Gasglühlicht [1]

[294] Gasglühlicht entsteht, wenn ein Körper, der im glühenden Zustande ein hohes Lichtausstrahlungsvermögen besitzt, durch eine entleuchtete Gasflamme in Weißglut gebracht wird. Man benutzt hier also nicht das Gas direkt zur Lichtentwicklung, sondern setzt die vom Gase bei der Verbrennung entwickelte Wärme in Licht um.

1826 trat Drummond mit seinem Kalklicht hervor, das durch Erhitzen eines Kalk- oder Magnesiastiftes durch die Flamme eines Wasserstoff-Sauerstoffgebläses bis zur Weißglut entsteht; statt Wasserstoff wurde hierzu auch Leuchtgas in Verbindung mit komprimiertem Sauerstoff verwendet. – 1881 erhielt Clamond in Paris ein Patent auf einen Glühlichtbrenner, bei dem atmosphärische Luft unter einem Druck von ca. 35 mm in den Brennerkörper und hier in Kammern, die durch besondere Gasflämmchen geheizt werden, auf ca. 1000° C. erwärmt und dann in feinster Verteilung in das Gasluftgemisch geleitet wird. Durch die intensive Wärmeentwicklung dieser Gasluftmischung wird ein aus Magnesiageflecht bestehender Glühkörper in heftige Weißglut versetzt. – Popp in Paris (1882) versetzt ein aus Platin oder feuerfestem Material hergestelltes Hütchen durch eine mit komprimierter warmer Luft gespeiste Gasflamme in Weißgluthitze. – Fahnehjelm in Stockholm stellt Glühkörper in Gestalt seiner runder oder platter Nadeln aus feuerfesten Materialien, wie z.B. Kaolin, Cyanit, Quarz, oder aus feuerfesten Oxyden, wie Magnesia, Kalk, Zirkonerde, Kieselsäure u.s.w., her, die an einem Bügel beteiligt über dem Brenner einer Wassergasflamme aufgehängt werden. – 1885 nahm Auer v. Welsbach in Wien ein Patent auf Leuchtkörper für Gasglühlichtbrenner, das darauf fußt, Gewebe oder einzelne zu Bündeln vereinigte Fäden mit einer Lösung von Salzen der sogenannten seltenen Erdmetalle und des Magnesiums, die je nach der Farbe, die das Licht zeigen soll, gemischt werden, zu tränken. Diese Mischungen lassen nach dem Verbrennen der Gewebe oder Fäden die betreffenden Metalloxyde in Form eines Skeletts zurück, das durch eine Heizflamme zur Weißglut erhitzt wird. Nach einem 1887 erteilten Zusatzpatent sollen noch folgende Mischungen und Stoffe verwendet werden: Lanthanoxyd, Yttriumoxyd und Thoroxyd, Lanthanoxyd und Thoroxyd, Ceroxyd und Thoroxyd, die Niobate der seltenen Erden und diejenigen von Thorium, Zirkonium und Magnesium, die Tantalate, die Silikate, die Titanate und Phosphate derselben. Zur Erleichterung des Veraschens wird Ammoniumnitrat der Imprägnierungsflüssigkeit zugesetzt. Das Verhältnis der Mischungen ist ca. 99% Thor- und ca. 1% Ceroxyd. Vgl. Erden, seltene.

Das Gewebe des Auerschen Glühkörpers, seinem Ausfeilen nach auch »Strumpf« genannt, besteht aus Baumwollengarn Nr. 70 oder aus Ramiefaser, auch aus Seide. Ist dasselbe mit dem Fluid getränkt und getrocknet, erhält es auf einem Holzdorn seine für den Gebrauch erforderliche Form, wird dann an einem Drahtgalgen aufgehängt und abgebrannt, wobei zu beachten ist, daß der Glühkörper eine gleichmäßige Gestalt und glatte Oberfläche bekommt. Die für diesen Glühkörper benutzten Brenner (s. Fig. 1) bestehen aus einem Bunsenbrenner a mit der Ausströmungsdüse und der über diesen geschobenen Brennerkrone b, die einen Stift entweder zentral oder, wie bei der in Oesterreich üblichen Ausführung, seitlich trägt, an dem der Glühkörper aufgehängt wird, so daß sich die Heizflamme in dessen Innerem befindet. Die Austrittsöffnung der Brennerkrone ist durch ein Metallsieb geschlossen zur Vermeidung eines Zurückschlagens der Flamme, und in der Mitte befindet sich eine Scheibe, um die Flamme mit der inneren Fläche des Glühkörpers in innige Berührung zu bringen. Die Anwendung der Regulierdüse bezweckt durch Regelung der Größe der Ausströmungsöffnung für den jeweiligen[294] Glühkörper die höchste Leuchtkraft zu erreichen. Die gebräuchlichen Brennergrößen sind: Typ A, Juwelbrenner, ca. 501 stündlicher Gasverbrauch mit ca. 35–40 Hefnerkerzen; Typ Q, gewöhnlicher Gasglühlichtbrenner für ca. 100–120 l stündlichen Gasverbrauch und ca. 70–80 Hefnerkerzen mittlerer Leuchtkraft. Der Gasverbrauch des Gasglühlichtes beträgt für eine Leuchtkraft von 1 Hefnerkerze stündlich 1,16–1,32 l. Der Lichteffekt ist, abgesehen von der Güte des Glühkörpers, abhängig vom Gasdruck und von der Heizkraft des Gases, also von dessen Qualität. Die Abnahme der Leuchtkraft ist bei den einzelnen Glühkörpern verschieden; im Mittel kann man nach angestellten Versuchen etwa 20% nach 500 Brennstunden annehmen. Ein Nachlassen der Leuchtkraft ist meist auf ein Verstauben des Brenners, besonders der Düse, zurückzuführen. Auch die Lebensdauer der Glühkörper ist sehr verschieden und hängt sehr viel von der Behandlung ab; mit Sicherheit kann man 350–500 Brennstunden annehmen; doch sind vereinzelt auch 1000 und mehr Brennstunden erreicht worden.

Außer den genannten Größen gibt es neuerdings noch sogenannte Starklichtbrenner, bei welchen eine höhere Leuchtkraft entweder durch größere Brenner und Glühkörper oder durch erhöhte Luftzufuhr oder verstärkten Druck erreicht wird. Eine höhere Leuchtkraft und zwar um ca. 14% gegenüber den glatten Zylindern wird durch Anwendung des Jenaer Lochzylinders erzielt, bei dem der Luftzutritt durch die Galerie des Brenners aufgehoben und in die Zone der Brenneroberkante durch sechs seitliche Löcher a (Fig. 2) im Zylinder verlegt wird; bei dem Jenaer Hängezylinder findet der Luftzutritt in dem ringförmigen Zwischenraum zweier konzentrischer Zylinder statt, wodurch die Verbrennungsluft vorgewärmt und die Leuchtkraft des Glühkörpers um ca. 20% erhöht wird. Eine intensivere Luftansaugung und innigere Mischung von Gas und Luft bezwecken auch die Brenner von Bandsept in Brüssel und von Denayrouze. – Bei der Lukas-Lampe (D.R.P.) (Deutsche Beleuchtungs- und Heizindustrie-Aktiengesellschaft, Berlin S. 42) wird die hohe Lichtentfaltung (500 bis 1000 Hefnerkerzen) durch die anfangende Wirkung eines hohen Schornsteins erzielt, indem dadurch erheblich mehr Luft als beim gewöhnlichen Brenner dem ausströmenden Gase zugeführt wird. Gas und Luft werden alsdann in dem langen und weiten Mischrohre mit einer erhöhten Geschwindigkeit dem Brenner zugeführt, die genügt, um die Verbrennungstemperatur erheblich zu steigern. Eine Leuchtkraft von 1 Hefnerkerze erfordert ca. 0,9–1,0 l Gas bei 30–40 mm Gasdruck. – Dem Glühlichtbrenner der Selas-Gesellschaft wird das zur Erzeugung einer nicht leuchtenden Flamme erforderliche Gasluftgemisch in einem dem Gasmesser ähnlichen Apparat hergestellt und dem einem Argand-Brenner ähnlichen Gasglühlichtbrenner entweder mit gewöhnlichem Druck oder mit erhöhtem Druck zugeführt. Demzufolge liefert die Selas-Gesellschaft: a) Selas-Schwachlichtapparate in vier Größen für 100–500 Flammen, jede Flamme mit 70 Hefnerkerzen, und b) Selas-Starklichtapparate ebenfalls in vier Größen für 10–120 Lampen à 1000 Hefnerkerzen oder für 20–240 Lampen à 500 Hefnerkerzen Leuchtkraft bei einem Kraftbedarf von 1/4-2 PS. Dem Gase wird nur so viel Luft beigemischt, daß keine explosive Mischung entsteht. Bei gleicher Helligkeit braucht der Selas-Brenner nur ca. ein Drittel bis die Hälfte an Gas wie der gewöhnliche Gasglühlichtbrenner. – Salzenbergs Kugellicht ist ein Intensivlicht, welches das elektrische Bogenlicht durch vorteilhaftere Färbung und billigere Herstellung übertrifft und bei dem sich die Strahlen vom Glühkörper aus in radialer Richtung verteilen. Das entleuchtete Gas wird in einem Rezipienten mittels Druckpumpe auf 2–3 Atmosphären Spannung gebracht und durch ein Druckventil dem Brenner unter einem konstanten Betriebsdruck von 1,1 Atmosphären zugeführt. Hinsichtlich des Lichteffektes lassen sich alle möglichen Zwischenstufen von 100 bis 1000 Hefnerkerzen erzielen. Seinen Namen Kugellicht erhielt es durch das kugelartige Aufblähen des aus starkem Gewebe hergestellten Glühlichtstrumpfes. – Bei dem Milleniumslicht wird das Gas in einem Kompressor, dessen Füllung zu drei Viertel aus säurefreiem Glyzerin und zu einem Viertel aus Wasser besteht, mittels einer Pumpe auf einen Wassersäulendruck von 1350–1450 mm gebracht und dem Brenner zugeführt. Der starke Gasdruck saugt verhältnismäßig viel Luft an und es entsteht eine Art Gebläseflamme, durch welche die hohe Lichtwirkung (bis 1000 Hefnerkerzen und darüber) erreicht wird. Der starke Druck bedingt auch hier die Anwendung eines starkmaschigen Glühkörpers oder doppelte Glühkörper. Pro 1 Hefnerkerze sollen 0,9–1,01 Gas hinreichen.

Das Bestreben, eine Anordnung zu schaffen, bei der ähnlich wie beim elektrischen Glühlicht die größte Lichtmenge nach unten geworfen wird, hat nach zahlreichen Versuchen zur Konstruktion des hängenden oder invertierten Gasglühlichtes geführt. Die Einrichtung besteht, wie die Abbildung 3 der Invertlampe der Auer-Gesellschaft zeigt, aus der Regulierschlitzdüse b, an die sich das bei g geteilte und verschraubte Brennerrohr anschließt,[295] durch welches das Gasluftgemisch zu dem am unteren Ende angebrachten, aus Magnesia hergestellten Brennerkopf d gelangt. Letzterer ist umgeben mit dem ebenfalls aus Magnesia gefertigten Glühkörperträger c, der den Magnesiaring, an dem der Glühkörper beteiligt ist, mittels Bajonettverschlusses oder ähnlicher Einrichtung aufnimmt. Ueberdacht wird der Brenner durch eine Messingkappe, die am unteren Rande mit drei Schrauben zum Festhalten des birnförmigen Schutzglases versehen ist. Umgeben ist die Kappe durch einen verzierten Halter h, der zur Beteiligung des Dekorationsglases dient. Die Verbrennungsgase entweichen aus einer derart angebrachten Oeffnung, daß der Strom eine zur Brennerachse schräge Richtung einschlägt, denn Bedingung für ein ruhig, hell und dauernd nach unten brennendes Gasglühlicht ist, daß neben sorgfältiger Einregulierung des Gasverbrauches die aufsteigenden heißen Verbrennungsgase von den Luftzuführungsöffnungen ferngehalten werden, weil sonst nach kurzer Zeit infolge zu großer Erwärmung nicht mehr die zur Erzielung einer vollkommen entleuchteten und rußfrei brennenden Heizflamme nötige Luftmenge angesaugt werden kann. Auch muß frische Luft ungehindert zur Kühlung des Mischrohres an dieses herantreten können. – Der Glühkörper ist kleiner als bei den aufrecht stehenden Brennern und nach unten kugelförmig gestaltet, damit er sich der Form der invertierten Bunsenflamme möglicht anschließt. Nach Vernichten von Drehschmidt gebraucht das beste hängende Gasglühlicht für eine mittlere untere Helligkeit von 1 Hefnerkerze stündlich 1,081 Gas, für die mittlere sphärische 1,41 l, das stehende Gasglühlicht dagegen 2,01 bezw. 1,841. Demnach ist das Hängegasglühlicht dem aufrechten nicht nur bezüglich der unteren hemisphärischen, sondern auch hinsichtlich der gesamten sphärischen Helligkeit überlegen.


Literatur: Journal s. Gasbeleuchtung u. Wasserversorgung, Jahrg. 1883, 1886–88, 1891–1905; Hartwig, Das Gasglühlicht, Dresden 1894; Schaars Kalender s.d. Gas- u. Wassersack, Jahrg. 1905 ff.

G.F. Schaar. H. Meininger.

Fig. 1.
Fig. 1.
Fig. 2.
Fig. 2.
Fig. 3.
Fig. 3.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 4 Stuttgart, Leipzig 1906., S. 294-296.
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