Haimonskinder

[855] Haimonskinder, nach dem gleichnamigen Gedicht von unbekanntem Verfasser, der vor der Mitte des 12. Jahrh. gelebt haben muß, u. nach der Sage die 4 Söhne des Herzogs Haimon (Aymont) Dordon (Dordogne): Adelhart (Alard), Ritsart (Richard), Writsart (Guichard) u. Reinalt (Regnault de Montauban), der berühmteste war der Letztere, dessen Pferd Bayard hieß. Als Kaiser Karl der Große ihren Oheim, Herzog Veue von Agrimont, ermorden ließ, schwuren die Brüder seinen Tod zu rächen; die Feindseligkeiten begannen damit, daß Reinalt Karls Neffen, Bechtold, auf dem Hoftage mit einem goldnen Schachbret erschlug. Die H. flohen, mit ihnen Magis (Maligis), Beues Sohn, ein zauberkundiger Mann. Sie bauten sich im Ardennenwalde die Burg Montfort; Karl zog mit einem Heere, in dem auch Haimon war, vor[855] diese Burg, u. nach dreizehnmonatlicher Belagerung mußten die H. dieselbe verlassen. Sie irrten nun umher u. kamen endlich nach Dordon, aber ausgewiesen von ihrem Vater, doch unterstützt von ihrer Mutter, die nicht durch den Eid zu ihrer Gegnerschaft gebunden war, rüsteten sie ein Heer aus u. zogen nach Bordeaux zum König Hyon von Gascogne. Diesem halfen sie Toulouse wieder unterwerfen u. erhielten dafür die Erlaubniß, sich das Schloß Montauban zu bauen. Reinalt heirathete überdies Hyons Schwester Clara. Als Karl nach Spanien zog u. erfuhr, daß Montauban den H-n gehöre, begann der Kampf hier von Neuem; Karls Paladin, Roland, wurde geschlagen u. Hyons Verrath an den H-n mißlang, dagegen waren die H. durch Tapferkeit u. durch Magis Zauberkünste glücklich, Roland wurde gefangen, der Kaiser selbst durch Zauberei nach Montauban gebracht u. obgleich die H. Beide freigaben u. um Frieden baten, ließ sich der Kaiser nicht bewegen, sondern setzte die Belagerung fort, u. die H., durch ihren Vater, der in seinem Herzen mit ihnen versöhnt war, noch eine Zeit lang mit Proviant unterstützt, den er ihnen durch Belagerungsmaschinen in die Burg warf, mußten doch endlich Montauban verlassen u. zogen nach Dordon. Auch hierher verfolgte sie Karl, u. erst auf das Bitten der Pairs von Frankreich machte er hier, nach 16 Jahre langem Kriege Frieden mit den H-n, doch mit der Bedingung, daß Reinalt ihm das Roß Bayard übergebe, sein Erbtheil seinem Bruder überließe u. dann als Pilger nach Jerusalem zöge. Dieß geschah, u. Magis begleitete ihn; als er heimkam, war Clara gestorben; nach Haimons Tode behielt er nur Montauban, u. nachdem er seine Söhne groß gezogen, ging er nach Köln u. arbeitete dort als Taglöhner. Beneidet von seinen Mitarbeitern, wurde er von denselben ermordet u. in den Rhein geworfen, aber erkannt wurde er herausgezogen, zu Kranen begraben u., weil an seinem Leichname Wunder geschehen waren, als Heiliger verehrt. Das Gedicht befindet sich handschriftlich in Heidelberg u. ist noch nicht gedruckt, bekannt ist die Geschichte nur als Roman in Prosa, u. zwar in einer französischen Bearbeitung, die jetzt noch als Hist, des quatre fils d'Aymon ein allgemein gelesenes Volksbuch in Frankreich ist u. wovon eine freie Übersetzung ist: Eyn schön lustig Geschicht, wie Kayser Carol der groß vier gebrüder Hertzog Aymont von Dordons etc. sechzehn jar langk bekriegt etc., Siemmern 1525, u. in einer niederländischen Bearbeitung, aus der unser Volksbuch: Schöne Historie von den vier H-n etc., Köln am Rhein u. Nürnb. o. I., hervorgegangen zu sein scheint; dann ist es gedruckt, Köln 1604 u.ö., neu bearbeitet von L. Tieck in Pet. Leberechts Volksmärchen, Berl. 1707, 3 Bde., in den deutschen Volksbüchern von Simrock, Heft 9, Frankf. 1845 u. von Marbach, Heft 9, Lpz. 1838. Die H. sind auch das Sujet einer Oper des Engländers Balfe.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 7. Altenburg 1859, S. 855-856.
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