Durchführung der spartanischen Herrschaft. Theben. Olynth und Makedonien. Athen

[287] »Alle Städte, groß und klein, sollen nach ihren eigenen Gesetzen leben« – so lautete die Entscheidung, die der König für das europäische Griechenland gegeben hatte. Das spartanische [287] Programm der Autonomie war damit als Grundgesetz für Hellas anerkannt. Unter dieser Form gedachte Sparta seine Oberhoheit fest und dauerhaft wiederherzustellen, wie sie vor 395 bestanden hatte. Denn die Autonomie (vgl. Bd. IV 1, 53, 1), d.h. die Souveränität der Einzelstaaten, schloß ein Bündnis mit dem führenden und den Frieden schirmenden Staat und die Verpflichtung, ihm Heerfolge zu leisten, wohin immer er das Heer führe, wie sie im Peloponnesischen Bunde seit alters bestand, keineswegs aus. Außerdem nahm Sparta nach wie vor das Recht für sich in Anspruch, zu prüfen, ob die Verfassung der Staaten der wahren Rechtsordnung entspräche, und diese nötigenfalls mit Gewalt durchzusetzen und durch Harmosten und Garnisonen aufrechtzuerhalten; ja es forderte von den Inseln Abgaben507 wie zur Zeit Lysanders, vermutlich als Beisteuern für die Aufrechterhaltung der Ordnung zur See. Die Leitung des Staats lag jetzt ganz in den Händen des Agesilaos508. Mit der Bürgerschaft und ihren Vertretern, den Ephoren, stand er vortrefflich; die Opposition des Agiadenhauses war durch Pausanias' Verurteilung gebrochen, und wenn auch der junge lebensfrohe König Agesipolis509 zu der lediglich die Staatsraison anerkennenden Art des kühlen Rechners im Gegensatz stand und seine Maßregeln mißbilligen mochte, so konnte er doch nicht daran denken, dem gewiegten Politiker ernstlich Opposition zu machen, ja er hat wiederholt die von ihm veranlaßten Unternehmungen ausgeführt510. Auf die Eroberungspolitik in Asien hat Agesilaos verzichten müssen; dafür war er jetzt der anerkannte Regent des europäischen Griechenland geworden. Seine Stellung war so fest, [288] daß er nur in entscheidenden Momenten hervortrat und sonst, auch wenn er von der Regierung aufgefordert war, unter irgendeinem Vorwand die Ausführung seinem Kollegen oder einem anderen Kriegsobersten überließ; daß er tatsächlich alle Fäden der Politik in seiner Hand hielt, ist nicht zu bezweifeln511.

Die nächste Aufgabe war die volle Wiederherstellung der Autorität Spartas im Peloponnes512. In Korinth513 wurden nach der Räumung durch Argos (o. S. 269) die Aristokraten zurückgeführt, während die Führer der Demokratie und die Urheber der Bluttaten von 393 ins Exil nach Argos gingen. Megara trat zum Bunde zurück, behauptete aber seine demokratische Verfassung514. Gegen Argos ist Sparta nicht vorgegangen, weniger weil es niemals zum Bunde gehört hatte, als weil es jetzt in seiner Isolierung nicht mehr gefährlich war, ein Krieg aber schwere Verluste und Gefahren bringen konnte. Dagegen war jetzt endlich die Zeit für die Abrechnung mit Mantinea gekommen. Der dreißigjährige Friede von [289] 417 war abgelaufen; so stellte Sparta die Forderung, es solle seine Mauern niederlegen, wenn Sparta an seine friedliche Gesinnung glauben solle. Als Mantinea sich weigerte, erklärte Sparta den Krieg. Mantinea wandte sich vergeblich um Hilfe nach Athen. Agesipolis verwüstete sein Gebiet und schloß die Stadt mit Graben und Mauer ein; schließlich brachte er sie dadurch zu Fall, daß er im Herbst den durch die Stadt fließenden Fluß Ophis aufstaute und das Wasser die Luftziegel der Stadtmauer aufweichte und ihre Fundamente unterspülte. Da blieb den Mantineern nichts übrig, als sich zu ergeben (384 v. Chr.). Auf Verwendung seines verbannten Vaters Pausanias schenkte Agesipolis den Führern der Demokratie das Leben und entließ sie, 60 an der Zahl, ins Exil; die Stadt aber wurde aufgehoben, und die Bevölkerung mußte sich wieder, wie vor dem Synoikismos von 460 (Bd. IV 1, 555), in fünf Dorfgemeinden auflösen, deren jede fortan ein gesondertes Kontingent unter einem spartanischen »Fremdenführer« (ξεναγός, Bd. IV 1, 484) zum Bundesheer stellte. So wurde hier das Ideal der Reaktion voll durchgeführt. »Anfangs«, erzählt Xenophon, »war es den Mantineern verdrießlich, daß sie ihre Häuser niederreißen und neue bauen mußten; alsbald jedoch, da die Grundbesitzer jetzt in der Nähe ihrer Felder wohnten und unter einer Aristokratie leben konnten, die argen Demagogen aber los waren, freuten sie sich über die neue Einrichtung; und jetzt leisteten sie auch den Spartanern viel bereitwilliger Heerfolge als unter der Demokratie515.« – Auch in vielen anderen peloponnesischen Gemeinden ist Sparta in ähnlicher Weise zugunsten seiner Anhänger eingeschritten und hat die Häupter der Demokratie verjagt; so z.B. in Phigalia516. Zu ernsthaften Verwicklungen kam es nur noch [290] in Phlius, das sich während des letzten Krieges schwierig gezeigt (o. S. 231), schließlich aber doch trotz der herrschenden Demokratie die Spartaner aufgenommen hatte (o. S. 244). So lange der Krieg dauerte, hatten diese sich gehütet, die Verfassung anzutasten. Jetzt aber zwangen die Ephoren die Gemeinde, die Exulanten zurückzurufen; sie sollten ihren konfiszierten Besitz zurückerhalten, die Käufer aus der Staatskasse entschädigt werden. Darüber kam es zu neuen Zerwürfnissen; die Zurückgekehrten wollten sich bei den Besitzstreitigkeiten dem städtischen Gericht nicht fügen, sondern forderten ein Schiedsgericht und wandten sich um Hilfe nach Sparta. Die herrschende Partei hatte alles getan, um Sparta nicht zu reizen, und für den Kriegszug gegen Olynth (u. S. 299) an Agesipolis eine große Geldsumme gezahlt; aber dies Vorgehen konnte sie sich nicht gefallen lassen: sie verurteilte die Kläger in eine Geldstrafe. Da rückte Agesilaos gegen Phlius vor (Herbst 381). Die geängstigte Stadt erklärte sich zu jeder Konzession bereit; aber Agesilaos blieb unerbittlich, so starke Bedenken sein Vorgehen auch in Sparta selbst hervorrief, durch das man ohne zureichenden Grund eine wehrkräftige Gemeinde bekriegte, die 5000 Mann ins Feld stellen konnte; er verlangte die Übergabe der Burg. Da setzten sich die Phliasier zur Wehr. Sie hielten bis zum äußersten aus, 20 Monate lang; schließlich zwang sie der Hunger zur Unterwerfung. Sie wollten ihr Schicksal in die Hände der spartanischen Regierung legen, diese aber überwies sie an Agesilaos, und der König, dadurch noch weiter gereizt, setzte einen Gerichtshof von 50 Exulanten und 50 Männern aus Phlius ein, um zu entscheiden, »wer am Leben bleiben dürfe und wer zu sterben verdiene«, und außerdem eine neue Verfassung zu entwerfen. Eine spartanische Besatzung sorgte für die Durchführung der Anordnungen (Frühjahr 379 v. Chr.)517. So war Spartas Autorität überall durchgeführt. Wenn diese anerkannt war, so griff es im übrigen in die Autonomie der Einzelgemeinden jetzt so wenig ein wie früher und gestattete ihnen nach wie vor das Vergnügen, sich [291] untereinander mit Krieg zu überziehen, wie das z.B. im J. 378 die arkadischen Nachbarstädte Kleitor und Orchomenos getan haben518.

In Mittelgriechenland betrachtete Sparta mit Recht Theben als seinen gefährlichsten Gegner; denn Athen war ohne Rückendeckung durch Böotien wehrlos. Die böotischen Landstädte waren jetzt sämtlich unabhängige Einzelstaaten519, ebenso Oropos; auch Platää520 wurde nach dem Frieden wiederhergestellt und die Nachkommen der alten Einwohner aus Athen zurückgerufen. Alle Städte nahmen die Münzprägung wieder auf, die zur Zeit der thebanischen Suprematie geruht hatte. Das Regiment lag durchweg in den Händen einer Oligarchie (δυναστεία), welche sich eng an Sparta anlehnte und wohl meist durch eine Garnison unter einem Harmosten gestützt war, während die Gegner auf Theben hofften. Theben war zwar jetzt wieder mit Sparta verbündet und hatte sich verpflichtet, ihm Heeresfolge zu leisten521, aber in der Stadt hielten sich die beiden Parteien (s.o. S. 209) das Gleichgewicht. Die Spartanerfreunde, geführt von Leontiadas, einem Nachkommen des alten Aristokratenchefs aus der Perserzeit (Bd. IV 1, 357, 2) und des Führers des Korps, das 431 Platää überfiel, suchten mit Spartas Hilfe in den vollen Besitz der Macht zu gelangen, während die Gegner unter Ismenias und Androkleidas (o. S. 209) die Verbindung mit Athen aufrechterhielten und in Olynth eine Stütze suchten. Als Sparta im J. 382 den Krieg gegen Olynth begann, setzten sie es durch, daß Theben die Heeresfolge weigerte, wie ehemals gegen Athen, Elis und Persien, und allen Bürgern verbot, als Freiwillige Kriegsdienste zu nehmen522. Die spartanische Regierung konnte diese Provokation nicht dulden; mit Recht betrachtete sie sie als den Vorläufer des Versuchs, [292] gestützt auf ihre Gegner Thebens Suprematie über Böotien wiederherzustellen. Gewitzigt durch die Erfahrung des letzten Krieges beschloß sie, der Gefahr zuvorzukommen, wo es noch Zeit war, mochte dadurch auch die Vorschrift des Königsfriedens, als dessen Garant Sparta auftrat, noch so offenkundig verletzt werden. Während Eudamidas im Sommer 382 gegen Olynth ins Feld zog, erhielt sein Bruder Phöbidas, der ihm Truppen nachführen sollte, insgeheim den Auftrag523, die Kadmea, die Burg von Theben, zu besetzen. Leontiadas, der mit seinem Rivalen Ismenias zusammen Polemarch war, setzte sich mit Phöbidas in Verbindung und öffnete ihm, als er durch Böotien zog, an einem schwülen Mittag, als die Weiber auf der Burg das Thesmophorienfest feierten und diese daher von den Beamten geräumt war, die Tore der Kadmea (August 382)524. Die Häupter der Gegenpartei entkamen meist nach Athen; Ismenias dagegen wurde verhaftet und auf die Kadmea geschleppt525. Die Tat machte in Griechenland ungeheures Aufsehen, und auch in Sparta waren die Nichteingeweihten empört über den offenkundigen Rechtsbruch. Aber Agesilaos erklärte, man müsse untersuchen, ob die Tat, die Phöbidas auf eigene Hand gewagt habe, Sparta zum Schaden oder zum Nutzen gereiche; in letzterem Falle sei sie nach altem Herkommen auch ohne Auftrag der Gemeinde gesetzlich erlaubt. Leontiadas eilte nach Sparta, um die Sanktionierung der Maßregel durchzusetzen und Ismenias' Verurteilung zu betreiben. Phöbidas wurde zum Schein in eine Geldbuße verurteilt526; dagegen entschied die Volksversammlung der »Auserlesenen« (ἔκκλητοι), daß die Besatzung der Kadmea aufrechtzuerhalten und Ismenias vor ein Gericht von Delegierten Spartas und der Bundesgenossen zu stellen sei; dasselbe hat ihn [293] als Hochverräter, der die Nation an die Perser verraten habe, zum Tode verurteilt und hinrichten lassen527.

Nördlich und westlich von Böotien hat Sparta überall seine Suprematie ohne Kampf wieder aufgerichtet528. Die Phoker waren ihm immer treu geblieben; die Euböer, die Lokrer und die kleinen Stämme an der thessalischen Grenze traten wieder unter seine Oberhoheit zurück, auch das 394 von Theben eroberte Heraklea (o. S. 228) ist jetzt wiederhergestellt worden. Die Akarnanen waren 388 durch Agesilaos bezwungen worden (o. S. 252); die Inseln Zakynthos, Kephallenia, Leukas, selbst Korkyra waren wieder botmäßig, ebenso Ambrakia; bei den Molossern intervenierten die Spartaner, nachdem Dionys den Alketas wieder eingesetzt hatte, gegen die Illyrier (o. S. 154), und ohne Zweifel ist Alketas zunächst in ihre Symmachie eingetreten. In Thessalien hatten die Stadtrepubliken sich 395 im Bunde mit Theben gegen den mit Sparta verbündeten Tyrannen Lykophron von Pherä erhoben und ihn auf seine Hauptstadt zurückgeworfen (o. S. 228); weiter hatten sie sich an dem Kriege nicht beteiligt. Jetzt stellte sich die natürliche Verbindung wieder her: die Aristokratien suchten an Sparta Rückhalt und stellten ihm Reiterei, während die Tyrannis gegen Sparta in Opposition steht529. In Pherä war in zwischen an Lykophrons Stelle Iason getreten, vermutlich sein Schwiegersohn, ein Mann, der an Energie und Begabung hinter Dionys nicht zurückstand. An größere Unternehmungen konnte er zur Zeit nicht denken; aber das große Vermögen seiner Familie ermöglichte ihm, ein starkes Söldnerkorps zu halten und sich zu behaupten. Er versuchte zur See seine Macht auszubreiten und unternahm einen Handstreich auf Hestiäa (Oreos) an der Nordküste Euböas, gegenüber der Mündung des Pagasäischen Golfs; aber sein Parteigänger Neogenes, den er zum Tyrannen der Stadt gemacht hatte, [294] wurde durch den Spartaner Therippidas überwältigt, die Republik hergestellt und eine spartanische Garnison in die Stadt gelegt530.

Zu ernsthafteren Verwicklungen kam es weiter im Norden. In Makedonien war die von Archelaos geschaffene Macht mit seiner Ermordung im J. 399 (o. S. 54f.) zusammengebrochen531. Der [295] Mörder Krateuas freilich wurde rasch überwältigt532; aber den Sohn des Archelaos, Orestes533, brachte der Vormund Aëropos um und schmückte sich selbst mit dem Diadem, wie es scheint, unter dem Namen Archelaos II. Er regierte noch im J. 394, wo er Agesilaos' Durchmarsch zu hindern suchte (o. S. 232). Bald darauf starb er; sein Sohn Pausanias wurde von Amyntas II. ermordet, wahrscheinlich einem Bastard des Archelaos; aber auch dieser wurde nach kurzer Frist, ähnlich wie sein Vater, von seinem Liebling Derdas umgebracht. Jetzt bemächtigte sich der Herrschaft ein Seitenverwandter des Königshauses, Amyntas III., der Sohn des Aridaios, der zuerst zur Partei des Aeropos gehört, sich dann aber vielleicht gegen diesen empört, hatte534. Freilich vergingen noch Jahre, bis sein Thron einigermaßen sicher stand. Von der einen Seite erhob sich ein neuer Prätendent Argäos, von der andern drängten die Illyrier, welche die Wirren benutzten, Makedonien zu überschwemmen und die Grenzgebiete von ihm abzureißen; auch die Vasallenfürsten in den Kantonen des Hinterlandes mögen [296] unzuverlässig genug gewesen sein. In seiner Not suchte der König Hilfe bei den Chalkidiern von Olynthos. – Der chalkidische Bund, der sich im J. 432 auf dem Rumpf der Chalkidike gegen Athen gebildet hatte, hatte sich trotz des Verlustes von Potidäa durch alle Wirren der Folgezeit siegreich behauptet, gestützt bald auf Makedonien, bald auf Sparta. Dann hatte er sich 395 der Erhebung gegen Sparta angeschlossen, ohne doch ernstlich am Kriege teilzunehmen. Auf Perdikkas' Rat hatten die Chalkidier im J. 432 ihre Landgemeinden aufgegeben und sich in Olynth konzentriert (Bd. IV 2, 13); dadurch war diese Stadt mächtig angewachsen und das Oberhaupt eines großen Gebiets geworden. Sie hatte innerhalb desselben die volle staatliche Einigung durchgeführt, ähnlich wie Rom in Latium: für alle zugehörigen Gemeinden galt gleiches Recht, volle Freizügigkeit und Ehegemeinschaft. Das Land war fruchtbar und gut bebaut, Handel und Wohlstand gediehen, wo ein kräftig aufblühender Staat Sicherheit gewährte, die Bevölkerungszahl wuchs; so konnte der chalkidische Staat ein starkes Heer von Hopliten, Reitern und vor allem Peltasten ins Feld stellen. Jetzt wandte sich Amyntas an Olynth um Hilfe gegen die Illyrier535; außer günstigen Handelsbedingungen bot er die Abtretung von Grenzgebieten. Das nahm der chalkidische Staat gern an und schloß auch eine Offensiv- und Defensivallianz auf 50 Jahre536; aber an eine ernstliche Unterstützung des Königs dachte er nicht, vielmehr hofften die Olynthier, sich selbst zu Herren von Makedonien machen zu können. Amyntas dachte schon daran, aus dem Lande zu fliehen. Aber die Illyrierinvasion verlief sich; überdies fand er Hilfe bei den Thessalern537, ferner, wie es scheint, bei Derdas, dem Fürsten von Elimia538. So gewann er sein Reich zurück; auch der Prätendent Argäos verschwand vom Schauplatz. Jetzt forderte [297] Amyntas das abgetretene Gebiet von den Olynthiern zurück. Indessen diese weigerten sich nicht nur, sondern hatten inzwischen die Eroberung Makedoniens begonnen; Pella und andere Küstenplätze begrüßten sie als Befreier, sie konnten bereits gegen das Binnenland vorgehen. Zugleich, dehnte Olynth seine Macht nach allen andern Seiten aus539. Schon waren Torone540 und Potidäa dem Bunde beigetreten und damit die Städte von Pallene zum Anschluß gezwungen; nur die Griechenstädte im Osten, Akanthos und Apollonia, leisteten noch Widerstand, doch gab es auch hier bereits eine starke Partei, die zum Anschluß geneigt war. Waren diese Städte erst gewonnen, so konnte Olynth gegen Amphipolis und das Strymongebiet vorgehen und die Hände nach den Goldminen des Pangäon ausstrecken; schon hatten sich die kleinen thrakischen Stämme der Nachbarschaft ihm angeschlossen. Mit Theben und Athen knüpfte man Verhandlungen an; noch wenige Jahre, so hatte sich im Norden eine starke griechische Macht gebildet, die die Hand auf Makedonien, Thessalien, Thrakien legen konnte und von Sparta nichts mehr zu befürchten brauchte541.

König Amyntas blieb kein Ausweg, als sich um Hilfe nach Sparta zu wenden; mit ihm kamen Gesandte von Akanthos und Apollonia. Sparta nahm das Gesuch an. Während die Bundesgenossen Befehl erhielten, ein Heer von 10000 Mann aufzustellen, brach Eudamidas542 mit 2000 Neodamoden, Periöken und Skiriten im Sommer 3825 nach Norden auf, gewann Potidäa und andere [298] Orte und führte den Krieg zunächst defensiv. Währenddessen führte sein Bruder Phöbidas den Handstreich gegen Theben aus, der allen Hoffnungen Olynths auf eine Unterstützung durch die Gegner Spartas im Mutterlande ein Ende machte. Jetzt folgte das inzwischen vollzählig gewordene und durch weitere Zuzüge, namentlich aus Theben, verstärkte Hauptheer unter Teleutias, dem in zahlreichen Feldzügen bewährten Bruder des Agesilaos. Auch Amyntas und Derdas von Elimia stießen mit ansehnlicher Macht zu ihm. Vor den Mauern von Olynth kam es zum Kampf. Die Chalkidier warfen die Reiterei auf dem rechten Flügel der Feinde, aber Derdas und Teleutias hinderten sie an der Ausnutzung des Erfolgs und drängten sie in die Stadt zurück. Indessen fühlte sich Teleutias nicht stark genug, während des Winters die Belagerung in Angriff zu nehmen; die Olynthier konnten Streifzüge gegen die zu Sparta übergetretenen Städte und gegen Apollonia unternehmen, erlitten aber dabei im Frühjahr 381 durch Derdas eine Schlappe. Als dann aber Teleutias sich aufs neue vor Olynth lagerte, ließ er sich durch die chalkidischen Reiter zu einem Gefecht verleiten, in dem seine Truppen vollständig geschlagen wurden und er selbst den Tod fand. Den Spartanern blieb nichts übrig, als [299] aufs neue einen starken Nachschub zu senden, diesmal unter König Agesipolis, dem als Stab 30 Spartiaten mitgegeben wurden, wie dem Agesilaos in Asien (o. S. 195f.). Auch von den Bundesgenossen trafen neue Verstärkungen ein. Jetzt war das spartanische Heer den Feinden weitaus überlegen. Das feindliche Gebiet wurde weithin verwüstet; die meisten Städte traten zu Sparta über, Torone wurde erobert. Zwar starb Agesipolis im Sommer 380 am Fieber, aber Polybiadas, der an seiner Stelle das Kommando übernahm, schloß Olynth von allen Seiten ein. Als die Lebensmittel ausgingen, unterwarf sich die Stadt (Sommer 379): der chalkidische Staat wurde aufgelöst, Olynth selbst und die übrigen Einzelgemeinden wurden Bundesgenossen Spartas und verpflichteten sich zu unbedingter Heeresfolge543. In Makedonien aber war Amyntas' Herrschaft dauernd befestigt.

Mit Ausnahme von Argos und Athen war jetzt fast das ganze europäische Griechenland aufs neue von Sparta abhängig; nur die Inseln an der asiatischen Küste und abgelegene Städte wie Byzanz wagten noch, sich seiner Oberhoheit zu entziehen. Wie Athen im fünften Jahrhundert hat auch Sparta seinem Reiche eine feste Organisation gegeben. Die Inseln zahlten Tribut (o. S. 288) und waren wohl auch, wenn das Bedürfnis eintrat, zur Stellung und Bemannung von Schiffen verpflichtet. Thessalien war zwar von Spartas Politik abhängig, aber so wenig zur Heeresfolge verpflichtet wie Makedonien, und Ätolien blieb nach wie vor allen griechischen Händeln fern. Das übrige Festland wurde im J. 382 aus Anlaß des Zuges gegen Olynth in 10 Kreise geteilt und die Kontingente der einzelnen Staaten festgesetzt, nach dem Maßstabe eines Normalheeres von 10000 Mann. Den ersten Kreis bildete das spartanische Gebiet, die sechs folgenden der übrige Peloponnes (zwei arkadische Kreise, Elis, Achaia, Korinth mit Megara, Sikyon [300] mit Phlius und den argivischen Küstenstädten), den achten Akarnanien, den neunten die Phoker und Lokrer. Böotien, das damals offenbar einen zehnten Kreis gebildet hat, nennt unser aus dem J. 378 stammendes Verzeichnis nicht mehr; dafür kamen nach dem Falle Olynths die thrakischen Städte hinzu. Wenn auch natürlich Sparta im Verhältnis bedeutend mehr Truppen stellte als die übrigen Gemeinden, läßt diese Ordnung doch erkennen, wie stark es die abhängigen Gebiete für seine Kriege heranziehen konnte. Im J. 378 soll das gegen Theben ausrückende Heer aus 18000 Mann bestanden haben; darunter waren 5 spartanische Moren zu 500 Mann, also 2500 Spartaner (Vollbürger und Periöken), ferner die Skiriten, wahrscheinlich 500 Mann; die Bündner stellten also etwa 15500 Mann. Um die Bürger der abhängigen Städte zu entlasten, wurde bestimmt, daß sie an Stelle der Mannschaften Geld zahlen dürften, 3 äginetische Obolen (0,65 Mark) täglich für den Mann; ein Reiter wurde gleich vier Hopliten, zwei Leichtbewaffnete gleich einem Hopliten gerechnet. Säumige Staaten hatten für jeden fehlenden Mann täglich einen Stater (2,60 Mark) zu zahlen. Für Sparta war diese Anordnung nur vorteilhaft; bei dem großen Angebot von Söldnern bekam es dadurch statt schlecht geschulter und unlustiger Bürger (meistens Handwerker, vgl. u. S. 379) kriegsgewohnte und politisch indifferente Soldaten.544

Durch den letzten Krieg war Athen wieder ein unabhängiger Staat geworden. Die langen Mauern, die Befestigung des Piräeus, die Flotte waren wiederhergestellt. Auch die drei Klerucheninseln hatte es behalten; alle weitergehenden Hoffnungen freilich hatte der Königsfriede vereitelt. Auf den Abschluß des Friedens war das übliche Nachspiel gefolgt; eine lange Reihe von Kriminalprozessen entlud sich über die Häupter der Demagogen, welche seit dem Sturz des Befreiers Thrasybul das große Wort geführt und doch das Unheil nicht hatten abwenden können. Die ehrlichen unter den Demokraten gewannen wieder die Oberhand, vor allem Kephalos [301] von Kollytos (o. S. 211), der sich rühmen konnte, in einem langen politischen Leben niemals wegen eines gesetzwidrigen Antrags angeklagt zu sein545. Agyrrhios wurde wegen Unterschleifs in eine schwere Geldstrafe verurteilt546, die seiner politischen Laufbahn ein Ende machte; er hat lange Jahre im Gefängnis gesessen, bis er sie abgetragen hatte. Mehrere der ärgsten Schreier und Sykophanten wurden zum Tode verurteilt. Von den Strategen des letzten Jahres wurde Dionysios hingerichtet, während Diotimos die Beschuldigung ungerechter Bereicherung widerlegte und auch Thrasybulos von Kollytos, obwohl man ihn in Fesseln geworfen hatte, der Verurteilung entging und seinen Einfluß behauptete547. Während des nächsten Jahrzehnts haben die Gemäßigten die Führung behauptet, wenn auch die Radikalen gelegentlich durch die alte Beschuldigung, die Dreißig unterstützt zu haben, in Personenfragen noch einmal einen Erfolg erzielten548. – Den inneren Verhältnissen ist die Friedenszeit nach der vollen Verwilderung der letzten Kriegsjahre ohne Zweifel zugute gekommen: im J. 378 steht Athen materiell, politisch und sittlich ganz anders da als im J. 388. Vor allem scheint die Regierung mit Eifer für die Regeneration der Flotte tätig gewesen zu sein (u. S. 375). Nach außen suchte Athen festzuhalten, was sich unter den Satzungen des Königsfriedens noch behaupten ließ. Namentlich die größeren Inseln, deren Unabhängigkeit der Friede anerkannt hatte und die gar keine Neigung verspürten, sich Sparta aufs neue unterzuordnen, suchten bei Athen Anlehnung; sie schlossen mit ihm Verträge »zur Aufrechterhaltung des Friedens und der Eide und Verträge, die der König, Athen, Sparta und die übrigen Griechen beschworen haben,« und verpflichteten sich zu [302] gemeinsamer Bundeshilfe unter peinlicher Wahrung »der Freiheit und Autonomie, ohne irgendeine in der Friedensurkunde aufgezeichnete Bestimmung zu übertreten549«. So zuerst, gleich nach dem Abschluß des Friedens, das von Sparta so arg mißhandelte Chios, ferner Mytilene und Methymna sowie Byzanz550. Auch Rhodos, das zugleich, wie die Münzen dieser Zeit lehren551, einen Bund mit Knidos, Iasos, Samos, Ephesos geschlossen hatte, scheint Anlehnung bei Athen gesucht zu haben, während die übrigen Städte, namentlich Samos, sich zurückhielten – es waren die Orte, welche im J. 391 zu Sparta zurückgetreten waren (o. S. 253) und in denen jetzt eine gemäßigte Aristokratie herrschen mochte. Sparta, das selbst ähnliche und noch viel weitergehende Verträge abgeschlossen hatte, konnte rechtlich dagegen nichts einwenden und mußte es dulden, da es keine Neigung hatte, einen neuen Seekrieg zu beginnen. Auf den Kykladen freilich ist es Athen erfolgreich entgegengetreten; wie es scheint, hat es Athen sogar gezwungen, die Suprematie über Delos aufzugeben552. Das Bündnis mit Euagoras mußte Athen lösen; mit Ägypten suchte es die Beziehungen aufrechtzuerhalten und gestattete, daß Chabrias von Cypern aus in seine Dienste überging, bis dann ein energischer Protest der Perser Athen zwang, ihn zurückzurufen. Mit dem [303] Odrysenreich dagegen, wo 386 Hebrytelmis auf Amadokos gefolgt war, hielt Athen das alte Freundschaftsverhältnis aufrecht; und als dann im J. 383 Kotys das Königtum gewann, wahrscheinlich ein Sohn des Seuthes, trat Iphikrates in seine Dienste und half ihm in zahlreichen kleinen Kämpfen sein Reich zu festigen. Zum Lohn dafür gab ihm Kotys seine Tochter zur Gemahlin und beschenkte ihn mit Land553. Auch mit Theben und Olynth554 stand Athen in Beziehung und verhandelte bereits über den Abschluß eines Bündnisses mit diesem, als Sparta den Krieg begann. Die Besetzung der Kadmea555 freilich machte allen weitergehenden Hoffnungen ein Ende. Die neue Regierung in Theben brach die Beziehungen mit Athen ab und vernichtete die Bündnisurkunde von 395556; und Sparta forderte die Verjagung der 300 Thebaner, die nach Athen geflüchtet waren557. Das hat Athen geweigert; daß Androkleidas, der Führer der Emigranten, auf Anstiften der thebanischen Spartafreunde in Athen ermordet wurde, konnte es dagegen nicht hindern, und die leitenden Staatsmänner mußten sich so nachgiebig zeigen, daß die Gegner den Thrasybul beschuldigen konnten, er habe gegen Geld bei dem Verfassungsumsturz in Böotien mitgewirkt (s.o. S. 302, 3). Athen war eben isoliert; schon mußte man befürchten, daß auch die Inseln, die Wertlosigkeit des Rückhalts an Athen erkennend, lieber beizeiten ein gutes Verhältnis zu Persien suchen würden (Isokr. paneg. 163). Nach der Unterwerfung von Phlius und Olynth konnte kein Zweifel sein, daß Sparta bei nächster Gelegenheit den Versuch machen werde, auch Athen aufs neue seiner Herrschaft zu unterwerfen558.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 51965, Bd. 5, S. 287-304.
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