Segel

[765] Segel, 1) die aus starker u. sehr dichter Leinwand gemachten Tücher von drei- od. viereckiger Form, welche an den Masten eines Schiffes aufgehängt werden, um das Schiff mittelst des Windes fortzutreiben. Die einzelne Breite des Segeltuches, deren mehre neben einander genäht das S. bilden, heißt das Kleid; der mittlere Theil des S-s, welcher durch den Wind angeschwellt u. durch den Bauchgurt befestigt wird, der Bauch; die hervorragenden oberen Ecken, durch welche Taue gezogen werden, aber Hörner. Bonit (Bonnet, Drabbler, Drabblet) heißt das Stück Segeltuch, welches an das Fock- u. Besahnsegel angeheftet wird, um es zu verlängern, welches aber sogleich abzunehmen ist. Sind deren zwei, so heißt das obere Sturmbonit, das untere das untere Bonit (Fazen). Die S. sind mit einer eingenähten Leine (Leik) am Rande eingefaßt, an welcher sich bes. Schleifen od. Schlingen (Lägel) befinden, um die nöthigen Taue an dieselben befestigen zu können. Die S. theilen sich nach ihrer Form: A) in Raasegel (auf der oberen Elbe Raub- od. Ropensegel), vermittelst der Raaenbünder u. Stockbindsel an einen wagerechten Baum befestigt, welcher horizontal od. schief, aber durch die Brassen nach der Richtung des Windes gestellt wird. Der untere Theil des S-s wird dann durch die Schoten (s.d.) rückwärts gezogen u. dadurch angespannt, daß er den Wind fängt. Er ist zu dem Ende unten mehr od. weniger ausgeschnitten, um einen Busen zu bilden. Bei schwachem Winde werden zu beiden Seiten Spieren an die äußeren Enden der Rahen geschoben u. die rechteckigen Lee- od. Beisegel daran befestigt, welche aber an dem Aufsatz der Masten (Stengen) die Gestalt eines Trapezes, unten breiter als oben, bekommen. An den[765] Oberbramstengen haben die Leesegel auch bisweilen eine dreieckige Form. Auf den größern Flußfahrzeugen werden ebenfalls oft Raasegel geführt; eine andere Art der letztern finden sich auf den Evern, Luppern u. ähnlichen kleinern Seeschiffen; sie hängen mit dem dritten Theile ihrer Länge am Mast u. haben eine längere Seite, welche an der Leeseite des Schiffs fest gemacht wird. B) Ruthensegel, an einer schrägen, sehr geneigten Raae, sind gewöhnlich dreieckig (Lateinisches S.), wie sie auf den Schiffen des Mittelmeers, auf Galeeren, Schebecken, Pinken, Tartannen, Felucken etc. üblich sind. Ehemals führten auch die größeren Seeschiffe am Besahnmast Ruthensegel (Brodgewinner, Treiber), sie sind jedoch hier nicht mehr im Gebrauch. C) Die viereckigen Spritsegel werden durch eine, sie diagonal ausspannende Stange (das Spriet) im Winde gehalten u. sowohl auf kleineren Seefahrzeugen, als auf den meisten Flußkähnen geführt. D) Das Gaffelsegel, gewöhnlich unten breiter als oben, ist an eine starke, mit dem einen ausgeschnittenen Ende am Mast befestigte Stange (die Gaffel) gebunden u. wird unten vermittelst einer Schote angespannt. Haben sie am untern Ende einen zweiten, mit der einen Spitze an dem Mast befestigten Baum, so heißen sie Baumsegel, Gieksegel aber, wenn der Baum vielleicht um das Doppelte länger als die Gaffel ist. Am hintern (Besahn-) Mast ist überall das Gaffelsegel, auch wohl, bei Kauffahrern, ein Sprietsegel an die Stelle früherer Ruthensegel getreten. Das größte S. einer Brigg am großen Mast ist ein Gieksegel u. führt bes. den Namen Briggsegel. Auch die kleinern Schnellsegler, wie Kutter, Schlupen, Schmaken etc., führen gewöhnlich Gieksegel, welche auch wohl Jacht- (Schak-) segel heißen. E) Die dreieckigen Stagsegel sind an den Stagen u. Leitern eines großen Schiffs befestigt, so daß sie an denselben auf- u. abgezogen werden können. Die untere freie Ecke wird alsdann durch ein Tau (den Hals) in den Wind gestellt u. fest gehalten. Der Klüver, welcher von dem Vordermast nach dem Klüverbaum (s. Bugspriet) gespannt, mit der einen Spitze seiner untern Seite an demselben fest ist, gehört nach Form u. Gebrauch gleichfalls in die Reihe der Stagsegel. Die vordersten Stagsegel auf Schmaken u. Huckern, deren Hals an einem Baume, dem Jagerstock, ausgeholt wird, heißen Jagers. In Hinsicht der Stelle, wo sie angebracht sind, heißen die S. eines großen Schiffs Hauptsegel, Focksegel, Besahnsegel (auf Dreimastern Aap), je nachdem sie am Haupt-, Fock- od. Besahnmast angebracht sind; Untersegel sind die, welche sich unterhalb der Marsen befinden; die über denselben aber Obersegel. Die Vorsegel stehen vor dem großen Mast, die Hintersegel aber an u. hinter demselben. Marssegel, Bramsegel, Oberbramsegel bezeichnen ihren Ort an allen drei Masten; Winterbramsegel aber sind kleiner u. werden nur in der stürmischen Jahreszeit gebraucht; Wassersegel endlich werden bei Windstille unterhalb der Leesegel an den Seiten des Schiffes angebracht; Drüll, ist ein S. am Spiegel, bei Rückenwind gebraucht; die Reservesegel befinden sich als Vorrath in der Segelkoje u. werden bei Stürmen u. Seegefechten aufs Verdeck gebracht.

Ein Dreimaster führt folgende S.: A) am Vordermast: a) unten die Focke; über derselben b) das Vormarssegel; c) das Vorbramsegel u. d) das Vor-, Ober- u. Bramsegel oberhalb des erwähnten, wozu noch e) die Fockensegel, f) die Vormarsleesegel u. g) die Vorbramleesegel gehören. B) Am Bugspriet: a) die große od. Unterblinde, ein Rahsegel; b) die Schiebblinde am Klüverbaum (hieß ehemals die Oberblinde), sie ist mittelst des Blindstangenstegs an der Blindstange befestigt. C) Zwischen dem Vordermast u. Bugspriet: a) das Vorstagsegel; darüber b) das Vorstengenstagsegel u. c) den Flieger, ein Stagsegel an einer Leiter, über jenem; d) das große Klüver, e) das mittlere u. f) das Sturmklüver, dessen Name seinen Gebrauch bezeichnet. D) Am großen Mast befinden sich: a) das große S.; b) das große Marssegel; c) das große Bramsegel; d) das große Oberbramsegel; wozu das große Leesegel, das große Marsleesegel u. das große Marsleesegel gehören; e) das große Stagsegel; das große Stengenstagsegel, unter allen Stagsegeln das größte; der Flieger, über demselben; das große Bramstangenstagsegel, etwas kleiner als das vorhergehende, u. sein Flieger, über ihm. E) Am hintern od. Besahnmast: a) das Besahnsegel, wird bes. bei dem Wenden des Schiffs nach der einen od. andern Seite gebraucht; darüber b) das Kreuzsegel; c) das Kreuzbramsegel od. Gretchen vom Deich u. d) das Oberkreuzbramsegel; e) das Kreuzlersegel; bisweilen, doch selten f) ein Kreuzgaffelsegel; g) das Besahnstagsegel od. Aap (Affe); h) das Kreuzstengenstagsegel; i) das Kreuzbramstengenstagsegel mit k) seinem Flieger. Auf kleineren Schiffen kommen auch noch andere S. vor, ja die Breitfocke, ein viereckiges Raasegel, auf Jachten u. ähnlichen Fahrzeugen über dem großen Gieksegel; Fliegenklappe, kleines S. der Schmaken, über dem Topsegel; Dreuil, sehr kleines S. der Häringsfischer am hintern Mast, um damit fest auf einer Stelle beim Winde zu liegen. Man hißt die S. auf, indem man sie mittelst eines Flaschenzuges u. Taus vom Deck auf den Mast bringt u. dort befestigt; spannt sie auf (setzt sie bei), indem man die Schoten in den einen Winkel zurückzieht; entschlägt sie (braßt sie voll), indem man sie nach dem Winde richtet, mit welchem man abfahren will; zieht sie wieder ein (geit sie auf, beschlägt sie), indem man sie mit Hülfe der Geitaue, so wie den Bauch u. Stockgordinge zusammenzieht, damit die Leute sie vollends festmachen (einbinden) können, u. streicht sie (schlägt sie ab), indem man sie sammt den Rahen von den Masten abnimmt.

Die S. (gr. Histia, lat. Vela) sind nach griechischer Sage von Dädalos od. von Ikaros erfunden. Anfangs hatte jedes Schiff nur ein S., es war an die Segelstange befestigt, welche mit Seilen an den Mastbaum gebunden war; um das S. auszuspannen, nachzulassen od. ihm die beliebige Wendung nach dem Winde zu geben, waren an den untern Zipfeln Seile (Podes). Später wurden mehre S. auf dem Schiff angebracht u. man hatte bes. große, am Mastbaum, u. kleine, welche auf dem Vorder- u. Hintertheil des Schiffs ausgespannt waren, s.u. Schiff S. 165. Die S. der alten Völker waren von Leinwand; nur die gallischen Veneter machten sie aus Thierfellen, die Ägyptier aus Papyros. Lederne hatte man später noch auf Borneo, während die Chinesen sie von gespaltenem Rohr machten, welches wie die Theile eines Fächers aneinander gereiht wurde. Ihre Form war meist drei- od. viereckig, in Indien selbst rund. Die Farbe des S-s war ursprünglich die natürliche des Stoffes, woraus es gemacht war, doch fing man später auch an die S. zu färben,[766] bes. erzählt man dies von den Schiffen, welche Alexander d. Gr. auf den Indos hinabführte; nachmals wurden zu Pracht- od. Staatschiffen purpurne, blaue etc. gebraucht. Schwarze S. wurden aufgesteckt, wenn das heimkehrende Schiff eine Trauer- od. Unglücksbotschaft brachte (s. Theseus), während das weiße dann eine frohe od. Siegesnachricht ankündigte. Auf die S. wurden auch die Wünsche u. Gelübde, welche die Schiffsleute den Göttern gebracht hatten, geschrieben. Noch jetzt sind die S. auf den kleineren Schiffen, bes. der Nordsee, dunkelroth gefärbt. 2) So v.w. Schiff überhaupt, z.B. drei, zehn S. etc. für drei, zehn etc. Schiffe.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 15. Altenburg 1862, S. 765-767.
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