Stróganow

[123] Stróganow, angesehene russische, jetzt gräfliche Familie, hat zum Ahnherrn Anikij S., der zu Ende des 16. Jahrh. große Salinen und Eisenwerke am Ural besaß, und dessen Söhne Jakow, Grigorij und Ssemen sich durch Erfindungen sowie großartige Einrichtungen im Berg- und Salzwesen bekannt machten und sich unter Iwan dem Schrecklichen zwischen der Kama und nördlichen Dwina ansiedelten. Mit dem Kosaken Jermak vollzogen sie die Eroberung [123] Sibiriens. Iwan Wasiljewitsch verlieh den Brüdern bedeutende Handelsvorrechte, sie brachten den ganzen Handel Sibiriens an sich und erwarben mehr als 100 Städte, Kolonien, Hüttenwerke und Goldwäschen. Anfang des 17. Jahrh. rüsteten die Stroganows ein eignes Armeekorps gegen Polen aus, wofür ihnen der Zar gestattete, ihre eigne Soldateska zu haben und Jurisdiktion über ihre Untergebenen zu üben. Peter d. Gr. nahm jedoch 18. Mai 1722 den Repräsentanten der Familie, den Brüdern Alexander, Nikolai und Sergei S., sämtliche Vorrechte ihrer Ahnen und verlieh ihnen hierfür bloß den Baronstitel. Baron Nikolai gründete die ältere, Baron Sergei die jüngere Linie des Hauses. Der erstern gehörten an Grigorij Alexandrowitsch S., geb. 1770, gest. 19. Jan. 1857, Diplomat und 1826 in den Grafenstand erhoben, rettete 1821 als russischer Gesandter in Konstantinopel durch sein energisches Auftreten vielen tausend Griechen das Leben. Sein ältester Sohn, Graf Sergei, geb. 1794, gest. 8. April 1882 in St. Petersburg, General der Kavallerie, bis 1835 Gouverneur von Minsk, dann bis 1845 Kurator des Moskauer Lehrbezirks, erbte 1817 das Majorat der jüngern Linie, hob als Besitzer eines Teiles der von seinen Vorfahren angelegten Salz- und Hüttenwerke Gewerbe, Künste und Wissenschaften und galt als ausgezeichneter Altertumskenner. Seit 1857 Leiter der archäologischen Ausgrabungen, die auf Kosten des kaiserlichen Kabinetts in Rußland vorgenommen wurden, veröffentlichte er die Resultate in den »Comptes-rendus de la commission archéologique« 1860. Unter seiner Leitung erschien auch ein »Recueil d'antiquités de la Scythie« (1866 ff.). 1859 zum Generalgouverneur von Moskau ernannt, schied er bald wieder aus dieser Stellung, wurde Kurator des damaligen Thronfolgers Nikolaus und stand ihm bis zu dessen Tod zur Seite. Dann wurde er Vorsitzender des Hauptkomitees der russischen Eisenbahnen. Sein Bruder, Graf Alexander, geb. 1796, gest. 10. Nov. 1891, kämpfte im Befreiungskriege, war 1839–41 Minister des Innern, ward 1855 zum Generalgouverneur von Neurußland und Bessarabien ernannt und 1856 mit der Wiederherstellung von Sebastopol beauftragt. Sein Sohn Grigorij, gest. 20. Febr. 1879, war seit 1856 mit der verwitweten Herzogin von Leuchtenberg (gest. 24. Febr. 1876) morganatisch vermählt. – Der jüngern Linie gehörten an: Alexander Sergejewitsch, Graf S., Sohn des Stifters der Linie, geb. 14. Jan. 1733, gest. 9. Okt. 1811, war einflußreich bei der Kaiserin Katharina II., sammelte eine wertvolle Gemäldegalerie und wurde 1798 in den erblichen Grafenstand erhoben. Sein einziger Sohn, Paul Alexandrowitsch S., geb. 18. Juni 1774 in Frankreich, gest. 1817 auf einer Seereise, focht mit Auszeichnung in den Napoleonischen Kriegen und war auch Diplomat. 1809 nahm er teil an der Besetzung der Ålandsinseln und am Türkenkrieg. 1812 focht er bei Walutina Gora und bei Borodino, weniger erfolgreich bei Malojaroßlawez. 1814 kämpfte er in den Schlachten bei Craonne und Laon. Mit ihm erlosch die jüngere Linie. Vgl. Großfürst Nikolai Michailowitsch, Graf Paul A. S. (russ., St. Petersb. 1903 ff., 3 Bde.; franz. Übersetzung, Par. 1905–06, 3 Bde.).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909, S. 123-124.
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