Rolle [2]

[239] Rolle, in der Schauspielkunst die einzelne Partie, welche einem Schauspieler übertragen wird, so genannt von dem zusammengerollten Heft, welches einen schriftlichen Auszug des zu recitirenden Vortrags u. des dabei bemerkten stummen Spiels u. sonstiger ihn bes. treffende Anordnungen enthält. Beim Ausschreiben der R-n werden die letzten Worte des Vorhersprechenden (Stichwörter) mit angeführt, damit der Darsteller zur rechten Zeit mit seiner Rede einfalle, u. dies nebst Allem, was sich auf mimisches Spiel u. Scenerie bezieht, ist gewöhnlich zur Auszeichnung mit farbiger Tinte unterstrichen. Der Schauspieler muß nächst dem Memoriren seine R. studiren, d.h. den Charakter derselben richtig auffassen u. denselben sowohl im Einzelnen, als auch zum Ganzen (Ensemble) des Stückes gehörig modificiren. Da Talent, körperliche u. geistige Bildung, Organ u. Lebensalter dem Schauspieler meist den Bereich seiner Kunstleistungen (Rollenfach) vorschreiben, so nimmt man gewisse Eintheilungen an, nach denen die Engagements erfolgen. Diese sind: A) Hauptrollen, die wichtigsten Partien im Drama u. Lustspiel, u. diese zerfallen wieder in a) Liebhaberrollen; man unterscheidet für das recitirende Schauspiel: seriöse od. erste Liebhaberpartien, welche körperlich von der Natur sehr begünstigte Künstler u. Künstlerinnen erfordern, die zugleich gute Darsteller dieses Fachs sein müssen; zweite Liebhaberpartien, zur Erfüllung eines gleichen Rollenfachs, sind von minderem künstlerischen Belang; muntere, joviale Liebhaber u. bes. Liebhaberinnen, als Gegensatz der seriösen Liebhaber; die Liebhaberpartie, welcher der Dichter den Charakter gutmüthiger Laune u. witziger Gewandtheit zugetheilt hat; b) Helden, welche die ersten R-n im Trauer- u. Schauspiel darstellen u. kräftigen schönen Wuchs u. sonore starke Stimme erfordern; c) edle Väter u. Mütter, welche das mittlere u. spätere Alter treu darstellen; d) komische Alte, komische Partien im Lustspiel, in denen ein zur unrechten Zeit u. mit beschränkter Ansicht über jede Kleinigkeit auffahrender Charakter vorherrscht, daher er am Ende stets seine Absichten verfehlt od. betrogen wird; e) zärtliche Väter u. Mütter; f) Anstandsrollen, zu denen die Vorigen meist gehören u. welche Weltlust in der gehörigen Würde geben; h) Komiker, welche ihren Partien eine komische Seite abzugewinnen u. schon beim ersten Auftreten Lachen zu erregen wissen müssen; i) Intriguants, welche hinterlistige, meist die Intrigue des Stücks schürzende Partien wahr u. treu darstellen sollen. B) Nebenrollen: a) die Soubretten, weibliche R-n, meist Kammermädchen u. dgl., schnippisch, naiv; b) Mantelrollen, untergeordnete Intriguantenpartien im Schauspiel u. der Oper, deren nur kurzes Erscheinen zwar wenig motivirt ist, aber doch auf die Entwickelung des Stücks einwirkt, z.B. der Bandit in Emilia Galotti, der Geist im Hamlet; c) Bedientenrollen, verschmitzt, spitzbübisch, Helfershelfer bei allen Intriguen; d) Anmelderollen, oft auf das Bringen eines Briefs od. auf einige Worte beschränkt; e) Statisten (s.d.). Bei der Oper richten sich die R-n nach dem Umfang der Stimme (erste Sängerin, erster, zweiter Tenor, Bariton, Baß etc.). Nur ausgezeichnete Talente können mehre oft heterogene Rollenfächer gleich gut ausführen. Die Sucht, jede R. ohne Unterschied zu spielen, bezeichnet man mit dem Ausdruck Rollen fressen. Dankbare R-n nennt man vorzugsweise diejenigen, welche bes. ansprechen u. das Interesse der Zuschauer wecken; in gleichem Sinne spricht man auch von naiven, sentimentalen, glänzenden etc. R-n u. dgl. Costüme-Rollen werden die R-n genannt, wo eine bes. prachtvolle Garderobe u. weniger der innere Gehalt die Pointe gibt.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 14. Altenburg 1862, S. 239.
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