Hysterīe

[719] Hysterīe (griech., v. hystera, »Gebärmutter«, Mutterweh), eine Krankheit des Zentralnervensystems, bei der keinerlei wahrnehmbare Veränderungen des Nervensystems gefunden werden. Da die H. am häufigsten (es gibt auch männliche H.) beim weiblichen Geschlecht, und zwar vorzugsweise von der Zeit der Pubertätsentwickelung an bis zum Erlöschen der Geschlechtsfunktionen beobachtet wird, und da in vielen Fällen Krankheiten der Geschlechtsorgane die H. begleiten, so hat sich die Ansicht gebildet, daß die H. eine von den Nerven der Geschlechtsorgane ausgehende Störung des gesamten Nervensystems sei. Wenn auch Erkrankungen des Geschlechtsapparates (Gebärmutter, Eierstöcke etc.) eine gewisse Rolle bei der Entstehung der H. ebenso wie viele andre ursachliche Momente spielen können, so wäre es verfehlt, wenn man in allen Fällen, wo keine nachweisbaren Erkrankungen (namentlich chronische Entzündungen) der weiblichen Beckenorgane vorliegen, die H. von widernatürlicher Aufregung und Befriedigung des Geschlechtstriebs herleiten wollte. Das häufige Vorkommen der H. bei kinderlosen Frauen, jungen Witwen und alten Jungfern, zumal in den höhern Gesellschaftskreisen, ist weit mehr von psychischen als von körperlichen Einflüssen herzuleiten. Das häufige Vorkommen der H. bei Blutarmut und Bleichsucht, ohne daß die bisher aufgezählten ursachlichen Momente vorhanden sind, ist ein Beweis dafür, daß die H. auf abnorme Ernährung des ganzen Nervensystems zurückzuführen ist. Als ursachliche Momente der H. kommen ferner in Betracht: Verletzungen (z. B. durch Unfälle), Vergiftungen, schwere körperliche Erkrankungen, körperliche und geistige Überanstrengung, Affekteinwirkungen u. Gemütserschütterungen, Nachahmung, kurz alles, was eine funktionelle Neurose zu erzeugen imstande ist, kann auch H. hervorbringen. Es besteht bei den einzelnen Individuen eine sehr verschiedene Disposition zur H.;ja, es scheint sogar, als ob eine, sei es angeborne, sei es erworbene Anlage zur H. bei der Entstehung dieser Krankheit ebensosehr in die Wagschale fiele als die bisher erwähnten ursachlichen Einflüsse. Schon im Kindesalter zeigen sich oft deutliche Spuren der H., im Alter wird die Krankheit selten beobachtet. Nicht selten ist die Anlage zur H. ganz unverkennbar angeboren, und vom allergrößten Einfluß ist die Lebensweise und Erziehung. Dadurch, daß man die Kinder zum Fleiß und zur Selbstbeherrschung anleitet, daß man heranwachsende Mädchen nicht den ganzen Tag über stricken und nähen und ähnliche Arbeiten verrichten läßt, bei denen sie ihren Gedanken und Träumereien ungestört nachhängen können, daß man sie ferner vor schlechter Lektüre bewahrt, durch die sie mit überspannten Ideen vertraut gemacht werden, daß man sie dem verderblichen[719] Einfluß einer hysterischen Mutter entzieht: dadurch wird man sie am besten vor der Gefahr schützen, später hysterisch zu werden.

Das Symptomenbild der H. ist dem größten Wechsel unterworfen. Die Hauptsymptome sind: 1) Anomalien der Stimmung und des Charakters; 2) Krampfanfälle; 3) Lähmungen teils mit, teils ohne Kontrakturen; 4) Empfindungsstörungen; 5) Druckpunkte. Die Haupteigenschaft dieser Symptome ist ihre Veränderbarkeit und Beeinflussungsfähigkeit durch Vorstellungen. Die häufigsten Erscheinungen der H. sind Sensibilitätsstörungen, namentlich die allgemein gesteigerte Empfindlichkeit, welche Laien gewöhnlich als Nervenschwäche bezeichnen. Zuweilen äußert sich diese als ganz ungewöhnliche Schärfe der Sinne, namentlich des Geruchs und des Geschmacks. Häufiger gibt sie sich durch das Unbehagen zu erkennen, das schon durch schwache Reizungen der Sinnesnerven hervorgebracht wird. Manche Hysterische dulden keine Blume im Zimmer, weil sie ihnen zu stark riecht; sie können das Tageslicht nicht ertragen und schließen daher die Läden der Fenster; lautes Sprechen ist ihnen unerträglich etc. Zu dieser übergroßen Empfindlichkeit gesellen sich oft sogen. Idiosynkrasien. Ferner kommen bei der H. im Bereich der sensibeln Nerven auch Zustände wirklich krankhafter Erregung vor. Hierher gehören die gesteigerte Schmerzempfindlichkeit der Haut und der Schleimhäute, die verschiedenen Neuralgien, der Gesichtsschmerz, die Migräne, die Ischias etc.; dann der heftige Schmerz, der an einer kleinen Stelle des Kopfes, gewöhnlich neben dem Scheitel, bei vielen Hysterischen vorkommt und unter dem Namen Clavus hystericus (hysterischer Nagel) bekannt ist; ferner Rückenschmerz und endlich ein eigentümliches Gelenkleiden (Arthropathia hysterica), das in einer oft enormen Schmerzhaftigkeit des befallenen Gelenks besteht und leicht mit einer schweren Gelenkentzündung verwechselt werden könnte, wenn nicht das Fehlen anatomischer Veränderungen, mangelndes Fieber etc. die Diagnose sicherte. Seltener kommen krankhafte Erregungszustände an den Sinnesnerven vor: die Kranken klagen über einen bestimmten Geruch, einen bestimmten Geschmack, der sie nie verläßt, etc. Sehr wichtig ist das häufige Vorkommen von herabgesetzter oder aufgehobener Berührungs- (Anästhesie) oder Schmerzempfindlichkeit (Analgesie) der Haut. Diese Empfindungsstörungen sind allgemein oder halbseitig, oder fleckförmig oder abgezirkelt (manschettenförmig ). Druck auf ganz verschiedene Nervenstämme löst Schmerzempfindungen, bisweilen Krämpfe aus.

Wichtige und häufige Symptome der H. sind weiterhin gewisse krankhafte Schmerzempfindungen in den innern Organen. Dagegen sind abnorme Empfindungen der Geschlechtsteile seltener bei der H., als man erwarten möchte. Nicht minder zahlreich und mannigfach sind die Motilitätsstörungen bei der H. Am häufigsten stellen sie sich als hysterische Krämpfe dar. Das Bewußtsein ist während dieser Krämpfe niemals aufgehoben, und hierin liegt der Unterschied des hysterischen Krampfanfalles von dem epileptischen. Die Krämpfe erscheinen bald nur als vereinzelte Zuckungen, bald erstrecken sie sich fast über den ganzen Körper und bieten ganz das Bild der epileptischen Krämpfe dar. Auch starrkrampfähnliche Zustände kommen bei H. vor, und die sogen. Lach-, Wein- und Gähnkrämpfe, die überhaupt keine eigentlichen Krämpfe sind, sind dabei etwas ganz Gewöhnliches. Ferner gehören hierher der hysterische Husten und die krampfhafte Zusammenziehung des Schlundes, die bei den Kranken die Empfindung erweckt, als steige eine Kugel von der Magengrube gegen die Kehle hinauf (hysterische Kugel, Globus hystericus). Neben den Krämpfen kommen hysterische Lähmungen vor. Bald betreffen sie nur einen Arm, ein Bein, bald auch eine ganze Körperhälfte. Sie gehen oft schnell vorüber, wechseln ihren Sitz etc. Bei schwerer H. besteht eine Neigung der Muskulatur zu Kontrakturen. Schon auf leichte Reize hin entstehen an den Extremitäten in jeder Stellung außerordentlich starke Kontrakturen, die nicht wie organische Kontrakturen im Schlaf, sondern nur in tiefster Narkose nachlassen, sich aber beim Erwachen aus derselben sofort wieder einstellen. Auffallend ist an manchen Hysterischen die ungleiche Blutverteilung im Körper: die meisten Kranken haben beständig kalte Hände und Füße, über das Antlitz aber ergießt sich oft eine brennende, schnell vorübergehende Röte. Bei der H. kommt ferner eine periodische Steigerung der Harnabsonderung vor, der Harn ist dann dünn. und blaß. Die von Laien und auch oft noch von Ärzten als integrierender Bestandteil des Krankheitsbildes aufgefaßte Charakterdegeneration wird häufig vermißt. Nur die schwereren (degenerativen) Formen der H. sind ausgezeichnet durch die lebhafte Empfindung, die durch kleine Anlässe sich zu exzentrischen Äußerungen der Freude oder des Schmerzes steigert, und vor allem durch die Oberflächlichkeit aller Eindrücke, durch den raschen Wechsel der Stimmungen, der Gelüste, der Einbildungen. Es besteht ein Drang, sich wichtig und interessant zu machen, von körperlichen Leiden übertriebene Schilderungen zu entwerfen, Ärzte und Umgebung zu täuschen (Verschlucken von Nadeln, Stigmatisieren, Selbstverletzungen). Ferner leidet die Gedächtnistreue bei Wiedergabe erlebter oder gehörter Ereignisse, wobei die erregbare Phantasie und nicht selten Zwangsvorstellungen mitwirken, so daß die Kranken als Lügner erscheinen. Bei den schweren Formen der H. treten auch vollentwickelte Psychosen zu dem Krankheitsbilde mit Sinnestäuschungen, Verwirrtheit, Ideenflucht. Sie treten (ähnlich wie bei der Epilepsie) oft ganz plötzlich und vorübergehend auf als sogen. hysterische Dämmerzustände und sind wie die epileptischen von Erinnerungsdefekt gefolgt. Auch sie haben forensisches Interesse.

Verlauf und Dauer der H. sind an keine bestimmte Regel gebunden, die Krankheit kann Jahrzehnte hindurch in wechselnder Stärke bestehen; in den klimakterischen Jahren aber pflegt sie nachzulassen. Die H. ist heilbar, aber viele Fälle trotzen jeder Behandlung und werden kaum vorübergehend gebessert. Ist die Krankheit ausgebrochen, so wird zunächst den etwaigen Veranlassungen der H. nachzuforschen und auf deren Beseitigung zu denken sein. Demnach werden Störungen an den Geschlechtsorganen örtlich zu behandeln, Blutarmut und Bleichsucht zu bekämpfen, psychische Affekte schädlicher Art zu verhüten sein etc. In vielen Fällen ist eine durchgreifende Änderung der ganzen Lebensweise und der Ernährung, die Entfernung aus den gewohnten Verhältnissen von Erfolg, wobei Wasserkuren, Seeaufenthalt, Seebäder von Nutzen sein können. Wichtig ist die psychische Behandlung der H., über die sich keine allgemeinen Regeln aufstellen lassen, die oft aber nur in einer Anstalt vor sich gehen kann. Unter dem Eindruck der veränderten Wahrnehmungen in der Heilanstalt, der liebevollen, aber konsequent-strengen Sicherheit des Arztes, dessen Überzeugung von der Gefahrlosigkeit[720] und Heilbarkeit der Neurose sich bald auf den Kranken überträgt, bei der Fernhaltung aller Erregungen des Gemütes und bei der Anwendung aller kräftigenden Heilmittel (Massage, allgemeine Elektrisation, Hydrotherapie) sieht man die schwersten Formen akuter H. heilen. Auch die Mastkur nach Weir-Mitchell (auch Playfairsche Kur genannt) wird mit gutem Erfolg angewendet, namentlich wenn es sich um blutarme, schlecht ernährte Individuen handelt. Von ganz hervorragender Bedeutung in der Behandlung mancher Formen der H. ist die Psychotherapie im engern Sinne, die Hypnose (Suggestivtherapie). Über die Behandlung hysterischer Lähmungen vgl. Metalloskopie. Vgl. Amann, Über den Einfluß der weiblichen Geschlechtskrankheiten auf das Nervensystem mit besonderer Berücksichtigung der H. (2. Aufl., Erlang. 1874); Jolly, H. und Hypochondrie (in Ziemssens »Handbuch der speziellen Pathologie und Therapie«, Bd. 12; 2. Aufl., Leipz. 1877); Löwenfeld, Pathologie und Therapie der Neurasthenie und H. (Wiesb. 1893–94, 2 Tle.), Sexualleben und Nervenleiden (3. Aufl., Berl. 1903) und Über die Krankenpflege hysterischer Personen (das. 1896); Gilles de la Tourette, Traité clinique et thérapeutique de l'hysterie (Par. 1891–95, 3 Bde.; Bd. 1, deutsch von Grube, Wien 1894); Breuer u. Freud, Studien über H. (das. 1895); Sollier, Genèse et nature de l'hysterie (Par. 1897, 2 Bde.); Ziehen, Hysterie (in Eulenburgs »Realenzyklopädie«); Binswanger, Die H. (in Nothnagels »Spezielle Pathologie und Therapie«, Wien 1903); Raimann, Die hysterischen Geistesstörungen (das. 1904); Hellpach, Grundlinien einer Psychologie der H. (Leipz. 1904).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 9. Leipzig 1907, S. 719-721.
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