Wirkerei

[685] Wirkerei (hierzu Tafel »Wirkmaschinen« mit Text), ein Zweig der Textilindustrie, der zur Herstellung von Wirkwaren oder Gewirken dient. Mit Gewirke bezeichnet man Fadenverbindungen, die durch derartige Verschlingungen von Fäden entstehen,[685] daß reihenweise nebeneinanderliegende Schlingen (Maschen) gebildet werden (Fig. 1 u. 2).

Fig. 1. Kulierware.
Fig. 1. Kulierware.

Da solche Maschen sich willig gegeneinander verschieben und verziehen lassen, aber immer wieder in ihre erste Lage zurückkehren, so geben sie den Wirkwaren eine bedeutend größere Elastizität, als bei den Geweben vorhanden ist. Die Wirkwaren eignen sich daher besonders gut für Kleidungsstücke, die sich den Körperformen jederzeit zwar fest anschmiegen, ihnen aber auch freie Beweglichkeit gestatten sollen. Bei Kulierwaren entsteht das Gewirke durch Verschlingung nur eines Fadens (Fig. 1), bei Kettenware (Fig. 2) werden mehrere gleichlaufende Fäden zur Bildung der Maschen benutzt.

Fig. 2. Kettenware.
Fig. 2. Kettenware.

Die Erzeugung des Maschengewebes erfolgt durch Stricken mittels der Stricknadeln (Fig. 3), durch Häkeln mittels der Häkelnadeln oder durch Wirken auf dem Strumpfwirkerstuhl, bez. Wirkmaschine, und der Strickmaschine. Wirk- und Strickwaren können ferner glatt oder gemustert sein, wobei unter Muster eine Auszeichnung gewisser Figuren durch veränderte Maschenbildung verstanden wird. Farbmuster entstehen in glatter Ware durch Benutzung verschiedenartig gefärbter Fäden, die abwechselnd nach einer Anzahl Maschenreihen zur Verwendung kommen; man erhält dadurch die sogen. Ringelware; es läßt sich aber auch langgestreifte Ware erzielen, indem man mit verschiedenen Farben je über eine gewisse Anzahl Nadeln kuliert. Durch Kombination beider Mittel sind auch beliebige Farbenmuster möglich. Als Beispiel der durch veränderte Maschenbildung bei der Kulierware entstehenden Muster mögen die Preßmuster dienen.

Fig. 3. Maschenbildung beim Stricken.
Fig. 3. Maschenbildung beim Stricken.

Sie entstehen unter Benutzung der Preßmaschine, einer Presse, die nicht alle Nadelhaken gleichzeitig zupreßt, sondern einige offen läßt; auf diesen werden die fertigen Maschen nicht abgeschlagen, sondern häufen sich etwa zu 3–8 bis zu dem Moment, wo sie ebenfalls gepreßt und von der neuen Masche aufgenommen werden. Die so entstehenden Erhöhungen bilden ein die Fläche unterbrechendes Muster. Die Kettenware, die mit Ausnahme von Bändern fast immer Schnittware ist, kann durch die Art und Weise der Legungen gemustert, außerdem aber noch dadurch sehr variiert werden, daß man statt einer Kette, deren sämtliche Fäden gleiche Bewegung erhalten, deren mehrere von verschiedener Bewegung nimmt. Hierdurch ist eine große Abwechselung in den Mustern möglich. Außer dem halben einfachen Trikot werden auf Kettenstühlen gewirkt, z. B. einlegiger Atlas in Seide oder seiner Baumwolle zu Sommerhandschuhen, Tuch- oder Kettentuch (Buckskin), das nachträglich appretiert wird, englisches Leder, wollener Samt oder Plüsch etc. Über die Herstellung der Wirkwaren s. beifolgende Tafel.

Geschichtliches. Der Vorläufer des Wirkens, das Handstricken, soll in Italien schon 1254 bekannt gewesen sein; einige führen es sogar bis auf die Griechen zurück. Das Wirken, und zwar das Kulierwirken ist nach allgemeiner Annahme eine englische Erfindung, nämlich die eines Studierenden der Theologie in Cambridge, namens William Lee, der 1589 den ersten Handkulierstuhl baute. In England zu wenig unterstützt, begab sich W. nach Rouen und Paris, wo er mehrere Stühle einrichtete und der Gründer der dortigen Wirkindustrie wurde, die hauptsächlich Protestanten betrieben. Viele von denselben flüchteten nach der Aufhebung des Edikts von Nantes nach Deutschland und führten hier die W. ein. Die spätern Erfindungen waren meist nur unwesentlich und hauptsächlich auf Herstellung neuer Muster und der sogen. Rund- und Schlauchstühle gerichtet, auf denen schlauchartige Wirkwaren ohne Naht erzeugt werden (Strickmaschinen). Die Wirkwaren werden jetzt in großer Mannigfaltigkeit aus Wolle, Baumwolle, Leinen, Seide dargestellt. Über eine andre Bedeutung von W. s. Weben (Geschichtliches), S. 439 s. Vgl. Willkomm, Technologie der W. (2. Aufl., Leipz. 1887–93, 2 Bde.) und Beiträge zur mechanischen Technologie der W. (das. 1905); Demmin, Die Wirk- und Webekunst (geschichtlich, Wiesbad. 1893); Heffer, Fabrikation der Trikotwaren (Wien 1903); Marschik, Berechnung und Herstellung der Rundstuhlmuster (Leipz. 1905); Romens »Journal für W. und Strickerei« (Berl., seit 1895); »Deutsche Wirkerzeitung« (Apolda, seit 1880).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 685-686.
Lizenz:
Faksimiles:
685 | 686
Kategorien:
Ähnliche Einträge in anderen Lexika