Kleines

1. Auch das Kleine muss man verehren, denn die Nadel (Feder) kann einen Schneider (Schreiber) ernähren.

»Klein ding sol man verachten nicht, da es zuletzt auch viel ausricht.«

Lat.: Ex nuce fit corylus, ex glande fit ardua quercus, ex paruo puero saepe peritus homo. (Loci comm., 101.)


2. Aus dem kleinen kompt das grosse.Henisch, 1756, 7; Petri, II, 27.

Der Chinese Laotse hat das Sprichwort: »Der Weise beginnt mit leichten Dingen, wenn er auf schwere sinnt, mit kleinen Unternehmungen, wenn er grosse ertrachtet. Ein Baum von grossem Umfange entsprosste einer Wurzel so zart wie ein Haar; ein Thurm von neun Stockwerken erhob sich aus einer Hand voll Erde; eine Reise von tausend Meilen begann mit einem Schritt.« Die Osmanen: Kleines wird grösser und selbst Narren werden vernünftig. (Schlechta, 398.)

Frz.: De petite chose peu de plaict. – De petite chose vient souvent grande noise. – De peu de cas vient chose grande. (Leroux, II, 212.)

It.: Dal poco si viene all' assai. (Gaal, 1022.)

Lat.: Omnium rerum principia parva sunt, sed suis progressibus augentur. (Philippi, II, 73.)


3. Bai dat Klaine nitt-en acht, es dat Grote nitt bi macht. (Iserlohn.)


4. Beim Kleinen (mit Kleinem) fängt man an, beim Grossen hört man auf.Mayer, I, 193; Pistor., V, 9; Eiselein, 381; Simrock, 5744; Parömiakon, 447 u. 452; Braun, II, 543.

Dies gilt nicht nur von Verbrechen, die in kleinen Fehlern ihren Anfang haben, sondern von den meisten Erfindungen; Buchdruckerkunst, Schiesspulver, Schiffahrt u.s.w.

Engl.: He that will steal an egg, will steal an ox. – He that will steal a pin will steal a better thing.

Lat.: Lingularum für tandem et marsupia suppilat. (Binder I, 873; II, 1671; Seybold, 279.)

Ung.: Ki egy tüt lop, ökröt is próbál.


5. Besser das Kleine treffen, als das Grosse verfehlen.


6. Da et Kleine nit begeht (begehrt), dä es et Grosse niten wäht. (Köln.) – Weyden, II, 9.

7. Das klein wird gestohlen, dass gross (in Besitz) genommen (erobert).Lehmann, 305, 25; Simrock, 9852; Eiselein, 381; Körte, 3437; Braun, I, 1885.


8. Das kleine verjagt den grösten.Gruter, III, 13; Lehmann, II, 75, 19.


9. Das Kleine wird gemach gross, das gross aber wird gar leicht vnd plötzlich klein.Lehmann, 428, 29 u. 940, 32; Blum, 321; Körte, 3434.


10. Dass kleine soll man achten, das gross acht sein selbst wol.Petri, II, 118.


11. Dass kleines vil zusam geschürt zuletst ein grosser hauffe wirt.

Lat.: Multa simul modica magnum faciata cumulun. (Loci comm., 153.)


12. De et Klein nich acht', wä(r)t Grôt nich bracht. (Altmark.) – Danneil, 276.


13. Es ist ein Kleines, was die Jungen freut und die Alten grämt.Körte, 3436.


14. Es ist nichts Kleines, wenn ein Pferd in der Wiege liegt.


15. Es ist nix Klein's, wenn der Ochs in der Wieg'n liegt und ein kleines Kind ein Laib Brot frisst. (Rott-Thal bei Passau.)


16. Gemach wird das Kleine gross, jähling das Grosse klein.Sutor, 651.


17. Kau einer ein kleines verdöwen, vnd durchs gewissen fallen, so gehet mehr hinnach. Henisch, 1606, 44.


18. Man soll das Kleine nicht eher wegwerfen, bis man das Grosse hat.

»Hüt dich, nicht ehe das klein verstoss, du hast denn in der handt das gross.« (Waldis, II, 77, 29.)


19. Viel Kleine machen ein Grosses.Petri, II, 573; Luther, 301; Schottel, 1136a; Reinsberg III, 14.

Frz.: Deux petiz font un grand. (Leroux, II, 214.) – Un peu d'aide fait grand bien. (Gaal, 1050.)

Holl.: Doe dikwijls bij een kleintje wat, zoo wordt daaruit een groote schat. ( Harrebomée, I, 413b.) – Vele cleine maken een groot. (Tunn., 25, 18.)

Lat.: Non minor est virtus, quam quaerere parta tueri, casus inest illic, hic erit artis opus. – (Ovid.) (Philippi, II, 39.)

Span.: Muchos pocos hacen un mucho. (Don Quixote.)


[1389] 20. Vill Klên macht ê Gruss. (Bedburg.)


21. Vom kleinen kompt man zum grossen.Lehmann, 427, 1.

Frz.: Du petit on vient au grand. (Leroux, II, 217; Kritzinger, 529a.)

Holl.: Van het kleine komt men tot het groote. (Harrebomée, I, 413b.)


22. Wä et Kleine net âch, dä hät am Gruesse ken Mâch. (Bedburg.)


23. Wär dat Kleine nich tüt, dei dat Grâte nich süt. (Hannover.) – Schambach, I, 188.


24. Wär d's Chlîne nüüt schetzt, wird zum Grossn nid g'setzt. (Bern.) – Zyro, 59.


25. Wei 't Kleine nit achtet, diäm 't Gräute nit wachtet (wartet). (Soest.) – Firmenich, I, 348, 2; Oellinghausen bei Hüsten: Firmenich, I, 351, 4; für Altmark: Danneil, 205; für Düren: Firmenich, I, 482, 20; für Iserlohn: Woeste, 71, 156; für Seehausen: Firmenich, III, 122, 17; für Waldeck: Curtze, 338, 310.

Lat.: Majora perdes, minora ni servaveris. (Froberg, 431; Philippi, I, 236; Hauer, Kiij2.)


26. Wer das klein nit zu rath helt, der wirt nimmer reich.Franck, II, 52a; Lehmann, II, 839, 241.


27. Wer das klein verschmeht (veracht), ist dess Grossen nit werth.Lehmann, 289, 35; Petri, II, 689; Müller, 9, 3; Körte, 2423.

Wäre Peter von Russland wol der Grosse geworden, wenn er sich geschämt hätte, klein anzufangen? Alles Grosse war einst klein. »So geschicht dem, der das kleine verschmaht, das er darnach das gross nicht hat.« »Man sagt, wers klein verachten thut, dem kompt das gross auch nicht zu gut.« (Waldis, I, 45, 37 u. 68, 31.)

Holl.: Die 't klein versmaad is't groot niet waard. (Bohn I, 310.)

Lat.: Parvum servabis, donec majora parabis. (Binder I, 1328; II, 2487; Loci comm., 153; Gartner, 152.) – Serviet aeternum, qui parvo nesciet uti. (Philippi, II, 83 u. 180.)

Poln.: Kto niałemi rzeczami gardzi, nie godzien niczego. (Lompa, 17.)


28. Wer das Kleine achtet (in Ehren hält), ist des Grossen (desto) würdig(er).Simrock, 5790; Körte, 3435; Braun, I, 1834.

Holl.: De dat cleine nemet, is des groten te bat waerdich. (Tunn., 11, 12; Harrebomée, I, 413b.)

Lat.: Dignus erit magno, qui parva capit iubilando. (Fallersleben, 244.)


29. Wer das kleine nicht acht, der wird selten reich.Petri, II, 689.

Wer das Kleine nicht achtet, der kann nicht genug haben, sagen die Serben; der gedeiht nicht lange, die Czechen; der erreicht nichts Grosses, die Polen. (Reinsberg III, 17.)


30. Wer das kleine nicht achtet, bekompt auch das grosse nicht.Lehmann, II, 839, 242.


31. Wer das Kleine nicht achtet, hat zum Grossen nicht Macht.Bücking, 116; Steiger, 249; Simrock, 5741.

Ung.: Ki a keveset meg nem köszöni, a sokat meg nem érdemli. (Gaal, 1234.)


32. Wer das Kleine nicht acht't, dem wird's Grosse nicht gebracht.Simrock, 5742; Reinsberg III, 17.

Holl.: Die het kleine niet acht, wordt zelden rijk. (Harrebomée, I, 413b.)


33. Wer das Kleine nicht ehrt, ist des Grossen nicht werth.Eiselein, 259.

Die Probenummer des wiener Witzblattes Der Floh vom 6. Dec. 1868 parodirt: »Wer den Kuranda nicht ehrt, ist den Schindler nicht werth.«

Holl.: Die het kleine niet eert (niet begeert), is het groote niet weerd. (Harrebomée, I, 413b.)


34. Wer das kleine nicht vor gut hat, der ist des grossen nit würdig.Lehmann, II, 839, 243.


35. Wer das kleine verschmeht, dem wird das grosse nicht.Luther's Ms., S. 3.


36. Wer im Kleinen anfängt zu stehlen, der treibt ins Grosse.Simrock, 9852a.


37. Wer im Kleinen nicht treu ist, der ist's noch weniger im Grossen.Luc. 16, 10; Gaal, 1560; Simrock, 10478.

Böhm.: Kdo v mále se pronevĕřil, pronevĕří se i ve mnoze. (Čöelakovsky, 19.)

Holl.: Die het kleine durft stelen, zal het groote ook wel wegnemen. (Harrebomée, I, 413b.)

[1390] Lat.: Qui fidem fefellit in minimis, ei ne maxima committas. (Gaal, 1560.)

Poln.: Kto cię w małéj rzeczy skrzywdzi, skrzywdzi i w wielkiéj.


38. Wer im Kleinen sparsam ist, der kann im Grossen freigebig sein.Eiselein, 381; Simrock, 5743; Braun, I, 1887.


39. Wer im Kleinen treu ist, der ist auch im Grossen treu.Luc. 16, 10; Schulze, 238.


40. Wer Kleines versagt, wird um Grosses gebracht.

Wer ein kleines Opfer scheut, muss oft ein weit grösseres bringen.

Mhd.: Ez was ein sprichwort manec jàr: swer eins kleins niht lâzen wil, der verliuset zwir sovil. (Teichner.) (Zingerle, 83.)


41. Wer Kleines zur rechten Zeit nicht acht't, sich um Geringeres Arbeit macht.


42. Wer sich um Kleines nicht will ducken, wird sich um Kleineres müssen bucken.


*43. Er hält das Kleine zusammen.

Holl.: Hij houdt de kleintjes bij elkander. – Hij past op de kleintjes. (Harrebomée, I, 413b.)


[1391]

44. Dat 's förwoahr nischt Klên't, sägt de Bû'r, wenn de Oss in der Busse (Wiege) leit. Schlingmann, 186.


45. Fange mit Kleinem an und arbeite ruhig fort, bis ein grosses Werk fertig ist.

Altfries.: Bigenn me dit Litj en da krabbe olter dit gurt klaar heest. (Hansen, 4.)


46. Gewer des kleinen dein Genoss, wilt, das er gebe dir das gross.

Lat.: Debes parua dare, si uis maiora rogare. (Loci comm., 19.)


47. Mit Kleinem halte wie mit Grossem Rath, und dann entscheide du die That.Neue Freie Presse, 4592.


48. Wem das kleyn versmocht, dem wird das gross nicht.Hofmann, 29, 28.


49. Wer anfängt, Kleines zu entwenden, der wird auf der Galere enden.

It.: A rubar poco si va a galera. (Giani, 1488.)


50. Wer Kleines nicht zusammenhält, kommt schwerlich je zu grossem Geld.


51. Wer zu dem Kleinen wenig thut, und hält das Klein in guter Hut, dem ist gross Geld und Gut beschert, obschon der Haufe sich langsam mehrt.Gerlach, 126.


*52. Bei Kleinem muss es wiederkommen.


*53. 'S ist a Kloines, was d' Kinder freut, und wenn se dreissig Jauhr alt sind. (Ulm.)

Quelle:
Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 5. Leipzig 1880, Sp. 1504.
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