Johannes [1]

[505] Johannes (der Täufer), der große Zeitgenosse und Vorgänger Jesu, wurde in Judäa dem Priester Zacharias und der Elisabeth, einer Freundin und Verwandten der Maria, geboren, als Beide schon betagt waren. Der Engel Gabriel soll die Geburt des Kindes vorausverkündigt haben und Zacharias bis zu dem Augenblicke stumm geworden sein, an welchem das Kind seinen Namen erhalten sollte, den er zum Erstaunen Aller nach dem Befehl des Engels laut ausrief: Johannes, d.h. Geschenk Gottes. Kurz vor dem öffentlichen Auftreten Jesu erscheint I. in der Wüste Juda unsern des todten Meers in der strengen Lebensweise eines Gottgeweiheten (Nasiräer), der den Genuß des Weins und aller geistigen Getränke meidet, mit Ziegenfellen bekleidet ist, um die Lenden einen Ledergurt trägt und von Kräutern und wildem Honig lebt. Er verkündigte die Nähe des Himmelreichs, ermahnte mit mächtiger Bußpredigt zur sittlichen Umkehr als des Reichs Bedingung, und vollzog die Taufe als Sinnbild und Gelübde derselben. Auch Jesus ließ sich taufen und wurde bei der Taufe von I. durch ein erwartetes inneres und äußeres Anzeichen als Messias erkannt. Von nun an freute sich I., klein zu werden, damit jener groß würde, und führte ihm die ersten Jünger zu, ohne doch selbst ihm nachzufolgen. Seine Vorstellung von dem Messiasreiche war die auch den Jüngern Jesu anfänglich anhaftende von einem irdischen Könige, daher seine Mahnung an den zaudernden Messias, daher der Ausspruch Jesu, daß der Kleinste im Himmelreiche größer sei, als I., ungeachtet er ihn für den größten Propheten erklärt hatte. Weil I. seiner rauhen Tugend, seines freien strafenden Worts wegen bei Hohen und Niedern im Volke in großem Ansehen stand, hatte sein Zeugniß für Christus große Wichtigkeit. Der Tadel, den I. unverholen über die ehebrecherische Vermählung des Herodes Antipas mit der Herodias aussprach, brachte ihn in die Gefangenschaft auf eine Bergfeste in Galiläa, wo er hingerichtet wurde, als Herodes bei einem Feste, entzückt über die Jugendschönheit seiner Tochter Salome, ihr eine Bitte zu erfüllen versprach, und Herodias, die ebenso rachsüchtig als listig war, die Stieftochter anstiftete, um das Haupt I.'s des Täufers zu bitten. Noch rächte sich Herodias an dem Leichname des Heiligen, indem sie seine Zunge mit Nadeln durchstach.

Die Johannesjünger bestanden als besondere Sekte am Jordan fort, wandten sich aber beim Einfalle der Araber in Palästina nach Syrien und Persien, wo sie im 17. Jahrh. von jesuitischen Missionaren unter dem Namen der Zabier (Nazaräer, Mandäer) aufgefunden wurden. Sie besitzen heilige Schriften, die eine gemischte, der Lehre der Perser von zwei Urwesen nicht unähnliche Religion enthalten, als deren Vermittler sie den I. verehren, mit dem sich ein Wesen des Lichtreichs vereinigte, um die Menschen aus dem Reiche der Finsterniß zu erlösen. Dieser Religion entspricht eine Sittenlehre, die auf gänzliche Unterdrückung der Sinnlichkeit als Grund des Bösen dringt. Die Taufe ist den Zabiern die heiligste und wichtigste Handlung, die sowol an Neugeborenen als an Erwachsenen, an diesen wenigstens jährlich einmal an einem fünftägigen Tauffeste, verrichtet [505] wird. Den Stifter des Christenthums erkennen sie nicht als jenes von ihnen verehrte Lichtwesen an.

Als Gedächtnißtag der Geburt des I. feierte die Kirche seit dem 5. Jahrh. das Johannisfest oder den sogenannten Johannistag. Die Feier desselben wurde auf den 24. Jun. verlegt, da I. sechs Monate älter war als der Erlöser und man dessen Geburtsfest auf den 25. Dec. festgesetzt hatte. In der katholischen Kirche war dieses Fest immer ein halber Feiertag, ist aber hin und wieder durch päpstliche Erlaubniß in verschiedenen Gegenden abgekommen und die Arbeit, nach angehörter Messe, wie bei mehren andern Fest-und Aposteltagen, erlaubt worden. Wo es noch bei den Protestanten üblich ist, da ist es ein halber Feiertag. Der in manchen Gegenden übliche Gebrauch, Feuer in der Nacht vor dem Johannistage anzuzünden (Johannisfeuer) und darüber zu springen, um durch den Dampf den Teufel abzuwehren, ist ein Rest der von den alten Deutschen und Sorben beim Eintritte der Sonnenwende begangenen Feierlichkeiten. An andern Orten begeht man am Johannistage ein Blumenfest und bekränzt die Gräber der geliebten Todten.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1838., S. 505-506.
Lizenz:
Faksimiles:
505 | 506
Kategorien: