De Sanctis

[661] De Sanctis, 1) Luigi, der bedeutendste Theolog, den das katholische Italien an den Protestantismus verloren hat, geb. 1808, gest. 1869. Als hoher Würdenträger des Papstes vom Studium der Bibel ergriffen, floh er 1847 nach Malta, trat zur evangelischen Kirche über, wirkte seit 1852 an der Turiner Gemeinde der Waldenser, dann in der »chiesa libera« (s. Freikirchen) und seit 1864 bis zu seinem Tode wieder bei den Waldensern, in deren Dienst er eine Professur an der seit 1861 bestehenden theologischen Fakultät in Florenz verwaltete. Vgl. Rönneke, Luigi D. (Halle 1890).

2) Francesco, ital. Literarhistoriker und Kritiker, geb. 1818 zu Morra im Neapolitanischen, gest. 28. Dez. 1883 in Neapel, bildete sich in der berühmten Privatlehranstalt Basilio Puotis zum vollendeten Stilisten und Rhetoriker und gründete 1838 selbst eine höhere Privatlehranstalt für Grammatik, Rhetorik, Ästhetik und Philosophie. Außer hohem Ansehen als Lehrer erwarb sich D. auch den Ruf eines bedeutenden Kritikers. 1848 von der revolutionären Regierung zum Generalsekretär im Departement des öffentlichen Unterrichts ernannt, flüchtete er beim Eintritt der Reaktion nach Cosenza, wurde 1850 verhaftet und drei Jahre im Kerker gehalten. Hier übersetzte er Gedichte von Schiller und Goethe, die »Geschichte der Poesie« von Rosenkranz und Hegels »Logik«. Entlassen mit der Weisung, sich nach Amerika zu begeben, flüchtete er über Malta nach Turin, wo er Vorträge über die »Divina Commedia« hielt, die durch geistreiche und originelle Auffassung ausgezeichnet waren. 1856 wurde er als Professor der Ästhetik und der italienischen Literatur an das Polytechnikum in Zürich berufen, und 1860 ward ihm das Verwaltungsfach des öffentlichen Unterrichts im neapolitanischen, 1862 im Ministerium des Königreichs Italien übertragen. Im März 1862 kehrte er nach Neapel zurück, nahm seine Lehrtätigkeit wieder auf und gründete das Journal »L'Italia«. Seit 1871 war er Professor an der Universität Neapel. Vom März bis Dezember 1878 war er von neuem Minister des öffentlichen Unterrichts und ein drittes Mal vom November 1879 bis Ende 1880. Von seinen Schriften sind die wichtigsten die »Storia della letteratura italiana« (9. Ausg., Neap. 1898, 2 Bde.); »Saggi critici« (das. 1868, 4. Aufl. 1881), Meisterwerke der Kritik; »Saggio critico sul Petrarca« (das. 1869) und die »Nuovi saggi critici« (das. 1872, 2. Aufl. 1879). Nach seinem Tod erschienen »Studio su G. Leopardi« (Neap. 1885), »Scritti politici« (Neap. 1889), »La giovinezza di F. de S.«, Bruchstücke einer Autobiographie (das. 1889, neue Ausg. 1894), »La letteratura italiana nel secolo XIX« (das. 1897,4. Aufl. 1902), »Scritti varii inediti o rari« (das. 1898, 2 Bde.). Vgl. Gaspary im »Archiv für das Studium der neuern Sprachen«, Bd. 53 und 54 (1875); Ferrieri, Francesco de S. e la critica letteraria (Mail. 1887); Villari, Scritti vari (Bologna 1894); Pennetti, Commemorando Fr. de S. ecc. (Neap. 1894); Croce, De S. ei suoi critici recenti (das. 1898); Cocchia, Il pensiero critico di F. de S. etc. (das. 1899).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1906, S. 661.
Lizenz:
Faksimiles:
Kategorien: