Siel

[446] Siel (Deichschleuse), Vorrichtung mit beweglichem Verschluß, um aus eingedeichten Niederungen das Wasser durch den Damm abfließen zu lassen, wenn der Außenwasserstand niedrig ist, oder um höhere Außenwasserstände vom eingedeichten Gelände abzuhalten. Das S. kann auch den kleinen Watt- und Binnenschiffen als Durchfahrt und zu Bewässerungszwecken dienen. Siele sind als notwendiges Zubehör der Deiche ebenso alt wie diese. An der norddeutschen Küste soll das älteste S. an der Jade bei Vriddewarden bereits 970 erbaut und 1218 fortgerissen worden sein. Die meisten deutschen und holländischen Bauwerke dieser Art dürften aus dem 12. und 13. Jahrh. stammen. Flußdeichsiele bleiben oft monatelang geschlossen, während Seedeichsiele, abgesehen von Stürmen, täglich zweimal bei Ebbe und Flut selbsttätig ausgehen und sich wieder schließen. Je nach der Höhe der Deiche hat man bedeckte und offene Siele. Bedeckte Siele liegen vollständig im Deichkörper und sind deshalb bei Hochwasser mehr geschützt. Offene Siele pflegt man da zu bauen, wo die Deichhöhe zu gering ist, oder wo ein bedecktes S. nicht die nötige Lichthöhe für die Schiffahrt gewähren würde. Die Siele werden aus Holz (Bohlen-, Ständer-, Balkensiele) oder aus Gemäuer erbaut. Bei kleinen Binnen- oder Kojedeichen wendet man Pump- oder Klappsiele an, die aus Bohlen, aus Tonröhren. aus Zement oder Gußeisen zusammengesetzt sind. Bei ihnen besteht der Verschluß aus einer um eine obere, wagerechte Achse drehbaren Klappe, bei den größern Deichschleusen aus Stemmtoren, die wie Schleusentore gebaut sind. Meist sind außer den täglich sich öffnenden Toren noch Sturm- oder Nottore vorhanden, die im Fall einer herannahenden Sturmflut zur Erhöhung der Sicherung geschlossen werden. Zum Zurückhalten des Binnenwassers werden an der Innenseite des Sieles Schützen oder Ebbetore angebracht, die im Gegensatz zu den Schutztoren nach dem Binnenwasser zu stemmen. Die Weite der Siele richtet sich nach der Größe des zugehörigen Abwässerungsgebietes (Sielacht, Sielverband). Zur Beaufsichtigung der Siele sind Sielrichter, Sielgeschworne angestellt. Einlaß- oder Bewässerungsschleusen sollen schlickhaltiges Wasser in die Niederungen eintreten lassen, um eine allmähliche Erhöhung und Befruchtung des Bodens zu erreichen. – Siele nennt man in einigen Städten auch die unterirdischen Straßenkanäle zur Ableitung der Abwässer.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, S. 446.
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