Wunsch

1. Aus den Wünschen erkennt man den Mann.

Die Aegypter haben das Sprichwort: »Was wünscht der Blinde?« fragte man. »Einen Korb voll Hühner«, war die Antwort, wenn er auch nicht sieht, so mag er doch gern stossen. (Burckhardt, 512.)


2. Bliesen die Wünsche wie Winde, dann hätten die Müller es gut.Altmann VI, 487.

Die Wünsche der Menschen sind sehr verschieden.

It.: Non è ogni cosa da desiderare a ciascuna.


[452] 3. Dem ersten Wunsche genügt ein Kamel, dem zweiten nicht die Kamelheerde.

Wunsch ist in der alten Sprache der Inbegriff von Heil und Seligkeit, die Erfüllung aller Gaben. (Grimm's Mythologie, 99.)


4. Der Wunsch, zuviel hineinzustecken, sprengt den Sack.


5. Die Wünsche han ein guten Sinn; wo sie aussgehn, da gehn sie hin. (Hessen.) – Schottel, 1116a; M. Zeiller, Handbuch, I, 260.


6. Ein Wunsch in diesem Jahr ist so gut, wie zwei im vorigen.

Lat.: Id dedit ante dupla quod adoptio simpla det orno. (Reuterdahl, 449.)

Schwed.: Swa godh aer een wsk (ynsk) i aar som twa i fiordh. (Reuterdahl, 449.)


7. Ein Wunsch ist noch kein Wille.

Frz.: Désir n'est pas volonté. (Čelakovsky, 506.)


8. Einen Wunsch weniger im Herzen ist so gut, als einen Beutel mehr im Hause.


9. Erfüllte Wünsche machen nicht satt.

Die Chinesen sagen: Wer glaubt, seine Wünsche durch den Besitz zu befriedigen, will Feuer mit Stroh löschen. (Cahier, 2044.) – Wunsch und Befriedigung, sagen die Araber, gehen nie zusammen. (Cahier, 2384.)


10. Es gehen viel wüntsch in ein sack.Gruter, III, 31; Lehmann, II, 152, 101; Simrock, 11920; Gaal, 1769; Sailer, 164.

»Wüntschen, verlangen, warm sommertag, der gehn viel in einen hopffensack.« (Waldis, IV, 63, 63.)

Holl.: Daar gaan veel beden in een' zak. (Harrebomée, I, 35.)

11. Es gehet nicht mit wünschen zu.Henisch, 1436, 13.


12. Frommer Wunsch ist halber Besitz.


13. Jeder hat seine Wünsche, der Kaiser, dass die Welt nur Einen Hals hätte, der Mönch, dass alle Bücher nur Ein Buch wären. Klosterspiegel, 69, 18.


14. Jeder Wunsch wächst durch Aufschub.

Lat.: Cuncta desideria dilatione crescunt. (Philippi, II, 105.)


15. Man muss seinen Wünschen ein bestimmtes Ziel setzen.

It.: A' tuoi voti prescrivi un segno fisto.


16. Mein Wunsch und mein Begehren ist nach Gott und guten Ehren, alle Ding zum besten wenden und mein Leben selig enden.Gerlach, 42.


17. 'S geht alles nach Wunsch, wemmer mit allem z'friede isch. (Frickthal in Aargau.) – Schweiz, II, 184, 37.


18. Vier unnütze Wünsch sind in der Welt: Hett' ich, sollt' ich, könnt' ich vnd möcht' ich. Gruter, III, 91; Lehmann, II, 801, 91.


19. Wären Wünsche gebratene Tauben (Bratlerchen), jeder Lump würd' sie zum Frühstück nehmen.


20. Wem alles nach Wunsch und Willen geht, der ist mit seinem Geschick zufrieden.

Lat.: Sors hominem lenit quando placendo venit. (Reuterdahl, 927.)

Schwed.: Thz aer got maen aepther wilia gar. (Reuterdahl, 927.)


21. Wem alles nach Wünschen geht, der versteht die Unglücklichen nicht.

Holl.: Dien 't alles gaat naar zijnen wensch, acht dien een' ongelukkig' mensch. (Harrebomée, II, 449b.)


22. Wenn alle wünsche gerieten mier, so waer Ich hertzlieb alzeit bey dier; Kom heiliger Engell, führe mich hin, da lass mich, da ich am liebsten bin.Aus einem Manuscript der königl. Bibliothek zu Königsberg aus dem 17. Jahrhundert.


23. Wenn alle Wünsche wahr wären, die Welt würde sich ganz verkehren.

Frz.: Si les souhaits étoient vrais, les pastoureaux deviendroient Rois. (Kritzinger, 516b.)

24. Wenn Wünsche Kuchen wären, so hätten die Bettler alle Tage Kirmess.

Dän.: Kunde ynske altiid hjelpe, da gik ingen at tigge. – Kunde ynske altiid hjelpe, da vare alle lige rig. (Prov. dan., 568.)

[453] Engl.: If wishes were butter-cakes, beggars might bite. (Bohn II, 143.) – If wishes were trushes, beggars would eat birds. (Bohn II, 143.) – If wishes would bide, beggars would ride. (Gaal, 1769; Bohn II, 143.)


25. Wenn Wünsche wahr würden, würden Kuhhirten Könige.

Frz.: Si souhaits fussent vrais, pastoureaux rois seraient. (Cahier, 1658.)


26. Wenn's nicht geht nach Wunsch und Willen, ertrag es nur im Stillen.

Lat.: Patere quod datur, quando optata non dant dii. (Philippi, II, 84.)


27. Wünsche füllen den Sack nicht.

Dän.: Ynske er ei altid gavnlig. (Prov. dan., 568.)

Frz.: Onques souhaits n'emplirent sac. (Cahier, 1656; Kritzinger, 657a.)

It.: E più facile desiderate chè arrichire. – Per desiderio sol nessun diventa ricco. (Pazzaglia, 86, 2 u. 11.)

28. Wunsche heft enen goden sinn, dar se utgât, gât se wedder in. (Lübben.)


29. Wünsche lösen Wünsche ab.


30. Wünsche sind billig und Hoffnungen wohlfeil.Altmann VI, 481.


31. Würden alle Wünsche erfüllt, so gäb' es keine Nonnen.Eiselein, 651.

In Westfalen: Wenn alle Wünske geraen, dann gäwt et keine Nunnen. – So würde der Bettler zum Bei werden, sagen die Türken. (Cahier, 2587.)


*32. Er will mit seinen Wünschen zu hoch hinaus.

Lat.: Ne contra bovem opta. (Philippi, II, 10.)


*33. Es geht alles nach Wunsch.

Lat.: Omnia quadrata currunt. (Binder II, 2400.)


*34. Es sind fromme Wünsche.

D.h. solche, bei denen auf wenig oder keine Erfüllung zu rechnen ist. Jüdisch-deutsch: Es is a Tfille (Gebet) schow (umsonst, vergebens), d.i. ein unerreichbarer Wunsch.

Lat.: Pia desideria.

Quelle:
Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 5. Leipzig 1880, Sp. 452-454.
Lizenz:
Faksimiles:
452 | 453 | 454
Kategorien:

Buchempfehlung

Jean Paul

Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung

Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung

Der Held Gustav wird einer Reihe ungewöhnlicher Erziehungsmethoden ausgesetzt. Die ersten acht Jahre seines Lebens verbringt er unter der Erde in der Obhut eines herrnhutischen Erziehers. Danach verläuft er sich im Wald, wird aufgegriffen und musisch erzogen bis er schließlich im Kadettenhaus eine militärische Ausbildung erhält und an einem Fürstenhof landet.

358 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon