Relativ

[251] Relativ: der Relation nach, beziehungsweise, (nur) in bestimmter Beziehung oder Abhängigkeit gültig, nicht an und für sich, nicht unabhängig, selbständig, nicht absolut (s. d.). Relativität ist der Charakter des Relativen. Relative Eigenschaften sind solche, welche ein Ding nur in Beziehung zu[251] anderen Dingen, insbesondere aber zum erkennenden Subject hat. Die Relativität der Qualitäten (s. d.) der Außendinge besagt nicht, daß »transcendente Factoren« (s. d.) nicht an dem Auftreten dieser Qualitäten mit beteiligt sind, bedingt noch nicht die absolute »Subjectivität« (s. d.) der Qualitäten sowie der Anschauungsformen (s. d.) und Kategorien (s. d.). Die Relativität der (Natur-)Erkenntnis bedeutet, daß die Erkenntnisinhalte abhängig sind vom erkennenden Subjecte, daß sie uns die Wirklichkeit nicht ihrem absoluten Sein nach, sondern nur in ihrer Beziehung zu uns darstellt, aber immerhin doch wirkliche Relationen der Dinge zu uns und untereinander. In diesem Sinne ist auch alle auf die Außenwelt sich beziehende Wahrheit (s. d.) relativ. Absolute Wahrheit ist jene, die sich auf die Gültigkeit von Urteilen innerhalb einer uns zugänglichen oder auch in einer idealen Seinssphäre bezieht (z.B. die Wahrheit der logischen Axiome). Alles Endliche als solches ist ein Relatives, ein in Relationen (s. d.) Stehendes, Abhängiges. das Absolute (s. d.) ist das Unendliche, die All-Einheit, die nichts außer sich hat (s. Causa sui). Der Standpunkt, daß alle Erkenntnis nur relativ sei, nur für einen bestimmten Standpunkt gelte, heißt Relativismus. Ein rein logischer Relativismus ist unmöglich, hebt sich selbst auf, die Absolutheit der Denkaxiome sowie der Urteilsgültigkeit für ein Bewußtsein überhaupt (unabhängig von Zeit und Raum) ist nicht zu bestreiten (»Logischer Absolutismus«). Der Relativismus ist nur erkenntnistheoretisch, und auch da nur für die direct-einzelwissenschaftliche Erkenntnis der Außenwelt, haltbar. das geistige Leben, das erkennend-wollende Bewußtsein, das »stellungnehmende« Subject ist nichts Relatives, sondern Urbedingung aller Relation.

Nach THOMAS ist das »esse relativi« ein »ad aliud se habere« (Sum. th. I, 28, 2 ob. 3). – Nach W. HAMILTON ist das Absolute nur eine negative Idee, das Nicht-Relative. Dagegen u. a. MANSEL, H. SPENCER, L. RABIER. Nach ihm ist das Absolute für uns »la raison suffisante de toutes choses« (Psychol. p. 467). RENOUVIER erklärt: »La thèse de l'absolu n'est que l'énoncé de la proposition: il existe quelque chose de non relatif« (Nouv. Monadol. p. 31). ULRICI betont: »Wir können... das Relative als Relatives, das Endliche als Endliches, das Zeitliche als Zeitliches nur vorstellen und zur Vorstellung desselben nur gelangen durch Unterscheidung desselben vom Absoluten, Unendlichen, Ewigen« (Gott u. d. Nat. S. 623). HEYMANS nennt etwas relativ, »wenn in der Vorstellung desselben diejenige eines andern Wirklichen notwendig mit inbegriffen ist« (Ges. u. Elem. d. wiss. Denk. S. 420). Der Begriff des Absoluten ist ein Grenzbegriff. »Er bezeichnet den begrifflich geforderten, tatsächlich aber immer nur provisorisch vollziehbaren Abschluß der Reihe fortschreitender Auflösungen des Gegebenen in seine Elemente. Wir schreiben in jedem Entwicklungsstadium unseres Wissens einen Wirklichen als absolute Eigenschaften diejenigen zu, von denen wir keinen Grund haben anzunehmen, daß sie nur kraft seiner Beziehung zu einem andern Wirklichen hervortreten« (l. c. S. 423). – R. AVENARIUS versteht unter dem »relativen« Standpunkt den die Beziehung der Umgebung vom erkennenden Individuum (bezw. zum »System C«, s. d.) berücksichtigenden Standpunkt, während der »absolute« Standpunkt von dieser Abhängigkeit der Umgebungsbestandteile abstrahiert (Weltbegr. S. 15. J. KODIS, Vierteljahrsschr. f. wies. Philos. 21. Bd., S. 428).

Der Gedanke des Relativen in der Erkenntnis (s. d. und Wahrnehmung) findet sich bei vielen Philosophen. Den Relativitätsstandpunkt nehmen zuerst[252] die Sophisten (s. d.) ein, und zwar den Standpunkt des subjectivistischen (s. d.) Relativismus. Er wird im »homo-mensura-Satz« (s. d.) des PROTAGORAS formuliert: pantôn chrêmatôn metron anthrôpos (Diog. L. IX, 51). phêsi... tôn pros ti einai tên alêtheian (Sext. Empir. adv. Math. VII, 60). Nur in Beziehung zum Einzelnen oder auch zum Menschen überhaupt ist etwas wahr, nicht an sich. Gegen den Relativismus (auch in der Ethik) betonen SOKRATES und PLATO die Allgemeingültigkeit der Begriffe und Ideen (s. d.). Erneuert wird der Relativismus bei den Skeptikern (s. d.), welche die Abhängigkeit alles Erkennens von allerlei Umständen und von der menschlichen Organisation betonen und kein absolutes Wissen zugeben. Den Einfluß der geistigen Constitution auf das Erkennen berücksichtigt BOËTHIUS (De cons. philos. V).

In der neueren Zeit ist es zunächst besonders der Skepticismus (s. d.), der den Relativitätsstandpunkt vertritt Einen mehr objectivistischen Relativismus lehrt GOETHE (s. Wahrheit). BONNET erklärt: »Les substances ne nous sont connues que dans leurs rapports a nos facultés: des êtres doues de facultés différentes les voient sous d'autres rapports. Mais tous les rapports sous lesquels les substances se montrent aux différens êtres, sont très-réels, parcequ'ils découlent de l'essence même des substances, combinée avec celle des êtres qui les aperçoivent« (Ess. anal., préf., p. XXIII). Nach D'ALEMBERT erkennen wir nur die Relationen der Phänomene. ähnlich TURGOT (später auch COMTE), Nach CHR. LOSSIUS bezeichnet alle Wahrheit nur eine Relation der Dinge zu uns (Phys. Urs. d. Wahren, 1775). Die Erkenntnis ist relativ, ist durch unsere Organisation bestimmt (ib.). Die Relativität aller unserer Erkenntnisse, deren Abhängigkeit von unserer Organisation betont AD. WEISHAUPT (Üb. Mat. u. Ideal.2, S. 120 ff., 126, 189). – KANT lehrt die Relativität aller Erkenntnis in transcendenter Hinsicht, d.h. auf die Dinge an sich (s. d.) bezogen, dagegen die Absolutheit der Fundamentalerkenntnisse für alle mögliche Erfahrung (s. A priori). Der kriticistische Relativismus ist eben nicht mit dem subjectivistischskeptischen Relativismus und Psychologismus zu verwechseln.

Einen metaphysischen Relativismus innerhalb des Systems des Absoluten begründet HEGEL, (s. Dialektik, Widerspruch, Moment). HERBART erklärt: »Wir leben einmal in Relationen und bedürfen nichts weiter« (Met. II, 412 ff.), wir erkennen nur (auf unsere Weise) die Beziehungen der Dinge, der »Realen« (s. d.). Die »relativity of our thought« betont H. SPENCER. alle Erkenntnis ist relativ (»we think in relation«) (First Princ. § 2 ff., § 47). das Absolute ist unerkennbar (»unknowable«). E. LAAS erklärt, »daß alle räumlichen und zeitlichen Objecte nur relativ sind, in Relation zueinander stehen und zuletzt alle zusammen zu dem centralen Standort der jeweilig apprehendierenden Subjecte« (Ideal. u. posit. Erk. S. 450). Nach DILTHEY kann das Erkennen nur »die constanten Beziehungen von Teilinhalten feststellen, welche in den mannigfachen Gestalten des Naturlebens wiederkehren« (Einl. in d. Geisteswiss. I, 469, 492). Nach RIEHL, ist relativ »nicht das Sein des Subjects, sondern das Subjectsein desselben, nicht das Sein der Objecte, sondern ihr Objectsein« (Philos. Krit. II 2,150). Nur in Bezug auf die Beschaffenheit, nicht auf die Existenz der Dinge ist unser Erkennen relativ (l. c. S. 153). Den Relativismus lehren F. A. LANGE (s. Erscheinung), NIETZSCHE, A. MAYER (Monist. Erk. S. 43 f.), FR. SCHULTZE, HELMHOLTZ, SIMMEL, WEINMANN, R. GOLDSCHEID (Eth. d. Gesamtwill. I, 31), L. DILLES (Weg zur Met. S. 179) u. a. L. STEIN bemerkt: »Das Relative ist das einzige Absolute, das wir kennen« (An d. Wende d. Jahrh.[253] S. 267). Den individuellen und specifischen (Gattungs-)Relativismus bestreitet u. a. HUSSERL (Log. Unt. I, 115). »Was wahr ist, ist absolut, ist an sich wahr« (l. c. I, 117, s. Wahrheit). – Den ethischen Relativismus im Sinne der Bestreitung absoluter, an sich bestehender Normen, Werte und Zwecke lehrt u. a. ADICKES (Zeitschr. f. Philos. 116. Bd., S. 14 ff.. s. Sittlichkeit).

Psychologische Relativitätsgesetze, betreffend die Abhängigkeit der einzelnen psychischen Inhalte von anderen, mit denen sie zusammenhängen, stellen auf: H. SPENCER (Psychol. § 66), LEWES (Probl. I, 200 ff.), A. BAIN (»law of relativity«): »By this is meant, that, as change of impression is an indispensable condition of our being conscious, of our being mentally alive either to feeling or to thought, every mental experience is necessary twofold« (Sens. und Intell.3, p. 8), J. WARD (Encycl. Brit. XX, 37 ff.), BALDWIN (»relativity of consciousness«, Handb. of Psychol. I2, ch. 4, p. 58 ff.), HÖFFDING u. a. WUNDT bezeichnet als »Gesetz der Relativität psychischer Größen« die Tatsache, »daß psychische Größen nur nach ihrem relativen Werte verglichen werden können« (Gr. d. Psychol.5, S. 308). SCHUBERT-SOLDERN betont: »Alles besteht in Beziehung zu anderm und ist ohne diese Beziehung weder wahrnehmbar noch vorstellbar« (Zeitschr. f. imman. Philos. I, 28). Vgl. Correlativismus, Bedingung, Erkenntnis, Qualitäten, Subjectivismus, Objectivität, Skepticismus, Erscheinung, Phänomenalismus, Wahrheit, Sittlichkeit.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 2. Berlin 1904, S. 251-254.
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