Patkul

[426] Patkul (Joh. Reinhold oder Reginald von) war der Sohn eines liefländ. Edelmannes und soll 1660 zu Stockholm im Gefängnisse geboren worden sein, welches seine Mutter freiwillig mit ihrem Gatten theilte, den König Karl XI. von Schweden wegen ihm schuldgegebener Einverständnisse mit Polen hatte verhaften lassen. P. erwarb sich eine ungewöhnliche Bildung, wurde Hauptmann im schwed. Heere, nahm aber auch den thätigsten Antheil an den wiederholt von Abgeordneten der liefländ. Ritterschaft bei der schwed. Regierung erhobenen Beschwerden wegen Beeinträchtigung der alten Gerechtsame Lieflands. Die Bitterkeit, mit welcher sich im patriotischen Eifer P. über die Vereinigung Lieflands mit Schweden aussprach, zog ihm den besondern Haß der schwed. Regierung zu, die P. und mehren andern angesehenen Liefländern als Rebellen den Proceß machen ließ. Zum Verhör nach Stockholm gefodert, begab sich zwar P., welcher wegen eines gehabten Streites mit seinem Obristlieutenant nach Kurland ausgetreten war, nach erhaltenem sichern Geleite dahin, ging aber noch vor beendigter Sache wieder nach Kurland zurück. Vergeblich suchte er von hier aus durch ein unterwürfiges Schreiben an den König seine nun erfolgende Verurtheilung abzuwenden, zufolge der er als Rebell, wegen des Streites mit dem Obristlieutenant und seiner Flucht ins Ausland, für infam erklärt wurde und die rechte Hand und den Kopf verlieren sollte. Außerdem sollten seine Güter eingezogen und seine Schriften vom Henker verbrannt werden. P. ging jetzt in die Schweiz, wo er unter dem Namen Fischering nur wissenschaftlichen Zwecken gelebt zu haben scheint, hielt sich dann einige Zeit in Frankreich auf und kam endlich, nachdem er auch bei dem inzwischen zur Regierung gelangten Karl XII. keine Änderung seiner Verurtheilung erlangen konnte, als Geheimrath 1689 in die Dienste des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen August II. Dieser benutzte P. zu seinen Plänen gegen [426] Schweden und zur Wiedererwerbung Lieflands für Polen, und nachdem deshalb ein Bündniß mit Peter dem Großen abgeschlossen worden war, ging P. in dessen Dienste über, wurde russ. Gesandter bei August II. und mit dem Range eines Generallieutenants Oberbefehlshaber der für denselben bestimmten russ. Hülfstruppen. Plötzlich aber ward P. im Dec. 1705 in Dresden verhaftet und auf den Sonnenstein, nachher auf den Königstein gebracht, weil er August II. geschmäht, dessen Entzweiung mit Rußland betrieben und andere feindselige Pläne der Art betrieben haben sollte, und im Frieden von Altranstädt versprach August II. sogar die Auslieferung P.'s an Karl XII., welche auch erfolgte, weil P. an Benutzung der gegebenen Gelegenheit zum Entkommen durch seine Feinde, oder, wie behauptet wird, durch die Habsucht des Festungscommandanten gehindert wurde. Vergebens foderte Peter der Große seinen Gesandten von Karl XII. zurück; P. ward von einem schwed. Kriegsgericht als Landesverräther verurtheilt und bei Kasimir in der Nähe von Posen lebendig von unten herauf gerädert, dann enthauptet und sein Leichnam in vier Theilen auf vier Räder geflochten. Nachdem August II. Ansehen in Polen hergestellt war, wurden 1713 die Gebeine des Unglücklichen gesammelt und nach Warschau gebracht.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1839., S. 426-427.
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