Supernaturalismus

[100] Supernaturalismus (Supranaturalismus, v. lat.), 1) im weiteren Sinne der Glaube an ein über die Natur Erhabenes, dieselbe Beherrschendes u. Leitendes, also der Glaube an das Göttliche u. Gott als ein seinem Wesen nach von der Natur Verschiedenes. In diesem Sinne ist der S. ein Grundzug, ja der wesentliche Inhalt des religiösen Glaubens überhaupt u. supernaturalistische Elemente kommen in allen Formen der Religion vor, wie verschieden auch übrigens der Inhalt des Gottesbegriffs u. die Vorstellung seines Verhältnisses zur Welt sich in ihnen modificiren möge. Der Gegensatz des S. in diesem Sinne ist der Naturalismus (s.d.); 2) im engeren Sinne die Behauptung, daß die religiöse Wahrheit auf einer besonderen, directen Mittheilung Gottes, auf einer Offenbarung beruhe, welcher gegenüber eine Prüfung u. ein Zweifel nicht gestattet sei. In vielen heidnischen Religionen (z.B. der hellenischen) tritt der S. in diesem Sinne nicht sowohl in Beziehung auf den ganzen Complex der religiösen Glaubenvorstellungen, als vielmehr in Beziehung auf einzelne Mittheilungen u. Weisungen der Götter über bestimmte Ereignisse u. Handlungen auf; Orakel, Zeichen der verschiedensten Art u. ihre Deutung durch die Priester werden in ihnen als Kundgebungen des göttlichen Willens, als Offenbarungen des göttlichen Wissens betrachtet. Aber die meisten Religionen führen ihren ganzen Ursprung ausdrücklich auf eine göttliche Offenbarung zurück, und diese Grundlage der betreffenden Religion wird um so wichtiger, wenn in Form einer schriftlichen Religionsurkunde, heiliger Bücher, der Inhalt dieser Offenbarung niedergelegt u. der religiöse Glaubensinhalt mit Berufung hierauf in der Form eines kirchlichen Bekenntnisses u. Lehrbegriffes (s. Dogma, Symbol) festgestellt wird. Unter den Religionen, bei welchen dies geschehen ist, nimmt das Christenthum die wichtigste Stelle ein, u. so wie seine Grundlage in Beziehung auf seine Quelle wesentlich eine supernaturale ist, so hat auch die Kirche, nachdem einmal der kirchliche Lehrbegriff festgestellt u. in bestimmten Symbolen u. Dogmen formulirt war, die gläubige Anerkennung desselben gefordert u. zwar dergestalt, daß sie die Prüfung sowohl des Ursprungs als des Inhalts des kirchlichen Lehrbegriffs für unzulässig erklärte. Den Gegensatz dieser Art des S. bildet der Rationalismus, welcher das Recht einer solchen Prüfung zunächst durch freie Schriftauslegung für sich in Anspruch nimmt. Seine Regungen wurden früher in der Regel als Ketzerei (s.d.) verdammt. Über die Art, wie er dem S. gegenüber namentlich innerhalb der Protestantischen Kirche unter dem Einflüsse der Philosophie u. historisch-kritischer u. exegetischer Forschungen sich als eine besondere theologische Denkweise ausgebildet u. auf den S. zurückgewirkt hat, s. Rationalismus. Vgl. Strudel, Über die Haltbarkeit des Glaubens an höhere Offenbarung, Lpz. 1814; Tittmann, Üler Supernaturalismus, Rationalismus u. Atheismus, Sondershausen 1821; Schott, Briefe über Religion u. christlichen Offenbarungsglauben, Jena 1826.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 17. Altenburg 1863, S. 100.
Lizenz:
Faksimiles:
Kategorien: