Theodĕrich

[465] Theodĕrich (got. Thiudareiks, »Volksherrscher«, Theodorich, Theuderich, später Dietrich), Name zweier westgotischen Könige: 1) T. I., 419–451, Nachfolger Wallias, wählte Tolosa zum Herrschersitz, besiegte 439 den römischen Feldherrn Litorius, verband sich 451 mit Aëtius gegen die Hunnen und fiel in der Schlacht auf den Mauriazensischen Gefilden.

2) T. II., 453–466, Sohn des vorigen, ermordete seinen ältern Bruder, König Thorismund, regierte kräftig und siegreich, ward 466 von Eurich ermordet.

3) T. der Große, König der Ostgoten, geb. 454, gest. 30. Aug. 526, Sohn des Amalers Theodemir, lebte 462–472 als Geisel am byzantinischen Hofe, nahm dann an seines Vaters Kämpfen teil, ward nach dessen Tode 474 oder 475 König der Ostgoten und stand im Bunde mit dem oströmischen Kaiser Zenon, der ihn 481 zum Patricius und Magister militum, 484 zum Konsul ernannte und ihm 487 die Erlaubnis erteilte, Italien für den Kaiser zurückzuerobern. 488 zog er über die Ostalpen, schlug Odoaker 489 am Isonzo und bei Verona, 490 an der Adda, zwang ihn 493 in Ravenna zur Übergabe (27. Febr.) und tötete ihn bald darauf mit eigner Hand. Er nannte sich nun, obwohl er die byzantinische Oberhoheit anerkannte, König von Italien und begründete hier das ostgotische Reich. Er sicherte dessen Grenzen nach außen, erwarb Sizilien, die Alpenlande und die Provence, suchte den Frieden unter den germanischen Reichen aufrecht zu erhalten und ward von diesen als Schiedsrichter geachtet; für seinen Neffen Amalarich führte er 507–526 die Vormundschaft auch über das tolosanische Westgotenreich. 498 erhielt er von Anastasios die Abzeichen des abendländischen Kaisertums. Im Innern stellte er eine treffliche Staatsordnung her. Seinen Goten wies er ein Dritteil des Grundbesitzes an und übertrug ihnen den bewaffneten Schutz des Reiches; für die Italiker ließ er die römische Verfassung, [465] Gerichtsordnung und Gesetzgebung bestehen und suchte sie durch Milde und Gerechtigkeit für sich zu gewinnen, begünstigte den Ackerbau, errichtete Getreidemagazine und schmückte die größern Städte mit Kirchen, Palästen, Bädern, Wasserleitungen (sein Grabmal s. auf der Tafel »Architektur VI«, Fig. 4). Dennoch gelang es ihm nicht, die Goten mit den Römern zu verschmelzen und die Abneigung der orthodoxen Geistlichkeit gegen die Herrschaft der arianischen Ketzer zu überwinden. Ränke der katholischen Aristokratie verleiteten ihn 524 zur Hinrichtung der Senatoren Boetius und Symmachus. Bei seinem Tode ging das Reich auf seinen zehnjährigen Enkel Athalarich. den Sohn seiner Tochter Amalasvintha, über. Auch in der Sage lebte T. als Dietrich von Bern (s. d.) fort; im deutschen Heldenbuch wie im Nibelungenlied wird er als großer Held gefeiert. Vgl. Martin, T. der Große bis zur Eroberung Italiens (Freiburg 1888); W. Müller, Die Herrschaft Theoderichs des Großen vor seinem Zuge nach Italien (Dissertation, Greifsw. 1892); Pfeilschifter, Der Ostgotenkönig T. der Große und die katholische Kirche (»Kirchengeschichtliche Studien«, Bd. 3, Freiburg 1896); Hartmann, Geschichte Italiens im Mittelalter, Bd. 1 (Gotha 1897).

Auch Name zweier fränkischen Könige aus dem Geschlechte der Merowinger: 4) T. I., außerehelicher Sohn Chlodwigs, folgte diesem 511 in Ripuarien und Ostaquitanien mit der Hauptstadt Metz, eroberte 531 das Thüringer Reich, dessen letzten König, Herman fried, er danach hinterlistig tötete; starb 533. – 5) T. II., Sohn Childeberts, erbte von diesem 595 Burgund, entriß seinem Bruder Theodebert II. 612 Austrasien, starb aber 613 in Metz.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909, S. 465-466.
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