Esther [1]

[129] Esther, gewöhnlich von dem persischen sitārehStern«) abgeleiteter Name der zur Perserkönigin erhobenen Jüdin HadassaMyrte«), nach der das Buch E. im Alten Testament genannt ist. Sie war[129] die Nichte und Pflegetochter des Juden Mardochai aus dem Stamm Benjamin und wurde wegen ihrer Schönheit Gemahlin des Königs Ahasverus, d. h. Xerxes. Als solcher gelang es ihr, den Anschlag des Ministers Haman auf die Existenz ihres Volkes zu vereiteln und nicht bloß zu erwirken, daß Haman gehenkt und Mardochai an seiner Stelle zum Minister ernannt, sondern auch den Juden Gelegenheit gegeben wurde, in einer großen Metzelei 75,000 Perser zu erwürgen. Die Unwahrscheinlichkeiten des ganzen Berichts sind so massenhaft und die Rachgier, welche die Phantasie des Verfassers leitet, so handgreiflich, daß schon Luther den stärksten Anstoß an dem Buche nahm, das in der Tat nur eine legendenhafte Erklärung der Entstehung des jüdischen Purimfestes darstellt. Seine Abfassung fällt in das Zeitalter der Ptolemäer und Seleukiden. In der Septuaginta und Vulgata finden sich noch verschiedene Ausschmückungen der alttestamentlichen Erzählung, die Luther unter dem Namen »Stücke in E.« größtenteils zusammenfaßte und den Apokryphen zugesellte. Vgl. die Kommentare von Oppert (Par. 1864) und Bertheau (2. Aufl. von Ryssel, Leipz. 1887); Erbt, Die Purimsage in der Bibel (Berl. 1900). – Unter den dramatischen Dichtungen, welche die Geschichte der E. zum Gegenstand haben, stehen das berühmte Spätlingswerk Racines (1689) und Grillparzers unvollendetes Drama »E.« (1845) obenan. Vgl. auch Schwartz, E. im deutschen und neulateinischen Drama des Reformationszeitalters (Oldenb. 1894); R. Krauß, E. im deutschen Drama und auf der deutschen Bühne (Sonntagsbeilage zur »Vossischen Zeitung«, 1902, Nr. 38ff.).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 6. Leipzig 1906, S. 129-130.
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