Volksbücher

[656] Volksbücher, 1) im weiteren Sinne des Worts solche Bücher, welche lange Zeit hindurch bei allen Klassen u. Ständen eines Volks Eingang u. Beifall gefunden haben. V. in diesem Sinne waren z.B. bei den Griechen die Homerischen Gedichte u. sind noch jetzt in den protestantischen Ländern die Übersetzungen der Bibel in die Landessprache. Für die Allgemeinheit der Verbreitung, das Ansehen u. die Zuneigung, welche ein solches Buch genießt, gibt es natürlich sehr verschiedene Abstufungen; ein Schriftwerk wird in demselben Grade ein Volksbuch, als es volkstümlich wird, u. deshalb haben auf diesen Namen zeitlich u. räumlich weit verbreitete Bücher Anspruch, wenn sie auch nicht schlechthin von allen Klassen eines Volks gleichmäßig geschätzt u. benutzt werden, wie z.B. Bunyan's Pilgrims progress, das Buch von der Nachahmung Christi, die Werke beliebter Unterhaltungsschriftsteller, die Klassiker einer Nation, insofern sie eine immer weitere Verbreitung finden etc. Man nennt daher V. namentlich in Deutschland vorzugsweise 2) eine Anzahl von Schriften welche am Ausgang des Mittelalters entstanden, mehre Jahrhunderte hindurch der Unterhaltung u. Erheiterung der verschiedenen Stände des Volks gedient u. in neuerer Zeit theils wegen ihres Poetischen Gehalts, theils wegen ihrer literarhistorischen u. sittengeschichtlichen Wichtigkeit die Aufmerksamkeit wieder auf sich gezogen haben. Ihre Entstehung hängt zusammen mit der seit dem 14. Jahrh. beginnenden, im 15. Jahrh. rasch fortschreitenden Erschlaffung der eigentlich dichterischen Productivität. Während nämlich einerseits die strenge Herrschaft über die Form der gebundenen Rede, welche[656] noch im 13. Jahrh. auch für die bloße Unterhaltungsliteratur gefordert u. geübt wurde, verloren ging, andererseits aber die Lust u. Freude an den alten poetischen Stoffen u. das Bedürfniß der Unterhaltung fortdauerte, entstanden zum Theil schon im 15. Jahrh. meist erzählende Schriften in prosaischer Form, welche ihre Stoffe theils aus der deutschen Heldensage, theils aus dem Auslande (Frankreich, England, Italien, dem Orient), theils endlich aus den unmittelbaren Verhältnissen u. Zuständen des eigenen Volkslebens entlehnten u. die, nachdem die Buchdruckerkunst ihre wohlfeile Vervielfältigung möglich gemacht hatte, in Ausgaben, denen die damals eifrig geübte Holzschneidekunst einen besonderen Reiz verlieh, bis ins 17. Jahrh. herab eine weitverbreitet Unterhaltungsliteratur des Volks wurden u. für die niederen Schichten desselben in der Gestalt kleiner Hefte, welche als »gedruckt in diesem Jahr« auf Jahrmärkten u. Kirchweihfesten verkauft weiden, bis auf die neueste Seit geblieben sind. In der Benutzung der deutschen Heldensage griff man dabei mit besonderer Vorliebe nach dem Seltsamen u. Außerordentlichen, Fernliegenden u. Wunderbaren; gern benutzte man ausländische, nicht ursprünglich auf deutschem Boden entstandene Stoffe, welche zugleich den Reiz der Neuheit hatten; auch schloß man sich in der Bearbeitung einheimischer Stoffe nicht immer der Gestalt an, welche ihnen die älteren Dichter gegeben hatten, sondern benutzte spätere, poetisch abgeschwächte Bearbeitungen. Zu der großen Anzahl der in dieser Weise entstandenen V. gehören der Wigalois (zuerst Augsb. 1493); die beschichte von Tristan u. Isolde nach der Bearbeitung des Eilhart von Oberge (zuerst Augsb. 1498); das Heldenbuch (1491) u. einzelne Sagen aus ihm, der Riese Siegenot, das Hildebrandlied, der Hörnerne Siegfried, Ecken Ausfahrt, Der Rosengarten, König Laurin, welche in Strasburg, Frankfurt u. Nürnberg bis ins 17. Jahrh. herab oft gedruckt worden sind; ferner die dem Morgenland entstammende Geschichte des Apollonius von Tyrlendt (Tyrus), von Heinrich von Neuenstadt aus Wien nach der lateinischen Erzählung des Gottfried von Viterbo bearbeitet u. zuerst gedruckt Augsburg 1771; die der deutschen Geschichte od. Sage angehörenden V. von Heinrich dem Löwen, dem Kaiser Friedrich Barbarossa (zuerst 1519), von Herzog Ernst (zuerst Strasburg ohne Jahr, dann Erfurt 1502). Die beliebtesten u. verbreitetsten V. wurden die, welche fremde Stoffe bearbeiteten, entlehnt theils aus dem Kerlingischen Sagenkreise u. seinen Ausläufern u. Umgebungen, theils aus alten auf das östliche Asien zurückweisende« Erzählungen, welche im Mittelalter von einem Volke zum anderen wanderten u. welche sich das Abendland in verschiedenen Formen, Umbildungen u. Einkleidungen aneignete. Hierher gehören die Haimonskinder Schöne Historie von den vier Haymonskindern sammt ihrem Roß Bayart, Simmern 1555); Fierabras (ebd. 1533); Ogier von Dänemark, von Konrad Egenberger von Wertheim (Frankf. 1571); Florio u. Biancefforo (Flor u. Blanscheflur), nach dem Filocopo des Boccaccio (Metz 1499); Pontus u. Sidonia (aus dem Französische:: in der Mitte des 15. Jahrh. übersetzt von Eleonore von Schottland, vermählt an Erzherzog Siegmund von Österreich, zuerst gedruckt Augsb. 1485); der Hugschapler (Hugo Capet) u. Lothar u. Maller, beide verfaßt von Margaretha Herzogin von Lothringen zu Anfang des 15. Jahrh., das letztere von ihrer Tochter Elisabeth, vermählten Herzogin von Nassau-Saarbrücken, 1437 übersetzt, zuerst gedruckt Strasb. 1500 u. 1514; Melusine (vielleicht celtischen Ursprungs, aus dem Französischen durch Düring od. Thüring von Ringoltingen aus Bern übersetzt, zuerst gedruckt 1474); Magelone (aus einem französischen Volksromane von Veit Warbeck bearbeitet, zuerst gedruckt Augsb. 1533); Octavianus, übersetzt von Wilh. Salzmann, Strasb. 1535; der Ritter von Thurm, übersetzt von Marquard vom Stein (Bas. 1493); Herzog Herpin (Strasb. 1514); Ritter Galmy (ebd. 1559); die Geschichte der heiligen Genoveva von Brabant, dem Stoffe nach sehr alt, in der Bearbeitung des Volksbuches ziemlich jung; Fortunatus (zuerst Frankf, a, M. 1509); Die geduldige Helena Strasb. 1508); die durch Steinhöwel aus Petrarca entlehnte Griseldis (Augsb. 1471). Von den in Form eines Volksbuches bearbeiteten Sagen ist eine der allerjüngsten die vom Dr. Faust (s.d.); das Volksbuch erschien zuerst Frankf. a. M. 1588, dann bearbeitet von Widmann (3 Bde., Hamb. 1599 u. von Pfitzer Nürnb. 1695). Neben diesen V-n erlangten eine große Verbreitung theils die aus dem ursprünglichen Thierepos entstandene allegorisch satirische Thierfabel, wie vor Allen Reineke Vos (s.d.), neben ihm weniger allgemein G. Rollenhagens Froschmeuseler, Fischarts Flohhatz, Rose's von Kreuzheim Eselskönig etc., theils solche Märchen-, Legenden u. Anekdotensammlungen, wie die Gesta Romanorum (s.d., deutsch zuerst 1498) u. die Sieben weisen Meister (s.d., als deutsches Volksbuch zuerst datirt gedruckt Augsburg 1473). Überhaupt bildeten die Erzeugnisse u. Sammlungen des Volkswitzes u. Volkshumors, der Narren- u. Schalksweisheit, der Schwante u. Spaße in ihrer nahen Beziehung zu dem eigenen Leben des Volks eine besondere Klasse vielverbreiteter u. mit immer neuem Behagen gelesener V. Hierher gehören die erzählende Bearbeitung des alten Gesprächsspiels Salomon u. Morolf od. Marcolf (Nürnb. 1487); der Eulenspiegel (dem zuerst 1519 hochdeutsch gedruckten Volksbuch liegt die von Thom. Murner, aus dem Plattdeutschen ins Hochdeutsche gemachte Übertragung zu Grunde) u. die dem Eulenspiegel verwandten Klaus Narr von Wolfg. Büttner (Eisl. 1572) u. Hans Clawert von Barthol. Krüger (Berlin 1587); ferner die beiden gereimten V. Der Pfaffe von Kalenberg, von Phil. Frankfurter (zuerst Frankf. 1550). u. dessen Seitenstück Peter Leu von Hall, auch der andere Kalenberger genannt, von Achilles Widmann (Augsburg 1560); Die Schildtberger (Schildbürger) od. Das Lalenbuch, eine Sammlung von Abderitenstreichen, von denen einzelne schon in Schriften des 13. Jahrh. vorkommen u. als deren Träger die Bewohner der Stadt Schilda erst im 16. Jahrh. erscheinen (zuerst gedruckt 1598, später unter dem Titel: Der Grillenvertreiber u. Die Witzenbürger, Frankf. 1693 u. 1625), das Lügenbuch Der Finkenritter (vielleicht von Fischart, Strasb. zwischen 1559 u. 1570), der Prototyp der späteren Münchhausiaden. Als Sammlungen von Anekdoten u. Schwänken, ernsten Erzählungen u. Schnurren sind nach Vorgang der lateinischen Facetiae des Bebelius zu erwähnen des Franciskanermönchs Joh. Pauli Schimpf (d.h. Scherz) u. Ernst (Strasb. 1522), Hans[657] Wilh. Kirchhofs, Burggrafen von Spangenberg, Wendunmuth (Frankf. 1563), Wickrams Rollwagenbüchlein (Strasb. 1557), Mart. Montanus' Wegkürzer, Lindners Rastbüchlein u.a.m. Manche dieser V., wie z.B. Salomon u. Marolf, Reineke Vos, die Melusine u.a. finden sich, wenn auch in mannigfaltig abweichender Gestalt, in der Volksthümlichen Literatur mehr als eines Volkes wieder, andere, wie z.B. der Fortunatus, der Eulenspiegel, haben eine fast allgemeine europäische Verbreitung erlangt, wie sich denn überhaupt in jeder einigermaßen ausgebildeten Literatur Bestandtheile finden, welche in ähnlicher Weise einen volksthümlichen Charakter haben, wie die deutschen V.

In Deutschland hatte sich im 17. Jahrh., seitdem andere Bildungselemente hervortraten, das Interesse an diesen V-n wenigstens in den höheren Schichten der Gesellschaft verloren; die Theilnahme der niederen Schichten blieb ihnen zwar zugewendet, aber ihre Texte waren in der Reihenfolge nachlässiger Abdrücke einer fortschreitenden Verwilderung ausgesetzt. Die Romantische Schule entriß sie zu Anfang dieses Jahrhunderts der Vergessenheit; Dichter wie der Maler Müller, L. Tieck, Raupach fanden sich durch den poetischen Reiz der Genoveva, des Octavianus, der Melusine, des Fortunatus, zu neuen Bearbeitungen od., wie Goethe durch die Faustsage, zu großartigen Schöpfungen angeregt; gleichzeitig wurden sie ein Gegenstand eingehender literar- u. culturgeschichtlicher Untersuchungen. Vgl. J.J. Görres, Die Deutschen B., Heidelb. 1807; Grässe, Die Sagenkreise des Mittelalters, Dresd. u. Lpz. 1842. Eine Sammlung von 13 V-n gab schon 1578 der Buchhändler Feyerabend in Frankfurt unter dem Titel: Buch der Liebe heraus. Von einer ähnlichen, durch von der Hagen u. Büsching unter gleichem Titel, Berl. 1809, unternommenen Sammlung ist nur der 1. Thl. erschienen. Einzelnes hierher Gehörige bietet von der Hagens Narrenbuch (Halle 1811), desselben Gesammtabenteuer, 100 altdeutsche Erzählungen, Stuttg. u. Tüb. 1850, 1.–3. Bd. In einen größeren Leserkreis führte die deutschen V. wieder ein Gust. Schwab, Buch der schönsten Geschichten u. Sagen (Stuttg. 1836, 2 Bde., 3. Aufl.: Die deutschen V., 1847), u. Marbach, Deutsche B., Lpz. 1838. Die beste, mit kritischer Sorgfalt auf die ältesten Texte zurückgehende Sammlung ist die von Simrock, Deutsche V., Frankf. 1839–55, 36 Hfte. in 8 Bdn. Über die englischen V. vgl. Thoms, A collection of early prosa romances, Lond. 1828, 3 Bde., deutsch mit Zusätzen von Spazier in dessen Altenglischen Sagen u. Märchen, Braunschw. 1830, 1. Bd.; über die holländischen van den Bergh, De Nederlandsche volksromans, Amsterd. 1837; über die skandinavischen Nyerup, Almindelig morsskebsläsning i Denmark og Norge (Kopenh. 1817); über die französischen Nodier, Nouvelle bibliotheque bleue (Par. 1842).

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 18. Altenburg 1864, S. 656-658.
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