Moorkultur

[490] Moorkultur. Moor oder Torfmoor heißt eine mit einem Torflager bedeckte Oertlichkeit; die landwirtschaftliche Nutzung der Moore nennt man Moorkultur.

Beschaffenheit der Moore. Den Hauptbestandteil der Moore bildet die aus abgestorbenen Pflanzenresten bestehende Torfmasse, welche mit mehr oder weniger Mineralsubstanz vermischt sein kann. Bei der Bildung des Torfes aus Pflanzenresten hat man es mit jenem Zersetzungsvorgang organischer Substanz zu tun, welcher als Fäulnis oder Vermoderung – im Gegensatz zu Verwesung – bezeichnet wird; während bei letzterer unter ungehindertem Zutritt des Sauerstoffes der Luft eine vollkommene Zersetzung und Verflüchtigung der organischen Stoffe (zu Kohlensäure, Ammoniak und Wasser) unter Zurücklassung der nichtflüchtigen Mineralstoffe vor sich geht, tritt Fäulnis nur bei stark vermindertem oder gänzlich aufgehobenem Luftzutritt ein, wobei die organische Substanz im wesentlichen erhalten, jedoch in eine dunkelgefärbte, der weiteren Zersetzung in hohem Grade widerstehende Masse unter gleichzeitiger Bildung einer Reihe von gasförmigen Verbindungen (Kohlensäure, Sumpfgas, Wasserstoff, Stickstoffoxydul u.s.w.) verwandelt wird [1]. Gelegenheit zur Torfbildung bietet sich beim Vorhandensein stehender oder schwachfließender Gewässer, an oder in welchen sich eine Sumpf- oder Wasserflora ansiedelt, deren abgestorbene Körper unter Wasser sinken und vermodern, derweil immer neue Generationen entstehen und durch ihr Absterben die Torfablagerung im Verlauf längerer Zeit zu erheblicher Mächtigkeit emporwachsen lassen.

Einteilung, Mächtigkeit und Verbreitung der Moore. Je nach den örtlichen Bedingungen der Entstehung unterscheidet man verschiedenerlei Arten von Torfmooren, nämlich Hochmoore, Niederungsmoore und Mischmoore.

Das Hochmoor bildet sich in nährstoffarmem stehenden Wasser (z.B. in Sümpfen oder Tümpeln, welche nur von Atmosphärilien gespeist werden) zunächst aus Torfmoosen, welche der Gattung Sphagnum angehören; ist die Torfbildung bis über Wasser vorangeschritten, so siedeln sich andre Pflanzenarten, namentlich die Heiden (Calluna vulgaris und Erica tetralix), das Wollgras (Eriophorum vaginatum) und andre an und vollenden die Moorbildung. Die Bezeichnung Hochmoor rührt daher, daß die Oberfläche desselben in der Regel gewölbt ist (z.B. das Düvelsmoor bei Bremen soll in der Mitte 11,5 m höher als am Rande sein, das Murner Filz bei Wasserburg 7,3 m, das Arenenburger Moor in Ostfriesland 6,4 m), was aus der Entstehungsweise des Moores von der Mitte aus gegen den äußeren Rand hin zu erklären ist.

Das Niederungs- oder Grünlands- oder Wiesenmoor hat seinen Ursprung dagegen in einem an Nährstoffen, besonders an Kalk nicht armen Wasser und bildet sich zumeist an den Ufern fließender Gewässer und in deren Ueberschwemmungsgebiet oder auch in geschlossenen Becken, in welche sich mineralreiche Wässer ergießen. Die moorbildende Flora besteht hier hauptsächlich aus Gräsern (Phragmites communis, Glyceria spectabilis und aquatica), Seggen (Carex-, Juncus- und Scirpusarten), aus Moosen, welche der Gattung Hypnum angehören u.a. Entgegengesetzt zum Hochmoor ist die Oberfläche der Niederungsmoore in der Mitte meist tiefer als am Rand, was mit dem Fortschreiten der Torfbildung von dem Rand gegen die Mitte hin zusammenhängt.

Mischmoore oder Uebergangsmoore werden diejenigen genannt, welche entweder die beiden obigen Moorbildungen nebeneinander aufweisen (so einige Hochmoore Südbayerns, welche Inseln von Niederungsmoor einschließen) oder aber einen unbestimmten Charakter haben. Dieselben verdanken ihr Dasein meist dem Umstand, daß während der Entstehung des Moores die Wachstumsbedingungen der moorbildenden Pflanzen sich geändert haben.[490]

Die Mächtigkeit der Torfbildung beträgt in den Hochmooren Norddeutschlands und Hollands durchschnittlich 4–8 m und geht im Auricher Moor sogar bis 11,5 m; die Niederungsmoore zeigen meist geringere Mächtigkeit, so in Norddeutschland und am Oberrhein gewöhnlich nur 2–3 m; größere Tiefe findet sich ausnahmsweise in den südbayrischen Grünlandsmooren, so im Erdinger Moos bis 6,5 m, im Neuburger Donaumoos 6,5–9,5 m.

Die Verbreitung der Torfmoore auf der Erde ist sehr ungleich; in der heißen Zone fehlen sie gänzlich, weil dort unter dem Einfluß der hohen Temperatur eine vollkommenere Verwesung der Pflanzenstoffe vor sich geht; besonders ausgedehnt sind die Moorbildungen in flachen Küstenländern, so in Irland, Holland, Norddeutschland, ebenso aber auch im Harz, Fichtelgebirge, in den Ardennen, im Schwarzwald sowie in den bayrischen Flußgebieten.

Die Eigenschaften der Moorböden sind abhängig von der Entstehungsweise der Moore und deshalb mehr oder weniger verschieden. In physikalischer Beziehung sind sämtlichen Moorböden gemeinschaftlich eine hohe Wasserkapazität, geringe Durchlässigkeit und ein sehr starkes Kapillarvermögen bei geringem Volumgewicht (Gewichtsverhältnis eines Raumteils des trockenen Bodens zu einem gleichgroßen Raumteil Wasser). Diese Eigenschaften haben ein durchaus ungünstiges Verhalten der Moore im natürlichen Zustand zum Pflanzenwachstum zur Folge: die Böden sind naß und kalt sowie schwer durchlüftbar und – was für die Bewirtschaftung von größter Bedeutung – infolge der starken Wasserverdunstung in hohem Grade dem winterlichen Auffrieren und den im Frühjahr auftretenden Spätfrösten ausgesetzt. Günstig dagegen ist die dunkle Farbe des Moorbodens, die eine hohe Erwärmungsfähigkeit nach vollzogener Entwässerung bedingt. In bezug auf die chemische Zusammensetzung überwiegt bei sämtlichen Moorböden die organische vor der Mineralsubstanz. Von den wichtigsten Pflanzennährstoffen finden sich Kaliumverbindungen immer nur in sehr geringer Menge vor, phosphorsaure Salze auch nur spärlich; reichlicher sind Kalk und Stickstoff vertreten, insbesondere beim Niederungsmoor, das überhaupt immer mehr Mineralstoffe enthält als das Hochmoor. Dieser Umstand bringt es mit sich, daß das Hochmoor besseres Brennmaterial liefert als das Niederungsmoor – der Brenntorf des letzteren ist zu aschenreich –, während umgekehrt für die landwirtschaftliche Benutzung die natürlichen Bedingungen im Niederungsmoor wesentlich günstiger sind als im Hochmoor – das erstere birgt mehr Pflanzennährstoffe und außerdem bewirkt der Mineralgehalt eine bessere Zersetzung und Aufschließung der organischen Bestandteile des Moorbodens. Das rohe (noch nicht kultivierte) Hochmoor ist deshalb meist ganz unfruchtbar, während im Niederungsmoor sich nicht selten eine Vegetation von Gräsern verhältnismäßig leicht ansiedelt.

Kulturmethoden. Wie alle Humusbildungen ist auch der Torf in ständiger chemischer Umbildung begriffen. Allein diese äußert sich im unentwässerten Moor infolge des Luftabschlusses durchaus zum Nachteil des Pflanzenwuchses, indem durch ungünstige Zersetzungsvorgänge, insbesondere Reduktionsprozesse, pflanzenschädliche Verbindungen erzeugt werden (statt Kohlendioxyd bildet sich Sumpfgas, der in den Pflanzenresten enthaltene Schwefel verwandelt sich in das giftige Schwefelwasserstoffgas u.s.w.), so daß das Gedeihen von Kulturgewächsen ganz unmöglich gemacht ist. Wird der Moorboden jedoch richtig kultiviert, so erweist er sich als einen der dankbarsten Kulturböden, welcher sogar die meisten Mineralböden an Fruchtbarkeit übertrifft. Hierzu ist in erster Linie eine genügende, jedoch innerhalb gewisser Grenzen bleibende Entwässerung des Moores geboten. Durch Ableitung des überschüssigen Wassers aus den Bodenzwischenräumen wird der Zutritt des atmosphärischen Sauerstoffs und eine richtige chemische Tätigkeit des Bodens ermöglicht, welche die Umsetzung der Bestandteile desselben in Pflanzennährstoffe (s. Assimilation) bewirkt. Der bisher kalte Boden wird erwärmungsfähig, und sein hohes Kapillarvermögen, welches ihn befähigt, die für die Pflanzen nötige Feuchtigkeit auch aus tieferen Erdschichten herauszuholen, reguliert auf das vorteilhafteste die Wasserzufuhr. Begünstigt wird die Wirkung der Entwässerung durch die Aufbringung von Kalk, indem durch diesen erfahrungsgemäß die chemische Tätigkeit des Bodens aufs lebhafteste angeregt, die Entwässerung befördert (aus dem »sauren« bildet sich der »milde« Humus, s.d.) und die Aufschließung (s.d.) des Moorbodens beschleunigt wird. – Man unterscheidet vier verschiedene Kulturmethoden: 1. die Brennkultur, 2. die holländische Veenkultur, 3. die Rimpausche Dammkultur, 4. die deutsche Hochmoorkultur.

1. Die Brennkultur ist alten Ursprungs, kann jedoch den Anforderungen eines richtigen Landwirtschaftsbetriebes nicht mehr genügen. Nachdem die zu bebauende Fläche durch flache Gräben notdürftig entwässert ist, wird die obere, mit Heidekraut bedeckte Moorschicht umgehackt, die Moorschollen werden zu Häuschen zusammengetragen und, nachdem sie trocken geworden sind, angebrannt. Durch das Brennen verwandelt sich die vordem filzige, allzu lockere Moordecke in eine erdartige Masse, in der die Pflanze zu wurzeln vermag; außerdem werden durch die erzeugte Hitze eine Reihe pflanzenschädlicher Säuren neutralisiert und unlösliche mineralische Bodenverbindungen in assimilierbare Pflanzennährstoffe umgewandelt. Das Brennen muß mit großer Vorsicht geschehen; ein zu stark gebranntes Moor (Müllmoor) bleibt unfruchtbar und erzeugt die gefürchteten Müllwehen, d.i. vom Wind fortgeführte Staubmassen. In die noch warme Asche der gebrannten Moorfläche wird der Samen eingelegt. Zumeist wird der anspruchslose Buchweizen gepflanzt, nur selten können Kartoffeln, Hafer oder Roggen angebaut werden. Dieselbe Fläche kann 5 oder 6 Jahre hintereinander wiederholt gebrannt werden, die Ernten werden jedoch immer geringer und der Boden muß dann etwa 30 Jahre ruhen, bis er wieder aufs neue gebrannt und angepflanzt werden kann. Der Erfolg dieser Kultur ist höchst unbefriedigend; die Erträge sind gering und durch die in den unentwässerten Moorgebieten häufig auftretenden Nachtfröste ständig gefährdet. Die Brennkultur ist außerdem ein Raubbau im schlimmsten Sinn, weil für einen Ersatz der dem Boden entzogenen Nährstoffe nicht gesorgt wird. Sie verursacht ferner den auf große Entfernungen hin so lästigen Moorrauch. Zu diesen Mißständen kommt, daß die Moorkolonisten infolge häufiger Mißernten meist dem Elend preisgegeben sind[491] und der öffentlichen Mildtätigkeit anheimfallen. Die Abschaffung dieser veralteten Bewirtschaftungsweise ist deshalb eine Forderung der Zeit.

2. Die Veenkultur, auch Fehnkultur (aus dem altdeutschen Feen oder Fenne = Morast entstanden) wird seit drei Jahrhunderten auf den holländischen Hochmooren mit größtem Erfolge betrieben. Der landwirtschaftlichen Nutzung geht die Ausbeutung des Torflagers zu Brenn- und neuerdings auch zu Streumaterialien voraus (Näheres unter Torfgewinnung). Nachdem die Torfschichten bis auf den sandigen Untergrund abgebaut sind, wird die zuvor abgehobene oberste Moorschicht, sogenannte »Bunkerde«, auf der abgetorften Sohle ausgebreitet (Leegmoor), mit sandigem Material vermischt (daher auch die Bezeichnung Mischkultur) und landwirtschaftlich angebaut. Die Verfrachtung der durch den Abbau des Moores gewonnenen Torfprodukte veranlaßte vor Beginn der Kultur die Herstellung schiffbarer Kanäle, die zugleich die Einfuhr der für den landwirtschaftlichen Betrieb in großen Mengen notwendigen Dungstoffe vermitteln. Auf der Anlage eines rationellen Kanalnetzes zur Bewältigung des massenhaften Rohmaterialienverkehrs beruht nach der Ansicht Sachverständiger wesentlich der glänzende Erfolg der holländischen Moorkulturen, während die Mißerfolge der älteren deutschen Hochmoorkulturen vorwiegend auf das Fehlen dieser zweckmäßigen Verkehrswege zurückgeführt werden. Die Ausbildung des Kanalnetzes hat im Lauf der Zeit verschiedene Wandlungen erfahren. Bei den ältesten Anlagen in Holland findet sich das sogenannte Einkanalsystem (Fig. 1), bei dem sich an den 10–20 m breiten und 1,5–2 m tiefen Hauptkanal a a unter rechtem Winkel die kleineren Seitenkanäle b, sogenannte »Inwieken«, in je 100 m Entfernung anschließen. Zwischen je zwei Inwieken liegen zwei »Kolonate« oder »Plaatsen«, deren Größe meistens zwischen 10 und 20 ha schwankt. Zu beiden Seiten des Hauptkanals liegt ein Weg, auf den die Gebäude der Kolonisten stoßen. Die Notwendigkeit, an den zahlreichen Kreuzungsstellen der Inwieken mit den Wegen Drehbrücken anzuwenden, machte aber dieses System kostspielig und für den Verkehr unbequem. Dies führte zum System der Achterkanäle b (Fig. 2), welche die Inwieken d aufnehmen und mittels einzelner Achterwieken c mit dem Hauptkanal a verbunden sind. Neuerdings ist als vollkommenstes das Zweikanalsystem (Fig. 3) aufgekommen; zwei im Abstand von 150–200 m parallel laufende Hauptkanäle a nehmen die Inwieken b auf; in dem Raum zwischen den beiden Hauptkanälen ist für die bauliche Entwicklung und den Verkehr bequeme Gelegenheit geschaffen. Von Wichtigkeit für das Gedeihen der Pflanzen ist die richtige Regulierung des Wasserstandes; er darf nicht zu tief abgesenkt werden und wird in der Vegetationsperiode in der Regel 0,6–1 m unter der mit Pflanzen bestellten Oberfläche gehalten, wobei die Kanäle und Gräben etwa 0,5 m tief in den sandigen Untergrund eingeschnitten sind. Die mit bedeutenden Kosten verbundenen Kanalanlagen werden meist vom Eigentümer des Moors (Staat, Provinz, Stadt u.s.w.) hergestellt und nach und nach in das Innnere des Torfmoors vorgetrieben; das Land längs des Kanals wird in regelmäßige Stücke (Plaatsen) abgeteilt und an die Moorkolonisten verkauft, welchen sodann die Anlage der Inwieken und die Austorfung des Moors überlassen ist; durch den Verkauf des Torfes erlangen diese die beträchtlichen Mittel, die zu den weiteren Kulturarbeiten erforderlich sind. Ist das Moor abgetorft, so wird der aus den Kanälen und Gräben gewonnene Sand auf die zuvor ausgebreitete Bunkerde in einer 10–15 cm starken Schicht aufgebracht und dann durch wiederholtes Pflügen und Eggen mit derselben innig vermischt. Zur landwirtschaftlichen Nutzung dieses Kulturbodens ist sodann noch eine kräftige Düngung mit Stickstoff, Kalium, Phosphor und Kalk erforderlich. Sie erfolgt am besten mittels Kompostdüngers (s.d.) sowie mit dem als Bindemittel zwischen Sand und Moor geschätzten Seeschlick. Die Erfolge der holländischen Veenkulturen sind die denkbar günstigsten, die Kosten der Kultivierung allerdings auch sehr beträchtlich. Nach Borgesius [5] kostet pro Hektar: der Ankauf des Landes 250 fl., das Planieren und Befanden des Leegmoores 100 fl., die erstmalige Düngung 600 fl., zusammen 950 fl., wobei allerdings die Düngung auf 4 Jahre vorhält.[492]

3. Die Rimpausche Dammkultur. Während die Veenkultur sich nach alter Erfahrung besonders für Hochmoore eignet, wurde in der durch den Gutsbesitzer Rimpau zu Cunrau (Provinz Sachsen) anfangs der sechziger Jahre planmäßig ausgebildeten Dammkultur (Moordammkultur) ein für Grünlandsmoore sehr erfolgreiches Kulturverfahren gefunden. Dasselbe hat gleichfalls eine gründliche Entwässerung des Moores zur Voraussetzung, von einem Abbau des Torfes wird jedoch abgesehen. Die durch Gräben entwässerte und alsdann ausgeebnete Moorfläche wird mit einer Lage Sand eingedeckt, dabei jedoch die bei der Veenkultur übliche Vermischung des Sandes mit dem Torf sorgfältig vermieden (daher Deckkultur). Die mit Sand bedeckte Kulturfläche wird gedüngt und ist alsdann zur Aufnahme aller Arten von Kulturgewächsen geeignet. Das Entwässerungsnetz besteht aus dem Hauptgraben a a und den in denselben einmündenden Beetgräben b b; unter dem längs des Hauptgrabens angelegten Weg sind die letzteren in einfachster Weise mittels Drains durchgeführt (Fig. 4). Die Tiefe der Gräben beträgt je nach der Mächtigkeit des Moors 1–1,5 m, ihre Entfernung nach Rimpau 22,6 m; neuerdings wird jedoch je nach der Schwierigkeit der Entwässerung (die von dem Zersetzungsgrad und der Mächtigkeit des Moors sowie von der Beschaffenheit des Untergrunds abhängt) mit der Breite der sogenannten Dämme bis auf 40 m gegangen. Beim Ausheben der Gräben ist auf das infolge der Entwässerung zu erwartende Setzen des Moors Rücksicht zu nehmen und demgemäß sind die Gräben tiefer, als endgültig beabsichtigt ist, auszuheben. Die Deckschicht wird in einer Stärke von 10–12 cm aufgebracht. Das Material derselben wurde durch Rimpau vorwiegend den Gräben entnommen, wird jedoch neuerdings vielfach von benachbarten Grundstücken beigeführt; ist letzteres auch kostspieliger, so bietet es doch den Vorteil, daß die Breite der Gräben, die sonst nach dem Bedarf an Decksand einzurichten ist, geringer angenommen werden kann, wodurch Land erspart wird; außerdem kann die Beschaffenheit des Deckmaterials besser ausgewählt werden. Es eignet sich hierzu am besten ein grobkörniger Sand; toniges Material ist nicht brauchbar, weil eine zu dichte Decke Luftabschluß bewirkt. Mit Sorgfalt ist darauf zu achten, daß der Sand frei ist von Schwefelkies, weil durch dessen Zersetzung an der Luft giftige Verbindungen (schwefelsaures Eisenoxydul u.s.w.) entstehen. Durch die Deckschicht soll eine Pressung des Moors bezweckt werden, wodurch dasselbe dichter wird und den Pflanzen einen besseren Standort gewährt; ferner wird die Wasserverdunstung vermindert, weil die Sanddecke das kapillare Aufsteigen des im Moor enthaltenen Wassers unterbricht; hierdurch wird die Bodenfeuchtigkeit erhalten und zugleich eine Milderung der Temperatureinflüsse erzielt; endlich auch wird das weiche Moor durch die Sanddecke zum Tragen der Fuhrwerke und Tiere besser befähigt. Eine kräftige Düngung mit Kali und Phosphorsäure in Form künstlicher Düngemittel (am besten Kainit und Thomasschlacke) erzeugt bei den so hergestellten Rimpauschen Kulturen eine hohe Fruchtbarkeit. Die Kosten der Kultivierung schwanken zwischen 300 und 900 ℳ. für das Hektar.

4. Die deutsche Hochmoorkultur. Große Moorflächen in Norddeutschland, insbesondere in den Küstengebieten der Nordsee, harren noch der Urbarmachung und Besiedelung. Da sie von derselben Art wie die benachbarten holländischen Hochmoore sind, läge es nahe, die mit so großem Erfolg betriebene Veenkultur auch bei ihnen anzuwenden. Es ist denn auch in den letzten Jahren ein Teil dieser Moore (auf dem linken Emsufer) durch schiffbare Kanäle erschlossen worden. Allein die Anwendung des holländischen Kulturverfahrens verbietet sich dadurch, daß der Verkauf des Brenntorfes durch die immer weiter vordringende Konkurrenz der westfälischen Kohle unmöglich geworden ist. Darum muß vom Abbau des Torflagers abgesehen und die landwirtschaftliche Kultur auf der Oberfläche des unabgetorften Moors ausgeführt werden. Aehnliche Verhältnisse bieten sich auch in den übrigen Moorgebieten Deutschlands, z.B. auf den ausgedehnten bayrischen Hochmooren. Das Verfahren der Rimpauschen Dammkultur auf das Hochmoor zu übertragen ist wegen der Ungleichartigkeit der Moorsubstanz auch nicht möglich; ohnehin wäre die Besandung, da wegen der Mächtigkeit der Moorschicht der Sand nicht aus dem Untergrund gewonnen werden kann, zu kostspielig. Auf Grund mehrjähriger Versuche der Kgl. Preußischen Moorversuchsstation in Bremen ist folgendes Verfahren für die Kultivierung des rohen Hochmoors ausgebildet worden: Die Moorfläche wird zunächst durch flache Gräben – höchstens 1 m tief – und durch Nebenrinnen von 0,4–0,6 m Tiefe, in Abständen von 7–10 m bei Ackerfeld und von 20 m bei Wiesen, entwässert; die Länge der Rinnen beträgt höchstens 120 m. Alsdann wird die oberste Moorschicht auf 20–25 cm Tiefe umgehackt und hierauf gekalkt (80 Ztr. gebrannter Kalk oder 300–400 Ztr. Mergel auf 1 ha) und nochmals behackt. Auch vorsichtiges ein- bis zweimaliges Brennen der Moorfläche hat sich unter Umständen als zweckmäßig erwiesen. Die hierauf erfolgende Düngung geschieht mit Kainit, Thomasmehl und Chilisalpeter; außerdem empfiehlt sich das Aufbringen von Seeschlick zur Vermehrung des Mineralgehalts und zur besseren Zersetzung des lediglich aus Moortorf bestehenden Kulturbodens. Auch die Verwendung von Stalldung neben den genannten künstlichen Düngemitteln wird empfohlen. Den Verkehr innerhalb des Moorgebietes vermittelst mangels der Schiffahrtskanäle Feldbahnen. Die in dieser Weise bis jetzt ausgeführten Hochmoorkulturen im Bourtanger Moor (Provinz Hannover), Marcardmoor (Reg.-Bez. Aurich) und Kehdinger Moor (Reg.-Bez. Stade) haben guten Erfolg. Als Vorteile des neuen Kulturverfahrens gegenüber der in Holland geübten Veenkultur sind hervorzuheben: die geringeren Kulturkosten und die Möglichkeit, die noch brachliegenden Moorflächen weit schneller als dies bei dem Veenverfahren mit Abtorfung möglich ist (in Holland hat man zur Urbarmachung von 3 Quadratmeilen Hochmoor 300 Jahre gebraucht!) zu kultivieren und zu besiedeln. Der letztere Umstand ist für die deutschen Hochmoore von besonderer Bedeutung.


Literatur: [1] Wollny, Die Zersetzung der organischen Stoffe und die Humusbildungen, Heidelberg 1897. – [2] Seelhorst, C. v. Acker- und Wiesenbau auf Moorboden, Berlin 1892. – [3] Krey, F., Die Moorkultur, Berlin 1885. – [4] Rimpau, T.H., Die Bewirtschaftung des Rittergutes[493] Cunrau, Berlin 1887. – [5] Borgesius, J., Urbarmachung und Landbau in den Moorkolonien der Provinz Groningen, übersetzt von Peters, Osnabrück 1875. – [6] Peters, W., Die moderne Moorkultur, Osnabrück 1874. – [7] Macard, E., Ueber die Kanalisierung der Hochmoore im mittleren Emsgebiet, Osnabrück 1871. – [8] Heuschmid, Landesmelioration, Moorkultur, Arrondierung und Spüljauchenberieselung, Reisebericht, München 1880. – [9] v. Massenbach, Praktische Anleitung zur Rimpauschen Moordammkultur, Berlin 1887. – [10] Perels, E., Handbuch des landwirtschaftl. Wasserbaues, 2. Aufl., Berlin 1884. – [11] Vogler, Ch. A., Grundlehren der Kulturtechnik, 3. Aufl., Berlin 1903 (Bd. 1, 2. Teil). – [12] Krüger, Die Besiedelung der ostfriesischen Domänenmoore, Zeitschr. des Arch.- und Ing.-Ver. zu Hannover 1890, S. 346. – [13] Mitteilungen des Vereins zur Förderung der Moorkultur im Deutschen Reiche, Berlin 1897, S. 253; 1898, S. 215; 1899, S. 259; 1900, S. 247; 1905, S. 99; 1906, S. 38 u.a.

Drach.

Fig. 1.
Fig. 1.
Fig. 2.
Fig. 2.
Fig. 3, Fig. 4.
Fig. 3, Fig. 4.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 6 Stuttgart, Leipzig 1908., S. 490-494.
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