Baum [1]

[424] Baum (lat. Arbor), Gewächs, durch Höhe, Stärke, Festigkeit seines über den Boden sich erhebenden Stammes ausgezeichnet. Sträucher unterscheiden sich von Bäumen dadurch, daß mehrere Stämme aus derselben Wurzel hervortreten u. die Stämme von unten auf ästig od. mehrfach zertheilt sind, doch gehen beide oft in einander über, u. es werden auf natürlichem Wege u. durch Kunst Bäume zu Sträuchern u. diese zu Bäumen, doch erreichen Sträucher nicht die Höhe u. Stärke vieler Bäume. Akotyledonen haben Stämme mit zerstreut, parallel u. in anderer Weise (nur nicht in einander umschließenden Schichten) stehenden Fasern, z.B. baumartige Farrenkräuter. Viele Monokotyledonen, z.B. Palmen, haben keine Aste; andere, bes. Dikotyledonen, treiben dagegen einen sich verästelnden u. verzweigenden Stamm mit einander concentrisch umschließenden, verschiedenartigen u. in sich zu einem festen Gewebe verbundenen Theilen, deren hauptsächlichster als Holz, in seinen innern Schichten aber, wo solches nicht, wie in alten (hohl gewordenen) Bäumen, verschwunden ist, als Mark, in seinen äußern als Splint bes. bezeichnet, nach außen aber von der Rinde umgeben wird, zu welcher der Bast den Übergang macht. Die Höhe der meisten Bäume ist ansehnlich; der höchste B., nach Loureiro, ist Calamus rudentum von 500 Fuß. Die höchsten Bäume, sind überhaupt in tropischen Gegenden von 200 bis 300 F.; die höchsten unserer Waldbäume erreichen nur etwas über 100 F. (Eichen jedoch auch wohl 130, ja 150 F.). Es giebt aber auch Bäume, deren Stämmchen nur wenige Zoll Höhe haben (Salix herbacea, Betula nana u.a.). In der Stärke des Stammes zeichnet sich der Affenbrodbaum auch durch seine Dauer aus; doch kommen an Stärke ihm auch andere, zugleich sehr hohe Bäume (Cedern, Kastanienbäume, Platanen) ziemlich gleich. In unsern Ländern erreichen Bäume (Eichen) eine Stärke bis zu 10 F. Durchmesser u. ein Alter von wenigstens 1000 Jahren. Überall, wo die Bedingungen ungehemmter Vegetation dargeboten sind, gelangen Bäume zu einer Übermächtigkeit über andere Pflanzengebilde, u. es entstehen durch ihre Fortpflanzung über große Erdstrecken sich verbreitende Wälder (Baumgruppen) von denselben od. doch einander verwandten Bäumen. Mehrere ganze Pflanzenfamilien, bes. in wärmeren Gegenden (Santaleen, Thymeläen, Proteaceen, Laurinen, Myristiceen, Amentaceen, Jasmineen, Sapoteen, Caprifolien, Terebinthaceen, Rhamneen, Diosmeen, Amoneen), bestehen einzig aus Bäumen od. Sträuchern; in andern Familien bilden sie die Mehrzahl, bes. unter höher ausgebildeten; dagegen fehlt die B-form gänzlich einer Menge von Pflanzenfamilien, nicht blos der niedrigsten, sondern auch der höheren. Die kräftigste Baumvegetation ist in tropischen Gegenden, u. hier erheben sich schon niedere Pflanzenfamilien zur B-form; so baumartige Farrenkräuter u. Gräser (wie das Bambusrohr). Ihnen reihen sich die Palmen an, diesen die in gemäßigten Klimaten heimischen Zapfenbäume. In geeigneten Arten gedeihen Bäume auch in gemäßigten Zonen (wie die Wälder in NAmerika beweisen); doch hören die großen europäischen B-gruppen (in Schweden) meist bis gegen 64° nördl. Br. auf, u. nur Fichten u. Tannen reichen in Wäldern über den 69°, Birken (auch Ellern u. Weiden) bis gegen den 71°. Auf Gebirgen nehmen Bäume an Höhe, je nach dem klimatischen Verhältniß, ab. Auf den Anden wächst bei 14,700 F. die Wachspalme u. andere Bäume; auf dem Himalaya bei 12,000 F. Fichten u. Eichen; auf den Alpen hört der B-wuchs in einer Höhe von 5000 F., auf dem Riesengebirg bei 3800, auf dem Brocken bei 3200 F. auf. Hier gedeihen nur noch Zwergbirken, Zwergfichten u. Zwergkiefern. Während die Bäume den größern Theil anderer Vegetationen hemmen u. verdrängen, begünstigen sie dagegen auch viele u. zwar solche, welche für ihr Gedeihen Schatten u. Feuchtigkeit fordern; daher die eignen Gruppen von Waldpflanzen. Für noch andere Schmarotzerpflanzen bilden sie selbst erst den Boden. Auch für das Thierleben (indem Bäume, bes. Wälder, Thieren Aufenthalt, Schutz u. Nahrung verleihen) greifen die Bäume in das allgemeine Naturleben ein, u. in verbreiteten Landstrecken haben Wälder Einfluß[424] auf klimatische Verhältnisse u. Witterung, theils durch ihre höchst beträchtliche Ausdünstung, theils durch Anziehung atmosphärischer Stoffe u. durch Einwirkungen auf die Luftelektricität; daher das Aushauen großer Wälder das vorher rauhe Klima einer ganzen Erdfläche milder, aber auch die Flüsse wasserärmer macht, u. Länder, welche der Waldungen entbehren, gewöhnlich auch heißer, trockener u. unfruchtbar, auch für andere Gewächse, sind. Andererseits sind die Bäume, bes. die Wälder, die Aufenthaltsorte vieler schädlicher Thiere (Mäuse, Insecten, Raubvögel etc.), welche von jenen aus die angebauten Gewächse des umliegenden Landes verwüsten. In ökonomischer Hinsicht werden die Bäume eingetheilt in wilde u. zahme od. nutzbare. Dieser Unterschied kann jedoch nicht streng genommen werden, da kein B. unbenutzbar ist. Nutzbäume sind solche, die absichtlich für einen Nutzungszweck angebaut, gepflegt, theilweise versetzt u. theilweise veredelt werden (Baumcultur). Diese Baumcultur theilt sich in Forstcultur (von Waldbäumen) u. Obstbaumcultur (für Baumgärten u. Obstplantagen), macht aber auch einen Haupttheil der ästhetischen Gartenkunst aus, zu welcher auch die Pflanzung von Bäumen an Landstraßen u. öffentlichen Orten, ja einzelner Bäume zu Denkmälern od. zu Ruheplätzen gehört. – Die Alten, welche die ganze Natur beseelt dachten, setzten auch einzelne Bäume mit Gottheiten in Verbindung, welche dieselben schützten, ja in denselben wohnten (Dryaden) u. mit denselben lebten u. starben (Hamadryaden). Die Mythe läßt oft Menschen in Bäume verwandelt werden, so in den Lorbeerbaum (Daphne) u. in Pappeln (Heliaden). Bäume heiligte man den Göttern, so die Eiche dem Zeus u. der Rhea, die Pinie dem Bakchos, dem Pan u. der Kybele, den Ölbaum der Athene, den Lorbeerbaum dem Apollon, die Myrthe der Aphrodite u. Demeter, die Cypresse dem Pluton, die Esche dem Ares, die Pappel dem Herakles, die Erle dem Sylvan, die Palme den Musen, den Ahorn den Genien etc. Nach der nordischen Glaubenslehre ging der Mensch aus Bäumen hervor, u. das Verhältniß der menschlichen Abhängigkeit von den Göttern legt sie in der Sage von der Esche Yggdrasill (s.d.) dar. Auch die Germanen, Celten u. Preußen hatten Baumcultus, namentlich hielten Erste Bäume für den Sitz ihrer unsichtbaren Götter, u. bes. waren die Eiche, Buche u. Linde den Germanen heilige Bäume. Im Mittelalter wurden unter Bäumen feierliche Gerichte gehalten (Baumgerichte), u. das Vergnügen, welches man daran fand, Gebäude u. Straßen mit Bäumen zu schmücken, zeigt sich in der Sitte, zu Pfingsten Maien zu setzen u. an dem Giebel neu gerichteter Gebäude ein Bäumchen zu befestigen. Noch dienen Bäume zu Denkmälern (bes. Eichen) u. Grenzbestimmungen u. bes. Nadelbäume zur Zierde der Christfeststube. In der französischen Revolution diente der B. zum Zeichen des Jacobinismus, s. Freiheitsbaum.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 2. Altenburg 1857, S. 424-425.
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