Frei (Adj.)

Frei (Adj.).


1. Besser frei in der Fremde, als daheim ein Knecht.Simrock, 2658; Bohn I, 138; Graf, 524, 301; Körte, 1508.

Dän.: Bedre er at gaae fri i en grøn eng, end at være bunden til en tornebusk. (Bohn I, 349.)


2. Besser frei und arm, als ein Sklave mit goldenem Gürtel.


3. Der ist nicht frei, der dem Teufel zu eigen ist. Simrock, 10174.

»Frei bin ich, wenn ich bei mir selbst bin.« (Hegel.)

Holl.: Hi in is niet al vri, die de duvels eighen is. (Tunn., 15, 11.) – Hij is niet vrij, die aan den duivel verbonden is. (Harrebomée, II, 415.)

It.: La vera libertà è non servir al vizio. – Misera la libertà, che rende l'huomo schiavo del peccato. (Pazzaglia, 196, 4 u. 6.)

Lat.: Non liber natus qui demonibus propriatus. (Fallersleben, 404.).


4. Der ist nicht frei, der seine Ketten (seine Banden) mit sich trägt.Winckler, I, 41.

Frz.: Il n'est pas échappé qui traîne son lien. (Bohn I, 24.)

Holl.: Hij is niet geheel vrij, die nog een stuk van zijne banden nasleept. (Harrebomée, II, 415.)

It.: Non è scappato chi si strascina la catena dietro. (Bohn I, 112.)


5. Der ist recht frei, der ein gut Gewissen hat.

Dän.: Den sødeste frihed er en god samvittighed. (Prov. dan., 199.)


6. Es sind nicht alle frei, die über ihre Kette lachen.Körte, 3349 u. 4182; Simrock, 5570; Bohn I, 147. Sagte der Tempelherr in Lessing's Nathan, IV, 4 (Lachmann-Maltzahn'sche Ausg., II, 306).


7. Frei ist öber höbsch.Tobler, 205.

Hat den Sinn: Schönheit geht über Güte, denn frî hat zwar die Bedeutung frei im Mittelhochdeutschen, es bedeutet aber auch soviel wie artig, freundlich, gut, leutselig.


8. Frei und ohne Scheu.Sailer, 140.

Der alte deutsche Sinn, die unverfälschte Redlichkeit.


9. Gleich frei sind, die in Einer Stadt sitzen. Graf, 59, 248.

Wer in einer Stadt aufgenommen wurde, war frei, die städtische Luft hob alle Hörigkeit und Leibeigenschaft auf.

Mhd.: Gliche vry sin, die in eyner stat sizin. (Weichbildglosse bei Daniels und Gruben, Dist. IV, 2, 5.)


10. Wer einmal frei gewesen ist, für den ist's hart (schwer), ein Sklave sein.

Dän.: Trældom er haard, og for hannem som fri var. (Prov. dan., 554.)


11. Wer frei darf denken, denket wohl.Kirchhofer, 149.


12. Wer frei ist, weiss nicht, wie glücklich er ist.

It.: Chi si trova in libertà ha gran bene ne ben nol sa. (Pazzaglia, 196, 2.)


13. Wer frei sein kann, mache nicht selbst sich zum Knecht.Kirchhofer, 204.

Dän.: Er du fri, da binde dig ikke. (Prov. dan., 198.)

It.: Chi libero può star non s'incateni. (Pazzaglia, 196, 1.)

Span.: Quien puede ser libre, no se cautive. (Cahier, 3494.)


14. Wer frei sein will, dem ist keine Kette zu fest.


15. Wer frei sein will, muss zwei nicht begehren: ein Weib und Schulden.


16. Wer sich frei macht, thut eine gute Tagereise.

Dän.: Fri er frels fremgang. (Prov. dan., 198.)


17. Wer will frei und ruhig sein, höre viel und schweige fein.

Dän.: Vil du være fri og stil, see og hør og tie til. (Prov. dan., 198.)


[1146] 18. Zu vil frey bringt offt rew.Franck, I, 29a; Henisch, 1205; Gruter, I, 88; Petri, II, 828; Körte, 1509; Schottel, 1124a; Sailer, 87; Mayer, I, 120.


*19. E äs froa dervue wä Abraham vun Zendersch. (Siebenbürg.-sächs.) – Frommann, V, 179, 156.

Zendersch ist ein sächsisches Dorf. Vielleicht mag ein sächsischer Schul- oder Pfarramtscandidat Namens Abraham die Amtsstelle daselbst, nach der er gestrebt, nicht erhalten haben.


*20. Er ist so frei wie einer, der Dreimännerwein trinkt.

Der, wie behauptet wird, nur dergestalt getrunken werden kann, dass zwei Männer den Trinker halten, während ihn der dritte eingiesst.

*21. Frei wie zu Korcyra, pisse, wohin du willst. (Altgr.)

Freiheit, alles zu thun, wo Bösewichter unbestraft bleiben.


*22. So frei wie der Vogel auf den Zweigen (oder: in den Lüften).Eiselein, 182.


*23. Un wie frei, vogelfrei!Tendlau, 1054.

Als Spott über gewisse Emancipationsversuche, die als Fortschritt gelten möchten, aber nur versteckte Hemmschuhe sind. »Der hat uns frei gemacht«, sagte jemand. »Un wie frei«, erwiderte ein anderer, »vogelfrei!« Er wollte sagen: frei, wie der Vogel.


[Zusätze und Ergänzungen]

24. Der ist nicht frei, der ein Weib hat.

»Das leret freyen als ich finde, wird gesprochen mit widder synne, dann der ist nicht frey in seym leben, dem eyn weyb wirt zuu der ee gegeben.« (Werdea, Ciiij.)


25. Frei ist der Fischfang, frei ist die Jagd, frei ist der Strandgang, frei ist die Nacht, frei ist die See auf der hörnumer See.

In diesem Spruche drückten die nordfriesischen Strandbewohner ihr angebliches Naturrecht aus, alles das sich als Eigenthum anzueignen, was infolge von Schiffbrüchen an ihr Ufer getrieben wurde. Die Unglücklichen selbst, die blos an den Strand geworfen wurden, wurden nicht selten erschlagen und im Sande verscharrt. Was man dadurch gewonnen, betrachtete man als – Strandsegen, um den wol in der Kirche gebetet wurde. (Vgl. Weigelt, Nordfriesische Inseln, Hamburg 1870, S. 120.)


26. Welcher frei will sein, der folge diesem Sonnenschein.

So lautete die Inschrift, welche die aufständischen Bauern des Rittercantons Hegau in Schwaben 1524 auf ihrer weissen damastenen Fahne hatten, in der eine Sonne mit einem goldenen Bauernschuh gemalt war. (J.M. König, Uebersicht des Bauernaufruhrs in Deutschland im Jahre 1525, Speier 1830.)


*27. Frei und sicher wie ein Pfaff auf der Kanzel.


*28. Frei wie in Irland.

Im Volksblatt für Stadt und Land (Wien vom 11. März 1875.) heisst es: »›Frei wie in Preussen!‹ So wird es [1273] bald heissen müssen; denn das ehemals von der protestantischen Hochkirche Englands heimgesuchte katholische Irland, das zur Brandmarkung von Gewissensknechtung dem Spruche: ›Frei wie in Irland!‹ zur Welt verhalf, ist jetzt nach Preussen übergesiedelt.«

Quelle:
Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 5. Leipzig 1880, Sp. 1273-1274.
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