bewahrheiten oder zu widerlegen. Das ganze Medium, in dem sie lebte, ist eben ein zu düsteres und verwildertes; das zeigt Aristophanes auf jeder Seite. Wäre sie also auch noch so rein gewesen, so sind doch wir nicht mehr in der Lage, dies zu erweisen264.

Jedenfalls aber ist Perikles auf lange Zeit der einzige Hellene, in dessen Leben eine Frau eine bestimmende Stelle einnimmt, so daß er in seinem Tun und Lassen auf sie orientiert ist. Alle andern Griechen sind etwa eine Zeitlang in den Banden irgendeiner Hetäre, und höchstens dies. Daß aber der Wert eines Mannes irgend davon abhängen könnte, welchem Weib er gefallen habe, und daß an einem gescheiterten Liebesverhältnis ein verfehltes Leben hängen könnte, wäre ein völlig ungriechischer Gedanke gewesen. Man konnte mit einer unglücklichen Ehe sehr unglücklich sein, aber bei keinem Griechen hing das dauernde Glück des Daseins von Liebschaft und Ehe ab265. Alle Leidenschaft, welche vorkam, bezog sich nur auf sofortigen Genuß und war vorübergehender Art, wie sie denn auch als eine Krankheit galt266. Die Gattin war vollends weit entfernt, ein anschließliches materielles oder gar seelisches Anrecht auf den Gatten geltend machen zu können; ein solches Anrecht auf das Individuum besaß nur die Polis, die den Menschen denn auch sequestrierte.[234] Wohl aber behauptete der Gatte das Alleinrecht auf die Gattin, und im Hinblick auf die Kinder, welche echt sein mußten, half ihm die Polis dabei.

Der Mann wurde ferner nicht durch Liebesverhältnisse mit Weibern erzogen und fertig gebildet. Das Weib pflegte die Sitte im Hause, gab aber nicht in einer Sozietät den Ton an und hatte, so übel auch bei Aristophanes die Weiber über die Männer lästern mögen, die Renommee des Gatten oder gar anderer Männer nicht in seiner Gewalt; auch bestimmte es nirgends die Rangverhältnisse, geschweige, daß der Rang des Mannes durch die Toilette der Frau ausgedrückt worden wäre. Eine gemischte Sozietät von Familien eines gewissen Ranges existierte nicht; das Symposion war etwas weit anderes. Die Töchter wurden rein nach Konvenienz verheiratet und hatten (wie auch die Mütter) dazu nichts zu sagen. Während die Männerreiche Bräute, d.h. Mitgiften, wohl immer suchten, ist etwas, das nicht vorkam, das stadtkundige Angeln von Familien nach reichen, jungen Männern, die »Flirtation«, und am wenigsten wurden die Mädchen selber zur Jagd dressiert. Das ganze Gebiet der Mode existierte nicht. Die Tracht war kaum und jedenfalls nur langsam wandelbar. Vor allem aber konkurrierten die Weiber nicht untereinander durch Trachtenneuerung, und vollends konnten sie damit nicht durch Herumstolzieren auf die Männer Eindruck machen. Dafür hatten sie ihre gemeinsamen Gottesdienste, wie die Thesmophorien, wobei die Exhibition der schönen Erscheinung zu Ehren einer Gottheit stattfand.

Diese Lage der Dinge steht im Zusammenhang mit der antibanausischen Gesinnung. Erwerben zu müssen, um ein Haus zu machen und dann ranggemäß zu leben, wäre für den Griechen ganz undenkbar gewesen. Zur antibanausischen Gesinnung gehörte vor allem ein wohlfeiles Leben, einfache Erziehung der Söhne, Beschränkung des Aufenthalts auf Stadt und Feldmark267. Der Besitzende wurde aber auch durch alle möglichen Liturgien und Choregien so gebrandschatzt, daß er für sein Haus keinen großen Aufwand mehr machen konnte.

Später gibt dann die neuere Komödie so ziemlich das Maß dessen an, was das Liebesverhältnis gewährte: Begier und beim Zögern die Eifersucht. Irgendwelche seelische Tiefe hat es nirgends; es könnte nach der letzten Szene aufhören.


Was die Geselligkeit betrifft, so haben wir schon früher268 gesehen, daß[235] ihre Grundlage von alten Zeiten her das Symposion ist, ja man kann sagen, dieses sei ein Hauptventil der Privatexistenz gewesen, welche eben doch auch ein Bedürfnis war. Über die rauschenden fakultativen Zutaten desselben, die in dieser Zeit einen breitern Raum einnahmen, wollen wir kurz hinweggehen und eliminieren also, was von Musik und Tanz usw. dabei vorkam: die Flöten-, Saiten-, Kitharspielerinnen, die Tänzerinnen und die Anwesenheit von Hetären, sprechen auch nicht von den allerhand Witzen, die sich an das Rätselaufgeben knüpften, und nicht von dem Würfelspielen und Wetten, und berühren nur kurz den berühmten, zu unendlichen Scherzen Anlaß gebenden Kottabos. Dieser war ein Spiel, wobei Wein auf geschickte Weise aus einem Behälter in den andern gespritzt werden mußte. Die Art, wie er aufschlug, galt als orakulos, zumal für Liebessachen, und es konnte durch diese Vexierkunst ein Gast dazu gebracht werden, eine Liebschaft zu bekennen269. Das Überhandnehmen der luxuriösen Dinge beim Symposion dürfte seine Erklärung darin finden, daß eben in einer Zeit und Stadt, da kostbare Wohnung und Kleidung wegfielen, da man mit Ausnahme des Pädagogen keine Sklaven hatte als die ganz gewöhnlichen, da es keine Kutschen gab und die Hippotrophie auf dem Rückgange war, und da sonst alles »Standesgemäße« und »Rangbezeichnende« zu keinem Ausdruck gelangte, Symposion und Hetären der einzige mögliche Luxus waren270.

Alles Symposion ging in Privatwohnungen vor sich; in der Wirtschaft zu speisen hätte auch ein ordentlicher Sklave nicht gewagt271. Wollte nicht ein einzelner die Kosten tragen, so hielt man es lieber so, daß jeder seinen Zuschuß (συμβολή) gab, war aber freilich trotzdem nicht immer sicher, daß nur die Gehörigen zusammenkamen, denn, wie gesagt, wurden oft Ungeladene mitgebracht, und bald drängten sich auch die Parasiten ein. Über den normalen Hergang haben wir die sichersten Notizen aus dieser Periode. Vor allem erforderte das Zeremoniell eine Handwaschung, dann wurden die Tische hineingetragen, es wurde gespeist, zum zweiten Male[236] wurden die Hände gewaschen und nunmehr das Trankopfer dargebracht272. Wegen dieser Spende, wobei von den inzwischen bekränzten Gästen dem guten Dämon zu Ehren ungemischter Wein genippt wurde273 und wegen des damit verbundenen, von allen Gästen angestimmten Päans mußte die Flötenspielerin (vielleicht meist eher eine ältliche Person als eine junge und schöne) zugegen sein; dann wird sie nach Umständen auch274 weggeschickt und nun beginnt an den »zweiten Tischen« das eigentliche Symposion, in der Regel unter der Leitung eines durch irgendwelche Abstimmung oder durch Bohnenlos ermittelten Vorsitzenden (ἄρχων, συμποσίαρχος). Hier ist der Wein mit einem Wasserzusatz von zwei gegen ein Drittel oder drei gegen ein Viertel gemischt; diese richtigen Proportionen brachten nach der bündigen Angabe eines Dichterfragments275 Frohsinn, während, wenn man sie verschmähte, Übermut und schon beim bloßen Hälftenzusatz von Wasser Tollheit eintrat. Die Dichter haben manches recht gemütliche und schöne Wort über den Wein und das Zechen276; da man aber eben doch lange und viel trank, ist schließlich sehr häufig von Trunkenheit die Rede, und an den Dionysosfesten ist diese selbst allgemein277 erlaubt. Der Symposiarch konnte diktieren, man trank einander vor (was in Sparta verboten war) und auch eigentliches Straftrinken gab es, kurz, es bestand ein gewisser Trinkzwang, welcher nach einem Fragment des Sophokles278 nicht besser als Zwang zum Dürsten war. »Ja wenn das Haarweh schon vor dem Rausche käme, wäre niemand unmäßig«, konnte ein Dichter279 eine seiner Personen weise sagen lassen. Großes Interesse haben die Griechen immer von dem Gefäß des Nestor bis auf den ungebrauchten, hölzernen Napf bei Theokrit für die Trinkgefäße mit ihrer Menge von Formen und der Fülle und Bedeutung der daran dargestellten Figuren und Historien gehabt. Alles,[237] was zum Genuß gehört, sei rund wie die Welt und wie Sonne und Mond, so der Tisch, der Kuchen, das Brot, das Trinkgeschirr, führt gewiß nach einer ältern Idee einer der Mitredner des Athenäus (XI, 78) hübsch aus, und wenn es in einem späten Epigramm heißt: »Gib mir den süßen Becher, den aus Erde gemachten, woraus ich geschaffen bin, und in der ich, dahingegangen, wieder liegen werde«280, so hat hier die Verbindung des Genusses mit dem Gedanken an die Vergänglichkeit einen sehr schönen Ausdruck gefunden. Auch daran dürfen wir denken, daß die Formen dieser Gefäße in den Grabgefäßen nachgebildet sind, die ja nie dem Gebrauch dienten, aber dem Toten für das schöne Aussehen mitgegeben wurden.

Wie durch das Trinken wurde die Konversation auch durch den Gesang belebt. Es gab dessen dreierlei281, indem bald alle Gäste zusammen sangen, bald auch alle, aber einer nach dem andern, bald, und zwar zuletzt, nachdem die beiden ersten Formen vorangegangen waren, nur die ausgezeichnetern Sänger von dem Platze aus, wo sie gerade saßen. Weil man dabei ohne Reihenfolge, gleichsam im Zickzack verfuhr, hieß diese letztere Form Skolion (Zickzack). In dem, was man sang, behauptete sich lange das treffliche Alte, wenngleich auch schon von einem Dichter der alten Komödie darüber geklagt wurde, daß (offenbar beim Symposion) der frivole Gnesippos, welcher Serenaden für Ehebrecher erfunden hatte, statt des altmodisch gewordenen Stesichoros, Alkman und Simonides zu hören sei282. Noch viel später, in der Umgebung des jüngern Dionys, sang man bei Tische die Päane des Phrynichos, Stesichoros und Pindar und überließ es den Schmeichlern, die des Tyrannen zu singen283.

Die Hauptsache aber war gewiß durchgehends die Konversation. Nirgends sonst in der Welt und nie in der übrigen Weltgeschichte ist das Gelage so sehr das Gefäß des Geistes gewesen. Schon das Liegen der Gäste auf ihren Klinen mit den Köpfen gegeneinander machte ein allgemeines Gespräch nicht nur möglich, sondern notwendig; es unterhielt sich nicht jeder, so gut er konnte, mit seinem zufälligen Nachbar, daher auch nur gesagt worden sein wird, was alle hören konnten und sollten284. Und wie[238] zum stillen Klatsch zu Zweien kein Anlaß war, so war man auch gänzlich sicher vor Toasten, dieser Verschleppung feierlicher Eloquenz ans Gelage, womit der einzelne auf einige Zeit das Interesse gewaltsam an sich reißt. Dazu kommt die Unabhängigkeit dieser Konversation von Reichtum und Stand und Rang und jene Offenherzigkeit und Unbefangenheit in der Besprechung der Lebensverhältnisse, sowie auch jene Absenz der modernen Bescheidenheit, welche für die Griechen charakteristisch ist; auch war die Zunge jedermann gelöst, und für das, was zum »wissenschaftlichen« Ausdruck etwa noch gefehlt hätte, sorgte die Sophistik. Dies alles aber ist mit einer sehr entschiedenen Höflichkeit verbunden zu denken, welche so sichere Grenzen hatte als die heutige, nur andere; denn Takt ist von jeher eine anmutige Gabe der Götter gewesen, und verbindliches Benehmen haben gewiß die Griechen sehr zu schätzen gewußt285. Und nun lieferte Athen auch andere Themata als die zu den Gesprächen der Asiaten und auch der übrigen Griechen sein mochten. Hier waltete ein starkes allgemeines Bedürfnis, sich über den Weltlauf im Zusammenhang auszusprechen, wovon ohne Zweifel manche Tiraden des Euripides ein Reflex sind, ja die Popularität dieses Dichters kann wesentlich darin gelegen haben, daß er Themata der allgemeinen Überzeugung schön und wohllautend und noch ohne eigentliche Rhetorik aussprach. Anderseits aber war hier auch jeder zur Kritik aller Menschen und Dinge und zu Heiterkeit und Spott aufgelegt286; nur möchten wir freilich auch gerne wissen, wieweit das Symposion seine gefährliche Seite hatte, indem das politische Hetärienwesen sich daran anschloß und es gewissermaßen als sein Vorzimmer brauchte287.

[239] Die sympotische Geselligkeit der Ausgezeichneten und Berühmten aber muß schon frühe beobachtet und aufgezeichnet worden sein. Ein ziemlich umständliches Referat über ein athenisches Symposion, wobei Kimon war und aus seinem Perserkriege erzählte, gibt Plutarch nach Ion288, und derselben Quelle sind die Tischreden des Sophokles auf Chios289 entnommen, welche ihren Anlaß von einem weinschenkenden Knaben nehmen, dann aber schon in literarische Besprechung überschlagen, bis es doch mit einem Kusse ausgeht. Für uns aber gibt vom Symposion, wie in der vorigen Periode die (nunmehr bald zum Epigramm einschrumpfende) Elegie, so jetzt der philosophische Dialog das Hauptzeugnis, ja wir können gerade daraus, daß die bedeutendsten Schriftsteller so vielen Geist darein verlegt haben, einen Schluß darauf ziehen, in welch hohem Maße es das Gefäß des Geistes war.

Das platonische Symposion, das hier zuerst in Betracht kommt, ist wahrscheinlich von Anfang bis zu Ende eine sehr freie Dichtung. Seine Personen mögen teils gar nie, teils zu andern Zeiten zusammen gewesen sein, und ihre Reden gehören wohl fast ganz Plato an. Aber, wenn auch nicht eine unmittelbare geschichtliche, so bleibt es doch eine Urkunde höchsten Ranges, weil es uns zeigt, was man als möglich dachte. Und nun setzt schon die bloße Möglichkeit, diese Leute beisammen zu denken, eine ganz einzige Höhe von Geselligkeit voraus. Wichtig ist auch schon die bloße Voraussetzung, daß es zur Zeit der höchsten geistigen Blüte Athens, aber auch in einer Zeit, da die Dinge politisch recht bedenklich standen, eine unvergleichliche Konversation auch ohne allen Einzelklatsch gegeben habe, wo jeder eine allgemeine Anschauung über ein großes Thema im Zusammenhang, auch wohl in einen Mythus gekleidet, habe aussprechen können. Daß dies damals möglich war, spricht für Renans Satz, daß der Sturm der Geschichte dem Gedanken eigentlich günstig sei.

Mit einem Worte erinnern wir an die feinen Einzelzüge des platonischen Symposions, z.B. an die Zwischenkomplimente, womit das Intervall zwischen den Reden des Pausanias, Eryximachos und Aristophanes einerseits und dann anderseits der des Agathon ausgefüllt wird290. Was aber den äußern Hergang anbelangt, so muß daran erinnert werden, daß wir hier nicht ganz das Normale haben. Als man sich nach dem Päan dem Trunke zuwendet, wird niemand zum Vorsitzenden bestimmt; auch[240] wird man, weil die Gäste noch vom vorigen Tage her Haarweh haben, einig, nur soviel zu trinken, als jeder wolle, und die Flötenbläserin wird darum gleich weggeschickt. Und nun hat dieses Gelage auch einen zweiten und einen dritten Akt. Nicht nur stürmt nämlich Alkibiades in erhöhtem Zustande herein, mit einem dichten Kranz von Epheu und Veilchen mit vielen Bändern auf dem Haupte und von einer Flötenbläserin und mehreren Kumpanen begleitet, sondern nach dessen höchst außerordentlichen Reden erscheinen plötzlich viele schwärmende Gesellen (κωμασταί) und nehmen – man weiß nicht, ob durch Agathons Sieg hierzu berechtigt – Platz und jetzt wird alles voll Lärm, die feste Ordnung hört auf, und jedermann zecht.

Wenn nun aus Platos Symposion die edlere attische Konversation doch nur einseitig zu erkennen ist, so ist dafür das xenophonteische für den wirklich möglichen Ton der Geselligkeit durchaus belehrend, ja weit das wichtigste Aktenstück über dieselbe, so sehr auch der abnorme Sokrates Seele und Zentrum des Ganzen ist. Man hat fast durchgängig den Eindruck von echten Erinnerungen, mögen dieselben auch aus einem halben Leben auf einen Abend zusammengedrängt sein. Neben einer feinern Sittlichkeit und Höflichkeit präsentiert sich zum großen Unterschiede von aller neuern Geselligkeit das offene Aussprechen der eigenen Seelenbewegungen und das Besprechen der Neigungen anderer, und man sieht in eine scheinbar erstaunliche Indiskretion hinein, die aber ihre bestimmten Schranken hat. Es gibt kaum eine Schrift, die uns besser zeigte, wie eine Gesellschaft höchsten Ranges zusammengesetzt sein konnte, und wie sich die Elemente gegenseitig ausglichen291. Da das Symposion in[241] einem vornehmen Hause vor sich geht, kann der Autor auch Zutaten bringen. Dieser Art sind das Mädchen und der Knabe eines mit einer Flötenspielerin auftretenden Syrakusaners, welche mit Tänzen und Pantomimen die Diskussion auf das Zweckmäßigste unterbrechen dürfen292. Außerdem findet sich aber auch der Spaßmacher von Beruf (γελωτοποιός) ein, eine verächtliche, aber je nach der Gesellschaft doch nicht ganz entbehrliche Persönlichkeit. Zu diesen Leuten kommt er nur ungeladen, par contrebande, und wird von Kallias geduldet, weil es hart wäre, ihn fortzuschicken; als er sieht, daß er mit seinen Späßen niemand zum Lachen bringt, wird er traurig und fängt an zu weinen, worauf sie ihn alle gutmütig trösten: sie würden schon wieder lachen, und ihn damit tatsächlich beseitigen293.

Wahrscheinlich von den Symposien des Plato und Xenophon her294 setzte sich dann das Vorurteil fest, daß das Symposion überhaupt eine Literaturform für Darstellung von Weltanschauungen und philosophische Disputationen und zuletzt für alles mögliche Wissenswürdige sei. So scheint Epikur einzelne Schriften in diese Form eingekleidet zu haben295. Und noch später, bei Plutarch und Athenäus, wurde sie vollends zum Rahmen für bloß gelehrte Verhandlungen. Einzelne gelungene Formen[242] der Poesie müssen es sich eben gefallen lassen, daß sie zu Gehäusen für Dinge werden, die nicht hingehören. Dies alles aber war nur ein Widerschein von dem mythisch gewordenen Glanz der Gelage der goldenen Zeit.

Nun ist das Symposion nicht die einzige Form der Geselligkeit; auch das Herumschlendern auf den öffentlichen Plätzen (ἀγοράζειν), von dem früher schon die Rede war296, dient ihr. Wenn es aber schlechtes Wetter und auf der Agora ungemütlich ist, oder wenn man engere Gesellschaft wünscht, so lungert man auch geschwätzig in den Buden, und zwar zu Athen vorzüglich in denen, welche der Agora zunächst liegen. Eine solche hat der Gebrechliche, der sich in der XXIV. Rede des Lysias für seine Staatsunterstützung wehrt – einem gewissen Schusterwitze nach, den er hat, könnte er ein Schuster sein –; derselbe verantwortet sich gegen den Vorwurf, es würden bei ihm böse Pläne geschmiedet, mit der Erklärung: alle Gewerbtreibenden, welche Buden besäßen, beherbergten irgendwelche Besucher; »denn ihr alle, ihr Herrn Richter, seid ja gewohnt, der eine einen Salbenladen, der andere eine Barbierstube, der dritte eine Schusterbude usw. zu frequentieren, und zwar am liebsten die dem Markte zunächst liegenden«. Die Barbiere galten schon damals für geschwätzig, und es wird dies etwa damit entschuldigt, daß die geschwätzigste Gesellschaft bei ihnen verkehre. Als einer den König Archelaos fragte: »Wie soll ich dich rasieren, o König?«, antwortete dieser: »Schweigend.« Daß Neuigkeiten wie die Kunde des sizilischen Unglücks zuerst an sie gelangen konnten, haben wir früher gesehen297.

So ist die Geselligkeit dem Griechen inhärent; es ladet ihn alles dazu ein, auch die Praxis des Staates mit seiner Volksversammlung und seinen Gerichten; alles drängt sich eben dahin, wo gesprochen wird. Aus dieser Umgebung geht der vollendete Gesellschaftsmensch hervor, z.B. der (teilweise noch ins V. Jahrhundert fallende) Aristipp, der, wie es kam, Chlamys und Lumpen tragen und sich (wie Alkibiades) in jeden Ort, jede Zeit und jede Rolle schicken konnte, und der, als man ihn fragte, was er von der Philosophie gewonnen habe, die Möglichkeit, kühn mit jedermann zu verkehren, nannte298. Und nun bilden sich auch gesellschaftliche Zentren, die man wohl beachten darf. Ein solches vermuten wir am Hofe des genannten makedonischen Archelaos (415-399). Offiziell freilich[243] besegneten sich griechische Gemüter vor ihm, wenn man nur seinen Namen nannte; aber das Talent eines Euripides, Agathon, Chörilos von Samos und der Maler Zeuxis und Timotheos galt dortA21 wenigstens, was es wert war; man wurde dort etwa von Hunden, aber nicht von Sykophanten zerrissen. Eine Gruppe für sich werden in Athen die Lakonisten gebildet haben. Ein vollendetes Unikum aber ist das große athenische Haus, das wir am Beginn des platonischen Protagoras kennenlernen. Welch ausgesuchte Höflichkeit tritt uns bei der Morgenaudienz, welche die drei großen Sophisten geben, sowohl von Seite des Wirtes – dies ist auch hier Kallias – als der übrigen Anwesenden entgegen299! Hippias erkennt denn auch wohl an, daß dieses größte und beglückteste Haus der Stadt, welche das Prytaneion von Hellas sei, ein Recht darauf habe, daß sie etwas der Ehre dieser Aufnahme Würdiges vorbrächten.

Schließlich möge noch daran gedacht sein, wie die gute Lebensart auch in der Sprache zum Ausdruck kommt. Hier finden wir jetzt z.B. die beiden Worte, welche den Gebildeten, Umgangsfähigen ziemlich allgemein bezeichnen: ἐπιεικής und χαρίεις. Jenes bezeichnet ursprünglich offenbar nur das Mäßige, Angemessene im Gegensatz zum Übermäßigen300; irgend einmal ist aber der sittliche Nebenbegriff des Billigen und Schicklichen hinzugekommen301, und stellenweise tönt deutlich auch eine Etymologie von ἐπιείκω (nachgeben) hinein, die dem Griechen als schlechtem Etymologen am nächsten ins Ohr klingen mochte, und von dieser möchte dann der später herrschende Sinn: kondeszendent, trätabel am bewußtesten[244] abgeleitet sein; χαρίεις, das bei Homer nur für alles Schöne, Anmutige und Wertvolle gebraucht wird, dann artig, scherzhaft, heiter heißt302, wird endlich völlig konventionell gebraucht für die, welche sich von der Menge unterscheiden, die Gebildeten303. Auch ἀστεῖος, kommt zur Bedeutung »gebildet« schlechthin; εὐτράπελος hat den Doppelsinn a) wandelbar, b) artig, witzig, fein; αἰδώς umfaßt in seinen verschiedenen Schattierungen fast die ganze Gesittung, soweit sie über das vorgeschrieben Rechtliche hinausgeht; das Wort bezeichnet das Gegenteil des frechen, platten Egoismus und schließlich auch den Takt.


Hier müssen wir nun nochmals304 auf die Sophistik305 als soziales Ereignis kommen. Dieselbe wird, wie uns scheint, gerne zu tragisch genommen, indem man zu viel auf den platonischen Sokrates hört306; sie mußte sich aber im V. Jahrhundert mit völliger Unvermeidlichkeit einstellen, und bei der Offenheit, mit welcher sie verfuhr, kann sie nur als etwas Selbstverständliches gegolten haben.

Also die drei Männer von Abdera, Keos und Elis und neben ihnen der große Leontiner ziehen durch Griechenland, machen überall und besonders[245] in Athen das größte Aufsehen, bemächtigen sich der ersten Leute307, funktionieren häufig als Staatsgesandte308 und gewinnen, indem sie ihre Persönlichkeit auf alle Weise geltend machen, hohe Honorare309, Ehrenstatuen, Bürgerrechte usw. Schon eine so gewaltige Geltung und Wirkung beweist, daß die Sache weit über das hinausging, was Plato uns davon mitzuteilen für gut findet; denn mit der Reklame allein, von welcher Seite es ihm konveniert, die Sophisten lächerlich zu machen, würde sie sich nicht erklären. Diese war zwar gewiß enorm; wir brauchen bloß an das Auftreten in herrlichem Gewande und an die vergoldete Statue zu denken, die Gorgias sich in Delphi setzte310; aber man darf sie den damaligen Leuten nicht zu sehr verargen; in einer Zeit ohne Presse mußte jeder sein eigener Publizist sein, und nicht bloß Sophisten, sondern sehr große Männer (vor allem Alkibiades) müßten uns anfangs, wenn wir ihr damaliges Auftreten sähen, marktschreierisch vorkommen. Für besser als andere braucht man sie im übrigen nicht zu halten; sie waren auch Griechen; aber sie vereinigten in ihrer Person oder vertraten doch, der eine mehr, der andere weniger, zusammen dreierlei: nämlich das Denken, indem sie auch Philosophie und zwar auch Ethik betrieben, das reiche und vielseitige positive Wissen und das Reden, für dessen Technik sie sogar Begründer waren.

Vor allem sollen sie nun durch ihre Lehre von den zwei Seiten (δύο λόγοι) einer jeglichen Sache sittliche Indifferenz gepredigt und so den Verfall befördert haben. Indes ist der Satz, daß über jeden Gegenstand entgegengesetzte Meinungen gleich gut behauptet und durch Reden plausibel gemacht werden können, an sich doch nicht verwerflich; er konstatiert im Grunde ja nur eine Tatsache und schiebt dem Schüler ins Gewissen, daß er nur das ihm wirklich richtig Scheinende behaupte. Über seine Anwendung auf Recht und Moral müßte man überhaupt bessere Quellen haben als den Konkurrenten Plato. Offenbar handelt es sich bei[246] dem bekannten Anspruch auf die Kunst, die schwächere Sache zur stärkern zu machen, doch einfach um eine geistige Gymnastik, wobei von vornherein erklärt wurde, daß man von Recht und Unrecht absehe, und dies wurde den Sophisten dann zur wirklichen, sittlichen Indifferenz ausgelegt, mit nicht größerm Rechte, als gegenüber einem vom Gericht bestellten Verteidiger eines Verbrechers geschehen würde. Daß aber die Griechen hierdurch verdorben worden wären, ist ganz unglaublich; vielmehr ist die Nation vor allem selbst mitschuldig als eine redliebend gewordene und zu beständigem redendem Auftreten gezwungene, und zumal die Athener waren im täglichen Gespräch gewiß von jeher und lange, ehe Gorgias kam, gute Advokaten; es ist zu vermuten, daß man sich hier immer sehr geschickt zusetzte und anderseits auch sich anhörte. Das Bild hiervon, von umständlicher Rede und Gegenrede an (wobei heftige Inkonsequenz des erregten, dramatischen Ausdrucks neben der rhetorisch richtigen Ausführung von Gründen und Umständen leicht sehr zurücktritt) bis zur leidenschaftlichen Folge von Monostichen haben wir in der Tragödie; man ist zwar versucht, eine Art der euripideischen Beredsamkeit direkt auf den Einfluß der Sophistik zurückzuführen311; aber auch hiervon dürfte das meiste urathenisch sein, was natürlich zwischenhinein das Bewußtsein nicht ausschließt, daß allzu feines Reden Länder und Völker verderbe312.

Auch die Lehre vom Recht des Stärkern war im damaligen Griechenland nicht mehr noch weniger als eine Konstatierung des wirklich vorhandenen Zustandes, findet sich auch ganz ähnlich bei Spinoza wieder. Wer in den Staaten durch Waffengewalt oder Rede mächtig war, der gab ja in der Tat (wie Thrasymachos und Kallikles bei Plato im Gorgias und in der Republik sagen) Gesetze nach seinem Belieben und Vorteil, und was ein solcher anordnete, das war ja wirklich im betreffenden Staate Recht, und was ihm zuwider war, hieß rechtswidrig. In diesem Sinne bestand natürlich das Recht nur nach Meinung und Übereinkunft (δόξῃ καὶ νόμῳ); es bedeutet aber noch kein Lobpreisen, wenn man auf das Tatsächliche hinweist. Wenn man dann aber den Sophisten überhaupt die »Geltendmachung der Subjektivität gegen das Allgemeine der Sitte und des Staates« zum Vorwurf macht, so fragen wir, ob sich nicht gegen dieses Allgemeine die berühmtesten Athener ganz ohne sie längst aufgelehnt hatten. Hat es nicht einen Themistokles gegeben, der auf allen Gebieten etwas Besonderes sein wollte? Sind nicht die allerwichtigsten Leute Subjektivisten[247] gewesen? Für was für Kinder hält man denn eigentlich die Athener, daß die von draußen Kommenden ihnen diese revolutionäre Gesinnung erst hätten beibringen müssen? Und nicht anders steht es mit ihrem skeptischen Verhalten gegen die Volksreligion. Wenn Protagoras den Satz aussprach: »Von den Göttern weiß ich nicht zu erforschen, ob sie sind oder ob sie nicht sind; denn vieles hindert mich an dieser Forschung: die Unsicherheit der Sache und die Kürze des menschlichen Lebens«, so tat er dies in einer Zeit, da sich auch seine athenischen Kunden wohl meist den Göttern gegenüber so verhielten, und zwar von selber.

Und nun taten die Sophisten, was, wenn sie nicht dagewesen wären, andere statt ihrer getan hätten, weil es in der Zeit lag: sie halfen, wie wir schon früher313 gesehen haben, die Redekunst (ἀντιλογική τέχνη) ausbilden, welche für und gegen jegliches zu sprechen vermochte, und brachten damit den Athenern gerade, was diese am meisten wünschten. Dabei betätigten sie selbst vor allem eine höchste Gewandtheit im Sprechen ex tempore, so daß Hippias sich rühmen konnte, er wisse über jeden Gegenstand jedesmal wieder etwas Neues zu sagen, und daß er wie Gorgias – wofern wir darüber einen zuverlässigen Bericht haben – sich anerbot, jede beliebige Frage aus dem Stegreif zu beantworten314. Hierzu kam jene ungemeine Eleganz der Elokution, welche Gorgias durch die Symmetrie seines Periodenbaues erzielte315, kam ferner die Bemühung um den präzisen Ausdruck (ἀκριβολογία), welche besonders Sache des Prodikos war, und weiterhin die genaue Kenntnis aller der Mittel, wodurch auf Richter und Volksversammlung Eindruck gemacht werden kann. Bald entwickelte sich denn auf die Anregung zumal des Gorgias316 hin eifriger Betrieb des rhetorischen Studiums. Redekämpfe fanden statt; man übte sich an[248] fingierten Fällen, legte sich Sammlungen allgemeiner Themata an, die man überall einflechten konnte (loci communes), und schuf auch die epideiktische Rede, für welche neben den Reden des Gorgias der »Herakles am Scheidewege« des Prodikos als das große Muster zu nennen ist317. Auch entstanden die ersten Lehrbücher (τέχναι) der Beredsamkeit in diesen Kreisen. Davon, daß Sophisten wie Gorgias und Antiphon in Delphi und Olympia als Festredner auftraten und Eintracht unter den Griechen, Kampf gegen die Barbaren predigten, haben wir früher318 gesprochen; auch Hippias »bezauberte Hellas« in Olympia mit mannigfaltigen und wohlstudierten Reden; die großen Agonalstätten mögen überhaupt Glanzorte für die Sophistik gewesen sein.

Virgil319 nennt als die Vorzüge der Griechen vor den Römern die bildende Kunst, die Wohlredenheit (orabunt causas melius) und die Astronomie. Hiervon ist die Astronomie eine praktische Wohltat für die ganze Welt, aber nicht ein allgemeines, nationales Vermögen; daß aber die Bildwerke als Zeugnis für den griechischen Geist vorhanden sind, ist ein großes Glück; denn außerhalb der Kunst übertönt die Wohlredenheit seit etwa 400 v. Chr. die übrigen allgemeinen Eigenschaften der Griechen sehr beträchtlich und nimmt allen Äußerungen einen Teil ihrer Naivität. Sie wird im Staatsleben, wie heute die Presse, das Werkzeug zu wenigem Guten und drei Vierteln alles Bösen; sie färbt und schwächt die Poesie und auch die Historiographie; auch die Philosophen sind im Leben zum Teil eher Rhetoren. Und dies ist im großen und ganzen die Wirkung der Sophistik, die wesentlich als Redekunst aufgetreten war. Das ganze Altertum hat ihr hierin Recht gegeben, und auch ihre größten Gegner geraten unter die Folgen ihrer Wirkung, selbst Plato, den seine dialogische Form dabei nicht hindert. Das Phänomen, im großen und von weitem angesehen,[249] präsentiert sich dann aber folgendermaßen: Wie in hochgebildeten Zeiten von allseitiger Begabung und allseitigem Streben etwas geschieht, sobald die öffentlichen Zustände dies nicht hindern, und vollends wenn sie es im höchsten Grade fördern320, tritt ein Wirkungsmittel ein, welches eine Macht für sich bildet und den Mittelmäßigen und nur ad hoc Begabten und Situierten das Messer in die Hände liefert. Auch die Hochbegabten und Hochberechtigten müssen dann mithalten, um nur irgend Gehör zu finden; es ist später das höchste Zeugnis zugunsten Epikurs, daß er jede Rücksicht auf Wohlredenheit überwunden hatte. Derjenige Übergang aber, wo das neue Mittel und die ungebrochene, alte geistige Macht (wie bei Thukydides und Euripides) noch zusammenwirken, ist dann erstaunlich.

Daß übrigens dem rhetorischen Wesen gegenüber das Mißtrauen berechtigt sei, wußten die Griechen wohl.


»Stark ist dein Mundwerk; doch mir kam ein braver Mann,

Der glänzend über alles spricht, noch niemals vor«,


läßt Sophokles den Ödipus zu Kreon sprechen321; und auch die Römer machten in ihrer Geschichte die Erfahrung, daß man durch die Wohlredenheit nicht immer gewinnt. Mit dem Wort omnia plena consiliorum, inania verborum rühmt Cicero322 die alte Zeit.

Um aber zur Sophistik zurückzukehren, so berührte sich diese doch vielfach mit der Philosophie. Zwar wurde sie von den eigentlichen Philosophen perhorresziert, und deren Mißmut wird immer sehr begreiflich bleiben, da sie sich in einer Art von Minderheit sahen. Ganz hübsch läßt Lukian323 die Philosophie sagen: »Ich weiß nicht, wie dies Geschlecht neben mir aufwuchs, eine Mischform gleich den Hippokentauren, in der Mitte zwischen Windbeutelei und Philosophie dahintreibend.« Aber die Philosophen können es doch nicht lassen, nach den Sophisten hinzuschielen, und anderseits sind diese ohne Zweifel mit den wichtigsten Philosophemen der verschiedenen Schulen vertraut, ja in einzelnen Fächern eines eigenen, systematischen Unterrichts wohl fähig; denn neben allen sophistischen Künsten besteht ganz gut, daß Protagoras praktische Weisheit und Tugend lehrte, und wer sagt uns, daß er nicht einen ganz[250] ernstgemeinten ethischen Kurs gab, wie ja auch viele andere Sophisten sich der Erziehung (dem παιδαγωγεῖν, παιδεύειν ἀνϑρώπους) widmeten, worin sie wirklich vielerlei spezielle Kenntnisse besaßen324? Ihre Dialektik war derjenigen der Philosophen vielleicht so ziemlich ähnlich und war auch eine geistige Gymnastik; auch ihre berüchtigten Fangschlüsse, welche ja jeder fähige Grieche im Moment und mit Vergnügen entlarvt haben muß, waren gar nichts als ein treffliches logisches Schulmittel und finden sich übrigens auch bei den Eleaten und Megarikern wieder. Ihr angeblicher philosophischer Ausgangspunkt aber, daß es kein wahres und allgültiges Erkennen, kein Wissen, nur ein Vorstellen gebe, ist an sich wohl haltbar, und sie mögen vielleicht damit als die ersten Skeptiker um die Prüfung des Erkenntnisvermögens ganz hübsche Verdienste gehabt haben; auch in dieser Lehre von der Subjektivität des Erkennens war ihnen übrigens die Philosophie Heraklits vorangegangen.

Soviel ist immerhin zuzugeben, daß die Sophisten im ganzen bei ihrer Philosophie nicht die Prätension hatten, den Menschen auf sein eigenes Inneres zu verweisen, ihn »besser zu machen«. Trotzdem Protagoras auch dies Gebiet streifte, so liegt bei ihnen der Akzent doch mehr auf den Spezialkenntnissen und Fertigkeiten zu praktischer Verwendung, die man den Leuten beibringen wollte, als darauf, daß man prätendiert hätte, Überzeugungen zu wecken. Hierdurch aber sind sie die höchst unentbehrlichen Vermittler einer plötzlichen sehr allgemein verlangten, aber noch wenig durch systematische Studien und ausreichende Bibliotheken unterstützten Bildung, wenngleich die Zeitgenossen davon als von etwas ohne Zweifel Allbekanntem und Selbstverständlichem weniger als vom Stärkermachen der geringern Sache gesprochen haben. Und zwar kommt hier zunächst die Kenntnis vieler Geschäfte und Gewerbe in Betracht. Wenn Hippias in den meisten Künsten der weiseste der Menschen war und in einem ganz von seiner Hand gemachten Aufzug nach Olympia kam325 (was u.a. voraussetzt, daß er Seelenstärke genug besaß, um den Vorwurf der Banausie nicht zu fürchten), so spricht hieraus zunächst jenes Streben nach Allseitigkeit326, das nur in einer Epoche relativ einfachen Lebens denkbar ist, und ganz im Geist einer Frühzeit hoher Bildung erscheint er dabei nicht bloß als Vielerforschender (Polyhistor), sondern auch als ein Vielkönnender. Der Nämliche aber führte in seine »Unterredungen« ein327: Geometrie, Astronomie, Musik, Rhythmik,[251] sprach auch über Malerei und Bildnerei, und in Lakedämon sprach er, weil die Lakedämonier bei ihrem Willen zur Herrschaft diese Gattung von Gegenständen liebten, über die Arten der Staatsverfassung, über Kolonien und über staatliche Unternehmungen328; er soll mit seinem Wissen auch alles, was man Archäologie nannte329, umfaßt, sogar über Völkernamen geschrieben haben. Protagoras erbietet sich bei Plato330 u.a. auch, die Kunst guter Haus- und Staatsverwaltung zu lehren, wovon er bei seiner Weltkenntnis sehr viel Interessanteres wissen konnte, als Plato ihn sagen läßt. Wenn wir von dieser Weltkunde, welche die damaligen Sophisten besaßen und mitteilten, nur viel hätten, zumal von der vergleichenden Kunde von Städtegründungen, Verfassungen, Einrichtungen, ökonomischen Zuständen! Der Umstand, daß hierin Thukydides wohl ihr Schüler war331, gibt uns davon einen hohen Begriff. Nehmen wir noch dazu ihre grammatischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen, die von ihnen geübte Erklärung der alten Dichter, ihre Jurisprudenz und Kriegskunde, und daß man die Grundlage der formalen Logik ihnen verdankt, und bedenken wir, daß dieses Sachliche, das sie aus den verschiedenen Gebieten des Wissens vorbrachten, nicht nur nützlicher, sondern auch kurzweiliger war als das meiste, was die Philosophen lehrten, so wird uns klar, daß sie gerade das waren, was dem damaligen Bildungseifer entsprach. Ganz im Sinne des sachlichen Lehrens war auch das Streben des Hippias, eine Mnemonik aufzustellen, d.h. eine Anweisung, das Gelernte in den Köpfen zu befestigen332. Diese Mnemotechnik war bei der relativen Seltenheit der Bücher eine unentbehrliche Kraft, namentlich auch für den herumreisenden Wissenden selbst, der eben omnia sua secum portans sein mußte. Wenn nun schließlich zu dem Sachinhalt noch eine schöne rhetorische Form der Mitteilung kam, die der Zuhörer ebenfalls studieren konnte – und eine solche haben wir ja z.B. bei den teils öffentlich, teils in privaten Kreisen gehaltenen Vorträgen (ἐπιδείξεις) des Gorgias jedenfalls vorauszusetzen – so können wir keinen Augenblick mehr über die Größe des Erfolges, zumal bei der vornehmen und reichen Jugend333, und über die hohen Honorare334[252] staunen, die sie sich mit Recht zahlen ließen, und die man ihnen gewiß nicht für ihre Fangschlüsse und rhetorischen Schlauheiten zahlte. Es war nicht jedermanns Sache, sich ironisch und asketisch gegen das ganze Wissen zu verhalten, wie Sokrates.

Nun hatte die Sophistik das merkwürdige Schicksal, daß es dem großen Farceur Aristophanes beliebte, in seinen Wolken, aus den schlechtesten Rabulistenkünsten335, aus dem anaxagoreischen Besprechen der Himmelserscheinungen und Leugnen des ganzen alten Olymps und aus der sokratischen Dialektik einen Teig zu machen und den Hauptfeind der Sophistik als deren Hauptvertreter hinzustellen. So entsteht aus allen möglichen Vorurteilen des athenischen Philisters, der alles, was ihn ennuyiert, zusammennimmt (und ohnehin als Dichter diesmal nicht sonderlich inspiriert ist), eine Gesamtkarikatur, die auf alles, aber auf nichts völlig paßt336, immerhin aber doch auch ihrerseits auf das höchst nützliche Wissen Bezug nimmt, das die Sophisten lehrten337 und wofür ihnen gewiß auch einiges nachzusehen ist, das uns als Schwindel vorkommen würde. Jedenfalls sind sie nicht die eigentlichen Lehrer der Lüge gewesen, als welche sie nach dieser Darstellung erscheinen würden; dieselbe zeigt vielmehr wieder einmal, wie vorsichtig man mit dem äußerst rasch und ohne Rücksicht auf die Wirklichkeit skizzierenden Aristophanes als historischer Quelle sein muß. Dagegen mochten sich die Athener allerdings nicht nur durch die sich weise dünkenden jungen Leute (νεανίναι δοκησίσοφοι)338, die aus ihren Schulen hervorgingen, geärgert fühlen, sondern auch bedroht durch wirklich gefährliche Subjekte, die, wie z.B. Kritias, in sophistischen Kreisen verkehrten. Es war zwar nicht Schuld[253] der Sophisten, daß in den griechischen Staaten, die ganz auf Gleichheit der Bildung beruhten, eine Steigerung der Bildung bürgerliche Ungleichheit nach sich ziehen mußte; tatsächlich aber wurde diese Ungleichheit sofort auch zu größerm politischem Einflusse ausgebeutet.

Daß die Sophistik zur Zeit des Aristoteles »gänzlich in Verachtung geraten«339 war, begreift sich leicht. Derselbe traktiert allerdings die Sophisten nie anders als in diesem Tone; es scheint aber, daß es zu seiner Zeit überhaupt keine lebenden Menschen mehr gab, die sich so genannt hätten oder sich so hätten nennen lassen. Offenbar hat er nur ein schriftliches Depositum vor sich, und zwar von einseitig logisch- dialektischem Inhalt; während er von ihrem ehemaligen Sachwissen und Sachunterricht nichts mehr weiß oder doch keine Notiz davon nimmt, da er dessen als einer durch Wissen und Sammlungen entbehrlich gewordnen Vorstufe nicht mehr bedarf. Es war nämlich seither durch Spezialisierung der Wissenschaften (und vielleicht auch durch Gründung von Bibliotheken) anderweitig Rat geschaffen worden, und so war es den Sophisten ergangen wie den italienischen Humanisten des XV. Jahrhunderts340, welche gleichfalls stürzten, als für den Sachinhalt, den sie vertraten, anderweitig gesorgt war. Was aber die Rhetorik betrifft, so mochte ein schwülstiger Ausdruck aus ihren Reden etwa einmal mit Recht getadelt werden341; dagegen war zu Aristoteles Zeit das Stärkermachen der geringern Sache gewiß ebensosehr Mode und Bedürfnis als hundert Jahre vorher, und wenn dies die spezifische Tätigkeit der Sophisten gewesen wäre, so hätten sie floriert bis in alle Ewigkeit; jedenfalls hatte derjenige Aristoteles, der in seiner Rhetorik jene früher342 von uns besprochene Pathologie der Zuhörer entwirft und dabei eine so totale sittliche Indifferenz an den Tag legt, kein Recht, von den Sophisten mit sonderlicher Verachtung zu sprechen.


Die Sophisten führen uns auf die Abwendung großer Kreise vom Mythus, die zu ihrer Zeit eingetreten ist und die doch, wie wir gleich zu Anfang bemerken wollen, wahrlich kein Verbrechen war. Wenn wir sehen, wie derselbe im IV. Jahrhundert, von der bildenden Kunst abgesehen, scheinbar tot ist, und seine Organe, das Epos und die Tragödie, wenn sie auch weiter schaffen, keine Geltung mehr haben, also daß er erst[254] in Alexandrien wieder eine Renaissance feiert, so hat dies seinen Vorgang einerseits in der Impietät, welche die alte Komödie gegen die Götter übte, anderseits aber in der rationalistisch klaren Denkweise, welche in der letzten Generation des V. Jahrhunderts herrschend war und bei Männern wie Thukydides und besonders Perikles zum Ausdruck kommt. Und nun ist zwar die Philosophie überhaupt wesentlich ein Durchbrechen des Mythus343; allein für das damalige Athen handelt es sich speziell um Aufhebung aller Deisidämonie im täglichen Leben, vermöge natürlicher Erklärung besonders der Himmelsphänomene (NB. alles nur für höher Gebildete), und dies hängte sich weniger an Diagoras als an Anaxagoras, der durch seine Lehre der ganzen Natur die Göttlichkeit benahm. Dieser hatte den größten Einfluß auf Perikles, den er, wie Plutarch sagt, mit Meteorologie und Metarsiologie erfüllte und so beeinflußte, daß er in seine Beredsamkeit Physiologie gleichsam wie eine Farbe goß344; noch Demosthenes erinnerte, als die Pythia auf Philipps Seite stand, die Athener daran, wie er die Abhängigkeit von Chresmen und Orakeln für einen Vorwand der Feigheit gehalten und dafür auf Vernunft und Nachdenken gehört hatte345. Und neben dem Staatsmann steht hier der Dichter: Euripides erlaubt sich bisweilen, den Mythus förmlich zu korrigieren[255] und beweist damit den »Verfall des mythischen Verständnisses«346. So in der Polemik gegen Äschylos, die in seine Elektra (508 ff.) eingeflochten ist347; in dem nämlichen Stücke darf aber auch der Chor – es sind mykenische Frauen – ganz naiv betonen (737 ff.), er für seine Person glaube nicht, daß Zeus auf das thyesteische Gastmahl hin die großen Himmelslichter verkehrt habe aufgehen lassen, »doch frommten die Schreckenssagen, um den Ruhm der Himmlischen zu erhöhen«, was darauf hinausläuft, daß solcher Glaube für das Volk gut sei. Aristophanes denunziert dann seinen Gegner an einer Stelle348 geradezu, daß er die Götter leugne, während er ihn anderswo349 mit seiner anaxagoreischen Kosmogonie aufzieht und ihn in den Fröschen (893 ff.) vor Beginn des Agons im Hades statt der Götter die Luft, die Zunge, die Pfiffigkeit und die eigene Schnüffelnase anrufen läßt.

Was Sokrates betrifft, so warnt er bei Xenophon350 vor dem Zuvielwissenwollen des Anaxagoras und sucht dessen Sonnentheorie zu widerlegen, und auch in der platonischen Apologie protestiert er gegen Komplizität mit ihm. Eine Hauptstelle für sein Verhalten zum Mythus findet sich aber im Phädros (p. 229 b ff.). Hier sprechen Sokrates und Phädros über die wahre Stelle, wo Boreas die Oreithyia geraubt. »Hältst du dies Mythologem für wahr?« fragt Phädros, und Sokrates entgegnet: »Wenn ich zweifelte, wie die Weisen tun, so wäre dies nicht widersinnig. Ich würde dann (unhomerisch) räsonnierend (σοφιζόμενος) sagen, der Nordsturm habe sie von dem nahen Felsen heruntergerissen, und als sie so umgekommen, habe man gesagt, sie sei von Boreas geraubt worden ... Ich halte nun solche Untersuchungen für fein, aber für Sache eines allzu eifrig angestrengten und nicht gerade glücklichen Menschen, wäre es auch nur deshalb, weil nachher für ihn die Notwendigkeit vorhanden ist, auch die Gestalt der Hippokentauren richtig zu erklären und dann die der Chimära. Und dann strömt herbei die Masse der Gorgonen und Pegase und anderer, welche an Menge nicht zu bewältigen sind, und die wunderbarsten Fabelwesen. Will einer, der nicht daran glaubt, sich jedes einzelne der Wahrscheinlichkeit nach erklären, so wird er, weil sein Verständnis ungebildet ist, viele Zeit brauchen. Ich aber habe dazu keine Muße, und zwar deshalb: Ich kann nicht einmal, wie der Spruch von Delphi verlangt, mich selbst erkennen, und da wäre es lächerlich, fremde Dinge zu betrachten. Und so lasse ich jene Fragen auf sich beruhen und betrachte, indem ich der landläufigen Ansicht (τῷ νομιζομένῳ) darüber folge, nicht[256] sie, sondern mich selbst, ob ich ein wildes Tier oder ein gezähmtes Wesen bin, das von Natur am Göttlichen Anteil hat« usw.

Es ist nun eine nicht ganz einfache Frage, wie weit um diese Zeit ein allgemeiner Unglaube um sich gegriffen habe. Allgemeiner Frevelmut, der überhaupt nur noch an seine Zwecke der Gier dachte und Götter oder Nicht-Götter völlig auf sich beruhen ließ, mag die Hülle und Fülle tatsächlich vorhanden gewesen sein351, ohne offiziell zugestanden zu werden. Aber in schwachen Momenten verfielen die Frevler dieser Art dann der Deisidämonie. Die philosophische, von göttlicher Regierung absehende Welterklärung eines Diagoras, Anaxagoras u.a. aber, die sich bis zu einem gewissen Grade an den Tag wagte, unterlag regelmäßig den Asebieprozessen352. Diese sind mit einem Minimum von Götterglauben verträglich, dieses Minimum aber war und blieb im Altertum bis in die spätesten Zeiten vorhanden. Euripides durfte es wagen, die Götter nicht besser, sondern eher schlimmer darzustellen, als sie bei Homer sind, und die alte und mittlere Komödie durfte sie durch den Kot ziehen; aber leugnen durfte man sie nicht353: denn ihr Neid und ihre Rachsucht blieben wenigstens insoweit gefürchtet, als man bei irgendeiner Kalamität doch »nicht wissen konnte«, ob nicht irgendeine Götterranküne dahinter stecke. Auch beim dünnsten Glaubensfaden und bei geringster Achtung vor den Göttern war es doch für den Staat und für den einzelnen sicherer, einen gewissen Grad von Eusebie innezuhalten; sobald es an die Verantwortlichkeit geht, wird jeder vorsichtig. Und hieran schloß sich dann jederzeit diejenige Religiosität an, welche überhaupt noch vorhanden[257] war, und proklamierte immer von neuem das Walten der Götter. Auch beunruhigte der Glaube an Götter wie die griechischen, die nicht Urbilder und Prinzipien der Ethik, sondern eher solche der menschlichen Leidenschaften und überhaupt niemals heilig und niemals über die Moira mächtig waren, das ordinäre Gewissen nicht und war mit jeder Genußsucht verträglich354. Also wozu sie abschaffen? Den Rest tat der enorm reich mit dem ganzen öffentlichen und Privatleben verflochtene Kultus, besonders das Verhältnis desselben zur Lebensfreude355. Und neben all diesem war die Sorge über die Dinge im Hades trotz Auflösung der Religion eher im Steigen; die niedere Deisidämonie kam erst recht in Flor. Bei den Philosophen aber, im allgemeinen gesprochen, stellte sich dann statt des Atheismus eher irgendeine Art des Monotheismus ein.


Um abzuschließen, müßte man nun die innere Wandlung aller hellenischen Staaten von 500 bis 400 oder schon 415 v. Chr. in jeder Kulturbeziehung durchgehen, soweit Aussagen vorliegen. Überall fände sich a potiori: der Horizont durch die Perserkriege verändert, die politische Gestaltung vorherrschend demokratisch, die Individuen geweckt und entwickelt, aber auch der Kampf zwischen ihnen und ihren Staaten überall im Gange, Reflexion und Räsonnement vorherrschend über die einfache Pflichterfüllung. – Die Philosophie hat das Weltall und den Menschen aus eigenen Kräften zu erklären unternommen; die gesellige Lebensform hat ohne Zweifel ihre Höhe erreicht. Dabei ist die Sittlichkeit durch die Erschütterung des Staates, ihres wesentlichsten Anhaltes, stark mit erschüttert; nicht bloß ist die Sitte aufgelockert, sondern der egoistische Frevel ist schrankenlos. – Die Poesie gibt sich im V. Jahrhundert wesentlich aus356; sie produziert ihre letzten großen Formen, die ihr noch beschieden waren; die chorische in weitestem Umfang, die Tragödie, die alte Komödie, das Epigramm, und erfüllt dieselben mit wahrhaft lebendigem Inhalt, woneben das IV. Jahrhundert wie abgestanden aussehen wird; es behält an neuen Formen nur eine Nachlese übrig (die mittlere und neuere Komödie), und was es in den ältern schafft, das lebt nicht weiter. – Dagegen erreicht die bildende Kunst im V. Jahrhundert erst[258] das Erhabene, so daß dem IV. das Süße und Schöne, das vollkommen seelisch Belebte zu schaffen übrigbleibt.


Und nun noch ein Wort über die allgemeine Zersetzung des griechischen Lebens während des Peloponnesischen Krieges, ein Faktum, das so groß ist, daß man die Augen absichtlich verschließen müßte, um es nicht zu sehen. Dieselbe war wohl vorbereitet: gerade daran, daß Griechenland sich seit den Perserkriegen einer ungeheuern Kraft bewußt ist (wobei es nachher keinen großen Unterschied begründet, ob eine Polis, resp. Partei überhaupt nicht oder sogar auf seiten der Perser mitgehalten hat), knüpft sich die Bestimmung zu einem sehr raschen Ausleben. Denn jetzt erst fängt das eigentliche Machttreiben an, welches früher nur die Eigenschaft Spartas gewesen war. Der Antrieb aber kommt von der fast überall durchdringenden Demokratie her. Das Volk, welches gesiegt hatte oder sich dies einbildete, baut jetzt seinen innerlich ruhelosen Staat aus, der sich natürlich auch nach außen in Schlägen ausspricht. Niemand fühlt sich bei dem neuen Maßstab, der für alle Dinge gilt, mächtig genug, gerade weil man sich im persischen Krieg so mächtig gefühlt hatte; Ehrgeiz und Eitelkeit finden nicht mehr ihr Genüge im Proklamieren und Bejubeln von Agonalsiegern; man muß sich nach außen regen, d.h. gegen andere Poleis, andere höchst empfindliche, in letzter Instanz nur durch Zernichtung unschädlich, d.h. racheunfähig, zu machende Wesen; und dabei führen jetzt natürlich, während alles bisherige Ehrwürdige: Mythen, Heiligtümer, agonaler Ruhm in den Städten wertlos wird, das große Wort die Realpolitiker. Das ganze weitere V. Jahrhundert, in Griechenland wie in Sizilien, ist nun nur Vorbereitung und Einleitung zum Peloponnesischen Krieg, d.h. zur Gruppierung der Gewalt übenden und Gewalt duldenden Poleis unter zwei Banner und zum Entscheid, wer der Stärkere sei. Waren die Poleis bisher aufs höchste um Unabhängigkeit bemüht gewesen, so müssen sie sich jetzt in Symmachien und Hegemonien fügen. Einzeln, aber für den Moment verbündet, hatten sie den Xerxes und Mardonios geschlagen; jetzt unterliegen sie einer allgemeinen innern und äußern Treiberei; der Krieg innerhalb der Nation aber, auf welchen diese mit Notwendigkeit drängt, muß unvermeidlich den Persern, sobald diese irgendeine Politik verfolgen, das große Wort in griechischen Dingen verschaffen.

Und nun ist nicht nur das furchtbare alte Kriegsrecht aus der mythischen Zeit noch am Leben, sondern es wird erst recht methodisch und empörend angewandt: Ausmorden, Verkauf in die Sklaverei, Verwüsten aller Pflanzungen, Ödelegen und Zerstören ist an der Tagesordnung. Die Schwächung der Kräfte aber verhindert noch nicht die Ambitionen: die sizilische Expedition der Athener, während sie daheim stündlich durch[259] einen Wiederausbruch des Krieges bedroht sind, gibt ein für allemal hierfür das Maß an. Athen würde damit den völligen Untergang verdient haben von wegen unheilbarer Schädlichkeit.

Wie dies alles aber auf den Charakter der Nation wirkte, darüber höre man Thukydides in jenen berühmten Kapiteln (82 f.) seines III. Buches, wo er die Darstellung der allgemeinen Verrottung an die Greuel von Kerkyra deshalb anknüpft, weil der dortige Parteikampf mit der früheste war und somit einen um so schrecklichern Eindruck machte; denn später »geriet sozusagen die ganze hellenische Nation in Bewegung«, indem überall die Demokraten für Athen, die Oligarchen für Sparta waren. Und nun lernt man kennen, wie der Umsturz von Verfassungen, der im Frieden schwer war, im Krieg viel leichter wurde, indem die, welche ihn wollten, leicht Fremde dazu herbeirufen konnten. Im Frieden waren Staat und Individuen, weil nicht in der Not, noch besser gesinnt gewesen; aber im Kriege, der den Erwerb und die Genüsse raubt, werden die Menschen böse, denn er ist ein gewalttätiger Lehrer (βίαιος διδάσκαλος). Wo aber die Parteiung spät ausbrach, war sie desto heftiger, ränkevoller, rachelustiger, indem man jetzt erst Vergangenes erfuhr und nachholte. Auch die Veränderung der Wortbedeutungen kommt zur Sprache, und es wird dabei der ganze politische Jargon gegeben, wie er sich namentlich in den Hetärien bildete357. – Hierbei gewinnt man eine Ahnung von dem Verderb, der solche Klubs nicht bloß für Staat und Moral, sondern für alle Geselligkeit sind; denn abgesehen von der gewöhnlichen Vereinsverdummung wird jeder edlere objektive Austausch des Geistigen nicht bloß für die betreffende Nacht unmöglich, sondern den Menschen überhaupt verleidet; mit seiner ganzen Existenz wird man auf die schlechteste Geselligkeit auf Erden hingewiesen und durch Komplizität an sie gefesselt.

Thukydides aber führt weiter aus, wie der gegenseitige Verlaß auf gemeinsamen Verbrechen beruhte358. Versöhnungsschwüre wurden nur gehalten, solange es unvermeidlich und zweckmäßig war; man fand (und hier tritt nun die Entwicklung des eigentlich Satanischen zutage) nicht nur größere Sicherheit, sondern auch mehr Vergnügen dabei, sich an dem ungedeckten Gegner durch Mißbrauch des Vertrauens (also durch zuvor erheuchelte Freundlichkeit) zu rächen; durch Trug siegend,[260] trug man den Preis der Pfiffigkeit davon; eher wollte man böse sein und gewandt, als gut und ungeschickt heißen, und die beiden Parteien, von denen Thukydides mit keinem Worte verrät, welche ihm lieber sei, brauchten trotz ihrer schönen Namen im Kampfe alle Mittel. Wo sie durch ungerechte Abstimmung oder durch Gewalt die Herrschaft erwarben, ließen sie dem Hader alle Genugtuung; ein Haupthaß aber bestand gegen alles, was von Bürgern parteilos blieb: diese wurden entweder wegen ihres Nichtmithaltens oder aus Neid, weil sie sich aufrecht hielten, dem Verderben geweiht. Jede Art von schlechter Denkweise wurde herrschend, das Schlichte, das hauptsächlich zur edeln Art gehört, verlacht und verachtet. Alles war nur Feindschaft und Treulosigkeit; kein Sühnwort mehr sicher, kein Sühneid gefürchtet; allgemein war nur das Sichdurchhelfen, und die Schlimmsten, welche obenauf waren, schritten aus Besorgnis, die Gegner möchten ihnen an Rede und Gewandtheit überlegen sein, frech sofort zu Tätlichkeiten. Wer die Dinge auf verständigem Wege behandeln wollte, ging ihnen gegenüber meist wehrlos zugrunde.

Diese Kapitel, worin uns die furchtbare Unsittlichkeit, welcher alle Parteien verfallen sind, zumal die Entsetzlichkeit ihres Kampfes und der dabei waltenden kalten, schrecklichen Berechnung vor Augen geführt wird, sind nun einmal da und sind unsterblich. Man hätte in der gegenseitigen Bekämpfung wahrlich vorsichtiger werden dürfen. Denn den Persern konnte mit nichts besser gedient sein, und Alkibiades machte es diesen auch begreiflich, daß das Weiterkämpfenlassen der beiden Gegner ihre einfachste Politik sei359. Auch meldet sich schon während des sehr unsichern Nikiasfriedens, da alles voll Gärung ist, die Schnappsackpolitik roher, zurückgebliebener Völkerchen (die dann nach anderthalb Jahrhunderten in Gestalt des ätolischen Bundes so furchtbar werden sollten): Doloper, Änianen und Malier überfallen Heraklea Trachinia, gewinnen eine Schlacht, belagern die Stadt und werden nur durch einen thebanischen Hilfszug abgetrieben360. Aber man blieb auf beiden Seiten zum Äußersten entschlossen, und wenn wir geneigt wären, an den Worten des Thukydides etwas herunterzudingen, so sprechen für sie die Anklänge, die wir bei Euripides in dem Eteokles der Phönissen und in der Kreusa des Ion finden361; auch hier lernen wir, was man bei dem rücksichtslosen Herrschenwollen alles wagt, um Meister zu bleiben.

Überhaupt verraten uns die Dichter mancherlei. Daß sich z.B., während sonst der Raubkommunismus die Zeiten Polybs abwarten mußte,[261] die betreffenden, auf allgemeine Gleichheit des Besitzes dringenden Räsonnements damals schon vernehmlich gemacht haben müssen, können wir aus einer Tirade des Euripides schließen362, wo gepredigt wird, daß es kein Leben und Wohnen mehr wäre, wenn es nur Arme gäbe, und daß zum Wohlbefinden des Ganzen eine Mischung von Arm und Reich nötig sei; denn beide seien aufeinander angewiesen. Bezeichnend ist für diese Zeit auch, daß der direkte Patriotismus, der in den Sieben des Äschylos noch so überzeugend spricht, bei Euripides teilweise schon hohl klingt. So in der langen Tirade des von Eumolpos und den Thrakern bedrohten Erechtheus, der mit übertriebenstem Edelsinn seine Tochter für das Vaterland opfern will363. Ein Fragment dieses Dichters lehrt auch364, daß jetzt den Leuten auch Lichter darüber aufgingen, wie die Sitte besser sei als das Gesetz, und zwar darum, weil sie kein Rhetor verdrehen könne; dieses aber könne einer durch seine Reden auf und ab verwirren und beschädigen.

Und nun Aristophanes. Er mag für einen Tugendwächter einen kuriosen Ton reden; aber ein in allen Literaturen einziges Aktenstück bleibt die berühmte Rede des gerechten samt der Gegenrede des ungerechten Logos in den Wolken (961 ff.) doch; beide setzen, wenn sie verständlich sein sollten, voraus, daß eine große Zahl von Athenern in ihnen wirklich das Bild des ältern und des jüngern Athens erkannten und im Stillen über die Dinge einig waren, die der Dichter, wie es Pflicht des Dichters ist, laut sagt. In den Fröschen (1014 f.) nennt sein Äschylos – NB. unmittelbar vor Ägospotamoi – das jetzige Geschlecht ein sich den Bürgerpflichten entziehendes, gemeines, gaunerisches, schuftiges; Euripides hat ihm (1069 ff.) die Geschwätzigkeit beigebracht, welche die Palästren veröden läßt und die Matrosen des Staatsschiffs zur Insubordination bringt; die Stadt wimmelt von Unterschreibern und frivolen Volks-Affen; vor Mangel an Gymnastik aber ist niemand mehr imstande, beim festlichen Fackellauf die Fackel zu tragen. Bald hier, bald da wird sodann den Behörden Bestechlichkeit vorgeworfen365; ja es wird etwa auch die Schlechtigkeit[262] der Männer im allgemeinen behauptet und u.a. mit Staatsdiebstahl, Heeresflucht und gar Menschendiebstahl begründet366. Dies kommt in den Thesmophoriazusen vor, in denen sonst das Elend und die Verderbnis der Weiber mit den grellsten Farben gemalt sind. Eheliche Untreue der Frauen, Unterschieben von Kindern usw. werden als Taten, die offenbar nicht selten sind, angeführt und es ist von dem wachsenden Mißtrauen der Männer (vielleicht ohne wesentliche Übertreibung) die Rede, als dessen Urheber Euripides denunziert wird367. Im Plutos erscheint dann gleich zu Anfang das Glück aller Bösen als eine zugegebene Sache; Karion und sein Herr Chremylos sind einander an kalter Frevelrede gewachsen, indem sie behaupten, daß nur die Ruchlosigkeit Nutzen bringe.

Im Grunde ist die alte Komödie selber ein Stück von der Krisis des griechischen Lebens und, wie schon (S. 194) gesagt, der Beweis dafür, daß Athen mit einer Elektrizität des Skandals vollgeladen war, die nicht nur an den Dionysien, sondern als permanentes Gewitter das ganze Jahr hindurch zur Entladung kommen mußte368. Als kulturhistorische Quelle aber ist sie nicht zu missen, und namentlich die Parabasen, in welchen der Dichter direkt redet, sind in bedeutendem Grade Aktenstücke; denn Aristophanes, welcher, sobald er von bestimmten einzelnen redet, der stärkste Verleumder sein darf, kann, wo er Handlungsweisen überhaupt[263] schildert, nur Sachen gesagt haben, welche jedermann kannte und kenntlich fand369.

Plato soll nach Aristoteles370 einem Archibios gegenüber geäußert haben, es sei in Athen Mode geworden zuzugeben, daß man böse (πονηρός) sei. Dies würde an die Italiener zur Zeit Macchiavellis erinnern; jedenfalls aber legen Personen seiner (ihrer Voraussetzung nach in dieser Spätzeit des V. Jahrhunderts gehaltenen) Dialoge die stärksten Zeugnisse über die Krisis des griechischen Lebens ab. An einer wichtigen Stelle der Republik (II, 3-8) schlägtA22 er vor allem die alte Ansicht vom Gotteslohn auf Erden und von dem sinnlich ausgemalten Gotteslohn im Jenseits zusammen, indem er von der allgemein menschlichen Neigung zum Bösen und von dem Leiden der Guten und Triumph der Schlechten auf Erden ausgeht, die durch ihre Reichtümer den Gerechten sogar im Kultus mit Opfern und Weihegeschenken überbieten und darum auch von den Göttern mehr geliebt sind; dann aber kommt eine Auseinandersetzung darüber, was das eigentlich für eine Wirkung haben müsse, wenn man den jungen Leuten sage, die Götter gäben den Bösen Glück und den Guten Unglück und seien durch Formeln und kräftige Sprüche bestimmbar, und es wird einem jungen Manne die Folgerung in den Mund gelegt: So will ich mir denn den Anschein der Tugend geben, dabei aber als Fuchs handeln. Um nicht entdeckt zu werden, dazu sind Verschwörungen und Hetärien dienlich. Ferner gibt es ja Lehrer der Überredungskunst, welche vor Volk und Gericht sprechen lehren; teils mit solcher Überredung, teils mit Gewalt werden wir mächtig genug sein. Wenn die Götter, die man, wie es heißt, weder täuschen noch vergewaltigen kann, überhaupt existieren und sich um das Erdenleben kümmern, so wissen wir hiervon doch nur durch die Sagen und die genealogisierenden Poeten, und aus eben diesen erfahren wir auch, daß man die Götter mit Opfern, besänftigenden Gelübden und Weihegeschenken herumbringen kann. Dann mag man eben freveln und opfern (ἀδικητέον καὶ ϑυτέον); denn mit der bloßen Gerechtigkeit bleibt man zwar ungestraft von seiten der Götter, büßt aber den Nutzen ein, den die Ungerechtigkeit gewährt; als[264] Ungerechte aber machen wir Gewinn und erflehen trotz allen unsern Vergehen von den Göttern, daß sie uns straflos lassen. Und wenn uns und unsern Nachkommen mit Strafen im Hades gedroht wird, so vermögen doch die Weihen und die lösenden Götter vieles, wie die größten Poleis behaupten und diejenigen Göttersöhne, welche Poeten und Propheten geworden sind.

Eine zweite Stelle (VI, 6-8) handelt von den Demagogen. Diese tadeln oder loben in jeder Art von Versammlung (in Ekklesie, Gerichtshöfen, Theater, Lager), was gesagt oder getan wird, mit höchstem Lärm und stärkster Übertreibung, und Steine und Mauern geben Lob und Tadel mit doppeltem Lärm zurück. Was soll nun die Jugend dabei empfinden? Und welche diesem Treiben entgegengesetzte Bildung wird nicht von diesem Lob und Tadel abwärts geschwemmt werden, wohin der Strom treibt, bis man endlich dasselbe sagt, treibt und wird wie jene? Übrigens lehren diejenigen lohnarbeitenden Individuen, welche von den Demagogen Sophisten genannt und als Konkurrenten betrachtet werden, im Grunde auch nichts anderes, als diese Meinungen der Menge, welche in den Versammlungen vorgebracht werden, und das nennen sie dann Einsicht (σοφία). Es ist, als studierte jemand alle Leidenschaften und Begierden eines großen und mächtigen Tieres (ϑρέμμα), wie man ihm nahen und es berühren müsse, wovon es böse oder sanft werde, und auf welche Stimmen oder Töne hin zahm oderA23 wild. Das Resultat hievon wird als ein Fach (τέχνη) gelehrt, und ohne zu erwägen, was wirklich schön oder schändlich, gut oder böse ist, benennt man alles so oder anders, je nach der Meinung des großen Tieres; was diesem gefällt, ist gut, was ihm Schmerz macht, böse371. Der junge, begabte Ehrgeizige aber, von dessen Persönlichkeit die Verwandten viel hoffen, muß, besonders wenn er aus einer großen Stadt, reich, vornehm, schön und groß ist, voll unsagbarer Hoffnung werden und sich für fähig halten, Hellenen und Barbaren zu weiden, hochmütig und voll leeren und unsinnigen Dünkels372.

Später (VIII, 10-13) wird dann das Bild der Demokratie gegeben, freilich nach den äußersten Fällen, da die Armen die übrigen getötet oder verjagt und Verwaltung und Ämter unter sich verlost haben. Alles ist[265] frei und die Stadt voll Ungebundenheit im Tun und Reden. Da gedeihen allerlei Leute, und politische Einrichtungen sind zum Auslesen da, wie in einem Kaufladen. Den allgemeinen Pflichten und Beschlüssen weiß man sich nach Kräften zu entziehen; für das Verbrechen herrscht Sympathie, so daß zum Tode und zur Verbannung Verurteilte dableiben und öffentlich herumgehen; auf Erziehung wird nicht mehr geachtet; man ehrt einen, wenn er nur behauptet, er sei dem Volke wohlgesinnt. Und nun entspricht der Zerfahrenheit des Staatswesens die des demokratischen Mannes, der, bunt und voll von Gegensätzen wie sein Staat, jeden Tag nach der Begierde lebt, die ihn gerade ergreift, heute trunken und sich am Flötenspiel ergötzend, morgen nüchtern, bald turnend, bald ganz faul und apathisch, dann wieder bei der Philosophie verweilend, aber meist Politik treibend, indem er aufspringt und das erste Beste sagt und tut. Manchmal beneidet er Kriegsleute und stürmt nach dieser Seite hin, dann wieder Geldmänner usw. In seinem Leben ist weder Ordnung noch eine innere Nötigung, und doch nennt er es angenehm, wohlanständig, glücklich (gewiß dachten die meisten Athener so). – Dies ist aber die Demokratie, welche gelegentlich in Tyrannis umschlägt. Der demokratische Staat, in großem Durst nach Freiheit, gerät an unrichtige Schenken und wird weit über das Maß von ungemischtem Weine trunken gemacht. Wenn dann die Behörden nicht äußerst gelinde verfahren, so werden sie als Ruchlose, als Oligarchen angeklagt und mißhandelt, und die, welche ihnen noch gehorchen wollen, als freiwillig-knechtische Nullen beleidigt. Was man rühmt und ehrt, sind Regierende, welche Regierten und Regierte, welche Regierenden gleichen. Und dieser Geist dringt auch in die Familie ein; der Vater ist dem Sohn gleich und fürchtet sich vor ihm, der Sohn aber hat vor ihm weder Achtung noch Furcht. Ebenso wird der Metöke dem Bürger gleich und sogar der Fremde; der Lehrer fürchtet die Zöglinge und schmeichelt ihnen, und diese verachten Lehrer und Pädagogen; Junge und Alte wetteifern miteinander in Worten und Werken, und die Greise setzen sich zu den Jungen und erfüllen sich mit witzigem Scherz, um nur ja nicht mürrisch und herrisch zu scheinen. Endlich werden sogar die gekauften Sklaven und Sklavinnen nicht weniger, frei als ihre Käufer und zwischen Männern und Weibern besteht vollends Gleichheit und Freiheit. Sogar die Tiere gehen freier einher als anderswo, die Hündinnen, Pferde und Esel; sie stoßen auf die Leute, die ihnen nicht aus dem Wege gehen. Zuletzt werden die Menschen äußerst empfindlich und kümmern sich umgeschriebene und ungeschriebene Gesetze nichts mehr, damit gar kein Herr mehr über ihnen sei.

Anderswo (IX, 3) wird in einem höchst großartigen Bilde der verarmte Wüstling geschildert. Dieser wird, wenn er zumal seinen Liebschaften alles untergeordnet und das elterliche Vermögen verloren hat,[266] während zugleich in ihm ein Schwarm von Begierden sich aufgesammelt hat, zunächst in ein Haus einbrechen373 oder einem des Nachts Daherkommenden das Kleid rauben, dann aber ein Heiligtum plündern und sich keines Mordes und Frevels mehr enthalten. Sind deren irgendwo nur wenige, so gehen sie auswärts in Tyrannendienste oder stiften, daheim bleibend, nur viele (relativ) kleine Übel (worunter Plato auch die Missetaten der Sykophanten rechnet); werden ihrer aber mehr und mehr, so geht aus ihnen mit Hilfe der Volkstorheit der Tyrann hervor, und zwar ist dies (wie Plato fälschlich meint) derjenige, der in sich selbst den größten Tyrannen (d.h. Schwarm von Leidenschaften) hat. Es hatte dann freilich seine Gründe, daß sich von den attischen Catilinariern keiner zum Tyrannen aufzuschwingen vermochte.

In dem Werke von den Gesetzen (III, 15 f.) knüpft sodann Plato das Bild der Ausartung an den Verderb der Musik und an die Theatrokratie374. Einzelne Züge, wie die Unbotmäßigkeit gegen die Eltern375 und die Gesetze lauten hier ähnlich wie in der Republik. Wenn es dann völlig dem Ende zugeht, reißt Unbekümmertheit um Eide, Treue und Götter ein, wobei man die sogenannte alte Titanennatur nachahmt; freilich treten dann auch jene alten Folgen ein: böse Zeiten ohne Aufhören des Jammers376.

Im Gorgias (26 f.) endlich darf Plato dem Sophisten Polos, nachdem dieser die schrecklichen Familienfrevel erzählt hat, wodurch Archelaos auf den makedonischen Thron gekommen ist, die Frage in den Mund legen: Gibt es wohl, von dir, Sokrates, anzufangen, einen Athener, der lieber irgendein anderer Makedonier als Archelaos wäre? Und Sokrates entgegnet: Alle Athener und Fremden mit wenigen Ausnahmen werden dir zugeben, daß sie lieber Archelaos wären (worauf eine bedenkliche Aufzählung von so denkenden Athenern folgt).

Auch Xenophon gibt377 eine Schilderung davon, wie es zugeht, wenn die Kalokagathie von der Stadt gewichen ist: Mangel an Ehrfurcht vor dem Alter und Verachtung der Gymnastik treten ein; statt sich gegenseitig[267] zu helfen, kränkt man einander und beneidet die Mitbürger mehr als alle andern Menschen; bei öffentlichen wie bei Privatzusammenkünften wird gehadert, und die meisten Prozesse hängt man sich gegenseitig an; allgemein herrschen Feindschaft und Haß. Während in Seesachen noch Subordination herrscht und man auch (was Xenophon des Hohnes wegen konzediert) bei gymnischenA24 Agonen noch den Vorstehern gehorcht und ebenso bei den Chören den Dirigenten, sind Hopliten und Reiter Athens die disziplinlosesten auf der Welt.

So erschallen von verschiedenen Seiten die lautesten Klagen. Daß ihnen Tatsachen zugrunde lagen, lehrt schon der Umstand, daß ein Mensch wie Andokides möglich war. Obschon selber als Keryke von Hermes abstammend, ist er doch Teilnehmer des Hermokopiden- und des Mysterienfrevels, wird aber als Angeber der übrigen freigesprochen. Hierbei ist er vom größten Eifer und denunziert seinen eigenen Vater Leogoras. »Den andern brachte er durch seine Angabe den Untergang, den Vater aber, der schon gefesselt war, rettete er, indem er sagte, derselbe werde der Polis noch sehr nützlich sein. In der Tat überführte nun Leogoras viele als Diebe am Staatsgut und sonstige Übeltäter, und damit wurde er vom Prozesse ledig«378.

Von Theramenes aber, dem die Athener von allen Seiten zu seiner Rettung gratulierten, als das Haus einstürzte, aus dem er eben getreten war, ist das bekannte Wort379 überliefert: »O Zeus, auf welchen Moment sparst du mich auf!« Dies war gewiß aus der Empfindung gesprochen; denn alle trieben vorwärts und sahen den gewaltsamsten Ausgang kommen; sie wußten nur nicht, welchen. Manchem mochte einstweilen zumute sein: Wenn mich doch nur bei Zeiten die Erde verschlänge!


Fußnoten

1 Man denke an das Gelüste des Kambyses nach der ἡλίου τράπεζα der langlebenden Äthiopen. Herod. III, 17 f. 23.

2 Herod.V, 73. VI, 49.

3 Vgl. Band III, S. 397. – Schon die kleinen, diesmal aber echten Zahlen der bei Platää gefallenen Griechen, die Plut. Aristid. 19 gibt, lassen z.B. darauf schließen, daß die Armee des Mardonios ihrerseits lange keine 300000 Mann betrug.

4 Gegenüber dieser enormen anonymen Masse wußte Herodot (VII, 224) von sämtlichen 300 Mann des Leonidas die Namen.

5 Vgl. Diodor XI, 1.

6 Auch die römische Religion ist nichts dagegen; am ehesten käme der Dünkel eines Louis XIV. in Vergleich.

7 Vgl. Band I, S. 306.

8 Thukydides in der Grabschrift auf Euripides bei Bergk, S. 100: Ἑλλάδος Ἑλλάς Ἀϑῆναι.

9 Bei Nauck, fr. incert. 981.

10 Med. 824 ff. nach der Übersetzung, die O. Müller II, S. 5 gibt. – Ein umständlich motiviertes Lob von Klima, Produkten und Lage von Attika findet sich Xenoph. de vect. 1. Über die geographische Lage Attikas, um das sich die Inseln wie Propyläen vor Königsburgen und wie Sterne um den Mond lagern und über die Schönheit der Landschaft, worin Meer und Land, Ebene und Gebirg herrlich zusammenstimmen, vgl. auch Aristides Rhetor, Panathen, p. 155. 158. 162.

11 Vgl. die von Athen. III, 6 zitierte Stelle aus Antiphanes; Athen. erwähnt daselbst (nach Istros) auch ein altes Verbot der Feigenausfuhr, das den Zweck gehabt haben soll, die Einwohner allein sollten den Genuß haben. – Was den Honig betrifft, so will der Ruhm desselben in einer Zeit, da er das einzige Süßungsmittel war und bei allen Opfern usw. gebraucht wurde, schon etwas bedeuten. Der beste soll in der Gegend der Silberbergwerke gewonnen worden sein, der nächstbeste am Hymettos. Strabo IX, 1, 23, p. 399, wo auch von den Bergwerken die Rede ist. – Ein bedeutendes Fragment aus den Horen des Aristophanes (bei Athen. IX, 14) schildert, wie Athen stets die Früchte, Blumen und andern Produkte aller Jahreszeiten besaß, und beklagt die beständige Verführung zum Geldausgeben, die damit gegeben war.

12 Plato, Kritias p. 111. Vgl. Band III, S. 38.

13 Plato, Alkib. I, p. 122 d. Strabo IX, 1, 8, p. 393 sagt vom megarischen Gebiet, es sei παράλυπρος ὥσπερ ἡ Ἀττική. Plut. Sol. 22: τὰ πλεῖστα τῆς χώρας ἀγεννῆ καὶ φαῦλα. Hier wird auch (23) die Not mit dem dürftigen Wasservorrat berichtet.

14 Öd. Kol. 668 ff.

15 Lysias VII, de olea.

16 Binnen vielleicht nur 14 Jähren (wenn 397/6 das Datum der Rede ist) hat es mindestens vier Eigentümer, deren letzter (der Sprechende) es seit 404 nacheinander an vier Pächter vermietete, von denen zwei es nur ein Jahr in Pacht hatten; zuletzt bebaute er es selbst.

17 Schon Solon bewog die Athener, auch den thrakischen Chersonnes hinzuzugewinnen. Diog Laert. I, 2, 2. Gegenüber demselben war Sigeion wenigstens im VI. Jahrhundert zeitweise in athenischen Händen.

18 Diodor XIII, 107.

19 Böckh, Staatshaush. I, 9.

20 Lysias VI, in Andoc. 49.

21 Argum. zu Demosth. in Theocrin.

22 Lysias XXII, 14. Vgl. auch Frohbergers Einleitung zu dieser Rede.

23 Ebenda 1 wird vorausgesetzt, daß die Richter die Kläger leicht als Sykophanten beurteilen.

24 Ebenda 16. 18.

25 Lysias sagt ebenda 21, indem er die Sitopolen als gegen sie verschworen hinstellt: Ihnen werdet ihr zu Willen handeln und sie geneigter machen, wenn ihr diese straft, wo nicht, was sollen sie von euch denken usw.?

26 Öd. Kol. 1125 ff. Schon 1006 f. sagt er: Wenn irgendein Land es versteht, die Götter zu ehren, so hat dieses hierin den Vorzug.

27 Suidas s.v. Abaris, Kinkel epicor. fragm. p. 242.

28 Plut. Aristid. 27. Pelop. 6.

29 Vgl. Band I, S. 19.

30 Plut. Kimon 10.

31 Älian V.H. III, 38. – Nach Philochoros bei Athen. II, 7 und V, 8 lernte man in Attika zuerst den Wein mit Wasser mischen, worauf die Menschen erst aufrecht gehen lernten, πρότερον ὑπὸ τοῦ ἀκράτου καμπτόμενοι. Dionysos lehrte es den attischen König Amphiktyon. Über Theseus als Erfinder des Ringens vgl. oben S. 95, Anm. 3.

32 Dies aus der Rede des Nikolaos bei Diodor XIII, 22 ff., worauf dann freilich im Munde des Gylippos das athenische Sündenregister folgt. – Ein gleichfalls mit dem Altar des Mitleids beginnendes Gerühm der attischen Frömmigkeit findet sich Pausan. I, 17, 1. Pausanias, dem man dergleichen tale quale in Athen wird beigebracht haben, nimmt übrigens für den aparten Eifer (περισσότερον) der Athener um Religionssachen schon mit den fadesten und zweifelhaftesten Beweisen vorlieb, z.B. I, 24, 3 damit, daß sie die Athene zuerst Ergane benannt und zuerst gliedlose Hermen aufgestellt hätten.

33 Athen. V, 12.

34 Die thebanischen Mythen gibt Pausan. IX, 5, von dem Autochthonen Ogygos an bis auf die Nachfolger des Epigonen Thersandros und die Abschaffung der Königswürde. Es ist sichtlich ein bloßes Arrangement aus verschiedenen Mythen und mythischen Personen, die man harmonisieren mußte. Die Lücken werden durch Verwandtschaften und Vormundschaftsregierungen ausgefüllt.

35 Hauptstellen über denselben: Apollodor III, 14 ff. Strabo VIII, 7, 1 (p. 383). IX, 1 (passim, besonders p. 392. 397 ff.). Pausan. I passim. Justin. II, 6.

36 Pausan. I, 3, 2 sagt von den nicht geschichtskundigen Athenern, daß sie für glaubhaft hielten, was sie von Kind an in Chören und Tragödien vernommen hätten.

37 Pausan. I, 14, 6, wo aus dem athmoneischen Demos die Sage von Porphyrion berichtet wird, der der Urania ein Heiligtum errichtete. Er ist offenbar der phönizische Purpurfischer.

38 Ein solches ist jedenfalls der Schiffskatalog Il. II, wo Athen (546) ein ἐυκτίμενον πτολίεϑρον genannt und der athenischen Sendung umständlich gedacht wird. Auch hieß es (Strabo IX, p. 394. Diog. Laert. I, 2, 2), Solon oder Peisistratos hätte hier, um zu beweisen, daß Salamis von Anfang an zu Athen gehört habe, hinter den Vers 557 »Aias führte von Salamis zwölf Schiffe« den folgenden: »und brachte sie dahin, wo die Reihen der Athener standen« eingeschmuggelt. – Nach Strabo XIII, 3, 5, p. 622 wäre Elaia, wo sich später ein attalidischer Hafen befand, eine Gründung des Menestheus gewesen; die Athener hätten also noch Muße zum Koloniengründen gehabt. – Eine athenische Anbiederung an den troianischen Krieg ist es auch, daß auf der Akropolis in Erz das troianische Pferd nachgebildet war, aus dem sich Menestheus und Teukros und außerdem die Söhne des Theseus herausbeugten. Pausan. I, 23, 10.

39 Suidas, s.v. Daphidas. Westermann S. 363.

40 Diog. Laert. II, 5, 23 (Scharmant: Eine Geldbuße für das μαίνεσϑαι!)

41 Auch nach Kolchis sollte mit Iason der attische Heros Phaleros gefahren sein. Pausan. I, 1, 4.

42 Die Vulgata hierüber bei Strabo XIV, 1, 3 p. 633 und Pausan. VII, 2-5.

43 Thukyd. I, 2. Ähnlich Xen. Mem. III, 5, 12. Der Ruhm der Autochthonie auch in dem Plut. de exil. 15 mitgeteilten Euripidesfragmente.

44 Isokrates z.B. betont im Pantathenaikus, wie Athen allein autochthon sei gleich einer festen Warte; er rühmt seine von den Urzeiten an bis auf Messenier, Platäer usw. betätigte Gastlichkeit und tut dar, wie es aus Philanthropie die Bedrängten nach den Kykladen und der asiatischen Küste ausgeführt habe, und wie es auch andern Städten durch Wegführung der gärenden Elemente half, um die es förmlich warb.

45 Über die Lokalität des Amazonenkampfes u.a. Plut. Thes. 27. Vgl. Wecklein, Münchener Sitzungsber. 1887, I, S. 85 ff. (u.a. über das Amazoneion und die davon entfernten Amazonengräber).

46 Pausan. I, 32, 5.

47 So in den Hiketiden des Euripides. Nach Pausan. I, 39, 2 sagten die Thebaner freilich, sie hätten die Leichen freiwillig herausgegeben, und ein Kampf habe gar nicht stattgefunden.

48 Mit der leichten Aufnahme von Fremdkulten erscheint Athens Gastlichkeit in Zusammenhang gebracht bei Strabo X, 3, 18, p. 471: Ἀϑηναῖοι δ᾽ ὥσπερ περὶ τὰ ἂλλα φιλοξενοῦντες διατελοῦσι, οὕτω καὶ περὶ τοὺς ϑεούς (bei Gelegenheit thrakischer und phrygischer Kulte).

49 Dieser ist übrigens nicht der einzige Gerichtshof, der auf mythische Zeit zurückgeführt wurde; vielmehr wird der mythische Ursprung mehrerer athenischer Tribunale umständlich gerühmt bei Demosthenes, adv. Aristocr. p. 641 ff., also in einer Zeit, da sie eben doch nur mit Athenern des IV. Jahrhunderts besetzt werden konnten.

50 Pausan. IV, 5, 1. – Im zweiten Kriege erfolgt dann die Berufung des Atheners Tyrtäos nach Sparta auf delphische Weisung. Für Delphi wäre demnach Athen im VII. Jahrhundert eine Art intellektueller Instanz. Gottesdienste hätte Delphi selbst befehlen können; Tyrtäos bringt weder Kult noch Weihen mit. Wie malte sich die Reputation Athens in den delphischen Köpfen, und wer stak hier dazwischen?

51 Panathen. 121 ff.

52 Eurip. Hik. 349 ff. 403 ff. 429 ff.

53 Vgl. oben S. 148.

54 Den allgemeinen Niederschlag im spätern Räsonnement gibt Diodor XII, 1 f., wo er ausführt, wie Hellas nach den Perserkriegen 50 Jahre Gedeihen gehabt habe und Kunst und große Männer geblüht hätten, und fortfährt: vorzüglich seien die Athener an Ansehen und Tapferkeit weit vorangekommen und fast in der ganzen Welt namhaft geworden. – Der hochmütige Spruch des nunmehr blühenden Athen lautet jetzt: πάλαι ποτ᾽ ἦσαν ἄλκιμοι Μιλήσιοι.

55 Diodor XIX, 106. Die Karthager waren vielleicht die Weisern.

56 Philostr. Her. XII.

57 Vgl. Band III, S. 313 f.

58 Vgl. ebd. S. 343 f. Der Sieg über die Amazonen wird dadurch besonders verdienstlich gemacht, daß diese vor allen damaligen Menschen die Eisenbewaffnung und das Reiten vorausgehabt; auch müssen sie schon alle Lande ringsum vorher unterworfen haben. Nachdem dann die Bestattung der Sieben gegen Theben behandelt ist, welche die Athener durch einen Feldzug erzwangen, folgt die Beschützung der Herakliden und der Kampf gegen den eingedrungenen Eurystheus, wobei sich Freiheitssinn, Gerechtigkeit und Mut der Athener betätigen; natürlich muß Eurystheus die Mannschaft des ganzen Peloponnes mitgehabt haben. Ferner heißt es, schon die Grundlage des Lebens sei in Athen eine gerechte gewesen; nicht, wie bei den meisten, hätte zusammengelesenes Volk andere aus ihrem Heim vertrieben, sondern hier seien Autochthonen, deren Vaterland zugleich ihr Mutterland gewesen sei. Sodann hätten die Athener zufrühst ihre Dynastien (mit welchen hier keine Umstände gemacht werden) vertrieben und die Demokratie eingeführt, in der Meinung, daß die Freiheit aller die größte Eintracht bedeute (was im Jahre 387, da die Rede entstanden sein soll, ganz besonders niedlich lautet). Von den Perserkriegen erschallt das konstante Lob, daß Athen für ganz Griechenland gekämpft habe; schon 490 habe man, als 50 Myriaden (!) Barbaren kamen, die Hoffnung gehabt, nach dem eigenen Sieg auch die andern zu befreien. Beim Xerxeskriege wird die famose Antithese gebracht, daß der König eine Straße durch das Meer und eine Schiffahrt durch das Festland (Hellespontbrücke und Athoskanal) geschaffen habe. Überall handelt dann Athen zur Rettung Griechenlands; doch lautet es auch ganz, als hätten es die Athener frei gehabt, mit Xerxes zu halten und die übrigen Griechen zu unterwerfen. Dann folgen die Taten gegen Ägina und in Ägypten und die siebenzig Jahre dauernde Thalassokratie Athens, wobei die attische Hegemonie gänzlich verlogen dargestellt ist. Der Peloponnesische Krieg (der Ende § 57 kommen müßte) wird gänzlich übersprungen und nur Ägospotamoi erwähnt; die im korinthischen Kriege Gefallenen dagegen, auf die dann übergegangen wird, werden maßlos gepriesen und glücklich gesprochen, da sie vor der gewöhnlichen Todeszeit eines so herrlichen Todes gestorben seien; sie seien von Staats wegen bestattet, und Agone würden zu ihren Ehren veranstaltet; sie verdienten die gleichen Ehren wie die Unsterblichen und nur für sie sei es besser gewesen, geboren als nicht geboren zu werden.

59 Es wäre der Mühe wert, die verschiedenen Grade der Ruhmredigkeit in betreff der Perserkriege in diesen Reden zu kontrollieren.

60 Lykurg, in Leocr. 46 ff.

61 Über die εὐτέλεια des Perikles selbst vgl. Isokr. de pace 184 d, wonach er weniger Habe hinterließ, als er angetreten, aber 8000 Talente in die Akropolis hinaufführte.

62 Auch Thuk. IV, 55 meinen die Spartaner, bei jedem unterlassenen Unternehmen glaubten die Athener hinter dem, was sie ausführen könnten, zurückzubleiben.

63 Nach Diodor XI, 71 verspricht Inaros den Athenern κοινὴν αῦτοῖς παρέξεσϑαι τὴν βασιλείαν. Eine Beherrschung des fernen Landes von Athen aus ist doch völlig undenkbar.

64 Corp. inscr. Att. I, 433.

65 Diodor XI, 70.

66 Diodor XI, 85 πλείστων πόλεων ἠρξαν.

67 Beiläufig gesagt, wurden damals von Perikles zuerst Belagerungsmaschinen, die κριοί und χελῶναι, verwandt, die der Klazomenier Artemon rüstete; die Artillerie ist also eine Schöpfung Athens. Diodor XII, 28. Auch 427 braucht Hagnon bei seinem Zug gegen Potidäa μηχανὰς παντοδαπὰς πολιορκητικάς. Ebenda 46.

68 Dem Alkibiades wird die Schuld für diese Tatsache von Pseudo-Andokid. adv. Alc. 12 zugeschoben.

69 Das Fazit der zweiten Hälfte des V. Jahrhunderts für Griechenland zieht Plutarch Kimon 19 in dem Satze: »Von Kimons Tode an wurde unter hellenischer Führung nichts Glänzendes gegen die Barbaren unternommen, sondern von Demagogen und Kriegsanstiftern gegeneinander gehetzt, prallten sie, indem niemand die Hände zwischen sie hielt, im Kriege zusammen, wobei sie der persischen Macht Gelegenheit zum Aufatmen gaben, über die hellenische aber einen unsäglichen Ruin brachten.«

70 Band, I S. 215 ff.

71 Antiph. I, 2, 12.

72 Über den Aufwand einer Choregie vgl. die Hauptstelle Antiph. VI, 11-13. – Bei Lysias XXI verteidigt sich ein wegen Bestechlichkeit Angeklagter damit, daß es widersinnig sei, einem so opferfrohen Manne mit dieser Anklage zu kommen, und gibt dabei (1-5) folgende ganz enorme Aufzählung seiner Leistungen: Nachdem ich unter dem Archontat des Theopompos (411) meine Dokimasie geleistet, habe ich als Chorege für Tragödien 30 Minen ausgegeben und ferner, als ich im dritten Monat an den Thargelien mit einem Chor von Männern siegte, 2000 Drachmen. Unter Glaukippos (410) habe ich ausgegeben für Pyrrhichisten an den großen Panathenäen 800 Drachmen. Sodann siegte ich in demselben Jahre als Chorege an den Dionysien und gab, eingerechnet die Weihung des Dreifußes, 5000 Drachmen aus. Unter Diokles (409) spendete ich an den kleinen Panathenäen für einen kyklischen Chor 300 Drachmen. Inzwischen leistete ich sieben Jahre hindurch Trierarchie und gab 6 Talente aus. Und neben solchen Ausgaben, und während ich täglich um euretwillen Gefahren ausstand und von Hause abwesend war, bezahlte ich zwei Vermögenssteuern, die eine von 30 Minen, die andere von 4000 Drachmen. Als ich im Archontat des Alexias (405) heimschiffte, übernahm ich sogleich die Gymnasiarchie für die Prometheen und siegte unter einem Aufwand von 12 Minen. Später wurde ich Chorege für einen Knabenchor und gab 15 Minen aus. Unter dem Archontat des Eukleides (403) siegte ich als Chorege für Komödien und gab 16 Minen aus, und an den kleinen Panathenäen kostete mich die Choregie für unbärtige Pyrrhichisten 7 Minen. Ich siegte mit einer Triere im Wettkampfe bei Sunion und gab dabei 15 Minen aus. Außerdem habe ich für Architheorien und Arrhephorien und dergleichen über 30 Minen ausgegeben. Und, wenn ich von all dem Genannten nur hätte leisten wollen, was das Gesetz vorschrieb, so hätte ich nicht den vierten Teil ausgegeben. Später (12 f.) führt dann der Redner aus, daß eine gerechte Entscheidung den Richtern selbst am besten dienen werde. Da die Einkünfte der Stadt gering geworden seien, und das Wenige noch von den Verwaltern geraubt werde, müsse als die sicherste Einnahme noch die Habe der freiwillig Leistenden gelten; für diese müsse man, wenn man weise sei, so gut als für das Eigene sorgen, indem man sie ja so gut als dieses benützen könne; es sei aber allbekannt, daß er ein viel besserer Verwalter des Seinigen sein werde als die, welche das Staatsvermögen verwalteten; mache man ihn arm, so schädige man sich selbst, andere aber würden auch dies konfiszierte Gut wie alles übrige unter sich teilen. – Auch der Sprecher von Rede XIX erwähnt, sein Vater habe in seiner Gegenwart oft ausgerechnet, daß er in seinem Leben noch einmal so viel für den Staat geleistet habe, als er seinen Söhnen hinterließ.

73 Ilias XVIII, 497 ff. – Vgl. oben S. 53, Anm. 138.

74 Als das Spezifische des Atheners erscheint das δικάζεσϑαι in Lukians Ikaromenippos, der (c. 16) vom Mond auf die Erde herniederschauend das Treiben der verschiedenen Völker beobachtet: καὶ ὁ Ἀϑηναῖος ἐδικάζετο.

75 So z.B. der Fall, welcher der Choreutenrede Antiphons zugrunde liegt: Ein Knabe hat während der Übung seines Chores Wasser getrunken und ist sogleich gestorben; hierfür wird der Inhaber der Choregie als Mordanstifter verklagt; die Ankläger waren von seinen Feinden gewonnen, und zwar erst einige Tage nach dem Ereignis.

76 Z.B. Lys. V, 2.

77 Vgl. oben S. 166 f.

78 An dieser von Antiphon V, 69 ff. mitgeteilten Geschichte hätten wir eine Parallele zum Arginusenprozeß. Doch muß sie um die Mitte des Jahrhunderts spielen; denn der um 415 sprechende Redner fügt bei: die Ältern unter euch werden sich dessen, denke ich, noch entsinnen; die Jüngern aber haben es erzählen hören, wie ich.

79 Andokid. de myst. 36. 43 ff. 20. Man vergleiche auch die unvergleichliche Schilderung der Hermokopidenzeit bei Thukydides VI. – Laut Plutarch Alkib. 18 meinten auch einige, die Korinther hätten die Sache angestiftet, um Athen durch ein böses Omen vom Angriff auf ihre Kolonie Syrakus abzuhalten.

80 Plut. Nikias 4 f.

81 Ebenda 6.

82 Aristoph. Lysistr. 524.

83 Westerm. biogr. S. 144. Nach Aristoph. Frösche 83 ff. geht er ἐς μακάρων εὐωχίαν.

84 Isokr. de pace 126.

85 Daß man wenigstens bei Ehrenbezeugungen bis tief ins V. Jahrhundert mäßig gewesen sei, bezeugt Plutarch, Kimon 8. Als Miltiades einen Kranz (wahrscheinlich von Ölzweigen) verlangte, stand einer in der Volksversammlung auf und rief: Ja, wenn du einst allein gesiegt haben wirst, magst du auch allein geehrt werden.

86 Band I, S. 207 ff., 221 ff.

87 Diese Meinung läßt Andokides, de pace 33, sich gegenüber aussprechen; man hatte damit nicht so ganz Unrecht. Ebenda heißt es (35): Ihr pflegt bei dem, was euch (Vorteilhaftes) bereitet ist, Argwohn zu schöpfen und zu zürnen, das Nichtvorhandene aber in euerm Reden zu behandeln, als stände es euch zu Gebote; wenn Krieg geführt werden muß, begehrt ihr Frieden, verschafft euch jemand Frieden, so zählt ihr die Vorteile her, die euch der Krieg schon bereitet hat.

88 Vgl. Band I, S. 209. Darüber, daß Perikles den Krieg entfachte, gibt Diodor XII, 38-40 eine gewiß sehr verbreitete und von der Wahrheit nicht allzu stark abweichende Vulgata. Nachdem er die Bedrohung durch einen Rechenschaftsprozeß und die Verfolgungen des Phidias und Anaxagoras erzählt hat, läßt er ihn erwägen, daß der Demos im Kriege die tüchtigen Männer bewundere, weil er ihrer bedürfe, im Frieden aber ebendieselben aus Beschäftigungslosigkeit und Neid mit Sykophantie heimsuche, und läßt es ihn darum für nützlich halten, die Stadt in einen großen Krieg zu stürzen. Ephoros, dessen Anschauung (laut 41) Diodor hier wiedergibt, mag weniger Ursache gehabt haben, das Urteil zurückzuhalten, als Thukydides.

89 Eur. Hiket. 321 ff. – Ähnlich sagt Theseus 577 von der Stadt: πονοῦσα πολλὰ πόλλ᾽ εὐδαιμονεῖ. Immerhin wagt Euripides einen Hieb auf die Schlachtenprahlerei, indem Theseus 846 ff. ausdrücklich von Adrastos nicht einen Bericht über das Einzelheldentum der Sieben verlangt, weil ein solcher nach einem Kampfe, wo die Lanzen dicht flogen, unmöglich sei. Auch in den folgenden Personalien der Sieben gibt Adrastos Hiebe: es sind lauter Charaktere, wie sie im damaligen Athen fast gar nicht zu finden waren. Zuletzt (1183 ff.) erscheint Athene als deus ex machina, nur um zu mahnen, Theseus möge den Argivern, in specie dem Adrastos für die Verabfolgung der argivischen Anführerleichen einen Eid auf alle Ewigkeit darauf abnehmen, daß Argos nie gegen Athen ausziehen, ferner, wenn andere auszögen, sich diesen widersetzen, endlich, falls es dennoch auszöge, einem bösen Untergange geweiht sein wolle. Bis hierher mochte das Theaterpublikum noch pathetisch zuhören, obgleich man längst in der Zeit lebte, da der politische Eid soviel galt, als Thukydides (III, 82) meldet. Nun aber wird (1196 ff.) Theseus angewiesen, einen von Herakles herrührenden Dreifuß hervorzunehmen, darauf drei Schafe zu schlachten, in der Höhlung des Dreifußes den Eid einzuschreiben und denselben dem Gott in Delphi als ein Zeugnis für Hellas zur Aufbewahrung zu übergeben; das gebrauchte Opferschwert soll Theseus bei den Scheiterhaufen der Sieben tief in der Erde bergen; wenn dann je die Argiver Athen angriffen, werde dieses ihnen vorgezeigte Schwert ihnen Schrecken und üble Heimkehr bringen. Erst nach diesen Zeremonien soll die Asche der Sieben verabfolgt werden. Worauf Athene dann noch den anwesenden künftigen Epigonen ihren Zug weissagt. Haben die Athener bei solchen Reden, wie bei allem sonstigen feierlichen Schwören und Verfluchen, noch das Lachen verbeißen können?

90 Plut. Alkib. 17. – Auch laut Perikl. 20 hatte Perikles schon frühe nicht nur Mühe, die Athener von neuer Einmischung in Ägypten abzuhalten, sondern schon waren auch viele besessen von der unseligen Sehnsucht nach Sizilien, und einige träumten bereits damals von Tyrrhenien und Karthago. – Diodor XII, 54 erzählt schon gelegentlich der ersten Intervention zugunsten der Leontiner, die Athener hätten wegen der Trefflichkeit des Bodens längst eine Begierde nach ganz Sizilien gehabt. Vorwand sei die Verwandtschaft mit den ionischen Leontinern gewesen, tatsächlich aber hätten sie die Insel besitzen wollen; schon Jahre vorher, als Korinther und Kerkyräer Athens Bündnis suchten, hätten die Athener letztere vorgezogen, »weil Kerkyra für die Fahrt nach Sizilien günstig gelegen ist«.

91 Plut. Nik. 12. Schon vor der Aufführung der aristophanischen Ritter (424) hatte übrigens Hyperbolos dem Demos den Mund mit Karthago wäßrig machen können. Arist. Ritter 1303. – Pausan. I, 11, 7 nimmt an, man habe gehofft, ganz Italien zu unterwerfen und sei durch das sizilische Unglück verhindert worden, sich an Rom zu erproben.

92 Isokr. de pace 85.

93 Thuk. VI, 9.

94 Plut. compar. Niciae cum Crasso 3. Aristophanes, Vögel 640, schmeichelt damals der athenischen Ungeduld durch das neue Wort μελλονικιᾶν für »Zögern«.

95 Diodor XIII, 2. Ganz kolossale athenische Pläne schwatzt Alkibiades später in Sparta aus. Thuk. VI, 90.

96 Diodor ebenda.

97 Plut. Nik. 30 und in einer noch schmählicher lautenden Variante de garrul. 13. – Wie sicher ist die Erzählung Athen. IX, 72 von dem Empfang der Nachricht während der Aufführung einer Komödie Hegemons? Alle seien im Theater geblieben und hätten sich verhüllt um zu weinen, damit die Anwesenden aus andern Städten ihren Jammer nicht merken sollten.

98 Es wird freilich bisweilen angedeutet, daß Athen auch damals geprahlt habe. Während Herodot gerade bei den Perserkriegen sehr die athenische Vulgata zu vertreten scheint, stand Theopomp auf der andern Seite. Vgl. Theon, Progymn. (Walz I, 162): καὶ τὴν ἐν Μαραϑῶνι μάχην οὐχ ἅμα πάντες ὑμνοῦσι γεγενημένην καὶ ὅσα ἄλλα φησὶν (ὁ Θεόπομπος) ἡ Ἀϑηναίων πόλις ἀλαζονεύεται καὶ παρακρούεται τοὺς Ἕλληνας.

99 Man muß auf beiden Seiten meist ganz in persönlicher Leidenschaft gekämpft haben, worauf Diodor mehrmals hinweist. So beschließen (XIII, 36) die Athener nach dem sizilischen Unglück, bis zur letzten Hoffnung weiterzukämpfen. Mindaros geht (51) gegen Theramenes heroisch unter, die Athener kämpfen (65) λαμπρῶς gegen die Megarer, ebenso die Peloponnesier in Byzanz (67) εὐριώστως gegen die Athener und (72) diese gegen den Überfall des Agis; in der Schlacht bei Mitylene (78) sehen Athener und Mitylenäer nur im Siege Heil: die Arginusenschlacht (97) gilt als die größte von Hellenen gegen Hellenen; alle Kämpfenden sind voll größten Eifers, mit der Gefahr durch die lange Dauer des Krieges vertraut und der Meinung, es gelte den Entscheidungskampf (99). – Welcher Dünkel eine siegreiche athenische Schar unter Alkibiades gegenüber geschlagenen Scharen erfüllen konnte, vgl. Plut. Alk. 29. – Unter schlechten Führern, wie die Athener sie bei Ägospotamoi hatten, konnte dann freilich auch die größte Unordnung herrschen. Ebenda 36.

100 Vgl. Band II, S. 387 f.

101 Daß auch hernach die Teilnahme an dem Beschluß zur Verhandlung mit Sparta einem konnte übel vorgerechnet werden, vgl. Lys. XXVI, 23, wo jemand von seinem Gegner u.a. aussagt, »daß er die Flotte preisgegeben und bewirkt habe, daß die Stadt sich über ihre Rettung beriet« (wobei der Betreffende gar nicht besonders braucht hervorgetreten zu sein; es genügt, daß er zu der Majorität gehörte, welche sich zu jenen Beschlüssen bequemte).

102 Plut. Dion 58 (bei Anlaß des Kallippos) τὸ τὴν πόλιν ἐκείνεν φέρειν ἄνδρας ἀρετῇ τε τοὺς ἀγαϑοὺς ἀρίστους καὶ κακίᾳ τοὺς φαύλους πονηροτάτους.

103 Rhet. II, 6, 24. – Kydias sprach es freilich wohl erst in demosthenischer Zeit.. – Ähnlich klingt es bei Isokrates Panegyr. 46): Was wir beurteilt haben, das gewinnt solchen Ruhm, daß es bei allen Menschen geschätzt wird.

104 Pseudo-Xenoph. de rep. Athen. II, 8.

105 Vgl. oben S. 148.

106 Athen. XII, 47. Ähnlich Älian V.H. IV, 15.

107 Antiphon, fragm. 57 f.

108 Aristoph. Frieden 529 ff.

109 Aristoph. Acharn. 637 ff.

110 Im platonischen Gorgias 461, e sagt Sokrates, daß hier πλείστη ἐξουσία τοῦ λέγειν sei.

111 An der Hauptstelle Plut. Anton. 70, wo sich auch die Anekdote findet, daß er in der Volksversammlung einst angekündigt habe, auf dem Grunde, wo er bauen wolle, stehe ein Feigenbaum, an dem sich schon viel Bürger erhängt hätten; wer dies also wieder tun wolle, möge sich beeilen. – Zeitgenössische Nennungen Timons finden sich Aristoph. Vögel 1549 und Lysistr. 809 ff. Lukian führt die Gestalt (nicht ohne pessimistische Hiebe auf die römische Zeit) weiter und größer aus bis zum Hasse gegen Götter und Menschen.

112 Das große Theater hatte nach Plato Symp. 175 e, als Agathon (416) seine Stücke aufführte, Platz für mehr als 30000 Zuschauer (er siegt ἐν μάρτυσι τῶν Ἑλλήνων πλέον ἢ τρισμυρίοις). Diese Zahl dürfte der der attischen Bürger entsprochen haben.

113 Band I, S. 217 ff.

114 Band II, 333 f. III, 255 ff.

115 Plut. Nik. 15.

116 Älian V.H. X, 17 nach Kritias. – Vgl. Band I, S. 204.

117 Vgl. oben S. 149. Auch die frühere Weibertracht galt nach Älian V.H. I, 18 als überladen prächtig; die Frauen trugen hohe Stephane, Sandalen, langes Ohrgehänge; an den Chitonen waren die Ärmel nicht zugenäht, sondern durch eine Reihe von goldenen und silbernen Spangen zusammengehalten. Vgl. auch den Putz der kolophonischen Ionier bei Xenophanes, fragm. 3.

118 Nicht maßgebend ist hierfür der parthenonische Fries, und wenn Renan schließt, der Umstand, daß die Darstellung selbst die am höchsten Feste getragene Tracht so einfach zeige, beweise vollends für die Tracht des täglichen Lebens, so verkennt er, daß die Kunst ihr sehr bestimmtes Interesse hat, unabhängig vom wirklichen Auftreten der Leute die Tracht 1) zugunsten des Nackten zu beschränken und 2) sie einfach und ohne jeden besondern Zierat darzustellen. Immerhin aber würde ein Volk, das pomphafte Tracht liebte, sie auch (wie in Assur geschah) von seinen Künstlern auf den öffentlichen Bildwerken verlangt haben.

119 Athen. V, 62. – Xanthippe freilich weigerte sich nach Älian V.H. VII, 10, zur Schau einer Prozession das Himation des Sokrates anzuziehen, worauf Sokrates sagte: »Du gehst eben nicht aus, um zu sehen, sondern um gesehen zu werden.« Noch Phokions Frau aber trug (ebenda 9) Phokions Himation und bedurfte keines weitern Putzes (der doch sonst damals schon bei minder tugendberühmten Leuten Sitte war und im Detail aufgezählt wird).

120 Xenoph. de re p. Laced. I, 3 τὰς κόρας οἱ ἄλλοι Ἕλληνες ἠρεμιζούσας ἐριουργεῖν ἀξιοῦσι.

121 von Kinesias z.B., dem Dichter und spätern Sykophanten, der bei Aristophanes, Vögel 1377 der »Lindenhölzerne« (φιλύρινος) heißt, erfährt man aus Athen. XII, 76, daß er als langer, dünner Mensch ein Korsett aus Lindenholz trug. – Durch den großen Abscheu des Griechen vor dem Alter läßt es sich erklären, daß in der Zeit des Peloponnesischen Krieges das Haarfärben vorkommt. Ein Mann aus Chios, der sich seines Alters schämte und auch sonst ein eitler Mensch war, zog sich dadurch in Sparta von König Archidamos (es wird A. II. gemeint sein) die Bemerkung zu: Dieser trägt das Lügen nicht nur in der Seele, sondern auch auf dem Kopfe herum. Älian V.H. VII, 20.

122 Darüber, daß jedermann, auch in der heißen Sonne, barhäuptig ging, vgl. Lukian, Anacharsis 16. Der Pilos scheint nur Reisetracht gewesen zu sein. Vielleicht sollte die Schönheit des Haares nicht beeinträchtigt werden.

123 Man vergleiche die Schilderung, welche Chremylos im Plutos des Aristophanes 535 ff. von der Armut entwirft, welche alle möglichen notwendigen Dinge entbehren soll, worauf die Armut erwidert: Du hast da nicht mein Leben, sondern das der Bettler geschildert.

124 Pseudo-Xenoph. de re p. Ath, II, 10.

125 Plato Protag. 342 c. Das Gespräch ist noch als zu Perikles Zeit gehalten gedacht.

126 Vgl. Aristoph. Vögel 1280 ff. – Wir erinnern hier daran, daß nach der S. 204 Anm. 3 zitierten Stelle die Athener sich auch sonst in der Tracht von auswärts beeinflussen ließen.

127 Les gens d'esprit passaient leur temps à médire de leur ville et à vanter les institutions de Sparte. (Renan.)

128 Imagg. 16. 29.

129 Aristoph. Wolken 1171 ff. das τί σὺ λέγεις; und das Ἀττικὸν βλέπος.

130 Band I, S. 152 f.

131 De legibus I, p. 642 c.

132 So Euripides bei Aristoph. Frösche 1009 f.

133 Ähnlich sagt Demodokos bei Aristot. Eth. Nik. VII, 9: Μιλήσιοι ἀξύνετοι μὲν οὐκ εἰσίν, δρῶσι δ᾽ οἷάπερ οἱ ἀξύνετοι.

134 Den Widerspruch zwischen ihrer Ergreifbarkeit in der Tragödie und ihrer Gleichgültigkeit im Leben hält Andokides adv. Alcib. 23 den Athenern vor: »Wenn ihr im Theater solche Dinge seht (wie die Erzeugung eines Sohnes des Alkibiades mit einer der in Sklaverei geratenen Melierinnen, von welchem Sohn nun Schreckliches für Athen zu erwarten sein sollte), so haltet ihr dies für furchtbar; wenn es aber in der Stadt selbst geschieht, macht ihr euch nichts daraus. Von Jenem wißt ihr nicht, ob es geschehen oder nur von den Dichtern ersonnen ist, von Diesem wißt ihr, daß es geschehen, bleibt aber gleichgültig.«

135 Plut. Alkib. 16. (siehe bei welchem Anlaß!) Vgl. auch Solon 15.

136 Lys. in Phil. 5. 10.

137 Ebenda in Alcib. 41. Man vgl. die ähnliche italienische Verwendung von disgrazia und das schweizerische »Ung'fell.«

138 Aristot. Rhet. III, 2, 10.

139 An Thukydides knüpft Plutarch de adul. 12 an, wo er von der Entwertung der Worte in der κολακεία handelt.

140 Z.B. Ol. I, 158 ὁ νικῶν δὲ λοιπὸν ἀμφὶ βίοτον ἔχει μελιτόεσσαν εὐδίαν ἀέϑλων γ᾽ ἕνεκεν.

141 Vgl. die oben S. 100 erwähnte Schilderung des Thukydides von der Ehrung des Brasidas in Skione.

142 Fr. 2. Bergk S. 36 f.

143 Aias 1250.

144 Nauck, fragm. trag. Graec. 282.

145 Älian V.H. II, 5.

146 Bei Diog. Laert. I, 2, 8 folgt bei Gelegenheit Solons, der die Staatsprämien der Athener an die Agonalsieger herabsetzte, weil die im Kampfe Gefallenen Größeres verdient, wahrscheinlich aus alter Quelle der Preis eines Polyzelos, Kynaigeiros, Kallimachos und aller Marathonkämpfer; denn nun habe man gestrebt, im Kriege edeltrefflich zu werden; worauf dann noch einige Übelreden gegen die Athleten folgen. Es kann wohl sein, daß auf Marathon und Salamis eine sofortige relative Entwertung des Athletentums erfolgte. – Darüber, wie von den Strategen schon innerhalb einer Heerschar ἀριστεῖα erteilt wurden, vgl. Plato, Symposion 220 e.

147 Darüber, daß olympische Siege in Athen nicht vor dem Ostrakismos schützten, sondern denselben vielleicht eher bewirkten, vgl. Andokid. adv. Alcib. 32 f.

148 Eine Hauptstelle über das Verhältnis von Demokratie und agonalem Wesen findet sich Pseudo-Xenoph. de re p. Ath. I, 13, wo es geradezu heißt: Die, welche (in Athen) Gymnastik oder Musik üben, hat das Volk um die Herrschaft gebracht (καταλέλυκεν ὁ δῆμος), nicht weil es meinte, daß diese Dinge nicht schön wären, sondern weil es erkennt, daß es (ihm) nicht möglich ist, sich damit abzugeben. Es überbindet den Besitzenden die Choregie und läßt sich für seine Tätigkeit bei den Aufführungen bezahlen.

149 Hesiod, Theog. 81 ff.

150 Vgl. Band III, S. 304 ff.

151 Andokid. adv. Alcib. 22. 39.

152 Plut. Themist 18.

153 Vgl. V. 14 ff., 63 f., 84, 108 f., 119 ff.

154 Über Alkibiades in Olympia vgl. Thuk. VI, 16 und Plut. Alkib. 11 f. Isokrates or. XVI (περὶ τοῦ ζεύγοὐς) gibt in seiner Verteidigungsrede für den jüngern Alkibiades eigentlich nur eine große Lobrede auf dessen Vater. Die Gegenrechnung zu diesem gibt Andokides adv. Alcib., wo besonders (25 ff.) das Auftreten des Vaters in Olympia in seinem wahren Lichte dargestellt wird.

155 Aristoph. Wolken 41 ff.

156 S. Band III, S. 198.

157 Kinkel, Epicor. fragm. S. 35. Podaleirios bemerkte zuerst an dem wahnsinnig gewordenen Aias die blitzenden Augen und den beschwerten Verstand.

158 Plut. Apophth. Lacon. Kleom. I, 11.

159 Herodot III, 125. 131-137.

160 Es ist nicht ad verbum zu nehmen, sondern wohl nur im Sinne der damaligen Misere Athens aufzufassen, wenn es im Plutos des Aristophanes 407 f. heißt: Welchen Arzt gibt es denn jetzt noch in der Stadt? Gibt es doch weder ein Honorar noch eine Kunst. Daraus aber, daß Plutos dann in ein Asklepieion geführt werden soll, schließen wir, daß anständige Leute, solange sie noch einen Arzt bezahlen konnten, in der Zeit des Stückes (388) nicht mehr dahin gingen; es war eine Anstalt für die Armen.

161 Vgl. das Fragment des Alexis bei Athen. II, 12.

162 Vgl. Band III, S. 139 f.

163 Vgl. ebenda, S. 345.

164 Älian V.H. XII, 32.

165 Vgl. oben S. 133.

166 Band III, S. 183.

167 Bei Bergk 145. 146.

168 Herodot IV, 88. Wie altertümlich blöde lautet daneben des Dareios eigene Grabschrift bei Strabo XV, 3, p. 730: φίλος ἦν τοῖς φίλοις, ἱππεὺς καὶ τοξότης ἄριστος ἐγενόμεν˙ κυνηγῶν ἐκράτουν˙ πάντα ποιεῖν ἠδυνάμην. Laut Athen. X, 45 hieß es freilich weiter: ἠδυνάμην καὶ οἶνον πίνειν πολὺν καὶ τοῦτον φέρειν καλῶς.

169 Athen. XII, 62. Das Wort ἁβροδίαιτος, das er von sich brauchte, verkehrte man ihm freilich in ῥαβδοδίαιτος (der vom Pinsel Lebende = Banausische).

170 Vgl. oben S. 134. – Diesem Standpunkt widerspricht nicht, daß er für die Besichtigung seiner Helena ein Eintrittsgeld erhob.

171 Μωμήσεταί τις μᾶλλον ἢ μιμήσεται. – Dagegen war dann der spätere Apelles bescheiden; er erkannte fremdes Verdienst willig an und wies nur Unberufene zurecht.

172 Athen. II, 30.

173 Diodor XI, 62. – Darüber, daß es auch Leute gab, welche zu gewaltige Anstalten zum Leben machen und darob gar nicht zum wirklichen Leben kommen, während die Zeit vorübergeht, vgl. den Sophisten Antiphon fragm. 127 bei Blaß.

174 Vgl. Band I, S. 156.

175 Plut. Alk. 1 bemerkt ausdrücklich, daß von des Alkibiades namhaften Zeitgenossen Nikias, Lamachos, Demosthenes, Thrasybul und Phormion keines Mutter Notorietät (ὄνομα) erlangt habe, während man von Alkibiades seine lakonische Amme Amykla und seinen Pädagogen Zopyros kenne, einen Sklaven, den ihm laut Plato Alk. I, p. 122 a f. sein Vormund Perikles zum Erzieher gab. – Themistokles machte zum Erzieher seiner Kinder, nach Plut. Them. 12, einen kriegsgefangenen Perser, Sikinnos (dies vielleicht schon im Hinblick auf ein künftiges persisches Fortkommen).

176 Plut. Per. 4.

177 Deren Aufzählung Cicero, pro domo c. 38.

178 Vgl. das oben S. 204 f. zitierte Wort des Themistokles.

179 Wir erinnern daran, daß zugleich auch im V. Jahrhundert, zunächst bei einzelnen vom eigenen Denken lebenden Individuen wie Heraklit, Demokrit, Anaxagoras, auch die Abwendung vom konkreten Staat beginnt. Vgl. Band III, S. 343.

180 Aristoph. Frösche 1431 f.

181 Man beachte, daß Plato hier dasselbe Bild wie Aristophanes braucht.

182 Von erschütternder Schönheit und zugleich von tiefster Bitterkeit ist der große letzte Monolog (815 ff.), wie er das ihm von Hektor geschenkte Schwert vor sich in die Erde gesteckt hat und dann zu Zeus fleht: Teukros möge zuerst kommen, um die Leiche vor Feinden, Hunden und Vögeln zu retten, und zu Hermes: er möge ihn wohl betten, und zu den Erinyen: sie möchten kommen und sehen, wie er durch die Atriden untergehe, und rächend am ganzen Heere keine Schonung üben, und zu Helios: er möchte den Eltern den Jammer melden, und dann der Schlußanruf an das Sonnenlicht und die Heimat Salamis, an Athen und an die Quellen, Flüsse und Auen des troischen Landes: »Das letzte Wort, das Aias zu euch spricht, ist dies; dem Hades und den Untern gilt das Fernere.« – Die Verklärung des toten Helden beginnt dann schon in der Jammerrede der Tekmessa, deren Haus und Heimat er einst zernichtet hat, und die doch nur durch und für ihn leben wollte. Seine Größe steigt, indem das Drama weitergeht, und der gewaltige Schatten alles Reden und Tun der Übrigen beherrscht. Die Peripetie tritt erst jetzt ein; noch als Leiche erregt er die höchste Spannung durch seinen Reflex auf Teukros, Menelaos, Agamemnon, den Chor der Krieger. Es kommt zu Hader und Drohungen, feierlicher Beschützung des Toten und gegenseitigem Vorrücken schlechter Geburt und böser Hausgreuel, bis endlich Odysseus als deus ex machina und Vertreter der höhern Weisheit und Mäßigung den Streit beilegt und das Begräbnis sichert.

183 Phön. 524 f. Plut. comp. Nic. c. Crass. wird dieses Wort gegen Nikias zitiert, der nicht Skandeia und Mende hätte zerstören und den bereits vertriebenen Ägineten nachjagen, sondern das Unrecht hätte hoch taxieren und das Recht nicht über Bagatellen mit Füßen treten sollen.

184 Plut. Kim. 4: μᾶλλον εἶναι Πελοποννήσιον τὸ σχῆμα τῆς ψυχῆς τοῦ ἀνδρός.

185 Vgl. die Geschichten Plut. Them. 5.

186 Vgl. Band I, S. 204. Wo und wie er das Geld gestohlen, wird freilich nirgends gesagt, wohl aber, daß er es tat. Vgl. über seinen und anderer Staatsdiebstahl (νοσφίζεσϑαι) Plut. Aristid. 4.

187 Vgl. oben S. 161. Noch leidlich glaubhaft erscheint z.B. die Geschichte von der Bestechung der griechischen Admirale mit euböischem Gelde, Her. VIII, 5; zu stark aber ist für uns die Sage von den auf die Felsen Euböas geritzten Inschriften, wodurch Themistokles nach Artemision die Ionier auf der persischen Flotte anlockte oder kompromittierte, ebenda 22. Früh und fest scheinen sich die Athener in die Geschichte (ebenda 75) hineingelogen zu haben, daß Themistokles (durch seinen Hauslehrer Sikinnos!) Xerxes die geheime Mahnung zugesandt habe, er solle die zur Flucht bereiten Griechen nicht entwischen lassen. Diese pikante Ruchlosigkeit mit hohem, patriotischem Zweck ist echt athenisch, und für den athenischen Hohn gegen die Bundesgenossen war die Sage hinreichend; aber ganz gewiß war das kolossale Manöver der persischen Flotte und Armee bei Salamis durch eine solche Geheimbotschaft tätsächlich nicht mehr zu beeinflussen. – Verdächtig erscheint auch die ganze Aristidesversöhnung (79), sowie der aparte Sieg des Aristides auf Psyttaleia (95). Die athenische Dichtung wollte sich neben dem genialen Schelm den braven Mann nicht entgehen lassen. (Bei Plutarch gehört zu dieser Themistokles-Aristides-Doppeldichtung die Meinungsverschiedenheit der beiden in der Frage, ob die Hellespontbrücke zerstört werden solle, sowie ihre Divergenz über Verbrennung der griechischen Flotte zu Pagasä, eine Anekdote, welche wohl nur einem ruchlosen athenischen Gelüste zum Kleide dient.) Auch die zweite Sendung des Sikinnos (110) scheint so sicher ersonnen zu sein, als die noch unwahrscheinlichere Parallelgeschichte bei Plutarch Them. 16.

188 Vgl. Band I, S. 209 f. und oben S. 185 f.

189 Die (von Plutarch benützte) Schrift des Andokides (oder wessen sonst) ist keine wirklich gehaltene Rede, sondern nur eine in der Form einer solchen gehaltene Klageschrift mit fingiertem Anlaß. Sie gibt sich als eine Zeitlang nach der Einnahme von Melos, aber noch vor der sizilischen Expedition verfaßt, dürfte aber wohl erst in des Alkibiades letzter Zeit, etwa gegen seinen Tod hin, geschrieben sein; die Leiden, welche er den Athenern später zufügte, werden darin scheinbar geweissagt. Sie für eine bloße späte Schulrede zu halten, dergleichen allerdings als λοιδορίαι Ἀλκιβιάδου vorgekommen sind, kann Verfasser sich nicht entschließen.

190 Es war in ihm eine φύσεως ἀνωμαλία Plut. Alk. 16.

191 Nach Lys. XIV, 39 waren freilich schon seine Ahnen ein Frevlergeschlecht.

192 Vgl. oben S. 192.

193 Wahr ist etwa, was er 216 b von sich sagt, eines traue ihm niemand zu, nämlich irgend jemand zu scheuen. Wenn aber darauf folgt, daß er für Sokrates eine Ausnahme mache, so möchte dies schon Dichtung sein. – Eine bemerkenswerte Stelle bleibt immerhin Plato Alk. I, p. 132 a, wo Sokrates ihm sagt: »Das fürchte ich am meisten, du möchtest, zum Liebhaber des Demos geworden, für uns verloren gehen, wie es schon vielen und tüchtigen Athenern gegangen ist; denn schön von Angesicht ist der Demos des hochgemuten Erechtheus; aber entkleidet muß man ihn sehen!«

194 Plut., de adul. 7.

195 Darüber, wie er die Mode angab, vgl. Athen. XII, 47 ff. Eine Gattung von Sandalen hieß noch später Ἀλκιβιάδες. Über gewisse Dinge wurden freilich auch in Athen die Respektspersonen bedenklich. So, als er auf seinem Schild einen blitzeschleudernden Eros anbringen ließ, und als Aristophon die Nemea mit einem in ihren Armen sitzenden Alkibiades malte.

196 Vgl. oben S. 205.

197 Vgl. oben S. 194.

198 Lysias XIV, 25.

199 Plut. Alk. 16. Er legte sich dann eine unglückliche Melierin bei, von der er ein Kind bekam. Über ein anderes Verhältnis zu einer Abydenerin vgl. Athen. XII, 48.

200 Vgl. oben S. 186 ff.

201 Vgl. oben S. 212 f.

202 Älian. V.H. XIII, 38.

203 Plut. Agesil. 3. – Freilich bekam dies dem betreffenden Sohn, Leotychides, übel.

204 Plut. Alkib. 24.

205 Diodor XIII, 41.

206 V. 1425 ἡ πόλις γὰρ δυςτοκεῖ. ποϑεῖ μὲν ἐχϑαίρει δὲ βούλεται δ᾽ ἔχειν. Euripides stimmt darauf gegen ihn, weil er langsam gewesen sei, der Stadt zu nützen, schnell, ihr zu schaden, reich an Hilfsquellen für sich selbst und arm für sie; worauf dann Äschylos jenes oben (S. 224) angeführte Wort spricht.

207 Älian V.H. XI, 7.

208 Soph. Öd. Kol. 1143 f.

209 Sympos. p. 208 c. ff.

210 Vgl. oben S. 36.

211 Ein Verzeichnis derselben Athen. XIII, 89.

212 Von Älian und Athenäus, welcher das Hauptdepositum ist, werden uns eine endlose Menge von einzelnen Persönlichkeiten wenigstens als besonders namhaft für irgendetwas genannt, und Athen. XII, 72 artet zuletzt in ein Verzeichnis von dicken und magern Leuten aus. Für die nomina propria mochten die alte mittlere und neue Komödie sorgen helfen.

213 Vgl. Band III, S. 27.

214 Die Statuen der Redner und Philosophen beginnen mit Gorgias und werden erst seit dem IV. Jahrhundert häufiger.

215 Im Theater von Athen, wo nach Plut. X orat. vit. 7 die drei großen Tragiker ihre ehernen Statuen doch erst im IV. Jahrhundert erhielten, hatte man offenbar, was man einst ihnen gewährt, auch den diis minorum gentium nicht zu versagen gewagt, und dafür fehlten zur Zeit des Pausanias berühmtere. Dieser fand dort nach I, 21, 1 »meist Statuen der unbedeutendern Tragiker und Komiker«; mit Ausnahme Menanders z.B. war kein Komiker da, der sich Ruhm erworben, und somit dürfte Aristophanes gefehlt haben. Es läßt sich fragen, wieweit der Kunstraub der Römer an diesem Fehlen berühmterer Dichter schuld war. – Gelegentlich erwähnen wir hier auch noch nach Pausan. IX, 30, 2 die Dichter- und Musikerstatuen auf dem Helikon. Sie stellten teils Leute aus historischer Zeit, wie Hesiod, Arion und Sakadas dar, teils mythische: Thamyris, Orpheus mit der τελετή und den steinernen Tieren.

216 Vgl. Band I, S. 285 f.

217 Dem Gorgias setzte nach Olympia, wo er einst aufgetreten war, sein Großneffe eine Statue; die vergoldete Statue in Delphi aber war von ihm selbst gestiftet. Nach Val. Max. VIII, 16 setzte ihm sogar ganz Griechenland in Delphi eine Statue aus massivem Gold. Pausan. VI, 17, 5. X, 18, 7.

218 Wir erwähnen hier noch, daß in Delphi auch die Amphiktyonen von sich aus die Statuen verdienter Vaterlandsverteidiger setzten. Pausan. X, 19, 1. Ferner verherrlichen Soldaten ihren Werbeoffizier Pythes in Olympia durch zwei Statuen von Lysipp. Pausan. VI, 14, 4. Von der ebenda befindlichen des Aristoteles wußte man nicht, ob ein Schüler, oder, weil er bei Alexander und Antipater viel gegolten, ein Kriegsmann sie gesetzt habe. Pausan. VI, 4, 5.

219 Pausan. X, 9, 4. – Auch die Ätoler setzten später in Delphi für Großtaten gegen die Gallier eine Anzahl von Strategenstatuen nebst Göttern. Pausan. X, 15, 1. Von einem einzigen über die Gallier siegreichen ätolischen Strategen ist X, 16, 2 die Rede.

220 Pausan. VI, 3, 6. – Es scheint wenigstens, daß man die früher gesetzten noch nicht hinauswarf oder gar nur mit neuen Köpfen versah.

221 Vgl. Band III, S. 397.

222 Thuk. I, 132. Bekanntlich ließen die Lakedämonier die Inschrift hernach korrigieren.

223 Pausan. IX, 40, 5.

224 Man vgl. den Anfang der aristophanischen Lysistrate und sodann (387 ff.) die Frage des Probulos: ἆῤ ἐξέλαμψε τῶν γυναικῶν ἡ τρυφὴ χὡ τυμπανισμὸς χοἱ πυκνοὶ Σαβάζιοι ὅ τ᾽ Ἀδωνιασμὸσ οὗτος οὑπὶ τῶν τεγῶν; wobei er daran erinnert, wie vor vier Jahren (415) während der Volksversammlung, zwischen die Rede des zur sizilischen Expedition ratenden Demostratos, von allen Dächern ringsum das αἰαῖ Ἄδωνιν und das κόπτεσδ᾽ Ἄδωνιν der Frauen tönte, welche den Adonis feierten und dazu tanzten. – Ebenda erfahren wir (641 ff.) einiges über das feierliche, teilweise kostümierte Auftreten der Frauen bei gewissen Kulten. Es sagt eine Frau, und zwar offenbar eine gewöhnliche Athenerin, die hier das Durchschnittliche ausspricht: »Gerade siebenjährig geworden, trug ich als ἀῤῥηφόρος ein Heiligtum der Pallas; dann wurde ich im zehnten Jahr zu Ehren der (Pallas) Archegetis Mahlerin (ἀλετρίς); dann wurde ich an den Brauronien Bärin im Safrangewande, und als schönes Mädchen wurde ich Kanephore und hielt eine Schnur voll Feigen.«

225 Über die Streitfrage, ob Frauen der Aufführung von Tragödien bewohnen durften, vgl. H. Müller, Übers, d. Aristoph. III, S. 356, Rohde, Gr. Rom. S. 68, Anmerk. 6. – Den Ansprüchen der Frau auf den Gedanken und die Poesie gibt Euripides, Med. 1081 Ausdruck, indem er den Chor korinthischer Frauen sagen läßt: »Oft schon hat mein Geist das Verborgene durchforscht, und ich kämpfte um der Wahrheit Preis unerschrockener, als dem Frauengeschlechte ansteht; doch auch wir haben unsere Muse (ist diese hier mehr Poesie oder mehr Teilnahme an der Gedankenwelt?), und sie weilt bei uns; zwar nicht bei allen, und vielleicht würdest du unter vielen nur wenige solche finden; doch ist nicht musenlos die Frauenwelt.« Man mag hier an die böotischen Dichterinnen denken. Vgl. oben S. 141.

226 Vgl. oben S. 143.

227 Vgl. das Fragment aus dem Akrisios des Sophokles bei Nauck, fragm. trag. 61.

228 Soph. Aias 292.

229 Thuk. II, 45.

230 Sehr unglaublich lautet Plut. Per. 28, wo den Perikles, nach einer Leichenrede über die im Kampf gegen Samos gefallenen Athener, die Frauen wie einen siegreichen Athleten mit Kränzen und Binden schmücken, und nur Elpinike, die Schwester Kimons, ihm ein bitteres Wort sagt, das er dann recht unhöflich mit Hohn beantwortet.

231 Xen. Mem. II, 2, 4. Ökonom. VII, 11 und 19.

232 Diog. Laert. VI, 1, 5.

233 Arist. Thesm. 785 ff.

234 Soph. Tereus, bei Nauck, fragm. trag. 524.

235 Älian, V.H. X, 15. Nach andern stattete der athenische Staat die Töchter aus.

236 Kallias war zuerst mit einer Tochter des Glaukon verheiratet, die ihm Hipponikos IV. gebar, und nach ihrem Tode mit einer Tochter des Ischomachos. Mit dieser war er noch nicht ein Jahr vermählt, als er sich nach dem Tode des Schwiegervaters mit ihrer Mutter verband, welche die Tochter – was immerhin etwas Unerhörtes war – aus dem Hause vertrieb. Nachdem er auch dieser bald überdrüssig geworden war, verjagte er sie und wollte eine Verwandte des Andokides heiraten, dieser aber gab die Verbindung nicht zu, und Kallias suchte vergeblich, ihn mit List aus dem Wege zu räumen. Seine letzte Frau gebar dann nach der Verstoßung einen Sohn, den er aber erst nicht anerkennen wollte; erst später, als er sich von neuem in sie verliebte, nahm er auch das Kind an. – Gelegentlich möge hier auch angeführt werden, daß Geschwisterehen nur zwischen Kindern der nämlichen Mutter vermieden wurden; wir haben hierüber die deutliche Aussage Plut. Them. 32, wonach von des Themistokles Kindern Archeptolis die Mnesiptolema, seine Schwester von einer andern Mutter heiratete. Solange die Zahl und die Qualität der Bürger nicht unter diesen Verhältnissen zu leiden hatte, braucht sich im antiken Sinn niemand deshalb zu grämen.

237 Die Frauen, welche dann (Phädo 116 b) nach dem Bade, und ehe Sokrates das Gift nimmt, mit den Kindern kommen, und mit denen er sich eine Zeitlang unterhält, bis er auch sie wegschickt, dürften wohl weibliche Verwandte, vielleicht Schwestern gewesen sein. Als hernach die Schüler auch in Tränen ausbrechen, sagt er, deshalb habe er ja die Frauen weggeschickt, damit sie nicht solche Torheiten begingen.

238 Indirekt wird auch Aspasia in dem pseudoplatonischen Menexenos redend eingeführt.

239 Polyän. VIII, 54.

240 In die Wende vom VI. zum V. Jahrhundert fällt die Pausan. II, 20, 7 berichtete Heldentat der Telesilla von Argos beim Einfall des Kleomenes; nur möchte man wissen, wieviel davon wahr, und wieviel mythisch ist.

241 Vgl. oben S. 141.

242 Vgl. auch Herodot I, 1 über die Entführung der Io und die Parodie über die Entstehung des Peloponnesischen Kriegs bei Aristoph. Acharn. 529 ff.

243 Bei Lysias or. I de caede Eratosthenis erzählt Euphiletos vor einem Heliastengericht (sic), wie er den Verführer seiner Frau, Eratosthenes, der überhaupt die Eigenheit hatte, lauter Eheweiber zu verführen, in flagranti umgebracht hat. Weil er weiß, daß die Richter dergleichen ernst nehmen, darf er sagen, wie er mit Hilfe einer vom Verführer bestochenen Sklavin zum besten gehalten worden ist, und wie er dann, von seiten eines Eratosthenes vernachlässigten Weibes avertiert, diese Sklavin zur Mithilfe bei der Entlarvung seiner Frau gezwungen hat. Im entscheidenden Augenblicke, als Eratosthenes wieder da war, ging Euphiletos dann aus dem Hause, suchte in der Nacht bei Nachbarn und Bekannten herum nach Zeugen, und nachdem er deren eine Anzahl zusammengebracht, ließen sie sich in einer benachbarten Wirtschaft Fackeln geben und traten in das Haus, wo sie die beiden beisammen fanden. Trotz seines Flehens und trotz Anerbietens von Geld tötete Euphiletos dann den Verführer, und zwar pathetisch mit dem Wort: Nicht ich töte dich, sondern das Gesetz des Staates.

244 Äsch. Sept. 182 ff.

245 Suppl. 476 f.

246 Aristoph. Frösche 1043 ff.

247 Vgl. oben S. 225.

248 Vgl. oben S. 47.

249 Vgl. Band III, S. 226.

250 Wie wenig sich im Drama die Benützung der Liebschaft als Motiv von selbst verstand, zeigt sehr deutlich der Orest. Elektra ist längst mit Pylades verlobt; diese Brautschaft aber ist überhaupt kein dramatischer Hebel des Stücks, denn nicht nur ist bei der ersten Szene zwischen Orest und Pylades hievon noch keine Rede, so daß man sie erst spät (1079) erfährt, sondern auch in der großen Szene der Drei, wo Elektra zum ersten Male mit Pylades zusammenkommt, nehmen sie lange keine Notiz voneinander; erst Orest sagt, er habe die Schwester mit Pylades verlobt, und dieser bestätigt es (1092) und beteuert, mit beiden sterben zu wollen, was den ungalanten Bräutigam nicht hindert, gleich nachher (1103) im Hinblick auf ein mögliches Ausschwatzen ihrer Racheprojekte durch den Chor zu sagen: σίγα νυν˙ ὡς γυναιξὶ πιστεύω βραχύ.

251 Z.B. 602, was der weibliche Chor ganz naiv nachschwatzt.

252 Eine Replik gibt der Chor der Thesmophoriazusen des Aristoph. 785 ff.

253 Seine Meinung ist ungefähr, man sollte die Kinder von den Bäumen schütteln können; aber Milton, Parad. lost 858, hat es ähnlich. Die Summe der speziell athenischen Anschauung, daß das Weib ein notwendiges Übel sei, mochte schon der alte Susarion gezogen haben, in dem bei Aristoph. Lysistr. 1038 zitierten Verse: οὔτε σὺν πανωλέϑροισιν οὔτ᾽ ἄνευ πανωλέϑρων.

254 Vgl. 771. Zu beachten ist auch, wie sie bei ihren frühern Selbstmordgedanken 419 ff. ihre Absicht damit begründet, daß sie ihrem Mann und ihren Söhnen nicht Schmach zufügen will, und dazu wird das athenische Hauptmotiv, die Wichtigkeit einer unbescholtenen, bürgerlichen Ehe, geltend gemacht; spätere Untreue der Mutter würde auch den legal erzeugten Söhnen schaden. – Zu Phädras Rache an Hippolytos gibt es dann angeblich eine Parallele aus dem V. Jahrhundert. Laut Ptol. Heph. (bei Westermann, Mythogr. S. 198), hatte die ältere Artemisisa einem jungen Abydener, Dardanos, der ihre Liebe nicht erwiderte, im Schlafe die Augen ausgestochen; als nun ihre Liebesqual nur stieg, sprang sie auf Orakelspruch hin vom leukadischen Fels hinab.

255 Aus den Kreterinnen ist ein Fragment überliefert, welches (Nauck 464) geradezu lautet: γαμεῖτε νῦν, γαμεῖτε κᾆτα ϑνήσκετε ἢ φαρμάκοισιν ἐκ γυναικὸς ἢ δόλοις.

256 Helena 1032 ff.

257 Vgl. oben S. 143.

258 Auch die vierzehnmal verheiratete Thargelia übte politischen Einfluß aus. Nach Plut. Per. 24 hatte sie alle ihre Galane für Persien gewonnen, so daß in den Städten, wo diese sämtlich angesehenen Leute her waren, überall μηδισμός aufkommen konnte.

259 Nach Athen. XIII, 25 führte sie eine Menge schöner Frauen in Hellas ein, und dieses war voll von ihren Hetären.

260 Es war eine προαγωγείας γραφή.

261 Vor was für Sündern hat wohl damals Perikles weinen müssen!

262 In dem pseudo-platonischen Menexenos, p. 235 e.

263 De invent. I, 31.

264 Einen großen Versuch zu gänzlicher Ehrenrettung unternimmt Adolf Schmidt, Perikles und sein Zeitalter, I, S. 89 ff. und 288 ff. Geleugnet wird hier, daß sie eine Hetäre oder Inhaberin eines Bordells oder Kupplerin gewesen; den Lysikles habe sie nicht geheiratet, sondern nur nach Perikles Tode seinen Schutz akzeptiert, und ohnehin sei er schon nach einem Jahre gestorben; Aspasia aber habe wahrscheinlich in Athen ruhig ausgelebt und zwar noch lange und den Umgang des Sokrates und Xenophon genossen. Wenn auch zuzugeben sei, daß sie bei Kratinos in den Chironen (um 440 v. Chr.) παλλακή und bei Eupolis in den Demen (um 413 v. Chr.) πόρνη hieß, so seien dies eben Schimpfworte der Komiker gewesen. – Daß dies ganze Terrain (die Zeit der alten Komödie) an sich kritisch absolut bodenlos ist, merkt der treffliche Gelehrte nicht, bei dem sich (S. 113) der Gesellschaftskreis des Perikles und der Aspasia ganz wie der eines national-liberalen Professors oder Kammermitglieds ausnimmt.

265 Da man solchen Verhältnissen gegenüber dem übrigen Leben nur geringes Interesse beilegte, hat es denn noch lange gedauert bis zum Liebesroman, welcher erst aufkommen konnte, als der griechische Mensch auf das Privatleben reduziert war.

266 Vgl. das Fragment aus Plutarchs Περὶ ἔρωτος, wo zum Teil nach Plato und den Tragikern völlig die pathologische Seite der »Krankheit« hervorgehoben ist.

267 Besondere Gesundheitsaufenthalte gab es nicht; wirklich Kranke pilgerten zu Asklepiostempeln. Vergnügungsaufenthalte außerhalb der Heimatstadt waren undenkbar, und Aristipp mit seinen Reisen um des Genusses willen erregte wahres Aufsehen.

268 Vgl. oben S. 143.

269 Über den Kottabos vgl. Pauly II, S. 1305. Die Hauptquelle darüber ist Athen. XV, 1 ff. und XI, 22, 58 ff., 75. Abbildungen davon auf Vasen gibt Heydemann, Monum. ined., tav. 51 und Ann. dell' inst. XL, p. 217 und tav. B.C. Wir zitieren hier noch das Fragment des euripideischen Pleisthenes (bei Nauck 631): πολὺς δὲ κοσσάβων ἀραγμὸς κυπρίδος προσῳδὸν ἀχεῖ μέλος ἐν δόμοισιν.

270 Im Protagoras 347 c f. wird dann freilich ausgeführt, daß es in den Häusern der geringeren Leute, welche nicht imstande seien, beim Wein durch ihre eigene Persönlichkeit und Rede einander Gesellschaft zu leisten, ihrer Unbildung wegen Flötenspielerinnen brauche, so daß man fremde Töne teuer bezahle; wo aber Leute von Erziehung zusammen kämen, brauche es weder sie, noch Tänzerinnen, noch Saitenspielerinnen.

271 Isokrates Areopag. 49.

272 So in der Aufzählung bei Aristoph. Wespen 1216 f.

273 κόνον ὅσον γεύσασϑαι.

274 Plato, Sympos. p. 176 e.

275 Mnesitheos bei Athen. II, 2. Wohl ein anderer Mnesitheos, welcher Arzt war, behandelte (Athen. XI, 67) das scharfe Zechen als Purganz. Nur sollte man dazu keinen schlechten und keinen ungemischten Wein nehmen und kein Naschwerk dazu genießen, ferner nicht schlafen gehen, bevor man mehr oder weniger vomiert habe.

276 Z.B. Eurip. Bakch. 278 ff. und das Fragment aus dem Syleus (Nauck 691): κλίϑητι καὶ πίωμεν ἐν τούτῳ δέ μου τὴν πεῖραν εὐϑύς λάμβαν᾽ εἰ κρείττων ἔσῃ oder Diphilos bei Athen. XI, 70: Ἀρχίλοχε δέξαι τήνδε τὴν μελανιπτρίδα μεστὴν Διὸς σωτῆρος ἀγαϑοῦ δαίμονος.

277 Plato, de legg. I, 63 7b.

278 Bei Nauck 669.

279 Alexis bei Athen. X, 34.

280 Anthol. Sympot. 43.

281 Athen. XV, 49.

282 Athen. XIV, 43.

283 Athen. VI, 56. – Vgl. auch das Fragment der aristophanischen Daitales bei Athen. XV, 49: ᾆσον δή μοι σκόλιόν τι λαβὼν Ἀλκαίου κ Ἀνακρέοντος. Noch bei Antiphanes hieß es (ebenda 47) von einem Gelage: Ἁρμόδιος ἐπεκαλεῖτο, Παιὰν ἤδετο, wobei doch wohl mit Harmodios nur das alte Skolion gemeint sein kann. Vgl. über die Skolien Band III, S. 173 f.

284 Der in der vorigen Periode, ohne daß man genaue Kunde davon hätte, geschehene Übergang vom Sitzen zum Liegen könnte wesentlich gerade diesen Zweck gehabt haben. (Im platonischen Symposion wechselt κατακεῖσϑαι, καϑίζεσϑαι und κατακλίνεσϑαι; vgl. 175 c, 213 a und b.)

285 Vgl. den Tadel der ἀχάλινα στόματα aus der »gefangenen Melanippe« des Euripides bei Nauck, fr. 492 und die Definition der ἐλεύϑεροι τρόποι eines εὐγενής aus der Ino, ebenda fr. 413, wo die sprechende Person erklärt, sie verstehe zu schweigen, wo es nottue, und zu sprechen, wo es sicher sei, zu sehen, was sie solle, und nicht zu sehen, was unnötig sei, und γαστρὸς κρατεῖν. Ebenda fr. 407 wird Wehmut beim Unglück anderer schon vom guten Geschmacke verlangt. Doch hat immerhin auch die Höflichkeit und Freundlichkeit etwa einmal ein Ende, und die Tragiker z.B. können recht barsch sein. Man erinnere sich wie Öd. Kol. 1200 Antigone den Vater zurechtweist und gleich nachher Theseus sich eine Wiederholung von Ödipus Wunsch um Sicherheit verbittet.

286 Noch spät, obwohl gewiß für die ganze griechische Sitte bezeichnend, heißt es bei Lukian, Prom. alter 8, wenn jemand aus dem Symposion τὰς κομψείας ταύτας, ἀπάτην καὶ σκώμματα καὶ τὸ σιλλαίνειν καὶ ἐπιγελᾶν wegnähme, so bliebe als Rest nur Rausch, Überdruß und Stillschweigen.

287 Plato, de legg. I, p. 636 b nennt außer den Gymnasien auch die Syssitien πρὸς τὰς στάσεις χαλεπά, wie die Söhne der Milesier, Böotier und Thurier bewiesen.

288 Plut. Kimon 9.

289 Bei Athen. XIII, 81.

290 Symp. 193 d ff.

291 Wir machen auf die Gestalt des reichen Kallias aufmerksam, der in seinem an den Panathenäen siegreichen Liebling Autolykos triumphiert, wobei dessen Vater Lykon völlig ernsthaft zugegen sein darf; auch die Liebe des auf seine Schönheit stolzen Kritobulos zu Kleinias ist eine völlig zugegebene Sache; dabei ist Kritobulos schon verheiratet und Kleinias (IV, 23) etwas älter als er. Antisthenes, in welchem wir hier vielleicht das frühste und daher mit Behagen ausgemalte Bild des Zynikers besitzen – auch Kallias selber beneidet ihn (IV, 44) – darf scharfe Hiebe austeilen und z.B. an Sokrates (der das Weib überhaupt für bildsam in jeder Weise erklärt hat) die Frage stellen, warum denn er das ärgste Weib auf der Welt habe; worauf jener mit dem besten Humor antwortet: Um, da er es einmal mit Xanthippe aushalte, des Umgangs mit allen Menschen fähig zu werden. Endlich (VIII) wird die Verliebtheit aller konstatiert, wobei höchst komisch das Verhalten des Sokrates zur Liebeserklärung des Antisthenes ist. Er verklärt alsdann die (stadtbekannte) Liebe des Kallias zu Autolykos, worauf Hermogenes: Ich bewundere dich, daß du sprichst, wie es Kallias gefällt und ihn (den Gastgeber!) zugleich belehrst, wie er sein soll. Weiterhin kommt die große Darstellung des Sokrates vom Unglück derjenigen Männer liebe, welche nicht Seelenliebe sei und nicht auf Tugend ziele, worauf er sich nochmals sehr feierlich an Kallias wendet und dessen Tugend für den Staat in Anspruch nimmt. Nun empfehlen sich Autolykos und sein Vater, und es beginnt die Pantomime der beiden Kinder (Ariadne und Dionysos) und dann der allgemeine Aufbruch, wobei die Ledigen schwören zu heiraten und die Vermählten zu ihren Gattinnen eilen. Sokrates, Kallias und die übrigen holen dann noch den Autolykos und seinen Vater ein.

292 Dieser Syrakusaner, welcher (IV, 52 ff.) merkwürdige Dinge sagen darf, bindet auch (VI, 6) ziemlich unhöflich mit Sokrates an und kritisiert ihn nach dem ordinären athenischen Stadtgeschwätz (also der Bezahlte den Geladenen). Sokrates wünscht dann (VII, 5) statt der ordinären Äquilibristenkünste eine schöne Pantomime, so wie man Chariten, Horen und Nymphen male.

293 Darüber, daß diese vielleicht aus früherer Zeit stammende Figur der edlern Gesellschaft unter Umständen verhaßt war, vgl. Athen. XIV, 2. Hier unterbricht er für den Verfasser ganz zweckmäßig das bewundernde Staunen der Gäste ob der Schönheit des Autolykos. Eine derbere Sorte, der, welcher die Leute, auch die eigenen Söhne, tatsächlich zum besten hält, ist der πλάνος. Athen. XIV, 5.

294 Über die beiden Symposien spricht Athen. XI, 112. V, 3. 12 f., speziell über das platonische V, 18.

295 Athen. V, 3 sagt von seinem Symposion, es habe keine Einleitung, sondern der Mann ἔχων κύλικα προβάλλει ζητήματα καϑάπερ ἐν διατριβῇ λέγων. Er ließ (V, 7) auch schon die Spende weg und ließ die Leute (V, 12) einander Komplimente machen und von Krankheiten reden.

296 Vgl. Band I, S. 69 f. – Für die Konversation im Freien ist auch sehr bezeichnend das ἡμικύκλιον, wo nach Plut. Alk. 17 die Kannegießer vor dem sizilischen Zug sitzen und die Umrisse von Sizilien und Afrika auf den Boden zeichnen.

297 Vgl. oben S. 190.

298 Diog. Laert. II, 8, 4.

299 Protagoras wird hier im Prostoon wandelnd angetroffen, links flankiert von Kallias, Paralos und Charmides, rechts von Xanthippos, Philippides und seinem namhaftesten Schüler, Antimoiros von Mende. Hintendrein aber gehen noch andere zuhörend, meist Fremde, dergleichen Protagoras aus allen Städten nach sich zieht, doch auch Athener. Alle geben sehr acht, ihm nicht vorzutreten; jedesmal beim Umkehren teilen sie sich säuberlich links und rechts und machen, daß sie wieder hinter ihn und die sechse kommen. – In dem gegenüberliegenden Prostoon wird dann Hippias auf einem Stuhle (ϑρόνος) sitzend getroffen, auch er von vielen Athenern und Fremden umgeben, die auf Bänken (βάϑρα) Platz genommen haben; für Prodikos dagegen ist eine besondere Zelle (οἴκημα) hergerichtet, wo er in viele Kissen und Teppiche eingewickelt ruht, und um ihn sitzen auf Klinen auch wieder viele. – Auch hier darf übrigens (320 a) Sokrates in Gegenwart des Alkibiades davon reden, daß Perikles (der noch lebend gedacht ist) dessen Bruder Kleinias zu einem andern Erzieher getan habe, damit er nicht von ihm verdorben werde.

300 Z.B. Il. XXIII, 245 sagt Achill vom Grabhügel des Patroklos: τύμβον δ᾽ οὐ μάλα πολλὸν ἐγὼ πονέεσϑαι ἄνωγα, ἀλλ᾽ ἐπιεικέα τοῖον.

301 Z.B. Herod. I, 85 ist es gleich »gebildet, feingesittet«.

302 Den Begriff Scherz, auch Spott, halten dann die Derivata χαριενίζεσϑαι und χαριεντισμός fest.

303 Z.B. Aristot. Eth. Nik. I, 5 stehen den πολλοὶ καὶ φορτικώτατοι die χαρίεντες καὶ τρακτικοί gegenüber; jene halten den Genuß, diese die Ehre für das höchste Gut und bei Isokrates sind τῶν ἰατρῶν οἱ χαρίεντες die gebildeten Ärzte.

304 Vgl. Band III, S. 299 ff.

305 Wir verweisen für sie auf Schwegler, S. 90 ff. und Curtius, Gr. Gesch. III, 97 ff. – Was den Namen betrifft, so nannte sich Protagoras zuerst σοφιστής. Bei Plato (Prot. 316 d f.) führt er aber aus, daß die vorsichtigern Sophisten den Namen gemieden und ihre Kunst für Gymnastik, Musik usw. ausgegeben hätten.

306 Plato traktiert z.B. den Gorgias und seinen Gefährten Polos als Leute, die seinem Sokrates in alle möglichen handgreiflichen Fallen gehen und ihre schlechten Absichten gar nicht zu verbergen imstande sind. Auch läßt er sie natürlich zuerst grob werden; während Sokrates versichert, Überführtwerden mache ihm so viel Vergnügen als Überführen; er wolle lieber Unrecht leiden, als Unrecht tun. – Für Gorgias und gegen Plato nimmt eine Quelle des Athenäus XI, 113 Partei, wonach Gorgias auf die Lektüre von Platos Dialog hin sagte, er habe dergleichen weder gesagt noch zu hören bekommen. Nach Aristoteles (Rhet. III, 18) hatte er den Gegnern gegenüber ein bewußtes Verfahren, indem er ihrem Ernst Spott und ihrem Spott Ernst entgegensetzte. Auch spricht es für den Mann, daß er (Athen. XII, 71), über den Grund seines gesunden und hohen Alters befragt, antworten konnte, er habe eben nie etwas ἡδονῆς ἕνεκα getan. Jedenfalls beweist schon der eine Umstand, daß Plato einen Protagoras, Hippias und Gorgias schrieb und des Prodikos gedenken mußte, sowie die Polemik im letzten Viertel des Phädrus, wie fatal wichtig sie ihm waren.

307 Protagoras steht nach Plut. Per. 36 in engem Verkehr mit Perikles, durch dessen Vermittlung er 443 nach Thurioi gesandt wird, um die Gesetze der Stadt zu sichten; der Einfluß des Gorgias auf Thukydides ist nicht zu verkennen, nach Philostratos waren dieser und Perikles in ältern, Alkibiades und Kritias in jüngern Jahren, als er sie an sich fesselte; auch Isokrates galt als sein Schüler.

308 So besonders Hippias nach Philostr. vit. soph. I, 11.

309 Endlich, unter Septimius Severus sagt es Philostratos, vit. soph. I, 10, daß das Honorarnehmen ein πρᾶγμα οὐ μεμπτόν sei, weil man für das, worum man sich mit Kosten bemühe, empfänglicher sei als für das, was man umsonst bekomme. Hätten sie übrigens die hohen Honorare erhalten, etwa weil die Athener dumm gewesen wären?

310 Vgl. oben S. 221 und S. 222 Anm. 217.

311 In einem Fragmente der Antiope (bei Nauck 189) spricht er es geradezu aus, daß sich bei einiger Redegabe jeder Sache ein pro und ein contra abgewinnen lasse: ἐκ παντὸς ἄν τις πράγματος δισσῶν λόγων ἀγῶνα ϑεῖτ᾽ ἂν, εἰ λέγειν εἱη σοφός.

312 Vgl. Eurip. Hipp. 486 f.

313 Vgl. Band III, S. 305 ff.

314 Vgl. Xenophon, Memor. IV, 4, 6. Plato Hipp. II, p. 363 c f. Gorg. p. 456. Sie gestanden damit implicite offen zu, daß sie im betreffenden Fall keinen sachlichen Anspruch machten, sondern die Sache als Übung trieben, während Plato es so wendet, als behauptete Gorgias, daß bei jedem öffentlichen Auftreten in irgendeinem Fach der Rhetor über den Fachmann ernstlich den Sieg davontragen könne.

315 Für Philostratos ist nächst dem Improvisieren diese Schönheit der Elokution (der κόσμος τῆς ἀπαγγελίας) und nicht, was Plato Sophistik nennt, das Distinguens der Sophisten. Darum, weil er sie besitzt, wird z.B. vit. soph. I, 1 Eudoxos von Knidos, Platos Zuhörer, und ähnlich I, 2 Leon von Byzanz und überhaupt die besonders fließend (σὺν εὐροίᾳ) vortragenden Philosophen den Sophisten beigezählt.

316 Seine Wirksamkeit erstreckte sich besonders auch auf Thessalien, wo nach Philostr. vit. soph. I, 16 ἐγοργίαζον μικραὶ καὶ μείζους πόλεις. Ein hübscher Witz auf die Beredsamkeit des Gorgias ist es, wenn Plato, Symp. p. 198 c, nachdem Agathon die glänzende Schilderung des Eros vollendet hat, Sokrates sagen läßt: Es ging mir wie dem Odysseus im Homer (Od. XI, 633 ff.), ich hatte Angst, Agathon könnte mir zuletzt das Haupt des Gorgias (bei Homer: der Gorgo) zusenden und mich vor sprachlosem Staunen zum Steine machen.

317 Hat ihn Prodikos wohl wirklich gegen Entrée rezitiert, wie Philostratos vit. soph. I (Einleitung) sagt? – Auch der trauerstillenden Vorträge (νηπένϑεις ἀκροάσεις) des Sophisten Antiphon mag hier nochmals gedacht werden, der jedes noch so schwere Leid aus dem Geist auszutreiben versprach. Vgl. Band III, S. 303 f. – Ein epideiktischer tour de force mag ferner die Verteidigung des Busiris durch einen auf Zypern lebenden Sophisten gewesen sein, gegen den sich Isokrates in seinem Busiris wendet. Der arme Teufel, der auch eine Anklageschrift gegen Sokrates verfaßt hatte, mag, um Effekt zu machen, die grellsten, geradezu paradoxen Themata hervorgesucht haben.

318 Band III, S. 313 ff. und oben S. 107.

319 Äneis VI, 847 ff.

320 Hiermit tritt auch der Gegensatz, die spartanische Brachylogie, in sein wahres Licht.

321 Öd. Kol. 806 f. – Wir erinnern hier auch an das Fragment des sophokleischen Aletes (bei Nauck 97):

ψυχὴ γὰρ εὔνους καὶ φρονοῦσα τοὔνδικον κρείσσων σοφιστοῦ παντός ἐστιν εὑρέτις.

322 De orat. I, 9, 37.

323 Fugitivi 10.

324 Im allgemeinen freilich mögen die Sophisten eher gegenüber dem ethischen Gerede der Philosophen eine Erquickung gewesen sein.

325 Plato Hipp. min. p. 368 b.

326 Τέλος ὡρίζετο τὴν αὐτάρκειαν heißt es bei Hesych von ihm.

327 Philostr. vit. soph. I, 11.

328 Diese sind wohl unter den ἔργα zu verstehen.

329 Plato, Hipp. maj. p. 285 d.

330 Protag. p. 318 e.

331 Er könnte seine statistische, staatsökonomische Neigung von ihnen her gehabt haben.

332 Nach Xen. Symp. IV, 62 hatte z.B. Kallias von Hippias τὸ μνημονικόν gelernt. Vgl. auch Plato, Hipp. maj. p. 285 e, Philostr. vit. soph. I, 11.

333 Von Prodikos heißt es (Philostr. vit. soph. I, 12), er habe die adligen jungen Leute und die aus reichen Häusern aufgetrieben und für diese Jagd Helfershelfer (πρόξενοι) besessen.

334 Protagoras z.B. ließ sich für seinen Kursus 100 Minen zahlen und verdiente mehr Geld als Phidias.

335 Der ἄδικος λόγος (1036 ff.), der sich rein auf Rabulistik wirft, mag in seinen Gründen ungefähr eine Idee von den schlechtern Sophisten geben.

336 Es dürfte sich z.B. fragen lassen, ob die Sophisten auch nur ein einziges Mal das Wegdisputieren von Geldverpflichtungen zum Thema gehabt haben; vielleicht antezipiert es Aristophanes nur, als wollte er sagen: »mit der Sophistik wird zuletzt auch dies und das noch möglich sein«. Von der größten Frechheit des durch die Lehren des Sokrates brillant veränderten Pheidippides: dem τί λέγεις σύ; dem δοκεῖν ἀδικοῦντ᾽ ἀδικεῖσϑαι und dem Ἀττικὸν βλέπος wird (1173 ff.) doch gesagt, daß es eigenes Gewächs sei; den fremden Sophisten wäre sie also nicht in die Schuhe zu schieben.

337 Im Phrontisterion wird (200 ff.) Astronomie und Geometrie gelehrt, es ist eine Landkarte da und (V. 636 ff.) ist von Metren und Rhythmen die Rede. Letztere liebte der wirkliche Sokrates, während er sich mit Astronomie wenig abgab.

338 Aristoph. Frieden 44.

339 Schwegler, S. 96.

340 Sie bilden viel eher eine Parallele zu diesen, als, wie Schwegler findet, zu den französischen Enzyklopädisten.

341 Rhet. III, 3, wo Worte des Gorgias und seines Schülers Alkidamas zitiert werden.

342 Vgl. Band III, S. 318 f.

343 Rohde, Griech. Rom. S. 13 f.: »Als sich nun eine Kraft des Geistes nach der andern losrang und zu besonderm Leben entwickelte, mußte sich zumal und zuerst das lebhaft erwachte Streben nach unbildlicher, eigentlicher Erkenntnis der Welt und des Lebens notwendig feindselig gegen die bunten Trugbilder der alten mythischen Götter wenden.« Der alte Glaube unterlag zum Teil der Wissenschaft, zum Teil dem frommen philosophischen Monotheismus, zum Teil, fügen wir bei, der Verpöbelung der städtischen Griechenwelt.

344 Plut. Per. 5. 8, wo nach Plato Phädr. 270 a ausgeführt wird, wie Perikles nächst seiner eigenen guten Anlage dem Anaxagoras das ὑψηλόνουν καὶ πάντῃ τελεσιουργόν verdankte. Wieweit im übrigen Plutarch für die Sachen sichere Quelle ist, die Thukydides nicht meldet, möchte man gerne wissen. Nach ihm (4) übt Anaxagoras auf Perikles, der neben ihm noch den Eleaten Zenon, der Untersuchungen über die Natur pflog, hörte, indem er ihm den ὄγκος und die festere Absicht auf Volksführerschaft mitteilte, auch einen starken politischen Einfluß. Besonders aber wird dieser (6) durch den φυσικὸς λόγος über die Deisidämonie erhaben. Als der Mantis Lampon aus der Einhörnigkeit eines Hammels die baldige Alleinherrschaft des Perikles voraussieht, seziert Anaxagoras das Tier ganz empirisch und findet das Gehirn nicht breit, sondern spitz in Eiform. – In seiner letzten Krankheit ist es dann Perikles (38) sehr schmerzlich, daß ihm die Weiber ein Amulett um den Hals hängen. Er findet, es müsse wohl schlimm um ihn stehen, da er sich diesen Unsinn gefallen lasse.

345 Plut. Demosth. 20.

346 Vgl. Rohde a.a.O., welcher sagt, daß bei ihm, »bisweilen schon offener Hohn und die Absicht der Parodie durchschimmere«.

347 Vgl. Band III, S. 212, Anm. 477.

348 Thesm. 450 ff.

349 Vgl. Band II, S. 42.

350 Xen. Mem. IV, 7, 6 ff.

351 Die Zeit ist nicht ferne, da sich ein Dionysios Tempelraub gestattete.

352 Wie weit rückten wohl die Genannten, zu denen noch Protagoras kommt, mit der Sprache heraus, und wie weit haben erst die Ankläger sie durch Ziehung von Konsequenzen angefeindet? Bei dem nach dem Antrage des Diopeithes erhobenen Asebieprozeß lautete die Klage (Plut. Per. 32) auf alle τοὺς τὰ ϑεῖα μὴ νομίζοντας ἢ λόγους περὶ τῶν μεταρσίων διδάσκοντας, womit außer auf Anaxagoras auf Perikles gezielt war. – Bei Anlaß der Lehre des Anaxagoras von den Mondfinsternissen, welche zur Zeit der sizilischen Expedition noch wenigen bekannt gewesen, sagt Plutarch (Nik. 23): Man ertrug es damals noch nicht, wenn Physiker und Meteoroleschen das Göttliche auf unvernünftige Ursachen, auf verstandlose Kräfte und notwendiges Geschehen übertrugen. Protagoras mußte fliehen, und dem Anaxagoras rettete kaum Perikles das Leben. Später benahm dann Plato diesen physischen Sachen die üble Nachrede, indem er sie göttlichen und mächtigern Prinzipien unterordnete. – Unter den damals Verfolgten machte man besonders vor Diagoras noch zu Älians Zeiten förmlich das Kreuz. Vgl. V.H. II, 23.

353 Auch die Mitmenschen zog man ja durch den Kot und mußte sie doch gelten lassen.

354 Ästhetisch wäre es wohl schade um sie gewesen, ethisch nicht. – Vgl. Band II, S. 194 ff.

355 Der Heroenmythus blieb daneben durch das Weiterleben Homers, durch das Drama und durch die bildende Kunst im Schwunge.

356 Das Band III, S. 102 angeführte Fragment des Chörilos von Samos wird am sichersten ganz allgemein auf alle poetischen Formen und Gattungen bezogen.

357 Vgl. oben S. 201 f.

358 Eine bedenkliche Illustration hierzu gibt die von Polyän I, 40 mitgeteilte Geschichte, wonach Alkibiades seine Freunde damit prüft, daß er ihnen in einem dunkeln Winkel die Puppe (εἴδωλον) eines scheinbar Gemordeten zeigt und von jedem die Unterstützung in diesem Handel verlangt. Alle wichen davon; nur Kallias ging auf die Sache ein und wurde darauf sein engster Freund.

359 Diodor XIII, 37

360 Diodor XII, 77.

361 Vgl. oben S. 213 und 232.

362 Äolos, fragm. 21 bei Nauck.

363 Über diese schon ziemlich verstiegene Sage vgl. Preller, Griech. Myth. II, S. 100 f. – Das in der Leokratesrede Lykurgs erhaltene Fragment des Erechtheus (bei Nauck 360) schließt mit der Apostrophe: O Heimat, möchten alle, die dich bewohnen, dich lieben wie ich! Dann würden wir in dir ungestört leben und dir widerführe kein Übel.

364 Peirith. fragm. 597 bei Nauck.

365 Ein starkes Stück ist z.B., wie von der hohlen Hand der Prytanen im Frieden 907 ff. und Thesm. 936 ff. die Rede ist, und wie in den Vögeln 1111 ff. den Kampfrichtern die Möglichkeit vorgehalten wird, daß sie ein Ämtchen erhielten und dabei etwas erbeuten wollten.

366 Thesm. 811 ff.

367 Thesm. 395 ff. Auch die Rede des als Weib verkleideten Mnesilochos (466 ff.), der so manche Vergehen der Frau zugibt, von denen Euripides nicht einmal etwas gesagt habe, kann als kulturhistorisches Zeugnis doch nicht völlig abgewiesen werden. Es wird hier vom Ehebruch mit Bedienten und Maultiertreibern gesprochen und alle Details der Täuschung angegeben, die man beim Empfang des Galans und beim Unterschieben eines Kindes gegen den Gemahl verübt. Später kommen (555 ff.) das Weinnaschen, das Bezahlen der Kupplerin mit Fleisch, die dem Mann eingegebenen Verrücktheitstränke, das Vertauschen von Kindern, wenn die Frau ein Mädchen, die Sklavin einen Knaben geboren hat, usw. vor. Die Parabase (785 ff.) ergibt dann nur eine mangelhafte Diskulpation; sie betont, 1. daß die Männer trotz allem die Weiber begehren und 2. daß sie, wie oben angeführt, gleichfalls schlecht sind.

368 Vgl. oben S. 183 f. Das spätere Altertum idealisierte diese Komödie noch lange nicht so, wie die moderne Philologie oft tut; zur Kaiserzeit galt Aristophanes als gemeiner Spaßmacher (ἀνὴρ βωμολόχος), und Plutarch de adul. c. 27 ist der Meinung, die Bosheit und der Schmutz, die auf den Dichtern ruhten, hätten jede mögliche Frucht weit aufgewogen. – Wie mochte übrigens den Athenern zwischen all dies hinein eine Gestalt vorkommen wie der Hippolytos des Euripides? Gab es wirklich Exemplare dieses orphischen und enthaltsamen Jünglings?

369 Darum wird Plato dem ältern Dionys, als dieser die athenische πολιτεία kennen zu lernen wünschte, die Komödien des Aristophanes gesandt haben. – Vgl. hierüber auch W. Vischer: »Über die Benutzung der alten Komödie als geschichtlicher Quelle.« Kl. Schr. I, S. 459.

370 Rhet. I, 15, 15. – Gab man in generali zu: »Ja, wir taugen alle nichts?« Oder sagte der einzelne stolz von sich: »ich bin ein πονηρός?« Das Wort bezeichnet nicht gerade den Taugenichts, sondern eher den begabten Frevler. – Vgl. auch das S. 230 angeführte Wort des Alkibiades.

371 Etwas schmeichelhafter wird Athen Apol. 30 e mit einem großen und edeln Roß verglichen, das aber vor lauter Größe etwas zu träge sei und eines Sporns bedürfe. – Was übrigens die Rhetorik betrifft, so behandeln Aristoteles und Anaximenes die Zuhörenden ganz wie das μέγα ϑρέμμα.

372 Der Rest des Räsonnements, offenbar auf Alkibiades, bezieht sich darauf, daß solche für die Philosophie verloren gehen.

373 Während der Schreckenszeit der Dreißig tritt dann ganz wie in der Französischen Revolution der Freibeuter auf, welcher hilflose Landleute überfällt und ihnen ihr weniges raubt. Lysias XXXI, 18.

374 Vgl. Band III, S. 144.

375 Es war damals auch eine häufige Sache, daß Väter ihre Söhne wegen Nichtalimentation vor Gericht nahmen. Vgl. Älian, fragm. 4. Sokrates tadelte die Väter, welche ihren Söhnen keine Erziehung gaben und dann, dem Mangel preisgegeben, sie vor die Behörden nahmen und des Undanks anklagten.

376 In den Gesetzen IX, 872 d wird auch die Häufigkeit des Verwandtenmords in unruhigen Städten betont.

377 Mem. III, 5, 15 ff.

378 Plut. vit. X orat. s.v. Andoc.

379 Älian V.H. IX, 21.


Anmerkungen: A1 Oeri: die große Menschenlawine. A2 fehlt bei Oeri. A3 Oeri: Okeanos. A4 Oeri: Weinstock. A5 Oeri: ihre. A6 Oeri: errichten. A7 Oeri: womöglich. A8 Oeri: der ersten. A9 Oeri: Mohn. A10 Oeri: darstellten. A11 Oeri: Verwirklichung A12 Oeri: gelangte. A13 Oeri: fast. A14 Oeri: des Peloponnesischen. A15 Oeri: der. A16 Oeri: zu J.J. Rousseaus Zeiten. A17 Oeri: den sich die Athener haben müssen nachsagen lassen. A18 Oeri: und der wilde Ares über vielen der Sterblichen waltet, ist. A19 Oeri: Sei man dann in andern fromm. A20 Oeri: vergoldete. A21 Oeri: doch. A22 Oeri: läßt er ... zusammenschlagen. A23 Oeri: und. A24 Oeri: gymnastischen.

Quelle:
Jakob Burckhardt: Gesammelte Werke. Darmstadt 1957, Band 8.
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