Messer

[661] Messer, Werkzeuge zum Schneiden, aus Stahl, Neusilber, Silber, Gold, Knochen, Horn etc., je nach ihrer Bestimmung besonders benannt: Brot-, Tisch-, Feder-, Rasier-, Radier-, Papier-, Fleischer-, Schnitz-, Obst-, Tranchiermesser etc. Ferner unterscheidet man M. mit feststehender oder einzuschlagender Klinge (Einschlagemesser), Taschenmesser etc. Jedes M. besteht aus einer Klinge und einem Heft. Die Stahlklingen werden aus Stahl geschmiedet, indem man erst die eigentliche Klinge und dann die Angel oder bei Einlegemessern den Druck in einer zweiten Hitze herstellt. Die Scheibe (Schulter, Schild, Balance) zwischen Klinge und Angel wird durch Ansetzen auf dem Amboß und mit Hilfe eines zweiteiligen Gesenkes oder mittels eines stählernen Stempels (Stemmeisen) erzeugt. Das ausgearbeitete M. wird darauf gehärtet, angelassen, gerichtet, auf nassen oder trocknen Schleifsteinen geschliffen, auf einer hölzernen rotierenden Scheibe mit Schmirgel und Öl weiter bearbeitet und bei feinern Sorten mit Kalk, Polierrot oder Zinnasche und Öl oder Branntwein auf belederter Scheibe poliert und auf einem Handölstein vom Grat befreit (abgezogen). Die in der Massenfabrikation übliche Anfertigung einer Messerklinge mit mechanischen Hämmern in sechs Stadien a bis f aus Stahlflachschienen (Ruten) zeigt nebenstehende Figur.

Herstellung einer Tischmesserklinge.
Herstellung einer Tischmesserklinge.

Die Flächen einer Tischmesserklinge sind unter einem Winkel von 2–5° gegeneinander geneigt, und durch das Scharfschleifen entsteht an der Schneide ein Winkel von 15–20°. Die Seiten einer Federmesserklinge laufen in der Schneide unter einem Winkel von 13–19° zusammen. Kleine M. werden aus Stahlblech unter einem Durchstoß ausgeschnitten und durch Nachschmieden und Schleifen vollendet. Bei großen Schneidwerkzeugen wird der Festigkeit halber die Klinge aus Schmiedeeisen mit der Schneide aus Stahl durch Vorstählen hergestellt. Die Hefte bestehen aus Holz, Elfenbein, Horn, Metall, Perlmutter, Knochen etc. und werden entweder in Plattenform (Schalen) aufgenietet oder auf die spitz auslaufende Angel aufgekittet. Zu Rasiermessern sowie den Messern für chirurgische Zwecke wird der feinste Stahl bei schwacher Rotglut unter öfterer Erwärmung verarbeitet, dann gehärtet, angelassen und geschliffen auf drei [661] Schleifsteinen, von denen die beiden letzten und kleinsten die Höhlung herstellen. Zum Polieren dient Schmirgel, dann Zinnasche oder Polierrot auf Lederscheiben oder Riemen mit Öl. Das Abziehen geschieht zuerst auf einem sehr feinkörnigen Sandstein mit etwas konvexer Oberfläche, dann auf dem Rasiermesser schleifstein mit ebenen Flächen mit Öl und zuletzt auf einem blauen, feinkörnigen Schiefer mit Wasser. Die höchste Verfeinerung erhält die Klinge durch den Streichriemen, dessen eine Seite mit Polierrot und die andre mit Graphit (beide Pulver mit Öl oder Talg angemacht) eingerieben ist. Die rote Seite wird zuerst benutzt. Die Krümmung auf den Seitenflächen der Rasiermesser hat einen Halbmesser von 35–100 mm, die Seiten stoßen an der Schneide unter einem Winkel von 16–19° zusammen, so daß die Leichtigkeit, mit der Rasiermesser schneiden, nur von der vollkommenen Ausbildung der Schneidkante, der seinen Politur der Schneide und der sehr geringen Dicke der Klinge in nächster Nachbarschaft der Schneide abhängig ist. Sehr gute Rasiermesser werden durch Ausschneiden der Klingen mittels eines Durchschnitts aus Stahlplatten hergestellt; der dicke Rücken wird an diese M. als besonderes Stück angesetzt.

Messer und Gabeln. 1–5 von Silber; 6 u. 7 von Eisen; 8 u. 9 geschnitzte Elfenbeingriffe (Nationalmuseum in München).
Messer und Gabeln. 1–5 von Silber; 6 u. 7 von Eisen; 8 u. 9 geschnitzte Elfenbeingriffe (Nationalmuseum in München).

Gabeln werden wie M. verfertigt. Man schmiedet aus einem Stahlstab zuerst die Angel und den Schaft oder Stiel und haut dann die Gabel ab, indem man ein etwa 2 cm langes Stück des Stabes daran sitzen läßt, das in einer zweiten Hitze zu einer Platte von der Länge der Zinken ausgeschmiedet und dann in einem Gesenke vollendet wird. Die Zinken werden durch Aushauen mit dem Meißel oder mit einem Durchschnitt und durch Ausfeilen mit der Gabelfeile hergestellt. Das Härten und Anlassen geschieht wie bei den Messern. Man schleift die Gabeln zum Teil aus freier Hand auf einem Ölstein und schmirgelt oder poliert sie auf Bürstenscheiben oder mittels des Polierstahls. M. und Gabeln aus andern Metallen werden auf gleiche Weise oder durch Gießen angefertigt. Vgl. R. Röntgen, Der Werkzeugfabrikant (Weim. 1875); Haedicke, Die Technologie des Eisens (Leipz. 1900); Pagé, La coutellerie depuis l'origine jusqu'à nos jours (Châtellerault 1896–98, 3 Bde.).

M. und Gabeln als Eßbesteck kamen erst im 15. Jahrh. vereinzelt auf und wurden dann im 16. Jahrh. allgemeiner, aber immer noch als Luxusgerät betrachtet und demnach künstlerisch verziert. Besonders kostbare Exemplare wurden in silbernen Scheiden (Bestecken) aufbewahrt. Die Gabeln, ursprünglich zweizinkig, seit der Mitte des 16. Jahrh. auch dreizinkig, wurden an den aus Silber, Gold, Eisen, Elfenbein, Knochen oder Holz gefertigten Griffen mit Figuren, Köpfen und Ornamenten verziert. Einige charakteristische Beispiele aus der Renaissancezeit zeigt obenstehende Abbildung. Seit Mitte des 18. Jahrh. wurden die Griffe aus glattem, bemaltem Porzellan gefertigt, die auch in neuerer Zeit wieder sehr beliebt geworden sind. Aus Holz geschnitzte Gabeln werden noch heute mit Figuren, Köpfen, Blumen etc. an den Griffen versehen. Die reichste Sammlung von Bestecken seit der Zeit der Gotik besaß früher R. Zschille in Großenhain. Vgl. Pabst, Kunstsammlungen des Herrn Richard Zschille, 2. Teil (Berl. 1887). S. auch Artikel »Löffel«.[662]

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 13. Leipzig 1908, S. 661-663.
Lizenz:
Faksimiles:
661 | 662 | 663
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Zwei Schwestern

Zwei Schwestern

Camilla und Maria, zwei Schwestern, die unteschiedlicher kaum sein könnten; eine begnadete Violinistin und eine hemdsärmelige Gärtnerin. Als Alfred sich in Maria verliebt, weist diese ihn ab weil sie weiß, dass Camilla ihn liebt. Die Kunst und das bürgerliche Leben. Ein Gegensatz, der Stifter zeit seines Schaffens begleitet, künstlerisch wie lebensweltlich, und in dieser Allegorie erneuten Ausdruck findet.

114 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon