Schiller [2]

[80] Schiller, Joh. Christoph Friedrich von, der größte Dichter der neueren Zeit nach Göthe, hinsichtlich der natürlichen Anlagen, Schicksale, Lebensrichtung und dichterischen Schöpfungen vielfach der Gegensatz, zugleich aber auch die glückliche Ergänzung desselben, dabei wohl von noch weitergreifendem Einflusse als dieser, weil als Dichter des Fortschrittes u. als Vertreter der deutschen Gemüthlichkeit, Ueberschwänglichkeit und hohen Sittlichkeit der Liebling der Jugend u. Frauenwelt, geb. am 11. Novbr. 1759 im württemb. Städtlein Marbach, war der Sohn von Kaspar S., der als Offizier bis zum Range eines Hauptmanns emporstieg und zuletzt Inspector des herzogl. Schlosses Solitude bei Stuttgart wurde, und der Elisabetha Dorothea S., geb. Kodweiß, einer frommen und gemüthreichen Mutter. 1768–1773 besuchte S. die lateinische Schule zu Ludwigsburg und gedachte sich der Theologie zu widmen, aber der Wunsch des Herzogs Karl von Württemberg machte ihn zum Schüler der neugegründeten u. hinsichtlich der Schulzucht in die strengsten Formen militärischer Disciplin eingezwängten Karlsschule, aus der übrigens außer S. noch viele tüchtige Männer hervorgegangen sind. Er sollte Jurist werden, setzte aber durch. daß er die trockene Rechtswissenschaft mit der seinem poetischen Gemüthe immerhin noch mehr zusagenden Medicin vertauschen durfte. Bereits in die Karlsschule hatte er große Liebe für Klopstock und andere deutsche Dichter mitgebracht und sehr früh poetische Versuche angestellt, vom Lesen und Dichten vermochten ihn und einige Schulkameraden alle Verbote und Strafen nicht abzubringen. Wie aber die eiserne Schulzucht u. erzwungene Standeswahl, das Studium der Geschichte u. die Lectüre von Plutarch, Shakesspeare, J. J. Rousseau, Leisewitz, Göthe u.s.w. auf das tiefinnige und idealreiche Dichtergemüth des Jünglings einwirkten, das donnerte er in den »Räubern« in die Welt hinaus, die bereits 1777 gedichtet wurden, 1781 gedruckt erschienen u. sofort einen unerhörten Sturm des Beifalls wie des Tadels hervorriefen. Bereits 1780 hatte er die Karlsschule mit Ehren verlassen u. war Regimentsarzt geworden; der Freiherr von Dalberg in Mannheim ließ die bühnengerecht umgearbeiteten Räuber 1782 aufführen, S. wohnte der Aufführung bei. Weil er Urlaub zu dieser Reise doch nimmermehr erhalten hätte, war er ohne solchen nach Mannheim gekommen, dafür wurde er 14 Tage eingesteckt und als ein bornirter Graubündner im Namen seiner Landsleute gegen eine Stelle der Räuber Klage erhob, untersagte man dem Dichter alle Schriftstellerei. Dieser forderte seine Entlassung, wurde abschlägig beschieden u. floh im September 1782; unter einem angenommenen Namen, von Geldnoth bedrängt und vom Herzog bedroht, lebte er einige Zeit zu Oggersheim bei Mannheim, dann aber als Gast auf dem Gute der Frau von Wolzogen, Bauerbach bei Meiningen; wie vortheilhaft die sorglose Lage u. der Umgang mit gebildeten Frauen auf ihn einwirkte, ist aus dem Fiesco u. aus Kabale u. Liebe herauszulesen, obwohl S. im Gegensatz zu Göthe sein Lebenlang Männercharaktere weit besser schilderte als Frauencharaktere. 1783 Theaterdichter in Mannheim, suchte er den großen Gedanken [80] zu verwirklichen, das Theater zu einer Schule des guten Geschmacks und der Sittlichkeit zu mach en; als Kritiker schonte er seine eigenen Dichtungen keineswegs. gab die Thalia (1784–93) heraus u. machte einzelne Auftritte aus Don Karlos bekannt, auch lernte er seine »Laura« kennen. Die Kleinlichkeiten u. Erbärmlichkeiten des Schauspielerlebens widerten ihn aber frühzeitig an, er begab sich im März 1785 nach Leipzig u. lebte hier, im nahen Dorfe Gohlis und in Dresden der Dichtkunst und Wissenschaft. In dieser Zeit entstand das »Lied an die Freude«. im Weinberghause des Ch. G. Körner (s. d.) zu Loschwitz bei Dresden vollendete er den »Don Karlos«, der ihn hauptsächlich zu historischen und philosophischen Studien trieb. Er begann seine Geschichte des Abfalls der Niederlande, eine Geschichte der merkwürdigsten Revolutionen u. dgl. zu schreiben und der Dichter schien im Historiker aufgehen zu wollen od. im Aesthetiker und Philosophen (Briefe über Don Karlos, philosophische Briefe u.s.f.), mindestens gediehen seine poetischen Entwürfe (der Menschenfeind. der Geisterseher) nur zu Bruchstücken, auch wurde seine Lyrik unfruchtbar und immer lehrhafter (Resignation, die Götter Griechenlands). Schon früher hatte ihn der Herzog von Weimar zu seinem Rath ernannt, 1787 endlich kam S. selbst nach Weimar u. fand Freunde am Herzog selber, an Herder und Wieland, im Sommer 1788 sahen er und der gerade aus Italien heimgekehrte Göthe sich zum erstenmale – zwei sich widersprechende aber gerade deßhalb sich vertragende Dichternaturen. Göthe war es, der zumeist durchsetzte, daß S. 1789 Professor der Geschichte zu Jena wurde. Er begann 1790 die Herausgabe der »Historischen Memoiren vom 12. Jahrh, an bis auf die neuesten Zeiten«, schrieb den 30jährigen Krieg, wurde durch Reinhold veranlaßt, sich in die kantische Philosophie zu vertiefen, verstand es bald meisterlich, die abstraktesten Begriffe zu veranschaulichen und wurde, auf Kant fußend; ein Mitbegründer der neuern Aesthetik durch Abhandlungen, die von 1792 an rasch auf einander folgten. 1790 war er Hofrath des Herzogs von Meiningen u. gleichzeitig als »Mr. Gillés« wegen seines Don Karlos Bürger der neufränkischen Republik geworden, 1790 hatte er auch ein Fräulein Charlotte von Lengefeld geheirathet; er arbeitete unerhört, um als Historiker, Philosoph und Dichter gleich ebenbürtig dazustehen, lieferte Beweise, daß er keineswegs zum Historiker geboren; sondern daß Geschichte u. Philosophie nur Läuterungsmittel seines poetischen Genius seien und begann 1791 bedenklich zu kränkeln. Der Erbprinz von Holstein-Augustenburg und Graf Schimmelmann wollten ihm für 3 Jahre eine Pension von je 1000 Thalern geben, damit er sich sorglos erholen könne, allein S. schug dies aus und eilte 1793 in die Heimath, wo er bis tief in den Frühling 1794 weilte und neue Kraft gewann. Nach Jena zurückgekehrt gab er von 1794 an die »Horen« heraus und damit begann ein Freundschaftsbund mit Göthe, durch welchen alles Große und Herrliche, was in S. lag, gleichsam entbunden wurde. Schlag auf Schlag folgten von 1795 an S.s Meisterwerke: lyrische Lehrgedichte, unübertrefflich schöne Balladen (meist 1797 u. in Folge eines Wettstreites mit Göthe gedichtet), endlich seine als Bühnenstücke jedenfalls unsterblichen Dramen: Wallenstein (1799), Maria Stuart (1800), Jungfrau von Orleans (1801), die Braut von Messina (1803), zuletzt der Schwanengesang S.s, der Wilhelm Tell (1804). Von 1799 an lebte S. zu Weimar bei Göthe; wie geistig wohl er sich fühlte, dafür liegt ein Beweis auch in den Xenien, von denen die herbsten und boshaftesten aus seiner Feder floßen. 1802 verlieh der Kaiser dem Lieblingsdichter der Nation den Adel. 1804 wohnte er in Berlin einer Aufführung des Tell bei u. kehrte krank zurück; weil er nicht leicht sondern schwer und dabei viel arbeitete, hatte er seit Jahren an geistige Reizmittel sich gewöhnt und dadurch namentlich seiner schwachen Brust sehr geschadet. Glücklicher als Göthe in diesem Punkte erfuhr er weder die Gebrechen des Alters noch die Abnahme der Geisteskräfte, sondern st. am 9. Mai 1805 rasch hinweg. [81] Sein Leichnam ruht in der herzoglichen Gruft in Weimar. – Die Schriften S.s sind in zahllosen Händen und werden häufiger als die eines andern Dichters. Göthe am allerwenigsten ausgenommen, nicht nur gelesen u. genossen, sondern gehen gleichsam in Fleisch und Blut über. Er ist der populärste aller deutschen Dichter und diese Thatsache überhebt uns der Mühe, weitläufig zu erörtern, daß und warum er trotz seinem Weltbürgerthum nicht nur ein Dichter der Zeitideen sondern zugleich der deutscheste aller deutschen Dichter ist. Unstreitig war Göthe von Geburt aus ein weit größerer Dichter als S., der zeigte, bis zu welchem Grade der Genialität ein nicht allzugroßes angebornes Dichtertalent durch Fleiß und Studium entwickelt werden kann; Göthe war Darsteller der Wirklichkeit u. schönen Natur, der Seelenstimmungen und Frauencharaktere, S. der Sänger der Ideale, vor allem der Freiheit u. zwar der Freiheit des sittlichen Willens, der mannhaften heldenmäßigen Gesinnung, dabei voll wahren Gefühles und tiefen Ernstes, so daß an seinem edeln Feuer noch nach Jahrhunderten junge Herzen sich entzünden werden. Bei weitem nicht so vielseitig und nicht so reich an vielgestaltigen Kunstwerken wie Göthe, leistete er Unvergängliches als Dramatiker, Lyriker u. Aesthetiker. Als Dramatiker lieferte er in seiner ersten Entwicklungsperiode Stücke, die man recht eigentlich Revolutionsdramen nennen könnte und deren höchste Bedeutung darin liegt, daß sie poetische Beiträge zur Culturgeschichte ihrer Entstehungszeit sind u. in den innern Entwicklungsgang des Dichters klarer hineinblicken lassen als dies bei irgend einem andern Dichter der Fall ist. So zuerst die Räuber, diesen »Angstruf eines Gefangenen nach Freiheit« laut Göthes richtigem Urtheil ein Werk kraftvollen aber unreifen Talentes, in welchem die hervorstechendsten Untugenden (Phrasenmacherei, Unwahrheit der Charaktere, Effecthascherei) u. Tugenden (idealer Drang und Freiheitsdurst, Wahrheit der Empfindung, Lebendigkeit der Handlungen) in so roher Form sich geltend machen, als dies bei einem aus der Sturm- und Drangperiode hervorrasenden Dichtergemüth nur immer möglich war. Schon im republikanischen Trauerspiel Fiesko (1783) schreitet der Dichter von nebelhaften ungeheurlichen Räubern zu festen historischen Gestalten fort, mit der »Kabale u. Liebe« (1784), deren Ausgang und Zweck der demokratische Widerwille gegen die »feige Schurkerei« der vor nehmen Welt war, tritt er bereits in die deutsche Wirklichkeit, in das Leben und Treiben der damaligen kleinen Höfe hinein. Don Karlos (1785) sollte anfangs nur ein Familienstück werden, wuchs aber zu einer Verherrlichung kosmopolitischen Edelmuthes gegenüber dem eisernen, herzlosen Despotismus, und an die Stelle des Don Karlos trat als Hauptheld der Marquis Posa. Mit diesem Stück begann S. den Uebergang von der Naturdichtung zur Kunstdichtung und bis 1795 rechnet man die Periode seiner wissenschaftlichen Läuterung. Mit Wallenstein (1799); dem divinatorischen Vorbild Napoleons I., eröffnete S. den Reigen seiner bereits genannten dramatischen Meisterwerke; man kann streiten, ob Wallenstein oder Wilhelm Tell das vollendetste all seiner Kunstschöpfungen sei, gewiß ist, daß in der Jungfrau von Orleans u. in der Braut von Messina bei allen Vorzügen starke Beweise liegen, daß bei S. das innere Verständniß des positiven Christenthums vom Kantianismus erdrückt wurde und daß der größte Dichter ohne solches Verständniß weder christliche noch antike Stoffe vollkommen glücklich zu behandeln vermag. Die nur Bruchstücke gebliebenen Dramen übergehend, bemerken wir, daß S. als Lyriker u. Didaktiker stets eine ebenso starke als tiefe Empfindung mit Lebendigkeit der Darstellung und mit einer Sprache verband. deren Wohlklang und Pracht schwerlich jemals erreicht werden dürfte. Die Jugendgedichte (an Laura, Hektors Abschied, Eberhard der Greiner u.a.) athmen ganz den wildstürmenden, excentrischen Geist der Räuber. aber früher als in den Dramen offenbarte sich in der Lyrik u. Didaktik S.s. daß er ruhiger und objektiver geworden, aber auch mit dem positiven [82] Christenthum gebrochen habe; sein Musenalmanach (1796–1801) enthält Gedichte. in denen er gleichsam über sich selber und über seine Zeit hinaus ins Reich der Ewigkeit flog. Als Gipfelpunkt der Gedankenpoesie gilt das Lied von der Glocke (1797–99); als diejenigen Gedichte. die ihn zum Walter von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach unserer Zeit machen, seine weltbekannten Romanzen und Balladen. Auch als Uebersetzer war S. groß u. bliebe es, wenn auch nur die Stanzenübersetzung aus der Aeneide (1792) von ihm vorhanden wäre; er übersetzte Iphigenia in Aulis. aus dem Französischen den Parasit u. Neffen als Onkel, aus dem Italienischen die Turandot, bearbeitete Shakesspeares Makbeth. Ein Vater der modernen Aesthetik ist er zunächst durch seine Werke überhaupt. dann besonders durch die Abhandlungen über die tragische Kunst. Anmuth und Würde (1793), ästhetische Erziehung des Menschengeschlechtes (1795), über naive u. sentimentale Dichtkunst (1795). In seinen historischen Leistungen, von denen nur die Geschichte des 30jährigen Krieges (1791–93) vollendet wurde, bestach er durch Anwendung seiner dichterischen Gaben und fand u. findet deßhalb noch den vollen Beifall jugendlicher Leser und solcher, denen nicht die nüchterne Wahrheit sondern das Parteiinteresse und vor allem die Verkennung der kathol. Kirche Herzensangelegenheit ist. Ueberhaupt gestaltete sich das Verhältniß S.s zum positiven Christenthum noch unfreundlicher als bei Göthe; die prot. Geburt. die theologischen Zustände und die rationalistische Geschichtschreibung seiner Zeit. Herders Theorie von der unendlichen Vervollkommnungsfähigkeit des Menschengeschlechtes, Kants Religion innerhalb der Gränzen der Vernunft, kurz das ganze äußere Leben und der idealistische Drang des Dichters halfen bei, daß sein ursprünglich tiefreligiöses Gemüth gegen positive Religion überhaupt erkaltete und der Ingrimm gegen das Bestehende sich besonders zur Feindseligkeit gegen alles Priester- u. Kirchenthum verirrte. In dieser Hinsicht allerdings sollte S. der Jugend erklärt werden, ehe oder während er gelesen wird. Nicht zu vergessen ist übrigens, daß S. auch im Zorn und Haß niemals frivol geschweige gemein wurde, und daß in seinen Werken Elemente in Hülle und Fülle liegen, welche dazu beitrugen, aus der in Dummheit, Selbstsucht u. Lasterhaftigkeit wurzelnden religiös-sittlichen Verkommenheit des 18. Jahrh. zu bessern Zuständen zu gelangen. Die 1. Gesammtausgabe seiner Werke erschien Stuttgart und Tübingen 1818–20 in 18 Bdn., seitdem folgt eine Gesammtausgabe, Prachtausgabe u.s.f. der andern, dazu kamen Nachträge von Döring, Boas, besonders von K. Hoffmeister (Stuttg. 1840, 4 Bde.), der mit »S.s Leben. Geistesentwicklung und Werke« (Stuttg. 1837–42) ein treffliches Werk lieferte. Unter den veröffentlichten Correspondenzen S.s sind die mit Göthe (Stuttg. 1828, 6 Bde.) und Wilh. von Humboldt (Stuttg. 1830) die wichtigsten.

Quelle:
Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1857, Band 5, S. 80-83.
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