Volk

1. Aus des Volkes Mark machen die Höfe Quark.


2. Besiegtem Volk ist nicht zu trauen.

Schwed.: Wunnet folk kan illa tros. (Grubb, 866.)


3. Bey seinem volck vnd vatterland kompt kein prophet zu ehrenstand.

Lat.: Nemo propheta sua magnus erit patria. (Loci comm., 155.)


4. Bi Gebrek van Volk word de Schnîder Karkvogd.Bueren, 79; Eichwald, 1770; Kern, 365.

In Ermangelung von andern Leuten. Der Volksschwank erzählt, dass ein Felnk ersten Ranges zu dem Ehrenposten eines Kirchenältesten gewählt wurde. Die Ehre sagte ihm zu; aber der Dienst, das Tragen des Klingelbeutels war ihm das Schwierigste bei der Sache. Als er sorgenschwer darüber nachsann, fiel ihm seine grosse Zipfelmütze in den Schos, die ihn ihrer Form nach an den Klingelbeutel erinnerte. Er stand sofort auf, ergriff eine zweizinkige Heugabel steckte sie auf die Zinken nahm eine faltenreiche Amtsmiene an, »as 'n Propp van 'n Suur pülle«, und sah sich nach den geeigneten Vertretern der Kirchgänger um, um Probe zu gehen. Da er zufällig nach den Viehställen sah, so war es ihm sofort klar, an wen er sich zu wenden habe. Bedächtigen Ganges näherte er sich der ersten Kuh, klingelte pro formell und hielt ihr den Opferbeutel unter die Nase. Die Kuh sah ihn an, senkte aber den Kopf sofort wieder zum Heubündel, an dem [1676] sie eben beschäftigt war. »Dat is gaud«, sagte er, »Nikkoppers (s.d.) gäven niks«, und fuhr in seinem Probegang unbeirrt fort. Alles ging ihm nach Wunsch; jedes Vieh senkte das Haupt vor dem Klingelbeutel. In der letzten Abtheilung des Stalles stand aber ein Bulle; als diesem der Zipfel vorgehalten wurde, warf er den Kopf in die Höhe und fing zu brummen an. Schnell zog der neue Kirchenälteste den Beutel zurück und sprach besänftigend: »I denn, de nich will, hövet ja ök nich göver.« (Ostfries. Jahrbuch, I, 44.)


5. Das ist unruhig Volk, sagte der Bauer, der einen Wagen Frösche lud; wenn ich einen hinauf bringe, springt der andere wieder herunter.

Holl.: Dat zijn mij maatjes, zei de boer, en hij laadete kikvorschen; als ik den eenen erop hob, springt de andere eraf. (Harrebomée, I, 69.)


6. Das volck gemein spricht vberal, das man kein buben ölen sol.

Lat.: Nullus inungatur nebulo, plebs undique fatur. (Loci comm., 143.)


7. Das Volk fordert von einem Fürsten viel.

Lat.: Majora populus semper a summo exigit. (Philippi, I, 236.)


8. Das Volk ist eine Kugel, die sich nach allen Richtungen wenden lässt.Witzfunken, IVb, 183.

Der Musenalmanach vom Jahre 1847 enthält folgende Selbstschilderung des Volks. »Ich thue alles und bin doch nichts, ich thue das Böse wie das Gute. Wenn ich befehle, so gehorche ich. Ich gebe mehr als ich empfange. In meinem Namen wird das Gesetz gemacht; und schlag' ich zu, so schlag' ich auf mich selbst.« (Je fais tout, et je ne suis rien; je fais le mal, je fais le bien. J'obéis toujours, quand j'ordonne; je reçois moins que je ne donne; en mon nom on ne fait la loi, et quand je frappe, c'est sur moi.) (Kornmann, III, 9.)


9. Das Volk ist eine Wetterfahne.

Nach Kornmann (III, 8) schildert Cicero das Volk so: »Das Volk kennt keine Berathung, es sieht auf keine Gründe, es weiss weder einen Unterschied: zu machen, noch lässt es sich die Dinge angelegen sein. Nach Dünkel urtheilt es in den meisten Fällen, nach Rechtschaffenheit in den wenigsten.« (Carens consilio, ratione discrimine, diligentia ex opinione multa, ex virtute pauca judicans.) Aehnliche Schilderungen finden sich in: Curtius, Livius, Sallust, Seneca, Tacitus u.a.

Lat.: Mobile mutatur semper cum principe vulgus. (Chaos, 269.)


10. Das Volk ist nie ärger, als wenn es im Ueberfluss ist.

Lat.: Chorea est circulus, cujus centrum est diabolus. (Sutor, 294.)


11. Das Volk ist wie der Fürst.


12. Das Volk muss immer einen Juden haben, den es brät.


13. Das Volk ruft heute Hosianna und morgen Kreuzige.

Lat.: Populus mutatur ad horam quamlibet, et stabilem nescit habere fidem. (Binder II, 2610.) – Scinditur incertum studia in contraria vulgus. (Virgil.) (Binder I, 1596; II, 3042; Philippi, II, 170; Seybold, 542; Fischer, 207, 33.)


14. Das Volk weiss mehr als zehn Gelehrte.

Dän.: Almuen veed som tree vide. (Prov. dan., 26.)


15. Das Volk will betrogen sein.

Holl.: Het volk wil betrogen zijn. (Harrebomée, II, 402b.)


16. Dat öss doll Volk, seggt de Diewel, on heft e ganze Sack voll Katte.Frischbier2, 3737.


17. Des Volkes Hass, ein schneidend Glas; Volkes Gunst, ein blauer Dunst.


18. Des Volkes Stimme ist Gottes Stimme.Graf, 529, 351.

Ein Grieche sagte: »Achte nicht auf das, was dem Volke gefällt, es entscheidet durch Schreien, nicht durch vernünftige Wahl. Vitate, quaecunque vulgo placent; clamore decernunt non calculo.« (Thucydides.) Und Herodot: »Das Volk geht nicht mit Bedacht zu Werke, es fällt wie der Waldstrom darein.«


19. Des Volkes Stimme verachte nie; du bist nur einer, viele sind sie.Eiselein, 622.


20. Dess folks lychtfertigkeit kümpt vss der prister bosheit.Hug, 3; Graf, 535, 8.


21. Ein kleines Volk von fünfhundert Mann zehrt im Winter mehr als ein Volk von fünftausend Mann.Oekonom. Weisheit, 116.

Es sind Bienenvölker gemeint. Der Grund liegt nahe; ein kleines Volk muss fressen, um sich gegen Kälte zu schützen, ein grösseres oder starkes hat es nicht nothwendig, weil es infolge der Menge warm sitzt und daher die Kälte nicht fühlt.


[1677] 22. Ein Volk, auf gute Sitten nur bedacht, nimmt die Gesetze auch in Acht.


23. Ein Volk, das den Tod mehr als das Elend fürchtet, ist verloren.Cibot, 178.


24. Ein Volk, Ein Reich, Ein Wappen; helf uns Gott, so soll es klappen.

Abg. Günther in der Sitzung des Norddeutschen Reichstags vom 24. Sept. 1867.


25. Ein Volk lässt sich leichter heerdenweise als einzeln treiben.

Nach Kornmann (V, 210) rührt dies Wort von Cato her.


26. Einem ganzen Volke kann man 's Maul nicht stopfen (verkleben).

Dän.: Man kand ei binde for folke-munde; de maa sige hvad de ville. (Prov. dan., 71.)


27. Einem närrischen Volke gehören besessene Priester.


28. Eines freien Volkes beste Cautel ist, keinem Tyrannen zu glauben.Opel, 383.


29. Eines treuen Volkes Fürst braucht keiner Schutzwache.

It.: Popolo sicuro non bisogna muro.


30. Es geht wunderlich Volk in die Kirche.


31. Es git keis nitnützigeres Volch als 's Mannevolch und 's Wiibervolch.Sutermeister, 111.


32. Es ist kein Volck, das lieber Ehr hat, dann Hurer vnd Buben, vnd weniger darnach stellt.Lehmann, II, 144, 191; Henisch, 815, 39.


33. Es ist keyn volck, das jm selbs mehr leugt, dann buler vnd schuler.Franck, I, 64b.


34. Es ist keyn volck, das weniger gäst hat, dann wirt oder gastgeber.Franck, I, 89a; Henisch, 1370, 8; Egenolff, 348a.


35. Es muss offt ein gantzes Volk eines einigen Mannes entgelten.

Lat.: Unius peccata viri populus luit omnis. (Sutor, 185.)


36. Frei Volk, freie Rede.

Dän.: Frit folk, frit snak. (Prov. dan., 200.)

Schwed.: Frit folk, frit snak. (Grubb, 216.)


37. Heraus mit dem Volke, sagte der Schiffer, als er eine Heerde Schweine auslud.

Holl.: Uit de schuit met zulk volk, ze zouden mijne vracht bederven, zei schipper Louwe, en hij had eene partij varkens scheep. (Harrebomée, II, 403a.)


38. Ist das ein widerspenstig Volk, sagte der Teufel, als er Frösche geladen, die von der andern Seite heruntersprangen, wenn er sie auf der einen hinaufthat.


39. Jedes Volk hat seine Lieder.


40. Jung Volk môt nich mit ôle Lü in êne Rêge sitten.Weserzeitung, 4057.


41. Lass dich nit an das gemein volck, dann es bleibt nit.Geiler, Postille, 64a.


42. Lass jedem Volke seinen Brauch und behalte deinen auch.

Dän.: Lad Tyrken spadsere, Indianer dandse, Morer faste, Engelske æde, Tydsken drikke, Nederlænder spye, Spanier aaderlade, Fransken purgere, Italiener sove til middag, vær du dit kalt. (Prov. dan., 370.)


43. Mei goe Volk is 't goe dwaen, sei de Koster, in teach ums ljeawe Frau de Roak uwt. (Westfr.)

Mit gutem Volk, guten Leuten ist gut verkehren, sagte der Küster, und zog Unserer Lieben Frau den Rock aus.


44. Mit gôd Volk is gôd dôn, säd' de Köster, dar tröck he unse lêwe Frû den Rock ût. (Hamburg.) – Hoefer, 630.


45. Schlechtes Volk lässt den Acker nicht grün werden.

Lat.: Agros cum cerere vetat impia turba virere. (Reuterdahl, 29.)

Schwed.: Ondhe maen arom (Aarynghe) spilla. (Reuterdahl, 29.)


46. Sieh dein Volk an, o Herr, es sind lauter Zigeuner.Frischbier2, 3936.


47. Solch Volck muss ein solchen Pfaffen haben.Gruter, III, 82; Lehmann, II, 578, 89; Zinkgref, IV, 249.

Schergen und Henker.

Lat.: Mali laici, mali clerici. (Berthold.) (Zingerle, 86.)


[1678] 48. Solch Volk muss solche Pfaffen han, sprach der Henker, als er Mönch geworden (der ward in Behem ein Priester).Hoefer, 437; Klosterspiegel, 37, 1; Eiselein, 506.

It.: Al popolo pazzo prete spiritato. (Gaal, 1024.)

Lat.: Pallia longa gerit Titius: cur pallia longa? – Ut longum nequam pallia longa tegant. (Sutor, 324.)


49. Soll ein Volk seine Würde lassen, so beordre man Schergen in allen Gassen.


50. Verständigem Volke ist gut predigen.

Holl.: Het is goed preken, daar het volk verstand heeft. (Harrebomée, II, 402b.)


51. Viel Volck, wol geschlagen vnd wol bezahlt, macht kurtze Kriege.Petri, II, 575.


52. Viel Volks, viel Machen, viel Räth', viel Sachen.


53. Völker und Weiber muss man zuerst lieben, wenn man von ihnen geliebt sein will.


54. Wann man dem Volke die Ziegel (und Fronen) doppelt, so kommt Moses.Opel, 384; Eiselein, 688; Sailer, 344; Simrock, 7110.


55. Wenn das Volk aufsteht, wackeln hohe Stühle und niedere Bänke.

Um auszudrücken, wie schwer es ist, eine aufgeregte Volksmasse zu beschwichtigen, sagen die Maoren (Ureinwohner von Neuseeland): Könnt ihr die Brandung beschwichtigen, welche am Felsriff von Rongo-ma-takupe anschlägt? (Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde, in den Jahren 1857-59, II, 317 fg.), wo aus einem Werke des Sir Georg Grey, Gouverneurs von Neuseeland, eine Anzahl Sprichwörter der Maoren mitgetheilt werden.


56. Wenn dat Volk de Köppe to Haupe stecket, is de Herrskug (Herrschaft) verraen. (Osnabrück.)


57. Wer auf das Volk vertraut, hat auf den Sand (Sumpf) gebaut.

It.: Chi fonda in sul popolo, fonda in sulla rena. (Bohn I, 81.)


58. Wer das Volk ehrt, den ehrt es wieder, sagte der Spitzbube, als ihn der Henker zum Galgen fuhr und viel Volks nachfolgte.

Um auszudrücken, dass jemand viel Ehre erwiesen wird, die er nicht verdient, sagt ein ägyptisches Sprichwort: Die Leiche wird von Tausenden begleitet, und der Verstorbene ist ein Hund. (Burckhardt. 46.)


59. Wer das Volk will wohl berathen, sei knapp in Wort und stramm in Thaten.


60. Wer dem Volke dient, hat des Teufels Dank.

In der Herzegowina heisst es: Wer der Welt dient, weiss nicht, von wem er den Lohn fordern soll. (Hausfreund, XVI, 495.)

Lat.: Pro beneficio Agamemnonem mulctarunt Achivi. (Binder II, 2658; Germberg, II, 27.)


61. Wer nicht zu seinem Volke steht, der hasst sein eigen Blut.

Böhm.: Proti své krvi bojuje, kdo svůj národ nemiluje. (Čelakovsky, 226.)


62. Wie das Volk, so der Weihrauch, sagte der Teufel, und briet einen zottigen Hund.

Holl.: Zulk volk, zulke wierook. (Harrebomée, II, 403a.)


63. Wie der Völker Bund, gibt ihr Bündniss kund.

Dauer und Trennung desselben. Bündnisse der Völker können durch äussere Umstände herbeigeführt werden; der Werth derselben wird nach ihrer Dauer bestimmt.

Lat.: Vt plebs fedus amat tmesis non copula famat. (Reuterdahl, 1100.)

Schwed.: Man spör huru folk skils ok ey huru thz saman kombir. (Reuterdahl, 1100.)


64. Wie ein Volk ist (isst), so isst (ist) es.

Ob die Beziehungen zwischen dem Charakter und der Bildung eines Volks und seiner Art zu essen, seiner Küche, in einem solchen Zusammenhange stehen, wie der vorstehende Spruch behauptet, sei hier dahingestellt; aber dass man die Völker oft nach ihrer Art zu essen schildert, ist bekannt. Behaupten die Franzosen auch in der Politik nicht mehr den ersten Platz, so spielen sie doch, wie man versichert, in der Küche die erste Rolle. Ihr Spruch: L'appétit vient en mangeant (der Appetit kommt beim Essen), drückt ihre Ueberlegenheit auf diesem Felde aus. Die übrigen Menschen nennen den Hunger den besten Koch, und der Appetit vergeht ihnen während des Essens. Der Deutsche füllt sich, während er ein Buch oder eine Zeitung liest, also gänzlich geistesabwesend ist, den Magen mit übel aussehender und schlecht zubereiteter Kost. Er betrachtet das Essen als nothwendiges Uebel, dessen Last nur durch die Poesie des Trinkens gemildert wird. Der Engländer verschlingt wie ein Raubthier grosse Massen rohen Fleisches. Er betreibt das Essen als Arbeit, etwa wie das Heizen einer Maschine, damit ihr der Dampf nicht ausgeht. In Italien schmecken alle Speisen [1679] nach Oel, in Ungarn nach Paprika, in Spanien nach Knoblauch. Nur der Franzose versteht den Tisch zu decken, das Auge zu befriedigen, dem Geruch zu schmeicheln und den Gaumen zu reizen. Nach einem deutschen Essen sind wir schläfrig, ermattet, wie Blei liegt es uns in den Gliedern; die Verdauung erzeugt eine Art Krankheit und lähmt wie eine solche den Geist. Nach dem französischen Mahl fühlen wir uns erstarkt, neubelebt und erfrischt, zu jeder Thätigkeit aufgelegt. (Niederschles. Zeitung 1875, Nr. 124.)


65. Wie man mit dem Volck zukompt, so muss man Pfeffer bezalen vnd Meusedreck mit fressen.Petri, II, 791.


66. Will man des Volkes Rechte verbrennen, so müssen die Esel nach Holze rennen.

Dummköpfe sind immer sogleich bereit, das Holz zum Feuer zu tragen, in welchem ihre eigenen Rechte verbrannt werden sollen.


67. Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, sang der Schwabe, und gab dem Preussen einen Klapps.


68. Wo das Volk ist, da ist Nahrung.Simrock, 11022a.


69. Wo viel Volck in Stäten ist, da ist viel glück. Lehmann, 806, 2.


70. Wo viel Volk kommt gelaufen, da lässt sich gut verkaufen.

Lat.: Ubi hominum frequentia, ibi quaestus. (Philippi, II, 230.)


71. Wohnt hier so böses Volk, dass sie dich haben todtgeschlagen, sagte der Insulaner, als er in eine Kirche kam und den Heiland am Kreuze sah.

Unter Insulaner werden hier die Bewohner der ostfriesischen und oldenburgischen Inseln verstanden, die unter der festländischen Bevölkerung als einfältig und dumm verschrien sind. Zu den Beispielen, welche P. Müller zum Beweis dessen erzählt, gehört das vorstehende Sprichwort. In der Handschrift heisst es altfriesisch: Ohn Oynlauhner, Zyhl kuhm in den Tzierk uhn schia usen liufen Heere ont Kruss humpi, sayhnde sick uhn quidde: Tu liefe Môle, is hier sohn hays Volk dat si di habben Daude schlain ûn in di Tzierk ughongi? (S. Katze 216.)


72. Wol dem volck, das Gott zu Herrn hat.Agricola II, 474.


73. Zwischen mich und mein Volk soll sich kein Blatt Papier drängen.

Dies Wort wird Friedrich Wilhelm IV. in den Mund gelegt, er hat es aber in dieser Form nicht gesprochen. Er sagte vielmehr in der Rede, mit der er am 11. April 1847 den ersten allgemeinen Landtag eröffnete: »Es drängt mich zu der friedlichen Erklärung, dass ich nun und nimmermehr zugeben werde, dass sich zwischen unsern Herrgott im Himmel und dies Land ein beschriebenes Blatt, gleichsam als eine zweite Vorsehung, eindränge.« Er meinte eine Landesverfassung mit Volksvertretung, und es war kein Jahr vor den Märztagen 1848.


*74. Das Volk der Denker.

Sprichwörtliche Bezeichnung des preussischen Volkes, wie es das Volk in Waffen genannt wird. Die Quelle des Ausdrucks hat bis zur 9. Aufl. von Büchmann's Geflügelten Worten noch nicht nachgewiesen werden können.


*75. Das Volk in Waffen.

Zur Bezeichnung des preussischen, aus der allgemeinen Wehrpflicht hervorgegangenen Heeres. Der sprichwörtlich gewordene Ausdruck ist weder, wie von Kleist-Retzow in der Sitzung des preussischen Herrenhauses vom 13. August 1866 irrthümlich annimmt, von Friedrich Wilhelm IV. zuerst gebraucht, noch ist er von dem Ausspruch Napoleon's am 30. Dec. 1813: »A l'aspect de tout ce peuple en armes« herzuleiten; er ist vielmehr echt deutschen Ursprungs und findet sich zuerst in einer im Jahre 1837 bei Becker in Wesel von Hermann Neumann unter dem Titel Erz und Marmor herausgegebenen Sammlung Balladendichtungen. In dem Zueignungsgedicht An Preussens Heer lautet die erste Strophe: »Gegrüsset, Preussen, Männer sonder Wanken, du Volk in Waffen, du Spartanerheer. Borussia, du Wonne der Gedanken, Borussia, du Wort, wie Gold so schwer.« In der Schlesischen Zeitung (vom 15. Oct. 1871, Nr. 479) erklärt der Dichter, Garnisons- Oberinspector in Neisse, dass er der Urheber des Worts ist, und zwar, weil die 4. Aufl. von Büchmann's Geflügelten Worten darüber noch im Ungewissen war. In der Thronrede vom 12. Juni 1860 heisst es: »Es ist nicht die Absicht, mit dem Vermächtniss einer grossen Zeit zu brechen. Die preussische Armee wird auch in Zukunft das preussische ›Volk in Waffen‹ sein.« – In den Schles. Provinzialblättern (1870, S. 628) ist in einer Anmerkung angeführt, der Ausdruck soll sich bereits in den Kriegsliedern von 1813 finden. Im folgenden Jahrgange dieser Zeitschrift (1871, S. 27) nimmt aber der Dichter [1680] die Urheberschaft für sich in Anspruch, oder verlangt, dass Stellen als Beläge dafür, dass er vor ihm gebraucht worden sei, beigebracht würden, was bisjetzt, obgleich inzwischen vier Jahre verflossen und Büchmann's Geflügelte Worte bereits bis zur 9. Auflage vorgeschritten sind, noch nicht geschehen ist. Der Nachweis darf also unangezweifelt als geführt gelten, dass der seitdem, am 11. Sept. 1875 zu Neisse verstorbene Dichter Hermann Neumann der wirkliche Urheber des Worts ist.


*76. Er gehört zu dem Volke, das mit den Pfaffen säuft und beim Teufel beichtet.

Holl.: Hij is van het volkje, dat met den paap mooi weêr speelt, en bij den duivel te biecht gaat. (Harrebomée, II, 402b.)


*77. He givt sinem Volk Welge un Wêdage. (Holst.) – Schütze, IV, 333.

Volk bezeichnet in dieser Mundart Dienstboten. Sinn: Er gibt seinem Gesinde schlechtes Essen.


*78. Solch Volk, solch Wetter.

Scherzend, wenn eine Gesellschaft auf einem Spaziergange von einem Regenwetter überrascht wird.


*79. Unter das Volk kommen.

In jenen Jahren, sagte eine alte Landfrau in der Niederlausitz, kam ein Mann unters Volk, d.h. er wurde Soldat.


*80. Völker (Leute) und Zungen.

Eine biblische Redensart, welche sich im Propheten Daniel wiederholt findet, so im Kapitel 3, 4; 7, 29; 5, 19; 6, 25; 7, 14. In der Offenbarung Johannis (5, 9; 7, 9; 10, 11; 11, 9; 14, 6; 17, 15) kommt diese Redensart etwas abweichend in verschiedener Fassung vor: »Zungen und Volk, Heiden, Völker und Sprache u.s.w.«


[Zusätze und Ergänzungen]

81. Des Volkes Liebe ist des Fürsten sicherste Leibwache.

Lat.: Magnum satellitium amor. (Sailer, Sprüche, 112, 66.)


*82. Dem Volke zum Spiegel, zum Zügel, zum Riegel.

Quelle:
Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 5. Leipzig 1880, Sp. 1794.
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