Heilige Bäume

[375] Heilige Bäume, sogar heilige Wälder waren mit dem Kultus der alten Deutschen enge verknüpft. Erstere waren die Tempel, der Ort der regelmässigen Opfer, Volks- und Gerichtsversammlungen, wie noch heute mancherorts unter ihnen Messe gelesen wird und altbemoosten Stämmen heilige Bilder in Hut gegeben werden. Wie das Leben der griechischen Dryaden und Hamadryaden aufs engste mit dem Leben des Baumes, den sie bewohnten, verknüpft ist, wie sie mit demselben leben und sterben, ja jede Verletzung mitempfinden und darum mit wehvollem Ruf das frevelnde Beil von ihm abhalten, so verkörperten sich bei den Deutschen besonders einzelnstehende mächtige Bäume in Menschen und Götter. Solche Bäume durften weder ihrer Zweige noch des Laubes beraubt, noch viel weniger umgehauen werden, und kein Profaner wagte es, den heiligen Hain zu betreten, in welchem begraben zu werden jedes Sterbenden letzter Wunsch war. Noch im 8. Jahrhundert liess sich ein schwerverwundeter Sachse in einen heiligen Wald tragen, um da zu sterben.

Bei den Langobarden kommt die Verehrung des sogenannten Blutbaums vor.

Unter den heiligen Bäumen (im späteren Mittelalter sind sie gewöhnlich mit »Frau« angeredet) steht obenan die Eiche. Sie als der mächtigste Spross des deutschen Waldes und bekannt durch die Anziehung, die sie auf den Blitz ausübt, ist in erster Linie dem rohen, derben, titanenhaften Donar, auch Thunar, nordisch Thor genannt, geweiht. Sie hat auch heute auf dem Gebiete des Aberglaubens ihre Rolle noch nicht ausgespielt. Nächst der Eiche war die Esche heilig, wie schon der Mythus von der Erschaffung des Menschen lehrt, dann die Linde, noch jetzt in vielen Dörfern am Eingange des Kirchhofs in gemütvoller[375] Sinnigkeit der einigende Mittelpunkt, ferner »Frau Hasel«, die vielbesungene, die einst die alten Gerichte wie noch heute die Saatfelder zu hegen hat. Nach Ostgötalag soll in gemeinem Wald jeder hauen dürfen, ohne Busse, ausser Eichen und Haseln, die haben Friede, d.h. sie können nicht gefällt werden. Auch der Holunderbaum, der »Holler« – vielleicht der Holle, der Göttin des Hauses gewidmet – genoss ausgezeichneter Verehrung, wie er noch jetzt allgemein der Baum des Hauses ist. In Niedersachsen heisst er Ellorn oder Ellhorn, und ein Chronist erzählt unverdächtig: Also haben unsere Vorfahren den Ellhorn auch heilig gehalten; wo sie aber denselben unterhauen (die Äste stutzen) mussten, haben sie vorher pflegen dies Gebet zu thun: »Frau Ellhorn, gieb mir was von deinem Holz, dann will ich dir von meinem auch was geben, wann es wächst im Walde«, welches teils mit gebeugten Knieen, entblösstem Haupte und gefaltenen Händen zu thun gewohnt, so ich in meinen jungen Jahren zum öftern beides gehört und gesehen. – Der Wacholder (Machandelboom), in dem Elben und andere Geister hausten, durfte ebensowenig abgehauen werden. Haut man die Erle, so blutet und weint sie und hebt zu reden an. Ein österreichisches Märchen (Ziska 37–42) erzählt von der stolzen Föhre, worin eine Fee sitzt, welcher Zwerge dienen, die Unschuldige beschenkt, Schuldige neckt, und ein serbisches Lied vom Mädchen in der Fichte, deren Rinde der Knabe mit goldenem und silbernem Horn spaltet. Zaubersprüche bannen in Frau Fichte das kalte Fieber. Grimm, Mythologie. Simrock, Mythologie. Wuttke, Volksaberglaube.

Quelle:
Götzinger, E.: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885., S. 375-376.
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