Stark; Stärke

Stark; Stärke. (Schöne Künste)

Es ist in den schönen Künsten nicht genug, daß jedes Werk, oder jedes Einzele darin, das sey, was es nach der Art und der Absicht seyn soll; man muß auch versichert seyn, daß es die Würkung thue, die man erwartet. Es giebt Werke, an denen der Verstand, oder die Critik nichts auszusezen findet, die aber der Geschmak wenig achtet, weil sie gar geringen Eindruk machen: sie sind schwach. Stärke schreibet man dem zu, dessen Würkung vorzüglich groß ist. Ein starker Gedanken ist der, den wir nicht nur mit voller Klarheit fassen, sondern der so vorzüglich auf die Vorstellungskraft würket, [1103] daß wir ihn mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, als etwas, das uns gleichsam erschüttert, empfinden, oder fühlen. Daher pflegt man auch von der Stärke der Wahrheit zu sagen, man fühle sie, man könne sie mit Händen greifen. Wenn jemand sagt: ich bin ehrlich und halte Treu und Glauben, so verstehen wir sehr klar was er sagt, finden aber in dieser Versicherung nichts, das eine vorzügliche Kraft auf uns hätte; wenn aber Shakespear einen sagen läßt: noch hab ich nie mein gegebenes Wort gebrochen, und würde selbst den Teufel seinem Gesellen nicht verrathen;1 so fühlen wir da eine ungewöhnliche Stärke des Ausdruks.

Die Stärke liegt, wie die Größe, nicht in dem Wesentlichen der Dinge, sondern blos in der Menge gleicher Theile. Von der Größe ist sie darin unterschieden, daß sie die Menge in einen engen Raum vereiniget, da sie bey jener auseinander verbreitet ist. Wenn man das Licht, das auf eine große Fläche, z.B. auf einen Tisch fällt, durch ein geschliffenes Glas in einen weit engern Raum, zusammendrängt, so erhält man nicht mehr Licht, aber es wird stärker. Also ist ein starker Gedanken, der, der durch wenig Hauptbegriffe eben so viel sagt, als gewöhnlicher Weise durch viel Begriffe gesagt wird; ein starker Ausdruk, wo ein Wort so viel sagt, als sonst mehrere sagen würden; eine starke Empfindung, die uns auf einmal, so viel zu fühlen giebt, als eine andre nach und nach würde gethan haben. Ueberhaupt, was schnell eben so viel würkt, als in längerer Zeit durch andere Mittel wäre bewürkt worden, wird in Vergleichung des Leztern, stark genannt.

Ein Gedanken kann durch verschiedene Mittel stark werden, blos durch die Kürze des Ausdruks, wie das bekannte fuimus Troes. Durch Sinnlichkeit, wenn man statt allgemeiner Begriffe, die man erst nach einigem Nachdenken völlig fassen würde, besondere, den äußern Sinnen vernehmliche, braucht. Wenn Terenz sagen will, daß nur die äußerste Noth einen dahin bringen kann, gewissen Leuten zu schmeicheln, so sagt er es stark, vermittelst eines sinnlichen Bildes


–– qui huie assentari animum induxeris

E flamma te posse cibum petere arbitror.2


»Wenn du diesem schmeicheln kannst, so dächte ich, müßtest du auch dein Brod aus einem Feuer herausholen können.« Auch wird ein Gedanken stark, wenn man, anstatt eines zwar vielbedeutenden, aber durch den täglichen Gebrauch schon zu bekannten und gleichsam abgenuzten Ausdruks, einen eben so viel, oder mehr bedeutenden nihmt, der weniger geläufig ist, folglich die Aufmerksamkeit auf das, was er sagt, schärft. Ein Beyspiehl hievon giebt folgende Stelle des Cicero, da er vom Verres sagt: »Wir haben euch, ihr Richter, nicht einen Dieben, sondern einen Räuber, nicht einen Ehebrecher, sondern einen Bestürmer der Keuschheit; nicht einen Kirchenräuber, sondern einen Feind alles dessen, was heilig ist; nicht einen Meuchelmörder, sondern den grausamesten Büttel der Bürger und Bundesgenossen, vor Gerichte geführt.«3 Auch kann ein Gedanken, durch die Wendung, wodurch er in ein besonders helles Licht gesezt wird, stark werden. Unzählige Beyspiehle findet man hievon beym Shakespear, der hierin alle Dichter übertrift. Als ein Beyspiehl kann auch folgendes vom Cicero dienen. »O! des Ansehens und der Würde des römischen Volkes, die Königen, fremden Nationen und den entlegensten Völkern furchtbar ist! Dieser aus gedungenen Sclaven, aus Bösewichten und aus Bettlern bestehende Haufe, soll das römische Volk seyn!«4

Ein ganz besonders Mittel etwas stark zu sagen, ist dieses, da man ihm eine Wendung giebt, die es zu schwächen scheinet, um seine Stärke desto fühlbarer zu machen. Dahin gehört die Frage, die im Grund eine verstärkte Bejahung, oder Verneinung ist.5 Dahin gehört auch die Figur, die die Griechen λιτοτης, die Verminderung, nennen, wie das Horazische non sordidus autor. Ein besonderes Beyspiehl hievon ist folgendes. Als Alexander die [1104] Geten durch Drohungen zur Unterwürfigkeit bewegen wollte, ließen sie ihm sagen; sie fürchteten sich in der Welt für nichts, als für das Einstürzen des Himmels. Dies ist stärker, als wenn sie gesagt hätten; sie fürchteten sich schlechterdings für gar nichts.

Die Stärke dienet sowol zur Ueberzeugung als zur Rührung. Wo man keine Beweise für die Wahrheit einer Sach anzuführen hat, sondern blos durch Bejahung, oder Versicherung sie glaubwürdig machen kann, da ist die Stärke des Ausdruks das einzige Mittel die Zweifel zu vertreiben. Denn man ist geneigt zu glauben, daß das, dessen man uns mit ungewöhnlicher Stärke versichert, nicht erdichtet seyn könne. Eben so gewiß rühret man auch, wenn man sein eigenes Gefühl stark an den Tag legen kann. Es giebt zwar auch Fälle, wo beydes Ueberzeugung und Rührung blos durch die höchste Einfalt und den natürlichsten Ausdruk vollkommen bewürkt werden, und wo es der Stärke nicht bedarf. Aber diese rührende Einfalt ist noch schweerer zu erhalten, als die Stärke; sie scheinet auch nicht von so allgemeiner Würkung zu seyn, und kann nur vor ganz verständigen Zuhörern mit Sicherheit des Erfolges gebraucht werden. Die Stärke hingegen ist von allgemeinerer Würkung. Was man eigentlich hinreißende, überwältigende Beredsamkeit nennt, besteht größtentheils in der Stärke der Gedanken und des Ausdruks, die auch auf Zuhörer von mittelmäßigem Verstand und Gefühl, ihre Würkung thut.

Sie ist aber durch Kunst nicht zu erreichen, sondern hat ihren Grund in der lebhaften Ueberzeugung und starken Rührung des Redners. Ein guter ehrlicher Professor der Beredsamkeit fragte einsmals den Genffer Roußeau wie er es doch mache, daß er immer so überzeugend und so hinreißend schreibe. »Ich, that er hinzu, bin ein Lehrer der Beredsamkeit, der seit so viel Jahren alle Figuren, Tropen und Wendungen der Rede studiret, und dennoch ist es mir noch nie geglükt mit dem Nachdruk und der Stärke zu schreiben, die Ihnen so natürlich scheinet. – Ich habe weiter kein Geheimnis und keine Regel, antwortete Roußeau, als daß ich nichts behaupte, als das, von dem ich selbst lebhaft überzeuget bin, und nichts äußere, als was ich bey jeder Sache würklich empfinde.«

Darin besteht allerdings das ganze Geheimniß: Aber diese lebhafte Ueberzeugung und dies starke Gefühl selbst liegt in dem Genie des Redenden. Eine Seele, der es an Kraft oder Energie fehlet, selbst der größte Geist, der blos an subtiler und höchst genauer Zergliederung der Begriffe seine Nahrung findet, diese können durch kein Studium zu der Stärke gelangen, wovon hier die Red ist. Doch muß allerdings mit der natürlichen Kraft des Geistes und des Herzens auch Uebung im Denken und Empfinden verbunden werden. Erst denn, wenn uns das, wovon wir sprechen, völlig bekannt und geläufig ist, daß der speculative Verstand dabey nicht mehr zu arbeiten hat, bekommen Verstand und Herz die völlige, gänzliche Freyheit, lebhaft zu denken und zu empfinden.

Es giebt auch eine falsche Stärke, die eine Art der Schwulst ist, und der Rede keinen Nachdruk giebt: Sie entstehet daher, daß man sich bey geringen, gleichgültigen Dingen großer, nachdrüklicher und so gar hyperbolischer Ausdrüke bedienet, und von gemeinen Dingen mit einer Art von Heftigkeit spricht, die nicht aus dem Gefühl entsteht, sondern eine blos durch üble Gewohnheit angenommene kindische Gebehrdung (Gesticulation) ist. In der französischen Sprache haben sich so viel übertriebene Ausdrüke in die alltäglichen Redensarten eingeschlichen, daß man ofte bey ganz gleichgültigen Dingen Worte höret, die Bewundrung, Entzükung, Bezauberung ausdrüken, und da der Redende betheuert und schwöhrt, wo kein Mensch an dem, was er sagt, zweifeln würde; wenn er es auch noch so schwach und so nachläßig sagte. Eine solche gar unzeitige Stärke macht die Rede völlig abgeschmakt.

Es verdienet auch noch angemerkt zu werden, daß es eine blos äußerliche und gleichsam körperliche Stärke giebt, die darum, weil sie die äußern Sinnen mit Gewalt angreift, von ausnehmender Kraft auf die Gemüther ist. Ein einziger fröhlicher, trauriger, oder fürchterlicher Schrey, von einem Menschen, kann schon große Würkung auf uns haben: Aber wenn wir ihn von hundert Stimmen zugleich hören, so bekommt er eine völlig hinreißende Stärke. Daher kommt es, daß man bisweilen in der Musik blos durch sehr starke Besezung der Stimmen mit einem mittelmäßigen Stük ungemein große Würkung thun kann. Man kommt in der That dem Herzen am leichtesten durch Rührung der äußern Sinnen [1105] bey. Und dieses verdienet auch besonders in Ansehung der theatralischen Vorstellungen überlegt zu werden, wo gar oft ein sehr starkes Erleuchten der Schaubühne, oder in entgegengesezten Fällen große Dunkelheit die Würkung gewisser Scenen ungemein verstärket. Eben dieses gilt auch von der starken Erhebung der Stimme, auf gewissen Stellen. Dieses aber erfodert eine genaue Beurtheilung. Denn gar oft wird der größte Nachdruk durch das Gegentheil, durch eine schwache sinkende Stimm erhalten; so daß nicht alles, was stark rühren soll, auch mit starker Stimme muß gesagt werden. Aber was würklich erschüttern soll, scheinet diese Stärke zu erfodern.

–– –– –– I have

At no time brocke my faith, would not betray

The devil to his fellow. im Macbeth.

1
2Eunuch. Ac. III. s. 2.
3Non enim furem, sed ereptorem; non adulterum sed expugnatorem pudicitiæ; non sacrilegum sed hostem acrorum religionumque; non sicarium, sed crudelissimum carnificem civium sociorumque in vestrum judicium adduximus. Cic. in Verrem.
4O speciem dignitatemque Pop. R. quam reges, quam nationes exteræ, quam gentes ultimæ pertimescunt, multitudinem hominum ex servis conductis, ex facinorosis ex egentibus congregatum. Cic. pro domo.
5S. Frage.
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 2. Leipzig 1774, S. 1103-1106.
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