Geldschränke [1]

[352] Geldschränke, die beweglichen Möbel, die zur Aufbewahrung von Wertgegenständen dienen und sowohl gegen Einbruch als auch gegen Feuersgefahr eine gewisse Sicherheit bieten sollen.

Die im 16. – 18. Jahrhundert besonders in Deutschland viel gebauten Truhen sind als Vorläufer derselben anzusehen; sie waren mit einem um eine horizontale Achse drehbaren Deckel, in dem sich auch das Schloß befand, versehen und entweder aus Holz mit Eisen beschlagen oder ganz aus Eisen gefertigt (Fig. 1). Die erste feuersichere Kasse in modernem Sinne hat 1834 William Marr in London [1] nach dem Prinzipe gebaut, daß zwei verschieden große Kasten ineinander gesetzt wurden, so daß ein Zwischenraum blieb, der mit irgendeinem schlechten Wärmeleiter ausgefüllt worden ist; auch die Tür wurde mit einem solchen Kasten versehen. 1840 erhielt Thomas Millner darauf ein Patent, daß er zum Füllen des Zwischenraums, statt wie bisher gestoßenen Marmor, Porzellan, Ton u.s.w., alkalische Salze (z.B. Alaun in trockenem Zustande) verwendete, die im Falle des Erhitzens Wasserdämpfe entwickelten. Von England aus verbreitete sich der Geldschrankbau auf den Kontinent, wo 1852 Franz Wertheim in Wien die erste Fabrik feuerfester Geldschränke in Oesterreich errichtete.

Jeder gute Geldschrank muß einbruchsicher, feuersicher und fallsicher sein, welche Eigenschaften abhängig sind von der Güte und Stärke des Materials, von der Konstruktion, von der Art des Füllungsmaterials und von dem Schlösse. Früher wurde der Mantel der Geldschränke fast ausschließlich durch Vermittlung von Winkeleisen gebildet, welche die fünf Seitenplatten zusammenhielten. In neuerer Zeit ist man bemüht, mehrere Seitenwände, bezw. den ganzen Geldschrank mit Ausnahme der Tür aus einem Stück Blech herzustellen und die Teile statt zu nieten zu schweißen. Um den Mantel auch bei der Verwendung von Winkeleisen glatt und ohne Vorsprünge zu erhalten (vgl. Fig. 11 und 13), wird dem Winkeleisen eine eigentümliche Form (Fig. 2) gegeben. Die über die Ecken gebogenen Mäntel der Geldschränke (Fig. 3) werden meistens einschließlich der Nietlöcher in den Handel gebracht [4], während bei sehr großen Schränken die Trennungsfuge der drei Seitenwände nicht wie früher in die Ecken, sondern nahe an den Rand der Hinterwand verlegt werden und eine Verbindung durch starke Laschen a (Fig. 4) bewirkt wird. Statt dieser drei Seitenflächen kann man auch die beiden Seitenwände, Boden und Decke des Geldschrankes aus einem Stück langen Bleches biegen (Fig. 5) und die Verbindung durch Schweißen bewirken. Werden statt der Nieten Schrauben verwendet, so darf deren Kopf nie außen liegen oder muß nach dem Gebrauche abgehauen und abgefeilt werden. Mit der Blechstärke Tollte man nie unter 5 mm herabgehen. Bei größeren Schränken empfiehlt es sich, neben dem Stahlpanzer Bleche von 8–10 mm Stärke zu verwenden. Um den Mantel eines Geldschrankes auch gegen Bohrwerkzeuge widerstandsfähig zu machen, verwendet man Stahl- oder Panzerplatten, die meistens aus aufeinander gewalzten Schichten aus Eisen und Stahl hergestellt werden, um dadurch die dem Stahle eigentümliche Sprödigkeit zu mindern. Außer diesen glatten Stahlpanzern hat man auch besondere Konstruktionen ersonnen, um den Inhalt eines Schrankes wirksam zu schützen, so z.B. die Rippenpanzer von S. Chatwood in[352] Bolton, die Stabpanzer von C. Hartbrich in Berlin, die Wellblechpanzer von E. de Simon in Düsseldorf, die Doppelrippenpanzer von G. Fuhrmann in Berlin, die Scheibenpanzer von R. Neumann in Königsberg, die Rollenpanzer von J.G. König in Berlin u.s.w. [2]. Auch der innere Mantel, wie überhaupt der ganze Geldschrank muß solid und genau gearbeitet sein, wenn er seinen Zweck erfüllen soll. Der innere Mantel, häufig aus einem Stück über die Ecken gebogen, wird bei großen und starken Schränken noch durch einen zweiten Panzer geschützt, der dann natürlich auf der der Füllung zugekehrten äußeren Seite liegt. Für die Lieferung von Stahlpanzern kommen außer einigen Spezialwerken für große Fabriken hauptsächlich die beiden Firmen Eickens & Cie. in Hagen und F.B. Knittel in Sheffield in Frage.

Für die Feuersicherheit von größter Bedeutung ist das Füllungsmaterial, das ein schlechter Wärmeleiter sein muß: Kreide, Holzkohlenasche, Infusorienerde, Schlackenwolle u.s.w. Soll die Füllung ihren Zweck erfüllen, so muß sie mindestens 70–80 mm, bei größeren Schränken nicht unter 100 mm stark sein. Vor dem Einbringen der Füllung müssen die Seiten des Mantels, die mit dem Füllungsmaterial in Berührung kommen, durch einen kräftigen Mennigeanstrich geschützt werden, besonders wenn alkalische Salze, die Wasser abgeben, benutzt werden. Um die Feuersicherheit zu erhöhen, werden sogenannte Brandkasten angewendet (Fig. 6 und 12), die mit dem inneren Schrankmantel möglichst wenig in Berührung kommen, wodurch eine trennende Luftschicht geschaffen wird. St. Sommermeyer in Aachen verlegt diese Luftschicht in den eigentlichen Füllungsraum (Fig. 7), indem derselbe ein plattenförmiges, festes Isoliermittel (D.R.G.M. Nr. 14309) verwendet, wodurch die Möglichkeit geboten wird, außerdem noch einen Brandkasten zu benutzen, dessen Tür bei dem Buldoggsystem (D.R.P. Nr. 29916) mittels Federn an einen vorspringenden Rand des innersten Kastens gepreßt wird. R. Tanczos-Wien IX verwendet statt der Aschenfüllung 2–3 cm starke feuersicher imprägnierte Holzwände, die im Innern der Kasse die Verschalung bilden, so daß dadurch eine Gewichtsverminderung und ein Raumgewinn bewirkt wird. Für den schwächsten Teil eines jeden Geldschrankes, die Tür, gibt es, abgesehen von andern Konstruktionen [1], [3], [4], hauptsächlich drei Formen: die Säulenkonstruktion, die vertieft liegenden Türen und die glatten Türen. Bei jedem guten Geldschrank hat die Angel oder das Türgehänge nur die Bewegung der Tür zu vermitteln. Zum Verschluß werden außer den nach allen vier Seiten wirkenden Riegeln noch sogenannte »Hunde« verwendet, das sind Bolzen mit oder ohne Köpfe, die sich in den Türrahmen einschieben. Zur Herstellung des Tür- und Brustrahmens verwendet man besondere Rahmeneisen (Fig. 2 und 8). Der Feuerfalz, bestimmt, einen dichten Schluß der Türe zu bewirken, muß stets blank gehalten werden; derselbe kann ein zwei- oder dreifacher sein. Bei guter Konstruktion muß die vordere Kante des Türumschweifes und auch die entsprechende Kante des Brustrahmens nach einem Kreisbogen gekrümmt sein, dessen Mittelpunkt in der Drehachse der Tür liegt.[353]

Bei der Säulenkonstruktion (Fig. 9 und 9a) liegt die Drehachse der Tür außerhalb der Vorderfläche derselben, weshalb leicht eine Drehung der Tür um 180° bewirkt werden kann, d.h. die Tür geht ganz herum. Die Geldschränke mit vertieft liegenden Türen (zuerst von C. Ade in Berlin eingeführt) erfreuten sich früher einer sehr großen Beliebtheit. Zur Konstruktion der Tür (Fig. 10), deren Drehungsachse tiefer liegt als die Vorderfläche derselben, werden besondere Rahmeneisen (Fig. 8) verwendet. Zu den ganz glatten Geldschränken werden auch jene gerechnet, die an der oberen und unteren Türkante je eine kleine halbzylindrische Erhöhung tragen (Fig. 11), die zur Aufnahme des Türzapfens dienen; auch hier werden teilweise besondere Rahmeneisen verwendet. In neuerer Zeit gibt es Geldschränke, deren Türen gar keine Erhöhungen tragen, bei denen die Drehungsachse in den Schrank hinein verlegt wurde, die Trennungsfuge zwischen Tür und Schrank jedoch sich an der Seitenfläche des Schrankes befindet. Um ein Herausreißen der Tür unmöglich zu machen, verlieht man diese an der Seite der Angel mit einem oder mehreren Vorsprüngen, die in den Türrahmen eingreifen, wodurch die sogenannten Hinterfassungen gebildet werden, wie z.B. bei den Schränken von Franz Leicher in München (Fig. 12); hier sind auch die Winkeleisen mit Unterschneidungen benutzt, wodurch nicht nur eine Maskierung der Ecken bewirkt wird, sondern der Geldschrank auch glatte Wände erhält. Um ein Hineintreiben von Stemmeisen in die Fuge zwischen Tür und Rahmen unwirksam zu machen, werden die Rahmeneisen treppenförmig gestaltet, wie z.B. bei der Konstruktion »Ideal« (Fig. 13) der Panzer-Aktiengesellschaft für Geldschranktresorbau in Berlin N. 20 und bei dem Klauenstufenfalz (Fig. 14) von S.J. Arnheim in Berlin N. 20. Bemerkenswert sind auch die von C. Götz & Cie. in Stuttgart (Fig. 15) eingeführten Schraubenriegel, bei denen durch Drehung des Griffes durch Vermittlung eines Kegelgetriebes starke Riegel mit Schraubengewinde sich in den Türrahmen hineinschrauben. – Ganz schwere Geldschränke für Banken und öffentliche Kassen erhalten für die Tür Doppelgelenkbänder mit Exzenterhebelvorrichtung (Fig. 16), um die Tür vollkommen luftdicht einpressen zu können; zum bequemen Ein- und Ausschieben in das Panzergewölbe wird der Schrank mit Rädern versehen.[354]

Das Schloß eines Geldschrankes muß möglichst stark gebaut sein, soll aber nur einen kleinen Schlüssel haben; dieser wird meistens nur zum Einstellen der Zuhaltungen (s. Schloß) benutzt und die Bewegung der Riegel durch einen besonderen Drehgriff bewirkt. Für Geldschränke werden nur sogenannte Sicherheitsschlösser [2], die in die Gruppe der Chubb-, Brahma- und Steckschlösser gehören, verwendet. Große Geldschränke, besonders bei öffentlichen Banken, erhalten zumeist zwei, manchmal auch mehr Schlösser, so daß nur dann ein Oeffnen möglich wird, wenn sämtliche Schlüsselinhaber gleichzeitig anwesend sind. Um das stets gefährliche Schlüsselloch ganz zu vermeiden, werden auch sogenannte Vexier- oder Kombinationsschlösser (s. Schloß) gebaut, die trotz ihrer mancherlei Nachteile immer mehr Verbreitung gewinnen. Aehnliche Gesichtspunkte führten zu der Konstruktion der sogenannten Zeitschlösser, bei denen ein Oeffnen des Schrankes nur dann stattfinden kann, wenn eine bestimmte, vorher festgesetzte Zeit eingetroffen ist (Fig. 17). Außer dem möglichst starken Riegelwerk eines jeden Geldschrankschlosses (in England verwendet man auch sogenannte Diagonalriegel, die sich unter einem Winkel von 45° bewegen) werden auch Hakenriegel (Fig. 18) verwendet, die einen besonders festen Verschluß bewirken. Jedes Geldschrankschloß hat außerdem eine sogenannte Tagesfalle, die bestimmt ist, einen vorübergehenden Verschluß zu bewirken.

Die äußere Form der Geldschränke ist fast ausschließlich die parallelepipedische; je nach der Größe erhält der Schrank einen entsprechenden Untersatz, der unter Umständen auch als Schrank ausgebildet wird und zweckmäßiger aus Eisen statt aus Holz hergestellt wird. Kleine und mittlere Geldschränke erhalten eine Tür, große jedoch Flügeltüren, die manchmal auch noch der Höhe nach geteilt werden. In neuerer Zeit werden vielfach für Privatpersonen bestimmte Geldschränke in Möbelform hergestellt, wobei jedoch darauf zu achten ist, daß der eigentliche Schrank nicht mit zuviel Holz als feuergefährlichem Material umgeben wird. Die innere Einrichtung eines Geldschrankes ist je nach dem besonderen Zwecke eine sehr verschiedene; doch werden in der Regel meistens zwei Abteilungen angeordnet, von denen die eine durch eine besondere Tür verschlossen werden kann. Zweckmäßig ist die Anbringung eines herunterklappbaren oder hineinzuschiebenden Zahlbrettes; dagegen ist die Anordnung eines besonderen Geheimfaches nicht zu empfehlen. – Zu den Geldschränken gehören auch die Geldkassetten und Opferstöcke. Die Geldkassetten sind kleine, aus 11/2-3 mm starkem Eisenblech gefertigte Truhen, deren Deckel sich um eine horizontale Achse dreht; der Deckel steht entweder an allen Seiten über den Mantel vor (Fig. 19) oder derselbe liegt vertieft (Fig. 20). Die Opferstöcke (Fig. 21) sind den Geldschränken ähnlich gebaut, brauchen jedoch meistens keine so starke Füllung; dagegen muß wegen der Einbruchsgefahr für besonders starke Wände gesorgt werden.


Literatur: [1] Buch der Erfindungen, 9. Aufl., Bd. 6, Leipzig 1900. – [2] Hoch, J., Der Geldschrankbau, Dresden 1896. – [3] Ders., Die neueren Sicherheitsschlösser, Berlin 1891. – [4] Ders., Technologie der Schlosserei, Bd. 1, Leipzig 1899. – [5] Ders., Der praktische Schlosser, 2. Aufl., Leipzig 1906. – S.a. Tresor.

Jul. Hoch.

Fig. 1.
Fig. 1.
Fig. 2.
Fig. 2.
Fig. 3., Fig. 4.
Fig. 3., Fig. 4.
Fig. 5.
Fig. 5.
Fig. 6., Fig. 7.
Fig. 6., Fig. 7.
Fig. 8.
Fig. 8.
Fig. 9., Fig. 9a.
Fig. 9., Fig. 9a.
Fig. 10.
Fig. 10.
Fig. 11., Fig. 12.
Fig. 11., Fig. 12.
Fig. 13., Fig. 14., Fig. 15., Fig. 16.
Fig. 13., Fig. 14., Fig. 15., Fig. 16.
Fig. 17.
Fig. 17.
Fig. 18.
Fig. 18.
Fig. 19., Fig. 20., Fig. 21.
Fig. 19., Fig. 20., Fig. 21.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 4 Stuttgart, Leipzig 1906., S. 352-355.
Lizenz:
Faksimiles:
352 | 353 | 354 | 355
Kategorien:
Ähnliche Einträge in anderen Lexika

Buchempfehlung

Jean Paul

Vorschule der Ästhetik

Vorschule der Ästhetik

Jean Pauls - in der ihm eigenen Metaphorik verfasste - Poetologie widmet sich unter anderem seinen zwei Kernthemen, dem literarischen Humor und der Romantheorie. Der Autor betont den propädeutischen Charakter seines Textes, in dem er schreibt: »Wollte ich denn in der Vorschule etwas anderes sein als ein ästhetischer Vorschulmeister, welcher die Kunstjünger leidlich einübt und schulet für die eigentlichen Geschmacklehrer selber?«

418 Seiten, 19.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon