Polignac

[97] Polignac (spr. -linjack), alte Adelsfamilie Frankreichs, nach dem Schloß (dem alten Apolliniacum) im Depart. Oberloire benannt, beherrschte seit dem 9. Jahrh. mit dem Vicomtetitel die Landschaft Velay und hinterließ 1385 bei ihrem Aussterben Namen und Güter der verwandten Familie Chalançon. Die namhaftesten Glieder dieser sind:

1) Melchior de, geb. 11. Okt. 1661 in Puy-en-Velay, gest. 3. April 1742, ward Geistlicher und begleitete den Kardinal von Bouillon 1689 und 1692 zum Konklave nach Rom. Mit Glück beteiligte er sich 1712–13 an den Friedensunterhandlungen zu Utrecht, worauf er zum Kardinal erhoben und mit mehreren Pfründen beschenkt wurde. 1721 ward er zur Schlichtung der religiösen Streitigkeiten in Frankreich als französischer Botschafter nach Rom gesandt. Auch legte er eine sehenswerte Sammlung von Antiquitäten an, die Friedrich II. von Preußen nach seinem [97] Tode kaufte, die aber 1760 im Schloß von Nieder-Schönhausen bei Berlin von den Österreichern zerschlagen wurde. 1729 nach Frankreich zurückgekehrt, starb P. als Bischof von Auch. Sein Gedicht »Anti-Lucretius, sive de Deo et natura« (Par. 1745 und öfter, 2 Bde.; in franz. Verse übersetzt 1813) bezweckte die Widerlegung der alten Skepsis. Seine Biographie schrieb Faucher (Par. 1777, 2 Bde.)

2) Jules de, Großneffe des vorigen, ward 1780 in den Herzogstand erhoben und gewann durch seine Gemahlin Jolanthe Martine Gabrielle de Polastron (geb. 1749, gest. 9. Dez. 1793 in Wien). eine Vertraute der Königin Marie Antoinette, großen Einfluß am Hof, den er hauptsächlich zur Bereicherung seiner Familie benutzte. Beim Beginn der Revolution entfloh die Familie P. im Juli 1789 aus Frankreich. Von Wien begab sich P. zum Zaren nach Petersburg, der ihn mit reichen Gütern in Litauen und der Ukraine beschenkte. Nach der Restauration zum Pair von Frankreich ernannt, starb P. 21. Sept. 1817 in Rußland. Vgl. W. Schlesinger, La duchesse de P. et son temps (Par. 1889).

3) Armand Jules Marie Héraclius, Herzog von, ältester Sohn des vorigen, geb. 17. Jan. 1771 in Paris, gest. 30. März 1847 in St.-Germainen-Laye, beteiligte sich mit seinem Bruder Jules an der Verschwörung Pichegrus (s. d.) und Cadoudals (s. d.) und ward deshalb samt jenem im Februar 1804 in Paris verhaftet. Zu lebenslänglicher Hast verurteilt, entflohen beide 1813 und wurden nach dem Sturz Napoleons I. die eifrigsten Anhänger des Absolutismus. Armand wurde 1815 Mitglied der Kammer, Adjutant des Grafen Artois und, nachdem dieser König geworden war, Großstallmeister. Der Tod seines Vaters 1817 erhob ihn zum Pair von Frankreich. Nach der zweiten französischen Revolution begab er sich mit Karl X. ins Exil.

4) Auguste Jules Armand Marie, zuerst Graf, hernach Fürst von P., Bruder des vorigen. geb. 14. Mai 1780 in Versailles, gest. 29. März 1847 in Paris, teilte bis 1814 dessen Schicksale und ward von Ludwig XVIII. als Gesandter nach Rom geschickt. 1816 wurde er zum Pair von Frankreich, 1820 zum römischen Fürsten erhoben. 1823 wurde P. Gesandter in London. Am 8. Aug. 1829 zum Minister des Auswärtigen und zum Ministerpräsidenten ernannt, ward er der eigentliche Urheber der berüchtigten Ordonnanzen vom 25. Juli 1830, die den Sturz Karls X zur Folge hatten. P. wurde 21. Dez. 1830 aller seiner bürgerlichen Rechte verlustig erklärt und zu lebenslänglicher Hast verurteilt. Er trat dieselbe in Ham an und benutzte sie zur Abfassung seiner »Considérations politiques« (Par. 1832). Im November 1836 wieder freigegeben, ging er nach England. – Sein ältester Sohn, Jules Armand Jean Melchior, Herzog von P. und römischer Prinz, geb. 12. Aug. 1817, stand in bayrischen Militärdiensten und lebte dann in Paris, wo er 17. März 1890 starb.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 16. Leipzig 1908, S. 97-98.
Lizenz:
Faksimiles:
97 | 98
Kategorien: