Punkt

1. Der Punkt gewährt zwar eine hübsche Aussicht, aber er ist unbequem, sagte der Dieb, als er an den Galgen sollte.

Engl.: I'm particularly uneasy on this point, as the fly said when the young gentleman stuck him on the end of a needle. (Hagen, 104, 24.)


2. Ein Punct ist einem wol verziehen, aber nicht vergessen.Petri, II, 219.


3. Es ist ein kleiner Punkt, wo's gut schmeckt. Simrock, 9118.


4. Es mag leicht einer ein Punct im roten (wol schwarzen?) Buch haben, kompt noch einer, so gnad jhm Gott.Petri, II, 286; Henisch, 549, 24; Blum, 63; Sprichwörterschatz, 223.

Lat.: Dii laneos habent pedes, sed ferreas manus.


5. Mancher kann den rechten Punkt zwischen zu früh und zu spät nicht finden.Eiselein, 516; Simrock, 8032.


6. Um Eines Punktes willen verlor Martin den Esel (die Abtei).Wurzbach II, 205.

Beim Spiel gebräuchlich; ein einziger Punkt (Point), ein kleines Versehen, und die Partie ist verloren. Das ursprünglich französische Sprichwort: Pour un point Martin perdit son asne (Leroux, II, 44; Cahier, 1423; Lendroy, 42), soll folgenden Ursprung haben: Ein Abt in Italien, Namens Martin, hatte folgenden Vers über die Thür seines Hauses, Azello genannt, schreiben lassen: Porta patens esto; nulli claudatur honesto. Der unwissende Mönch, dem er's aufgetragen, hatte aber den Punkt nach statt vor nulli gesetzt, was dem Verse einen ganz entgegengesetzen Sinn gab, wie er entstehen würde, wenn man das Komma in dem Satze: »Offen stehe die Pforte, nicht dem Ehrenmann sei sie verschlossen«, nach dem Worte ›nicht‹ setzen wollte. Der Papst, von dieser unchristlichen Inschrift in Kenntniss gesetzt, nahm die Sache sehr ernstlich, entsetzte den [1424] Abt seines Amtes und ernannte den Nachfolger, welcher die Inschrift durch eine angemessene Satzzeichnung berichtigte. Dem obigen Verse wurde ein zweiter, der folgende, beigefügt: Pro solo puncto curuit Martinus Azello. Da das Wort Azello (Name der Abtei) einen Doppelsinn hat, indem es einen kleinen Esel und eine Abtei bezeichnet, so hat man ihm im Sprichwort die erstere gegeben. – Wie Martin durch ein unrichtig gesetztes Komma um seine Abtei kam, so rettete ein Mitglied des höchsten Rathes im Lande durch ein vorsichtig gesetztes sein Leben. Man sammelte Stimmen zur Verurtheilung gewisser Personen, und man unterschrieb mit leidenschaftlicher Hitze das End- und Todesurtheil. Keiner wagte, sich auszuschliessen; aber der Vorsichtigste dabei unterschrieb: Si omnes consentiunt, – ego non, dissentio. Dies Strichlein rettete ihm den Kopf, den die andern verloren. (Witzfunken, IIa, 172.)


7. Wer auf Einem Punkte bohrt, macht bald ein Loch.


8. Wer in Einem Punkte nachgibt, muss es auch in den übrigen.


9. Zwischen zwei Punkten kann man nur Eine gerade Linie ziehen.

Lat.: Inter puncta duo rectas producere velle duas. (Bovill, I, 159.)


*10. Den (rechten) Punkt (nicht) treffen.Eiselein, 516.


*11. Einem den Punkt über das i machen.

Ihm etwas verständlich machen, was sich von selbst versteht.

Frz.: Mettre à quelqu'un les points sur les i. (Starschedel, 436.)


*12. Er ist der Punkt auf dem i.Braun, I, 3389.

So klein, wie wesentlich nothwendig und unentbehrlich, da der Punkt erst die vorhandenen Schriftzüge zu einem i macht. Ein i ohne Punkt ist kein i.


*13. Er kann den rechten Punkt nicht treffen.


*14. Er kann keinen Punkt übers i setzen.

Wer zu nichts in der Welt taugt.


*15. Er setzt den Punkt aufs i.

Bringt die Sache zum Abschluss.

Holl.: Hij zet de punten op de I's. (Harrebomée, II, 205a.)


*16. Er sieht schwarze Punkte.

Diese Redensart ist, wenn sie auch schon früher dagewesen sein mag, erst seit der Rede, die Napoleon III, im August 1867 (s. 17) gehalten, zur häufigen Anwendung gelangt. Man wird hierbei an die Parodie auf den kaufmännischen Briefstil erinnert. »In Ihrem Allerwerthesten habe einen dunkeln Punkt bemerkt.« (Vgl. Sachsenspiegel.)


*17. Es gibt dunkle (schwarze) Punkte am Himmel (Horizont).

Die »schwarzen Punkte« sind seit dem 27. August 1867 sprichwörtlich geworden; sie befinden sich in der Rede, mit der an diesem Tage der Kaiser Napoleon die Begrüssung des Bürgermeisters zu Lille beantwortete. Die Stelle, zu der indess der Grundtext mir nicht vorliegt, heisst: »Seit den letzten vierzehn Jahren sind zwar viele meiner Hoffnungen in Erfüllung gegangen und grosse Fortschritte erreicht worden; allein auch dunkle Punkte haben unsern Horizont umwölkt.« Schon am nächsten Tage brachten die pariser Blätter ironische oder klagende Artikel, meist mit der Ueberschrift: Die schwarzen Punkte, die nämlich nicht am Horizont, sondern näher dem Mittelpunkte zu finden wären. In der Ansprache, die der Maire von Strasburg beim dasigen Schützenfeste am 27. Juni 1868 zur Begrüssung der Schützen aus Baden hielt, sagte er: »Zwischen uns bestehen keine andern ›schwarzen Punkte‹ als die unserer Zielscheiben.« (Schles. Zeitung, 1868, Nr. 307.) In der Rede, welche der österreichische Reichskanzler Graf Beust (Juli 1871) in der Delegation über das Kriegsbudget hielt, heisst es: »Ich beabsichtige keineswegs etwa durch Schilderungen von ›schwarzen Punkten‹, die übrigens gegenwärtig nicht vorhanden sind, Nutzen für das Kriegsbudget zu ziehen.« (Schles. Zeitung, 1871, Nr. 323.) – »Als wider sein (Napoleon III.) Erwarten das ganze deutsche Volk sich (Juli 1870) erhob, da zogen schwarze Punkte am Himmel des gallischen Kaisers empor.« (Schles. Zeitung, 1871, Nr. 329.)


*18. Weder Punkt noch fingersbreit.

Lat.: Ne punctum quidem aut unguem transversum. (Hieronymus.)


*19. Wenn er den Punkt1 fände, er brächte die Erde aus der Bahn.

1) Nämlich den des Archimedes.

Holl.: Kon hij den hemel beklonteren, hij draaide, met Jan Vos, den aardkloot om de zon. (Harrebomée, I, 356b.)

Quelle:
Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 3. Leipzig 1873, Sp. 1424-1425.
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