Schiller, Johann Christoph Friedrich von

[96] Schiller, Johann Christoph Friedrich von, Johann Christoph Friedrich von. Ein romantisches Schweizerthal mit grotesken Felsengruppen; – melancholisch wölbt sich der Himmel darüber mit seiner geheimnißvollen Tiefe; rings von den Bergen erklingt der melodische Kuhreihen, wie eine stille Ahnung aus fernen, entlegenen Küsten. Hohe Frauengestalten schweben feenhaft an den Klippen hinauf, um von der Höhe in das dunkelrothe Strahlenmeer der Sonne zu schauen, die eben hinter dem Thränenschleier der Wolken hervor der geliebten Erde ihr »Lebewohl!« zuruft. Ein drastisch geschürztes Gewand umschließt die harmonischen Glieder, unsterbliche Schöne leuchtet aus jedem Antlitz die blendend weiße Stirn redet Hoheit und Adel. Kräftige Männergestalten, Krieger und Hirten schließen sich dem Zuge an, Alles nur Wolk' und Luft, magische Göttergestalten einer andern Welt, wo die Idealität Alleinherrscherin ist. Aber auf einer einsamen Klippenzacke gegenüber unter dem schattigen Ulmbaume von zärtlichem Epheu umschlungen, erblickt mein Auge einen ernsten Mann mit langen, fliegenden Locken, in tiefem Nachsinnen an eine goldne Harfe gelehnt. Seine lange Gestalt, das hagere, bleiche Gesicht mit den Spuren der Kränklichkeit verräth Anfangs wenig. Aber da schlägt er auf einmal das träumerische Auge auf mit seinen tiefblauen wunderbaren Räthseln und der unergründlichen Tiefe der Begeisterung; die gewölbte, freie Stirn, die er früher gesenkt, verkündigt sogleich den Dichter und Denker. Es ist der Kopf des Johannes, von Albrecht Dürer gezeichnet; seine Lippen wollen sich zum Sprechen öffnen, und über das ganze Antlitz, dem plötzlich eine leichte Röthe anfliegt, verbreitet sich in unbeschreiblicher Anmuth die heiligste Freude. Denn eben, gerade ihm gegenüber, wo der griechische Marmortempel die Spitze des Berges krönt, erhob sich ein plötzliches Jauchzen. Jung und Alt, vornehme Fremde, die Hirten und Hirtinnen des Thals, Alles drängt sich freudig um eine idealische Mädchengestalt, die schön und wunderbar mit dem Jubelgesang der ersten Lerchen in dieses Thal kam, um Blumen und Früchte, die auf einer andern Flur reiften,[96] mit jungfräulichen verschämten Wangen an alle, die ihr freundlich entgegenkamen, liebend zu vertheilen. Wer ist das reizende Mädchen, in deren beseligender Nähe alle Herzen weit werden? Wer anders als das Mädchen aus der Fremde, sie, die nur auf das heilige, stürmische Begehren des bleichen Sängers von drüben jetzt den Sitz der Unsterblichen verließ? Es ist die Muse des unsterblichen Schiller, des edelsten, wenn auch nicht größten Dichters der Deutschen, – der, in allen seinen Beziehungen als Mensch, Dichter und Denker schon längst ein Eigenthum der ganzen Nation »wohl bei keiner Leserin erst eines großen biographischen Denksteins bedarf Daher hier nur eine. kurze Wiederholung der hauptsächlichsten innern und äußern Momente seines Lebens, gleichsam ein letzter, fröhlich genießender Blick über die reiche, königliche Landschaft, die wir schon längst mit liebender Emsigkeit nach allen Seiten hin durchforschten! – S. wurde am 10. Nov. 1759 zu Marbach, einem Städtchen in Würtemberg, geboren. Bei der häufigen Abwesenheit seines Vaters, damals Lieutenant in würtembergischen Diensten, übte S's fromme Mutter den entschiedensten Einfluß auf das weiche Gemüth des Knaben aus, der, nachdem er eine Zeit lang die öffentliche lateinische Schule zu Ludwigsburg besucht, 1773 in die von dem Herzoge von Würtemberg auf dem Lustschlosse Solitüde gestiftete Militairakademie eintrat. Hier mußte er wider seinen Willen sich dem Studium der Medicin widmen, und konnte bei den hemmenden Fesseln des bis zum Despotismus gesteigerten Schulzwanges nur heimlich seine Dichter lesen und den poetischen Funken nähren. Aber der wahre Genius siegte. Von 1777 an schafft der 18jährige Jüngling das gigantische Werk fesselloser Jugendkraft voll himmelstürmender Titanengedanken: »die Räuber.« Drei Jahre später zum Regimentsarzt ernannt, läßt er seine »Räuber,« für die er keinen Verleger findet, auf eigene Kosten drucken. Bald wird diesem Werke die öffentliche Anerkennung: er tritt in Correspondenz mit dem da maligen Director des Mannheimer Theaters, dem Freiherrn von[97] Dalberg, und wohnt heimlich der ersten Aufführung seines Erstlingsstückes bei, welche Dienstverletzung ihm einen vierzehntägigen Arrest und das Verbot zuzieht, außer medicinischen Schriften nie etwas drucken zu lassen. Des Zwanges endlich müde entschließt sich S. 1782 zur Flucht und begibt sich unter fremdem Namen nach Beuerbach bei Meiningen, einem Gute der geheimen Räthin von Wollzogen, mit deren Sohne er zu Stuttgart in freundschaftlicher Verbindung gelebt hatte. Hier wurde ihm die erste ungestörte Muße, die er zu Ausarbeitung seines »Fiesko« und des Trauerspiels: »Kabale und Liebe« verwendete. In einen höhern Wirkungskreis trat er im Herbste des folgenden Jahres an der Mannheimer Bühne, die damals durch die Anwesenheit Iffland's, Beck's etc. auf einer hohen Stufe der Vollkommenheit stand, und die er gänzlich umgestalten und zu einer nationellen, moralischästhetischen Anstalt erheben wollte. Im Mai 1785 begab er sich auf die Einladung vieler befreundeten Männer nach Leipzig, verlebte da den Sommer theils in der Stadt, theils in dem freundlichen Dorfe Gohlis, wo sein herrliches »Lied an die Freude« entstand, und ging im Herbste nach Dresden, wo er durch das Sammeln von Materialien zu »Don Karlos« tiefer in das Gebiet der Geschichte eingeführt wurde, und in ihm zugleich der später realisirte Entschluß entstand, eine »Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande etc.« zu schreiben. Auf dem herrlich gelegenen Weinberghause seines Freundes, des Appellationsrathes Körner in Loschwitz bei Dresden, vollendete er eins der schönsten Werke der dramatischen Kunst, seinen »Don Karlos.« 1787 wandte sich S. nach Weimar, trat hier mit Herder und besonders mit Wieland in nähere Verbindung und begann seine metrischen Uebersetzungen aus Euripides. In Rudolstadt lernte er seine nachmalige Gattin, ein Fräulein von Lengefeld, kennen, welche im Jahre 1790 die Seinige wurde und ihn im Laufe einer sehr glücklichen Ehe mit 4 Kindern, 2 Söhnen und 2 Töchtern, beschenkte. In Rudolstadt sah er auch Göthe zum ersten Male, welcher ihn nicht nur bei der geistreichen verwitweten Herzogin von Weimar einführte, sondern auch 1789 seine Anstellung[98] als außerordentlicher Professor der Philosophie in Jena vermittelte, wo er unter allgemeinem Beifall historische Vorlesungen hielt, mit großem Eifer alle Tiefen der damaligen Philosophie durchforschte und seine »Geschichte des dreißigjährigen Krieges« schrieb, die mit allgemeiner Begeisterung aufgenommen wurde. Der Herzog von Meiningen ernannte ihn 1790 zum Hofrath, die französische Republik übersandte ihm das Bürgerrecht und der deutsche Kaiser erhob ihn im Jahre 1802 in den Adelstand. Vor Allem wirkte sein Briefwechsel und persönlicher Umgang mit Göthe bildend und läuternd auf seine Ansichten ein, und die Vollendung des unsterblichen »Wallenstein« schloß würdig die zweite Periode von S's Dichterleben. Um dem Theater näher zu stehen, vertauschte er im Jahre 1799 seinen Aufenthalt in Jena mit dem zu Weimar, wo er im Kreise einer glücklichen Familie und im Bewußtsein der Hochachtung von ganz Deutschland ein reiches Künstlerleben lebte. Zwei neue Meisterwerke der dramatischen Kunst traten während der Jahre 1801 und 1802 an das Licht: »Maria Stuart« und die »Jungfrau von Orleans,« welche letztere namentlich durch die Verklärung des weiblichen Heldenmuthes auf das Anziehendste fesselt. Eine neue Bahn betrat er mit seiner »Braut von Messina« (1803), in der er die Einführung des griechischen Chors in die moderne Tragödie versuchte. Sein letztes großes Vermächtniß an die Unsterblichkeit ist aber »Wilhelm Tell.« – Wir können hier nicht alle seine Schriften und die Entstehung seiner kleinen Gedichte erwähnen, und überhaupt hier keine umfassende Charakteristik seiner Werke geben; S's Individualität, welche Alles veredelnd sich stets über die Wirklichkeit in das Reich der Ideale emporhob, alle Erscheinungen im verklärten Lichte erblickte und entschieden zu dem Ernsten und Erhabenen, zu dem Hochheiligen sich hinneigte, ist bekannt genug. Kein Dichter hat zugleich wie er die Würde und Anmuth der Frauen so geistig mit keuschem und reinem Gemüthe verherrlicht, gelang es ihm auch nicht so treffend und wahr wie Göthe, die Milde, das Weibliche der Frauen[99] zu schildern.. Die schmerzlichste Theilnahme ergriff ganz Deutschland bei der unerwarteten Nachricht von seinem am 9. Mai 1805 erfolgten Tode: mitten in der Blüthe der Manneskraft, im heißen Ringen nach dem Ewigen und Göttlichen, starb er in einem Alter von 46 Jahren. Doch er lebt stets in dem, was er gewirkt und gewollt. Dankbar beeifert sich die Nachwelt ihm ein prachtvolles, seiner würdiges Monument zu setzen; – aber das schönste und bleibendste Denkmal ist ihm schon errichtet in dem Herzen seines Volkes, welches einmüthig seiner Muse huldigt, die S. selbst mit dem gerechten Stolze der Wahrheit sagen läßt:

Die Muse naht, ihr Urtheil zu empfangen;

Sie achtet es, doch fürchtet sie es nicht.

Des Guten Beifall wünscht sie zu erlangen,

Den Wahrheit rührt, den Flimmer nicht besticht.

Nur wem ein Herz empfänglich für das Schöne

Im Busen schlägt, ist werth, daß er sie kröne!

S....r.

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 9. [o.O.] 1837, S. 96-100.
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