Bergbau [1]

[693] Bergbau ist als Zweig der Rohproduktionsindustrie im allgemeinsten Sinne das Gewerbe der Gewinnung der Rohstoffe aus dem Mineralreiche. Die Begriffe Bergbau und Bergbaubetrieb sind jedoch dadurch eingeschränkt worden, daß in den Kulturländern nur die Gewinnung eines bestimmten Teiles der mineralischen Rohstoffe, und zwar in der Hauptsache der Erze, der mineralischen Brennstoffe und der Salze unter dem Bergrechte (s.d.) und damit unter der Aufsicht der Bergbehörden fleht (Bergbau im engeren Sinne), während die Gewinnung der Gesteine und der meisten oben nicht genannten Mineralien unter die Aufsicht der allgemeinen Verwaltungsbehörden fällt und meistens mit dem Namen Steinbruchbetrieb oder Gräberei bezeichnet wird, auch wenn der Betrieb unterirdisch, nach den Regeln der bergmännischen Technik erfolgt.[693]

Je nach dem wichtigsten Gegenstande des Bergbaubetriebes unterscheidet man Erz-, Kohlen- und Salzbergbau, auch mit Rücksicht auf das aus den Erzen dargestellte Metall: Gold-, Silber-, Kupferbergbau u.s.w. Der Natur der Lagerstätte nach spricht man von Flöz-, Gang-, Lager- und Stockwerksbergbau. Ausbeutebergbau ist ein Betrieb, der Ausbeute, d.h. Ertrag gibt, im Gegensatz zum Zubußbergbau, der Zubuße, d.h. Kapitaleinzahlung erfordert. Kommunbergbau nannte man in Sachsen den von mehreren Gemeinden (Kommunen) oder von Grundstücksbesitzern zunächst mit dem Ertrage gewisser zu diesem Zwecke erlassener Steuern, später mit Staatsbeihilfe betriebenen Bergbau. Kommunionbergbau ist der am Rammelsberge bei Goslar von Preußen zu 4/7 und von Braunschweig zu 3/7 gemeinschaftlich betriebene Bergbau. Regalbergbau heißt der auf solche Mineralien betriebene Bergbau, der dem Bergregale (s. Bergrecht) unterworfen ist, dessen Abbaurechte daher vom Staate verliehen werden.

Die Geschichte des Bergbaus und seiner Hilfsmittel ist auf das engste mit der Weltgeschichte verknüpft. Man unterscheidet gewöhnlich die folgenden Abschnitte: Die vorgeschichtliche Zeit. Auf den Stand der Bergbautechnik können wir lediglich aus den spärlichen im ursprünglichen Zustande auf uns gekommenen Resten bergmännischer Tätigkeit und aus der Beschaffenheit der von den verschiedenen Völkern benutzten Geräte, der Waffen und des Schmuckes schließen, worüber uns die Archäologie und Ethnographie belehren. In der ältesten Kulturperiode, der Steinzeit, bediente sich der Mensch lediglich der Steine, die durch Zurechtschlagen und später durch Schleifen zweckentsprechende Form erhielten. Zum Teil wurde das Rohmaterial, so der Feuerstein in Nordeuropa, der Obsidian in Mexiko, in größeren Mengen gewonnen, und die daraus hergestellten Gegenstande dienten als gesuchter Handelsartikel. Die dem Menschen zuerst bekannt gewordenen Metalle [1] waren die in gediegenem Zustande vorkommenden, und zwar Kupfer, Gold und wohl auch Meteoreisen und Silber. Von diesen Metallen ist Kupfer das einzige, welches in größeren Mengen vorkommt und durch seine Härte zu Werkzeugen geeignet ist. Eine zweite, höhere Stufe der Metallzeit greift Platz, als das Ausschmelzen der Metalle aus Erzen erlernt wurde, zuerst werden Kupfer und schmiedbares Eisen dargestellt. Namentlich die Herstellung des letzteren aus Erzen in kleinen Mengen ist sehr einfach. Nachdem auch das Ausschmelzen des Zinns aus dem in Seifen (s.d.) vorkommenden, aber nicht sehr verbreiteten Zinnstein bekannt geworden war, wird erst später die goldfarbige Bronze als Kupferzinnlegierung verwendet. In den einzelnen Ländern ist die Entwicklung der Metallzeit durch das Auftreten der Erze, aber auch durch die Handelsbeziehungen bedingt, es spricht sich dies im gegenseitigen Alter von Kupferzeit, Eisenzeit und Bronzezeit aus. Erst in der letzteren konnte außer dem Schmieden der Metalle auch das Gießen in Formen allgemeiner zur Anwendung gelangen. Eine ausgeprägte Kupferzeit finden wir z.B. am Oberen See in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, im Altai, im Südwesten der Pyrenäischen Halbinsel, aber auch am Nordfuße der Alpen [2]. In Afrika scheint als eingeborene Metallindustrie die Eisenerzeugung vorzuherrschen. Ueber die zweite Periode, die geschichtliche Zeit bis zum Untergange des Römischen Reiches, finden sich bei den alten Schriftstellern [3] nur spärliche Nachrichten zur Beurteilung des Standes der Bergbautechnik. Die Arbeit in den Bergwerken wurde von Sklaven oder doch von den unterjochten Völkerschaften verrichtet, sie war des freien Mannes unwürdig. Die ältesten bergbautreibenden Nationen, von denen wir nähere Kenntnis haben, waren die Aegypter, Phönizier und Karthager; ihre Arbeiten wie auch die der Kelten in Mitteleuropa wurden später von den Römern fortgesetzt. Aus größeren Gesteinsarbeiten der Alten, z.B. der von Suetonius [4] beschriebenen Anlegung des um das Jahr 50 n. Chr. ausgeführten 5000 m langen Entwässerungsstollens des Fuciner Sees und aus der Fertigkeit in der Gewinnung und Bearbeitung von Bausteinen zum Teil in gewaltigen Abmessungen, sowie aus den Spuren besonders des römischen Bergbaus können wir schließen, daß das Eindringen auch in sehr feste Gesteine mittels Keilarbeit und Feuersetzens keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bereitete. Zu den früher bereits bekannten Metallen kamen Stahl, Blei und Quecksilber, außerdem die unserm heutigen Messing entsprechende Legierung von Kupfer und Zink hinzu; die berühmten Quecksilbergruben von Almaden in Spanien wurden schon zur Zeit des Kaisers Augustus bearbeitet. Ueber die Entwicklung des Bergbaus während der Völkerwanderung fehlen alle Nachrichten. Die Geschichte des Bergbaus im Mittelalter [5] schöpfen wir namentlich aus den in großer Zahl auf uns gekommenen Verordnungen, Belehnungen, Gewährungen von Rechten u.s.w., die den Bergbau betreffen. Trotz der politisch ungewißen Zustande und der immer noch mangelhaften Entwicklung der hüttenmännischen und bergmännischen Technik, die z.B. die Verwertung armer Erze noch nicht gestattete und beim Vordringen in größere Tiefen, namentlich in der Beseitigung der Grubenwasser, sehr bedeutende Schwierigkeiten fand, gelangte bis zum Ende des 12. Jahrhunderts neben dem böhmischen Bergbau auch der deutsche bereits zu bedeutender Blüte. So setzt man den Beginn des Bergbaus im Rammeisberg bei Goslar etwa in das Jahr 930, 1140 begann der Zinnerzbergbau zu Graupen am Südabhang des Erzgebirges, 1170 kennt man bereits den Freiberger Silberbergbau [6], um 1190 regt sich am Oberharz und im Mansfeldschen das bergmännische Leben. Die Metallindustrie gewinnt durch die Gußeisendarstellung seit dem Ende des 15. Jahrhunderts erhöhte Bedeutung.

Mit dem Anbruch der Neuzeit machen sich die bedeutenden Fortschritte auf allen Gebieten auch beim Bergbaubetriebe bemerklich. Die Buchdruckerkunst ermöglichte die Herstellung von Lehrbüchern der Bergbaukunde, deren erstes, Agricola, G., De re metallica libri XII, mit zahlreichen guten Holzschnitten zu Basel 1556 gedruckt wurde und 1557 in deutscher Uebersetzung von Ph. Becchius erschien. Hierdurch wurde das bergmännische Wissen Gemeingut aller Bergreviere, und der gegenseitige Austausch von Erfahrungen und Fortschritten wird eingeleitet. Die Entdeckung Amerikas brachte zwar mit den reichen Erzen der Neuen Welt vielfache Anregung, gleichzeitig aber auch ein für den europäischen Bergbau verhängnisvolles Sinken des[694] Silberpreises. Ein neuer Aufschwung konnte erst erfolgen, nachdem etwa von 1550 ab eine Reihe wichtiger technischer Verbesserungen, so die Einführung der Kunstgezeuge und Pferdegöpel, die Vervollkommnung der Aufbereitung und die Ausbildung der Amalgamation zur leichten Extraktion des Silbers auch aus armen Erzen den Bergbaubetrieb verbilligt und namentlich das Eindringen in bedeutende Tiefen erleichtert hatten. Die allgemeinere Einführung der Schießarbeit (s. Gewinnungsarbeiten), die gegen Ende des 17. Jahrhunderts an Stelle der bis dahin in festem Gestein ausschließlich angewendeten Schlegel- und Eisenarbeit und des Feuersetzens trat, und die damit wesentlich erleichterte Gewinnung konnte die Schäden, die der Dreißigjährige Krieg dem mitteleuropäischen Bergbau verursacht hatte, nur sehr langsam ausgleichen. Der Kohlenbergbau fängt etwa um 1750 an, einige Bedeutung zu erlangen. Der Beginn der dann folgenden neuen Blütezeit des Bergbaus ist gekennzeichnet durch die im Jahre 1766 erfolgte Gründung der ersten Bergakademie (s.d.) zu Freiberg in Sachsen. Das systematische Studium des gesamten, dem Berg- und Hüttenmanne nötigen Wissensstoffes ist damit ermöglicht, und die Bergbauwissenschaften entwickeln lieh nun stetig. Mit der Ausbildung der Dampfmaschine, die schon 1768 zur Wasserhaltung in Bergwerken benutzt wurde, erwächst dem Bergmanne ein kräftiger Genosse, der bald manche bis dahin von Menschenhand geleistete Arbeit verrichtete, zu gleicher Zeit aber auch den Kohlenbergbau durch den wesentlich erhöhten Brennstoffbedarf ungemein fördert. Namentlich durch die Entwicklung des Verkehrs, die Vervollkommnung des Maschinenbaus und durch die Fortschritte des Hüttenwesens und der chemischen Industrie wird dann jener bedeutsame Aufschwung ermöglicht, der im 19. Jahrhundert den Bergbaubetrieb zu seiner heutigen Bedeutung emporhebt [7]. Einige statistische Zahlen über den deutschen Bergbau [8] werden das am besten erläutern. Auf dem Gebiete des späteren Deutschen Reiches beschäftigte 1870 der Bergbau 225000 Arbeiter und erzeugte 39 Mill. Tonnen verschiedene Produkte im Werte von 248 Mill. Mark, 1901 wurden vom Bergbau im Deutschen Reiche 613000 Arbeiter beschäftigt und die Produktion stieg auf 176 Mill. Tonnen im Werte von 1314 Mill. Mark.


Literatur: [1] Andree, R., Die Metalle bei den Naturvölkern, mit Berücksichtigung prähistorischer Verhältnisse, Leipzig 1884; Treptow, E., Die Mineralbenutzung in vor- und frühgeschichtlicher Zeit, Freiberg (Sachsen) 1901. – [2] Much, M., Die Kupferzeit in Europa und ihr Verhältnis zur Kultur der Indogermanen, 2. Aufl., 1893; Montelius, O., Die Chronologie der alterten Bronzezeit in Norddeutschland und Skandinavien, Braunschweig 1900. – [3] Binder, J.J., Die Bergwerke im römischen Staatshaushalte, Jahresberichte der Staatsoberrealschule in Laibach 1880 und 1881; Ders., Laurion. Die attischen Bergwerke im Altertum. Dieselben Jahresberichte 1894/95; Ernst, C. v., Ueber den Bergbau im Laurion, Berg- und Hüttenmännisches Jahrbuch der k. k. Bergakademien, Bd. 50, 1902. – [4] Handbuch der Ingenieurwissenschaften, Bd. 4, Die Baumaschinen, herausgegeben von L. Francius und F. Lincke, Leipzig 1883–90, II. Abteilung, 1. Aufl., S. 141. – [5] Haupt, Bausteine zur Philosophie der Geschichte des Bergbaues, 4 Lieferungen, Leipzig 1865–83. – [6] Heydenreich, E., Geschichte und Poesie des Freiberger Berg- und Hüttenwesens, Freiberg 1892. – [7] Treptow, E., Die Geschichte des Bergbaus im 19. Jahrhundert, Freiberg (Sachsen) 1901. – [8] Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, Bd. 13, 1892, und Bd. 24, 1903.

Treptow.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 1 Stuttgart, Leipzig 1904., S. 693-695.
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